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Eine weitere unfreiwillige Reise bringt Mia zurück in die Welt, in der sie geboren wurde. Verzweifelt versucht sie alles, um zurück in die Welt zu kommen, die sie nun ihre Heimat nennt. Neue Bekanntschaften, die weitere Fragen aufwerfen, helfen ihr, einen Weg zurückzufinden. Doch auch wenn sie bei ihrer Rückkehr von der Liebe überrascht wird, währt ihr Glück nicht lange. Auf der Jagd nach alten Bekannten trifft sie auf Verwandtschaft, die alles zerstören könnte. "Es gab keine Sekunden mehr, keine Minuten, keine Stunden und schon gar keine Tage. Ich kannte nur noch Dunkelheit, Einsamkeit, Schmerz und Hoffnungslosigkeit."
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Prolog
Archie
Ich spürte es, als sie mich verliess und zurück in ihre Welt reiste.
Sie nahm einen Teil von mir mit in diese andere Welt, über die ich so wenig wusste. Eine Welt, aus der ich nur ein paar Lieder und ein paar Geschichten kannte. Diese andere fremde Welt hatte mir sie geschenkt. Sie hatte ihr erlaubt, in meine Welt zu reisen, und sie hatte sie mir nun wieder entrissen.
Vielleicht war Mia auch freiwillig gegangen, dachte ich, als ich den Pfeil aus meiner Schulter zog, der mich so blöd getroffen hatte, dass ich den gleichen Fehler wie Mia beim Training gemacht hatte. Sie hatte oft beschrieben, wie sie die Schwerkraft gepackt hatte. Die Finger der Schwerkraft hatte ich kurz nach dem stechenden Schmerz in meiner Schulter auch gespürt. Ich hatte ihr nicht widerstehen können und war abgestürzt.
Die Einstichstelle blutete, tat aber nicht so weh wie der Gedanke, dass Mia diese Welt vielleicht freiwillig verlassen hatte. War sie wirklich, ohne sich zu verabschieden, nach allem, was wir zusammen durchgemacht hatten, gegangen?
War ihr alles zu viel geworden?
War ich ihr vielleicht zu viel geworden?
In den letzten Tagen war viel passiert. Wir hatten uns verändert, aber vor allem hatte ich mich verändert.
Wegen ihr hatte ich versucht, mich zu öffnen. Wegen ihr hatte ich versucht, gegen all die Dinge anzukämpfen, die schon so lange durch meinen Kopf geisterten. Ihr hatte ich zu verdanken, dass ich mich das erste Mal in meinem Leben komplett fühlte. Manchmal war ich dank ihr tatsächlich glücklich, und das nüchtern und für mehr als ein paar Stunden.
Doch nun war Mia weg und das Glücksgefühl hatte sie mit sich genommen.
Ich verdiente Mia nicht. Sie hatte etwas Besseres verdient. Jemand Besseres in ihrer Welt, der sie so glücklich machen konnte, wie ich es nie könnte.
Ich dachte nicht an meine blutende Schulter, selbst als sich der Schmerz verzehnfachte, als ich meine Flügel ausbreitete und abhob. Ich liess einen blutigen Pfeil und vier tote Verräter zurück, die verzweifelt versucht hatten, Land für Erick zu gewinnen. Ihre Kehlen waren alle aufgeschlitzt.
Vielleicht hätte Cory die vier Verräter und die Informationen, die sie mit sich herumtrugen, brauchen können, doch als ich gespürt hatte, dass Mia nicht mehr da war, hatte ich die Kontrolle verloren. Das Monster hatte sich befreit und alles zerstört, was ihm in die Quere gekommen war.
Tief flog ich über den Wald, dann über den Fluss und erreichte schliesslich die verkohlten Baumreste auf der anderen Seite des Flusses. Dort landete ich, weil ich noch nicht zurück zu meiner Familie gehen konnte. Ich konnte ihnen noch nicht unter die Augen treten und ihnen sagen, dass Mia nicht mehr da war.
Als ich mich auf einen verkohlten Ast setzte, hörte ich Rufe. Mehrere Personen riefen einen Namen, der mir, seit ich ihn das erste Mal gehört hatte, nicht mehr aus dem Kopf ging.
„Mia, Mia, Mia.“
Ich stand auf, folgte den Rufen, dem Namen, der zu der Person gehörte, die mir alles bedeutete.
Die Rufe kamen aus dem Wald hinter den verkohlten Bäumen. Ich trat auf die Bäume zu, die von den Feuerpfeilen nicht zerstört worden waren.
Plötzlich brach Fiora durch das dichte Gebüsch. Sie blieb sofort stehen, als sie mich sah.
„Arc?“, fragte sie überrascht. „Du lebst?“
„Ja. Warum sollte ich tot sein?“
Fiora lief auf mich zu. Ich wusste, sie wollte mich umarmen, das tat sie gerne, doch als ihr Blick auf meine blutige Schulter fiel, blieb sie wie angewurzelt stehen.
„Perry hat uns gesagt, dass du getroffen wurdest und abgestürzt bist. Er ist fest davon überzeugt, dass du tot bist. Hat dich Mia gefunden? Hat sie dich geheilt?“
Ich schüttelte den Kopf und senkte den Blick. Fiora durfte mir nicht ansehen, wie ich mich fühlte. Dann würde sie mich ganz sicher umarmen wollen. Ich wollte keine Umarmung. Nicht von Fiora. Von niemandem.
Ausser vielleicht von Mia, doch die war nicht mehr hier.
Fiora war schon immer zu gut gewesen, um jemanden wie mich zu umarmen. Wie Mia auch, doch ihre Berührungen hatte ich zugelassen. Nach Mias Berührungen hatte ich mich gesehnt. Ihren Berührungen hatte ich nicht widerstehen können.
Fiora sah sich um. Sie suchte die Gegend nach Mia ab.
„Sie ist nicht mehr hier.“
Fioras Augen fielen wieder auf mich. Da sah ich, dass sie mit den Tränen kämpfte. Fiora war unglaublich stark, doch sie konnte ihre Gefühle schlecht verbergen. „Ist sie Ericks Verbündeten zum Opfer gefallen?“
Ich schüttelte den Kopf. Ich wollte auch weinen. Etwas, das ich schon seit Jahren nicht mehr getan hatte.
Doch dann erinnerte ich mich an den Moment, als ich gedacht hatte, Mia wäre von einem Pfeil getroffen und getötet worden. Das einzige Mal in über zweihundert Jahren, dass ich die Kontrolle über meine Gefühle verloren hatte. Tränen hatten mir die Sicht genommen.
Jetzt war ich kurz davor, wieder die Kontrolle zu verlieren. Doch zuerst war ich Fiora noch eine Antwort schuldig. „Sie hat diese Welt verlassen und ist in ihre eigene zurückgekehrt.“
„Warum?“, fragte Fiora schluchzend. Mia hatte mir am meisten bedeutet. Es war gar nicht möglich, dass sie jemanden mehr bedeutete, doch sie war auch eine gute Freundin von Fiora. „Warum hat sie sich nicht von uns verabschiedet?“
„Ich weiss es nicht“, antwortete ich ehrlich. Meine Stimme war rau. „Ich habe sie nicht mehr gesehen, seit sie unser Zelt verlassen hat. Ich weiss bloss, dass sie nicht mehr hier ist.“
Fiora sah mich mit Tränen in den Augen an. „Wie kannst du dir so sicher sein, dass sie nicht mehr hier ist?“
„Ich kann es fühlen.“
Fioras Schluchzen stoppte. Sie sah mich an, ihre Augen riesig. „Sie ist dein…“
Doch sie sprach nicht aus, was ich seit dem Abend zuvor sicher wusste, da plötzlich Cory auftauchte. Er sah, dass sein Gegenstück weinte, schloss sie in seine Arme, lief dann zusammen mit ihr auf mich zu und drückte mich auch an sich.
So etwas hatte ich eigentlich verhindern wollen. Nur eine Sekunde später spürte ich weitere Arme, die sich um mich schlangen. Perry war da. Nathan auch. Mila war auf dem Weg zu uns. Ich konnte die drei nicht sehen, aber die Dunkelheit, die unter meiner Haut zusammen mit meinem Blut durch meinen Körper floss, verriet es mir.
Glücklicherweise zog sich die Umarmung nicht in die Länge. Nacheinander liessen wir voneinander ab.
„Ich bin echt froh, hat dich der Pfeil und der Sturz nicht umgebracht“, sagte Perry und klopfte mir auf meine gesunde Schulter. „Mia hat dich offenbar schön wieder zusammengeflickt.“
Auf keinen Fall wollte ich die Worte nochmals aussprechen. Ich wollte meiner Familie nicht sagen, dass Mia nicht mehr da war. Ich wollte ihnen nicht sagen, dass ihr Verschwinden meine Schuld war. Ich wollte nicht, dass sie enttäuscht von mir waren, auch wenn ich das verdient hatte.
Fiora, die noch immer von Cory gehalten wurde, schüttelte den Kopf. Perry sah das glücklicherweise und verstummte sofort.
„Sie ist weg“, sagte Mila, die hinter mir stand. „Sie ist zurück in ihre Welt gereist, als sie dich gesucht hat.“
Ich drehte mich zu ihr um. „Sie war auf der Suche nach mir?“
„Ja“, bestätigte Fiora. „Sie wollte dich finden und heilen.“
Wieso hatte sie mich finden und heilen wollen und war dann in ihre Welt zurückgereist?
Das passte nicht zusammen. Ausser sie war nicht freiwillig zurückgereist. Doch all die von der Dunkelheit angetriebenen Stimmen in meinem Kopf glaubten das nicht. Ich war mir sicher, dass sie wegen mir gegangen war. Weil sie es mit mir nicht mehr ausgehalten hat.
„Was machen wir jetzt?“, fragte Nathan, der die Hand seiner noch immer weinenden Schwester hielt. „Mia ist weg und Anastasia ist tot. Wie machen wir weiter?“
Alle sahen mich an, als sollte es mich überraschen, dass Anastasia eine Verräterin war. Doch war ich nicht überrascht. Die Dunkelheit, die mir manchmal Geheimnisse verriet, hatte mir schon öfter geraten, in Anastasias Gegenwart vorsichtig zu sein. Damals hatte ich dem nicht allzu viel Beachtung geschenkt, doch nun bereute ich es, wie so viele andere Dinge in meinem Leben.
„Wir tun, was wir immer tun“, beantworte Cory Nathans Frage. „Wir machen einfach weiter.“
Ich wollte nicht einfach weitermachen.
Ich konnte nicht einfach weitermachen.
Doch konnte ich das nicht sagen. Ohne Mia fühlte ich mich leer. Die Dunkelheit, die nur Mia vertreiben konnte, nährte sich an diesem Gefühl.
„Erick ist noch auf der Flucht. Wir werden ihn jagen, und dann entscheiden wir, wie es weitergeht“, sagte Perry, als wäre er der König. „Noch haben wir ein Ziel, und dann schauen wir weiter.“
Perry konnte so etwas eigentlich nicht entscheiden oder befehlen, doch Cory und Fiora nickten. Ich nickte auch, die Augen auf den Boden gerichtet.
„Zuerst gehen wir nach Hause und ruhen uns aus“, befahl Fiora dann. „Die Jagd nach Erick kann ein paar Tage warten.“
Niemand widersprach ihr.
Gelähmt von der Leere in mir folgte ich meiner Familie zurück ins Armeelager. Dort packte ich meine, aber auch Mias Sachen zusammen. Eigentlich wollte ich die Sachen dalassen und nicht nochmals anschauen, doch schliesslich drückte ich ihre Taschen fest an meine Brust, während ich nach Hause flog. Nur dank der Tasche mit Mias Kleidern, die nach ihr rochen, hatte ich genug Kraft, um den Flug zurück nach Hause zu überstehen.
Die Anderen luden mich zu ihnen ein. Sie wollten mich nicht allein nach Hause gehen lassen, doch ich lehnte all ihre Angebote ab. Ich musste das hier allein tun. Ich musste zurück zu dem Haus gehen, das ich mit Mia das letzte Mal betreten hatte und mit ihr zusammen wieder betreten wollte.
Ich hatte den Moment schon vor mir gesehen. Ich hatte uns unter den Sternen liegen sehen, während wir über all die Dinge sprachen, über die ich mit sonst niemandem sprechen konnte. Selbst wenn ich es nicht zugeben wollte, wenn es falsch war, hatte ich unsere gemeinsame Zukunft im Haus am Meer, in unserem Haus, schon vor mir gesehen.
Doch nun war Mia weg. Sie hatte meine Welt verlassen. Die Zukunft, die ich mir erträumt hatte, würde nie Wirklichkeit werden.
Allein lief ich so durch das stille Haus. Ohne Mia war das Haus viel zu gross und verlassen. Ich war allein. Für immer allein.
Eigentlich wollte ich nur schnell ihre Kleider in ihr Zimmer bringen und das Zimmer dann für immer verschliessen. Doch dann fand ich mich in ihrem Bett liegend und zu den Sternen hochschauend wieder.
Sterne, die ich einmal während einer schlaflosen Nacht an diese Decke gemalt hatte, um mich zu beruhigen, um mich daran zu erinnern, dass es auch noch schöne Dinge in dieser Welt gab. Leider war es in dieser Nacht unmöglich, an etwas Schönes zu glauben, wenn das schönste Wesen diese Welt verlassen hatte.
Ich fand keinen Schlaf. Ich driftete von einem schrecklichen Albtraum in den Nächsten. Als ich irgendwann erwachte, war die Realität noch schlimmer als jeder Albtraum.
Perry kam mit Cory vorbei, Nathan mit Fiora. Mila besuchte mich allein. Sie versuchten alle, mit mir zu reden, wollten mich ablenken, doch die Dunkelheit hatte bereits besitzt, von mir ergriffen.
Minuten verstrichen. Stunden. Vielleicht auch Tage.
Ich schlief nicht mehr, war aber auch nicht mehr richtig wach.
Die Person, die mein Leben lebenswert gemacht hatte, war weg. Es gab keinen Grund, um aus dem Bett zu steigen.
Wieder kamen alle vorbei. Sie erzählten mir von der erfolglosen Jagd nach Erick und dem Maskenball, den sie für die Soldaten, die an unserer Seite gegen Erick gekämpft und überlebt hatten, planten. Ich wurde auch eingeladen, öffnete den dunkelblauen Umschlag, in dem die Einladung war, aber nicht.
Weitere Minuten verstrichen. Weitere Stunden. Vielleicht auch weitere Tage. Ich lebte nicht mehr, ich existierte nur noch.
Doch dann, irgendwann, als ich zwischen Schlaf und Wachsein schwebte, wie schon seit Stunden, vielleicht auch Tagen, spürte ich es plötzlich.
Die Veränderung in der Luft.
Die Machtverhältnisse, die sich neu ordneten.
Die Welt, wie sie plötzlich wieder Farbe bekam.
Das Leben, das in meinen Körper zurückkehrte.
Das Stück von mir selbst, das zu mir zurückkehrte.
Mein Gegenstück, das nach mir rief. Mein Gegenstück, dessen Anziehungskraft ich spüren konnte. Mein Gegenstück, das diese Welt wieder betreten hatte.
1
Ohne Geld, ohne saubere Kleidung, nur mit einem halbfertigen Plan machte ich mich auf den Weg nach New York.
Die Stadt, die niemals schläft, würde nun jemanden kennenlernen, der die letzten drei Tage durchgeschlafen hatte. Jemanden, der es nicht geschafft hatte, eine Stunde am Stück wach zu bleiben, seit sie diese Welt betreten hatte.
Es stellte sich heraus, dass, wenn man mit einem Messer in der Hand schlief, die Wahrscheinlichkeit, überfallen zu werden, sehr gering war. Diese Erfahrung hatte ich zumindest auf meinem Weg von meiner Wohnung zum Flughafen, der nur etwas ausserhalb der Stadt lag, gemacht.
Mein Körper hatte sich jeden Moment Ruhe geholt, den er hatte bekommen können. Ich hatte überall geschlafen. Auf einer Parkbank ausserhalb meiner Wohnung, in der U-Bahn, in den U-Bahnstationen, im Bahnhof und am Flughafen.
Jemand musste wohl Mitleid mit mir gehabt haben. Nach meinem ersten Schläfchen war jemand so nett gewesen, einen Becher mit ein paar Münzen vor mich zu stellen. Während ich schlief, kamen weitere Münzen dazu.
Doch nun stand ich am Flughafen und wollte ein Ticket kaufen, und die paar Münzen reichten nicht einmal für ein Taxi zurück zu meiner Wohnung, die ich nie wieder betreten wollte.
Die Münzen klimperten in meinem Becher, während ich durch den Flughafen lief. Die Tafel mit den Last-Minute-Angeboten hatte mir einen Dämpfer verpasst. Wenn ich weiter im gleichen Takt Münzen sammelte wie in den letzten paar Tagen, würde ich es vielleicht in ein paar Jahren nach New York schaffen.
Ich konnte aber nicht Jahre warten. Ich musste sofort zurück in die Welt, die ich verlassen hatte. Die Welt, in der Archie gestorben war, ich mich aber immer noch zu Hause fühlte. Während den kurzen Wachphasen waren mir diese zwei Dinge klar geworden. Archie war tot und Arela war mein Zuhause. Egal, ob Archie noch lebte oder nicht, ich musste zurück nach Arela. Ich musste zurück nach Hause, zum Haus am Meer, wo ich unter den Sternen um Archie trauern konnte. Ich musste zurück, um Abschied zu nehmen und mich um das Haus am Meer zu kümmern.
In dieser Welt konnte ich das nicht tun. Hier waren Archie, seine Familie und mein Zuhause bloss ein paar Wörter. Doch ich wollte, dass die Welt wieder real war und diese hier, in der ich mich herumquälte, bloss noch eine Erinnerung.
Ich hatte einen groben Plan, wie ich zurück nach Hause gelangen konnte, wo ich mit meinen Kräften nach der Person jagen konnte, die für Archies Tod verantwortlich war. Wenn ich Erick dann so hatte leiden lassen, wie Anastasia gelitten hatte, könnte ich vielleicht im Haus am Meer zur Ruhe kommen und trauern. An dem wunderschönen Ort könnte ich dann vielleicht auch Frieden finden oder zumindest so etwas Ähnliches wie Frieden.
Mein Plan, Rache, die Sehnsucht und eine Dose Cola, die ich mir aus den paar Münzen gekauft hatte, trieben mich an. Ich schlenderte weiter durch den Flughafen, auf der Suche nach Geld, das mich nach New York bringen würde.
New York war ein Zwischenschritt auf meiner Reise nach Hause. In New York lebte nämlich die Autorin, die die Bücher geschrieben hatte. Irgendeine Verbindung musste sie zu der Welt, meinem Zuhause, haben. Sie musste ein paar Antworten auf all meine Fragen haben. Sie war die Einzige, die mir helfen konnte, einen Weg nach Hause zu finden.
Doch zuerst musste ich einen Haufen Geld und eine Toilette finden.
Leider war das mit der Toilette viel einfacher als das mit dem Geld. Doch als ich aus dem nach Desinfektionsmittel riechenden Raum trat, traf es mich wie der Schlag. Ich stand direkt vor einem Schalter der Bank, bei der meine Eltern für mich als Baby ein Konto eröffnet hatten.
Zum ersten Mal in Tagen verspürte ich Hoffnung.
Ich lief an dem riesigen Schild vorbei, auf dem all die verschiedenen Währungen angezeigt wurden, die man hier bekommen konnte, und auf eine Frau zu, die aussah wie jeder normale Bankmitarbeiter. Sie trug einen hellen Anzug. Ihre dunklen Haare hatte sie zu einem strengen Dutt frisiert. Sie lächelte seriös.
„Ich habe ein Konto bei ihnen.“
„Name?“, fragte die Frau nicht besonders freundlich. „Geburtsdatum? Adresse?“
Ich beantwortete alle Fragen der Frau und erhielt dann einen Kontostand. Besonders viel Geld hatte ich nicht, doch für einen einzigen Flug musste es reichen.
„Geben sie mir alles.“
Die Frau sah mich irritiert an, zahlte mir dann aber mein ganzes Geld bis auf den letzten Cent aus. Einen Moment lang war ich fast glücklich, als ich das Geld in einen Umschlag steckte.
So schnell ich konnte, lief ich zurück zu den Last-Minute-Angeboten. Leider flog der nächste Flieger, den ich mir leisten konnte, erst drei Tage später. Es war ein Rückschlag, doch ich kam meinem Ziel trotzdem näher. So nahm ich, was ich kriegen konnte, und lief mit einem Flugticket durch den Flughafen und suchte mir einen Platz zum Schlafen.
Weitere drei Tage verbrachte ich fast nur schlafend am Flughafen. Ich erholte mich noch immer davon, dass ich Archie und Perry gleichzeitig geheilt hatte.
Hier, in dieser Welt, in der ich geboren worden war, hatte ich keine besonderen Kräfte. Ich war ein Mensch mit einer verrückten Geschichte. Hier konnte ich kein Feuer mit einem einzigen Blick entfachen. Hier konnte ich kein Wasser kontrollieren und Gedanken hören. Doch ich wusste noch, wie es sich angefühlt hatte, mächtig zu sein, und wie viel Kraft es mich gekostet hatte, Archie und Perry zu retten.
All meine Macht war verschwunden. Doch die Müdigkeit war geblieben.
Wieder wachte ich auf. Der Becher vor mir war voller Münzen. Mit diesem Geld kaufte ich mir ein paar saubere Klamotten und eine Tasche, in die ich meine schmutzigen Klamotten steckte, die ich nicht wegwerfen wollte. Ich brauchte sie als Erinnerung daran, dass die andere Welt real war und ich samt Klamotten zurück in diese Welt gereist war. Zu den Kleidern steckte ich meinen Reisepass, das Einzige, was ich aus meiner alten Wohnung mitgenommen hatte.
Dann war es endlich so weit.
Ich durfte mich auf den Weg zur Sicherheitskontrolle machen. In den letzten Tagen, wenn ich nicht geschlafen hatte, was selten vorgekommen war, hatte ich Menschen beobachtet. Alle Reisenden hatten viel Gepäck, dazu Handys mit Kopfhörer, Bücher oder Kissen um den Nacken. Ich lief mit einer kleinen Tasche voller Klamotten und einem Messer auf die Sicherheitskontrolle zu. Grosse Schilder wiesen die Reisenden auf verbotene Gegenstände hin, die nicht mit ins Flugzeug genommen werden durften. Ich ignorierte diese Schilder.
Irgendwie musste ich es schaffen, das Messer durch die Sicherheitskontrolle zu bringen. Ich würde es mir bestimmt nicht nehmen lassen. Neben den schmutzigen Kleidern war es das Einzige, das ich von zu Hause hatte. Es war alles, was mir von Archie blieb.
Ich legte das Messer in eine der Plastikboxen an der Sicherheitskontrolle und meine Tasche darauf. Bevor ich es losliess, flüsterte ich dem Messer mehrmals zu, dass es auf dem Gerät der Flughafenmitarbeiter nicht angezeigt werden sollte. Erst als ich durch die Metalldetektoren lief, während die Plastikschachtel durch das Röntgengerät gerollt wurde, wurde mir klar, wie verrückt es war, sich mit einem Messer zu unterhalten.
Das passierte wohl, wenn man zwischen zwei Welten reiste, nachdem man alles verloren und nur noch ein Messer hatte, das mir Hoffnung schenkte.
Glücklicherweise hörte ich kein Piepsen, die Mitarbeiter der Sicherheitskontrolle winkten mich bloss durch und die Plastikbox wurde auch nicht kontrolliert. Sie rollte über das Rollband zurück in meine Hände. Die Tasche und das Messer gehörten noch immer mir.
Schnell schob ich das Messer unter mein T-Shirt und steckte es in meinen Hosenbund. Die Tasche hing ich mir um und rannte dann zum Gate.
Ich dachte noch lange darüber nach, wie ich das Messer durch die Sicherheitskontrolle geschmuggelt hatte. Mir wollte keine bessere Erklärung einfallen, als dass es in Archies Welt vielleicht eine andere Art von Metall gab, das hier nicht anschlug. Alle anderen Erklärungen machten keinen Sinn.
Mit dem Messer und meiner Tasche sass ich am Gate und wartete auf mein Flugzeug. Ich zitterte noch immer, weil ich gerade ein Messer durch die Sicherheitskontrolle geschmuggelt hatte. Das Flugzeug rollte vor das Gate, wurde beladen und endlich wurde ich zum Boarding gerufen. Noch immer nervös stellte ich mich an und wartete wieder.
Das Flugzeug war voll, gestresste Mitreisende diskutierten miteinander und Kinder schrien. Mittlerweile war ich wieder müde. Während ich nach meinem Sitz suchte, fühlte ich mich, als würde ich schlafwandeln.
Schliesslich fand ich meinen Platz, dann lauschte ich den Sicherheitsanweisungen der Flugbegleiter. Ich wurde in den Sitz gedrückt, während das Flugzeug rasend schnell in die Luft stieg. Es war so ganz anders, als selbst zu fliegen oder von jemandem durch die Luft getragen zu werden. Irgendwie fühlte es sich gar nicht so an, als würde ich fliegen, jetzt, da ich wusste, wie es sich anfühlte, selbst zu fliegen.
Ich vermisste das Gefühl, frei durch die Luft zu schweben und den rauschenden Wind zu spüren, obwohl ich selbst mit Archie nicht gern geflogen war. Doch jetzt hätte ich alles dafür gegeben, um noch ein letztes Mal mit Archie zusammen über unser Zuhause gleiten zu können.
Vorsichtig zog ich das Messer aus meiner Hose. Es schenkte mir etwas Kraft. Für einen Moment fühlte es sich fast so an, als wäre Archie bei mir.
Ich sah auf die immer kleiner werdenden Häuser, Strassen und Wälder hinunter, auf den Kontinent, den ich nie wieder betreten wollte.
Still verabschiedete ich mich von meinem alten Leben, von meinen Eltern und von dem Ort, an dem ich aufgewachsen war. Dann versuchte ich das alles zu vergessen, während ich mich auf meinen nächsten Schritt konzentrierte.
In New York musste ich die Autorin Sophia Swan finden und sie um Hilfe bitten. Ich musste herausfinden, woher sie all die Informationen über diese andere Welt hatte und ob sie vielleicht wusste, wie ich zurück nach Hause kommen konnte.
Während ich darüber nachdachte, wie ich ihr erklären würde, was genau passiert war, und wobei sie mir helfen musste, schlief ich ein.
2
Ich erwachte, als das Flugzeug hart in New York aufsetzte.
Das Kind neben mir weinte laut. Die Mutter des Kindes, die daneben sass, sah gestresst aus, lächelte mich dann aber freundlich an. „Sie haben einen wirklich tiefen Schlaf.“
Ich nickte, zu müde und zu traurig, um zurückzulächeln. Ich hatte weitere acht Stunden geschlafen und dabei jede Mahlzeit im Flugzeug verpasst, was ich nun bereute. Mein Bauch knurrte laut.
Doch dagegen konnte ich nun nichts tun. Ich hatte kein Geld. Ausserdem musste ich mich jetzt vollkommen auf mein nächstes Ziel konzentrieren. Zuerst musste ich vom Flughafen in die Stadt reisen und dann musste ich irgendwie Sophia Swan finden.
Ungeduldig wartete ich darauf, dass die Flugzeugtüren geöffnet wurden. Nach einer Ewigkeit machte dann auch ich meine ersten Schritte auf amerikanischem Boden. Stunden vergingen, der Hunger wurde immer grösser und müde war ich auch schon wieder, bis ich endlich alle Kontrollen hinter mir hatte und ich mich auf den Weg in die Stadt machen konnte.
Es blieb mir nichts anders übrig, als etwas sehr Dummes zu tun. Etwas, wovor man mich als Kind täglich gewarnt hatte. Ich stieg zu jemand Fremden ins Auto.
Der Frau mit dem Kind, das im Flugzeug neben mir gesessen hatte, war ich wohl aufgefallen, weil ich planlos auf der Suche nach einer kostenlosen Mitfahrgelegenheit durch den Flughafen geirrt war. Sie bot mir einen Platz in ihrem Auto an und ich nahm das Angebot sofort dankend an.
Es war riskant und dumm, aber ich hatte noch immer ein Messer in meiner Tasche versteckt, mit dem ich mich im Notfall verteidigen konnte. Ich hatte Glück. Die Fahrt dauerte eine Ewigkeit, doch ich wurde von dem fremden Kind gut unterhalten und nicht entführt oder getötet. Das kleine Mädchen teilte mit mir sogar ihre Dinosaurierkekse.
Die weltbekannte Skyline baute sich vor mir auf, während ich weiter Kekse ass und aus dem Fenster starrte. Unglaublich, dass ich nur mit wenig Geld, ein paar Kleidern und einem Messer um die halbe Welt gereist war.
Vor einem Hotel inmitten der Stadt lud mich die kleine Familie ab. Die Frau und das Kind winkten mir zum Abschied.
In New York war es später Nachmittag. Für mich spielte die Tageszeit keine Rolle. Das Hotel liess ich hinter mir. Ich musste zum Time Square. Auf meinem Weg zu dem weltberühmten Ort lief ich an so einigen Buchläden vorbei, in die ich hoffnungsvoll hineinging. Zuerst erkundigte ich mich nach den Büchern von Sophia Swan, dann nach ihr selbst und schliesslich fragte ich, ob es vielleicht eine Möglichkeit gab, sie zu treffen. Die Idee war mir spontan eingefallen.
Leider hatte ich an diesem Tag keinen Erfolg. Meine Füsse pochten, als ich Stunden später vor einem Bücherladen stand, der geschlossen hatte. Es wurde langsam dunkel. Die Stadt, die niemals schläft, veränderte sich. Geschäfte schlossen, andere öffneten. Die Menschen, die sich auf den Strassen herumtrieben, waren nun weit weniger freundlich.
Da ich kein Geld hatte und auch nicht wusste, wie ich zu Geld kommen sollte, suchte ich mir einen ruhigen Strassenecken und versuchte dort zu schlafen. Es kostete mich einiges an Überwindung, mich einfach auf den dreckigen Boden zu legen, doch nachdem ich mir gesagt hatte, dass ich auch in einem Armeelager auf dem Boden geschlafen hatte, wenn auch in einem Zelt und auf einer Matte, legte ich mich einfach hin.
Der Boden war hart und kalt, doch meinem müden Körper war das egal. Mit den Fingern, die ich um das kalte Metall meines Messers klammerte, schlief ich ein.
***
Ein lautes Hupen weckte mich auf.
Ich sprang auf die Beine. Mein Messer und meine Tasche waren noch da. Wie spät es war, wusste ich nicht, doch es war wieder hell.
Während ich den nächsten Bücherladen suchte, knurrte mein Magen. Leider hatte ich keine Zeit, mir irgendwo eine kostenlose Mahlzeit zu besorgen. Ich hatte eine Mission, die viel wichtiger war als etwas zu essen.
Wieder ging ich von Bücherladen zu Bücherladen. In Manhattan gab es Unzählige.
„Entschuldige, haben sie die Bücher von Sophia Swan?“, fragte ich mit meinem Schulenglisch.
Die Verkäuferin mit feuerroten Haaren lächelte mich freundlich an. „Ja, welches Buch suchst du denn genau?“
„Beide“, antworte ich. Dann stellte ich die nächste Frage. Eine Frage, die ich schon so oft gestellt hatte. „Wissen sie vielleicht, ob es möglich ist, irgendwo eine signierte Ausgabe zu erhalten?“
„Da hast du aber Glück“, antwortete die Verkäuferin strahlend. „Ein paar Strassen weiter signiert Sophia Swan heute ihre Bücher. Nächste Woche wird sie hier sein.“
„Wie finde ich sie?“, frage ich aufgeregt. Ich konnte keine Woche warten, ich musste Sophia Swan sofort sehen.
Die Verkäuferin nahm sich die Zeit, mir genau zu beschreiben, wie viele Blocks ich laufen und wie viele Male ich abbiegen musste, um den Bücherladen zu finden, in dem Sophia Swan heute Bücher signierte.
Ich bedankte mich mehrmals. Kaum war ich wieder auf der Strasse, rannte ich los. Es war nicht sehr weit, doch war ich ausser Atem, als ich die einzige Person in dieser Welt, die mir vielleicht helfen konnte, endlich erreichte.
Vor dem Buchladen, der mir beschrieben worden war, warteten bereits ein paar Mädchen in meinem Alter. Ich stellte mich brav hinter all den anderen Fans an. Viele ihre eigenen Ausgaben dabei, andere hüpften bloss mit ihren Handys in den Händen, nervös von einem Fuss auf den anderen.
Ich wartete eine Ewigkeit, bis ich endlich den kleinen klimatisierten Bücherladen betreten durfte. Die Bücher, die eine Welt beschrieben, in der ich eine Weile gelebt hatte, waren überall. Vor mir wartete nur noch eine Mädchengruppe, doch nun konnte es nicht mehr lange dauern, bis ich endlich mit Sophia Swan sprechen durfte.
Langsam wurde ich nervös. Ich wollte endlich die Frau sehen, die mein Zuhause so detailliert beschrieben hatte. Die, zumindest fühlte es sich so an, Archie und seine Familie persönlich kannte.
Dann, als nur noch zwei Mädchen vor mir warteten, sah ich sie endlich.
Sophia Swan war ein paar Jahre älter als ich. Ihre langen blonden Haare fielen wie ein Vorhang vor ihr Gesicht, als sie eine Autogrammkarte unterzeichnete. Dann hob sie den Kopf und ich konnte ihr Gesicht sehen. Ich konnte nicht anders, als ihre braunen Augen mit denen von Fiora und Nathan zu vergleichen. Sie lächelte freundlich, während sie ein Foto mit einem Mädchen machte.
Hinter ihr standen zwei Männer. Sie überwachten jede Bewegung, was mich nur noch nervöser machte.
Doch dann wurden die Mädchen vor mir aus dem Laden geführt und ich war endlich an der Reihe.
Ich zog das Messer aus meiner Hose, versteckte es aber hinter meinem Arm, weil ich niemanden erschrecken wollte. Dann ging ich auf die Frau zu, die vielleicht ein paar Antworten für mich hatte.
„Hallo, was kann ich für dich tun?“, fragte Sophia Swan mit einem freundlichen Lächeln. „Möchtest du gerne ein Foto oder ein Autogramm?“
Ich hatte noch nicht geantwortet, als sie schon eine Karte mit einem Foto von sich selbst von einem Stapel zog, der mir zuvor nicht aufgefallen war, und ihren Namen mit einem schwarzen Stift darauf schrieb.
„Ich hätte gerne Antworten“, sagte ich.
Sophia Swan dachte wohl, ich wäre ein wenig nervös, denn sie lachte leise. „Wenn du Fragen zum nächsten Buch hast, muss ich dich leider enttäuschen. Du musst warten, wie alle anderen auch.“
„Ich…“ Jetzt, da ich vor Sophia Swan stand, wusste ich plötzlich nicht mehr, was ich eigentlich sagen wollte. „Ich brauche Hilfe.“
Eigentlich hatte ich etwas ganz anderes sagen wollen, doch es fühlte sich gut an, um Hilfe zu bitten.
„Hilfe wobei?“, fragte Sophia Swan. Sie lächelte noch immer, doch nun lag auch Sorge in ihren Augen. „Sollen wir einen Krankenwagen oder die Polizei rufen?“
Ich schüttelte den Kopf. „Nein, ich brauche deine Hilfe. Ich muss zurück nach Arela.“
Das Lächeln fiel aus Sophia Swans Gesicht. Sie sah überrascht aus und die beiden Männer hinter ihr musterten mich.
„Wie ist dein Name?“, fragte Sophia Swan noch immer sichtlich besorgt. „Bist du sicher, dass es dir gut geht? Draussen scheint die Sonne. Hast du genug getrunken? Vielleicht bist du dehydriert und darum etwas verwirrt.“
„Nein, ich bin nicht verwirrt“, sagte ich. Dann tat ich etwas sehr Dummes. Ich legte Archies Messer vor Sophia Swan auf den Tisch. „Ich brauche deine Hilfe. Du musst mir helfen, einen Weg nach Arela zu finden.“
Sophia Swan zuckte zusammen. Die Männer hinter ihr bewegten sich. Nicht so rasend schnell, wie es Archie getan hätte, doch schnell genug. Sie packten mich und zogen mich Richtung Tür, weg von der einzigen Frau auf dieser Welt, die mir helfen konnte.
„Sofort Alarm auslösen“, sagte einer der Männer zum anderen. „Bring Frau Swan hier weg.“
Ich sah mich schon in einem amerikanischen Gefängnis sitzen, weil ich jemanden mit einem Messer bedroht hatte, gleichzeitig sah ich Sophia Swan flehend an.
„Sieh dir das Messer an“, rief ich ihr zu. „Bitte.“
Ich versuchte mich zu wehren, während ich Sophia Swan dabei beobachtete, wie sie das Messer musterte.
Einer ihrer Bodyguards wiederholte seinen Befehl. „Alarm auslösen.“
Doch noch bevor der Alarm ausgelöst werden konnte, stand Sophia Swan plötzlich auf. Archies Messer, alles, was ich noch von ihm hatte, lag in ihrer Hand.
„Wartet. Lasst sie los.“
3
„Ich will mit ihr reden“, sagte Sophia Swan.
Ihre Bodyguards liessen von mir ab. Vorsichtig ging ich zwei Schritte auf Sophia Swan zu.
„Sind sie sich sicher, Frau Swan?“, fragte einer der Bodyguards, der sich mit mir bewegt hatte.
„Ja, ich muss mit ihr reden“, wiederholte Sophia Swan. „Lasst sie gehen.“
Die Männer liessen endgültig von mir ab. Sie stellten sich hinter ihre Chefin, musterten mich aber misstrauisch. Ich ging noch einen Schritt auf die Frau zu, die mir helfen konnte. Nur der Tisch und unzählige Autogrammkarten lagen noch zwischen uns.
Langsam streckte Sophia Swan die Hände aus. Wie aufgebettet, lag Archies Messer auf ihren Handflächen.
„Woher hast du das?“, fragte sie leise. „Das ist mehr als ein Replika, das Fans sonst anfertigen lassen. Ich habe selbst schon Waffen machen lassen, aber dieses Messer ist anders. Es sieht genauso aus, wie ich es mir vorgestellt habe.“ Sophia Swan räusperte sich. „Es dürfte so ein perfektes Replika gar nicht geben.“
„Es ist kein Replika“, antworte ich leise, obwohl jeder, der den kleinen Aufstand mitbekommen hatte, mich sowieso schon für verrückt hielt. „Es ist Archies Messer. Archers Messer. Arcs Messer. Wie auch immer du ihn nennen willst.“ Ich vermisste ihn so sehr. Es tat schrecklich weh, über ihn zu sprechen. „Er hat es mir persönlich überreicht.“
Sophia Swan sah nochmals lange das Messer an, bevor sie den Kopf hob und mir wieder in die Augen sah. „Das ist nicht möglich.“
„Ich weiss, es klingt völlig verrückt, aber wenn du ein wenig Zeit hast, würde ich dir gerne alles erklären.“
Sophia Swan nickte. Dann sah ich plötzlich eine weitere Emotion in ihrem Gesicht. Sie war neugierig. „Setz dich da hinten auf einen Stuhl. Sobald ich fertig bin, habe ich Zeit, um mit dir über dieses besondere Messer zu sprechen.“
Vorsichtig nahm ich das Messer wieder an mich. Ich konnte Sophia Swans Bodyguards nicht sehen, weil ich ihr in die Augen sah, doch wahrscheinlich zuckten die Männer gerade zusammen.
Das Messer wieder in meinen Händen zu halten, schenkte mir eine Art von Sicherheit und Geborgenheit, die ich das letzte Mal gespürt hatte, als ich Archie gesehen hatte.
Sophia Swan nickte mir zu, als ich mich langsam umdrehte und auf ein Sitzkissen und ein paar Stühle auf der anderen Seite des Ladens zulief. Die anderen Mädchen im Laden und auch ein paar, die noch vor dem Geschäft warteten, beobachteten mich. Sie wunderten sich wahrscheinlich, warum ich die Einzige war, die nach dem Gespräch mit Sophia Swan nicht gehen musste.
Eine Weile sah ich Sophia Swan zu, wie sie Bücher und Autogrammkarten unterschrieb und mit unzähligen Menschen Fotos machte, bis meine Augenlider irgendwann schwer wurden. Ich schlief ein und wurde unsanft geweckt.
Ich sah in das Gesicht der Person hoch, die mich geweckt hatte. Einer der Bodyguards hatte meinen Arm gepackt. Ich versuchte, ihn abzuschütteln, doch er bohrte seine Finger noch etwas fester in meinen Arm.
„Du kannst sie loslassen, sie wird mir nichts tun.“
Ich sah Sophia Swan, die noch an ihrem Tisch sass, dankbar an.
Der Mann, der meinen Arm losliess, sah mich an, als wäre ich nicht mehr ganz bei Verstand. Wahrscheinlich war ich tatsächlich etwas verrückt. Welche normale Person trug schon ein Messer mit sich herum?
Sophia Swan stand plötzlich vor mir. Sofort versuchte ich, mich aus der halbliegenden Position, die ich im Sitzsack eingenommen hatte, zu befreien. Es dauerte einen Moment, bis ich endlich auf den Füssen stand.
„Ich bin Sophia, aber das weisst du ja bereits“, sagte Sophia Swan und streckte ihre Hand nach mir aus. „Und du bist?“
Vorsichtig schüttelte ich die Hand der Person, die meine einzige Hoffnung war. „Mia.“
„Und von wo kommst du, Mia?“
„Wien.“
„Österreich“, murmelte Sophia leise. „Wie schön.“ Dann fiel ihr Blick auf das Messer. „Wie bist du damit um die halbe Welt gereist?“
„Ich habe es mit mir herumgetragen, als wäre es ein völlig normaler, ungefährlicher Gegenstand“, antwortete ich, was sich selbst für mich verrückt anhörte. „Niemand hat mich aufgehalten.“
Sophia nickte. Dann musterte sie mich lange.
„Hast du Hunger?“
Ich nickte. Mein Magen knurrte. An meine letzte richtige Mahlzeit konnte ich mich nicht erinnern.
Sophia grinste. „Lass uns etwas Essen gehen. Ich lade dich ein, wenn du mir alles über das Messer erzählst.“
Etwa eine halbe Stunde lang diskutierte Sophia mit ihren Bodyguards. Sie bestanden darauf, Sophia und mich zum Essen zu begleiten. Doch Sophia wimmelte sie ab.
Endlich allein liefen wir ein paar Blocks zu einem Restaurant. Ein Restaurant, das ich so nicht kannte. Ein riesiges Buffet, von dem ich so viel und so oft Essen holen konnte, wie ich wollte. Ich belud zwei Teller mit Essen, bevor ich mich zu Sophia setzte.
„Das Messer?“, fragte sie leise.
Ich hob mein T-Shirt, damit sie sehen konnte, dass ich es in meinen Hosenbund gesteckt hatte. Ich wollte im Restaurant nicht auch noch einen Aufstand verursachen. Eine Weile sassen wir uns schweigend gegenüber, während ich so viel Essen wie noch nie in mich hineinschaufelte.
Als ich einen Teller leer gegessen hatte, räusperte sich Sophia, die offenbar schon genug gegessen hatte. „Also, Mia, nochmals von vorne. Woher hast du das Messer?“
Ich stopfte eine Frühlingsrolle in meinen Mund, bevor ich antwortete. „Ich weiss, was ich sage, klingt völlig verrückt. Es ist auch so verrückt wie es klingt, aber glaub mir, so ist es passiert. Das Messer war ein Geschenk oder eher eine Leihgabe von Archie. Er hat es mir überreicht, bevor wir in den Norden reisen mussten, wo wir gegen Ericks Leute gekämpft haben, die mehr Land wollten. Archie gab mir das Messer, damit ich mich selbst verteidigen kann.“
Sophia dachte lange über meine Worte nach. Doch offenbar glaubte sie mir. Ihre braunen Augen, die mich an Fiora und Nathan erinnerten, leuchteten. „Wie ist das möglich?“
„Sag du es mir“, sagte ich mit vollem Mund. „Es ist deine Geschichte.“
„Es ist eben nicht meine Geschichte“, murmelte Sophia leise.
Eine Nudel fiel von meiner Gabel. „Was soll das heissen, es ist nicht deine Geschichte?“ Plötzlich war mir nicht mehr nach Essen zumute. „Dein Name steht auf den Büchern, du wirst für die Charakter gefeiert. Du bist die Einzige, die mir helfen kann.“
„Du hast recht, ich habe die Bücher geschrieben, aber es ist nicht meine Geschichte.“
Ich war kurz davor, in Tränen auszubrechen.
„Es ist die Geschichte von Fiora, Cory und ihrer Familie, nicht meine“, erklärte Sophia. „Ich habe bloss aufgeschrieben, was ich gesehen habe.“
„Soll das bedeuten, du warst auch in Arela?“, unterbrach ich sie hoffnungsvoll.
„Nein“, antwortete Sophia. „Ich habe von Fiora geträumt. Ihre ganze Geschichte habe ich in mehreren Träumen gesehen. Irgendwann habe ich sie aufgeschrieben.“
„Geträumt?“, fragte ich. Ich wusste nicht, was ich denken sollte. „Du hast alles bloss in einem Traum gesehen?“
Sophia nickte. „Gesehen, gehört und manchmal auch ein wenig mitgefühlt, doch ich konnte nie eingreifen. Ich hatte keinen Körper, keine Stimme. Aber du schon, richtig?“
„Ich habe dort gelebt“, antworte ich. Ich fuhr mit den Fingern über Archies Messer. „Ich habe dort ein Zuhause gefunden.“
„Wo hast du gelebt?“
„Bei Archie, im Haus am Meer.“
Sophia lachte. Nach allem, was ich ihr erzählt hatte, glaubte sie mir das offenbar nicht.
„Er hat dich in sein Haus gelassen? Fiora hat ihn in meinen Träumen nur einmal besucht und die beiden sind Familie, auch wenn ich mir manchmal nicht sicher war, ob Arc das auch so gesehen hat. Sein Haus ist sein Rückzugsort, den er nicht einmal mit seiner Familie teilen möchte. Er würde nie eine Fremde bei sich aufnehmen.“
„Wenn es Cory anordnet, hat er keine andere Wahl. Er musste mich aufnehmen. Ich weiss von Fiora, dass sie nicht oft im Haus am Meer war, weil Archie dort allein sein will. Manchmal ist er selbst bei seiner Familie etwas zurückhaltend.“
„Ja, als Nick geboren wurde, wollte er ihn zuerst nicht einmal halten“, sagte Sophia, als wäre sie dabei gewesen, doch offenbar hatte sie all diese Momente bloss in Träumen gesehen. Dann räusperte sie sich wieder. „Erklär mir nochmals, was passiert ist. Ich glaube, ich verstehe es noch nicht ganz. Du warst in Arela. Cory hat befohlen, dass du bei Arc wohnen musst. Warum?“
Sie sagte seinen Namen, wie Fiora. Sophia war nicht Fiora, sie sah ihr nicht einmal sonderlich ähnlich, doch erinnerte sie mich an meine Freundin, die in einer anderen Welt lebte.
„Ich bin ungewollt nach Arela gereist. Zuerst wusste ich nicht, was passiert war, aber als ich begriffen habe, wo ich war, habe ich Hilfe gesucht. Cory und Fiora fand ich in ihrem Haus. Sie haben ihre Familienmitglieder geholt, weil sie wohl eine Gefahr in mir gesehen haben. Alle haben gesagt, von mir ginge eine Art Macht aus, die sich niemand erklären konnte. Wir haben ein wenig herumprobiert und ich hatte tatsächlich magische Kräfte. Ich konnte heilen, mir Flügel wachsen lassen oder Feuer erzeugen.“ Meine Geschichte klang völlig verrückt, das wusste ich selbst, doch Sophia musste mir einfach glauben. „Cory hat Archie befohlen, mich aufzunehmen und mich zu trainieren. Ich sollte lernen, meine Kräfte zu kontrollieren, um für das Königreich zu arbeiten, was ich dann auch getan habe.“
„Das klingt nach Cory“, sagte Sophia, als würde sie ihn persönlich kennen. „Wieso nennst du Arc nicht wie alle anderen?“
„Archie ist sein Spitzname.“
„Nein, sein Name ist Archer. Sein Spitzname ist Arc. Warum darfst du ihn Archie nennen?“, fragte Sophia.
„Ich weiss gar nicht mehr genau, warum ich ihn Archie nenne, nicht Arc, wie die anderen.“ Als ich mich versuchte daran zu erinnern, wurde mir schlecht. Nicht nur, weil ich zu viel gegessen hatte, sondern auch weil ich Archie plötzlich schwerverletzt vor mir liegen sah. Dann war er tot, weil ich ihn nicht gerettet hatte. „Für mich ist er einfach Archie.“
War, dachte ich. Für mich war er einfach Archie.
Sophia sah, dass mich etwas bedrückte. „Was ist in Arela passiert?“
„Weisst du das denn nicht?“, fragte ich. „Hast du nicht von Fiora und Arela geträumt?“
Sophia schüttelte den Kopf. „Nein, ich habe schon eine Ewigkeit nicht mehr von Arela geträumt. Darum ist auch noch keine Fortsetzung auf dem Markt oder überhaupt in Arbeit. Wenn ich nicht bald einen Traum habe, muss ich wohl anfangen, mir Dinge auszudenken.“
„Ich könnte dir eine Geschichte erzählen, die ein Buch füllen könnte.“
Sophia sah mich voller Hoffnung an. Es platze einfach aus mir heraus.
Ich erzählte ihr von meinen ersten Tagen in Arela, von meiner ersten Begegnung mit Fiora, Cory und ihrer Familie. Ich erzählte ihr von meiner ersten Begegnung mit Archie. Dann erzählte ich ihr, wie wir meine Kräfte entdeckt hatten, wie ich versucht hatte, etwas völlig Verrücktes zu lernen, und wie ich es geschafft hatte, einige meiner Kräfte zu kontrollieren. Irgendwann, während ich von all den Problemen mit Erick erzählte, fing ich an zu weinen. Doch ich erzählte weiter, während mir Tränen über die Wangen liefen.
Das, was zwischen Archie und mir war, was ich für ihn empfunden hatte und noch immer empfand, erzählte ich ihr aber nicht. Zumindest versuchte ich, das Thema so gut es ging zu umgehen, weil ich sowieso schon weinte.
Schliesslich erzählte ich vom Krieg, von den Opfern, von meiner Aufgabe als Heilerin, und dann beschrieb ich genau, was Archie und Perry durchgemacht hatten. Ich erklärte, wie ich sie geheilt hatte, und berichtete ihr von Anastasias Verrat. Ich kam nicht darum herum. Ich musste ihr erzählen, was Perry gesagt hatte, was mit Archie passiert war. Meine Stimme versagte, doch in ein paar weiteren Sätzen fasste ich krächzend zusammen, wie ich versucht hatte, Archie zu finden, wie ich zurück in diese Welt gereist war und wie ich schliesslich hier gelandet war.
Sophia hörte zu, unterbrach mich nicht, legte aber tröstend ihre Hand auf meine Schulter. Dann, als ich endlich meine ganze Geschichte erzählt hatte, holten wir beide einmal tief Luft. Ich weinte noch immer und auch ihr lief eine einsame Träne über die Wange.
„Arc hat in meinen Träumen nie viel gesagt, aber ich weiss, was er Fiora bedeutet. Ich weiss, wie viel er Cory und Perry bedeutet. Es wird ihnen allen das Herz zerreissen, dass Arc nicht mehr da ist.“
Ich nickte, das tat es mir auch. Es zerriss mir das Herz und noch mehr. Es fühlte sich an, als würde der Schmerz auch meine Seele zerreissen. Ich konnte nicht mehr atmen, wenn ich daran dachte, dass ich ihn nie wiedersehen würde.
Schluchzend versuchte ich mir die Tränen von den Wangen zu wischen, was gar nicht so einfach war, weil meine Hand zitterte. Ich wollte etwas sagen, Sophia um Hilfe bitten, vielleicht eine Frage stellen, doch ich brachte kein Wort heraus. Nicht, nachdem ich all diese Erinnerungen noch einmal durchlebt hatte.
„Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie schön es ist, wieder einmal von Arela und all den Personen, die für mich wie Familie sind, zu hören, nachdem ich sie so lange nicht mehr gesehen habe“, sagte Sophia sanft. „Danke, dass du mir deine Geschichte erzählt hast.“
Ich nickte bloss. Ich konnte nicht mehr sprechen. Einen langen Moment waren wir beide still. Mit zitternden Händen wischte ich mir weitere Tränen aus den Augen.
Plötzlich räusperte sich Sophia wieder. „Warum habe ich das Gefühl, dass du mir nicht die ganze Wahrheit erzählt hast?“ Sophia zögerte, doch dann sprach sie aus, was sie beschäftigte. „Archie war mehr als ein Freund und Trainer, richtig?“
Meine Lippen zitterten, meine Hände auch. Ich konnte kaum atmen, die Worte blieben in meinem Hals stecken. Wieder konnte ich nur nicken.
Sophia kam um den Tisch herum und zog mich in eine lange Umarmung. „Es tut mir so leid, dass du ihn verloren hast.“
Obwohl wir unter Leuten waren, liess ich für einen Moment los. Tränen flossen nun ungehindert meine Wangen hinunter, meine Schluchzer waren wohl im halben Restaurant zu hören, doch das war mir egal. Ich weinte bitterlich und klammerte mich dabei an Sophia, weil sie die einzige Person war, die mir Trost spenden konnte. Die einzige Person, die Archie auch nur ein bisschen so gekannt hatte, wie ich ihn gekannt hatte.
„Ich glaube…“, murmelte ich an Sophias Schulter. „Ich glaube, wir hätten glücklich werden können, wären nicht all die Dinge passiert, die passiert sind. Wir waren auf einem steinigen Weg, aber das Ziel war schon in Sicht. Wir hätten ein Happy End haben können.“
Genau wie in den Büchern. Archie und ich hätten glücklich werden können.
Sophia drückte mich noch fester an sich und strich langsam mit ihrer Hand über meinen Rücken. Die tröstende Geste beruhigte mich etwas. Doch ich zitterte noch immer.
„Ich glaube…“, versuchte ich es nochmals. „Ich glaube, ich habe Archie geliebt. Ich liebe ihn noch immer, auch wenn nun nicht mehr nur eine, sondern zwei Welten zwischen uns liegen.“
Sophia drückte mich noch einen Moment an sich, dann liess sie mich los und sah mich mit Tränen in den Augen an. „Es tut mir leid. Ich weiss nicht, was ich sonst sagen soll. Wenn ich dir nur helfen könnte“, murmelte Sophia leise.
„Du kannst mir helfen“, sagte ich noch immer schluchzend. „Hilf mir, einen Weg zurück nach Arela zu finden.“
4
„Warum möchtest du zurück nach Arela, wenn Arc nicht mehr da ist?“
Sophia stellte die Frage vorsichtig, mit sehr viel Mitgefühl in der Stimme. Sie wusste offenbar, wie schnell Trauer in Wut umschlagen konnte.
„Ich muss zurück nach Hause, auch wenn Archie nicht mehr da ist. Jemand muss auf das Haus am Meer aufpassen. Ausserdem weiss ich, dass ich erst, wenn ich wieder zu Hause bin, meinen Frieden finden werde“, antworte ich ehrlich. Sprechen war nun wieder viel einfacher. Die Schluchzer waren weniger heftig, ich zitterte nicht mehr am ganzen Körper. „Hier in dieser Welt werde ich immer traurig sein. In Arela habe ich...“ Ich wagte es nicht, das Wort auszusprechen, deshalb entschied ich mich für ein Wort, das fast beschrieb, was ich dort gefunden hatte. „In Arela habe ich Freunde. Ein Zuhause. Darum muss ich zurück.“
Sophia sah mich lange einfach nur an. Bevor sie etwas sagte, setzte sie sich zurück an ihren Platz und nahm einen Schluck Wasser. „Ich kann verstehen, weshalb du zurück möchtest, und ich möchte dir auch wirklich gerne helfen. Leider habe ich keine Ahnung, wie du zurück nach Arela reisen könntest.“ Sie zögerte kurz, bevor sie weitersprach. „Doch ich habe eine Vermutung.“
„Erzähl mir alles, was mir dabei helfen könnte, zurück nach Hause zu kommen“, flehte ich. „Jede noch so kleine, vielleicht unwichtige Idee könnte mich zurückbringen.“
Sophia nickte. „Du hast gesagt, du hättest in der anderen Welt magische Kräfte gehabt. Du hast Andere geheilt. Du sagst, du bist geflogen?“ Ich nickte. Ich konnte kaum glauben, dass das im Nachhinein schöne Erinnerungen waren. „Ich denke, du hast auch in dieser Welt magische Kräfte. Wie wärst du sonst in eine andere Welt gereist?“
„In dieser Welt gibt es keine Magie.“
Sophia lachte. „Wie erklärst du dir dann, dass ich von der Welt geträumt habe, in der du zufälligerweise für ein paar Wochen gelebt hast? Irgendwie muss es auch in dieser Welt Magie geben. Wie erklärst du dir sonst, dass dein Messer am Flughafen nicht jeden Alarm ausgelöst hat?“
„Vielleicht ist das Messer aus einem Metall gefertigt, das wir in dieser Welt nicht kennen“, antwortete ich. Eine bessere Erklärung hatte ich nicht. Weitere Erklärungen hatte ich nicht. Ich konnte Sophia nicht all ihre Fragen beantworten.
Sophia lachte wieder. „Das glaubst du doch selbst nicht. Das Messer wird aus Stahl oder Eisen sein. Es hätte bei jeder Kontrolle am Flughafen auffallen müssen.“
„Ich habe es aber nicht verzaubert oder so. Ich habe es bloss in die Plastikbox gelegt“, erwiderte ich.
„Bist du dir da ganz sicher?“, fragte Sophia. „Du hast nichts gemacht?“
Da fiel es mir wieder ein. „Ich habe kurz mit dem Messer gesprochen. Vielleicht auch mit mir selbst. Ich habe dem Messer den Befehl gegeben, nicht erkannt zu werden.“
Sophia grinste. „Da hast du es.“
„Was habe ich?“
„Du hast das Messer verzaubert, deshalb ist es bei der Kontrolle aufgefallen.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ich kann nicht zaubern. Niemand kann das in dieser Welt.“
„Doch kannst du. Du hast das Messer irgendwie unsichtbar gemacht“, sagte Sophia überzeugt. „Du hast in dieser und in der anderen Welt magische Kräfte, auch wenn sie hier wahrscheinlich nicht so ausgeprägt sind wie in Arela. Hier kannst du es nicht schneien lassen und du kannst auch nicht hoch zur Spitze eines Wolkenkratzers fliegen, aber du kannst kleine Dinge verzaubern.“
Irgendwie ergab Sophias Theorie Sinn. Ich hatte selbst in dieser Welt etwas Magie in mir. Nicht dieselbe wie zuhause, aber sie war da. Diese Magie hatte mir ermöglicht, das Messer zu verstecken und zwischen den Welten zu reisen.
„Wenn ich Magie in mir trage, dann du doch auch. Nur mit Magie kann man in Träumen in andere Welten sehen.“
Sophia sah einen Moment überrascht aus. Dann lächelte sie zufrieden. „Damit hast du wohl Recht“, sagte sie glücklich. „Offenbar bist du nicht die Einzige mit magischen Fähigkeiten.“
Kurz waren nur all die anderen Gespräche im Restaurant zu hören. Sophia und ich dachten darüber nach, dass wir beide etwas Magie in uns trugen.
„Wenn wir beide magische Kräfte haben, sollte es ja eigentlich kein Problem sein, dich nach Hause zu bringen“, sagte Sophia dann. „Du versuchst dich einfach so lange nach Hause zu wünschen, bis es funktioniert. So ähnlich wie mit dem Messer.“
Konnte es wirklich so einfach sein? Musste ich mir nur wünschen, in der Stadt zu sein, wo meine Freunde und das Haus am Meer auf mich warteten? War ich vielleicht nur einen Wunsch davon entfernt, an dem Ort zu sein, wo ich um Archie trauern konnte?
„Wir sollten es versuchen“, schlug ich vor. „Du könntest auch versuchen, mit nach Arela zu reisen, wenn du das möchtest.“
Sophia lachte wieder. „Nein, ich bleibe hier. In New York habe ich Familie, Freunde und hier fühle ich mich zuhause. Ich kann verstehen, dass du zurückwillst, aber ich wäre glücklicher, wenn ich bloss wieder von Fiora und ihren Abenteuer träumen würde, anstatt in Arela zu leben.“
Ich konnte Sophia verstehen. Hätte ich in dieser Welt vielleicht ein paar Freunde und mehr Familienmitglieder, würde ich auch bleiben. Ich würde hier trauern. Doch so war es für mich klar, dass ich zurück nach Arela, nach Hause, reisen musste.
„Ich habe noch eine Theorie“, sagte Sophia. „Ich glaube, ich weiss, warum du magische Kräfte hast.“
„Erzähl“, forderte ich.
„Also gehen wir davon aus, dass du auch in dieser Welt ein bisschen Magie in dir trägst“, sagte Sophia. „Es könnte doch sein, dass du, als du meine beiden Bücher gelesen hast, in denen ich all die Kräfte beschreibe, du dieses Wissen irgendwie aufgesaugt hast. Als du dann in diese andere Welt gereist bist, wo die Magie offenbar viel stärker ist, konntest du deine Magie so einsetzen, wie ich es in meinen Büchern beschrieben habe.“
„Warum ergibt das Sinn?“
Sophia strahlte. „Weil es wahrscheinlich so ist. Du hast doch gesagt, dass du auch Archies Magie in dir hast, diese Dunkelheit, obwohl sie sich bei dir anders verhält?“
Fast hätte ich Sophias Lächeln erwidert, als ich nickte.
In den letzten Wochen hatte ich ab und zu darüber nachgedacht, warum ich so mächtig war. Was Sophia vermutete, beantwortete einige meiner Fragen. Es erklärte auch, warum ich Archies Dunkelheit hatte kopieren können, sie mir aber keine Geheimnisse verraten oder für mich gesungen hatte.
„Du hast Recht“, sagte ich schliesslich. „Irgendwie habe ich, was du beschrieben hast, aufgesaugt und es mit meiner Magie in Arela real werden lassen.“ Ich schnaubte, weil ich zu schwach war, um zu lachen. „Ich kann nicht fassen, dass ich das gerade wirklich gesagt habe.“
„Ich weiss, es klingt verrückt“, sagte Sophia. „Aber es ist die beste und wahrscheinlich einzige Erklärung für alles, was du erlebt hast.“
Plötzlich hätte ich am liebsten wieder geweint. Nun war ich es, die aufstand, um den Tisch zu Sophia lief und sie an mich drückte.
„Danke. Du weisst gar nicht, wie sehr mir all diese Antworten auf all meine Fragen weiterhelfen.“
Sophia erwiderte meine Umarmung. „Ich helfe doch gerne.“ Sie zögerte kurz, bevor sie die nächste Frage stellte. „Wenn du zurück nach Arela reisen kannst, dürfte ich dann deine Geschichte in ein Buch verwandeln?“
Das erste Mal, seit ich Archie verloren hatte, lächelte ich wieder. Mein Gesicht kannte die Bewegung schon gar nicht mehr. Es fühlte sich fremd an, aber nicht falsch.
„Wenn dir meine Geschichte gefällt, darfst du sie gerne aufschreiben.“
„Sie gefällt mir“, sagte Sophia noch immer lachend. Dann wurde sie plötzlich wieder ernst. „Auch wenn ich mir wünschte, ein Happy End schreiben zu können.“
Das Lächeln fiel auch aus meinem Gesicht. Kurz war ich nicht mehr traurig oder erschöpft gewesen, doch nun dachte ich wieder an all die schrecklichen Dinge, die ich zuvor für einen Moment vergessen hatte. „Nicht jede Geschichte hat ein Happy End.“
„Ich weiss, aber…“, murmelte Sophia. „Jede Geschichte verdient ein Happy End.“
Leider war das Leben nicht nur eine Geschichte, sondern hunderte, die in ineinander übergingen. Nicht jede dieser Geschichten konnte ein Happy End haben.
5
Sophia bezahlte das Essen und das Taxi zurück zu ihrer Wohnung. Ich hätte gern auch etwas bezahlt, doch das war nicht möglich, weil ich kein Geld hatte.
Ihre Wohnung war riesig. Ein Penthaus mit einem unglaublichen Ausblick. Von hier oben konnte ich über die Stadt sehen. Kurz stellte ich mir vor, wie sich Archie gefreut hätte, von hier über die Stadt zu fliegen. Wie er gestrahlt hätte, wie er mich hochgehoben hätte, während ich die Augen zugepresst hätte, weil mir die Vorstellung, auf den harten Boden aufzuschlagen oder von einem Hochhaus aufgespiesst zu werden, zu viel Angst gemacht hätte.
„Du denkst schon wieder an ihn“, sagte Sophia, die neben mir stand und mit mir auf die Stadt hinaussah.
Ich nickte. Noch immer träumte ich davon, mit Archie über diese Welt zu fliegen, in der für ihn alles fremd gewesen wäre. Eine Welt, die so anders war wie seine. Noch wollte ich nicht aufhören zu träumen.
„Glaubst du eigentlich, dass du Archies Gegenstück bist?“
Mit dieser Frage holte mich Sophia in die Gegenwart zurück. Ich sah sie an. Ihre Augen strahlten genauso mitfühlend wie Fioras Augen.
„Ich weiss es nicht. Es macht sowieso keinen Unterschied mehr. Er ist mehr als eine Welt von mir entfernt.“
Sophia seufzte leise, sagte aber kein Wort, weil es dazu nichts mehr zu sagen gab. Wieso sollten wir auch über etwas sprechen, das nicht mehr passieren konnte. Archie war nicht mehr am Leben, also musste ich mir auch keine Gedanken mehr über die Gegenstücksache machen. Eine Verbindung, die selbst wenn sie bestanden hatte, nicht mehr da war.
Wieder sahen wir stumm auf die Stadt hinaus. Ich wusste nicht, was Sophia dachte. Selbst wenn ich in dieser Welt auch etwas Magie in mir trug, konnte ich hier doch keine Gedanken lesen. Ich vermisste das Talent nicht, aber es fühlte sich komisch an, nicht mehr die ganze Zeit all die Stimmen um mich herum unterdrücken zu müssen.
„Möchtest du die Nacht hier verbringen oder willst du gleich versuchen, zurück nach Arela zu reisen?“
Die Sonne stand schon tief am Himmel, ich war müde, doch wollte ich nicht länger warten. „Ich möchte so schnell wie möglich nach Hause.“
Sophia nickte. „Dann lass es uns versuchen.“
Zusammen setzten wir uns auf das strahlend weisse Sofa. Archies Messer lag in Sophias Hand. Ein paar Minuten zuvor hatte ich es ihr gegeben, einfach weil sie es sich ein letztes Mal hatte ansehen wollen.
„Das ist der Beweis, dass wir beide nicht verrückt sind“, sagte Sophia grinsend. „Das und die Tasche voll dreckiger Kleidung.“
Fast hätte ich ihr Lächeln erwidert. In meiner linken Hand hielt ich die Tasche. Die rechte Hand war leer, weil ich darauf wartete, dass Sophia mir Archies Messer zurückgab. Doch ich wollte sie nicht drängen. Ich wollte ihr den Moment mit dem Messer geben, da es sie davon überzeugt hatte, dass wir beide nicht verrückt waren und dass es Arela und all seine Bewohner wirklich gab.
„Ich weiss, dass du es nicht zurücklassen kannst, aber...“
Sophia sah mich an. Jeder hätte ein solches Andenken behalten wollen. Vor allem, weil es uns beiden so viel bedeutete, wenn auch auf eine ganz andere Art und Weise. Ich brauchte nichts zu sagen. Sophia verstand. Sie sah Archies Messer noch einmal an, bevor sie es in meine Hand legte.
„Du kannst die Tasche mit den dreckigen Klamotten haben, wenn du ein Andenken an diese Begegnung möchtest“, schlug ich vor.
Ich hatte es aus Spass gesagt. Ich hatte versucht, so etwas wie einen Witz zu machen, doch Sophias Augen leuchteten plötzlich. „Meinst du das ernst?“
Als ich zurück in diese Welt gereist war, hatten mir neben dem Messer auch die Kleider eine Art Sicherheit gegeben. Die Kleidung, an der noch immer Dreck und Blut von Archie, Perry und so vielen anderen klebte, hatte mich davon überzeugt, dass nicht alles ein Traum gewesen war.
Doch nun bedeutete mir nur noch das Messer etwas. Die Kleider trug ich bloss noch mit mir herum, weil ich es nicht übers Herz gebracht hatte, sie wegzuwerfen, und weil es neben meinem Pass das Einzige war, das ich noch besass.
Ich warf Sophia die Tasche mit den Kleidern vor die Füsse. „Wenn sie dir gefallen, kannst du sie haben.“
Sophia öffnete grinsend die Tasche und nahm mein dreckiges Oberteil heraus. „Meine nächste Frage ist völlig verrückt und ich möchte mich schon entschuldigen, bevor ich sie stelle. Es tut mir wirklich leid, aber ich muss es wissen. Ist das Blut von Jemandem, den wir beide kennen, auf dieser Kleidung?“
Für sie waren die Flecken auf der Kleidung ein weiterer Beweis dafür, dass wir beide nicht verrückt waren. Das Blut war echt, genau wie das Messer und alles, was wir beide erlebt hatten.
„Wahrscheinlich wird Blut von Leuten, die wir beide kennen, darauf sein“, antwortete ich.
Sophias Augen strahlten noch immer. „Ich könnte die beiden klonen lassen, mit dem Genmaterial, das hier drauf ist.“
„Mach das lieber nicht“, riet ich ihr. Wieder hoben sich meine Mundwinkel kurz. Es war eine gute Idee gewesen, hierherzukommen und Sophia um Hilfe zu bitten. „Die Menschen im Labor werden einen Nervenzusammenbruch erleiden, wenn ihnen klar wird, dass sie einen Menschen mit Flügel züchten.“
Sophia lachte. „Ich denke, sie wären begeistert.“
„Du bist verrückt.“
„Das sind wir beide“, erwiderte Sophia. „Sonst hättest du deine blutige Kleidung schon längst weggeworfen.“
„Stimmt“, sagte ich. Dann drückte ich das Messer an meine Brust. „Wenn du Archie wirklich klonen lässt, werde ich hierbleiben.“
Sophia sah sofort wieder ernst aus. Fast traurig. „Ein Klon wird nie der Arc sein, den du gekannt hast.“
„Leider nicht.“ Wieder dachte ich an Archie. „Ausserdem wäre ich alt, bis er erwachsen wäre.“
Sophia nickte in Gedanken versunken. Wahrscheinlich stellte sie sich gerade auch vor, wie wir beide mit einem geklonten Archie zusammenleben würden.
Sie zuckte plötzlich zusammen und sah mich wieder an. „Warte mal, war Archie eigentlich nicht viel zu alt für dich?“
„Wen stören schon zweihundert Jahre Altersunterschied?“
„Mich?“, sagte Sophia.
Dann brach es plötzlich aus uns beiden heraus. Wir lachten.
„Weisst du, als ich dein Buch gelesen habe, hat mich der Altersunterschied auch ein wenig, sagen wir, angeekelt“, sagte ich, als wir uns wieder beruhigt hatten. „Jetzt bin ich froh, weiss ich, dass du das nicht erfunden, sondern so in deinen Träumen gesehen hast. Es ist nämlich echt seltsam.“