Die Könige des Verbrechens - No Mans Land - MacKenzie W. - E-Book

Die Könige des Verbrechens - No Mans Land E-Book

MacKenzie W.

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Beschreibung

Obwohl Wilhelmina zurück nach Hause sollte, ist sie geblieben. Nicht für immer, sie wird irgendwann zurückgehen. Davon versucht sie sich zumindest zu überzeugen. Im Moment kann sie ihr neues, aufregendes Leben, die offenen Fragen und Prinzessin einfach noch nicht zurücklassen. Doch der Besuch in No Mans Land, dem Stadtviertel, das sonst niemand freiwillig betritt, verändert wieder alles. Sie muss etwas tun, womit sie eine weitere Grenze überschreitet. Während sie versucht, damit klarzukommen, hinterfragt sie alles. Hätte sie etwas anders machen müssen, um ein Leben zu retten? Kann sie dieses Leben weiterhin führen? Warum ist sie nicht einfach nach Hause gegangen? Was ist Boss Ziel? Wird sie von ihm jemals die ganze Wahrheit erfahren? Ist Prinzessin der Richtige? Was bedeutet der seltsame Traum, der die Albträume vertreibt? Rache hält sie am Leben. Doch was passiert, wenn sie Rache genommen hat und das Leben weitergeht?

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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MacKenzie W.

Die Könige des Verbrechens - No Mans Land

Inhaltsverzeichnis

Impressum

1

In unserer kleinen Welt voller Krimineller bin ich nur eine einfache Diebin mit einer glamourösen Vergangenheit.

Meine Vergangenheit kann mir leider nicht das Leben retten, wenn ich von einem der Dächer der Häuser in den Plots falle, auf denen ich mich gerade befinde. Prinzessin ist direkt hinter mir. Er drängt mich, schneller zu laufen, obwohl ich mich schon so kaum mehr auf den noch rutschigen Dächern halten kann.

Es hat den ganzen Tag geregnet, nun hängen die Wolken tief über dem Stadtteil, der meine vorübergehende Heimat ist. Die schmutzigen, dunklen Häuser, in denen fragwürdige Dinge getan und geplant werden, liegen direkt unter meinen Füssen.

Ich könnte jederzeit den Halt verlieren und in den Tod stürzen. Dann würden meine Eltern nie erfahren, wo ich bin, was ich in den letzten Wochen und Monaten getan habe und wie sehr ich mich verändert habe, obwohl ich doch noch immer die gleiche Person bin, die irgendwann zurückkehren wird, um das Leben zu leben, für das sie geboren wurde.

„Klettre die Leiter da hoch. Oben in den Wolken können sie uns nicht sehen.“

Die Leiter, von der Prinzessin spricht, ist so etwas Ähnliches wie eine alte Feuerwehrleiter, die ich nur aus Filmen kenne. Sie führt ein altes Haus hinauf, das man offenbar einfach auf ein anderes Haus draufgebaut hat. Das Haus überragt die meisten hier in der Gegend. Es reicht bis hoch in die Wolken.

Als ich die erste Stufe der rostigen, quietschenden Leiter berühre, bereue ich, dass ich dieser Nacht-und-Nebel-Aktion zugestimmt habe. Doch jetzt sind wir hier, und wenn ich stehen bleibe, wird gleich wieder auf uns geschossen werden.

„Hoch, hoch, hoch“, ruft Prinzessin mir zu.

Er ist direkt hinter mir. Die Stufen der Leiter verbiegen sich unter meinen Füssen, ich will gar nicht wissen, wie sie sich für Prinzessin anfühlen. Wahrscheinlich ist diese Leiter schon uralt und seit Jahren nicht mehr benutzt worden.

„Was jetzt?“, frage ich, als wir plötzlich durch die Wolken laufen. Hier oben ist es noch rutschiger.

Unten auf den Dächern konnte man immerhin dank des Lichtes, das von den Gassen, in denen die Menschen zu dieser Zeit feiern oder ihre Geschäfte abwickeln, noch etwas sehen. Hier oben kann man kaum die eigene Hand vor dem Gesicht erkennen.

„Auf der anderen Seite des Hauses gibt es noch eine Leiter“, sagt Prinzessin und scheucht mich weiter.

Wie er sich hier oben, wo es nicht regnet und man trotzdem nass wird, zurechtfindet, ist mir ein Rätsel. Wahrscheinlich war er schon öfter hier oben, schliesslich lebt er schon Jahre in den Plots. Er musste schon unzählige Male flüchten.

„Was, wenn jemand unten auf uns wartet?“, frage ich, als ich die noch weniger gut erhaltene Leiter hinunterklettere.

„Niemand wird unten auf uns warten“, antwortet Prinzessin.

„Wie kannst du dir so sicher sein?“, frage ich.

Ich sehe über mir nur Prinzessins stylische, aus echtem Leder gefertigte Schuhe, die er vor zwei Wochen unbedingt haben musste. Er hat dafür fast einen Menschen umgebracht.

„Die Leiter geht nicht ganz bis hinunter aufs Dach. Meine alten Freunde werden auf der anderen Seite warten, weil sie denken, dass es keinen anderen Weg hinunter von diesem Berg eines Hauses gibt.“

„Was soll das heissen, die Leiter geht nicht bis hinunter aufs Dach?“, frage ich, obwohl ich die Antwort schon kenne. Mein Fuss tappt ins Leere.

Mit viel Glück schaffe ich es, mich an der Leiter festzuklammern und wieder Halt zu finden. Das Dach ist etwa drei Meter unter uns. Die restlichen drei Meter der Leiter, die bis hinunter aufs Dach führen sollten, sind verschwunden.

Leise fluchend atme ich zwei Mal tief durch, bevor ich mich wieder an Prinzessin wende, der über mir versucht, mich zum Springen zu drängen.

„Weisst du, wie gefährlich es ist, auf eine nasse, unebene Fläche zu springen? Wenn wir uns nicht schon beim Aufprall den Fuss brechen, werden wir uns alle anderen Knochen brechen, wenn wir auf den Boden fallen.“

„Besser als erschossen zu werden.“

Ich bin mir nicht so sicher, ob er damit Recht hat. Eine einzige Kugel kann ein Leben schnell beenden, was weit weniger schmerzhaft ist, als aus dieser Höhe auf den Boden zu fallen.

„Mach schon, wenn wir zu lange wegbleiben, fällt Boss auf, dass wir nicht mehr da sind. Dann werden wir von ihm bestraft und wir müssen einen Teil unserer Beute abgeben.“

Es gibt nichts, was mir im Moment egaler wäre, als unsere Beute teilen zu müssen, wenn wir es nur lebendig bis zum Haus schaffen, aus dem wir uns vor ein paar Stunden geschlichen haben.

„Seit wann hast du Höhenangst?“, fragt Prinzessin.

Höhenangst habe ich nicht. Nur Angst davor, in die Tiefe zu stürzen.

„Gibt es keine andere Möglichkeit?“, frage ich verzweifelt.

„Nein“, antwortet Prinzessin über mir. „Glaub mir, ich würde auch nicht springen, wenn es nicht sein müsste.“

Die paar Worte schenken mir nicht unbedingt den Mut, den ich brauche, um zu springen. Noch einmal starre ich auf das noch feuchte Dach und die Gasse, in die wir hinunterstürzen könnten, wenn wir ausrutschen.

„Warum laufen wir eigentlich immer Leuten über den Weg, die uns umbringen wollen?“, frage ich Prinzessin, um das Unvermeidliche hinauszuziehen. „Warum nennst du deine Feinde, deine alten Freunde?“

Prinzessin lacht.

„Sie sind alte Freunde, nur wollen sie uns umbringen, weil wir sie gerade bestohlen haben. Ausserdem, wer wollte nicht schon immer mal einen Freund umbringen?“

„Ich möchte dich gerade umbringen“, flüstere ich, während ich mich noch immer auf den Sprung vorbereite.

Prinzessin lacht laut.

„Siehst du.“

Dann springe ich.

In Momenten wie diesen bereue ich, nicht vor ein paar Wochen nach Hause gegangen zu sein. Ich bereue es, jetzt nicht in meinem ekelhaft luxuriösen, dafür aber sicheren Zimmer zu sitzen. Ich bereue, nicht nach Hause gegangen zu sein, um das langweilige Leben zu leben, das ich eigentlich leben sollte.

Doch kaum berühren meine Füsse das Dach, ohne dabei zu brechen oder unter meinem Körper wegzurutschen, vergesse ich, an was ich gerade noch gedacht habe. Adrenalin strömt durch meinen ganzen Körper. Ich will vor Aufregung und Glück lachen.

Für Momente wie diese bin ich hiergeblieben, um noch etwas zu erleben, bevor ich zu meinem eigentlichen Leben zurückkehre. Um Spass zu haben, selbst wenn man dabei sein Leben verlieren könnte. In den letzten Wochen habe ich gelernt, selbst die Gefahr zu lieben.

Die Plots und deren Bewohner sind nicht mehr dieselben, seit Boss und seine Bande den Blutdiamanten gestohlen und allen damit gezeigt haben, wer die besten Diebe des Stadtviertels sind. Die Menschen respektieren uns noch viel mehr als zuvor. Sie gehen uns zum Beispiel aus dem Weg, wenn wir die Strasse entlanglaufen, und verhandeln mit uns nicht mehr über Preise.

Doch wenn wir von ihnen stehlen, wie heute Nacht, dann rächen sie sich. Wie es sich hier gehört, holen sie ihre Messer und Pistolen hervor, um das zu verteidigen, was sie besitzen.

Bis jetzt sieht es so aus, als würden wir heute gewinnen, als wären wir die Besitzer des wahrscheinlich schon von Prinzessins alten Freunden geklauten Schmucks. Wir müssen den Schmuck nur noch bis in das Haus bringen, in dem ich vorübergehend mit meinen neuen Freunden lebe.

Prinzessin macht sich nun für den Sprung bereit. Zuvor zwinkert er mir aber nochmals zu, als würde er sich nicht davor fürchten, in den Tod zu stürzen.

Er springt und steht eine Sekunde lang grinsend vor mir. Doch ich kann das Grinsen nicht erwidern, denn dann rutscht er aus einem mir unerfindlichen Grund ab. Auf dem Bauch gleitet er unkontrolliert übers Dach. Er versucht sich mehrmals festzukrallen, rutscht aber immer weiter.

Ich werfe mich auf das Dach und versuche, Prinzessin zu packen. Eine seiner Hände bekomme ich zu fassen, womit ich mich aber demselben Schicksal hingebe. Ich rutsche mit Prinzessin übers Dach, kann mich aber gerade noch an einer Regenrinne festhalten.

Prinzessin hängt über der Gasse, die Menschen unter ihm feiern und handeln, sie sehen nicht, was über ihren Köpfen passiert. Wenn doch, interessiert es sie nicht. Wir werden respektiert, doch niemand würde uns ohne Bezahlung freiwillig helfen.

„Lass mich nicht los“, sagt Prinzessin. Er starrt mich verzweifelt an. Es kommt nicht oft vor, dass er sein Grinsen verliert, aber jetzt sieht er mich panisch an. Seinen Hut hat er verloren, ein Strassenkind hat ihn bereits an sich gerissen.

„Werde ich nicht“, sage ich und versuche, Prinzessin und mich selbst mit aller Kraft auf das Dach hinaufzuziehen.

Prinzessin flucht. Es muss schrecklich schmerzen, am Arm nach oben gezogen zu werden. Dann schafft er es, die Regenrinne zu berühren. Mit noch etwas Hilfe meinerseits sitzen wir eine Minute später zusammen auf dem Dach.

„Das war knapp“, murmle ich.

„Ich habe schon Schlimmeres überlebt“, sagt Prinzessin. Doch als er aufsteht, kann ich deutlich sehen, wie seine Beine zittern. Er hält mir seine Hand hin, um mir aufzuhelfen. „Trotzdem Danke.“

„Das nächste Mal entscheide ich, wo wir langlaufen.“

Prinzessin nickt.

„Und ich nehme die Beute.“

Er reisst mir den Beutel mit den diamantverzierten Halsketten und den goldenen Armbändern, den ich zuvor um mein Handgelenk gebunden hatte, vom Arm.

Zusammen laufen wir nun langsam und vorsichtig über die Dächer, bis wir eine weitere Leiter finden, die uns auf den Boden bringt. Dann laufen wir, so schnell wir können, durch die gefährlichen Gassen der Plots.

Die Zwillinge sind ausser Haus, sie arbeiten für Boss. Was sie genau tun, weiss ich nicht. Es kommt oft vor, dass meine Freunde zum Arbeiten verschwinden, doch niemand will mir sagen, was für einer Arbeit sie nachgehen.

Prinzessin inspiziert eine der mit Diamanten verzierten Halsketten, als wir auf das Haus zulaufen, in dem wir wohnen. Wenn wir Glück haben, sind Boss und Fahrer noch unten im Wohnzimmer, und Crackhead schläft bereits tief und fest, so wie es Boss ihm, aber auch Prinzessin und mir aufgetragen hat.

„Wir sollten die Fassade hochklettern“, sagt Prinzessin. „Dein Zimmerfenster können wir aufbrechen.“

Ich nicke. Prinzessin grinst mich an, dann hält er mir die Halskette, die er in den Händen hält, an den Hals.

„Die wird dir hervorragend stehen.“

„Ich wüsste nicht, wann ich die tragen soll“, sage ich.

„Wir feiern hier auch Partys“, murmelt Prinzessin fast schon verschwörerisch. Er zwinkert mir zu. „Vielleicht sogar schon sehr bald.“

„Was weisst du, was ich nicht weiss?“

„Sehr vieles“, sagt Prinzessin. Zwischen uns gibt es noch immer Geheimnisse. Wahrscheinlich wird es die immer geben, aber für den Moment ist das in Ordnung. „Jetzt beeil dich, bevor uns Boss erwischt.“

„Zu spät.“

2

Ich springe fast bis zu Prinzessins Zimmer hoch, so sehr erschrecke ich mich.

Als ich mich zur Haustür umdrehe, steht Boss in der Tür. Sein Gesicht wie immer unleserlich. Doch ich glaube, er ist nicht wütend. Zumindest nicht sehr wütend. Wahrscheinlich weil wir mit etwas Wertvollem zurückkommen.

Es war naiv zu denken, dass er nicht bemerken würde, dass wir das Haus verlassen haben. Boss bemerkt nämlich alles. Er weiss auch gefühlt alles über jeden und nutzt das aus, um einen zu Dingen zu zwingen.

Trotzdem lasse ich Boss spüren, dass er keine Macht über uns oder zumindest über mich hat. Bei jeder Gelegenheit streite ich mit ihm, einfach weil es sonst niemand tut und weil es Spass macht. Das, obwohl ich eigentlich darüber hinweg bin, dass er mich „gekauft“ hat. Ich bin darüber hinweg, dass er mich aus meiner Familie und meinem geregelten Leben gerissen hat. Doch das werde ich bestimmt nicht zugeben. Ich werde auch nicht zugeben, dass ich dieses Leben zumindest für den Moment geniesse.

„Boss, wir waren nur kurz ein paar Snacks holen“, sagt Prinzessin und versteckt den Beutel mit dem Schmuck hinter seinem Rücken. Dann fällt ihm die funkelnde Halskette in seiner Hand wieder ein und versteckt auch die hinter seinem Rücken.

Boss muss nicht einmal etwas sagen, er hält nur seine Hand hin und Prinzessin legt, ohne eine weitere Lüge zu erzählen oder zu versuchen, sich sonst irgendwie aus der Sache herauszureden, die mit Diamanten verzierte Kette in Boss Hand. Der sieht sich das Schmuckstück sofort genau an. Dann steckt er es in seine Tasche.

„Die gehört uns“, sage ich.

„Jetzt nicht mehr“, sagt Boss und läuft auf die Treppe zu, die ins Wohnzimmer hinunterführt.

Jetzt könnten wir in Prinzessins Zimmer flüchten und unseren geklauten Schmuck verstecken.

Boss ist aber leider wieder einmal schneller.

„Ich will sehen, was ihr sonst noch für uns besorgt habt.“

Prinzessin und ich folgen Boss ins Wohnzimmer hinunter. Fahrer ist nicht da. Bloss Boss, der sich an seinen Platz am Tisch setzt und seine Zeitung zusammenfaltet. Prinzessin und ich setzten uns ihm gegenüber.

Prinzessin würde nie auch nur daran denken, Widerstand zu leisten. Er legt den Beutel voller Schmuck auf den Tisch vor uns. Boss leert den Schmuck auf den Tisch aus und betrachtet die funkelnden Schmuckstücke, die wir gestohlen haben. Langsam pickt er fünf Schmuckstücke heraus, die er ebenfalls in seiner Tasche verschwinden lässt, dann sieht er uns wieder an.

„Den Rest könnt ihr verkaufen. Wir brauchen Geld, keinen Schmuck.“

„Wofür brauchen wir so viel Geld?“, frage ich, obwohl ich seit dem Tag, an dem ich entschieden habe, noch für eine Weile zu bleiben, keine Antwort mehr auf eine meiner vielen Fragen von Boss oder sonst irgendeinem bekommen habe.

„Wir brauchen immer Geld“, sagt Boss. Mehr werde ich aus ihm nicht herausbekommen.

„Dann lass uns wenigstens unseren Anteil“, sagt Prinzessin und sieht Boss mit grossen Augen an. „Nur ein Schmuckstück.“

„Die Anteile jedes Gruppenmitgliedes habe ich gerade herausgesucht. Ihr bekommt euren Anteil beim Frühstück.“

„Wir dürfen unseren Anteil immer selbst aussuchen“, sagt Prinzessin, der sofort verstummt, als er den Blick sieht, der ihm Boss zuwirft.

„Wir sollten unseren Schmuck behalten dürfen. Wir haben ihn gestohlen, wir haben unser Leben dafür riskiert. Von dem Geld sehen wir sowieso nie etwas“, sage ich zu Boss.

Der sieht mich nicht an.

„Das Geld wird uns einmal weiterhelfen. Du verkaufst den Schmuck noch heute Nacht, Prinzessin.“

„Wenn er den Schmuck verkaufen muss, möchte ich dabei sein“, verlange ich.

„Damit ihr euch zusammen ein Versteck für den Schmuck überlegen könnt?“, fragt Boss. „Prinzessin. Geh. Jetzt. Allein.“

Prinzessin schaufelt bereits den Schmuck zurück in den Beutel. Dabei sieht er mich mitleidig an, das Grinsen ist aus seinem Gesicht verschwunden. Ich weiss nicht, was für ihn schlimmer ist, dass er nun doch noch arbeiten muss oder dass er sich seinen Teil der Beute nicht selbst aussuchen darf.

„Das nächste Mal, wenn ihr etwas stehlen möchtet, lässt ihr es uns wissen. Wir sind aus der Übung, wir sollten wieder einmal etwas stehlen“, sagt Boss.

Prinzessin nickt. Ich starre Boss an. Ich bin mir sicher, dass er irgendetwas geplant hat. Etwas Grosses, nur weiss ich noch nicht, was. Das hier könnte der Moment sein, in dem ich es herausfinde.

„Hast du denn eine Aufgabe für uns?“

Boss sieht mir endlich in die Augen. Sein Blick ist so kalt wie immer, sein Gesicht ernst. Es grenzt an ein Wunder, dass er keine Leute töten kann, indem er sie so in Grund und Boden starrt. Ich halte seinem Blick stand. Wie immer. Wenn ich eines gelernt habe, dann, dass es nur noch schlimmer wird, wenn man sich von ihm einschüchtern lässt. Nur weil ich damals mit Boss gestritten habe, habe ich den Deal machen können, der mich befreit hat. Wenn ich möchte, kann ich jetzt aufstehen und gehen.

Zumindest theoretisch. Ob ich die Reise durch die Plots überleben und den Weg zurück nach Hause finden würde, bezweifle ich stark.

„Noch nicht“, sagt Boss.

„Das heisst, du arbeitest an etwas?“, hacke ich weiter nach.

„Das tue ich immer.“

„Wann teilst du es dem Rest der Gruppe mit?“

Ich lasse bestimmt nicht locker.

„Wenn du meine Befehle befolgen würdest, wüsstest du vielleicht schon, was bevorsteht“, antwortet Boss.

„Du kannst uns nicht ins Bett schicken wie kleine Kinder und dann wütend sein, wenn wir deinen Befehl nicht befolgen“, erwidere ich. „Ausserdem hast du von unserem kleinen Ausflug profitiert.“

Boss macht sich nicht einmal die Mühe, mit den Achseln zu zucken oder überhaupt etwas darauf zu erwidern. Stattdessen sieht er wieder Prinzessin an.

„Warum bist du noch hier?“

Prinzessin, der unsere Streitereien nur allzu gerne beobachtet und wenn er einen guten Tag hat, sogar anstachelt, mustert Boss und mich gespannt. Als er jedoch merkt, dass Boss schwarze Augen auf ihm liegen, springt er auf.

„Schon unterwegs.“

Er küsst mich auf die Wange und verschwindet.

Ich bleibe Boss gegenübersitzend zurück, weil ich hoffe, noch mehr zu erfahren, obwohl ich mir zu fast hundert Prozent sicher bin, dass ich von Boss heute Nacht keine Antworten mehr bekommen werde.

„Lohnt es sich überhaupt, zu bleiben?“, frage ich dann.

Auf seine Art hat mir Boss vor einer Weile einmal gesagt, dass ich ihm und seinen Freunden noch nützlich sein könnte. Auch ein Grund, warum ich noch hier bin. Leider will er mir nicht sagen, wie ich noch nützlich werden könnte.

Boss sieht mich wieder an.

„Was?“

„Du kannst dir deine dumme Frage selbst beantworten.“

Das kann ich wirklich. Boss hat Recht. Er wird, bis er stirbt oder bei einer seiner dummen Ideen umgebracht wird, weiter alle möglichen Dinge tun, um noch etwas reicher zu werden. Wenn ich nicht mehr nützlich wäre, wenn ich nicht mehr gebraucht werden würde, hätte er mich schon lange rausgeworfen oder Schlimmeres.

Ich habe mir eine meiner Fragen selbst beantwortet, aber ich warte immer noch auf eine Antwort auf eine meiner anderen Fragen. Was genau er Grosses als nächstes plant, zum Beispiel.

„Den Befehl, den ich vor ein paar Stunden ausgesprochen habe, hast du noch nicht befolgt“, sagt Boss dann.

„Hast du mir nicht zugehört?“, erwidere ich. „Du kannst uns nicht ins Bett schicken, als wären wir kleine Kinder.“

Kann er und tut er regelmässig. Trotzdem bleibe ich stur.

Es macht mir etwas zu viel Spass, mich dem Befehl zu widersetzen oder immerhin zu diskutieren, bis Boss mir eine Pistole an den Kopf hält. Schliesslich befolge ich seine Befehle immer, doch bis ich es tue, wird er fast wahnsinnig. Zumindest hoffe ich das. Manchmal höre ich, wie genervt er ist. In seltenen Fällen kann ich es ihm sogar ansehen.

Ich bin mir sicher, dass er schon oft darüber nachgedacht hat, mich einfach umzubringen oder mich mit einer Schleife auf dem Kopf meinen Eltern zurückzubringen, nachdem er ein astronomisches Lösegeld für mich gefordert hat.

Zurück nach Hause zu müssen, wäre im Moment eine grössere Strafe als hierzubleiben.

„Wenn du so viel Energie aufwenden würdest, um herauszufinden, was der nächste Schritt ist, anstatt dich gegen das zu wehren, was ich sage, wüsstest du bereits, was der nächste Schritt ist.“

„Eine Rätselaufgabe“, sage ich. „Wie schön.“

Boss schlägt die Zeitung wieder auf. So zu tun, als wäre ich nicht da und als hätte ich seinen Befehl befolgt, ist eine seiner neueren Taktiken. Doch so schnell gebe ich nicht auf. Anfangs hat er mich damit vertreiben können, aber jetzt nicht mehr.

Ich laufe um den Tisch herum. Boss hat eine Zeitung aus Mayfair. Die aus Kensington ist fast unmöglich zu bekommen. Selbst für einen Mann, der zusammen mit seinen Freunden einen der wertvollsten Edelsteine der Stadt gestohlen hat, den ich nicht mehr gesehen habe, seit der Nacht, in der wir die letzten Bewohner der Plots davon überzeugt haben, dass der Stein nun in unserem Besitz ist.

Gerüchten zufolge, also den Gerüchten, die die Zwillinge in die Welt gesetzt haben, bewahrt Boss den Stein in seinem Zimmer auf. Weil da aber niemand ausser Boss hineindarf, werden wir wohl nie sicher wissen, was mit ihm passiert ist.

Über Boss Schultern hinweg lese ich die Zeitung. Wenn ich das als kleines Kind und selbst noch vor einem halben Jahr bei meinem Vater versucht habe, hat er mich immer weggeschickt. Früher gab es Zimmerarrest, später durfte ich meine Freundinnen und dann meinen Verlobten nicht mehr sehen. Letzteres war keine Strafe, sondern eine Belohnung.

Weil Boss beschlossen hat, mich zu ignorieren, kann ich zum ersten Mal lesen, was in der Zeitung steht. Das Papier ist bereits ausgeblichen, ein Fussabdruck ist mitten auf der Seite zu sehen. Es ist bestimmt keine aktuelle Ausgabe. Die Zeitung ist schon ein paar Tage alt, aber neben den Informationen, die Fahrer beschafft, kann sich Boss nur so darüber informieren, was in der Stadt passiert.

„Die Arbeiter aus Rodey Park planen einen Streik?“, frage ich laut, kaum habe ich den Titel einer weiteren Schlagzeile gelesen.

Es überrascht mich, dass Boss schwarze Augen plötzlich wieder auf mir liegen. Er wollte mich doch ignorieren.

„Ich werde dich gleich erschiessen.“

„Tot bin ich dir nicht mehr nützlich“, sage ich. „Jetzt lass mich weiterlesen.“

Boss faltet die Zeitung wieder zusammen, dann verschränkt er die Arme über dem Papier. Etwas kindisch, aber es erfüllt seinen Zweck. Ich kann kein Wort mehr erkennen.

„Darf ich nur den Artikel über die Arbeiter von Rodey Park lesen?“, frage ich. Plötzlich überwiegt die Neugier meine Sturheit. „Bitte.“

Ich weiss nicht, ob ich das Wort überhaupt schon einmal in Boss Gegenwart gesagt habe. Wahrscheinlich nicht, weil ich weiss, dass Bitten und Flehen bei ihm nichts bringt.

„Wirst du mich in Ruhe lassen, wenn ich dir sage, was im Artikel steht?“

Ich nicke zufrieden. Nicht nur, weil ich bekomme, was ich will, sondern auch, weil ich es wieder einmal als Einzige schaffe, mit Boss zu verhandeln, anstatt seinen Befehlen blind zu folgen. Man muss sich nur oft genug eine Pistole an den Kopf halten lassen und darauf zählen, dass man noch gebraucht wird, oder einfach ein wenig zu sehr wie ein Vollidiot aufs Glück vertrauen, und dann bekommt man sogar von Boss, was man will.

„Die Arbeiter aus Rodey Park möchten alle paar Monate mal streiken. Sie tun es aber nie, weil sie zu wenig Geld haben, um sich selbst und ihre Familien während eines Streiks, zu versorgen. Sie können es sich nicht leisten.“

„Die Bewohner Kensington wissen genau, wie viel sie den Arbeitern bezahlen müssen, damit sie sich keinen Streik leisten können“, sage ich.

Boss nickt. Er muss es nicht andeuten, er muss mich nicht einmal durchdringender ansehen. Ich weiss genau, was er mir stumm sagen will. Meine Schuld, die Schuld meiner Eltern, meines Vaters, die Schuld des Bürgermeisters, die Schuld meiner Mitmenschen. Er weiss, wie sehr mich das mitnimmt.

„Irgendwann werden sie streiken, irgendwann werden sie genug Geld haben, und dann steht Kensington ohne die Arbeiter da, die es am Leben erhält“, sagt Boss. Fast schon zuversichtlich, so als würde er selbst den Streik planen.

Doch ein paar Kriminelle können nicht allen Arbeitern von Rodey Park beim Streiken helfen. Boss leiht nicht einmal seinen eigenen Leuten Geld. Er würde den Arbeitern Rodey Parks nie Geld leihen. Boss tut nichts, ohne davon zu profitieren, und das wird er von einem Streik nicht.

Ich möchte noch eine Frage stellen, noch mehr erfahren, auch wenn ich weiss, dass die Leute in Rodey Park auf keinen Fall streiken können. Zumindest nicht alle. Wer morgens nicht zur Arbeit erscheint, wird sofort ersetzt werden. Selbst die reichsten Bewohner Rodey Parks müssen arbeiten, um reich zu bleiben. Wer auch nur einen Tag fehlt, selbst wenn er zehn Jahre einer Familie gedient hat, wird sofort ersetzt werden.

Das alles habe ich in meiner Zeit in den Plots gelernt und ist einer der Gründe, warum ich noch nicht zurück nach Hause kann. Irgendwann werde ich mit dem Wissen klarkommen, dass Kensington die Bewohner der anderen Stadtteile ausnutzt. Oder auch nicht, nur weiss ich noch nicht, was ich dann tun werde.

„Jetzt hast du deine Antwort, geh ins Bett.“

Boss hat seinen Teil der Abmachung erfüllt, also tue ich das auch. Wenn nicht, wird er das nächste Mal vielleicht abdrücken oder ich bekomme nie wieder eine Antwort.

„Gute Nacht“, sage ich aus Reflex. Manchmal kommt das Mädchen aus Kensington einfach hervor, auch wenn ich das nicht möchte.

Boss lehnt sich in seinem Stuhl zurück. Ihm würde es wahrscheinlich nie in den Sinn kommen, so etwas Einfaches wie ein Alltagsfloskel zu erwidern, doch seine schwarzen Augen liegen auf mir, bis ich die Treppe hochgegangen bin und ich ihn nicht mehr sehen kann.

3

Als ich aufwache, geht mir wie jeden Morgen der gleiche Gedanke durch den Kopf.

Ich sollte nicht hier sein. Ich sollte ein anderes, für mich vorgesehenes Leben führen. Doch dann erinnert mich mein Gehirn an all die Dinge, die ich in den letzten Wochen und Monaten über Kensington und wie die Stadt funktioniert, gelernt habe, und ich kann den bedrückenden Gedanken von mir wegschieben.

Trotzdem muss ich mir, während ich mich anziehe, einreden, dass ich das alles nur zum Spass mache, es eine vorübergehende Sache ist und ich jederzeit zurück nach Hause gehen kann. Ich werde nur so lange bleiben, wie mir das alles hier Spass macht.

Irgendwann wird es das nicht mehr, sage ich mir selbst. Irgendwann werden die Jeans nicht mehr bequemer sein als die Kleider, die ich mein Leben lang getragen habe. Mir wird es in dem Pullover, den ich jetzt anziehe, zu warm sein. Ich werde mich in dem einfachen Zimmer, das mir zugeteilt wurde, nicht mehr wohl fühlen und mich nach meinen Eltern und meinem Zuhause sehnen.

Doch für den Moment gefällt es mir hier noch gut. Ich möchte noch etwas erleben, auch wenn ich jeden Tag mit mir selbst streiten muss, um das auch wirklich zu glauben.

Ich komme pünktlich zum Frühstück. Den Fehler habe ich nur einmal gemacht. Selbst wenn es deswegen morgens im Bad immer hektisch zugeht, weil es fünf Leute gleichzeitig benutzen wollen, schaffen wir es immer alle, pünktlich im Wohnzimmer zu sein, wo Boss bereits sitzt. Ich weiss nicht, wann er schläft, ob er überhaupt schläft oder sich wäscht.

Auf meinem mit Rührei gefüllten Teller liegt ein goldenes Armband. Mein Anteil des Raubes, den Prinzessin und ich allein durchgezogen haben. Weil es noch so früh am Morgen ist und mir mein Frühstück bestimmt weggenommen wird, wenn ich etwas sage, schiebe ich mir das goldene Armband einfach auf den Arm und stürze mich auf mein Essen.

Die Anderen stellen keine Fragen. Die Zwillinge akzeptieren ihre ebenfalls goldenen Armreife einfach. Fahrer hat sich seine Goldkette bereits um den Hals gelegt. Crackhead, in dessen Hände ein diamantenes Halsband falsch aussieht, spielt mit den kleinen Steinen. Prinzessin mustert seine Brosche im flackernden Licht des Wohnzimmers.

Was Boss sich ausgesucht hat, bleibt ein Rätsel. Er trägt keinen Schmuck, nie, nur immer nützliche Kleidung. Heute trägt er wie ich einen dunklen Pullover und dunkle Jeans.

Während des Essens sprechen wir nicht miteinander. Die Zwillinge, die ihr Essen deshalb in Rekordzeit inhaliert haben, nutzten die Stille für eine Verkündung.

„Morgen haben wir Geburtstag“, ruft Dumm.

Mittlerweile nenne ich sie öfter bei ihren Spitznamen, auch wenn ich sie noch immer nicht auseinanderhalten kann und ich so einfach dem Zwilling den Namen gebe, der gerade zu ihm passt, auch wenn er eigentlich der andere Zwilling ist. Bis jetzt hat sich noch keiner der beiden beklagt, also nehme ich an, dass es für sie in Ordnung ist.

„Wir veranstalten eine grosse Party und alle sind eingeladen“, ruft Dümmer laut. Dann sieht er Boss an, bevor Crackhead oder Fahrer das aussprechen, was ich denke. „Wir haben bereits mit Boss darüber gesprochen, ihr dürft alle kommen.“

Niemand glaubt den Zwillingen, weil sie in unserer Hierarchie sogar unter mir stehen, obwohl ich die Neue und noch dazu aus Kensington bin. Es ist etwas traurig, dass wir alle Boss ansehen, um das Gesagte zu bestätigen, aber die Zwillinge scheint das nicht zu stören. Sie kennen ihren Platz in der Gruppe und sie verstehen sowieso nicht, was hier vor sich geht.

Boss nickt einmal.

Dann klatscht Crackhead glücklich in die Hände. Fahrer nickt, ein schmales Lächeln auf den Lippen. Prinzessin grinst mit den Zwillingen um die Wette. Ich war mittlerweile schon auf einigen Partys in den Plots, aber noch nie auf einer Geburtstagsparty.

„Habt ihr ein Motto?“, fragt Prinzessin. „Dieses Jahr müsst ihr ein Motto haben.“

Prinzessin hört sich so aufgeregt an, als wäre das hier das Ereignis des Jahres. Ich sehe Boss an, unsere Blicke treffen sich, aber wie so oft sagt er kein Wort.

„Kein Motto, aber zieht euch so schick an wie möglich“, sagt Dumm. „Tragt all den Schmuck, den wir im letzten Jahr gestohlen haben.“

Prinzessin lacht. Als er mich ansieht, bin ich mir sicher, dass er eine Träne aus den Augen wischt. Freudentränen wegen einer einfachen Geburtstagsparty, auf der er seinen Schmuck tragen darf, den er auch sonst immer trägt?

„Boss hat uns eine Nacht wie in Kensington als Motto nicht erlaubt, aber wir dürfen trotzdem alle unseren Schmuck tragen“, sagt Dümmer.

„Sie müssen dich sogar um Erlaubnis bitten, wenn sie eine Geburtstagsparty feiern wollen?“, frage ich.

Boss gibt mir keine Antwort. Warum auch, ich kenne die Antwort bereits.

„Die Geburtstagsparty dürfen sie jedes Jahr feiern“, erklärt Prinzessin, der aufgesprungen ist. „Darauf kannst du dich freuen. Das wird die beste Party deines Lebens.“

Nachdem Prinzessin, Fahrer und Boss zur Arbeit gegangen sind, sie wollen mir noch immer nicht sagen, was sie machen, aber angeblich werde ich es bald erfahren, bleibe ich mit den Zwillingen und Crackhead im Haus zurück, wo wir weiter Lesen und Schreiben üben. Anstatt zu arbeiten, unterrichte ich immer noch oder werde unterrichtet.

Ich bekomme von Prinzessin immer noch Unterricht in gewissen Dingen, um meine Zeit sinnvoll zu nutzen. Wenn Prinzessin nicht da ist, unterrichte ich Crackhead und die Zwillinge. Mittlerweile können alle drei schon gut lesen und schreiben. Crackhead hat sogar schon ein paar Bücher gelesen. Unter anderem Romeo und Julia.

Manchmal sind wir den ganzen Tag wach, manchmal die ganze Nacht. Wobei Frühstück dann das Abendessen ist und das Abendessen das Frühstück. Es ist verwirrend, aber wie die meisten Dinge hier, die einfach so sind, wie sie sind, hinterfragt man sie irgendwann nicht mehr. Das ich noch vor ein paar Monaten jeden Tag einen geregelten Tagesablauf hatte, in dem ich nicht einmal eine Stunde länger wach bleiben oder eine Stunde länger schlafen durfte, kann ich mir kaum noch vorstellen.

Heute arbeiten wir am Tag, wir werden hoffentlich, wenn es uns Boss erlaubt, in der Nacht schlafen, damit morgen ein ganz besonderer Tag für die Zwillinge wird.

Die Zeit rast dahin, wie immer, wenn ich das tue, was ich hier am liebsten tue, auch wenn Boss behauptet, dass ich diese Arbeit bloss mache, um mich selbst besser zu fühlen. Er hat recht, ich fühle mich besser, wenn ich die Fortschritte sehe, die meine Freunde machen. Doch es bringt die ganze Gruppe auch weiter, wenn die drei Lesen und Schreiben können, sonst würde Boss mir nicht erlauben, den drei immer noch Unterrichtsstunden zu geben.

Ich habe für meine Freunde schon unzählige Übungsblätter erstellt, von ihren ersten Buchstaben, zu den ersten Worten und den ersten Sätzen, bis hin zu den ersten Geschichten, die die drei geschrieben haben. Alle habe ich aufbewahrt, und wenn ich einmal einen Moment Zeit habe, lese ich mir die Geschichten über Tiere, die Crackhead schreibt, oder die Geschichten der Zwillinge, die grösstenteils von Bomben handeln, gerne durch.

Wir sind alle schon am Tag vor der eigentlichen Party in Partystimmung. Sogar Boss auf seine Art und Weise. Als alle wieder zu Hause sind, gibt es ein kurzes Abendessen, und dann werden wir ins Bett geschickt. Keine Aufträge für die Nacht, keine Besprechungen, nichts.

Am nächsten Tag arbeiten wir auch nicht so viel wie normalerweise. Natürlich darf ich mich nicht den ganzen Tag auf eine einfache Geburtstagsparty vorbereiten, ich muss Crackhead und die Zwillinge unterrichten, während Boss, Prinzessin und Fahrer sich in den Plots oder sonst irgendwo herumtreiben, aber dann am späten Nachmittag, nachdem Prinzessin lange genug auf Boss eingeredet hat, dürfen wir uns endlich für die Party fertigmachen.

Die Zwillinge verabschieden sich. Erst da wird mir klar, dass die Geburtstagsfeier nicht hier im Haus stattfindet, sondern irgendwo anders. Doch ich komme nicht dazu, nachzufragen, wo die Party stattfindet, oder überhaupt eine Frage zu stellen, denn ich werde von Prinzessin durchs Haus gescheucht. Er will, dass ich das Bad benutze, damit er sich nachher in aller Ruhe fertigmachen kann.

Ich weiss, dass die Zwillinge das Motto, das sie eigentlich wollten, wegen Boss nicht umsetzen dürfen. Doch entscheide ich mich dazu, ihren Wunsch zu erfüllen. Zumindest soweit ich das mit den Mitteln, die mir hier in den Plots zur Verfügung stehen, tun kann.

Ich besitze ein bodenlanges schwarzes Kleid, das ich noch nie getragen habe. Ich habe viele Kleider, die ich noch nie getragen habe, weil wir noch nie für einen Raub auf eine edle Party gehen mussten, obwohl mir Prinzessin das versprochen hat, als ich die Kleider gekauft habe. Wenn ich hier mit den anderen Party machen gehe, trage ich meistens kurze Kleider oder meine kurzen Lieblingsjeans. Im Alltag trage ich lange Jeans und ein Shirt oder einen Pullover.

Heute entscheide ich mich zum ersten Mal, seit ich Kensington verlassen musste, dazu, ein langes Kleid zu tragen. Es ist schulterfrei, weshalb ich es natürlich in Kensington, wo so gut wie alle Kleider lange Ärmel haben, niemals tragen dürfte.

Am Arm trage ich den Armreif, den ich zwei Nächte zuvor gestohlen habe und gestern zum Frühstück bekommen habe. Um den Hals lege ich die Halskette, die wir damals aus dem Haus an der Grenze zu Mayfair gestohlen haben. Mehr Schmuck besitze ich leider nicht, weil ich bei allen anderen Raubzügen davor, über die mir Prinzessin so einiges erzählt hat, leider nicht dabei war.

Dann stecke ich meine Haare hoch, was leider nicht so funktioniert, wie ich es mir vorstelle, weil ich hier nur ein paar Haarklammern besitze. Es ist mehr eine halbe Hochsteckfrisur, aber sie sieht doch irgendwie gut aus, weshalb ich die Frisur lasse.

Dann betrachte ich mich im Spiegel.

Ich sehe aus wie ich selbst. Gleichzeitig auch wie eine Kopie von mir. Eine Plots-Version.

Es ist seltsam, gestohlenen Schmuck zu tragen. Es ist seltsam, ein langes Kleid zu tragen, das schulterfrei ist. Ich habe mich geschminkt. Meine Augen sind schwarz, meine Lippen dunkelrot. Eine Straftat in Kensington, hier etwas völlig Normales.

Ich fühle mich gut, ich fühle mich wie ich selbst, und doch auch seltsam. In einer Welt zu leben, mit dem Kopf aber immer in einer anderen Welt festzustecken, macht mich verrückt. Im Moment gehöre ich an keinen Ort. Mein Kopf weist mich in eine Richtung, mein Herz in eine andere. Es ist ein nie enden wollender Kampf, den ich, egal wie ich mich entscheide, nicht gewinnen kann.

4

Boss hat uns befohlen, vor der Haustür zu warten, weil wir alle gemeinsam zur Geburtstagsfeier der Zwillinge gehen wollen. Ich weiss noch immer nicht, wo die Party stattfindet.

Ich bin die Erste, die vor der Haustür wartet. Ich bin zu früh, habe aber erwartet, dass Boss zumindest schon hier ist. Einfach, weil er Boss ist.

Wie erwartet, kommt er nur einen Moment später die Treppe herunter. Er trägt das gleiche Outfit wie an dem Tag, an dem ich ihn das erste Mal gesehen habe. Damals, als er nur der Mann aus der Gasse war, der mich versehentlich gekauft hat.

Es überrascht mich nicht, dass er zu seinem schwarzen Anzug, dem schwarzen Hemd und der schwarzen Krawatte keinen Schmuck trägt. Warum sollte er auch, er hat schliesslich schon das Wunschmotto der Zwillinge verboten. Er wird ihnen bestimmt nicht den Wunsch erfüllen, Schmuck für sie zu tragen.

Bevor ich ihm das vorwerfen kann, treffen sich unsere Blicke. Er sieht mich an, als wollte er mich umbringen. Wahrscheinlich gefällt es ihm nicht, dass mein Outfit von Kensington inspiriert wurde.

Fahrer kommt eine Sekunde, bevor ich etwas Dummes zu Boss sage, aus der Küche. Er trägt Jeans, ein schwarzes Hemd und dazu seine Goldkette. Wie immer hört er Musik, so kann er jegliche Konversation vermeiden. Ich betrachte die funkelnde Uhr an seinem Handgelenk, bis Schritte zu hören sind.

Jetzt kann nur noch jemand zu uns stossen, der mit mir sprechen möchte und mich nicht bloss anstarrt. Crackhead kommt freudestrahlend die Treppe herunter. Er trägt einen schwarzen Smoking und dazu wohl jede Brosche, die er finden konnte. Viele Broschen stellen ein Tier dar.

Ich erwidre sein Grinsen, was aber leider nicht die Stille bricht. Boss sieht mich an, als hätte ich etwas falsch gemacht.

Dann endlich kommt der Mann, dessen liebste Beschäftigung das Plaudern ist, die Treppe herunter. In den buntesten Kleidern, mit dem meisten Schmuck, den man am Körper tragen kann, und einer Tiara auf dem Kopf, gesellt er sich zu uns.

„Du weisst schon, dass nicht du heute Geburtstag hast“, erinnere ich ihn, als er sich vor uns dreht.

„Trotzdem kann ich mich so anziehen, als hätte ich Geburtstag“, sagt Prinzessin. Er dreht sich nochmals um sich selbst, offenbar zufrieden mit seiner Kleiderwahl. „Sag mir, wie gut ich aussehe.“

„Du wirst auf jeden Fall der Mann mit dem meisten Schmuck auf der Party sein“, sage ich.

„Die Tante der Zwillinge wird ihm Konkurrenz machen“, sagt Crackhead. Die Broschen auf seiner Brust funkeln.

„Nicht dieses Jahr“, sagt Prinzessin und zeigt auf die Tiara. „Nur ich werde ein Krönchen tragen.“

Crackhead nickt.

„Das stimmt.“

„Sollten wir nicht langsam gehen?“, frage ich, bevor ich Prinzessin anlügen muss. Ich will ihm nicht sagen, dass er gut aussieht, wenn es nicht die Wahrheit ist. Prinzessin trägt Markenkleidung und tonnenweise Schmuck. Doch das ist alles zusammen nicht besonders schön, sondern einfach zu viel.

„Ja, das sollten wir“, antwortet Boss, der schon die Haustür geöffnet hat.

Er geht vor, wie immer. Fahrer und Crackhead folgen ihm.

Prinzessin nimmt meine Hand.

„Du siehst bezaubernd aus. Nicht wie eine Prinzessin, dafür fehlt dir das Krönchen…“, sagt Prinzessin und sucht nach Worten, um mich zu beschreiben, während er mich aus dem Haus führt, „aber wie eine, eine…“

„Eine Lady“, sagt Boss, der plötzlich neben mir auftaucht und die Haustür dann hinter mir schliesst.

„Genau“, sagt Prinzessin. „Eine Lady.“

Ich nicke, überwältigt vom Schmuck, den Prinzessin trägt, gleichzeitig aber auch überrascht, weil Boss es war, der Prinzessin bei seinem Kompliment geholfen hat. Als er uns überholt, um die Gruppe wieder anzuführen, werfe ich ihm einen bösen Blick zu, weil ich mir sicher bin, dass hinter dem Kommentar mehr steckt. Das tut es immer. Eine Beleidigung ist manchmal ein Kompliment, das er nicht aussprechen will. Ein Kompliment oder das, was aus Boss Mund einem Kompliment am nächsten kommt, muss also eine Beleidigung sein.

„Wo findet die Geburtstagsfeier der Zwillinge statt?“, frage ich, als wir die Strasse entlanglaufen, um mich von Prinzessins Outfit und Boss komischen Kommentar abzulenken.

„Sie feiern in der Scheune ihrer Grosseltern“, erklärt Crackhead. „Ihre ganze Familie wird dort sein, alle Tante und Onkel, ihre Grosseltern, ihre Cousins, es wird eine riesige Party.“

„Die beste Partys des Jahres“, sagt Prinzessin. „Nichts macht mehr Spass als eine riesige Familienfeier.“

Noch kann ich mir das nicht so richtig vorstellen, aber ich freue mich trotzdem auf die Party. Die Familienfeiern, auf denen ich war, wenn man die überhaupt so bezeichnen kann, bestanden daraus, mit meinen Grosseltern an einem Tisch zu sitzen und sich anzuschweigen. Je nach Gang haben wir uns kurz über das Essen unterhalten und dann wieder schön geschwiegen.

Noch ein Grund, warum ich mich so gar nicht auf meine Hochzeit gefreut habe. Eine neue Familie, noch mehr Personen, mit denen ich schweigend an einem Tisch sitzen muss.

„Die ganze Familie der Zwillinge lebt auf Plots Island?“, frage ich.

Prinzessin nickt.

„Die Familie der Zwillinge ist eine der ältesten des Stadtviertels. Angeblich hat ihre Familie sogar schon, bevor Plots Island zu dem wurde, was es heute ist, hier gelebt. Sie haben das Beste aus dem, was sie hier haben, gemacht.“

„Besser geht es nicht“, sagt Crackhead.

Ich kann mir nicht vorstellen, wie man hier mit einer Familie leben kann, geschweige denn für Generationen, aber die Familie der Zwillinge hat es offenbar geschafft.

Wir laufen noch ein paar Strassen weiter. Wir hören die Party, bevor wir sie sehen. Dann erkenne ich das alte Haus, an das ein grosser Schuppen grenzt. Ich kann die blinkenden Partylichter hinter der alten Holzwand bereits von Weitem erkennen und die Menschen lachen hören. Ich verstehe sofort, warum das hier die beste Party des Jahres ist, und wir sind noch nicht einmal auf der Party.

Am Scheuneneingang werden wir von zwei breit grinsenden alten Damen empfangen, die uns herzlich begrüssen.

„Das sind die Grossmütter der Zwillinge“, flüstert mir Prinzessin ins Ohr.

Als wir durch die Tür gehen, kommt uns ein älterer Herr entgegen.

„Grossvater“, bekomme ich ins Ohr geflüstert, bevor der ältere Herr Prinzessin in den Arm nimmt, dann Crackhead, Fahrer und schlussendlich sogar Boss, der die Umarmung nicht erwidert, den älteren Herren aber auch nicht von sich stösst und umbringt.

„Du bist wohl Bossy“, sagt der Grossvater der Zwillinge, dessen Name ich noch nicht kenne. „Dumm und Dümmer haben mir viel von dir erzählt.“

„Dumm und Dümmer?“, frage ich Prinzessin leise, nachdem ich den netten alten Herren umarmt habe.

„Sie wollen, dass alle sie so nennen, sogar ihre eigene Familie“, antwortet Prinzessin, bevor der Grossvater der Zwillinge wieder zu Wort kommt.

„Ich bekomme den ersten Tanz mit dir, zuerst muss ich aber mit meiner Frau tanzen. Wenn ich sie denn finde.“ Der ältere Herr läuft davon. Etwas verpeilt, genau wie die Zwillinge.

„Wir sehen uns später“, ruft er uns zu, dann verschwindet er auch schon in der Menge.

„Der andere Grossvater ist nicht ganz so…“, sagt Prinzessin.

„Liebesbedürftig“, antwortet Crackhead lachend.

Dann stehen auch schon die Zwillinge neben uns. Sie grinsen. Beide tragen Geburtstagshütte und mehr Schmuck, als ich sie jemals habe tragen sehen. Sie machen sogar Prinzessin Konkurrenz.

„Alles Gute zum Geburtstag“, sagen wir alle zusammen. Erst da fällt mir auf, dass wir kein Geschenk für sie haben, aber das scheint die Zwillinge nicht zu stören. Sie freuen sich einfach, dass wir da sind. Beide zeigen sie in eine andere Richtung.

„Da wird getanzt“, sagt Dümmer.

„Dort drüben gibt es etwas zu trinken“, sagt Dumm.

Dann drehen sich beide gleichzeitig um. Sie starren in die feiernde Menge hinein, bevor sie sich wieder uns zuwenden.

„Da kommen unsere Eltern. Viel Spass mit ihnen, wir müssen jetzt all unsere Cousins begrüssen.“

Schon verschwinden sie, fast so, als hätten sie sich in Luft aufgelöst. Dann aber höre ich einen der Zwillinge uns etwas zurufen.

„Später gibt es noch ein Feuerwerk.“

Die Zwillinge haben ihr Aussehen von ihrer Mutter geerbt, die eine wirklich schöne Frau ist. Sie trägt auch ein paar schöne Schmuckstücke, als gehöre sie nicht hierher. Doch soviel ich weiss, tut sie das. Der Vater meiner Freunde sieht mit seinen roten Haaren und der weissen Haut ganz anders aus als die Zwillinge, doch ich merke schnell, dass sie ihren Charakter von ihm geerbt haben.

Kaum haben uns die Eltern der Zwillinge begrüsst, wollen uns auch andere Familienmitglieder der Zwillinge begrüssen. Ich werde offiziell in den Plots willkommen geheissen. Ich weiss nicht, wie viel die anderen Partygäste über mich wissen, ob sie mich erkennen oder überhaupt wissen, von wo ich komme. Ich werde einfach wie ein neues Familienmitglied behandelt.

„Noch gelte ich in Kensington doch offiziell als vermisst. Was wenn mich hier einer erkennt und verrät?“, frage ich Prinzessin.

Weil ich noch nicht weiss, was ich tun werde, was ich tun möchte, will ich hier nicht erkannt werden, um irgendwann die Möglichkeit zu haben, zurück nach Hause zu gehen.

„Niemand, selbst wenn sie dich erkennen, wird dich an Kensington verraten“, sagt Prinzessin. „Selbst wenn ihnen viel Geld geboten wird, lügen sie die Leute aus Kensington einfach an. Niemand hier will Kensington helfen, sondern nur reich werden. Ausserdem haben sie Angst vor Boss.“

„Kein Bewohner Kensingtons spricht freiwillig mit einem Bewohner Plot Islands. Selbst wenn sie einen Verdacht haben, müssten sie sich zuerst dazu überwinden, mit uns Verbrechern zu sprechen“, sagt Fahrer, der bereits mehrere Drinks hatte.

Fahrer und Prinzessin haben Recht. Ich schaffe es, mich zu entspannen.

Es ist ein seltsames, aber auch ein gutes Gefühl, von dieser fremden Familie aufgenommen zu werden, als würde ich hierhergehören. Es ist komisch, sich an einem Ort mit so vielen Fremden sofort wohlzufühlen, und doch tue ich es.

In Kensington sind Partys wie diese nicht erlaubt. Eine Party in einer einfachen Holzscheune mit selbstgemachter Dekoration, selbstgemachtem Kuchen und selbstgemachtem Essen, dazu spielt jemand immer wieder die gleichen zehn Lieder und es wird laut geredet und gelacht, könnte sich in Kensington niemand vorstellen, doch mir gefällt es sehr.

Noch vor ein paar Monaten hätte ich mir nicht vorstellen können, dass es so etwas in den Plots gibt. Eine richtige, grosse, glückliche Familie, die zusammen feiert und ihr Leben geniesst, obwohl sie an diesem schrecklichen Ort leben. Sie haben das Beste daraus gemacht und ich bin mir fast sicher, dass die meisten hier viel glücklicher sind, als es die Bewohner Kensingtons jemals sein könnten.

Ich kann verstehen, warum ein Ort wie dieser für all diese Menschen ein Zuhause ist. Sie leben nicht in Palästen mit hunderten Angestellten. Wahrscheinlich verdienen fast alle ihr Geld mit Dingen, die nicht legal sind. Doch sind sie alle glücklicher und zufriedener, als es eine Bewohner Kensington jemals sein könnte.

Ihre Freude ist ansteckend. Der Abend hat erst angefangen, und doch bin ich mir sicher, dass das hier die beste Party ist, auf der ich jemals war. Ich kann mit den Leuten lachen, mich so laut wie ich möchte, mit wem auch immer ich will, unterhalten. Die Personen, mit denen ich eine Weile zusammengearbeitet habe, weil sie mich dazu gezwungen haben, sind bereits Freunde, langsam werden sie zu mehr.

Was ich hier lerne, ist, dass alles möglich ist und wir vielleicht irgendwann alle so etwas wie eine Familie werden könnten, wenn ich beschliesse, für immer in den Plots zu bleiben.

5

Ich war in meinem Leben noch nie auf einer verrückteren Party, die so viel Spass macht wie diese.

Während die Zwillinge einen Kuchen, in dem eine Bombe versteckt ist, präsentieren, die explodiert und Kuchenstücke auf uns alle regnen lässt, erfahre ich, dass selbst ihre Eltern, ihre Grosseltern und ihre Cousins sie nicht auseinanderhalten können.

Sie bestehen auf ihre Spitznamen. Wenn sie ihre Cousins bei einem anderen Namen nennen, laufen sie ihnen mit der Kuchengabel hinterher. Sie verhalten sich nicht wie Jungs, die jetzt achtzehn sind, aber das macht das Ganze nur noch unterhaltsamer.

Zusammen mit meinen Freunden, zu denen ich dank meiner guten Laune sogar Boss zähle, sitze ich an einem Tisch und esse Geburtstagskuchen. Er sieht nicht perfekt aus, ist aber der beste Kuchen, den ich jemals gegessen habe.

An unserem kleinen, runden Tisch, an dem es für einen Moment keinen Boss gibt, sind wir wie eine kleine Familie in einer ganz grossen Familie. Es fühlt sich nur noch mehr so an, als die Zwillinge sich kurz zu uns setzen.

Einen Moment später müssen sie aber bereits wieder einem ihrer Cousins nachlaufen, der sie Doof und Doofer nennt. Intelligenz liegt nicht in der Familie, macht sie aber alle noch um einiges sympathischer.

Als wir alle Kuchen gegessen haben, entschuldigt sich Fahrer, um dem DJ zu helfen. Crackhead wird von einer schönen Cousinen der Zwillinge zum Tanz aufgefordert. Gerade als Prinzessin mich zum Tanzen auffordern will, kommt der Grossvater der Zwillinge vorbei, der sich meinen ersten Tanz reserviert hat.

„Tut mir leid“, flüstere ich Prinzessin zu, als ich auch schon vom alten Gentleman auf die Tanzfläche gezogen werde.

Von weitem sehe ich das Grinsen in Prinzessins Gesicht, wie er kurz auf Boss einredet und mich dann weiter beobachtet. Er sieht glücklich aus, was mich glücklich macht.

Boss sehe ich wie immer nicht an, was er denkt. Sein Gesicht ist ernst wie immer. Ich weiss nicht einmal, ob er so etwas wie Spass überhaupt empfinden kann, aber er hat uns allen erlaubt, heute hierherzukommen. Er erlaubt uns etwas, was aus seiner Sicht bestimmt Zeitverschwendung ist, also muss er zumindest so etwas Ähnliches wie Mitgefühl empfinden können.

Der Grossvater der Zwillinge, dessen Namen ich noch immer nicht kenne, weshalb ich auf Prinzessins Spitznamentrick zurückgreife und ihn einfach den alten Gentleman nenne, verbeugt sich vor mir. Ich verbeuge mich ebenfalls, weil ich den Tanz erkenne, den er tanzen möchte, auch wenn er nicht zur Musik passt.

Ich weiss nicht, wo der alte Gentleman den Tanz gelernt hat, da ich mir sicher war, dass nur in Kensington so getanzt wird. Jeden Tag werde ich von diesem Ort hier überrascht.

„Du tanzt bezaubernd. Wie eine Fee. Elegant wie eine Königin“, sagt der alte Gentleman.

Ich lächle ihn an. Das ist das vielleicht schönste Kompliment, das ich in meinem Leben bekommen habe. Meine Tanzlehrerin hat mir immer gesagt, ich würde wie ein Esel tanzen.

„Sie tanzen auch sehr gut“, sage ich.

„Manieren hast du auch noch“, sagt der alte Gentleman.

Ich nicke. Es ist mir einfach so rausgerutscht. Macht der Gewohnheit und dass, obwohl ich in den Plots jeden mit du anspreche.

„Alles jahrelange Übung“, sage ich.

Der alte Gentleman nickt. Er fragt nicht nach, woher ich komme. Er weiss es bestimmt, aber es scheint ihn nicht zu stören. Er verurteilt mich nicht für meine Herkunft, etwas, was wir in Kensington so auch nicht kennen. Ein weiterer Grund, diesen Ort zu mögen.

„Mir ist zu Ohren gekommen, dass du den Zwillingen das Lesen und Schreiben beigebracht hast.“

Ich nicke, drehe mich um mich selbst und lege meine Hände dann wieder in die des alten Gentlemans.

„Danke“, sagt der alte Gentleman. Ein Wort, das man hier viel zu selten hört. „Das wird die beiden in ihrem Leben weiterbringen, als du es dir jemals vorstellen kannst. Selbst wenn wir nie von dieser Insel herunterkommen, müssen sie sich nun nicht mehr auf jemand anderes verlassen, wenn sie so etwas Einfaches tun wollen, wie ein Schild zu lesen.“

„Das habe ich gern gemacht“, sage ich ehrlich.

Boss würde sagen, ich habe es gemacht, um mich besser zu fühlen. Natürlich war das einer der Gründe, aber ich habe es auch für Momente wie diese getan. Für den Moment, in dem ein stolzer Grossvater eine Fremde in den Arm nimmt, weil sie zwei seiner Enkel etwas beigebracht hat, was eigentlich jeder in dieser Stadt schon als Kind lernen sollte. Ich will hunderte Dinge sagen, mich aber vor allem dafür entschuldigen, dass Kensington den Rest der Stadt so schrecklich behandelt, aber da steht plötzlich Prinzessin neben uns.

„Darf ich?“, fragt er den alten Gentleman. Der übergibt mich so elegant, wie es sich gehört.

Prinzessin kann nicht tanzen, zumindest nicht so, wie ich es gelernt habe. Er erfindet einfach eigene Tanzschritte. Trotzdem macht es Spass, mit ihm zu tanzen. Wir tanzen, bis Crackhead mit mir tanzen möchte.

Crackhead kann auch nicht tanzen, aber er versucht es mit ganzem Herzen. Er versteht im Gegensatz zu Prinzessin, dass zu einem Tanz auch gute Kommunikation gehört. Während wir tanzen, sprechen wir über alles, was uns Freude macht. Wir lachen zusammen. Wir reden über die Bücher, die er schon gelesen hat und noch lesen möchte. Er spricht darüber, später mal einen Zoo in den Plots zu eröffnen, was eine gute Idee, wenn auch keine besonders realistische Idee, ist. Doch das sage ich ihm nicht, stattdessen fantasiere ich mit Crackhead, bis die Zwillinge kommen und auch mit mir tanzen wollen.

Sie tanzen, indem sie laut lachend um mich herumspringen, bis ich ihnen zu langweilig werde. Dann gehen sie zu Prinzessin, der gerade mit Crackhead tanzt, und nerven die beiden. Während alle anderen beschäftigt sind, hole ich mir etwas zu trinken. Dabei komme ich am DJ-Pult vorbei, das nun von Fahrer bedient wird.

Als ich Fahrer ein Kompliment mache, grinst er mich zum ersten Mal an. Auch er ist mittlerweile ein Freund geworden, selbst wenn ich manchmal das Gefühl habe, Boss besser zu kennen als ihn.

Kaum habe ich an Boss gedacht, sehe ich mich nach ihm um, aber er ist nicht mehr zu sehen. Vielleicht ist er schon nach Hause gegangen oder treibt sich irgendwo in der Stadt herum, weil er das hier für Zeitverschwendung hält.

Ich schaffe es nicht, böse auf ihn zu sein, weil er, wenn auch nur kurz, hier war. Er hat den Zwillingen eine Freude gemacht, was er wahrscheinlich nie zugeben würde.

Prinzessin, Crackhead und die Zwillinge unterhalten die Leute, die nicht tanzen und nur zusehen, mit ihrer wilden Show, die mich an ein paar Clowns in verrückten Kostümen erinnert. Als mich Prinzessin sieht, löst er sich von der Gruppe und fordert mich zu einem weiteren Tanz auf, der nicht ganz so wild ist wie der, der die Zwillinge und Crackhead noch immer vorführen.

„Wie gefällt dir die Party?“, fragt mich Prinzessin zufrieden grinsend.

„Du hattest Recht“, sage ich. „Es ist die beste Party, auf der ich je war.“

„Je später es wird, desto besser wird sie“, sagt Prinzessin. „Warte nur, bis die Grosseltern der Zwillinge alle auffordern, bei ihren Trinkspielen mitzumachen.“

Ich lache mit Prinzessin. Ich kann es kaum erwarten.

Unsere Blicke treffen sich. Ein perfekter Abend, jetzt fehlt nur noch der Kuss unter den Sternen oder eher der selbstgemachten Deko an der Decke.

Leider bekomme ich den perfekten Kuss nicht, weil wir unterbrochen werden.

„Darf ich um einen Tanz bitten?“

6

Prinzessin scheint genauso überrascht wie ich zu sein, nur lässt er sich das nicht anmerken. Ich sehe Boss, der mich zum Tanz aufgefordert hat, einfach nur an, während Prinzessin mich loslässt.

Ein Grinsen ziert Prinzessins Gesicht, als ich mich verloren zu ihm umdrehe. Er zwinkert mir noch zu, dann verschwindet er in der Menge. Schon bin ich allein mit Boss, der sich nun vor mir verbeugt. Offenbar will er den gleichen Tanz tanzen, den ich zuvor mit dem alten Gentleman getanzt habe.

Dass er den Tanz beherrscht, sollte mich nicht überraschen, tut es aber. Boss ist unberechenbar, doch hätte ich nie gedacht, dass er tanzen kann und es auch tut, schliesslich ist das für ihn doch auch Zeitverschwendung.

Ich verbeuge mich ebenfalls und lege meine Hände dann in Boss warme, trockene Hände. Es ist ein seltsames Gefühl, ihm so nahe zu sein. Es ist seltsam, einen Menschen mit fast schwarzen Augen anzusehen und mit ihm zu tanzen. Doch ich lasse mir das nicht anmerken. Ich habe in meinem Leben nicht mit unheimlicheren, aber mit ekligeren Männern tanzen müssen. Da stehe ich das hier auch durch.

Schon nach wenigen Schritten, kurz nach der Verbeugung, erkenne ich, dass Boss tanzt wie jemand aus Kensington. Noch viel besser und viel geübter, als der alte Gentleman getanzt hat.

„Wo hast du so Tanzen gelernt?“, frage ich.

Boss sieht mir in die Augen. Er blinzelt nicht. Ihm traue ich zu, dass er selbst mitten auf der Tanzfläche auf einer fröhlichen Party eine Waffe zieht, wenn ich eine falsche Frage stelle.

„Für manche Jobs musst du solche Dinge beherrschen. Das Schlimmste, was dir in einem anderen Stadtteil passieren kann, ist, dass du auffällst. Du möchtest auf keinen Fall, dass jemand merkt, wer du bist und woher du kommst.“

Das hier ist also so eine Art Unterrichtsstunde, sonst würde mir Boss bestimmt keine Antworten auf meine Fragen geben oder überhaupt so etwas banales tun, wie zum Spass mit mir zu tanzen.

„Mir sind mein Leben lang Manieren und Tanzen beigebracht worden. Ich weiss, wie ich mich in Gesellschaft zu verhalten habe“, sage ich.

Boss nickt, bevor er mich einmal dreht. Ein schnelles Lied spielt im Hintergrund. Wir tanzen zu unserem eigenen Takt, so wie man es zumindest mir über Jahre beigebracht hat.

„Wer hat dir Tanzen beigebracht?“, frage ich, weil Boss perfekt tanzt. Selbst in Kensington habe ich selten mit Männern getanzt, die so gut tanzen können.

„Ein Tanzlehrer aus Kensington hat es mir beigebracht.“

„Wie kommst du zu einem Tanzlehrer aus Kensington?“

„Du solltest am besten wissen, wie einfach es ist, einen Menschen zu kaufen“, antwortet Boss. Wir verbeugen uns voreinander, dann geht der Tanz weiter. „Der Rest ist Talent.“

Es sind keine Gefühle auf Boss Gesicht zu erkennen, aber ich habe den arroganten Unterton deutlich aus seiner Stimme herausgehört. Boss bleibt sich selbst treu, auch wenn er mir eines seiner Talente zeigt, das ich ihm nie zugetraut hätte.

„Was soll das hier?“, frage ich Boss, kaum haben wir uns umeinandergedreht. „Ich weiss genau, dass du das alles für Zeitverschwendung hältst. Die Party, aber vor allem das Tanzen.“

Der Raum dreht sich wie immer nach dieser Figur kurz, nur meinen Tanzpartner, in diesem Fall Boss, kann ich klar sehen.

„Würde ich diese Party verbieten, würden sich meine eigenen Leute gegen mich stellen“, sagt Boss. Also hat das hier tatsächlich einen Nutzen. „Wir tanzen miteinander, um ungestört sprechen zu können.“

Was wir sonst im Wohnzimmer getan hätten, tun wir jetzt hier auf der Tanzfläche. Alles hat seinen Grund. Boss tut nichts, weil er Spass haben will oder weil er einfach Lust darauf hat.

„Du hast dich offenbar daran gewöhnt, mit alten Männern zu tanzen.“

Er denkt wohl, er könne mich quälen, wenn er mich an all die schrecklichen Tänze erinnert.

„Für gewöhnlich tanze ich mit alten Männern, aber ich kann auch mit Leuten wie dir tanzen und strahlend lächeln, als hätte ich die beste Zeit meines Lebens“, sage ich und setzte mein bestes falsches Lächeln auf. Selbst meine besten Freundinnen konnten ein Echtes nicht von einem falschen Lächeln unterscheiden. Mein Verlobter sowieso nie.

Boss reagiert auf mein Lächeln nicht. Er starrt mich bloss an, ich starre zurück, während wir weiter miteinander tanzen. Leider folgt der schlimmste Teil des Tanzes noch. Boss zieht mich an sich, wie es sich gehört, auch wenn ich mir sicher bin, dass er mich lieber umbringen würde. Mir geht der Gedanke auch durch den Kopf, selbst wenn ich zugeben muss, dass ich einen solchen perfekten Tanz schon fast geniesse.

Ich starre weiter in seine schwarzen Augen.

„Blinzelst du eigentlich nie?“

Wie auf jede dumme oder unnötige Frage bekomme ich auch darauf keine Antwort. Wahrscheinlich hätte ich die Frage nicht einmal selbst beantwortet.

„Bald werden wir dich in unser Alltagsgeschäft einführen, dann wirst du dich an unserem nächsten grossen Projekt beteiligen“, sagt Boss schliesslich. Wahrscheinlich hat mich Boss nur zum Tanzen aufgefordert, um mir das zu sagen. Und um mich ein wenig zu quälen, natürlich.

Ich nicke, bevor ich beschliesse, den Spiess umzudrehen oder es zumindest zu versuchen.

„Ich kann immer noch nach Kensington zurückgehen, bevor ich dir von Nutzen sein kann.“

Boss schüttelt den Kopf, als wüsste er besser, was in meinem Kopf vorgeht, als ich selbst.

„Solange du mit Prinzessin zusammen bist, wirst du bleiben.“

„Das kann und wird mich nicht aufhalten“, sage ich, obwohl er natürlich, wie so oft, Recht hat.

„Aber es ist ein Grund von vielen, um zu bleiben“, sagt Boss „Dieses Fest hat auch seinen Zweck erfüllt. Du bist glücklich und zufrieden und deshalb bereit und motiviert für das, was bevorsteht.“

Nichts geschieht ohne Grund. Boss lässt nichts ohne Grund geschehen. Boss weiss, wie Menschen ticken, darum ist er der Boss. Darum herrscht er über ein Stadtviertel voller Krimineller.

„Was sind das für Alltagsgeschäfte und was ist das nächste grosse Projekt?“, frage ich.

Wenn er schon immer Recht haben muss, kann er mir wenigstens ein paar Antworten geben. Leider ist der Tanz zu Ende.

Boss verbeugt sich vor mir. Ich tue aus Reflex dasselbe. So wie es sich gehört.

„Das wirst du noch früh genug erfahren“, höre ich Boss sagen, dann verschwindet er in der Menge.

7

Ich sehe mir das Feuerwerk an, als mich Prinzessin wiederfindet.

„Muss ich mir Sorgen machen?“, fragt Prinzessin. „Oder einfach nur eifersüchtig sein?“

„Wieso?“, frage ich verwirrt.

„Wieso?“, fragt Prinzessin und schüttelt den Kopf. „Wegen des Tanzes.“

„Du musst doch nicht eifersüchtig auf alte Männer sein“, sage ich, weil ich langsam verstehe, auf was das hier hinausläuft und ich keine Lust habe, dass mich Prinzessin den ganzen Abend mit dem Tanz aufzieht, denn ich habe tanzen müssen, wenn ich nicht inmitten einer Party mit einer Pistole bedroht werden wollte.

„Du hast auch mit jungen Männern getanzt“, sagt Prinzessin. Er grinst breit. Er ist nicht eifersüchtig, aber er wittert seine Chance, mich mit etwas, das auch mich selbst überrascht und gestört hat, aufzuziehen.

„Crackhead ist der perfekte Gentleman“, sage ich. „Er ist ein guter Freund“, fast schon Familie, „aber auf ihn musst du bestimmt nicht eifersüchtig sein und die Zwillinge“, sage ich und lache, „sind schlimmer als kleine Kinder.“

Prinzessin lacht auch, dann aber schüttelt er den Kopf.

„Was ist mit Boss?“

„Was ist mit ihm?“, frage ich. Wenn ich dumm spiele, gibt er es vielleicht irgendwann auf und ich muss mir das hier nicht den ganzen Abend anhören.

„Komm schon, du weisst genau, wovon ich spreche.“