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Ein neuer Plan, eine neue Bekanntschaft und weitere Geheimnisse treiben Wilhelmina und ihre Freunde nach Mayfair. Das Stadtviertel, in dem sie früher eingekauft hat und in dem sie für eine Weile frei war, bringt gute und schlechte Erinnerungen hoch. Der Plan, den sich Boss ausgedacht hat, ist nicht nur verrückt, sondern auch genial. Doch wieder stellt sich die Frage, wofür sie all das tut. Wird er ihr jemals die ganze Wahrheit verraten? Wie wichtig ist die Fremde, die Boss in ihr Leben bringt? Woher kommt die Eifersucht, die sich mit der Fremden in ihr Leben schleicht? Wilhelmina muss sich verändern, um die zu beschützen, mit denen sie arbeitet, aber auch die, zu denen sie zurückkehren sollte. Gleichzeitig droht ihr ein Streit zum Verhängnis zu werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Impressum
1
In einer Welt, in der ich mich kaum wiedererkenne und ich doch mehr ich selbst bin als jemals zuvor, habe ich ein Zuhause, Freunde und Arbeit gefunden.
Jeden Tag werde ich mehr zum Mädchen von Plots Island. Jeden Tag bin ich etwas weniger das Mädchen aus Kensington. Doch noch habe ich nicht vergessen, woher ich komme, noch glaubt ein Teil von mir, dass ich zurückkehren werde, dass ich zurückkehren muss.
Zuerst muss ich jedoch dafür Sorgen, dass meine Freunde diese Nacht überleben. Dafür habe ich ein neues Gewehr bekommen, ein viel grösseres und längeres Gewehr, als ich jemals in den Händen gehalten habe. Die Zwillinge haben das gleiche Gewehr. Prinzessin sagt, das macht uns zu Scharfschützen, ich sage, das macht uns zu Leuten, die aus dem Schatten heraus morden.
Früher hätte mich selbst der Gedanke daran, einen Menschen umzubringen, entsetzt. Jetzt, da ich es getan habe, da ich Leben genommen und gerettet habe, hat sich meine Sicht auf das Morden verändert. Es ist noch immer schrecklich, doch wenn meine Freunde in Gefahr sind, wenn jemand sterben muss, damit sie leben können, weiss ich, wie ich mich entscheide. Ich weiss, was getan werden muss, und ich kann mit der Entscheidung leben.
Meine Kapuze rutscht mir ins Gesicht, als ich das Scharfschützengewehr, vor mir aufbaue. In der Nähe haben wir den Container voller Waffen, unter anderem auch dieses Scharfschützengewehr, vor einer gefühlten Ewigkeit gestohlen. Damals habe ich nicht verstehen können, wie sehr wir all die Waffen irgendwann mal brauchen werden. Boss hat es damals aber offenbar schon gewusst. Er plant all das hier und noch viel mehr schon sehr lange.
Leider werde ich nicht in den grossen Plan eingeweiht. Ich bin nur ein loyaler Arbeiter, jemand, der ihm den Rücken freihält. Doch ich arbeite daran, herauszufinden, was er vorhat. Irgendwann werde ich wissen, was er vorhat. Irgendwann werde ich durch die Mauer brechen, die er um sich gebaut hat, um sein wahres Ich zu schützen.
Doch dafür muss er die Nacht überleben, wie Prinzessin, der mit Boss darauf vertraut, dass die Zwillinge und ich ihre alten Freunde töten, mit denen sie sich gleich treffen wollen, bevor die das tun können.
Ich lege mich auf das Dach, das Gewehr vor mir. Von hier aus habe ich eine gute Sicht, aber es ist fast unmöglich, mich zu sehen. Ich bin nicht mehr als ein gefährlicher Schatten.
In den letzten Wochen habe ich jeden Tag trainiert. Ich kann nun so etwas Kleines, wie eine Ratte aus hundert Meter Entfernung treffen und mich dann schneller, als eine Ratte es könnte, in einem Loch verkriechen.
Sogar den Rekord der Zwillinge, wer schneller ein Ziel erledigen und sich in Sicherheit bringen kann, habe ich gebrochen, da ich besser klettern kann als sie. Ich bin jetzt auf ihrem Level. Boss kann sich auf mich verlassen, so wie er sich auf die Zwillinge verlassen kann, sogar noch mehr, schliesslich verstehe ich einen Plan meistens viel schneller als die Zwillinge, die oft hunderte Fragen stellen.
Trotzdem verrät mir Boss nicht, warum ich gewisse Dinge können sollte. Ich weiss nicht einmal genau, wer Boss und Prinzessin heute treffen und was genau das Ziel des Treffens ist. Ich weiss nur, dass Boss und Prinzessin gleich auf zwei alte Freunde treffen werden, denen wir nicht vertrauen können und die sie tot sehen wollen.
Noch ist aber niemand zu sehen.
Nur Boss und Prinzessin, die im Schatten des Gebäudes, gegenüber dem, auf dessen Dach ich bin, warten. Prinzessin tänzelt von einem Bein auf das Andere. Boss steht still da und beobachtet den Platz mit dem Brunnen, der die Leute in den herumliegenden Häusern mit Wasser versorgt. Hier, nur ein paar Strassen vom Hafen von Mayfair entfernt, soll das Treffen stattfinden.
Die Zwillinge müssen auf der anderen Seite der Strasse auf einem Dach Wache halten. Auch sie sind nicht zu sehen, doch ich weiss, dass sie da sind. Fahrer kann auch nicht weit sein, er wartet mit dem Fluchtauto.
Ich bin nervös. Fahrer wird noch angespannter sein, schliesslich weiss er, was auf dem Spiel steht. Boss zweifelt immer noch an Fahrers Loyalität und seiner Bereitschaft, mit uns, aber vor allem mit mir, zu arbeiten. Natürlich hat er das nie gesagt, aber wir alle können es spüren. Sogar die Zwillinge haben es mitbekommen.
Fahrer darf sich im Moment keinen Fehler erlauben. Er hat das Treffen organisiert und ist dafür verantwortlich, dass wir unbeschadet hier wegkommen. Wenn etwas schiefgeht, möchte wohl niemand in seiner Haut stecken. Es wird ihm dann auch nichts mehr bringen, wenn er auf Händen und Füssen gekrochen kommt.
Ich habe ihm vergeben, ich vertraue Fahrer sogar. Boss hat ihm noch nicht vergeben und vertraut ihm auch noch nicht wieder. Das, obwohl wir alle ein gutes Wort für Fahrer eingelegt haben. Sogar ich, schliesslich ist Fahrer in den letzten Wochen so etwas wie ein Freund geworden. Nachdem wir uns einmal richtig ausgesprochen haben, verstehen wir uns jetzt sogar ganz gut.
Auf der anderen Seite des Platzes ist ein Rascheln zu hören. Ich konzentriere mich voll auf meine Arbeit, doch noch ist niemand zu sehen. Prinzessin und Boss haben das Rascheln offenbar nicht gehört, sie warten noch immer. Prinzessin angespannt, Boss ruhig.
Der Vollmond über uns erhellt den Platz mit dem Brunnen so sehr, dass ich fast geblendet werde. In den letzten Wochen musste ich so oft in vollkommener Dunkelheit arbeiten, dass sich meine Augen an die Nacht gewöhnt haben.
Heute ist das Wetter gut. Nicht eine Wolke ist zu sehen. Nach Tagen hat es endlich aufgehört zu regnen. Eine perfekte Nacht für eine Arbeit, wie man sie mir anvertraut hat.
Doch die Schatten, die der Vollmond wirft, haben auch seine Nachteile. Prinzessin und Boss können sich gut verstecken, so aber auch ihre alten Freunde und leider auch sonstige Gestalten, die sich am Hafen herumtreiben. Die Schatten scheinen zu leben und sich zu bewegen, hinter jeder Ecke könnte jemand hervorkommen und zu einer zusätzlichen Bedrohung werden.
Ich kann erkennen, wie Boss eines der Gebäude mustert. Er kann die Zwillinge unmöglich sehen, doch scheint er sichergehen zu wollen, dass sie noch da sind. Dann sieht er zu mir, er wird auch mich nicht erkennen können, aber Boss nickt. Ich mache es ihm nach.
In Momenten wie diesen hinterfrage ich seine Befehle nicht.
Auf der anderen Seite des Platzes lösen sich zwei Gestalten aus dem Schatten. Sie laufen langsam über den Platz und auf den Brunnen zu. Sie könnten jederzeit mit drei Kugeln durchbohrt werden, bevor sie die Schüsse überhaupt hören würden.
Beim Brunnen bleiben sie stehen und starren in den Schatten hinein, wo Boss und Prinzessin noch immer stehen. Boss wartet noch einen Augenblick, er lässt seine alten Freunde aber nicht aus den Augen. Prinzessin steht nun neben ihm, bereit loszulaufen. Dabei schüttelt er seine Hände, als wollte er die Nervosität abschütteln.
Dann läuft Boss los. Prinzessin folgt ihm. Nun ist er ernst, fast schon cool. Ich kann es nicht sehen, bin mir aber sicher, dass sich ein breites Grinsen auf seinem Gesicht geschlichen hat. Niemand, der ihn so sieht, würde denken, dass er noch vor Sekunden nicht hat ruhig stehen können.
Ich habe meine beiden Ziele immer im Blick, obwohl ich, wie Boss gesagt hat, nur das Backup bin. Die Zwillinge haben je einen der alten Freunde im Visier. Wenn etwas schiefgeht, muss ich mich für einen der beiden entscheiden, wenn die Zwillinge nicht schon lange geschossen haben.
Immerhin habe ich eine Arbeit bekommen, etwas Besseres wie Fahrer, der gar nicht bei der ganzen Action, die trotz der Angst und der Nervosität noch immer irgendwie Spass macht und das Beste an der ganzen Sache ist, dabei sein darf.
Die beiden alten Freunde von Boss und Prinzessin sind genauso dunkel angezogen, wie wir es sind. Auch sie haben ihre Kapuzen tief ins Gesicht gezogen, obwohl ich bezweifle, dass sie es tun, um unerkannt zu bleiben. Wahrscheinlich schützen sie sich bloss vor der Kälte.
„Wie geht’s uns denn heute?“, fragt Prinzessin. Die Worte hallen an den Häusern wider. Ich kann aus seiner Stimme heraushören, dass er seine beiden alten Freunde mit einem Grinsen empfängt. „Schön euch mal wiederzusehen.“
Die beiden Fremden antworten nicht auf Prinzessins Frage. Sie sagen gar nichts. Auch wenn ich ihre Gesichter nicht erkennen kann, sehe ich, dass beide Boss anstarren. Er zieht ein paar Geldscheine aus seinem Ärmel.
Bei Treffen wie diesen sind keine Waffen erlaubt, laut Prinzessin wird es nicht einmal gern gesehen, wenn man sich in die Taschen greift. Darum hat Boss sein Geld in seinen Ärmeln versteckt. Jetzt zeigt er das Geld den beiden Männern, reicht es ihnen aber noch nicht.
Der Mann, der Boss gegenübersteht, greift in seine Jacke hinein, was meine Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch er zieht keine Waffe heraus, sondern ein kleines Päckchen. Das hält er Boss hin, um es ihm zu zeigen, aber er überreicht es Boss nicht. Noch nicht.
Beide Seiten misstrauen sich, doch wollen auch beide Seiten etwas voneinander. Gleichzeitig wechseln das Geld und das Päckchen den Besitzer. Ich wüsste nur allzu gerne, was genau in dem Päckchen drin ist. Wenn ich lange genug auf Prinzessin einrede, erzählt er mir es vielleicht irgendwann. Vielleicht aber auch nicht.
Er ist kompliziert. Die ganze Sache ist kompliziert.
Manchmal erzählt er mir Dinge, die bestimmt niemand wissen sollte, und dann verheimlicht er mir wieder die einfachsten Dinge. Er ist mein bester Freund, aber zu wissen, dass er mir manche Dinge verheimlicht, macht die ganze Freundessache kompliziert.
Boss und Prinzessin betrachten das Päckchen. Leider kann ich es nun nicht mehr sehen. Sie sprechen ein paar leise, unverständliche Worte miteinander. Dann wenden sie sich wieder an ihre zwei alten Freunde, die gerade das Geld zählen.
„Das ist zu wenig“, sagt der, der Boss gegenübersteht.
„Das ist genug“, erwidert Boss, der wenn es um Geld geht, nie einen Fehler macht. „Ihr werdet schliesslich von zwei Seiten bezahlt.“
Boss und Prinzessins alte Freunde bewegen sich einen Moment lang nicht, so als hätte sie Boss mit seinen Worten überrascht, so als würden sie überlegen, vielleicht sogar etwas abwägen. Der, der Prinzessin gegenübersteht, bewegt sich langsam.
„Wir wissen, für wen ihr arbeitet. Seid ihr jetzt überrascht?“, fragt Prinzessin. Noch immer kann ich sein nun zufriedenes Grinsen aus seiner Stimme heraushören. „Wenn ja, ist das ziemlich dumm.“
Der, der Prinzessin gegenübersteht, bewegt sich plötzlich rasend schnell. Weder Boss noch Prinzessin können etwas tun, obwohl beide verbotenerweise bewaffnet sind. Doch sie sind zu langsam. Sie können nur zusehen, wie einer ihrer alten Freunde eine Waffe aus der Hosentasche zieht und tot umfällt. Meine Kugel hat ihn in die Stirn getroffen.
2
Der Schuss hallt an den Hauswänden wider. Wahrscheinlich habe ich gerade jeden Bewohner Mayfairs aufgeweckt.
Die zweite Kugel, die ich abfeure, trifft Boss und Prinzessins anderen alten Freund in die Stirn. Wie abgemacht erledigen wir auch den. Wie abgemacht töten wir jeden, der es wagt, eine Waffe zu ziehen.
Boss nimmt seinem alten Freund sein Geld ab, bevor der auf dem Boden aufkommt.
Zwei weitere Schüsse sind zu hören. Prinzessin bückt sich fluchend. Dann dreht er sich zu dem Dach um, von dem die Schüsse gekommen sind. Die Zwillinge haben nur einen Moment zu spät reagiert. Nur einen Moment nach mir.
Ich packe bereits mein Gewehr zusammen. Wir müssen so schnell wie möglich hier weg. Noch wurde Prinzessin fast von seinen eigenen Leuten erschossen, doch die nächste Kugel könnte von der anderen Seite stammen und ihn treffen.
Wir wissen nicht, ob diese Leute, die Boss und Prinzessin ihre alten Freunde nennen, ihre neuen Freunde mitgebracht haben. Vielleicht wird auch gleich auf mich geschossen, wenn ich mich wie ein Schatten auf dem Dach bewege. Vielleicht werde ich auch gleich von jemandem überfallen. Nichts ist unmöglich, auch wenn wir hier nicht auf Plots Island sind. Mittlerweile weiss ich, dass auch andere Stadtteile ihre dunklen, gefährlichen Ecken haben. Mayfair sogar mehrere, unter anderem der ganze Hafenbezirk.
Auf der Strasse unter mir sehe ich Boss und Prinzessin entlangrennen. Prinzessin hält in beiden Händen eine Pistole, bereit, auf jeden zu schiessen, der auf ihn schiesst, und um mögliche Verfolger zu erledigen. Boss hat die Hände voll, in einer Hand das mysteriöse Päckchen und in der anderen das Geld.
Er hätte das Geld einfach liegen lassen können, schliesslich hat er bekommen, was er wollte. Doch wenn es um Geld oder sonst etwas Wertvolles geht, nimmt sich Boss alles und so viel er kriegen kann, egal was es kosten könnte.
Auf dem gegenüberliegenden Dach sehe ich die Zwillinge entlanglaufen. Sie sind nicht mehr als Schatten, die mit ihren Gewehren auf dem Rücken um die Wette laufen. Dabei schummeln sie. Sie versuchen, einander zu stossen, das kann ich selbst von hier aus erkennen. Boss hat ihnen verboten, aus allem einen Wettkampf zu machen, aber wenn Boss nicht da ist, tun sie es trotzdem.
Als ein paar Schüsse die sonst stille Nacht stören, in der nur meine eigenen Schritte und mein eigener Atem zu hören sind, ducke ich mich. Doch ich werde nicht getroffen. Es ist niemand zu sehen, als ich mich umdrehe und zurückblicke.
Prinzessin erwidert unten auf der Strasse das Feuer. Ich bin mir ziemlich sicher, dass auch er niemanden gesehen hat, er schiesst bloss als Warnung.
Die Zwillinge werden sich gleich darum streiten, wer auf ihrer Seite der Strasse zuerst die Leiter hinunterklettern darf, die sie zu Fahrer, der beim Fluchtauto wartet, auch wenn sie die Leiter auch gleichzeitig hinunterklettern könnten.
Für mich wird es leider nicht so einfach werden, hinunter auf den Boden zu kommen.
Anstatt eine einfache Leiter oder eine Hauswand mit Fenstern hinunterzuklettern, muss ich vom Dach auf einen Schiffscontainer springen. Hart schlagen meine Füsse auf das Holz auf, aus dem die Container gemacht sind. Mein Gewehr schlägt gegen meinen Rücken.
Immerhin hat das bestimmt morsche Holz unter mir nicht nachgegeben. Das war neben dem erschossen werden oder heute Nacht einen Freund zu verlieren, meine grösste Angst. Ich habe mich davor gefürchtet, dass das Holz der Container nachgibt und ich dann in einem Container gefangen bin, aus dem mich niemand herausholt.
Das Holz hält, es knackt bloss, als ich darüber laufe und dann hinunterklettere. Dank meiner schwarzen Handschuhe bohren sich die Holzsplitter nicht in meine Hände.
Einer, zwei, drei, vier Container, und dann stehe ich wieder auf festen Boden. Die Container vor mir stapeln sich so hoch wie ein mehrstöckiges Haus und ich bin in Sekunden hinuntergeklettert. Wenn ich einmal zurück nach Kensington gehe, werde ich dieses Talent bestimmt nie wieder brauchen können.
Noch etwas, was ich vermissen werde. Die Liste wird jeden Tag länger und länger, während die, die für Kensington spricht, bloss kürzer wird.
Ich renne weiter. Dabei komme ich an weiteren Containern vorbei. Dass wir nicht einfach irgendwelche Container aufbrechen, um darin nach Schätzen zu suchen, wundert mich. Sie stehen schliesslich einfach hier herum. Ich habe den Vorschlag einmal gemacht, aber mir wurde ziemlich deutlich gesagt, dass etwas, das einfach herumsteht, nichts Wertvolles enthält. Ausserdem haben wir offenbar keine Zeit für solche Dinge, weil wir andere wichtige Dinge zu tun haben, nur will mir niemand sagen, was das für wichtige Dinge sind.
Als ich um einen Container biege, laufe ich fast in die Zwillinge hinein. Auch sie tragen dunkle Kleidung und haben ihre Gesichter unter Kapuzen versteckt. Doch als sie mich erkennen, ziehen sie ihre Kapuzen von den Köpfen und grinsen mich breit an.
„Ihr wart zu langsam.“
„Du hast zu früh geschossen“, erwidert Dumm.
„Du hast die Pistole unmöglich sehen können“, stimmt Dümmer seinem Bruder zu.
„Ich habe sie mehr als deutlich gesehen“, erwidere ich grinsend. „Ich war einfach schneller.“
„Sie ist einfach besser als ihr“, sagt Prinzessin, der plötzlich neben mir steht. „Seht es ein. Bossy lernt zu schnell, sie macht eure Arbeit bereits zu gut, in ein paar Wochen übernimmt sie meinen Job und dann stösst sie sogar Boss vom Thron.“
„Unwahrscheinlich“, sagt Fahrer, der hinter einem anderen Container hervorkommt und uns zu sich winkt. Fahrer trägt als einziger keine Kapuze, aber einen Hut, der sein Gesicht noch runder macht. „Sie ist gut, aber Boss wird sie nie vom Thron stossen.“
Boss hat keine Zeit für solche Spielchen, Hirngespinste oder einfache Gespräche, die für ihn keinen Nutzen haben. Er taucht neben mir auf und sieht mich an. Er muss nicht einmal etwas sagen, um das, was Fahrer gesagt hat, zu bestätigen.
Zusammen laufen wir die restlichen Meter zum Auto. Wir müssen nicht mehr rennen, hier zwischen den Containern sind wir schwer zu finden. Ausserdem haben wir schon eine Weile keine Schüsse mehr gehört. Wenn wir noch verfolgt werden, dann suchen sie uns im Moment. Sie wissen offensichtlich nicht, wo wir sind.
„Warum sind es eigentlich immer alte Freunde, die euch hintergehen und umbringen wollen?“, frage ich. Noch nie haben wir Leute getroffen, echte alte Freunde, die Boss oder Prinzessin nicht tot sehen wollten.
„Kennst du Boss überhaupt? Er ist nicht besonders gut im Freundschaften schliessen, geschweige denn seine Freunde zu behalten.“
„Warum bist du dann noch hier?“, fragt Boss, was mich überrascht. Er sieht Prinzessin nicht an, als er die Beifahrertür unseres geklauten Autos öffnet, doch er hat etwas gesagt.
Prinzessin grinst zufrieden vor sich her, bevor er sich auf die Rückbank quetscht. Ich steige gleich nach ihm ein. Fahrer vor mir startet bereits den Motor.
„Olga zahlt nicht so gut wie du“, sagt Prinzessin.
Über Olga haben wir die letzten paar Tage öfter gesprochen. Olga, die von Plots Island stammt, dort aber ihre Bande verraten und hintergangen hat, weil sie von der Stadt, also von irgendwelchen Leuten in Kensington, beauftragt wurde, mit ein paar neuen Leuten, alles Bewohner von Mayfair, den Hafen von Mayfair zu bewachen.
Laut Prinzessin hat man eigentlich Boss für den Job gewollt, doch der hat abgelehnt. Boss hat mir das nie bestätigt, es aber auch nie abgestritten.
Es macht Sinn, jemanden von Plots Island für eine solche Arbeit anzuheuern. Wer auch immer in Kensington diese Entscheidung getroffen hat, hat wohl gedacht, dass jemand von Plots Island besser mit den Kriminellen, die sich am Hafen von Mayfair herumtreiben, umgehen kann als jemand, der sein Leben lang in den schöneren Teilen von Mayfair gelebt hat.
„Olga steckt hinter der ganzen Sache?“, frage ich.
Bevor wir heute Abend aufgebrochen sind, haben wir über sie gesprochen, aber mir wurden wie immer so gut wie keine meiner Fragen beantwortet. Ich kann nur Vermutungen anstellen.
Boss verhandelt nicht mit Olga oder ihren Leuten, darum hat er Fahrer eine andere Gruppe Krimineller im Hafen von Mayfair kontaktieren lassen. Boss hat uns allen klargemacht, dass Olga vielleicht versuchen könnte, seine Handelspartner zu bestechen und ihnen einen neuen Auftrag zu geben. Zum Beispiel Boss und Prinzessin zu töten, wenn sie die Möglichkeit haben. Offenbar hat Boss mit der Vermutung Recht gehabt.
„Olga will offenbar nicht, dass wir uns hier herumtreiben“, sagt Prinzessin mit einem Grinsen im Gesicht. „Das war aber selbst für ihre Verhältnisse ein schlechter Versuch, uns umzubringen. Um uns zu töten, braucht jemand mehr als eine Pistole.“
„Einen Strang zum Beispiel“, murmle ich in mich selbst hinein. Ich bin sicher, dass mich niemand gehört hat, schliesslich lacht Prinzessin noch laut, aber als ich den Kopf hebe, erkenne ich Boss schwarze Augen im Rückspiegel. Wie so oft liegen sie auf mir.
Ich grinse ihn an, einfach um ihn zu irritieren, und weil ich ihm schon mehrmals damit gedroht habe, dass er irgendwann mal hängen wird. Mittlerweile will ich ihn nicht mehr hängen sehen. Zumindest nicht immer, in manchen Momenten, in denen er sich nicht ganz so sehr wie er selbst verhält, ist er eigentlich ganz in Ordnung.
„Wie sicher seid ihr euch, dass Olga in der ganzen Sache mit drinsteckt?“, frage ich.
Prinzessin zeigt auf Fahrer.
„Er hat es vermutet, konnte es aber nicht zu hundert Prozent sagen. Jetzt wissen wir es.“
Fahrer hat offenbar einen guten Job gemacht. Schön für ihn. Auch das mit dem Fluchtauto hat funktioniert. Wenn wir jetzt noch ohne Probleme nach Plots Island kommen, war die Nacht wohl ein voller Erfolg.
Doch das ist, seit Crackhead gestorben ist, nicht mehr das Wichtigste. Egal was passiert, das Wichtigste ist, dass wir alle lebend nach Hause kommen.
3
„Sagst du uns jetzt, was in dem Päckchen ist, für das wir so viel riskiert haben?“, frage ich Boss, als wir mit dem Auto auf die Fähre fahren, die uns nach Plots Island bringen wird. Im Augenwinkel sehe ich das Boot, das wir genommen hätten, wenn wir hätten flüchten müssen und nicht die Zeit gehabt hätten, ein Auto mitzunehmen und mit der relativ langsamen Fähre überzusetzen.
Boss gibt mir keine Antwort. Warum auch? Mir eine Antwort zu geben, wird ihn und uns alle nicht weiterbringen, also kann er mich auch genauso gut ignorieren. Er sieht mich noch immer an, doch er sagt kein Wort.
Die Fähre und das Auto wackeln, als wir ablegen. Heute ist der Fluss unruhig und ich fühle mich unwohl in einem Auto auf einer alten Fähre, die uns in den Tod reissen könnte. Niemand wird uns retten, wenn etwas passiert, weil dieser Teil des Flusses eigentlich Sperrgebiet ist.
Nun würde ich doch lieber in dem kleinen Boot sitzen, wenn das untergeht, könnte ich immerhin noch schwimmen. Doch wir brauchen das Auto offenbar noch, ob für uns selbst oder um es zu verkaufen, will mir Boss aber auch nicht verraten.
Wir haben in den letzten Wochen öfter Fahrzeuge mit nach Plots Island genommen, ich weiss aber nicht, was mit ihnen passiert ist. Doch früher oder später werden wir sie wieder brauchen oder das Geld, das sie bringen.
„Weisst du es?“, frage ich Prinzessin.
Der schüttelt den Kopf, auch wenn ich mir ziemlich sicher bin, dass er zumindest eine Vermutung hat, was in dem Päckchen drin ist. Doch er darf mir keine richtige Antwort geben.
Ich sehe die Zwillinge an, die gerade darüber diskutieren, wer von ihnen mehr Platz auf dem Sitz hat. Sie bemerken meinen Blick, schütteln beide gleichzeitig den Kopf und streiten sich dann wieder darüber, wo die Mitte des Sitzes ist.
Fahrer, auch wenn wir jetzt so etwas wie Freunde sind, starrt bloss in die Nacht hinaus, anstatt mich auch nur anzusehen.
Genervt, weil ich keine Antwort bekomme, schiebe ich die Kapuze von meinem Kopf. Dann ziehe ich meinen langen blonden Zopf, der mir mittlerweile schon fast bis zu den Hüften reicht, aus meinem Pullover. Prinzessin fängt sofort an, mit meinen Haaren herumzuspielen, bis ich seine Finger wegschlage.
Die Fähre ist noch langsamer als normalerweise. Dass der Fluss heute Nacht so unruhig ist, macht es nicht besser. Mayfairs Ufer liegt nur ein paar Meter hinter uns. Wenn wir Pech haben, holen uns Olgas Leute oder wer auch immer wirklich mit Boss und Prinzessins alten Freunden zusammengearbeitet hat, doch noch ein.
Ich starre weiter in die Nacht hinaus und sehe mich nach möglichen Verfolgern um, bis ich nicht mehr anders kann, als Boss anzusehen, der das kleine Päckchen, für das wir so viel riskiert haben, in den Händen hält.
Es ist unscheinbar, ein einfaches braunes Päckchen, das mit Klebeband verschlossen ist. Etwa Faustgross. Was auch immer da drin ist, muss ziemlich wertvoll sein.
Bevor Boss bemerkt, dass ich ihn beobachte, lehne ich mich nach vorne und schnappe ihm das Päckchen aus der Hand. Boss sieht nicht überrascht aus, das tut er nie, aber seine schwarzen Augen mustern mich sofort.
Hätte ich mehr Angst vor ihm und seinem Blick so wie Prinzessin, würde ich ihm das Päckchen vielleicht gleich wieder zurückgeben. Doch mich kann er nicht so einfach einschüchtern, nicht einmal, wenn er mir eine Pistole an den Kopf hält. Schliesslich braucht er mich noch. Ich weiss nicht genau, wofür, weil er mir das nicht sagen will, aber ich weiss, dass er mich noch braucht.
Heute Nacht habe ich wieder einmal bewiesen, dass er mich noch braucht. Boss kann mich nicht umbringen, nicht, wenn er weiss, dass ich ihm sein Päckchen zurückgeben werde. Nur will ich zuerst wissen, was darin ist.
Das Päckchen ist leicht. Ich halte es an mein Ohr und schüttle es, doch nichts ist zu hören. Dann rieche ich am Karton, leider riecht er nur nach Karton.
„Was soll das werden?“, fragt Prinzessin, der mich auslacht, weil meine Versuche herauszufinden, was in dem Päckchen ist, so lächerlich sind.
„Sag schon, was ist da drin“, fordere ich. Ich schaffe es nicht mit meinen Fingernägeln, das Klebeband zu lösen. Ich bräuchte mein Messer, an das ich auf dem engen Rücksitz nicht herankomme.
„Du würdest es mir sowieso nicht glauben“, sagt Prinzessin und lacht wieder. Ich halte kurz inne. Mittlerweile habe ich gelernt, so ziemlich alles zu glauben.
Dinge, die ich nie für möglich gehalten habe, sind geschehen. Dinge, die für mich damals in Kensington unvorstellbar waren. Was auch immer in diesem Päckchen ist, kann mich nicht überraschen.
Vorsichtig lege ich es auf meine Beine. Während ich versuche, an mein Messer heranzukommen, muss ich Boss und Prinzessins Hand mehrmals wegschlagen. Wenn sie mir keine Antwort geben, werde ich es eben selbst herausfinden.
Doch einen Moment passe ich nicht richtig auf und schon hält Prinzessin das Päckchen in den Händen.
„Du machst es kaputt.“
„Ich will nur wissen, was drin ist“, sage ich mit dem Messer in der Hand. „Wenn du mir einfach sagst, was drin ist, werde ich es nicht aufschneiden.“
„Du wirst es gar nicht aufschneiden“, sagt Boss. Er versucht nicht mehr, an das Päckchen zu kommen, weil es Prinzessin jetzt hat. Auch wenn er ihm das Päckchen noch nicht zurückgegeben hat, sondern es in die Höhe hält, ist es nur eine Frage der Zeit, bis Prinzessin nachgibt.
Ich richte mein Messer, das ursprünglich Boss gehört hat, bis er es nach mir geworfen hat, auf Boss. Es ist eine leere Drohung, wie wenn Boss seine Pistole auf meinen Kopf richtet. Ich kann ihm nichts antun, aber es fühlt sich gut an, ihn bedrohen zu können.
„Was willst du tun, die Antwort aus ihm herausschneiden?“, fragt Prinzessin lachend. „Pack das Messer weg, bevor du dich noch selbst verletzt.“
Rasend schnell richte ich mein Messer auf Prinzessin. Der grinst mich noch immer an, auch wenn er die Klinge nicht aus den Augen lässt. Boss ist unberechenbar, ich nicht, aber Prinzessin weiss ganz genau, wie sehr ich wissen will, was in dem Päckchen ist.
Die Zwillinge, die offenbar genauso neugierig sind, mischen sich nun auch ein. Dumm schnappt sich das Päckchen und Dümmer dreht es dann mehrmals. Auch sie schütteln es, doch auch sie finden nicht heraus, was in dem Päckchen drin ist.
Schnell stecke ich das Messer weg, weil Prinzessin Recht hat, und lehne mich über ihn, um an die Zwillinge heranzukommen. Doch wie nervige kleine Brüder verstecken sie das Päckchen hinter ihren Rücken.
„Wir sind jetzt dran.“
Boss versucht nicht mehr an das Päckchen zu kommen, doch dafür wird Prinzessin zu meinem grössten Konkurrenten. Er versucht, mich wegzustossen und selbst an das Päckchen zu kommen, wie ein grosser Bruder, der zuerst einmal selbst die Lage checken möchte, bevor wir anderen an der Reihe sind.
„Ich hatte das Päckchen zuerst“, sage ich. „Gebt es mir.“
„Eigentlich hatte Boss das Päckchen zuerst“, sagt Prinzessin. „Ich war dabei, als er es bekommen hat, also darf ich es jetzt haben.“
„Wir haben es noch gar nicht gehabt“, beklagt sich Dumm.
„Jetzt sind wir an der Reihe“, ergänzt Dümmer.
„Bis jemand weint“, murmelt Fahrer vor sich her.
Etwas sticht mir ins Auge, was mir in den letzten Tagen und Wochen schon mehrmals aufgefallen ist. Seitdem das mit Prinzessin und mir vorbei ist, und nun, da meine Albträume verschwunden sind, kann ich es klar sehen.
Wir verhalten uns immer mehr und mehr wie eine Familie. So habe ich mir, Geschwister zu haben, immer vorgestellt. Manchmal rege ich mich über meine Freunde, meine neue Familie, schrecklich auf, doch würde ich für sie töten.
Mittlerweile geniesse ich Streits wie diese schon fast.
In den letzten Wochen haben wir gelernt, uns zu verstehen, zusammen zu arbeiten, uns zu vertrauen und schliesslich auch zu mögen. Wir beschützten einander, wir passen aufeinander auf, auch wenn ich Prinzessin und die Zwillinge im Moment töten möchte.
Die drei sind wie nervige Brüder, die versuchen, mir mein Leben schwer zu machen, während ich gegen Boss kämpfe, der zur Familie gehört, jedoch nicht wie ein Bruder für mich ist. Er ist einfach Boss, er braucht keine Bezeichnung.
Fahrer ist wie ein Cousin. Er hält sich aus den Hauptstreitereien heraus, doch stichelt er die Streits mit seinen Kommentaren manchmal an. Dann grinst er zufrieden, wenn wir uns nur noch etwas heftiger streiten.
Während wir über den Fluss fahren, lässt uns Boss streiten, schliesslich gibt es nichts Besseres zu tun.
Als das Auto von der Fähre auf die holprigen Strassen von Plots Island rollt, sind die Zwillinge kurz unaufmerksam und Prinzessin schafft es, das Päckchen an sich zu reissen.
Mit seinem Oberkörper beugt er sich über das Päckchen und lässt es nicht los, während die Zwillinge und ich auf seinen Rücken einschlagen. Wir drei fordern das Päckchen, das er mit seinem Leben verteidigt. Er lacht laut, weil wir keine Chance haben, an das Päckchen heranzukommen.
Dann fährt Fahrer jedoch etwas zu schnell um eine Kurve und ich nutze den Moment und schnappe mir das Päckchen. Endlich kann ich es mir wieder ansehen, nur habe ich jetzt kein Messer mehr, um es zu öffnen.
Ich fluche, während ich versuche, Prinzessin und die Zwillinge abzuwehren und gleichzeitig mein Messer wieder auszupacken.
Noch eine scharfe Kurve. Prinzessin drückt es gegen die Zwillinge, die laut aufschreien. Endlich habe ich einen Moment, um das Messer herauszuholen, doch bevor ich auch nur daran denken kann, greift Boss nach dem Päckchen.
„Ich bin jetzt an der Reihe“, sage ich, womit ich bei Boss auf taube Ohren stosse. Er sieht mich kurz an, bevor er dem mysteriösen Päckchen wieder seine ganze Aufmerksamkeit schenkt.
„Gemein“, murmelt Dumm, und verschränkt die Arme vor der Brust. Sein Bruder macht es ihm nach.
„Nie dürfen wir Spass haben“, sagt Prinzessin, obwohl er noch immer breit vor sich her grinst.
„Kannst du uns nicht einfach sagen, was in dem Päckchen ist“, wiederhole ich. „Früher oder später werden wir es sowieso erfahren.“
Boss nickt, womit er nicht nur mich, sondern auch die Zwillinge und Prinzessin überrascht.
„Früher oder später werdet ihr es erfahren.“
Damit ist das Gespräch beendet. Boss steckt das Päckchen in die Innentasche seiner Jacke. Unerreichbar für uns alle, ausser wir würden uns über den Sitz beugen und es Boss aus der Tasche ziehen, aber das würden wir wahrscheinlich nicht überleben.
Dann halten wir an. Neben uns steht das Haus, das in den letzten Wochen und Monaten mein Zuhause geworden ist. Unverändert steht es da, es sieht noch immer gleich aus wie die anderen Häuer hier in der Strasse und so wie das erste Mal, als ich es gesehen habe.
Im Prinzessins Zimmer brennt Licht, das er vergessen hat auszumachen, womit das Haus, trotz seiner Lage auf Plots Island, zum Bleiben einlädt. Die Zwillinge stehen bereits an der Haustür, als Prinzessin und ich aus dem Auto steigen.
Dieses Haus und dieser Ort, über den ich früher nicht einmal sprechen durfte, stehen ganz oben auf meiner Liste der Gründe, um zu bleiben. Trotz allem ist das hier mein Zuhause geworden. Ein Zuhause, das ich nicht einfach verlassen kann. Ein Zuhause, das ich wahrscheinlich mehr vermissen würde als ich das prunkvolle, aber nicht sehr komfortable Haus in Kensington vermisse.
Noch rede ich mir oft selbst ein, dass ich irgendwann nach Kensington zurückgehen muss, auch wenn ich mit Boss einen Deal gemacht habe und ich eigentlich bleiben könnte. Hier bin ich trotz aller Gefahren freier als in Kensington. Hier habe ich eine Wahl, doch fühlt es sich so an, als wäre es meine Pflicht, nach Kensington zurückzukehren.
Noch schiebe ich die endgültige Entscheidung vor mich her. Ewig kann ich so unentschlossen aber nicht weiterleben.
4
Kaum haben wir das Haus betreten, verschwindet Fahrer in der Küche. Ich gehe mit den anderen ins Wohnzimmer hinunter.
Es ist mitten in der Nacht, für einige spät, für andere bereits früher Morgen. Für uns ist es so etwas wie Mittagszeit. Für uns, die wir grösstenteils abends und nachts arbeiten, ist es ganz normal, dass wir um diese Zeit essen.
Wir setzen uns an den Tisch. Die Zwillinge haben sich irgendein stummes Spiel ausgedacht, sie lachen leise miteinander. Prinzessin und Boss unterhalten sich noch leiser. Bei den Zwillingen kann ich lauschen, dem Gespräch zwischen Boss und Prinzessin kann ich jedoch nicht folgen.
Hätte ich bereits eine Entscheidung getroffen, würde sich das Mädchen aus Kensington in mir, sich nicht stur an mich klammern, könnte ich nun auch ein Teil des Gesprächs sein, das Boss und Prinzessin führen. Wenn ich mich nur entscheiden könnte, wenn ich nur endlich das Gefühl, zurückzumüssen, vergessen könnte, wäre ich ein wirklicher Teil der Gruppe. Jemand, der jedes Gespräch mitanhören und sich sogar beteiligen darf.
Ein Teil, der mehr tun könnte als die Zwillinge. Jemand mit dem Boss seine grossartigen Pläne teilen könnte. Er könnte das natürlich auch so tun, aber warum sollte er, wenn er nicht weiss, ob ich irgendwann zurück zu den Leuten gehe, die hier alle so verabscheuen.
Eine Weile lausche ich einfach den geflüsterten Worten der Zwillinge und den noch leiseren Worten zwischen Boss und Prinzessin, die ich nicht verstehe.
Schliesslich kommt Fahrer mit dem Essen ins Wohnzimmer herunter. Er hat einen riesigen Topf Nudeln gekocht. In Kensington würde es so etwas Einfaches nicht geben. Dort sind Nudeln eine Beilage. Hier ein Hauptgang. Es gibt eine riesige Portion für alle, was mehr als genug ist.
Die Nudeln sind viel besser als ein 10-Gänge-Menü mit Nachspeisen in Kensington. Man wird schnell satt, bleibt satt und verschwendet nicht so viel Zeit mit einer Mahlzeit.
„Bald kommt wieder viel Arbeit auf uns zu“, verkündet Boss schliesslich. Wie immer bleibt er wage, aber immerhin bekommen wir überhaupt neue Informationen.
„Was für Arbeit?“, fragt Dumm.
Dümmer verschluckt sich fast an seinem Essen.
„Wird uns die Arbeit noch etwas reicher machen?“
„Reicher als wir es jemals waren“, sagt Boss. Er sieht an mir vorbei zu den beiden Safes in der Ecke, die schon lange überfüllt sind. Wir nehmen jede Nacht mehr Geld ein, als in die beiden Safes hineinpasst.
Mir sagt man nicht, wo Boss das viele Geld oder andere wertvolle Gegenstände, wie zum Beispiel die Waffen, die wir vor einer Ewigkeit einmal gestohlen haben, oder die Schätze aus No Mans Land gelagert werden, doch ich bin mir ziemlich sicher, dass nichts davon weit weg ist. Es hat wahrscheinlich seine Gründe, warum wir fast nie einen Nachbarn sehen, geschweige denn hören. Niemand spricht darüber, aber ich bezweifle, dass viele Häuser in unserer Strasse bewohnt sind. Einige, aber nicht alle.
„Wofür brauchen wir noch mehr Geld?“, frage ich.
Mittlerweile bin ich mir sicher, dass nur reich zu werden nicht das einzige Ziel von Boss ist. Ich bohre weiter nach. Früher oder später werde ich eine Antwort auf alles bekommen.
„Geld kann man immer brauchen“, antwortet Boss.
Das weiss ich auch. Doch wir nehmen ein Vermögen auf Plots Island ein. Von No Mans Land erhalten wir Schätze, die wir zum Teil verkaufen, zum Teil aber auch behalten. Wir werden so schon jeden Tag reicher.
Von No Mans Land und von dem Schutzgeld, das wir auf Plots Island einsammeln, können wir eigentlich gut leben. Trotzdem überrascht es mich nicht, dass Boss immer mehr und mehr möchte. Auch wenn ich das niemals laut sagen würde, weil ich dann bestimmt getötet werden würde, selbst wenn Boss mich noch braucht, ist er ein bisschen wie ein Bewohner von Kensington, die können auch nie genug Geld haben.
„Wann genau erwartet uns die viele Arbeit?“, frage ich. Wenn ich keine Antworten auf die Fragen bekomme, die eigentlich wichtig sind, bekomme ich vielleicht welche auf unwichtige Fragen und kann so herausbekommen, was Boss als Nächstes vorhat oder was in dem Päckchen ist.
„Warum, musst du irgendwo sein?“, fragt mich Boss.
Ein Seitenhieb, weil ich mich noch immer nicht entschieden habe. Er hätte meine Frage nicht beantworten müssen, aber Boss weiss genau, was er mir mit einer solchen Antwort antut. Die paar Worte lassen mich, wenn ich schlafen sollte, wachliegen.
„Ich…Nein“, murmle ich. „Ich hätte nur gerne genauere Infos. Was ist im Päckchen? Was für Arbeit erwartet uns und was haben wir vor ein paar Wochen in Mayfair gestohlen?“
Boss gibt mir wie so oft keine Antwort. Er isst einfach weiter sein Essen. Prinzessin und Fahrer auch. Ich weiss, dass die beiden mehr wissen als die Zwillinge und ich. Prinzessin zwinkert mir grinsend zu, was alles nur noch schlimmer macht.
Er weiss Dinge, die er mir nicht sagen kann, was mich fast wahnsinnig macht.
Doch heute bekomme ich keine Antworten mehr. Wir alle werden ins Bett geschickt, auch wenn es für uns erst so etwas wie Nachmittag ist. Plots Island kennt keine Regeln, nicht einmal so etwas wie Tageszeiten.
5
Am frühen Nachmittag werde ich von Geschrei geweckt, was nicht ungewöhnlich ist. Wir foltern nicht oft Leute, vor allem nicht in unserem Zuhause, doch es kommt vor. Was mich überrascht, ist, dass ich die Stimmen, die sich die schlimmen Beleidigungen an den Kopf werfen und vor Schmerz schreien, kenne.
Schnell ziehe ich eine kurze Hose und ein Shirt an, bevor ich nach unten gehe. Kaum habe ich die Tür geöffnet, dröhnen die Stimmen an meine Ohren, als würden sich die Zwillinge direkt neben mir streiten und mir ihre Beleidigungen ins Ohr schreien.
Die Zwillinge streiten oft, wie es Geschwister eben tun, vor allem solche, die sich so ähnlich sind. Manchmal streiten sie einfach, um sich die Zeit zu vertreiben. So wie ich manchmal mit Boss streite. Dann sind sie wieder ein unschlagbares Team.
Doch der Streit heute hört sich ganz anders an als sonst. Die Zwillinge, die hier auf Plots Island aufgewachsen sind, kennen ein paar sehr schlimme Beleidigungen, die sie sich manchmal an den Kopf werfen, doch nun versuchen sie einander, mit schlimmen Beleidigungen zu überbieten.
Plötzlich mischt sich auch Prinzessins Stimme in die ganze Sache ein. Er wird nicht oft laut, nicht so wie jetzt. Prinzessin hört sich ernst an, fast streng. Einen Moment lang hat er etwas von Boss, dann aber hört er sich wieder wie er selbst an.
„Ich könnte hier Hilfe gebrauchen.“
Schnell renne ich nach unten. Vor der Haustür treffe ich auf die Zwillinge und Prinzessin. Die Zwillinge streiten sich nicht mehr nur, nun prügeln sie sich auch. Auch das kommt öfter vor, nur sieht es heute noch etwas brutaler aus.
Es fliesst bereits Blut, und ich bin mir sicher, dass es noch schlimmer werden wird. So wütend habe ich die beiden noch nie erlebt. Sie werfen sich noch immer Beleidigungen an den Kopf, während sie aufeinander einschlagen.
„Was ist denn los?“, frage ich Prinzessin. „Warum streiten sie sich so?“
„Lange Geschichte“, sagt Prinzessin und versucht, sich vor den fliegenden Fäusten in Sicherheit zu bringen, gleichzeitig aber an einen der Zwillinge heranzukommen. Ich versuche dasselbe von einer anderen Seite, doch es ist nicht möglich, zu den Zwillingen durchzudringen, ohne selbst getroffen zu werden, und dabei vielleicht einen Zahn zu verlieren oder Schlimmeres.
Es wundert mich, dass die Zwillinge noch nicht schwerverletzt am Boden liegen. Sie haben sonst schon Blutergüsse und blaue Augen, wenn sie sich prügeln, aber heute wird der Schaden noch grösser sein. Vor allem, wenn wir sie nicht schnell voneinander trennen.
„Wo ist Boss und Fahrer?“, frage ich Prinzessin. Wir versuchen beide immer noch vergeblich, zu den Zwillingen durchzudringen.
„Fahrer ist arbeiten und Boss kümmert sich unten um das eigentliche Problem.“
„Was ist das eigentliche Problem?“, frage ich.
Über die fliegenden Fäuste hinweg sehe ich Prinzessin an, der einfach nur den Kopf schüttelt. Ich weiss, dass er mir nicht immer alles sagen kann, doch heute würde er es mir offensichtlich gerne sagen, nur haben wir gerade andere Probleme.
„Wie kannst du mich verraten? Wie kannst du uns verraten?“, fragt Dümmer mehrmals. Ihm sind wohl die Schimpfwörter ausgegangen.
Ich sehe wieder Prinzessin an. Wenn Dumm uns wirklich verraten hätte, wäre er nun bei Boss.
Prinzessin kann mir leider nicht sagen, worum es sich bei diesem Verrat handelt, denn er hat es nun fast geschafft, zu Dümmer durchzukommen, während ich noch vergeblich versuche, Dumm zu erreichen.
Prinzessin, der zwei Köpfe grösser ist als Dümmer, schnappt ihn sich, wird aber überwältigt. Dümmer wehrt sich mit aller Kraft, weil er weiter auf seinen Bruder einschlagen will, während Prinzessin laut flucht und dann noch einmal versucht, an Dümmer heranzukommen.
Da zieht Dümmer plötzlich ein Messer.
„Nicht gut. Nicht gut“, wiederholt Prinzessin. Er sieht panisch aus, versucht aber weiter an Dümmer heranzukommen und die Zwillinge voneinander zu trennen.
Dumm zieht selbst auch ein Messer. Ich weiss nicht, was die beiden vorhaben. Wollen sie einander wirklich ernsthaft verletzen?
„Messer, Messer“, warne ich Prinzessin vor, der gerade noch aus dem Weg gehen kann, als Dumm zusticht.
Dann versucht Dümmer, seinen Bruder mit dem Messer zu verletzen, er erwischt ihn jedoch nicht. Dafür erwischt er mich. Die Klinge schneidet die Haut von meinem Ellenbogen bis zu meiner Hand auf. Die Schnittwunde blutet sofort stark und brennt, aber darum kann ich mich jetzt nicht kümmern. Wir müssen die Zwillinge voneinander trennen, bevor sie einander umbringen.
„Bist du okay?“, fragt Prinzessin, der versucht, an das Messer zu kommen, das mich verletzt hat.
Ich nicke, auch wenn schwarze Punkte vor meinen Augen tanzen. Trotzdem versuche ich weiter Dumm zu packen, der nun Dümmer mit seinem Messer angreift und dabei Prinzessins Bauch nur knapp verfehlt.
„Die beiden werden zuerst uns und dann sich selbst umbringen“, ruft Prinzessin, stürzt sich aber nochmals auf Dümmer. Er schafft es, ihn unter beiden Armen zu packen und von seinem Bruder wegzuziehen.
Dumm ist aber immer noch wütend, und ich verletzt. Ich kann nichts anderes tun, als selbst mein Messer zu ziehen. Ohne darüber nachzudenken, was ich tue, packe ich Dumm mit beiden Händen und halte ihm mein Messer an die Kehle.
Dümmer lacht zufrieden, als Dumm in meinen Armen erstarrt.
„Er hat angefangen. Lass mich los, ich will ihm zeigen, was passiert, wenn er sich mit mir anlegt.“
„Das haben wir bereits gesehen“, sagt Prinzessin, der wieder grinst, seit wir die Situation unter Kontrolle haben.
Er hält Dümmer, der sich noch immer wehrt, mit beiden Armen fest. Leider hindert ihn das nicht daran, sein Messer zu werfen. Es fliegt knapp an Dumm und mir vorbei. Nur weil ich mich schnell ducke und dabei Dumm mit mir ziehe, werden wir nicht getroffen.
Ich höre, wie das Messer in die Wand einschlägt, dann zieht Prinzessin scharf die Luft ein.
„Oh, oh. Jetzt habt ihr ein Problem“, sagt Prinzessin. Er lässt Dümmer los und geht zwei Schritte zurück. Seine Augen sind auf etwas hinter mir gerichtet.
Schnell drehe ich mich um. Dumm ziehe ich dabei mit mir mit.
Das Messer, das Dümmer geworfen hat, steckt in der Wand neben der Tür, die zur Treppe ins Wohnzimmer führt. In dieser Tür steht Boss, dessen Gesicht wie immer unleserlich ist, doch kenne ich ihn mittlerweile gut genug. Mittlerweile weiss ich, wann er wütend ist. Sehr wütend.
Schnell lasse ich Dumm los, der die Hände gehoben hat. Er weiss, wie ernst es ist und was gleich mit seinem Zwillingsbruder passieren könnte. Niemand wirft einfach so ein Messer durch die Gegend, dass fast Boss trifft, und kommt ungestraft davon. Ich weiss das am besten.
Schnell lasse ich das Messer, das ich in meiner Hand halte, hinter meinem Rücken verschwinden. Leider bemerkt Boss meine ruckartige Bewegung. Er sieht mich an, als wäre ich Schuld an der ganzen Sache. Mein blutiger Arm, den er genau mustert, macht alles nur noch schlimmer.
„Wenn ihr euch gegenseitig umbringen wollt, dann macht das draussen. Wir können keine Verletzten gebrauchen.“
Boss weiss offenbar genau, wer die Schuldigen sind, auch wenn er mich noch immer anstarrt.
„Das ist nur ein Kratzer“, sage ich, um die Zwillinge nicht noch weiter in Schwierigkeiten zu bringen.
„Das ist mehr als ein Kratzer“, sagt Boss. „Hol das Nähzeug und kümmre dich darum.“
Ein Befehl, den ich ausnahmsweise gerne befolge. Schnell hole ich alles, was ich brauche, und gehe hinunter ins Wohnzimmer. Dabei lausche ich, wie Boss und die Zwillinge laut diskutieren.
Dümmer muss wirklich wütend sein, wenn er es wagt, Boss gegenüber laut zu werden. Bis jetzt habe nur ich das gewagt.
Abgelenkt von dem Streit, der oben tobt, bemerke ich erst, dass jemand auf meinem Platz sitzt, als ich das Nähzeug auf den Tisch stelle.
Ein Mädchen, vielleicht ein Jahr jünger als die Zwillinge mit wunderschönen schwarzen Locken, dunkler Haut und grossen braunen Augen, sitzt auf meinem Stuhl. Sie sieht mich erschrocken an, wie die Rehe, die ich von meinem Zimmer in Kensington aus beobachtet und mit meiner Taschenlampe geblendet habe.
„Hallo“, sage ich unbeholfen.
Das Mädchen verzieht das Gesicht, doch ein Lächeln gelingt ihr nicht.
„Hallo.“
Ich weiss nicht, was Boss mit diesem Mädchen hier vorhat. Vielleicht ist sie eines seiner Opfer oder jemand, der irgendwelche Informationen hat, die er braucht. Sie ist wahrscheinlich nicht freiwillig hier, nun muss sie auch noch den Streit oben ertragen und den Anblick meines Armes, und doch ist mein erster Gedanke nicht, ich muss ihr helfen, sondern sie sitzt auf meinem Platz.
Einen Moment später erinnere ich mich an meine Manieren und setzte mich einfach auf Prinzessins Stuhl und fange an, meinen Arm zusammenzunähen. Das Mädchen beobachtet mich dabei. Ihr scheint das nicht viel auszumachen, was bedeutet, dass sie von hier kommt.
„Kann ich dir helfen?“, frage ich nach ein paar Stichen. Es tut nicht so weh, wenn ich mich mit einem Gespräch ablenke.
„Nein“, antwortet das Mädchen scheu.
Ich würde ihr wirklich gern helfen. Wenn ihr das gleiche Schicksal droht wie mir, könnte ich sie vielleicht aus dem Haus schmuggeln, solange oben noch gestritten wird.
Plötzlich poltert es auf der Treppe. Keine zwei Sekunden später stehen Prinzessin und Dumm vor uns. Dumm nimmt sich den Stuhl, auf dem normalerweise Fahrer sitzt, und setzt sich neben das Mädchen. Da habe ich plötzlich eine Ahnung, wer das Mädchen ist und warum sich Dumm mit seinem Bruder gestritten hat.
Prinzessin sieht mich an, als würde ihm der gleiche Gedanke durch den Kopf gehen. Er lässt mich nicht aus den Augen, während er an mir vorbeigeht und sich dann auf Boss Platz setzt.
„Bist du sicher?“, frage ich, während ich weiter die Wunde an meinem Arm zusammennähe.
Von Oben sind noch immer laute Stimmen zu hören. Zumindest die von Dümmer ist laut. Boss redet so ruhig wie immer, was einschüchternder ist, als wenn er laut wird.
„Jeder kann sitzen, wo er will“, sagt Prinzessin. „Das sind alles sowieso die gleichen Stühle.“
Die Stimmen verstummen plötzlich. Dann sind Schritte zu hören und einen Augenblick später kommen Boss und Dümmer die Treppe hinunter. Prinzessin wechselt rasend schnell den Platz. Vonwegen alle Stühle sind gleich. Er setzt sich sogar auf Dumms Platz, nicht auf Dümmers Platz, der näher an Boss Stuhl wäre, damit Boss nicht auffällt, wo er zuvor gesessen ist.
Boss kommt auf den Tisch zu. Dümmer, den er am Nacken gepackt hat, läuft neben ihm her. Seine schwarzen Augen scannen den Raum und bleiben auf mir und meinem verletzten Arm liegen, mit dem ich gerade fertiggeworden bin.
„Sagst du mir, was hier los ist?“, frage ich Boss. Auch wenn es ihm nichts bringt, soll er mit der Sprache herausrücken, wenn er mich schon so ansieht. Leider übernimmt Prinzessin das Reden, während Boss noch einen Schritt näher an das Mädchen und Dumm herantritt, die beide Dümmer betrachten, der den Boden anstarrt, weil ihm Boss nichts anderes erlaubt.
„Dumm hat eine Freundin gefunden. Ella. Richtig?“
Das Mädchen, Ella, nickt. Was hier gerade passiert, scheint sie nicht wirklich zu schockieren. Entweder Dumm hat Ella genau erklärt, was auf sie zukommen wird, was ich jedoch bezweifle, oder Ella ist hier aufgewachsen und ist sich solche Situationen sowie alltägliche Verletzungen wie meine Schnittwunde gewöhnt.
„Wir müssen uns unbedingt einen Spitznamen für dich ausdenken“, sagt Prinzessin, bevor er mir erklärt, was hier los ist. „Dümmer kann den Gedanken nicht ertragen, dass sein Bruder jetzt eine Freundin hat, weshalb er ein wenig ausgerastet ist. Er ist offenbar sehr eifersüchtig, was ihn überraschend gewaltbereit macht.“
„Ich bin nicht eifersüchtig“, sagt Dümmer, der sich sehr eifersüchtig anhört. „Ich bin wütend, weil er mir nichts gesagt hat.“
Dümmer kann seinen Kopf noch immer nicht heben, auch sein Messer ist verschwunden, aber er kann weiter wütend auf seinen Bruder zeigen.
„Wie konnte er so etwas vor dir verheimlichen, macht ihr nicht alles zusammen?“, frage ich überrascht. Es überrascht mich auch, dass ich nicht gespürt habe, dass es jemand Neues in Dumms Leben gibt, schliesslich verbringe ich viel Zeit mit den Zwillingen.
„Manchmal habe ich allein gearbeitet, weil ich dachte, er hätte einfach keine Lust zum Arbeiten, und irgendwann könnten wir wechseln, und dann habe ich ein paar Nächte frei, doch er wollte nur frei haben, um sich mit ihr zu treffen.“
„Du hättest mich auch einfach fragen können, wohin ich gehe“, sagt Dumm wütend.
„Du hättest mir auch einfach sagen können, wohin du gehst“, erwidert Dümmer im gleichen Ton. „Niemals hätte ich damit gerechnet, dass du uns verrätst.“
„Ich habe euch nicht verraten.“
„Du hast uns verraten“, sagt Dümmer und macht mit einer Handbewegung klar, dass er nur sie beide und ihre Zwillingsverbindung meint.
Ich sehe mir Dümmer an. Er tut mir Leid. Ich kann verstehen, was ihn so stört und warum er wütend ist, auch wenn ich selbst keinen Zwillingsbruder habe. Dann sehe ich in Boss an, der Dümmer noch immer in Schach hält. Seine schwarzen Augen liegen auf mir.
„Du wusstest davon und hast es Dümmer nicht gesagt.“
„Nicht meine Aufgabe“, sagt Boss. „Solange ich mein Geld bekomme, könnt ihr tun, was ihr wollt.“
Das glaubt er doch selbst nicht. Wenn Prinzessin, Fahrer und ich nicht gerade Geld sammeln sind, haben wir hier zu sein und Boss nächsten Befehl entgegenzunehmen. Die Zwillinge dürfen manchmal zu ihren Eltern nach Hause. Mehr aber auch nicht.
„Wenn ich also Lust habe, kann ich das nächste Mal, wenn ich Zeit habe, einen Job für eine andere Gruppe machen?“
„Wenn du sterben möchtest“, murmelt Prinzessin.
Ich möchte von Boss, der mich noch immer nicht aus den Augen lässt, eine Antwort hören.
„Probier es aus und lass dich von den Konsequenzen überraschen.“
Ich glaube nicht, dass Boss mich umbringen würde, doch meinen neuen Freunden würde er eine Lektion erteilen und mich dabei zusehen lassen oder mich sogar zwingen, das zu tun, was er sagt, weil er weiss, dass das viel mehr Schaden anrichtet.
„Ich werde mich nicht von Ella trennen“, sagt Dumm. Gut, wechselt er das Thema, bevor Boss und ich uns so streiten, wie er und sein Bruder sich gerade gestritten haben. „Nachdem ich meine Arbeit gemacht habe, möchte ich sie sehen.“
Plötzlich wird der Kleine auch zu jemanden, der mit Boss verhandelt.
„Nachdem du deine Arbeit gemacht hast, kannst du tun, was du willst“, sagt Boss streng.
Selbst Dumm versteht, dass das mit den heimlichen Treffen jetzt vorbei ist. Boss spricht nicht weiter, er gibt Dumm nicht das offizielle Okay, doch er verbietet es ihm auch nicht. Boss lässt Dümmer los, der sich den Hals reibt und sich dann aufrichtet.
„Wenn ihr weiter hier wohnen, mit uns arbeiten und weiter atmen wollt, findest du dich damit ab“, befiehlt Boss, der auf Dumm und Ella zeigt.
Dümmer geht darauf nicht ein.
„Verstanden?“, fragt Boss ernst. Er ist bestimmt kurz davor, sein Messer zu ziehen.
„Verstanden“, murmelt Dümmer.
6
Die Stimmung beim Abendessen könnte nicht schlechter sein. Ella ist gegangen. Dümmer hat eingewilligt, die Beziehung zu akzeptieren, aber das beendet den Krieg zwischen den Zwillingen nicht. Dümmer streitet sich nicht mehr mit seinem Bruder, er spricht nicht einmal mehr mit ihm, er ignoriert ihn einfach, was alles noch viel schlimmer macht.
Fahrer hinterfragt nichts. Vielleicht kannte er Dumms Geheimnis bereits oder es ist ihm einfach egal. Er sagt nicht einmal etwas, als Dümmer seinen Stuhl nimmt und sich auf die andere Seite des Tisches neben mich setzt, anstatt neben seinem Bruder zu sitzen.
So schlimm war es noch nie.
Mein Herz bricht für Dumm, der traurig sein Essen anstarrt. Es trifft ihn offenbar sehr, dass sich sein Bruder nicht für ihn freut. Noch nicht, das hoffe ich zumindest, denn so kann es nicht ewig weitergehen.
Prinzessin betrachtet Dumm ebenfalls schweigend. Als sich unsere Blicke treffen, grinst er mich ausnahmsweise nicht an, sondern sieht ernst aus. Dann sieht er Dümmer an. Still gibt er mir ein Zeichen, dass er sich später um die ganze Sache kümmern wird. Vielleicht kann er zu Dümmer durchdringen, und sonst werde ich es versuchen.
Nachdem wir gegessen haben, legt Boss das Päckchen, das wir in der Nacht zuvor gestohlen haben, auf den Tisch.
„Erfahren wir jetzt endlich, was da drin ist?“, frage ich. Noch herrscht Eiszeit, aber vielleicht tauen wir alle ein bisschen auf, wenn wir uns wie immer verhalten.
Anstatt mir zu antworten, nimmt Boss das Messer neben seinem Teller und schneidet das Päckchen auf. Dann öffnet er es langsam. In der kleinen Kartonschachtel liegt eine kleine durchsichtige Plastiktüte, in der sich weisses Pulver befindet.
„Was ist das?“, frage ich.
„Mehl“, schlägt einer der Zwillinge vor.
„Zucker“, der andere.
Dümmer sieht seinen Bruder wütend an. Dumm starrt traurig auf den Teller, bevor er sich wieder auf Boss und sein Päckchen konzentriert. Auf Prinzessins Gesicht hat sich ein breites Grinsen ausgebreitet, obwohl wohl niemand gute Laune hat. Nicht einmal er selbst.
Plötzlich weiss ich, was Boss da in den Händen hält.
„Warum haben wir Drogen gekauft?“
„Sie ist nicht dumm“, sagt Prinzessin lachend zu Boss.
Ich bin kurz davor, meine Gabel nach ihm zu werfen. Prinzessin zwinkert mir zu. Immerhin ignoriert ihn Boss.
„Bist du sicher, dass du nicht doch aus Mayfair kommst, da kennen sie das Zeug besser als in Kensington?“, fragt Prinzessin.
„Ich bin mir ziemlich sicher“, sage ich, auch wenn ich mittlerweile wegen meiner Kleidung nicht mehr wie ein Mädchen aus Kensington aussehe. Verhalten tue ich mich auch nicht mehr so.
„Ich habe schon von den Drogen gelesen. Ein paar Informationen schnappe ich noch dazu manchmal auf.“
Eigentlich weiss ich nur, dass die Droge, die Boss in den Händen hält, in Mayfair genommen wird, weil Boss mich vor Wochen kurz in die Zeitung hat sehen lassen und wir danach kurz darüber gesprochen haben. Sonst weiss ich nicht viel über Drogen. In den Plots und in No Mans Land ist es für viele normal, Drogen zu nehmen, um ihr Leben auszuhalten oder um zu feiern.
„Wie funktionieren die Drogen?“, fragt Dumm.
Prinzessin grinst, wenn möglich, noch etwas breiter.
„Du mischt etwas des Pulvers in ein Getränk, in etwas zu essen oder isst es einfach so, und schon ist nichts mehr so, wie es einmal war.“
„Du hast die Drogen schon einmal genommen?“, frage ich.
Prinzessin schüttelt den Kopf.
„Die nicht. Andere schon.“ Er zeigt auf den Beutel mit dem weissen Pulver. „Angeblich soll das Zeug noch stärker sein als alles, was wir auf Plots Island haben. Etwas Besseres gibt es auf dem Markt nicht zu kaufen. Zu teuer für die Bewohner Plots Islands, No Mans Lands oder Rodey Park, zu böse für Kensington, aber perfekt für die Bewohner Mayfairs.“
Boss stimmt Prinzessin mit einem Nicken zu.
Also haben wir tatsächlich ein Päckchen der Drogensorte gekauft, von der ich einmal gelesen habe, bevor Boss mir seine Zeitung weggenommen hat.
„Warum haben wir diese Drogen gekauft?“, wiederhole ich. „Warum besorgen wir uns die Droge, die in Mayfair beliebt ist? Wenn wir Drogen nehmen wollten, könnten wir doch einfach hier etwas kaufen.“
„Könnten wir“, sagt Prinzessin. „Sollten wir. Was wäre das für eine Nacht.“
Offiziell verboten hat uns Boss Drogen nie, aber ich kann mir gut vorstellen, was mit uns passiert, wenn wir zugedröhnt auftauchen und nicht arbeiten können. Theoretisch können wir tun, was wir wollen, solange wir jederzeit einsatzbereit sind.
Ich bin mir sicher, dass hinter der ganzen Sache mehr steckt. Boss hat uns in der letzten Nacht nichts verraten. Jetzt wirft er uns immerhin einen Brotklumpen hin. Wir wissen, was im Päckchen ist, aber er erzählt uns nicht, was hinter der ganzen Sache steckt, weil er weiss, wie zumindest mich die Unwissenheit quält. Er lässt uns, mich, gern zappeln.
„Heute Nacht werden wir die Droge ausprobieren“, sagt Boss schliesslich, womit er meine Fragen nicht beantwortet.
Obwohl er das Päckchen gekauft hat, überrascht er mich damit. Ich war mir gerade noch sicher, dass mehr hinter der ganzen Sache steckt, doch dass so etwas kommt, habe ich nicht erwartet. Ich weiss nicht, was es Boss bringt, wenn wir Drogen nehmen.
„Warum?“
„Warum nicht?“, fragt Prinzessin mit einem Grinsen im Gesicht. Er freut sich offenbar bereits auf die kommende Nacht.
„Wenn wir die Drogen einmal probiert haben, wird niemand mehr in Versuchung kommen. Der Reiz verschwindet. Niemand wird die Droge mehr nehmen wollen, einfach um zu wissen, wie sie wirkt“, erklärt Boss nicht nur mir, sondern auch den Zwillingen, denen ich ansehe, dass sie keine Lust auf Drogen oder eine Party haben.
„Wir nehmen das Pulver also einfach, damit wir es einmal genommen haben und dann nie wieder darüber nachdenken müssen, wie sich die Wirkung anfühlt?“
Boss nickt. Dann sieht er Prinzessin an, als ich gerade fragen möchte, wer sich denn der Versuchung hingeben würde. Vielleicht hat Boss recht, vielleicht sollten wir es einfach einmal ausprobieren, dann müssen wir nie mehr über diese Droge oder irgendeine andere Droge nachdenken.
So kann man auch vorsorgen. In Kensington macht man das anders. Dort wird jedem Kind immer und immer wieder gesagt, wie schrecklich gefährlich Drogen sind und dass man die Finger davonlassen soll. Ausserdem kommt es einem dort schon gar nicht in den Sinn, Drogen zu nehmen, weil es nicht angemessen ist. Noch dazu kommt, dass nicht nur der eigene Ruf auf dem Spiel steht, man wird zudem verbannt, wenn man erwischt wird.
„Was, wenn wir nach dem ersten Mal süchtig werden?“, frage ich.
„Das ist ein Problem für später“, antwortet Prinzessin.
Boss sagt nichts. Zum ersten Mal bin ich mir nicht sicher, ob er nichts sagt, weil er tatsächlich keine Antwort für mich hat, oder weil ich dumm bin und etwas übersehen habe, das ich selbst herausfinden soll.
Ich bin noch immer skeptisch, aber da gibt Boss Fahrer bereits ein Handzeichen. Der holt ein Tablett mit sechs Gläsern und einer Flasche Wasser aus der Küche.
„Wir sollten das Pulver mit Alkohol mischen und sehen, was passiert“, schlägt Prinzessin vor. Er ist der Einzige, der wirklich begeistert von der Idee ist.
Selbst Boss, der in jedes Glas ein Bisschen des Pulvers hineinschüttet, sieht skeptisch aus. Vielleicht meine ich das aber auch nur, weil ich noch immer hoffe, dass das hier bloss ein Scherz ist oder wir gerade auf die Probe gestellt werden.
„Nur du mischt das Pulver mit Alkohol, wir anderen mit Wasser“, sagt Boss dann zu Prinzessin.
„Du kannst nicht Drogen und Alkohol mischen“, rufe ich Prinzessin nach, der bereits nach oben gerannt ist.
„Das kannst du nicht zulassen“, sage ich zu Boss, bevor ich mich daran erinnere, dass er es ist, der uns Drogen verabreicht. Warum sollte er es nicht auch einem von uns gestatten, das Pulver mit Alkohol zu mischen, auch wenn er offensichtlich nicht weiss, was passieren wird. „Können nicht nur die, die Drogen nehmen, die das Verlangen danach haben?“
Ich zeige auf Prinzessin, der die Treppe mit einer Flasche billigen Whiskey heruntergerannt kommt. Boss sieht einen Moment auf die sechs Gläser hinunter, bevor er mir antwortet.
„Nein.“
Er füllt alle Gläser mit Wasser. Prinzessin füllt sein Glas selbst. Er hält es in die Mitte des Tisches, um anzustossen.
Ich kann nicht glauben, dass ich so etwas tatsächlich tue, als ich mein Glas hebe. Vielleicht, nur vielleicht möchte ich auch mal ausprobieren, wie es ist. Vielleicht bin ich aber nach all den Monaten auf Plots Island auch einfach verrückt geworden.
Die Zwillinge kopieren meine Bewegungen. Dann nimmt sich Fahrer ein Glas. Zuletzt hebt Boss sein Glas. Nun bin ich mir sicher, dass er an seiner eigenen Idee zweifelt. Ich bilde es mir nicht nur ein.
„Angst, die Droge könnten deine strahlende Persönlichkeit verändern?“, frage ich Boss. Wenn er mich schon andauernd quält, dann werde ich das auch tun, wenn sich die Gelegenheit bietet.
Boss überrascht mich, indem er mich nicht gleich ansieht, als wollte er mich umbringen, sondern in sein Glas hineinstarrt, in dem sich das Pulver, wie bei mir, bereits aufgelöst hat. Dann hebt er das Glas und trinkt es aus, lässt mich dabei aber nicht aus den Augen.
Prinzessin jubelt.
„Slàinte.“