2,99 €
Der Bruch einer alten Allianz bringt Mia und ihre Familie in nie da gewesene Gefahr. Eine Aufgabe, wie sie noch nie gelöst wurde, liegt vor ihr. Die sechs Edelsteine und die Krone zu finden, hat noch niemand geschafft. Ein letztes Mal stürzt sie sich ins Abenteuer, um die Königreiche zu vereinen und endgültigen Frieden zu bringen. Ein Abenteuer, das sie an ihre Grenzen und darüber hinaus bringt. "Wir werden das Unmögliche möglich machen müssen. Wir müssen das Unauffindbare finden."
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Prolog
Archie
Diese andere Welt war laut, stickig und angsteinflössend.
Geräusche, die ich noch nie gehört hatte, dröhnten in meinen Ohren. Riesige Türme ragten über uns in den Himmel. Auch wenn ich Bäume, Wiesen und sogar einen Fluss sehen konnte, roch es, als würde etwas verbrannt werden. Menschen, die uns nicht beachteten, schrien.
Ich drückte Luno und Stella enger an mich und sah dann Mia an, die in ihrem wunderschönen Kleid wie die Königin aussah, die sie war. Egal ob mit Krone oder ohne. Jeder konnte sehen und spüren, dass sie die rechtmässige Königin Arelas war.
Doch jetzt konnte ich die Macht nicht mehr spüren, die Mia so lange ausgestrahlt hatte. Ich konnte meine eigene Magie nicht spüren, die mich mein Leben lang begleitet hatte. Lange angeheftet an die schwere, belastende Dunkelheit in mir, die Mia vertrieben hatte. Ich konnte auch die Verbindung zwischen Mia und mir nicht mehr spüren. Es fühlte sich so an, als wären wir nur noch zwei einfache Menschen.
„Wo sind wir?“, fragte ich vorsichtig.
Mia liefen Tränen über die Wangen, während sie unsere Kinder ansah, die das ganze Drama verschliefen. Sie hatten die Reise in eine andere Welt verschlafen. In eine Welt, aus der ein Teil von ihnen stammte.
„Wir sind im Central Park in New York City.“
Ich sah mich nochmals um. Überall waren Bäume. Dahinter erhoben sich hohe Türme in den Himmel. Sie sahen dreckig aus und nicht wirklich stabil. Gleich würde einer der Türme umfallen und auf uns stürzen.
„Von hier kommst du?“
Mia sah mich endlich an. Sie weinte noch immer, was mir das Herz brach, doch sonst schien sie sich völlig unter Kontrolle zu haben.
„Nein, ich bin an einem anderen Ort aufgewachsen. Ich komme aus einem anderen Teil dieser Welt.“
„Warum sind wir dann hier?“
„Weil hier jemand wohnt, der uns helfen wird.“ Mehr sagte Mia nicht, mehr brauchte sie auch nicht zu sagen. Stumm folgte ich ihr, als sie über eine Wiese auf die hohen Türme zulief.
Ich sah mich weiter um. Auch wenn keine Magie mehr durch meine Adern gepumpt wurde, spürte ich, dass wir von Menschen umgeben waren. Personen, die keine Magie in sich trugen. Grundsätzlich war das kein Problem für mich, doch ich war mir sicher, dass den Menschen um uns herum auffallen würde, dass wir anders waren. Ich wusste nicht, wie viel die Menschen dieser Welt spüren konnten, doch wenn wir Pech hatten, würden sie uns als Gefahr wahrnehmen.
„Wir sind die Einzigen mit Flügeln“, sprach ich schliesslich aus, was mich bedrückte, als wir die Bäume hinter uns liessen und die Türme sich vor uns aufbauten.
„Das ist egal. Tu einfach so, als wäre das alles völlig normal, dann wirst du hier auch nicht auffallen. Die Menschen in New York haben schon verrücktere Dinge gesehen als eine Familie mit Flügeln.“
„Zum Beispiel?“
Mia blieb stehen und drehte sich zu mir um. Tränen glitzerten noch immer auf ihrem Gesicht, aber sie lächelte. Ein echtes Lächeln, nicht ganz so strahlend wie sonst, so wie ich es liebte, aber sie lächelte. Für einen Moment vergass ich all unsere Sorgen.
„Du würdest es mir sowieso nicht glauben.“
Wahrscheinlich hatte sie Recht. Trotzdem wollte ich mehr erfahren. Ich wollte Mia weiter so bezaubernd lächeln sehen.
„Wenn dich jemand fragt, sagst du einfach, dass du dich als deinen Lieblingscharakter verkleidet hast. Nenn es ein Cosplay.“
Ich wusste nicht, was Mia damit meinte, aber ich nickte. Mia schüttelte lächelnd den Kopf, als könnte sie nicht glauben, dass sie tatsächlich hier an diesem verrückten Ort war, der auf jemanden, der aus einer anderen Welt stammte, keinen guten ersten Eindruck machte.
Kaum hatten wir den Park verlassen, wurde alles noch schlimmer. Überall waren Menschen. Es war plötzlich noch lauter, noch stickiger, und viele Dinge, die ich sah, konnte ich mir nicht erklären.
Mia hängte sich bei mir ein und zog mich dann selbstbewusst in eine Strasse hinein. Erst als ich kurz zum Himmel hochsah, fiel mir auf, dass es eigentlich dunkel sein müsste. Es hätte Nacht sein sollen, aber hier war es so hell, dass ich mir nicht sicher sein konnte, ob es Tag oder Nacht war. Die Sterne konnte man an diesem Ort wahrscheinlich nie sehen.
Zum ersten Mal in Wochen hatte ich keine Hoffnung mehr.
Selbst während des Krieges hatte ich immer Hoffnung gehabt. Ich hatte von einer besseren Zukunft und einem ruhigen Leben mit meiner Familie geträumt. Diese Hoffnung hatte mir Mia geschenkt. Sie hatte die belastende, von meinen leiblichen Brüdern erzeugte Dunkelheit vertrieben und mir Hoffnung geschenkt.
Mia blieb plötzlich stehen. Sie sah zu mir hoch, ihre braunen Augen waren noch immer rot unterlaufen und aufgedunsen vom Weinen. Sie musterte mich. Wie so oft war ich mir nicht sicher, ob sie spüren konnte, was ich fühlte, oder ob sie gerade meine Gedanken las.
„Du musst nicht für immer hierbleiben. Wir werden wieder zurück nach Hause gehen. Versprochen.“ Kurz sah sie auf Luno und Stella hinunter, für die wir hier waren. Mia und ich mussten zurück nach Arela und für das, was ihr zustand, kämpfen, doch zuerst mussten wir unsere Kinder in Sicherheit bringen. „Irgendwann werden wir alle nach Hause zurückkehren.“
Ich nickte. Stella und Luno schliefen noch immer in meinen Armen.
Mia führte mich weiter durch das Chaos, das, wie ich nun realisierte, eine riesige Stadt war. Eine völlig chaotische Stadt, voller Verrückter, die nicht einmal bemerkten, dass wir keine Menschen waren.
Die Stadt gefiel mir nicht. All die Lichter, die Geräusche und die Gerüche überforderten mich, weshalb ich mich auf Mia konzentrierte und darüber nachdachte, was uns wohl erwartete, wenn wir nach Hause zurückkehrten. Arela stand kurz vor einem Bürgerkrieg, einem Bürgerkrieg, den wir verhindern mussten.
All die, die behaupteten, noch König oder Königin zu sein, obwohl wir alle wussten, wem dieser Titel eigentlich zustand, sammelten wahrscheinlich gerade ihre Kräfte und bereiteten ihre Armeen auf einen neuen Krieg vor. Alle, die zu gierig waren, um ihren Thron abzugeben, würden nun Jagd auf Mia machen. Damit auch auf mich und leider auch auf unsere Kinder. Ich konnte nur hoffen, dass unsere anderen Familienmitglieder in Sicherheit waren. Es beruhigte mich etwas, dass sie sich alle selbst verteidigen konnten.
Wir würden zurück nach Hause reisen, um den Krieg zu verhindern und die Jagd auf uns alle zu beenden. Gleichzeitig mussten wir aber auch die Edelsteine und die Krone finden, was vielleicht gar nicht möglich war.
Doch wir mussten es versuchen. Für unser Land und unsere Kinder.
Wieder sah ich Mia an. Meine Königin. Bald auch offizielle Königin von Arela.
Das machte mich dann wohl zum König. Noch fühlte sich der Gedanke fremd an, unwirklich. Egal, wie oft ich es mir durch den Kopf gehen liess, ich konnte mir einfach nicht vorstellen, mehr zu sein, nur weil mein Gegenstück die mächtigste Person Arelas war. Doch ich war bereit, die Rolle zu spielen, um Mia zu beschützen, auch wenn sie meinen Schutz nicht brauchte, und sie zu unterstützen. Ich hoffte nur, Mia würde auch mit ihrer neuen Rolle leben können. Noch vor wenigen Tagen hatte sie nicht nur mir, sondern auch Cory und Fiora gesagt, dass sie keine Königin sein wollte.
Stella und Luno wachten auf, als wir einen der Türme betraten. Mia führte uns durch das Gebäude, als wäre sie schon oft hier gewesen. Wir liefen in einen kleinen Raum hinein, der nur einen Ausgang hatte. Ein Metalltor fuhr aus den Wänden und blockierte den Ausgang. Mia blieb stehen und wartete, also machte ich es ihr nach. Dann bewegte sich plötzlich der ganze Raum. Wieder drückte ich unsere beiden Kinder an mich.
„Keine Angst“, sagte Mia. Sie wollte uns wohl alle beruhigen. „Wir sind in einem Fahrstuhl. Es ist alles gut.“
Noch ein Wort, das ich nicht kannte.
Der Raum bewegte sich noch einen Moment. Dann ging das Metalltor von selbst auf. Mia führte uns einen schmalen Flur entlang, bis wir vor einer Holztür stehen blieben.
„Sie wir ausflippen, wenn sie dich sieht“, murmelte Mia, bevor sie auf einen Knopf neben der Tür drückte. „Aber vielleicht weiss sie ja auch schon, dass wir kommen.“
Plötzlich wusste ich, wo wir waren und vor wessen Tür wir standen. Mia hatte mir von ihr erzählt.
Sophia, die von unserer Welt geträumt und Bücher über unsere Heimat geschrieben hatte. Dank ihr war Mia vor Monaten zurück nach Hause gekommen. Zurück zu mir.
Wir warteten lange. Mia drückte noch zwei Mal auf den Knopf, bevor ein Geräusch hinter der Tür zu hören war. Dann schwang sie langsam auf. Eine Frau, die mir seltsam bekannt vorkam, steckte ihren Kopf durch den Türspalt. Sie hatte ihre Augen nur halb geöffnet.
„Es ist mitten in der Nacht.“
„Ich weiss Sophia, aber das ist ein Notfall.“
Sophias Augen weiteten sich. Sie musterte Mia und brach dann zusammen.
1
Es gab nur einen Ort, an dem wir sicher waren, nur einen Ort, an dem sie uns nicht finden konnten. Deshalb hatten Archie und ich mit unseren beiden Kindern, die noch keine drei Monate alt waren, in eine andere Welt fliehen müssen.
In die Welt, in der ich geboren worden war, ich aber schon lange nicht mehr gehörte. In die Welt, in die ich vielleicht nie gehört hatte. Doch nun war diese Welt unsere Rettung.
Hier in dieser Welt waren unsere Kinder in Sicherheit. Hier würden sie nicht gejagt werden, während Archie und ich nach den Steinen und der Krone suchten.
Die Krone und die Steine würden mich zur Königin von Arela machen. Nicht nur, weil ich besonders gut darin war, etwas zu finden, sondern weil sie mir zustanden. Ich war das Mächtigste aller Wesen. Mir stand die Krone zu.
Zumindest behaupteten das viele wichtige Personen. Selbst war ich davon nicht ganz überzeugt.
Es gab nur zwei Dinge, von denen ich vollkommen überzeugt war.
Ich war bereit, alles zu tun, um meine Kinder zu beschützen, und wenn ich die Krone und die Edelsteine fand, wenn ich das Unmögliche vollbringen würde, stand mir die Krone auch wirklich zu. Dann hatte ich sie mir verdient und ich würde sie mit Stolz mein Leben lang tragen. Doch bis ich das Unmögliche vollbracht und mich selbst davon überzeugt hatte, dass ich die rechtmässige Königin war, tat ich, was getan werden musste, um einen Krieg zwischen den Königreichen zu verhindern.
Die Suche, die mich wahrscheinlich all meine Kräfte und Nerven kosten würde, begann damit, dass ich Sophia auf ihr Sofa zerrte.
Sophias Wohnung war noch genau so, wie ich sie in Erinnerung hatte. Auch New York war noch genau so, wie ich es in Erinnerung hatte. Irgendwie war es fast unheimlich, wie schnell ich mich anpassen konnte. Vor ein paar Minuten hatte ich noch in einer Welt gelebt, in der ich hatte fliegen können, und nun war ich mit dem Fahrstuhl gefahren, wie ein normaler Mensch.
Gerade als ich Sophia ein Glas Wasser holen wollte, blinzelte sie. Sofort kniete ich mich vor sie. Archie blieb hinter mir stehen. Unsere Kinder lagen noch immer in seinen Armen. Er hatte sie nicht mehr losgelassen. Er hatte nicht einmal gefragt, ob ich Stella oder Luno tragen wollte, seit wir unser Zuhause verlassen hatten. Er beschützte sie, weil ich das im Moment nicht tun konnte.
Während Sophia langsam erwachte, drehte ich mich kurz zu Archie um. Ich sah in seine grünen Augen. Archie sah nicht nur besorgt aus, er sah sich auch neugierig um. Ich konnte mir gar nicht vorstellen, wie irritierend diese Welt für ihn sein musste, schliesslich wusste er noch nicht einmal, was ein Fahrstuhl war.
„Mia?“
„Sophia? Wie geht es dir?“
Sophia antwortete nicht. Sie musterte mich und betrachtete die Flügel, die mich einrahmten. „Du hast Flügel.“
Bevor wir in diese Welt gereist waren, hatte ich nicht daran gedacht, meine Flügel verschwinden zu lassen, und jetzt konnte ich es nicht mehr tun. Tief in mir spürte ich zwar dieses Fünkchen Magie, aber das sparte ich mir für unsere Rückreise auf.
„Ich weiss.“
Plötzlich setzte sich Sophia auf. Sie richtete ihren Schlafanzug, dann fuhr sie sich durch die Haare und stand auf. Sofort stand ich auch auf, um sie aufzufangen, falls sie ein weiteres Mal zusammenbrach. Doch Sophia lief zielstrebig auf Archie und unsere Kinder zu.
„Du bist Archer.“
Archie nickte bloss. Sein Gesicht war zu Stein geworden. Keine einzige Emotion zeichnete sich darauf ab. Doch er klammerte sich angespannt an unsere Kinder.
„Ich bin Sophia“
Auch sie schien angespannt zu sein, aber auf eine ganz andere Art als Archie. Fast schon erinnerte sie mich an einen Teenager, der seinem Idol begegnete.
Archies sah Sophia an, dann lagen seine grünen Augen kurz auf mir, bevor er wieder Sophia musterte.
Sie ging einen Schritt zurück, womit wir wieder auf gleicher Höhe waren. Wir sahen Archie beide an, als sie mir etwas zuflüsterte. Sophias Stimme klang aufgeregt, auch wenn sie sehr leise sprach. „Er spricht wirklich nicht viel.“
„Kommt ganz auf den Tag an“, erwiderte ich.
Archies Augen lagen wieder auf mir, fast schon vorwurfsvoll sah er mich an. Sein Gesichtsausdruck zog an meinen Mundwinkel, aber erst Sophias Quicken brachte mich zum Grinsen. Für einen Moment waren all meine Sorgen vergessen.
„Ich wünschte mir, ich könnte diesen Blick einfangen. Wenn dich jemand so ansieht, dann weisst du, dass du deinen Seelenverwandten gefunden hast.“
Archies Gesicht, eine Mischung aus Verwirrung und Stolz, brachte mich zum Lachen. Sophia neben mir kicherte.
„In ihm habe ich mein Gegenstück gefunden.“
„Ich weiss“, sagte Sophia. Sie warf mir einen verträumten Blick zu. „Du bist ein Glückspilz. Habe ich dir das nicht schon einmal gesagt?“
„Kann gut sein.“
Unsere Blicke trafen sich. Sophia strahlte und ich konnte nicht anders, als zurückzulächeln.
Doch dann packte sie plötzlich meinen Arm und schüttelte mich. „Warte, träume ich oder passiert das hier wirklich? Ist das eine Art Spin-off?“
„Das hier ist echt“, sagte ich und drückte Sophias Hand, bevor sie wieder ohnmächtig wurde. „Ich bin wirklich zurückgekommen, nur bin ich dieses Mal nicht allein.“
Stella gab einen kleinen Laut von sich, als wollte sie sich auch an unserem Gespräch beteiligen. Offenbar fielen Sophia die beiden Babys in Archies Armen erst jetzt auf. Unsere Kinder mit den winzigen schwarzen Flügeln, den schwarzen Haaren und ihren farblich aufeinander abgestimmten Schlafanzügen.
Ich stellte mich neben Archie. „Das sind Stella und Luno. Unsere Kinder.“
Es war nicht ganz so intensiv wie sonst, aber ich war mir sicher, Wärme von Archie zu mir herüberschwappen zu spüren. Kurz sah ich hoch in seine Augen. Auch er musste für einen Moment all unsere Probleme vergessen haben.
Sophia sah uns mit offenem Mund an. „Eure Kinder?“
„Hast du etwa nicht von uns geträumt?“, fragte ich.
Sophia schüttelte den Kopf. „Ich habe das letzte Mal von Carrana und eurer Familie geträumt, bevor du mich besucht hast. Dann habe ich deine Geschichte verkauft und nun versuche ich mir selbst auszudenken, wie es weitergeht. Aber damit…? Damit habe ich nicht gerechnet.“
„Damit, dass ich Kinder habe oder dass ich nun Flügel auf meinem Rücken trage?“
Sophia schüttelte den Kopf. „Mit allem.“ Sie lachte. „Aber vor allem nicht mit Kindern. Du bist doch noch so jung und er ist…“
„Alt?“, fragte Archie.
„Älter?“, fragte ich gleichzeitig.
Sophia ging noch einen Schritt zurück. Sofort war ich wieder an ihrer Seite, aber sie brach nicht wieder zusammen. Archie hatte Sophia einfach nur überrascht. Offenbar hatte sie nicht geglaubt, dass er wirklich sprechen konnte.
„Du hättest ihn nicht daran erinnern sollen. Das Thema haben wir schon durch. Jetzt wird er es mir wieder vorhalten“, sagte ich zu Sophia. Ich grinste Archie an, der bloss den Kopf schüttelte. Kurz war ich mir sicher, seine Mundwinkel zucken zu sehen.
Lächle Archie, damit wirst du Sophia umbringen, dachte ich, aber da meine Magie hier so begrenzt war, hörte Archie nicht, was ich dachte.
„Er spricht?“, war alles, was Sophia sagte.
„Manchmal“, wiederholte ich.
Sophia hielt einen Moment inne. Sie dachte offenbar über etwas nach. Wahrscheinlich lies sie sich all die Dinge durch den Kopf gehen, die sie gerade erfahren hatte. Dann drehte sie sich so schnell zu mir um und packte meinen Arm, dass Archie einen Schritt auf uns zu machte, auch wenn er gar nichts für mich hätte tun können, mit unseren Kindern, die noch immer in seinen Armen schliefen.
„Warum seid ihr hier?“
Nun war ich es, die zusammenbrach. Ich musste mich setzen, um alles zu erklären. Sophia setzte sich neben mich. Archie stand mit unseren Kindern noch einen Moment über uns, bevor er sich neben mich setzte. Dann erzählte ich, mal ruhig, mal schluchzend und mal weinend, was in Arela vorgefallen war.
Während ich erzählte, wurden Luno und Stella unruhig. Vielleicht weil sie hungrig waren oder sie die Anspannung spürten. Archie lief mit ihnen durch den Raum, um sie zu beruhigen, während ich in ein paar letzten Sätzen zusammenfasste, wie wir nach New York gereist waren.
„Was wird nun passieren?“, fragte Sophia.
„Vorerst wahrscheinlich nicht viel“, antwortete Archie, was mich überraschte. Sophia neben mir zuckte sogar zusammen. Archie fiel das nicht auf, weil er mich ansah. „Weisst du noch, als ich dir erzählt habe, dass wir es alle gespürt haben, als du unsere Welt verlassen hast? Jedem der kein Mensch ist, wird wahrscheinlich, während wir miteinander sprechen, klar werden, dass du nicht mehr in Arela bist.“
„Du glaubst also, es wird erst eskalieren, wenn wir wieder dort sind?“
Archie nickte. „Hätte mich diese Stadt nicht völlig verwirrt, hätte ich schon früher daran gedacht.“
„Was wird passieren, wenn ihr wieder in Arela seid?“, fragte Sophia.
„Dann werden die Königspaare, die Mia tot sehen wollen, die jetzt wahrscheinlich wieder in ihren Königreichen sind, ihren Truppen befehlen, sich auf die Suche nach Mia zu machen, die nach den Steinen sucht. Gleichzeitig bedrohen sie das Königreich der Sterne, weil sie wissen, wie viel Mia ihre Heimat bedeutet und sie nun keine anderen Druckmittel mehr haben.“
Mir gefiel es nicht, dass das Königreich der Sterne, unser Zuhause, wegen mir in Gefahr war. Ich musste die Steine und die Krone finden, um einen Krieg zwischen den Königreichen zu verhindern. Um zu verhindern, dass die Könige, die mich tot sehen wollten, das Königreich der Sterne angriffen.
„Es wird Krieg geben?“, fragte Sophia. „Schon wieder?“
Offenbar hatte sie gut zugehört.
Archie schüttelte den Kopf. „Wir werden den Krieg verhindern.“
Ich drehte mich um und sah in Archies Augen, die mir so viel Kraft schenkten.
„Und wenn ihr den Krieg nicht verhindern könnt?“, fragte Sophia.
„Cory und Fiora haben sich mittlerweile wahrscheinlich schon mit dem Königreich des Wassers und dem Königreich der Luft verbündet. Sie sind nicht allein“, antwortete Archie. Sophia nickte, als wäre sie bei dem Gespräch mit den Königspaaren dabei gewesen. „Fiora und Cory werden versuchen, den Krieg so lange wie möglich hinauszuziehen. Wir müssen die Steine und die Krone einfach finden, bevor der Krieg ausbrechen kann. Arelas Soldaten sind noch nicht bereit, wieder in den Krieg zu ziehen.“
Ich hatte die Opfer gesehen. Einige von ihnen geheilt und andere bestattet. Mir war klar, wie sehr die Armeen der einzelnen Königreiche gelitten hatten. Ich konnte nicht zulassen, dass schon wieder Soldaten verletzt oder getötet wurden. Vor allem nicht wegen mir.
Wäre das mit Nerura nicht gewesen, hätte ich keinen Krieg gewollt. Nun durfte es zu keinem Krieg kommen. Wir mussten die Leute beschützen, die noch übrig waren. Wir mussten den Überlebenden das geben, was sie verdient hatten. Ein Leben in Frieden.
„Also ihr werdet zurück nach Arela reisen, die Steine und die Krone suchen und dich zur Königin machen, bevor ein weiterer Krieg ausbricht“, fasste Sophia zusammen. „Aber wie wollt ihr das anstellen? Weiss jemand, wo die Steine zu finden sind? Kann man irgendwo nachlesen, wie und wo man die Steine findet?“
„Nein, niemand weiss, wo die Steine oder die Krone zu finden sind. Wir werden das Unmögliche möglich machen müssen“, sagte Archie. „Wir müssen das Unauffindbare finden."
„Wahrscheinlich wird es noch komplizierter werden, als es sich anhört“, sagte ich.
Sophia schüttelte den Kopf. „Ihr beide tut mir wirklich leid.“ Kurz betrachtete sie uns beide. Dann lagen ihre Augen auf unseren Kindern. „Eure Kinder bleiben bei mir.“ Sophia sagte die Worte mit einer Überzeugung, die mir versicherte, dass sie die beiden Teile meines Herzens mit ihrem Leben beschützen würde. „Ihr könnt sie nicht mit auf diese gefährliche Reise nehmen. Sie können erst wieder in ihre Heimat zurück, wenn es dort sicher ist.“
Ich hob meine Hand, was Sophia zum Schweigen brachte. Erschrocken sah ich Archie an, der mir bloss zunickte. Er sah in mir bereits eine Königin, die ich noch nicht war.
„Wenn es dir nichts ausmacht, wären wir dir ewig dankbar, wenn wir unsere Kinder ein paar Tage hierlassen könnten.“
Dass wir vielleicht viel länger weg sein oder wir vielleicht gar nicht mehr zurückkommen könnten, sprach ich nicht aus. Wir dachten es sowieso alle. Als ich nochmals kurz Archie ansah, erkannte ich, dass der Stolz aus seinen Augen gewichen war.
Schon wieder mussten wir unsere Kinder zurücklassen. Schon wieder verliessen wir sie auf eine unbestimmte Zeit. Schon wieder riskierten wir unser Leben für unser Land.
„Ich werde so lange wie nötig auf die beiden aufpassen“, versicherte uns Sophia.
Archie legte unsere Kinder in Sophias Arme. Der Abschied stand kurz bevor. Es ging alles so schnell. Ich wollte nicht schon wieder gehen, doch die Zeit lief uns davon.
Ich versuchte nicht daran zu denken, dass Sophia von jetzt auf gleich lernen musste, sich um zwei Babys zu kümmern. Sie hatte keine Babysachen hier. Ich konnte nur hoffen, dass sie reich genug war, um schnell alles Nötige zu organisieren.
Archie liess seine leeren Arme fallen. Für einen Moment konnte ich in seinen Augen sehen, wie viel es ihn kostete, unsere Kinder in die Arme einer Fremden zu legen. Schnell griff ich nach seiner Hand, damit wir uns beide nicht mehr so leer fühlten.
„Danke. Du weisst gar nicht, wie sehr du uns damit hilfst“, sagte ich. Plötzlich hatte ich Tränen in den Augen.
„Wir werden dir nie genug dafür danken können“, murmelte Archie.
Sophias sah Archie an. „Wenn ich eure Geschichte aufschreiben darf, sind wir quitt.“
Archie und ich nickten sofort. „Schreib unsere Geschichte auf und hoffe, dass wir zurückkommen können, um dir das Ende zu erzählen.“
Sophia nickte ernst.
Dann warteten wir alle, dass jemand anderes den ersten Schritt machte. Archie und ich wollten noch nicht gehen. Sophia wollte sich noch nicht von uns verabschieden.
Plötzlich schoss mir ein Gedanke durch den Kopf.
„Archie, ich weiss, dafür haben wir eigentlich keine Zeit, aber wenn in Arela sowieso nichts passiert, bis sie meine Anwesenheit wieder spüren, könnten wir vielleicht nur einen Tag hierbleiben, um meine Eltern zu besuchen.“
2
Archie nickte sofort, auch wenn ich sehen konnte, dass er sich davor fürchtete, meine Eltern kennenzulernen.
„Ihr wollt nach Wien fliegen? Wirklich? Braucht ihr eure Kräfte nicht für andere Dinge?“, fragte Sophia. „In ein Flugzeug könnt ihr mit euren Flügeln sicher nicht steigen.“
Sophia hatte recht. Glücklicherweise hatte ich schon eine Idee, wie wir dieses Problem umgehen konnten. Ich sehnte mich danach, meine Eltern wiederzusehen, wie damals nach der Geburt meiner Kinder. Wenn alles nach Plan ging, würde ich nur ein einziges Mal zurück in diese Welt kommen, nämlich um unsere Kinder zu holen. Das hier war meine einzige Chance, sie noch einmal zu sehen. Der Brief, den ich vor nun mehr als einem Jahr geschrieben hatte, reichte mir plötzlich nicht mehr. Ich musste die beiden kurz sehen und mich persönlich von ihnen verabschieden.
„Was, wenn wir für eine Sekunde zurück nach Hause reisen und in der nächsten reisen wir weiter, zurück in diese Welt, nach Wien, wo meine Eltern leben?“
Archie überlegte kurz. „Das könnte funktionieren. Es wird alles so schnell gehen, dass wahrscheinlich niemand sicher sagen kann, ob du wirklich da warst.“
„Gut, dann lass es uns tun“, sagte ich.
Archie nickte.
Wieder waren wir an dem Punkt angelangt, an dem wir uns verabschieden mussten. Jetzt konnten wir es nicht länger hinauszögern. Wieder drückte ich einen Kuss auf Lunos Stirn, dann einen Kuss auf Stellas Stirn. Tränen flossen aber erst, als Archie mir das nachmachte.
„Pass gut auf die beiden auf“, sagte ich zu Sophia, der ich alles anvertraute, was mir wichtig war. Alles, was ich nicht selbst beschützen konnte.
„Das werde ich. Versprochen“, versicherte mir Sophia.
Ich versprach meinen Kindern still, dass wir zurückkommen würden. Dann stellte sich Archie neben mich und drückte meine Hand. Er schaffte es, die Tränen zurückzuhalten. Sein Gesicht war ernst, aber seine Hand in meiner zitterte.
„Wir sehen uns bald wieder.“
„Mit der Krone auf dem Kopf“, sagte Sophia. „Ich werde so lange auf die Prinzessin und den Prinzen aufpassen.“
Ich schaffte es, Sophia ein Lächeln zu schenken, bevor ich nochmals Stella und Luno ansah. Dann drehte ich mich zu Archie um, der sich mit einem Nicken stumm von unseren Kindern verabschiedete, bevor seine grünen Augen auf mir lagen. Wieder nickte er.
Kurz sah ich nochmals unsere Kinder an und musterte Sophia, die alles für sie tun würde, auch wenn wir uns eigentlich erst ein paar Tage kannten. Ein letztes Mal betrachtete ich meine Kinder. Ich vergoss eine letzte Träne, dann konzentrierte mich auf den Palast, in dem der König und die Königin des Feuers lebten.
***
Wir waren keine drei Sekunden in Arela, doch konnte ich spüren, wie meine Macht in dieser kurzen Zeit zurück in meinen Körper strömte. Meine Macht, die mir niemand nehmen konnte. Diese Macht nutzte ich, um mich auf den nächsten Schritt zu konzentrieren.
Fünf Sekunden nachdem wir uns von unseren Kindern verabschiedet hatten, landeten wir mitten im Wohnzimmer meiner Eltern, das noch genauso aussah, wie ich es in Erinnerung hatte. Die Strahlen der aufgehenden Sonne fielen durch die ordentlich geputzten Scheiben. Staub tanzte um uns herum, während mir klar wurde, dass wir gerade mehrere Zeitzonen übersprungen hatten, weshalb hier schon Morgen war und in New York noch Nacht.
„Wo sind wir in Arela zwischengelandet?“, fragte Archie.
Ich wischte mir die letzten Tränen von den Wangen, bevor ich Archie antworte. „Im Königreich des Feuers. Wenn meine Macht tatsächlich Spuren hinterlässt, wird es sie fast wahnsinnig machen, nicht zu wissen, wann und wie lange ich mich in ihrem Palast aufgehalten habe.“
Archie grinste, er war begeistert. Ich wollte sein Lächeln erwidern, fing aber stattdessen an zu weinen.
Archie merkte schnell, dass er mich dieses Mal nicht so einfach trösten konnte, deshalb zog er mich in eine lange Umarmung, die wir beide nötig hatten. Ich sprach nicht laut aus, was mir das Herz zerrissen. Ich sprach nicht über das Heimweh, das mich bereits plagte, und wie sehr ich unsere Kinder bereits vermisste, weil ich es nicht musste. Archie wusste, was mich quälte. Ihm ging es wie mir.
„Warum passieren uns all diese schrecklichen Dinge?“, fragte ich an Archies Brust.
Archie zog mich noch enger an sich. Stumme Schluchzer schüttelten auch ihn. „Oft passieren die schrecklichsten Dinge alle nacheinander. Darauf folgen meistens ein paar ruhige Jahrzehnte.“
„Können wir dafür sorgen, dass auf das hier ein paar ruhige Jahrhunderte folgen?“ Ich löste mich etwas von Archies und sah in seine grünen Augen voller Tränen hoch. Ich hielt den Anblick nicht aus. Schnell warf ich mich wieder in seine Arme.
„Zusammen werden wir dafür sorgen, das verspreche ich dir“, sagte Archie.
Es war ein Versprechen, das er mir eigentlich nicht geben konnte, aber es tat gut, die Worte zu hören. Damit versprach er mir immerhin, dass ich nicht allein war mit der unmöglichen Aufgabe, die vor mir lag.
„Dir macht es nichts aus, mich auf der Suche nach den Steinen und der Krone zu begleiten?“ Plötzlich fühlte ich mich schrecklich. Nur weil ich so mächtig war, war unser Leben so kompliziert. „Ich habe völlig vergessen, mit dir zu reden, weil ich zuerst an unsere Kinder gedacht habe. Ich habe einfach angenommen, dass du mich begleiten wirst. Ich wollte dich zu nichts zwingen. Wegen mir…“
Archie löste sich etwas von mir. Er legte seine Hand an mein Kinn, hob mein Gesicht und zwang mich, ihn anzusehen, weil ich es nicht wagte, in sein Gesicht zu sehen.
„Du trägst keine Schuld an dem, was passiert ist. Gier hat nicht nur Nerura, sondern auch unsere Heimat überfallen. Einige Könige und Königinnen wollen etwas, das du bekommen hast.“ Ich wollte nicht weiter in Archies Augen sehen, in denen ich so viel Schmerz sah, weil er gerade seine Kinder zurückgelassen hatte, und weil er selbst ohne diese Verbindung zwischen uns meinen Schmerz spüren konnte, so wie ich seinen Schmerz sehen und spüren konnte. „Die Macht ist bei dir in guten Händen, denn du möchtest Frieden. Du strebst nicht danach, immer mächtiger und mächtiger zu werden.“
„Das ändert aber nichts daran, dass ich dich in dieses ganze Drama mithineinziehe. Weil ich ich bin, weil das Schicksal uns zusammengebracht hat, kannst du keine normale Familie haben und nun riskierst du schon wieder dein Leben, um mir zu helfen.“
Aus einem mir unerfindlichen Grund breitete sich plötzlich ein schmales Lächeln auf Archies Gesicht aus. „Du hörst dich fast so an wie mein altes ich.“ Das Lächeln verschwand aus Archies Gesicht. „Du hast mir geholfen, den schweren Teil meiner Dunkelheit zu vertreiben, und jetzt helfe ich dir.“
Tatsächlich erinnerte ich mich selbst ein wenig an Archie. Ich konnte nun verstehen, wie es sich anfühlte, wenn man davon überzeugt war, nicht gut genug oder bloss Ballast für jemand anderen zu sein. Ich war ein Problem, das ich nicht allein lösen konnte.
„Bitte hilf mir nur, wenn du das auch möchtest. Nicht aus einem blöden Gefühl der Verpflichtung heraus, weil du denkst, du müsstest mir etwas zurückzahlen“, bat ich Archie, obwohl ich seine Hilfe dringend brauchte.
Ich wollte nicht, dass Archie mir half, weil er dachte, er müsste das für seine Königin tun. Ich wollte, dass er mir half, weil er das tun wollte, so wie ich ihm hatte helfen wollen.
„Ich helfe dir, weil ich dich liebe, Mia. Weil ich Arela liebe und unsere Kinder, die eine schöne Zukunft verdient haben. Ich helfe dir, weil du das Gleiche für mich getan hast.“
Archie küsste mich sanft. Strom floss durch meinen ganzen Körper.
„Wir stehen das alles zusammen durch.“ Archies Worte liessen mich kurz hoffen. Auf eine ferne Zukunft, in der alles gut war.
„Wenn wir endlich wieder zuhause sind, brauche ich dringend Ferien“, sagte ich.
Archie lachte überrascht. Ich grinste zufrieden. Es war schön, Archie Lachen zu hören.
Ein Teil von mir war noch immer davon überzeugt, dass ich ein Problem war, mit dem sich Archie herumschlagen musste. Doch seine Worte hatten mich etwas getröstet. Plötzlich wollte ich nicht mehr weinen. Es lag so viel Arbeit vor mir, vor uns. Mich selbst hassen konnte ich auch noch, wenn ich die Edelsteine und die Krone gefunden hatte.
„Ein paar Tage am Strand wären jetzt wirklich schön“, stimmte mir Archie zu.
Ich dachte an die Wochen nach der Zeremonie, die uns offiziell zu Gegenstücken gemacht hatte. An die ersten Ferien, die Archie in seinem über zweihundert Jahre langen Leben gemacht hatte. Ich stellte mir gerade vor, das erste Mal mit Stella und Luno baden zu gehen, als plötzlich jemand laut schrie.
Archie reagierte wie immer viel schneller als ich. Er schob mich hinter sich. Ich wusste, dass sein Messer in seiner Hand lag, auch ohne es zu sehen. Doch erst als ich einen weiteren erschrockenen Schrei hörte, fiel mir wieder ein, wo wir waren und wen Archie gerade mit einem Messer bedrohte. Sofort lief ich um Archie herum und stellte mich zwischen ihn und meine Eltern.
Meine Eltern, beide im Schlafanzug, hielten sich aneinander fest. Ihre Augen waren starr auf Archie, das Messer in seiner Hand und die Flügel, die ihn umrahmten, gerichtet. Dann sahen sie mich.
Meine Mutter, deren braune Augen und lockige Haare ich geerbt hatte, sah noch aus wie damals, als ich sie zum letzten Mal gesehen hatte. Sie hatte nicht eine Falte mehr.
Mein Vater dagegen war alt geworden. Die wenigen Haare auf seinem Kopf waren grau, nicht mehr schwarz. Seine blauen Augen hatten aber nicht an Glanz verloren. Ich fragte mich, ob er noch immer so schön singen konnte wie früher, als er mir jeden Abend vorgesungen hatte.
Plötzlich vermisste ich die beiden unglaublich, obwohl sie direkt vor mir standen.
„Mia?“, fragte meine Mutter schliesslich. Sie kam einen Schritt auf mich zu, dann fiel ihr Blick auf meine Flügel und sie blieb stehen.
Meinen Vater störten meine Flügel nicht. Er schob meine Mutter hinter sich und kam dann auf mich zu. Doch bevor er mich in den Arm nahm, musterte er Archie, der noch immer sein Messer in der Hand hielt, noch einmal.
Es fühlte sich so an, als wäre ich erst vor ein paar Tagen das letzte Mal hier gewesen. Zuerst umarmte ich meinen Vater lange, dann meine Mutter.
„Wo warst du?“, fragte mein Vater.
„Wer ist das?“, fragte meine Mutter gleichzeitig.
Ich stellte mich neben Archie. Kurz trafen sich unsere Blicke. Ich wollte meine Eltern nicht anlügen, konnte ihnen aber auch nicht die ganze Wahrheit erzählen.
„Das ist mein Ehemann. Arc…“
Archie war mein Name für ihn. Ich wollte nicht, dass ihn jemand anders so nannte. Archie sah mich irritiert an. Was ihn mehr verwirrte, dass ich ihn als meinen Mann vorstellte, oder mit dem Namen, den ich nie benutzte, wusste ich nicht.
„Dein Mann?“ Mein Vater musterte Archie noch einmal.
Meine Mutter auch, dann sah sie mich wieder an. „Wann habt ihr geheiratet?“
„Vor etwa einem Jahr.“
„Wo?“
Da erkannte ich den Schmerz in den Augen meiner Mutter. Sie war traurig und enttäuscht, weil ich sie nicht auf meine Hochzeit eingeladen hatte.
„Das ist eine lange Geschichte“, sagte ich.
„Wir haben Zeit“, erwiderte mein Vater.
Meine Mutter zeigte auf das Sofa. Die Stimmung war angespannt, als wir uns alle setzten. Archie und ich setzten aufs Sofa und meine Eltern auf ihre schwarzen Fernsehsessel. Dann begann ich zu erzählen. Meine Erzählung begann an dem Tag, an dem ich das Buch gekauft hatte, und endete mit der Gegenwart.
Kaum hatte ich meine Geschichte beendet, traf mich die Müdigkeit. Der Tag war so unendlich lange gewesen und er war noch nicht vorbei. Dass wir noch vor Stunden glücklich und zufrieden in Arela gelebt hatten, war jetzt unvorstellbar.
Wie nach einer Präsentation in der Schule wartete ich auf Fragen. Doch anstatt Fragen zu stellen, stand meine Mutter auf und lief aus dem Raum hinaus. Wir sahen ihr alle nach.
„Sie glaubt, ich habe mir das alles nur ausgedacht“, sprach ich laut aus, was ich dachte. Meine Stimme brach. Sofort lag Archies Hand an meinem Rücken. Mein Vater beobachtete Archies Bewegungen genau, dann lehnte er sich zu mir herüber, nahm meine Hand in seine und tätschelte sie beruhigend.
„Deine Mutter braucht vielleicht nur ein Glas Wasser. Mach dir keine Sorgen, so etwas Verrücktes kann sich niemand ausdenken. Ausserdem trägst du den besten Beweis für deine Geschichte auf deinem Rücken.“
Plötzlich war ich froh, dass ich meine Flügel nicht hatte verschwinden lassen. So hatten wir einen echten Beweis für unsere Geschichte.
Mein Vater tätschelte noch immer meine Hand. Ein breites, glückliches Lächeln lag auf seinen Lippen. „Luno und Stella. Die Namen gefallen mir.“
Sofort bereute ich es, unsere Kinder bei Sophia gelassen zu haben. Leider hatten wir keine Zeit, um sie hierherzuholen. Ausserdem wusste ich nicht, ob ich einen weiteren Abschied ertragen konnte.
„Sie haben auch Flügel?“
Ich beantwortete die Frage meines Vaters mit einem Nicken. Doch er sah nicht mehr mich an, sondern Archie, der auch nickte und dabei tatsächlich zum ersten Mal jemanden anlächelte, der ihm noch fremd war.
„Du liebst sie?“, fragte mein Vater. Die ersten Worte, die er direkt an Archie richtete.
„Ja. Meine Kinder und Mia sind alles für mich.“
Wärme breite sich in mir aus. Ich lehnte mich in Archies Berührung hinein.
Die blauen Augen meines Vaters lagen auf mir. Dann wieder auf Archie. Scheinbar zufrieden lehnte sich mein Vater in seinem Stuhl zurück. Doch er schreckte sofort wieder hoch, als meine Mutter einen Moment später mit etwas, was aussah wie eine Schuhschachtel, in den Händen zurück ins Wohnzimmer kam. Sie setzte sich neben mich aufs Sofa. Ich rückte noch näher an Archie heran, damit meine Mutter genug Platz hatte.
„Ich glaube, du hast gerade das Rätsel um unser Familienerbstück gelöst.“
Noch bevor ich meine Mutter fragen konnte, was sie damit meinte, hob sie den Deckel von der Schuhschachtel. Sie warf ihn zu Seite und nahm mit zitternden Händen eine wunderschöne, im Sonnenlicht golden funkelnde Krone aus der Schachtel.
3
Archie gab einen Laut von sich, als würde er an Luft ersticken.
Sofort drehte ich mich zu ihm um, die Krone vergessen. Glücklicherweise erstickte Archie nicht wirklich, aber er stand unter Schock.
„Ich habe die Krone damals von meiner Mutter zu unserer Hochzeit geschenkt bekommen“, erklärte meine Mutter. Plötzlich erinnerte ich mich an das Hochzeitsbild, das nur einen Raum weiter in der Küche hing. Ich sah das üppige Kleid meiner Mutter vor mir, mit dem Schleier, der ein wunderschönes goldenes Band auf ihrem Kopf fast vollkommen verdeckte. „Deine Grossmutter hat sie bereits zu ihrer Hochzeit getragen und davor ihre Mutter und so weiter. Ich wollte sie dir zu deiner Hochzeit schenken.“
Meine Mutter machte mir keinen Vorwurf, doch konnte ich aus ihren Worten heraushören, dass sie traurig war, weil sie meine Hochzeit verpasst hatte. Vorsichtig legte sie die Krone zurück in die Schachtel. Dann hob sie die Schachtel samt Inhalt hoch und drückte sie in meine Hände. Noch bevor ich etwas sagen konnte, sass meine Mutter wieder in ihrem Sessel.
Viel vorsichtiger als sie zuvor die Schachtel gehalten hatte, stellte ich sie auf meine Beine und hob die Krone aus der Schachtel. Das Metall war kalt und glatt.
Ich sah mir die Krone genau an. Eigentlich war es mehr ein goldenes Band als eine Krone. Das Band war überzogen mit etwas, das aussah wie feine Ästchen aus purem Gold. An manchen Stellen gingen diese Ästchen über das Band hinaus und formten kleine Blumen. Sechs kaum zu erkennende Platzhalter für sechs fehlende Edelsteine konnte ich unter meinen Daumen spüren, als ich mit dem Finger über die goldenen Ästchen strich. Wir hatten die Krone tatsächlich gefunden. Nun fehlten uns nur noch die Edelsteine, die die Königreiche von Arela repräsentierten.
„Das ist sie“, sagte Archie leise. „Genau so wird sie in den alten Geschichten beschrieben.“ Er legte seinen Arm um meine Schultern. Mit zittrigen Fingern zeigte er auf die Krone. Er wagte es nicht, sie zu berühren. „Das, was aussieht wie Gebüsch, soll den Zusammenhalt der verschiedenen Territorien darstellen.“ Archie sprach in Anwesenheit der Krone, nicht mehr von sechs Königreichen. „Solange die Territorien ein Land bilden, kann das Leben auf Arela blühen. Darum die Blumen. Wir sind dem Frieden gerade ein Stückchen nähergekommen.“
Fast wäre ich wieder in Tränen ausgebrochen. Jetzt musste es nur noch so einfach sein, die sechs Steine zu finden.
Vorsichtig legte ich die Krone zurück in die Schachtel. Dann griff ich nach dem Deckel. Ich legte meine Hände auf die Schachtel, um mich davon zu überzeugen, dass die Krone nun in meinem Besitz war und ich nicht träumte.
„Wie kam es dazu, dass diese Krone ein Familienerbstück wurde?“
Meine Mutter holte einmal tief Luft, bevor sie sprach. „So genau weiss ich das leider nicht. Ich kann bloss Vermutungen anstellen, nachdem wir deine Geschichte gehört haben.“
„Erzähl mir alles, was du weisst, egal wie verrückt es ist“, forderte ich.
Lange sah ich meiner Mutter in die Augen, die wir uns teilten. Augen, die nichts über unsere Herkunft verrieten.
„Während du über dein Leben gesprochen hast, habe ich mich an so einige Geschichten erinnert, die mir meine Grossmutter als Kind erzählt hat. Oft hat sie mir von Engeln mit schwarzen Flügeln, die an einem Ort voller Sterne leben, erzählt. Manchmal, wenn es mir nicht so gut ging, erzählte sie mir von Engeln mit weissen Flügeln, die jede Krankheit heilen konnten. Manchmal erzählte sie mir aber auch von Menschen, die in Bergen wohnten. Menschen, die leuchten wie die Sonne. Menschen, die den Regen herbeirufen konnten, und von einem Land voller Vulkane. Immer, wenn ich sie besucht habe, hat sie mir eine neue Geschichte erzählt.“
Kurz liess ich mir das alles durch den Kopf gehen. „Warum hast du mir nie eine solche Geschichte erzählt?“
Meine Mutter schüttelte den Kopf. „Als Kind fand ich sie unheimlich. Dann muss ich sie irgendwann vergessen haben, da mir die Geschichten nie besonders gefallen haben. Sie sind mir gerade erst wieder eingefallen.“
Hätte sie mir als Kind all diese Geschichten erzählt, hätte mich die Welt, die ich nun mein Zuhause nannte, wahrscheinlich nicht so sehr überrascht. Doch so etwas wie Gute-Nacht-Geschichten hatten mir meine Eltern nie erzählt. Ich war immer in den Schlaf gesungen worden. Meine Mutter liebte mich, doch mein Vater hatte mich immer ins Bett gebracht. Er hatte mich in den Schlaf gesungen und mir durch die vielen Lieder, die er mir vorgesungen hatte, Geschichten erzählt.
„Meine Urgrossmutter hat nie erwähnt, woher die Geschichten stammen oder wer sie ihr erzählt hat?“, fragte ich.
„Nein, und wenn doch, kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich kann mich auch nur an Bruchstücke der Geschichten erinnern. Die Bruchstücke und die Krone sind alles, was ich habe.“
Das war schon mehr als genug. Mehr als ich mir jemals hätte wünschen können, als ich die Idee gehabt hatte, meine Eltern ein letztes Mal zu besuchen. Eigentlich war ich nur hierhergekommen, um mich richtig von ihnen zu verabschieden. Nun wusste ich plötzlich, dass die Verbindung zu dieser anderen Welt über Generationen zurückreichte. Noch dazu hatte ich etwas gefunden, was nicht auffindbar war.
„Könntet ihr von der letzten Königin Arelas abstammen?“, fragte Archie in die Stille hinein. Daran hatte ich noch gar nicht gedacht, aber jetzt, da er es ausgesprochen hatte, machte es plötzlich Sinn. Ich sah meine Mutter fragend an.
„Ich habe mich nie für Ahnenforschung interessiert. Ich weiss nur, dass meine Grossmutter aus dieser Region hier stammt. Sie hat mir neben all den Gruselgeschichten auch vom Bauernhof erzählt, auf dem sie aufgewachsen ist.“
Damit war das Thema für mich gegessen. Doch Archie verfolgte seine Theorie weiter.
„Theoretisch wäre es also möglich, dass zumindest ein Teil von dir aus meiner Welt stammt. Wenn wir in Menschenleben rechnen, müssen mehr als nur vier Generationen zwischen dir und der letzten Königin Arelas liegen. Ich habe die letzte Königin schliesslich auch nicht gekannt. Ich bin lange nach ihrer Zeit aufgewachsen. Das Königreich der Sterne hat für mich schon immer existiert und wurde bis vor ein paar Jahren von Corys Mutter regiert“, erklärte Archie.
Wenn ich sehr grosszügig aufrundete, bedeutete das, dass, wenn meine Mutter und ich irgendwie von der letzten Königin Arelas abstammten, diese Vorfahrin wohl irgendwann im Mittelalter diese Welt besucht hatte.
Kurz schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass mir erzählt worden war, dass die letzte Königin von Arela ein Mensch gewesen war. Ein Mensch ohne Magie. Das konnte aber nicht stimmen, wenn ich tatsächlich von der letzten Königin Arelas abstammte. Die letzte Königin Arelas musste zumindest ein bisschen Magie in sich getragen haben.
Hätte ich die Krone nicht auf meinen Beinen balanciert, hätte ich vielleicht eine andere magische Person aus Arela für meine Kräfte und die Fähigkeit, zwischen Welten zu reisen, verantwortlich gemacht. Die Krone, unser Familienerbstück, überzeugte mich aber davon, dass ich nicht von irgendjemand abstammte, sondern von jemand Mächtigem, der die Krone Arelas getragen hatte.
Mein Vater, der wahrscheinlich nichts mit dem Genmaterial zu tun hatte, das mich in diese Situation gebracht hatte, sah Archie verwundert an. „Was genau meinst du mit Menschenleben?“
Archies Hand an meinem Rücken zitterte plötzlich leicht. „Ein Menschenleben ist die geschätzte Anzahl Jahre, die ein Mensch leben kann. Weil wir viel länger leben, fasse ich die Zeit manchmal in Menschenleben zusammen.“
Archie war sich sicher, dass ich nicht wie ein normaler Mensch altern würde. Wir wussten nicht genau, wie alt ich werden konnte. Wir vermuteten bloss, dass ich älter werden konnte als ein normaler Mensch, weil ich so viel Magie in mir trug. Ausserdem hatte mir Archie durch die Zeremonie, die uns beide offiziell zu Gegenstücken gemacht hatte, die Hälfte seiner Lebenszeit geschenkt, um uns noch viele gemeinsame Jahre zu ermöglichen.
Zum ersten Mal sprach meine Mutter nun direkt Archie an. „Wollen wir wissen, wie alt du bist?“
Ich versuchte, so unauffällig wie möglich den Kopf zu schütteln, und hoffte, dass meine Eltern begriffen, dass sie das Thema wechseln sollten. Leider sah mich weder meine Mutter noch mein Vater an.
„Ich bin…“ Archie zögerte. „Ich bin viel älter als ihr alle.“
„Ist doch egal, wie alt Archie ist. Können wir wieder darüber sprechen, dass wir vielleicht von der letzten Königin Arelas abstammen“, sagte ich. Dabei sah ich meine Mutter an und hoffte, dass sie endlich begriff, dass ich das Thema wechseln wollte. „Hast du denn nie ein Funken Magie in dir gespürt?“
Leider hörte mir niemand zu.
Mein Vater grinste. „Es ist nicht wichtig, wie alt er ist, aber es interessiert mich. Wie viel Jahre älter als wir bist du, Arc?“
Archie überlegte kurz, kam dann aber zum Schluss, dass es keinen Sinn hatte, länger um den heissen Brei herumzureden, und sprach es einfach aus. „Ich bin etwa zweihundert Jahre älter als Mia.“
Auf Archies Worte folgte Stille. Eine unheimliche Stille.
„Ich hätte dich älter geschätzt“, sagte mein Vater schliesslich. Er lachte laut, womit er das Eis endgültig brach. Wir alle lachten mit ihm.
„Also gut, wir stammen also von einer Königin ab, die ein Land regiert hat, das in einer anderen Welt liegt, in das du zurückkehren musst?“, fasste meine Mutter schliesslich zusammen, als wir uns alle wieder beruhigt hatten.
„Es würde erklären, warum die Krone ein Familienerbstück ist und woher meine Magie kommt. Selbst wenn behauptet wird, dass die letzte Königin ein Mensch war, stammen wir wahrscheinlich von ihr ab. Sie kann nicht ganz Mensch gewesen sein, wenn sie wirklich in diese Welt gereist ist, und hier eine Familie gegründet hat“, sagte ich. Damit hatte ich wohl alles aufgezählt, was wir vor einer halben Stunde noch nicht gewusst hatten. „Wir werden nach Hause zurückreisen und einen Krieg verhindern. Die Krone wird uns dabei helfen.“
Kurz sahen meine Eltern mich traurig an, weil sie wussten, dass ich, sobald ich den Krieg verhindert hatte, diese Welt nie wieder betreten würde. Wieder war es einen Moment still. Dieses Mal war die Stille noch unangenehmer und viel bedrückender als zuvor.
Meine Mutter war es, die die Stille brach. „Du tust das Richtige.“ Sie griff nach der Hand meines Vaters. „Du gehörst nicht mehr hierher, du gehörst in diese andere Welt.“
Genau das tat ich, selbst wenn es sich plötzlich komisch anfühlte, das zuzugeben.
„Du wirst bestimmt eine grossartige Königin sein“, sagte mein Vater. Nun war ich schon wieder kurz davor, in Tränen auszubrechen. Mein Vater sah Archie an, der in seinem Leben viel zu wenig Komplimente bekommen hatte. „Du wirst ein grossartiger König sein.“
Archie zuckte zusammen. Ich war mir sicher, spüren zu können, wie sehr ihn die Worte überrascht hatten. Dann spürte ich die Wärme, die von ihm ausging.
Während Tränen meine Wangen hinunterliefen, versuchte ich meinem Vater still zu danken. Dafür, dass er es geschafft hatte, Archie eine Freude zu machen.
„Danke“, sagte Archie schliesslich aufrichtig. Dann sah er mich an. „Warum weinst du, es ist doch alles gut?“
Ich schluchzte laut und fuchtelte dabei wild mit den Händen, weil ich nicht wusste, wie ich es erklären sollte. „Freudentränen.“
Wieder lachten wir alle.
Irgendwann stand meine Mutter plötzlich auf. „Ihr habt bestimmt schon lange nichts mehr Richtiges gegessen und etwas Schlaf würde euch sicher auch nicht schaden, bevor ihr zurück nach Arela reist.“
***
Kurz darauf sassen wir alle am Küchentisch und frühstückten gemeinsam. Vor uns stand alles, was man sich wünschen konnte. Brot, Marmelade, Eier, Speck und noch so viel mehr. Doch noch besser als das Essen war Archie dabei zu beobachten, wie er versuchte, aus der Küche voller elektrischer Geräte schlau zu werden.
„Eure Kinder sind also in New York bei dieser Autorin?“, fragte mein Vater, als er in ein Marmeladenbrot biss.
Archie und ich nickten beide mit vollem Mund.
„Diese Autorin spricht Englisch?“ Nun nickte nur ich. „Jetzt sprechen wir Deutsch. Was genau sprecht ihr in Arela?“
Darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Selbst jetzt konnte ich mich nicht daran erinnern, wie ich zuhause redete. Vielleicht eine Mischung aus beiden Sprachen oder vielleicht auch eine ganz eigene Sprache.
„Ich weiss es nicht“, gab ich schliesslich zu. „In Arela gibt es nur eine Sprache, doch das ist weder Deutsch noch Englisch.“
Archie sah mich verwirrt an. „Wenn ihr nicht alle die gleiche Sprache sprecht, wie kann ich euch dann verstehen?“
Archie musste so etwas wie einen eingebauten Übersetzter haben oder die Magie übersetzte für ihn. Nun sprach er Deutsch, aber zuvor hatte er mit Sophia Englisch gesprochen. Daran konnte ich mich noch erinnern, nur war mir das zuvor nicht aufgefallen. Ich zerbrach mir den Kopf darüber, wie wir zuhause sprachen, aber ich konnte mich einfach nicht daran erinnern.
„Die Magie, die ihr in euch tragt, muss wie ein magischer Übersetzer funktionieren“, sprach mein Vater aus, was ich zuvor gedacht hatte.
Weil wir keine andere Erklärung fanden, einigten wir uns darauf.
Nach dem Essen führten uns meine Eltern hinauf in mein altes Schlafzimmer. Es war noch so, wie ich es zurückgelassen hatte. Nur lagen ein paar Dinge von meiner alten Wohnung in meinem Zimmer herum, die ich nicht hierhergebracht hatte. Ich hatte keine Zeit, mir all die Dinge anzusehen. Wir hatten uns darauf geeinigt, uns ein bisschen auszuruhen, da wir die Krone schon gefunden hatten und somit dem Frieden schon ein Stückchen näher waren. Mehr Zeit wollten wir aber nicht verschwenden. Ich ging auf das Bett zu, legte mich hin und war schon fast eingeschlafen, als Archie sich neben mich legte.
„Deine Eltern sind toll“, flüsterte er in mein Ohr. „Du weisst gar nicht, wie glücklich es mich macht, dass du mit einer solchen Familie aufgewachsen bist.“
Ich rückte näher an Archie heran, schlang meinen Arm um ihn und drückte ihn an mich. Dann sah ich hinauf in seine Augen.
„Ich liebe dich.“
Archie lächelte mich an und küsste mich dann sanft, bevor er seinen Kopf auf das Kissen legte. „Ich liebe dich auch. Schlaf gut. Morgen haben wir viel vor.“
***
Als ich erwachte, war es nicht Morgen, sondern Abend. Archie war bereits wach und durchsuchte meinen alten Kleiderschrank. Als er bemerkte, dass ich ihn dabei beobachtete, hielt er mir eine Jeans hin.
„Bis wir richtige Kleidung finden, ist das hier besser als das Kleid, das du trägst, obwohl ich dich wirklich gerne in dem Kleid sehe.“
Ich stand auf, riss ihm die Jeans und eines meiner schwarzen T-Shirts aus der Hand und zog mich um. Auch wenn ich Archie nicht ansah, wusste ich, dass er mich dabei beobachtete. Erst als ich mich umgezogen hatte, fiel mir ein, dass ich eigentlich duschen wollte. Doch als ich eine Dusche vorschlagen wollte, klopfte es an der Tür.
„Es wird Zeit“, sagte Archie. Ich nahm seine Hand, die Dusche vergessen.
Mein Vater, der an die Tür geklopft hatte, führte uns nun ins Wohnzimmer hinunter. Gleich musste ich mich von ihm verabschieden. Doch zuerst musste ich meinen Eltern noch ein paar Fragen beantworten.
„Du hast gesagt, die Zwillinge wären in New York?“, fragte meine Mutter.
Ich nickte.
„Wie lautet die Adresse?“, fragte mein Vater mit einem Lächeln im Gesicht. „Nur falls wir sie kurz besuchen wollten.“
Mein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, als ich daran dachte, dass ich nicht dabei sein konnte, wenn meine Eltern meine Kinder kennenlernten. Leider hatte ich nicht die Zeit, mit ihnen um die halbe Welt zu fliegen, und auch nicht die Kraft, mich von meinen Eltern und meinen Kindern gleichzeitig zu verabschieden.
Ich gab meinen Eltern die Adresse, damit sie unsere kleinen Engel kennenlernen konnten, während Archie und ich versuchten, ihre Heimat zu retten.
Dann musste ich mich von meinen Eltern verabschieden. Meine Mutter hielt die Schachtel mit der Krone in der Hand. Sie hatte für mich auf sie aufgepasst, während wir geschlafen hatten. Hinter uns verabschiedete sich mein Vater von Archie. Ich hörte nicht, worüber sie sprachen, weil ich mich auf meine Mutter konzentrierte.
„Heute Morgen habe ich dir eine Frage nicht beantwortet. Ich glaube nicht, dass ich auch Magie in mir trage. Vielleicht, weil ich nicht weiss, wie sich Magie anfühlt. Vielleicht habe ich einmal Magie in mir getragen, aber ich habe vergessen, wie sie sich anfühlt, weil ich sie an dich weitergeben habe“, sagte meine Mutter.
Kurz dachte ich darüber nach, wie Recht sie damit wahrscheinlich hatte. Schliesslich hatte ich mich meine ganze Schwangerschaft lang davor gefürchtet, meine Magie an meine Kinder zu verlieren.
„Ich wünschte, ich könnte dir etwas Magie schenken, damit du das Land besuchen kannst, aus dem unsere Vorfahren stammen“, sagte ich.
Meine Mutter lächelte mich an. Plötzlich brannten Tränen in meinen Augen. Ich hatte einen Kloss im Hals.
„Du brauchst die Magie mehr als ich. Erschaffe etwas Gutes mit ihr.“
„Das werde ich“, versprach ich. Meine Mutter drückte mir die Schachtel mit der Krone in die Hände. Kurz hielten wir sie beide. Dann liess meine Mutter los. Nun gehörte das Erbstück mir.
„Ich wäre gerne bei eurer Hochzeit dabei gewesen, ich hätte gerne mit euch euer Glück gefeiert“, sagte meine Mutter. Auch wenn meine Eltern nun von der Gegenstückszermonie wussten, redeten sie weiter von einer Hochzeit. Ich spielte einfach mit.
„Ich hätte euch gerne dabei gehabt. Ich wollte euch nie verlassen. Ich möchte euch auch jetzt nicht verlassen.“
„Denk einfach an uns, dann werden wir immer bei dir sein.“
Nun liefen mir wieder Tränen über die Wangen. „Tut mir leid, dass ich einfach gegangen bin.“
Meine Mutter zog mich in eine weitere Umarmung. „Du hast das Richtige getan. Jede Mutter wünscht sich, dass ihr Kind glücklich ist. Selbst wenn du gerade eine harte Zeit durchmachst, weiss ich, dass du glücklich bist. Mit Arc, mit deinen Kindern. Du musst dich für nichts entschuldigen, nicht solange du glücklich bist.“
Mit diesen Worten liess mich meine Mutter los. Nun weinte auch sie.
„Vergesst mich nicht“, murmelte ich.
„Könnten wir nie.“ Die Hand meiner Mutter lag kurz an meiner Wange. „Wir werden immer miteinander verbunden sein, selbst wenn uns Welten voneinander trennen.“
Ich nickte, dann drehte ich mich um. Archie schaffte es gerade noch, die Schachtel mit der Krone an sich zu reissen, bevor ich sie fallen liess, um meine Arme um meinen Vater zu legen.
„Passt gut aufeinander auf“, flüsterte mein Vater mir ins Ohr.
„Das werden wir.“
Mein Vater liess mich los, sah mich aber noch immer an. „Versprichst du mir etwas?“
„Alles.“
Kurz lächelte er, bevor ich zum ersten Mal in meinem Leben sah, wie sich Tränen in seinen Augen formten. „Erinnerst du dich noch an all die Lieder, die ich früher immer für dich gesungen habe?“
„An jedes Einzelne“, antwortete ich.
Mein Vater strahlte. „Dann versprich mir, dass du sie für sie singen wirst. Für deine kleine Familie.“
„Versprochen.“ An kein Versprechen würde ich mich lieber halten.
Nun konnte ich kaum noch sprechen. Schluchzer schüttelten meinen Körper. Archie legte seinen Arm um mich.
„Ich weiss jetzt, wer dir das Entenlied beigebracht hat“, sagte er.
Archie grinste seinen Schwiegervater an. Mein Vater erwiderte sein Grinsen. Dann sah mich mein Vater an und schenkte mir ein Lächeln. Er sah glücklich aus, als hätte ich sein Versprechen schon erfüllt.
Alle weinten, als ich die Schachtel packte und mich an Archie klammerte, bereit unsere Reise anzutreten. Ein Gedanke und wir waren in Arela, doch zuerst musste ich meine Eltern nochmals ansehen.
Ich musste nochmals in die Augen sehen, die ich mit meiner Mutter teilte, und die Stimme meines Vaters hören, die mich so oft in den Schlaf gesungen hatte.
„Gute Reise“, sagte meine Mutter.
„Passt auf euch auf“, sagte mein Vater.
Ich nickte zum Abschied. Dann schloss ich meine Augen und dachte an meine Welt. Mein Land. Mein Zuhause.
4
Wir konnten es nicht riskieren, nach Hause zu reisen. Nicht direkt.
Arela war unser Zuhause, aber das Königreich der Sterne, das Haus am Meer, war der Ort, an dem wir uns sicher fühlten. Der Ort, wo wir unser Leben verbringen wollten. Der Ort, an den wir zurückkehren wollten, wenn all das hier vorbei war. Leider konnte ich uns jetzt nicht dahin bringen. Nicht, wenn früher oder später jeder bemerken würde, dass ich zurück in Arela war.
Ich brachte uns also so nahe wie möglich an Zuhause. Wir landeten im Grenzgebiet, mitten im Gebirge, in der Nähe des Gefängnisses, in dem ich so sehr gelitten hatte.
Während meine Kräfte zurück in meinen Körper strömten und sich meine Macht in mir bemerkbar machte, drehte ich mich um. Mittlerweile kannte ich die Sterne, die über uns leuchteten. Ich wusste, in welche Richtung ich sehen musste, um nach Norden zu blicken. Kurz stellte ich mir vor, von zu Hause aus den Sternenhimmel zu betrachten, und nicht aus einem Königreich, dessen Königspaar mich im Moment nicht besonders mochte.
„Wieso sind wir hier gelandet?“, fragte Archie und holte mich damit in die Realität zurück.
„Weil sie mich hier am wenigsten erwarten“, antwortete ich.
Archie sah sich um. Vielleicht hatte er das zuvor auch schon getan.