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Zwanzig Jahre sind seit Mias Abenteuer vergangen. Stella und Luno sind erwachsen geworden und haben ihre eigenen Vorstellungen, was sie mit ihren Leben tun wollen. Bis zu dem Tag, an dem die alles verändernde Nachricht eintrifft. Luno ist tot. Zumindest glauben das alles, ausser Nick. Ehemaliger Prinz, frech, gutaussehend und Stellas grösster Albtraum. Doch bleibt ihr nichts anderes übrig, als sich auf ihn und seine Ideen einzulassen, um herauszufinden, was mit Luno passiert ist. Auf ihrer Suche nach Antworten lernt Stella nicht nur sich selbst und Nick besser kennen, sie wird auch mehrmals vom Schicksal überrascht. "Das hat noch besser funktioniert als erwartet." *Nie wieder werde ich dich einen Plan machen lassen."
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Impressum
1
Luno
Als wir aus der Kutsche geschleudert wurden, wusste ich, dass ich der Einzige war, der diese Nacht überleben würde. Mit meinen weit ausgebreiteten Flügeln stürzte ich die Klippe hinunter. Doch leider schaffte ich es trotz meiner Flügel kaum, den Sturz zu bremsen.
Schreie waren zu hören. Die Mitglieder meiner neuen Familie riefen, während sie fielen, verzweifelt nach Hilfe. Ich versuchte sie zu erreichen und gleichzeitig die Kontrolle über meine Flügel und meinen Körper zu bekommen. Doch ich stürzte weiter in die Tiefe. Schneeflocken wirbelten um mich herum. Sie fielen viel langsamer als ich auf den schnell näherkommenden Boden zu.
Ein erster Aufschlag war zu hören. Das Geräusch brechender Knochen halte an den Felswänden, die mich umgaben, wieder. Dann noch ein Aufschlag.
Ich würde als nächstes hart aufschlagen, weil mich meine Flügel nicht trugen, dachte ich. Dann schoss mir ein weiterer Gedanke durch den Kopf. Mein Vater, der mir das Fliegen beigebracht hatte, wäre enttäuscht von mir. In diesen letzten Momenten hörte ich seine Stimme. Ich konnte ihn vor mir sehen, wie er Stella und mir stundenlang versucht hatte, das Fliegen beizubringen.
Ich erinnerte mich daran, wie dumm wir uns angestellt hatten. Wie lange es gedauert hatte, bis wir es endlich begriffen hatten. Theoretisch konnte ich wie Stella fliegen, nur blieben wir, wenn möglich, auf dem Boden. Dank unserer Mutter konnten wir unsere Flügel verschwinden lassen. Ich zeigte meine Flügel selten. Stella trug sie so gut wie nie.
Erst Sekunden zuvor waren die Flügel an meinem Rücken erschienen. Erst Sekunden zuvor hatte ich mich daran erinnert, dass ich an diesem Tag nicht sterben musste, wenn ich es schaffte, meine Flügel zu benutzen.
Irgendwie schaffte ich es, sie weiter auszubreiten. Ich fiel noch immer, aber nicht mehr ungebremst. Der harte Boden kam trotzdem schnell näher. Meine Flügel würden nichts als ein schöner Rahmen sein, wenn die Bewohner Neruras meinen zertrümmerten Körper fanden.
Das kleine Mädchen, das mich am ersten Tag in Nerura freundlich empfangen hatte, fiel an mir vorbei. Verzweifelt drehte ich mich in der Luft und versuchte nach der kleinen Hand zu greifen, die sie nach mir ausstreckte. Doch meine Flügel bremsten mich so weit ab, dass ich es nicht schaffte, die Hand der Schwester meiner Frau zu erreichen.
So musste ich mitansehen, wie das kleine Mädchen wie ihre Eltern auf den Boden aufschlug. Sie hatte keine Chance.
Der Anblick liess mich meine Flügel und meine Ausbildung vergessen. Ich stürzte wieder ungebremst auf den Boden zu.
Der Sturz, der nun schon hunderte Jahre zu dauern schien, zog sich noch weiter in die Länge. Plötzlich sah ich in die von Furcht gezeichneten Augen meiner Frau. Ihre blonden Haare waren voller Schnee. Verzweifelt griff ich nach ihrer Hand. Zusammen stürzten wir in den sicheren Tod.
Ich drückte die Hand meiner Frau, schloss die Augen und bereitete mich vor, den Tod zu begrüssen. Zuletzt dachte ich an meine Familie. Meine alte, echte Familie, die viel zu weit weg war. Ich dachte an meine Onkel und Tanten, die mich mit aufgezogen hatten. An Nick, meinen besten Freund, mit dem ich aufgewachsen war. Ich dachte an meine Eltern, die mir hunderte Male gesagt hatten, dass ich nicht nach Nerura gehen musste. Denen ich hatte versprechen müssen, dass ich die Kronprinzessin von Nerura liebte und sie darum heiraten wollte, nicht, weil ich den Frieden zwischen unseren beiden Ländern garantieren wollte.
Sie hatten mir geglaubt, und nun bereute ich die Lüge. Ich bereute, ihnen nicht gesagt zu haben, dass ich das alles für Arela tat, nicht für mich.
Nur jemand kannte die Wahrheit.
Stella, die ich sowieso nie hatte anlügen können. Ich hatte von Anfang an gewusst, dass die Kronprinzessin von Nerura nicht mein Gegenstück war. Stella wusste das auch. Ihr war von Anfang an klar gewesen, dass es eine politische Ehe einging. Eine Ehe, die den Frieden bewahrte, selbst wenn sie in meiner Heimat nicht anerkannt wurde, weil es zu Hause keine Ehen gab. Zu Hause suchte sich jeder sein Gegenstück. Eine Verbindung zwischen zwei Personen wurde erst anerkannt, wenn das Schicksal entschieden hatte. Hier, auf Nerura, war das anders.
Ich sah meine Eltern, meine Zwillingsschwester und die restlichen Mitglieder meiner Familie vor mir und drückte die Hand meiner Frau, als ich schliesslich ungebremst auf dem Boden aufschlug. Schmerz schoss plötzlich durch meinen brennenden Körper. Eine eiskalte Dunkelheit hüllte mich ein.
Doch ich wurde nicht vom Tod begrüsst.
Die Dunkelheit lichtete sich nach einer Weile. So weit, dass mein vor Schmerz pochender Kopf mich in den Schlaf zog. Ich begann zu träumen.
Sanft legte jemand seine Hand auf meine Hand. Ich sass inmitten eines Feldes auf einer Parkbank. Ein kleiner Weg führte an uns vorbei. Von hier konnte man einen kleinen See sehen, in dem Enten badeten.
Die fremde Hand auf meiner Hand strahlte eine Wärme aus, die ich so zuvor noch nie gespürt hatte. Ich drehte meinen Kopf und betrachtete die Hand, die auf meiner lag. Dann musterte ich die junge Frau, die neben mir sass. Einen Moment lang sah ich ihr Gesicht nur von der Seite, da sie den See vor uns betrachtete. Die Sonne fiel in ihr rotes Haar, das von Wind verweht wurde. Es glitzerte wunderschön im Sonnenlicht.
Vorsichtig zog ich meine Hand zurück. Doch da drehte die Frau den Kopf und sah mich an. Als sich unsere Blicke trafen, stand die Welt für einen Moment still.
Sie blinzelte, als ihre braunen Augen auf mich fielen. Dann breitete sich ein wunderschönes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. Ich starrte sie gebannt an. Sie sprach kein Wort, als sie eine Strähne ihres roten Haares aus ihrem feinen Gesicht streifte. Sie lächelte noch immer. Das Lächeln war so bezaubernd, dass mir erst nach einer Weile auffiel, dass die Fremde ein Mensch war.
Ein Mensch, der in einer anderen Welt lebte. Eine Welt ohne Magie, die ich manchmal besuchte, weil meine Mutter aus dieser Welt stammte.
Selbst wenn die Berührung der fremden Frau mich mit Wärme füllte und ich sie ewig hätte anstarren können, zog ich meine Hand zurück. Einen Moment lang sah sie irritiert aus. Sie stand auch auf, als ich mich erhob und ich mich ein paar Schritte von der Parkbank entfernte. Wieder sah ich mich um.
Ich kannte diesen Ort, aber die fremde Frau, die nun neben mir stand und wieder meine Hand hielt, kannte ich nicht. Wir sagten beide kein Wort, als wir zusammen langsam dem Weg folgten, den ich als kleines Kind mit meinen Grosseltern oft gegangen war.
Eine Sekunde ging es mir gut. Es war, als wäre ich zu Hause.
Dann begann mein Kopf plötzlich zu pochen. Der Schmerz, der von meinem Kopf ausging, fuhr durch meinen ganzen Körper. Ich spürte nicht mehr die Wärme der Fremden, sondern Hitze, die drohte meinen ganzen Körper zu verbrennen.
Alles tat weh.
Dann war ich plötzlich nicht mehr an dem schönen, warmen Ort, der mich an meine Kindheit erinnerte. Stattdessen lag ich in eiskaltem Schnee. Die Sonne war nicht zu sehen, es war stockdunkel. Der Wind peitschte über mein eiskaltes Gesicht.
Mein Kopf pochte, bis ich mich aufsetzte und sich plötzlich alles drehte. Ich versuchte, mich auf meinen Händen abzustützen, doch meine linke Hand trug mein Gewicht nicht. Einen Moment lag ich verzweifelt im Schnee. Dann stütze ich mich auf meine rechte Hand ab und setzte mich wieder auf. Die Welt drehte sich noch immer wie die Schneeflocken, die um mich herumtanzten.
Einen klaren Gedanken zu fassen, war fast unmöglich. Ich konnte nur noch an den Ort denken, den ich in meinem Traum gesehen hatte. Einen Ort, der mir so bekannt vorgekommen war. Doch jetzt, da ich wieder wach war, konnte ich mich nicht mehr erinnern, woher ich den Ort kannte.
Was hatte dieser Ort in meinem Traum mit mir zu tun? Wer war die Frau, der ich im Traum begegnet war? Was machte ich hier im Schnee und warum tat mir alles weh?
Auf keine dieser Fragen hatte ich eine Antwort. Mein Kopf pochte wieder. Das half mir nicht, mir meine eigenen Fragen zu beantworten.
Mein Kopf war leer. Alles, was noch da war, waren die Schmerzen und die verblasende Erinnerung an den Traum. Der Ort, an dem es schön und warm war, an dem ich mich so geborgen gefühlt hatte, mit der Person, die ich nicht kannte, auch wenn wir so vertraut gewirkt hatten, entglitt mir, je länger ich wach war.
Etwas in mir veränderte sich, als ich an den Ort und die Person dachte. Die Dunkelheit verzog sich. Es fiel kein Schnee mehr. Der zuvor harte Boden war plötzlich eine Wiese, über der die Sonne schien. Dann lag vor mir plötzlich der See, den ich im Traum gesehen hatte. Auch die fremde Frau war da.
Ich war mir sicher, dass ich nicht mehr träumte. Das hier war real, nur konnte ich mir nicht erklären, wie ich hierhergekommen war.
Leider hatte ich immer noch Schmerzen und mein Kopf fühlte sich seltsam leer an. Doch ich dachte nicht mehr daran, wie schlecht es mir ging, als der Blick der Fremden auf mich fiel.
Wieder stand die Welt still.
Dann rannte die fremde Frau plötzlich auf mich zu, während mich eine Schwere, die zuvor nicht da gewesen war, auf den Boden zog. Ich spürte Federn unter mir, die verschwanden, als ich auf den Boden aufkam. Doch erst als mein Kopf den Boden berührte, wurde mir klar, dass ich gerade ohnmächtig wurde.
Die fremde Frau tauchte über mir auf. In ihrem Gesicht konnte ich Angst und Sorge sehen. Ich konnte sie fast spüren, bevor sich meine Augen schlossen. Ich hörte ihre Stimme nicht mehr, als sie um Hilfe rief.
2
Ich hatte meine Mutter, die Königin von Arela, nur einmal in meinem Leben so traurig und aufgewühlt gesehen wie heute.
Vor knapp fünf Jahren, als wir bei einem Besuch in der Welt, aus der sie stammte, erfahren hatten, dass meine Grosseltern, ihre menschlichen Eltern, nicht mehr lebten, hatte sie sich kurz selbst in ihrer Trauer verloren.
Heute sah ich wieder, wie sie sich selbst verlor, als sie erfuhr, dass ihr Sohn vor ein paar Tagen ums Leben gekommen war. Kaum war der Bote, der die Nachricht überbracht hatte, weg, brach sie zusammen. Mein Vater, der noch unter Schock stand, fing sie auf.
Die Gefühle, die von beiden ausgingen, waren kaum zu ertragen. Sie erreichten mich, bevor ich mich vom Schock erholte und mein eigenes Herz brach. Ich wollte weglaufen, zum Strand, zum Meer, wo ich mich am wohlsten fühlte. Doch ich schaffte es nicht einmal bis zur Glastür, die zum Garten führte, bevor mich der Schmerz überwältigte.
Hinter mir hörte ich meine Mutter laut schluchzen. Ich hörte den stummen Schrei meines Vaters. Ich spürte, wie meine Eltern am Verlust ihres Sohnes und an dem schrecklichen Schmerz, den ich nachempfinden konnte, zerbrachen.
Meine Hände berührten das Glas, dann gaben meine Füsse unter mir nach. Ich rutschte auf meine Knie und fing leise an zu weinen.
Ich konnte spüren, dass mein Zwillingsbruder nicht mehr in dieser Welt war. Ich wusste es einfach. Die Verbindung zwischen uns, die mich in den letzten zwanzig Jahren genervt hatte, war nicht mehr da. Nun, da ich diese Verbindung zwischen uns einmal gern gespürt hätte, war sie nicht mehr da. Lu, wie ich meinen Bruder, seit ich sprechen konnte, nannte, war nicht mehr da. Er war tot.
Die Trauer weckte mich aus meinem Schockzustand. Plötzlich konnte ich meine Füsse wieder bewegen. Ich stand auf, das Meer vergessen, und lief auf meine Eltern zu, nur um mich neben sie auf den Boden zu werfen.
„Mum, hol ihn zurück. Bitte. Du musst ihn zurückholen.“
Meine Mutter, die mächtigste Person Arelas, vielleicht sogar die mächtigste Person dieser Welt und der Welt, in der sie geboren worden war, musste meinen Bruder zurückholen. Ich hatte die Geschichte, wie sie meinen Vater von den Toten zurückgeholt hatte, so oft gehört. Sie musste auch Lu aus der Welt der Toten in diese Welt zurückführen. Wir brauchten ihn. Er konnte nicht tot sein.
„Dafür ist es zu spät.“
Die Worte meiner Mutter brachen mir ein weiteres Mal das Herz.
Ich erinnerte mich an ähnliche Momente, in denen verzweifelte Bürger bei uns waren, um meine Mutter zu bitten, einen Familienangehörigen oder einen Freund von den Toten zurückzuholen. Meine Mutter hatte sie jedes Mal begleitet und hatte ihr Möglichstes getan, um die Toten zurückzuholen, doch nicht immer hatte es funktioniert.
Manchmal konnten die Verstorbenen nicht mehr zurückkommen. Oft wussten wir nicht, warum sie dem Ruf meiner Mutter, ins Leben zurückzukehren, nicht folgen wollten oder konnten. Manchmal war der Körper in dieser Welt auch einfach zu alt oder zu krank, um darin weiterzuleben. Wenn eine Person schon zu lange tot war, konnte meine Mutter die Toten auch nicht zurückholen.
Meine Mutter beschrieb ihre fehlgeschlagenen Versuche oft so, dass der Tote bereits ein neues Zuhause gefunden hatte, in einer friedlichen Welt, die man nicht mehr verlassen wollte oder konnte. Nur solange man in dieser Welt noch ein Zuhause hatte und sich auch zu Hause fühlte, konnte man wieder zurückkommen.
„Es ist zu spät“, murmelte meine Mutter wieder. „Es sind Tage vergangen.“
Ich verstand, was sie mir sagen wollte, und trotzdem konnte ich nicht aufhören, meine Mutter anzuflehen, weil ich nicht akzeptieren wollte, dass ich meinen Bruder nie wieder sehen würde.
Ich vergass, dass der Körper meines Bruders, den sie gebraucht hätte, um ihn zurückzuholen, nicht hier war. Ich flehte und weinte. Mein Vater drückte meine Mutter und mich an sich. Er hielt den Rest unserer Familie zusammen, auch wenn er gerade selbst zerbrach.
Stunden vergingen, in denen wir gebrochen auf dem Boden sassen.
Erst als Sam und Tante Mila vorbeikamen, bewegten wir uns wieder. Sie hatten von jemandem, ich wusste nicht, von wem, und es war mir auch vollkommen egal, erfahren, was passiert war. Zusammen verfrachteten uns die beiden aufs Sofa und brachten uns allen Tee, bevor sie uns trösten. Selbst Tante Mila hatte Tränen in den Augen, als sie meinen Vater lange umarmte. Es war komisch, sie so zu sehen. So voller Emotionen.
Doch das lenkte mich nur ein paar Sekunden von der Trauer ab, die ich selbst spürte und die Trauer, die in der Luft lag.
Sam hielt mich und meine Mutter. Sie flüsterte leise beruhigende Worte in unsere Ohren, denen ich nur lauschte. Meine Mutter dagegen schien an Sams Worten zu hängen, als würde Sam sie davor bewahren, etwas wirklich Schlimmes zu tun.
Als Onkel Perry und Onkel Nathan ins Wohnzimmer kamen, wusste ich nicht mehr, wie viel Zeit seit der alles verändernden Nachricht vergangen war. Onkel Nathan rannen die Tränen über die Wangen, während sich Onkel Perry zusammenriss, bis er meinen Vater an sich drückte. Kurz trafen sich unsere Blicke. Ich sah in die grünen Augen meines Vaters, die Lu und ich von ihm geerbt hatten. Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich Tränen in seinen Augen.
Sam fuhr beruhigende Kreise über meinen Rücken, während ich beobachtete, wie Tante Mila nun Onkel Nathan umarmte. Meine Mutter hing immer noch an Sams Worten.
Mit gesenkten Köpfen kamen dann irgendwann auch Tante Fiora und Onkel Cory ins Wohnzimmer. Tanke Fiora warf sich sofort in die Arme meiner Mutter. Die hatte zuvor, als Sam gesprochen hatte, nicht mehr geweint, doch nun weinte sie wieder. Tante Fiora weinte mit ihr.
Onkel Cory setzte sich zu Onkel Perry und meinem Vater. Er umarmte die beiden kurz. Dann starrten die drei, ohne ein Wort miteinander zu sprechen, ins Leere.
Nur ich bemerkte, dass Nick als letztes zu uns stiess. Er betrat den Raum zum ersten Mal in Jahren ohne ein dummes Grinsen im Gesicht. Er suchte den Raum hektisch nach etwas ab. Als seine Augen auf mich fielen, verharrten sie auf mir. Rasend schnell kam er auf mich zu.
Doch ich sah weg. Ich konnte ihn nicht ansehen, da sein Gesicht so fremd wirkte, ohne das Grinsen in seinem Gesicht und das Glitzern in seinen Augen. Auch wenn ich es hasste, wie er grinste und wie dabei seine Augen funkelten, hätte ich alles dafür getan, um wenigstens in ein unverändertes Gesicht zu schauen. Nur um mich davon zu überzeugen, dass sich wenigstens etwas nicht verändert hatte.
„Stell“, hörte ich ihn sagen.
Ich sah ihn nicht an. Stattdessen griff ich nach der Hand meiner Mutter. Tante Fiora kniete nun vor ihr. Ich drückte ihre Hand an mich und versicherte meiner Mutter damit, dass ich noch da war, selbst wenn das nicht genug war und das nie genug sein würde.
In den letzten Monaten hatte ich oft die Hand meiner Mutter gehalten, wenn ich gespürt hatte, dass sie Lu vermisste. In ein paar Tagen war es genau ein halbes Jahr her, seit Lu sich dazu entschieden hatte, nach Nerura zu gehen und dort zu heiraten.
Heiraten, ein Wort, das sich so falsch anhörte.
Ich glaubte nicht an die grosse Liebe. Ich verabscheute Liebesgeschichten. Ich war mir nicht einmal sicher, ob es so etwas wie Gegenstücke wirklich gab, auch wenn meine Eltern ein perfektes Beispiel für diese spezielle Verbindung waren.
Hochzeiten fand ich noch schrecklicher als eine Gegenstückszeremonie. Ich wusste, was sie bewirkten, und ich wusste auch, dass es in Nerura und in der Welt, in der meine Mutter geboren worden war, Tradition war zu heiraten, doch wurde ich einfach nicht damit warm.
Lu war immer der gleichen Meinung gewesen, bis er nach einem halben Jahr Brieffreundschaft beschlossen hatte, die Kronprinzessin Neruras zu heiraten.
Unseren Eltern hatte er erzählt, er hätte sich in sie verliebt und wollte sie heiraten, um bei ihr zu sein, selbst wenn er sie noch nie zuvor getroffen oder er diese besondere Gegenstücksverbindung, wie sie zwischen unseren Eltern bestand, gespürt hatte.
Unsere Eltern hatte er nie ganz davon überzeugen können, dass er die Kronprinzessin Neruras wirklich liebte, aber weil sie ihm nicht im Weg stehen wollten, weil er sich selbst finden musste, und weil er behauptete, die Kronprinzessin würde ihn glücklich machen, hatten sie ihn gehen lassen. Ausserdem, und das mussten sie als Königspaar auch bedenken, verband eine Hochzeit zwischen dem Prinzen Arelas und der Kronprinzessin Neruras die beiden Länder miteinander. Die Hochzeit festigte ein junges Bündnis.
Nach dem Krieg, an den ich mich nicht mehr erinnern konnte, weil ich damals erst ein paar Wochen alt gewesen war, und der Krönung meiner Eltern hatten die dafür gesorgt, dass die Beziehungen zwischen Nerura und Arela stabil wurden. Wir betrieben Handel mit Nerura und entsandten Botschafter.
Doch nichts hatte die Verbindung zwischen unseren beiden Ländern so sehr gestärkt wie ein Prinz von Arela, der eine Prinzessin von Nerura heiratete.
Mein Bruder, der sich schon immer mehr für Politik interessiert hatte, obwohl ich die Kronprinzessin war, hatte getan, was nötig war. Vielleicht hatte er die Prinzessin von Nerura sogar gemocht, doch er hatte sie bestimmt nie geliebt.
Ich war mir so sicher, weil ich es gespürt hätte, wenn er sie tatsächlich geliebt hätte.
Trotzdem hatte ich ihn gehen lassen. Wir hatten ihn gehen lassen, in ein Land, das er kaum kannte, mit Kräften, die er, wie ich, von unserer Mutter geerbt hatte, aber noch nicht kontrollieren konnte.
Jetzt, da mein Bruder tot war, einem Unfall zum Opfer gefallen, den er vielleicht, wäre er länger trainiert worden, hätte verhindern können, bereute ich, dass ich unsere Eltern nicht angefleht hatte, ihn nicht gehen zu lassen. Ich bereute es, Lu nicht angefleht zu haben, noch ein paar Jahre zu warten. Wir waren noch so jung. Erst zwanzig. Selbst wenn Lu noch fünfzig oder fünfhundert Jahre gewartet hätte, hätte er die Welt noch verändern können.
Doch ich hatte ihn nicht aufgehalten. Ich hatte ihn nicht angefleht, ein paar weitere Jahre zu bleiben. Wie sich herausstellte, war das der grösste Fehler meines Lebens gewesen.
„Stell.“
Ein einziges Wort führte mich aus dem schwarzen Loch der Trauer und der Vorwürfe, in das ich gefallen war, heraus. Ich drückte noch immer die Hand meiner Mutter an mich, doch leider sprach sie nicht mit mir. Nick, der sich neben mich gesetzt hatte, versuchte meine Aufmerksamkeit zu erlangen. Seine Hand lag auf meiner Schulter.
„Nicht“, flüsterte ich leise.
„Stella.“
Meinen Namen aus seinem Mund zu hören, fühlte sich wie diese ganze Situation fremd an.
Ich hasste Nick dafür, dass er alles noch schlimmer machte. Ich hasste ihn dafür, dass er mich trösten wollte. Ich wollte nicht von ihm manipuliert werden. Nick konnte unglaublich gut mit Gefühlen spielen. Vor ihm war ich auf der Hut, weil ich mir nie sicher sein konnte, was er fühlte, und weil er jemand anderen fühlen lassen konnte, was er wollte.
Er schenkte allen, die es sehen wollten, ein strahlendes Lächeln. Er warf seinem Gegenüber gern Blicke zu, die die meisten zum Schmelzen und mein Blut zum Kochen brachte. Ausserdem war er ein Meister der Worte. Er konnte jeden tun und glauben lassen, was er wollte. Hätte er nicht zur Familie gehört und wäre er nicht Lus bester Freund gewesen, hätte ich Nick schon lange auf eine der winzig kleinen Inseln, die vor Arela lagen, verbannt.
Heute, an dem Tag, an dem ich den Verlust meines Bruders verkraften musste, wollte ich einfach meine Ruhe haben. Ich wollte Nick nicht sehen, geschweige denn mit ihm sprechen. Doch er liess nicht von mir ab, seine Hand lag noch immer auf meiner Schulter.
Mit den Nerven am Ende sah ich Onkel Perry an, der immer sofort merkte, wenn mich Nick nervte, und mir dann gerne ein Grinsen schenkte, bevor er mich rettete.
Heute schenkte mir Onkel Perry kein Grinsen, doch als sich unsere Blicke trafen, klopfte er seinen beiden Brüdern auf die Schultern, kam zu mir herüber und zog mich vom Sofa in seine Arme.
„Es tut mir so leid, meine kleine Prinzessin.“
Ich konnte nichts sagen, während ich stumm an seiner Brust schluchzte. Nick war noch da. Ich konnte ihn hinter mir spüren, doch er bewegte sich nicht und fasste mich nicht wieder an.
Onkel Perry hielt mich, bis meine Familienmitglieder ein leises Gespräch begannen. Es war fast schon friedlich, bis Nicks etwas sagte.
„Sie haben keine Leiche gefunden?“
3
Dass keine Leiche gefunden wurde, hatte ich nicht gewusst. Doch nun, da es Nick ausgeplaudert hatte, dachte ich an Lus Leiche. Ich sah Lu vor mir. Sein Körper zerschlagen und entstellt. Die Vorstellung liess meinen ganzen Körper zittern und die Schluchzer wieder lauter werden. Onkel Perry drückte mich etwas fester an sich.
„Tut mir leid.“ Ich konnte Nicks Finger an meiner Hand spüren, die nutzlos an mir herabhing. Sofort zog ich sie an mich. Kurz war es still, dann sprach Nick weiter. So etwas wie Respekt kannte er nicht. „Ich wollte es nicht noch schlimmer machen, aber denkt ihr nicht, dass es komisch ist, dass die Leichen der anderen gefunden wurden, nur die von Luno nicht?“
Ich löste mich aus Onkel Perrys Umarmung. Er liess mich gehen, bevor er realisierte, was ich tun wollte. Er packte mich wieder und verhinderte somit, dass ich mich auf Nick stürzte. Er wusste, wie sehr Nick mir auf die Nerven ging. Er hatte mich schon öfter daran hindern müssen, Nick wehzutun.
Manchmal, wenn Onkel Perry zu langsam war oder, wenn er es unterhaltsam fand, wie ich Nick klarmachte, wer der Stärkere war, liess er es zu, dass ich Nick zeigte, was ich alles tun konnte. Doch heute hätte ich Nick wahrscheinlich mehr als ein paar Schläge verpasst. Vielleicht hätte ich ihm gezeigt, was ich wirklich alles von meiner Mutter geerbt hatte, hätte mich Onkel Perry nicht zurückgehalten.
Onkel Perry zog mich wieder an sich und ging mit mir ein paar Schritte durchs Wohnzimmer. Er brachte so viel Abstand zwischen Nick und mich wie möglich. Er schaffte es jedoch nicht, mir rechtzeitig den Mund zuzuhalten, bevor ich Nick ein paar eklige Dinge an den Kopf warf.
Normalerweise hätte Nick darüber gelacht und mir gesagt, ich solle mir den Mund auswaschen, doch heute starrte er mich bloss mit trüben Augen an. Immerhin hatte er genug Anstand, nicht zu grinsen und noch weitere Schimpfwörter zu fordern.
Vielleicht, nur vielleicht, war er doch auch ein bisschen traurig oder zumindest einfach nur verwirrt, weshalb er solche Dinge sagte. Lu hatte auch ihm viel bedeutet. Wir waren alle zusammen aufgewachsen, hatten zusammen trainiert, fliegen gelernt, gespielt, gefeiert und früher, als Nick noch nicht die nervige Person war, die er heute war, sogar gelacht.
„Stella bitte“, mischte sich Tante Mila mit strenger Stimme ein. „Eine Prinzessin sollte solche Wörter nicht benutzen. Vielleicht benutzt ein Anführer einer Armee diese Worte, um sich über eine Niederlage aufzuregen, aber nicht du.“
Ich hörte nicht auf sie, erst auf Onkel Perry, der in mein Ohr flüsterte. „Sie hat recht. Bitte sei still, damit ich meinen Job behalten und nicht an dich abgeben muss.“
Vielleicht war es dieses Fünkchen Humor oder mein Vater, der zum ersten Mal, seit er seinen Sohn verloren hatte, etwas sagte, das mich zum Schweigen brachte.
„Es wurden schwarze Federn und Blut neben der Leiche der Kronprinzessin gefunden. Luno ist ebenfalls von der Klippe gestürzt und gestorben, auch wenn sie seine Leiche noch nicht gefunden haben.“
Mein Vater griff nach der Hand meiner Mutter. Ich konnte den Schmerz der beiden spüren, aber auch die Kraft, die sie einander schenkten. In diesem winzigen Moment, in dem sie sich in die Augen sahen, schenkten sie einander die Kraft, die sie brauchten, um weiterzumachen.
„Es wird noch nach ihm gesucht?“, fragte Nick.
Wieder war ich kurz davor, ihm all die dreckigen Wörter an den Kopf zu werfen, die er mir beigebracht hatte.
„Ja, nach ihm wird noch gesucht. Luno hat den Aufprall vielleicht überlebt, er hat sich vielleicht in den Wald hineinschleppen können, aber…“ Die Stimme meiner Mutter brach.
„Da waren zu viel Blut und zu viele Federn. Der Suchtrupp aus Nerura ist sich sicher, dass Luno tot ist.“
Auf die Worte meines Vaters, der den Satz für meine Mutter beendet hatte, folgte Stille.
Leider war es Nick, der sie brach. „Solange sie keine Leiche gefunden haben, glaube ich nicht, dass Luno tot ist.“
Onkel Cory schüttelte fast unmerklich seinen Kopf. Tante Fiora, die noch auf dem Boden sass, griff nach der Hand ihres Sohnes.
„Ich weiss, es ist schwer zu akzeptieren, aber es gibt keine Hoffnung mehr. Du hast es selbst gehört. Sie haben zu viel Blut und viel zu viele Federn gefunden.“
Wieder sah ich ein Bild vor mir. Lu, der seinen kaputten Körper noch ein wenig durch die Gegend schleppte. Er hatte wie ich die Stärke unserer Eltern geerbt, aber das hatte leider nicht ausgereicht. Schlussendlich war er allein in einem fremden Land gestorben.
Nick schüttelte den Kopf. Stur wie immer wollte er nicht glauben, was man ihm sagte. Ich wollte es auch nicht glauben, aber die Beweise waren erdrückend. Ausserdem konnte ich die Verbindung, die zwischen Lu und mir bestanden hatte, nicht mehr spüren.
„Luno kann fliegen. Selbst wenn sie ruckartig aus der offenen Kutsche geschleudert wurden, hätte er seine Flügel rasend schnell erscheinen lassen und sich selbst retten können“, sagte Nick.
„Luno war nie ein besonders guter Flieger“, sagte Onkel Perry, der mich immer noch festhielt. „Er war fast so untalentiert wie du. Oder Stella.“
Leider hatte Onkel Perry damit nicht unrecht. Wir flogen nicht gerne und auch nicht gut. Weder Lu noch Nick noch ich trugen unsere Flügel regelmässig auf unseren Rücken. Wir konnten unsere Flügel alle verschwinden lassen, weshalb wir sie so gut wie nie zeigten.
„In einer solchen Situation hätte er fliegen können. Luno hätte sich nicht einfach dem Tod hingegeben“, sagte Nick.
Gerade als ich Nick wieder anfallen wollte, sprach Onkel Nathan mit kratziger Stimme. „Vielleicht wollte er mit seiner Liebe in den Tod gehen. Er war kein besonders guter Flieger, weshalb ihm wahrscheinlich klar war, dass er sie nicht auch retten konnte. Also hat er beschlossen, sich dem Tod hinzugeben, weil er nicht ohne sie leben wollte.“
Nick sah mich an. Unsere Blicke trafen sich, was mein Blut vor Wut zum Kochen brachte. Doch der Blick, den er mir zuwarf, war nicht einer dieser Blicke, die ich so sehr hasste. Es war einer dieser Blicke, mit denen wir kommunizierten. Weil ich ihn schon mein Leben lang kannte, weil wir beide Lu so gut gekannt hatten, wusste ich, was er mir sagen wollte. Nick wusste, dass Lu seine Frau nie wirklich geliebt hatte. Er wusste, warum Lu die Kronprinzessin Neruras wirklich geheiratet hatte.
„Warum dann die Federn auf dem Boden? Hätte er sterben wollen, hätte er seine Flügel bestimmt nicht erscheinen lassen.“
Selbst wenn es eine berechtigte Frage war, bekam Nick keine Antwort. Nick nervte das offenbar. Flehend sah er mich wieder an. Doch ich konnte sein verrücktes bisschen Hoffnung nicht auch noch unterstützen. Nicht, wenn ich spüren konnte, dass Lu nicht mehr da war.
„Ich kann ihn nicht mehr spüren. Die Verbindung ist weg“, gab ich schliesslich zu, auch wenn mich die Worte alles kosteten.
An anderen Tagen hätte ich mich darüber gefreut, Nick mit ein paar Worten zu zerbrechen. Doch heute, an dem Tag, an dem ich meinen Bruder verloren hatte, machte es mir keine Freude. Stattdessen flossen wieder Tränen, als ich in das nun blasse Gesicht meines ältesten Freundes sah. Nick wusste von der magischen Verbindung zwischen Zwillingen. Er wusste, was es bedeutete, wenn sie nicht mehr da war.
Nicks blaue Augen füllten sich mit Tränen. Seine schwarzen Haare fielen in sein Gesicht, als er den Blickkontakt brach und auf seine Hände hinuntersah. Ihn so niedergeschmettert zu sehen und seine Hoffnungslosigkeit zu spüren, hätte mich etwas trösten sollen, doch heute machte das alles nur noch schlimmer.
Onkel Perry tröstete mich wieder. Dann führte er mich langsam zu meinen Eltern, die zwischen sich für mich Platz machten. Ich legte meinen Kopf auf die Schulter meines Vaters, der sofort den Arm um mich schlang. Das Gespräch wurde leise fortgesetzt.
Ich hörte nicht zu, bis Nick, der lange still gewesen war, sich wieder in das Gespräch einmischte.
„Was machen wir jetzt?“
Alle verstummten sofort. Ich hob meinen Kopf, jedoch nicht, um Nick anzusehen, sondern um meine Mutter zu mustern, auf deren Antwort wir alle warteten. Sie starrte auf ihre Hände. Eine Hand lag in der Hand meines Vaters, die andere in Tante Fioras Hand. Sams Hand lag auf ihrem Rücken.
„In Nerura wird es bestimmt zu Unruhen kommen, jetzt, da die Königsfamilie tot ist“, sagte meine Mutter. Obwohl sie schrecklich traurig war, hörte sie sich noch immer wie eine geborene Königin an. Nur die Krone, die irgendwo im Haus herumliegen musste, fehlte. „Archie und ich werden nach Nerura reisen, um Luno abzuholen und um sicherzustellen, dass die Situation in Nerura nicht eskaliert. Wir werden dafür sorgen, dass die neu geschaffene Verbindung zwischen Arela und Nerura nicht schon wieder zerbricht.“
„Ich werde euch begleiten“, sagte ich, noch bevor jemand meiner Mutter einen Ratschlag für die Reise mitgeben konnte.
„Ich auch.“
Alle Augen, die zuvor auf mir geruht hatten, lagen nun auf Nick. Er hatte sich offenbar wieder gefasst. Er trug kein Grinsen auf seinem Gesicht, auch funkelten seine Augen nicht, aber er sah nicht mehr ganz so niedergeschlagen aus.
„Nein, du bleibst hier“, sagte Tante Fiora. Am liebsten wäre ich ihr aus Dankbarkeit um den Hals gefallen. „Das müssen sie als Familie klären.“
Nick sah mich an. Seine blauen Augen bohrten sich in meine, die vor lauter Tränen, die ich vergossen hatte, brannten. Wieder flehte er stumm.
Ich sah meine Mutter an, sagte aber nichts. Nicks Blick konnte ich noch immer auf mir spüren. Ich wusste, dass er wollte, dass ich sie bat, ihn mitzunehmen. Wir beide wussten, dass ich die Einzige war, die nicht nur Tante Fiora, sondern auch meine Eltern davon überzeugen konnte, ihn mitzunehmen. Doch ich sagte nichts, weil ich ihn nicht dabeihaben wollte, egal wie nahe er Lu gestanden hatte.
„Wir werden Luno nach Hause bringen. Dann kannst du dich von ihm verabschieden“, sagte meine Mutter mit schwacher Stimme.
Ich sah Nick, dem ich ansehen konnte, dass er bereit war zu diskutieren, ob nun mit seiner Mutter oder seiner Königin, bis er mitgehen durfte, kurz an. Doch er sagte nichts, weil er die gebrochenen Worte einer Mutter hörte, die gerade ihren Sohn verloren hatte. Zum ersten Mal in seinem Leben wollte er nicht das letzte Wort haben.
Auch sonst widersprach niemand unserer Königin. Meine Mutter hatte einen Plan gemacht, an den wir uns alle halten mussten. Wir redeten noch eine Weile über die bevorstehende Reise und wann wir abfliegen wollten, bevor uns die Trauer wieder einholte.
Doch nun belastete uns nicht mehr nur die Trauer, sondern auch die ungewisse Zukunft, die Unruhen, die es geben könnte. Ich konnte spüren, wie sehr sich meine Familienmitglieder vor einem erneuten Krieg fürchteten, den wir in unserem geschwächten Zustand vielleicht nicht gewinnen konnten.
4
Lu und ich hatten beide das Aussehen unseres Vaters und die Kräfte unserer Mutter geerbt.
Das fiel mir am nächsten Morgen wieder auf, als ich vor dem Spiegel im Zimmer stand, das ich mir einmal mit Lu geteilt hatte. Schon seit Monaten fühlte es sich komisch an, hier zu schlafen und zu wohnen, weil er nicht mehr da war, doch jetzt war es noch viel schlimmer.
Ohne diese Verbindung zwischen uns spüren zu können, selbst wenn sie in den letzten Monaten schon schwach war, weil Lu so weit weg gewesen war, hatte ich nicht schlafen können. Mein Vater und meine Mutter, die beide auch nicht schlafen konnten, waren deshalb mitten in der Nacht in mein Zimmer gekommen.
Wir hatten alle zusammen nochmals lange geweint, bevor ich in den Armen meiner Mutter, die leise für meinen Vater und mich gesungen hatte, eingeschlafen war.
Jetzt waren meine sonst grossen grünen Augen blutunterlaufen. Meine langen, schwarzen Locken hatte ich zu zwei Zöpfen geflochten. Ich trug schwarze Kleidung, wie sie mein Vater gerne trug. Im Spiegel betrachtete ich meine Gesichtszüge. Ich versuchte Lu in mir zu sehen.
Wir hatten beide die harten Gesichtszüge und die gräuliche Haut unseres Vaters geerbt. Unsere Mutter hatte uns einen Teil ihrer Macht vererbt. Wir waren bei Weitem nicht so mächtig wie sie. Doch wir waren beide mächtiger als alle anderen Bewohner Arelas und mächtiger als die ehemaligen Königspaare.
Lu und ich waren uns sehr ähnlich, doch wir verfügten über verschiedene Talente. Ich konnte die Gefühle anderer spüren, liebte das Meer, das Wasser generell, aber auch die Sonne. Eine Weile war ich sogar im Süden Arelas unterrichtet worden, weil ich nicht genug von der Sonne hatte bekommen können.
Lu und Nick hatten mich damals begleitet, auch wenn sie lieber zu Hause geblieben wären. An den Wochenenden waren wir dann zusammen ins Herzen von Arela geflogen, um dort zu feiern, oder wir waren ins ehemalige Königreich des Feuers geflogen, um dort in die Vulkane hineinzufliegen, weil wir austesten wollten, wer die Hitze am längsten aushalten konnte.
Lu hatte jedes Mal gewonnen.
Auf den Partys hatte ich Lu seine kleinen Lufttricks vorführen lassen und versucht, Nick zu ignorieren, der mit jedem geflirtet hatte, der da war, was mich immer wütend gemacht hatte. Nach all den Jahren konnte ich es immer noch nicht glauben, dass es Leute gab, die auf sein falsches Grinsen, seine funkelnden Augen und seine dummen Sprüche hineinfielen.
Im Gegensatz zu Lu und Nick konnte ich die Ruhe eher geniessen. Darum waren Lu und Nick auch beste Freunde, und ich bloss die Schwester oder die Freundin, die sie mitschleppen mussten und den ganzen Tag nerven durften. Zusammen hatten sich Lu und Nick einen Spass daraus gemacht, mir Streiche zu spielen. Manchmal hatte mich Lu auch mit Nick allein gelassen, einfach weil er wusste, dass wir einander die Köpfe abrissen, wenn wir allein waren. Er hatte sich einen Spass daraus gemacht, mich so lange von Nick provozieren zu lassen, bis ich die Nerven verlor.
Damals hatte ich mich schrecklich über Nick, aber auch über Lu aufgeregt. Heute hätte ich alles dafür gegeben, ihn nochmals so unbeschwert lachen zu hören, wie wenn ich wieder einmal wütend vor Nick geflohen war.
„Sternchen.“
Ich drehte mich um und sah meinen Vater an, dessen Augen fast genauso rot waren wie meine. Er streckte seine Hand nach mir aus.
„Bist du fertig? Wir wollen los.“
Ich wischte mir die letzten Tränen aus den Augen und von den Wangen.
„Wie soll ich jemals mit dem klar kommen, was passiert ist?“
Die Hand meines Vaters zitterte wie meine.
„Ich weiss es nicht.“ Mein Vater war kein Mann der grossen Worte.
Ich sah hoch in seine Augen, die mich an Lus Augen erinnerten.
Lu war das Abbild unseres Vaters, auch wenn er nicht so muskulös und breit gebaut war. Vielleicht, wenn Lu weiter trainiert hätte, wäre er auch so stark wie unser Vater geworden. Wenn er weiter trainiert hätte, sich richtig auf das Fliegen konzentriert hätte, hätte er den Sturz überleben können.
„Sind wir bereit für einen Krieg?“
Mein Vater drückte meine Hand. „Wenn der Tag kommt, werden wir kämpfen und wieder gewinnen.“
Mit diesen wenigen Worten schenkte mir mein Vater etwas Sicherheit. Immerhin musste ich mich nicht um die Zukunft sorgen, auch wenn meine Zukunft ohne Lu schrecklich düster auf mich wirkte. Vor mir lagen Jahrhunderte ohne meinen Bruder. Jahrhunderte, in denen ich ihn unendlich vermissen musste.
Ohne ein weiteres Wort zu sagen, führte mich mein Vater die Treppe hinunter, wo meine Mutter vor der Haustür wartete. Sie griff nach meiner Hand und drückte sie. Tränen traten in ihren Augen, doch sie blinzelte sie weg und öffnete die Tür.
Wir traten hinaus vor die Tür und stiegen in die Luft. Meine Flügel erschienen erst, als mich mein Vater schon in die Luft gerissen hatte. Flügel zu haben, fühlte sich fremd an, doch nach ein paar Minuten gewöhnte ich mich daran. Es war so einfach wie Laufen, doch gern flog ich trotzdem nicht. Eigentlich flog ich besser als Lu und Nick, nur tat ich gern so, als könnte ich es nicht, um es nicht tun zu müssen. Ich wurde viel lieber getragen.
Die erste Etappe führte uns über Arela. Wir flogen nicht allzu schnell, da wir unsere Kräfte für die Überquerung des Meeres sparen mussten und weil wir nach gestern und der kurzen Nacht alle sehr müde waren. Noch bevor die Sonne unterging, landeten wir in einer kleinen Pension an einem Fluss.
Ich hörte nicht richtig zu, während meine Eltern sprachen. Es blieben nur Wortfetzen hängen. Mein Vater sprach darüber, dass wir uns im ehemaligen Königreich des Wassers befanden, da das die kürzeste Route zu Neruras Hauptstadt war. Meine Mutter sagte, dass wir noch vor dem Morgengrauen weiterfliegen mussten.
Dann wurde ich in mein Zimmer geführt, wo ich in mein Bett fiel und sofort einschlief. Ich schlief tief und fest, bis ich nach wenigen Stunden erwachte. Ich zog die Vorhänge zur Seite und starrte in die Dunkelheit hinaus.
Es war nicht, wie ich gehofft hatte, bereits morgen. Ich sah sofort, dass die Sonne noch lange nicht aufgehen würde. Leider konnte ich nicht mehr einschlafen, weshalb ich lange auf dem Bett sass und nachdachte.
Meine Gedanken kreisten um Lu und Nick. Um uns drei und all die Dinge, die wir in den kurzen zwanzig Jahren, die wir zusammen gehabt hatten, erlebt hatten. Ich weinte ein wenig, weil ich Lu so sehr vermisste und weil ich noch immer nicht glauben konnte, dass er tot war.
Dann weinte ich, weil ich, wenn ich an Lu dachte, auch an Nick dachte. Ich wollte ihn aus meinen Gedanken vertreiben, doch leider schaffte ich es nie, ihn loszuwerden. Er verfolgte mich sogar in meinen Gedanken.
Wir hatten eigentlich alles unser Leben lang zu dritt gemacht. Es war kaum ein Tag vergangen, an dem wir drei nicht durch die Strassen von Carrana gezogen waren oder im Meer gebadet hatten. Wenn Nick und Lu mir nicht gerade Streiche gespielt hatten, hatten wir Onkel Perry und Onkel Nathan Streiche gespielt. Wenn wir uns unbesiegbar gefühlt hatten, hatten wir sogar gewagt, Tante Mila oder Sam einen Streich zu spielen.
Diese Tage lagen nun lange hinter uns. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass ich irgendwann wieder so glücklich sein könnte wie damals.
Von nun an war ich allein, so wie oft in den letzten Monaten. Weil Lu nicht mehr da war, hatte ich es mit Nick nicht mehr ausgehalten. Jedes Mal, wenn er mich dazu überreden konnte, etwas mit ihm zu unternehmen, hatte er mich so sehr provoziert, dass ich irgendwann einfach wütend nach Hause gegangen war.
Mich machte nicht nur wütend, dass er es einfach nicht lassen konnte, mich aufzuziehen und mich mit dummen Spitznamen oder dummen Streichen zu nerven, sondern auch, weil er es schaffte, Freunde zu finden, egal wo wir waren. Es fühlte sich so an, als ob er diese neuen Freunde mehr mochte als mich. Oft fragte ich mich, weshalb er überhaupt etwas mit mir unternehmen wollte, wenn er sich dann doch neue Freunde suchte, anstatt sich mit mir zu unterhalten.
Vielleicht hätte ich mir auch neue Freunde suchen sollen. Leider war ich so gesprächig wie mein Vater. Ich sagte nichts, wenn ich nicht musste.
Jetzt war ich ganz allein. Nicht einmal an die Hoffnung, dass Lu irgendwann zurückkehren würde, weil ihm klar geworden war, dass das Leben in Nerura schrecklich war, konnte ich mich mehr klammern.
Völlig in Gedanken versunken und noch immer weinend, betrachtete ich den Himmel, der sich langsam veränderte. Als der Himmel dann nicht mehr schwarz, sondern grau war, klopfte es an der Tür.
Meine Mutter brachte mir ein kleines Frühstück, das ich stumm ass. Kurz darauf flogen wir weiter. Wir übernachteten ein weiteres Mal in Arela. Am Meer, in der Nähe einer der hundert Gedenkstätten, die an den Krieg erinnerten.
Ich schlief wieder nicht lange und so fand ich mich im Morgengrauen an der Gedenkstätte stehend wieder. Riesige Steine ragten in den Himmel, auf denen die Namen der Opfer eingeritzt waren. Ich starrte auf die Namen und überlegte mir, ob ich Lus Namen auch hineinritzen sollte, schliesslich hatten wir ihn auch an Nerura verloren, wenn auch nicht im Krieg.
Als ich mir sicher war, dass mich der Schlafmangel und die Trauer langsam verrückt machten, weil ich dachte, dass sich die Schatten hinter einem Stein bewegten, ging ich zurück zu der kleinen Pension, wo meine Eltern schon vor der Tür warteten. Wieder assen wir ein kleines Frühstück und flogen dann über das Meer nach Nerura.
Als die Sonne hinter uns unterging, landeten wir in Nerura. Dort, wo wir vor einem halben Jahr gelandet waren, um die Hochzeit meines Bruders zu feiern. Die Stadt hatte sich nicht verändert. Sie war noch immer völlig überfüllt. Viele Häuser wurden hier hoch in den Himmel gebaut, mit lauter kleinen Wohnungen, um so viele Menschen wie möglich unterzubringen. So etwas kannten wir zu Hause nicht.
Auch wenn es überfüllt war, lebten die Leute hier jetzt ein gutes Leben. Durch die Beziehung zu Arela florierte der Handel. Viele Menschen hatten Arbeit. Sie stellten Dinge her, die wir nicht herstellen konnten, wofür wir ihnen Essen und Geld schickten.
In einem dieser riesigen Häuser gab es eine kleine, aber luxuriöse Wohnung, die für die Königsfamilie von Arela reserviert war. Für uns.
Wir liefen die zehn Stockwerke nach oben und mein Vater, der den Schlüssel wie auch den Rest des Gepäckes trug, öffnete die Tür. Wir betraten das kleine Wohnzimmer, von dem man auf das kleine Schloss, in dem die Familie, die nach dem Krieg die Kontrolle über Nerura übernommen hatte, gelebt hatte, sehen konnte.
Wir wussten nicht, wer jetzt da lebte, aber wir würden es am nächsten Tag herausfinden. Morgen wollten wir den neuen Herrscher Arelas besuchen. Das zumindest war der Plan meiner Eltern. Sie wollten ihre Hilfe anbieten. Ausserdem hofften wir, am nächsten Tag Lus Körper zu sehen, den sie nun endlich gefunden haben mussten. Wir hofften, morgen seine Überreste überreicht zu bekommen, um ihn mit nach Hause zu nehmen, wo er hingehörte.
Neben dem Wohnzimmer gab es eine kleine Küche mit einem Tisch und vier Stühlen. Hätte ich Feuer hervorrufen können, hätte ich den vierten Stuhl, der deutlich machte, dass wir nicht mehr komplett waren, verbrannt.
Drei Türen grenzten ans Wohnzimmer. Eine führte ins Schlafzimmer meiner Eltern, eine in ein kleines Badezimmer und die letzte in Lus und mein Zimmer, das wir uns vor seiner Hochzeit geteilt hatten.
Ein kleines Zimmer mit zwei schmalen Betten, einem Kleiderschrank mit ein paar Kleidern, die ich vor und nach der Hochzeit getragen und hiergelassen hatte, damit ich nicht so viel Gepäck schleppen musste, wenn ich auf Besuch kam. Mehr gab es nicht.
Ich hatte keine Bilder von Lu oder sonst eine sonstige Erinnerung. Ich wollte mich auf Lus Bett werfen, da ich hoffte, dass es noch nach ihm roch, doch plötzlich hörte ich ein Klopfen. Instinktiv drehte ich mich zur Tür um, doch die stand noch offen. Niemand war da. Meine Eltern waren bereits in ihr Zimmer gegangen.
Ich schloss die Zimmertür hinter mir. Ich war mir sicher, dass ich mir wegen des Schlafmangels wieder Dinge einbildete. Doch da hörte ich es wieder. Schnell drehte ich mich zum Fenster um und erschrak fast zu Tode, als ich in das Gesicht der Person sah, die ich nun am wenigstens sehen wollte.
Was alles noch schlimmer machte, war, dass Nick sich darüber freute, mich erschrocken zu haben, und breit grinste.
5
„Was machst du denn hier?“, zischte ich, als ich das Fenster öffnete.
Nick grinste, als er durch das Fenster zu mir ins Zimmer stieg. Etwas, was er früher so oft getan hatte, wenn er Lu und mich heimlich in der Nacht besucht hatte. Während ich das Fenster hinter ihm zuschlug, verbeugte er sich tief vor mir. Dann sah er mir in die Augen und zeigte auf seine Flügel.
„Ich bin hierher geflogen.“
Die Flügel verschwanden eine Sekunde später, als wären sie nie da gewesen.
„Du bist allein hierher geflogen?“
„Es war nicht besonders schwierig, euch zu folgen. Drei dunkle Engel fallen auf. Ausserdem, wie könnte ich dich nur jemals aus den Augen verlieren, meine Schöne? Wenn ich dich nicht sehe, schmerzt mein Herz und meine Augen.“
„Das hier ist nicht der passende Ort oder Moment für deine dummen Spitznamen und deine noch dümmeren Sprüche, Nick“, fuhr ich ihn an.
„Sie droht mir“, sagte Nick zum Bett neben mir, als wäre Lu da und könnte es hören.
Das war eines der vielen Dinge, die mich störten. Nick machte mir schon jahrelang Komplimente und tat so, als würde er mich wirklich mögen, obwohl wir beide wussten, dass er mich bloss aufzog. Er spielte mit mir.
„Ich kann mich nicht erinnern, wann du mich zum letzten Mal bei meinem Namen genannt hast, auch wenn du es öfter tun solltest. Er klingt nur aus deinem Mund so wunderschön“, schwärmte Nick.
„Halt die Klappe.“
Das Grinsen auf Nicks Gesicht wurde noch breiter. „Fast wieder die Alte. So genervt wie immer. Ich kann es kaum erwarten, wieder die hässlichen Worte aus deinem Mund zu hören, die du mir vor zwei Tagen an den Kopf geworfen hast.“
Wut floss kochend heiss durch meinen Körper, bis mich plötzlich die Müdigkeit überkam. Ich setzte mich auf mein Bett und sah Nick an, der mich immer noch angrinste.
„Jetzt im Ernst, was machst du hier?“
Wäre ich nicht so wütend gewesen, wäre ich zusammengezuckt, als sich Nick auf Lus Bett setzte. Hätte mich nicht plötzlich all meine Kraft verlassen, hätte ich ihn dafür bestraft.
„Du weisst, warum ich hier bin.“
„Nein, eigentlich weiss ich das nicht“, erwiderte ich und wartete auf eine Erklärung.
„Doch das weisst du.“
Nick wollte seine Hände auf meine Arme legen, um mich wachzurütteln, aber ich wich zurück. Langsam und träge, doch ich schaffte es, seinen langen Fingern zu entkommen.
Kurz starrte Nick seine Hände an, als könnte er nicht glauben, dass er es nicht geschafft hatte, mich zu berühren. Dann sah er mich wieder an. Ein freches Grinsen lag noch immer auf seinem Gesicht, was mich noch wütender machte.
„Wie kannst du bloss so fröhlich sein, Tage nachdem Lu gestorben ist. Hat er dir denn gar nichts bedeutet?“, fuhr ich ihn etwas lauter als nötig an.
„Du weisst, dass er mir fast genauso viel bedeutet, wie du mir bedeutest. Er ist auch mein Bruder.“
Lügen, zumindest der erste Teil. Ich bedeutete Nick nichts, jedenfalls nicht viel. Ich war bloss Lus Anhängsel.
Das Grinsen in Nicks Gesicht wurde nur noch breiter. Seine Stimme war ruhig. Er wollte mich provozieren. „Ich bin so fröhlich, weil ich mir sicher bin, dass Luno nicht tot ist. Ja, kurz habe ich es auch geglaubt, aber dann habe ich erfahren, dass keine Leiche gefunden wurde. Keine Leiche heisst kein Toter.“
„Er ist tot.“ Noch war meine Stimme fest, doch ich wusste, lange würde ich dieses Gespräch nicht führen können. Ich konnte die Trauer schwer auf mir liegen spüren. Tränen stiegen langsam in meine Augen.
„Ist er nicht, Stell. Das weisst du. Selbst wenn Luno nicht der grösste Flieger war. Er hätte den Fall zumindest abbremsen können.“
„Nicht genug, um zu überleben. Vielleicht hat er den Aufprall überlebt. Er hat versucht, sich zu retten, ist dann aber trotzdem gestorben.“
„Sie hätten seine Leiche nicht weit weg von den anderen Leichen finden müssen, wenn er so schwer verletzt gewesen wäre“, sagte Nick. Ich konnte ihm ansehen und auch spüren, wie sicher er sich war. Nick glaubte, was er sagte. Er musste lange über all das nachgedacht haben.
„Wie erklärst du dir, dass ich die Verbindung zwischen uns nicht mehr spüren kann? Wenn er noch am Leben wäre, hätte sie in den letzten Stunden, je näher wir Nerura gekommen sind, stärker werden müssen.“ Ich warf meine Hände in die Höhe, als meine Stimme brach. Die nächsten Worte brachte ich nur noch flüsternd heraus. „Er ist tot, Nick. Akzeptiere es. Es ist schwer, aber wir müssen es akzeptieren.“
Nick griff nach meinem Arm. Dieses Mal war ich nicht schnell genug. Er umschloss mit seinen Fingern mein Handgelenk. Er zwang mich so, ihm in die Augen zu sehen.
„Es muss eine andere Erklärung dafür geben, dass du die Verbindung nicht mehr spürst.“ Nick presste seine Finger in mein Handgelenk. Es tat nicht weh. Es fühlte sich so an, als wollte er seine Worte unterstreichen. „Luno ist noch da draussen. Er lebt. Ich bin mir ganz sicher. Morgen müssen wir unbedingt an den Unfallort reisen, um nach Spuren zu suchen.“
„Wir?“
Nick grinste wieder. „Ja. Wir.“
„Kannst du nicht einmal auf deine Mutter hören?“, fragte ich.
„Die Frage muss ich dir nicht beantworten, mein Engel.“
Ich entriss ihm meine Hand. „Wie du siehst, bin ich im Moment kein Engel.“
Das Grinsen in Nicks Gesicht wurde noch breiter. „Zu schade, ich muss mir wohl einen anderen Spitznamen für dich ausdenken. Was hältst du von Schatz meines Herzens?“
„Grauenhaft.“ Meine Antwort liess Nicks Augen funkeln. „Ich meine es ernst. Warum kannst du nicht auf deine Mutter hören? Das hier ist eine Familienangelegenheit.“
„Gehöre ich etwa nicht zur Familie?“, fragte Nick.
Er versuchte zu schmollen. Seine Augen gross und rund wie die eines Hundes. Ich gab ihm keine Antwort, da er genau wusste, dass er zur Familie gehörte, egal wie sehr ich ihn manchmal verabscheute.
Die Wut, die ich zuvor gespürt hatte, mischte sich mit Trauer und etwas, das ich nicht erwartet hatte. Ich sorgte mich um Nick. Warum auch immer.
„Nick, ich möchte doch nur verhindern, dass du dich in etwas hineinsteigerst und dir Hoffnungen machst und du dann enttäuscht wirst.“
Nicks Augen funkelten nur noch strahlender, als ich seinen Namen wieder sagte. Er wollte seine Hand an mein Gesicht legen, aber dieses Mal war ich wieder schneller. Ich wich zurück.
„Süss, wie du dich um mich sorgst, Prinzessin. Aber ich weiss, dass Luno noch lebt. Ich wusste es in dem Moment, als uns gesagt wurde, dass seine Leiche nicht gefunden wurde. Noch nie war ich mir bei etwas so sicher.“
„Dass keine Leiche gefunden wurde, könnte alle möglichen Gründe haben“, sagte ich.
Vielleicht sorgte ich mich gar nicht um Nick, sondern um mich selbst, denn ein winziger Teil von mir hatte die Hoffnung auch noch nicht aufgegeben. Doch ich wollte diesem Teil nicht noch mehr Energie schenken, nur um dann doch enttäuscht zu werden.
„Bitte flieg zurück nach Hause. Ich bin nicht in der Verfassung, mich auch noch mit dir herumzuschlagen.“
„Nein, das werde ich nicht. Ich werde hierbleiben, bis du mir glaubst, dass Luno noch lebt und du dich mit mir auf die Suche nach ihm machst“, sagte Nick und verschränkte die Arme vor der Brust.
Ich konnte Nick nicht länger in die Augen sehen. Ich ertrug die Hoffnung nicht, die ich darin sah. Ich ertrug es kaum, sie zu spüren.
„Geh.“
„Nein.“
Plötzlich fiel mir etwas anderes ein, mit dem ich ihn vielleicht vertreiben konnte. „Geh, es wird nicht gerne gesehen, wenn sich die Kinder von Grafen und Gräfinnen in die Aussenpolitik einmischen.“
„Ich mische mich nicht in die Aussenpolitik ein, ich möchte bloss meinen besten Freund wiederfinden“, erwiderte Nick.
„Du wirst eine internationale Krise auslösen. Du könntest einen Krieg auslösen.“
Leider brachten meine Worte Nick bloss zum Lachen. „Ich werde keinen Krieg auslösen. Mach dir darüber mal keine Sorgen, mein Schatz. Alles wird gut. Wenn sie mir nicht glauben werden, dass ich wegen Luno hier bin, werde ich mir eben eine andere Ausrede ausdenken.“
Auch wenn es so viele andere Dinge gab, an die ich hätte denken sollen, konnte ich es nicht lassen. „Warum solltest du sonst hier sein?“
„Ich könnte dein Beschützer sein.“ Wäre ich nicht so traurig gewesen, hätte ich vielleicht gelacht. Nicks Augen funkelten wieder. „Ich würde nicht einmal lügen. Ich bin dein Beschützer, und als dein Beschützer ist es meine Aufgabe, dir zu sagen, dass du dich nicht im Halbdunkeln, noch dazu allein an einem alten Denkmal herumtreiben solltest.“
„Das warst du.“ Ich hatte mir die Schatten also doch nicht eingebildet.
„Natürlich war ich das. Es enttäuscht mich, dass du meine Anwesenheit nicht gespürt hast, mein Herz.“
„Ich war müde“, gab ich ehrlich zu. „Ausserdem habe ich dich nicht erwartet. Du bist kein Beschützer, du bist ein Spanner.“
„Das ist gemein.“
„Das ist die Wahrheit.“
„Du brichst mir mein Herz, Goldstück:“ Nick schüttelte noch immer grinsend den Kopf. „Nach allem, was ich für dich getan habe.“
Die Spielchen, die er trieb, hatten mich einen Moment lang von meiner Trauer abgelenkt, aber nun war ich wieder müde und ich wollte mich in den Schlaf weinen. Nick störte nur.
„Kannst du bitte gehen“, sagte ich ein letztes Mal freundlich.
„Wow, sie hat bitte gesagt.“
„Ja, und ich werde es nicht noch einmal sagen“, warnte ich. „Wenn es sein muss, werfe ich dich aus dem Fenster.“
„Das kannst du nicht.“
„Du weisst genau, dass ich die Kontrolle über deinen Körper übernehmen und dich zu Dingen zwingen kann, die du nicht tun möchtest.“ Das war meine letzte Wahrung. „Hat dir Onkel Perry nicht erzählt, wie schlimm sich der Kontrollverlust anfühlt?“
„Doch, aber ich konnte ihn nicht ernst nehmen, weil er gelacht hat, als er mir erzählt hat, dass du ihn aus dem Fenster geworfen hast.“
„Er hatte es verdient.“ Meine Mundwinkel zuckten kurz, als ich mich daran erinnerte, wie ich Onkel Perry einmal aus dem Fenster geworfen hatte. Alles nur wegen Lu und Nick, die ihn dazu angestiftet hatten, bei einem ihrer dummen Streiche, die sie mir spielten, mitzumachen.
„Bestimmt hatte er es verdient, aber ich habe es nicht, schliesslich bin ich dir tagelang gefolgt, um dir dabei zu helfen, ein Rätsel zu lösen. Zusammen können wir dafür sorgen, dass alles wieder gut wird.“
„Ein Rätsel?“
„Eine Suche, die Jagd nach einem Schatz, ein Rätsel lösen“, erklärte Nick. Dann stütze er sich mit seinen Händen auf seine Beine, beugte sich zu mir herüber, und sah mich ernst an. „Egal, wie du es nennen willst. Ich bin hierhergekommen, um dir zu helfen. Um uns allen zu helfen. Vertrau mir Stell. Nimm meine Hilfe an. Zusammen werden wir Luno finden. Wir werden ihn lebendig finden.“
Meinen Namen aus seinem Mund zu hören, zumindest fast, liess mich einen Moment lang über die Sache nachdenken. Vielleicht hatte er recht.
Selbst wenn wir bloss herausfanden, dass Lu wirklich tot war, weil wir auf unserer Suche seine Leiche fanden, wären wir erfolgreich. Ausserdem würde Nick dann endlich aufhören, so verrückt zu spielen. Das einzige Problem war, dass ich Nick aushalten musste und wir uns tatsächlich einen Grund für seine Anwesenheit ausdenken mussten.
„Du wirst keine Ruhe geben, bis ich dich zumindest morgen mit ins Schloss nehme, oder?“, fragte ich.
„Nein, ich werde die ganze Nacht hier sitzen und reden, reden, reden, reden…“
Nick war so schrecklich anstrengend. Ich hob meine Hand, was ihn überraschenderweise sofort zum Schweigen brachte. Kurz starrte ich ihn an. Er grinste mich weiter an.
„Was? Denkst du, ich befolge den Befehl meiner Prinzessin nicht?“
„Du befolgst gar keine Befehle“, erwiderte ich.
„Doch sicher, ich befolge die Befehle meiner Prinzessin und meiner Königin, es sei denn, sie verhält sich zu sehr wie meine Tante und nicht wie meine Königin.“
„Also befolgst du ihre Befehle nie“, stellte ich klar.
Nick lachte. „Doch, ich habe es dir doch gerade erklärt…“
Wieder hielt ich meine Hand hoch. Wieder verstummte Nick sofort.
„Es ist mir egal. Ich bin zu müde, um weiter mit dir zu diskutieren. Wenn du eine Idee hast, wie du deine Anwesenheit erklären kannst, ohne anderen falsche Hoffnung zu machen, darfst du bleiben. Wenn du es schaffst, deine Anwesenheit zu erklären, ohne unsere Suche zu erwähnen, darfst du mich morgen ins Schloss begleiten.“
Nick strahlte, dann wollte er wieder nach meiner Hand greifen, die ich ihm sofort entzog. „Vielen Dank, meine Teuerste. Ich habe schon eine grossartige Idee, wie wir meine Anwesenheit erklären.“
„Du musst mit den Spitznamen aufhören, sonst werfe ich dich doch noch aus dem Fenster“, drohte ich.
Ich fürchtete mich jetzt schon vor der Geschichte, die sich Nick ausgedacht hatte.
„Egal was ich mir ausdenke oder schon ausgedacht habe, du wirst mitspielen?“
„Wenn es eine glaubwürdige Geschichte ist.“ Ich konnte kaum glauben, dass ich das sagte. „Dann ja. Dann werde ich mitspielen.“
Ein glückliches Grinsen breitete sich auf Nicks Gesicht aus. Seine Augen strahlten. Sein Anblick verpasste mir eine Gänsehaut. Ich hasste dieses Grinsen, das mein Blut zum Kochen brachte. Ich hasste mich dafür, dass ich seinem blöden Plan zugestimmt hatte.
„Stell, du wirst meine Idee lieben.“
„Das bezweifle ich.“ Nick wollte wieder meine Hand nehmen, aber wieder war ich schneller. „Lass das. Was willst du bloss von mir?“
„Alles.“ Ich sah und spürte, dass Nick die Wahrheit sagte, obwohl ich nicht wusste, was er damit meinte. „Für den Anfang möchte ich dir aber bloss meinen Plan erklären.“
„Kann das nicht bis morgen warten?“, fragte ich, weil ich so müde war und ich mich nur noch hinlegen wollte.
„Nein, kann es nicht.“
„Warum nicht?“
„Weil deine Eltern gleich vor der Tür stehen werden, und dann musst du mitspielen.“
Erschrocken lauschte ich. Tatsächlich hörte ich meine Eltern, die durchs Wohnzimmer liefen. Nick stand auf und zog mich mit sich auf die Beine. Noch während er uns beide bewegte, schlug ich seine Hände weg.
„Was auch immer du vorhast, tue es nicht.“
Zum ersten Mal in meinem Leben sah ich, wie Nick zögerte. Das Grinsen in seinem Gesicht war nicht mehr ganz so selbstsicher wie sonst. Doch dann kam er einen Schritt auf mich zu. Ich war ihm plötzlich viel zu nahe. Er nahm einen meiner Zöpfe in seine Hand und setzte sein Gewinnerlächeln auf.
„Wenn ich schon nicht tun darf, was ich tun will, versuch wenigstens etwas glücklicher auszusehen. Tu so, als würdest du dich freuen, mich zu sehen.“
Es war fast unmöglich, doch ich tat Nick den Gefallen. Ein Lächeln brachte ich nicht zustanden, doch ich schaffte es, wenigstens kurz ein wenig von Nicks Hoffnung zu stehlen, die ich nutze, um etwas weniger traurig auszusehen.
Dann platzten auch schon meine Eltern ins Zimmer. Sofort drehte ich mich zu ihnen um.
Erst da wurde mir klar, was die beiden gerade zu sehen bekamen. Ich sah, was ich zu müde und zu dumm gewesen war, um es selbst zu sehen. Wie wir uns gegenüberstanden, wie vertraut die Geste mit den Haaren wirkte und was das Lächeln in Nicks Gesicht bedeutete.
Ich begriff, was Nicks grossartiger Plan war, und hasste ihn augenblicklich dafür.
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Der Satz, es ist nicht, wonach es aussieht, lag mir bereits auf der Zunge. Doch ich biss auf sie, weil es vielleicht nicht war, wonach es aussah, aber es so aussehen sollte, als wäre da etwas zwischen Nick und mir.