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Als Mia auf unerklärliche Weise in die Welt reist, über die sie zuvor nur gelesen hat, findet sie sich mit magischen Kräften zwischen ihren Lieblingscharakteren wieder. Hals über Kopf stürzt sie sich ins Abenteuer. Dabei lernt sie nicht nur, wie mächtig sie wirklich ist, sondern auch, wie gefährlich ihre neue Heimat ist. Gleichzeitig versucht sie hinter die Geheimnisse des mysteriösen Bruders des Königs zu kommen und herauszufinden, warum sich ihre Bekanntschaft von Anfang an so besonders anfühlt. "Etwas sehr Mächtiges hat gerade unsere Welt betreten. Mächtiger als wir alle zusammen. Nur weiss sie es noch nicht."
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Prolog
Archie
Es gab nie einen Weg aus der Dunkelheit hinaus, bis ein Stern erschien und mir den Weg wies.
Dieser Stern, der mein Leben verändern sollte, ging mitten am Tag auf, als ich gerade das Blut meines letzten Opfers von meinem Messer wusch.
Der Himmel war strahlend blau, der Stern war nicht zu sehen, doch ich konnte die Macht des Sternes spüren. Die Dunkelheit, die mich mein Leben lang fest umschlossen hatte, wo auch immer ich hingegangen war, hatte mich noch immer fest im Griff, doch für eine Sekunde lösten sich die unsichtbaren Finger von meiner Seele.
Eine einzige Sekunde lang war ich frei.
Kurz hielt ich inne und wartete darauf, dass mich dieser Stern endgültig befreite. Ich hoffte auf eine weitere Welle der Macht, die die Dunkelheit vertrieb. Ich lauschte dem Echo des Sternes, doch die fremde Macht war nicht mehr so stark wie zuvor. Ich konnte sie noch immer spüren, aber leider hatte sie nur für einen Moment die Kraft gehabt, mich zu befreien.
So gab ich mich wieder meinem Messer hin, während ich diese neue Macht zu ignorieren versuchte.
Leider war das unmöglich. Diese neuartige Energie war noch immer stark, wenn auch nicht mehr so stark wie in der ersten Sekunde, in der ich sie gespürt hatte. Sie liess die Haare an meinen Armen zu Berge stehen. Meine Hände zitterten leicht, während ich das Messer weiter putzte.
Eine gefühlte Ewigkeit lag diese Energie in der Luft, dann verschwand sie, genauso plötzlich, wie sie gekommen war. Wie ein Stern, der am Tag leuchtet, noch immer da, aber nicht zu sehen oder zu spüren.
Das Verschwinden und die Erinnerung an die erste Welle dieser puren Macht hinterliessen ihre Spuren.
Ich schüttelte meinen Kopf, um wieder zu mir zu kommen. Was auch immer gerade passiert war, musste so etwas Ähnliches wie ein Tagtraum gewesen sein. Mein Kopf musste verrückt gespielt haben. Die Freiheit und diese Energie konnte ich mir nur eingebildet haben.
Ich hatte Aufgaben zu erledigen. Dinge, die getan werden mussten. Dabei brauchte ich einen klaren Kopf.
Ich warf das noch immer schmutzige Messer zur Seite, um mich auf eine neue Aufgabe zu stürzen. Eine Ablenkung. Jemanden konnte ich bestimmt finden, der dumm genug war, gegen mich zu kämpfen.
Die Sonne blendete mich, als ich die Tür öffnete und fast mit einem auf den ersten Blick fremden Jungen zusammenstiess. Er stammelte wirres Zeug, während ich ihn als Boten des Königspaars identifizierte. Ich wusste sofort, dass sie mich brauchten.
Der Junge versuchte noch immer ganze Sätze zu formen, als ich meine Flügel ausbreitete und in den Himmel schoss. Kurz glitt ich schwerelos durch die Luft, bis ich das Haus, zu dem ich gerufen worden war, auch schon sehen konnte. Friedlich lag es am Fluss, der meine Heimatstadt durchquerte.
Das Gras gab unter meinen Füssen nach und Dreck wurde aufgewirbelt, als ich im Garten des Königspaares landete.
Da spürte ich es wieder. Diese Macht, die mich erfasste und alle Haare an meinem Körper zu Berge stehen liess.
Die Dunkelheit in mir antwortete darauf.
Nicht so, wie ich es erwartet hatte. Sie antwortete mit einem stillen Lied, als würde sie sich über diesen Besucher, diese Macht freuen.
Irgendetwas sehr Sonderbares ging hier vor sich.
Gespannt trat ich einen Schritt auf die Tür zu, als diese plötzlich aufschwang. Ich sah in die Augen des Königs. Selten hatte ich ihn so angespannt gesehen.
„Etwas sehr Mächtiges hat gerade unsere Welt betreten“, sagte er mit ernster Stimme.
„Ich weiss, ich habe es gespürt.“ Kurz musterten wir einander. „Wie mächtig?“
„Mächtiger als wir alle zusammen. Nur weiss sie es noch nicht.“
„Sie?“
Anstatt mir zu antworten, führte mich der König in sein Haus hinein. Ich folgte ihm, ohne eine weitere Frage zu stellen.
Das Lied, das die Dunkelheit in mir auf diese pure Macht erwiderte, wurde lauter. Es weckte noch nie da gewesene Gefühle und Emotionen in mir.
Eine weitere Tür vor mir öffnete sich und ich trat hinein in das Wohnzimmer, in dem ich schon unzählige Stunden verbracht hatte.
Doch an diesem Tag war alles anders.
Die Energie und die Macht, die in der Luft lag, veränderten den Raum. Die feinen Möbel sahen alle noch gleich aus, aber das Gefühl im Raum war anders. Selbst die Staubteilchen, die durch die Luft tanzten, schienen die Macht spüren zu können.
Ich sah mich im Raum um, um die Quelle dieser Energie zu finden. Mein Blick fiel auf eine junge Frau, deren braune Augen funkelten wie die Sterne. Ihr feines Gesicht schöner als das eines Engels.
Unsere Blicke trafen sich.
Genau in dem Moment traf mich eine weitere Welle der Macht, so als hätte sich die Energie, die zuvor durch die Luft geschwirrt war, an mir entladen.
Ich senkte meinen Kopf, weil ich es nicht wagte, länger in diese funkelnden Augen zu sehen, welche die Dunkelheit, deren Geissel ich nun schon mein Leben lang war, in Sekunden hätte vertreiben können.
1
Jahrelang hatte ich all diese fantastischen Geschichten gelesen, aber niemals hätte ich geglaubt, einmal selbst ein Teil einer solchen Geschichte zu sein.
Das Buch, in dessen Geschichte ich eintauchen sollte, kaufte ich in einem kleinen Geschäft, in dem gebrauchte Bücher verkauft wurden. Ich hatte bereits von der Geschichte gehört, kannte die Charaktere und die verschiedenen Handlungsorte, und ich wusste, was mich in etwa erwarten würde. Doch fühlte sich das schwere Buch mit den wunderschönen Engelsflügeln auf dem Einband an wie eine unbekannte Geschichte. Eine Geschichte, so ganz anders als alle anderen Geschichten, die ich jemals gelesen hatte.
Voller Vorfreude lief ich nach Hause. Mit den Gedanken war ich bereits bei der Geschichte.
Ich tänzelte durch die nassen Strassen Wiens. Es regnete, aber nicht stark genug, um meinen Regenschirm auszupacken. Für ein paar Minuten war ich glücklich. Es gab nur mich, die Vorfreude auf ein neues Buch und die paar Regentropfen, die vom Himmel herunterfielen.
Ich blinzelte nur einmal und plötzlich fielen dicke Tropfen auf mich herunter. Ich konnte die Strassen nicht länger entlang spazieren, sondern musste rennen, damit mein Buch in der einfachen Papiertasche nicht völlig durchnässt wurde.
Ich rannte die Strassen entlang, trat in Pfützen und schlitterte um Hausecken, bis ich vor der schweren Eisentür stand, die in das Haus führte, in dem meine kleine Wohnung lag. Ich rannte die Treppen hinauf, tropfnass, aber noch immer glücklich.
Schnell öffnete ich die Tür zu meiner Wohnung und warf die Tasche mit dem Buch auf das Sofa, das nur ein paar Schritte von der Haustür entfernt stand. Dann schälte ich mich aus meiner nassen Jacke und sah mich kurz in dem kleinen Spiegel an, der neben meiner Garderobe hing. Meine braunen Haare klebten an meinem Gesicht. Noch am Morgen hatte ich über eine Stunde damit verbracht, sie zu glätten, doch nun hatte ich wieder lockiges Haar. Das bisschen Wimperntusche und der Eyeliner, den ich am Morgen aufgetragen hatte, hatten sich auf meinem Gesicht verteilt. Ich sah aus wie ein braunes Stinktier, dem man eine Dauerwelle verpasst hatte.
Doch kümmerte ich mich nicht um mein wildes Aussehen. Stattdessen wischte ich meine Hände an meinem trockenen Shirt ab und liess mich neben der Tasche mit dem Buch auf das Sofa fallen. Mit einem Grinsen im Gesicht zog ich das Buch aus der feuchten Tasche und schlug es auf.
Eine wunderschöne Karte der Welt, in die ich gleich eintauchen wollte, blickte mir entgegen.
Ich sah mir die verschiedenen Königreiche, in die die Insel, die ein wenig, wie Australien aussah, geteilt war, genau an.
In jedes der Königreiche war ein wunderschönes Symbol gemalt.
Eine wunderschöne Schneeflocke für das Königreich des Wassers. Eine Flamme für das Königreich des Feuers. Ein einfacher Stein für das Königreich der Erde. Zwei Wellen, die wohl einen Luftzug darstellen sollten, für das Königreich der Luft. Eine Sonne für das Königreich der Sonne. Zuletzt für das Königreich der Sterne ein einfacher Stern.
In den einzelnen Königreichen waren auch einige Ortschaften, Städte oder wichtige Handlungsorte markiert. Einige hatten Namen, andere nicht.
Lange sah ich mir die Ortschaften nicht an. Stattdessen betrachtete ich die Nachbarinsel, die wohl Neuseeland nachempfunden war. Ganz sicher war ich mir nicht, denn sie hatte eine ganz andere Form als Neuseeland. Die Insel war nicht beschriftet, doch ich war mir sicher, dass sie in der Geschichte eine wichtige Rolle spielen würde.
Mit der Karte in meinem Kopf stürzte ich mich ins Abenteuer.
Draussen wurde es langsam dunkel, während ich diese einzigartige Fantasiewelt immer besser kennenlernte. Erst als ich die Worte kaum mehr lesen konnte, schaltete ich das Licht ein und las weiter.
Die Fantasiewelt war einzigartig, doch die Geschichte selbst hatte ich so schon Hunderte Male gelesen. Ein armes Menschenmädchen, welches zufällig die Auserwählte war, rettete das Königreich der Sterne vor dem Untergang.
Dabei starb sie jedoch fast und konnte nur gerettet werden, weil der König der Sterne sich wünschte, dass sie überlebte, nachdem er eine Sternschnuppe gesehen hatte. Das zumindest war es, was mir die Autorin weismachen wollte. Dass das Mädchen auch von ein paar Heilern behandelt wurde, magische Kräfte und Flügel bekam, schien nicht wichtig genug zu sein, um ein zweites Mal erwähnt zu werden.
Nachdem sie das Königreich gerettet hatte, war das Mädchen zu einem dunklen Engel geworden. Die waren nicht, wie erwartet, böse, sondern bloss so etwas wie Engel mit schwarzen Flügeln, die besonders viel Kraft, egal ob körperlich oder mental, hatten. Viele dieser dunklen Engel gehörten der Armee des Königreiches der Sterne an. Ausserdem hatten sie eine längere Lebenserwartung als normale Menschen ohne Magie. Sie wurden angeführt von ihrem König, der ebenfalls ein dunkler Engel war.
Der König des Königreichs der Sterne, der dem unschuldigen, auserwählten Mädchen unendlich dankbar dafür war, dass sie sein Königreich gerettet hatte, verliebte sich natürlich in sie.
So endete das Buch nicht nur mit einem Happy End, sondern auch etwas, das so etwas Ähnliches wie eine Hochzeit war. Es wurde eine Verbindung, die viel intensiver war als die eines normalen Paares, gefeiert. Ausserdem bekamen der König und die neue Königin des Königreiches der Sterne ein Kind.
Es deutete alles darauf hin, dass damit ihre Geschichte endete. Doch im letzten Satz des Buches wurde dann alles noch einmal auf den Kopf gestellt. Es deutete alles auf eine Fortsetzung für das auserwählte Mädchen, den König und ihre Freunde, die sie als Familie bezeichneten, hin.
Zufrieden, aber auch unendlich neugierig, wie es weitergehen könnte, schloss ich das Buch. Ich konnte bereits den Buchhangover spüren.
Von meinem Sofa waren es nur wenige Schritte in mein kleines Schlafzimmer. Ich liess mich ins Bett fallen, während ich an nichts anderes denken konnte als an das Buch, das ich auf dem Sofa hatte liegen lassen.
Am nächsten Morgen wusste ich nicht, ob ich von der Geschichte und all den Charakteren geträumt oder ob ich es mir nur gewünscht hatte. Doch ich hätte schwören können, das Lachen des auserwählten Mädchens, ihrem König und ihrem kleinen Jungen gehört zu haben. Ich sah die beiden Brüder des Königs, mit denen er eigentlich nicht blutsverwandt war, aber trotzdem seine Brüder waren, vor mir, wie sie mit dem Kind in den Armen des Mädchens spielten und es immer wieder zum Lachen brachten.
Einer der Brüder, der von den Schatten seiner Vergangenheit verfolgt wurde, die noch nicht genauer beschrieben worden waren, hatte kurz aufgeblickt, so als könnte er mich sehen. Selbst im Traum hätte ich schwören können, die kalte Nachtluft, die durch das offene Fenster in den Raum gedrungen war, spüren zu können. Das war aber noch nicht alles. Es hatte sich angefühlt, als hätte ich die Augen, die sich in mich gebohrt hatten, spüren können.
Ich versuchte all die Bilder aus meinem Kopf zu vertreiben und versuchte mich aufs Lernen zu konzentrieren. Ich studierte Geschichte, die mich normalerweise immer völlig fesselte, doch an diesem Tag konnte ich nur an das Buch denken, welches ich am Tag zuvor gelesen hatte. Ich konnte nur an die Welt denken, die so ungewöhnlich war. Eine Welt voller Magie, Königen, Königinnen und Engel. Eine Welt, die es nur in Worten gab, nicht in Bildern oder Filmen.
Erst als alle Vorlesungen des Tages hinter mir lagen, stellte ich fest, dass ich absolut nichts vom Tag mitgenommen hatte. Ich hatte den ganzen Tag nur an das Buch, diese fremde Welt und all die Charaktere gedacht.
Auch auf meinem Weg nach Hause war es nicht anders und plötzlich stand ich vor dem Buchladen, in dem ich nur vierundzwanzig Stunden zuvor das Buch gekauft hatte, das mir nun nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte.
Ich betrachtete ein mir nur allzu bekanntes Buch. Dann wanderten meine Augen ein wenig nach unten.
Ich schrie vor Glück laut auf.
Da stand die Fortsetzung des Buches, an das ich nicht aufhören konnte zu denken.
Dass es eine Fortsetzung gab, hatte ich nicht gewusst, und jetzt stand ich vor dem Schaufenster und kreischte.
Erst als mich eine alte Dame antippte, schloss ich den Mund. Sofort lief ich in den Buchladen hinein und nur Sekunden später hielt ich die Fortsetzung in meinen Händen.
***
Das zweite Buch war noch viel besser als das Erste.
Weitere Verschwörungen und Kämpfe, aber vor allem erfuhr man noch viel mehr über die Vergangenheiten der Charaktere. Ausserdem lernte ich die Nebencharakter besser kennen.
Das alles und eine weitere Liebesgeschichte. Einer der Brüder des Königs fand einen Partner, nämlich den Bruder der Königin. Nun war nur noch der dunkle Engel, der von den Schatten seiner Vergangenheit verfolgt wurde, über die man noch nicht mehr wusste, allein.
Neben den Charakteren wurden die verschiedenen Kräfte, welche die Königspaare und einige Einwohner der verschiedenen Königreiche besassen, sehr genau beschrieben. Die Magie dieser fremden Welt wurde einem nähergebracht.
Ich war fasziniert von all den Dingen, den einzelnen Bewohnern der Königreiche, den dunklen Engeln und, was neu dazukam, auch hellen Engeln mit den weissen Flügeln aus dem Königreich der Luft.
Niemand war so stark und mächtig wie die Königspaare. In den Königreichen Arelas, so hiess die Insel, auf der alle sechs Königreiche lagen, regierte immer der Stärkste. Das waren die Könige oder Königinnen.
Am Ende des Buches deutete wieder alles auf ein Happy End hin und tatsächlich ging alles gut aus. Zumindest fast.
Für das auserwählte Mädchen, welches nun Königin des Königreichs der Sterne war, das mit ihrem Ehemann regierte, war alles gut. Doch nicht alle Familienmitglieder hatten ein Happy End bekommen. Die Geschichte endete, selbst wenn für viele Charaktere noch alles offen war.
Es war nach vier Uhr morgens, als ich das Buch endlich fertig hatte. Doch auch wenn ich am nächsten Tag wieder in die Uni musste, dachte ich nicht daran, schlafen zu gehen. Stattdessen googelte ich, ob bald ein dritter Teil erschienen würde.
Leider wurde ich enttäuscht. Es war nicht bekannt, ob es ein nächstes Buch geben würde. Ich hatte bereits ein paar Tränen vergossen und nun flossen ein paar weitere. Dieses Mal nicht, weil ich mit den Charakteren mitlitt, sondern weil ich nicht warten wollte, um zu erfahren, wie es mit den Charakteren und der Fantasiewelt weiterging.
Ich öffnete das Buch wieder und las das letzte Kapitel noch einmal. Als ich am Ende angekommen war, liess ich mich zurück in die weichen Kissen meines Sofas fallen und stellte mir vor, wie die Geschichte weitergehen könnte, bis ich irgendwann einschlief.
2
Als ich aufwachte, streifte eine sanfte Brise meine Wange.
Mit noch immer geschlossenen Augen stand ich langsam auf und lief in die Richtung, in die das Fenster war, das ich wohl offengelassen hatte. Leider fanden meine Hände das Fenster nicht, sondern mein Gesicht fand eine harte Wand.
Ich wunderte mich kurz über mich selbst, während ich mir mit den Händen über das Gesicht rieb. Normalerweise konnte ich mich in meiner Wohnung selbst betrunken oder halb schlafend perfekt zurechtfinden.
Kurz rieb ich mir den Schlaf aus den Augen und blinzelte dann in den hellen Raum hinein. Nur war ich nicht mehr in einem Raum. Ich war nicht mehr in meinem Wohnzimmer. Nochmals rieb ich mir die Augen. Etwas stimmte hier so ganz und gar nicht.
Wieder blinzelte ich ins Licht. Ich war noch immer nicht in meinem Wohnzimmer. Ich stand vor einer Wand, die Sonne schien auf meinen Kopf hinunter. Langsam legte ich meinen Kopf in den Nacken. Die zartrosa Wand, vor der ich stand, gehörte zu einem schönen kleinen Haus, in dessen Vorgarten ich halb schlafend spaziert war. Ich stand zwischen lauter Gänseblümchen, die bis an die Hauswand heranwuchsen. Hinter mir streckte sich ein Baum in den Himmel, der kaum Schatten schenkte.
Hatte ich etwa unter dem Baum geschlafen? Wie war ich überhaupt hierhergekommen?
Ich konnte mich nur noch daran erinnern, dass ich mich zum Schlafen hingelegt hatte. Dabei hatte ich an die Geschichte gedacht, die mich in den letzten beiden Tagen so sehr beschäftigt hatte.
Zu wissen, was ich als Letztes getan hatte, half mir nicht, mich zu orientieren. Ich kannte dieses Haus, diesen Baum oder den Garten, in dem ich stand, nicht. Auch am Stand der Sonne konnte ich nicht ablesen, wie spät es war.
Mein erster klarer Gedanke war verrückt.
War ich etwa entführt worden? Konnte ich mich nicht mehr an eine Entführung erinnern? Hatte ich mich irgendwie aus den Fängen meines Entführers befreit und war jetzt hier? Ohne Erinnerung, aber frei?
Niemand schien mich zu verfolgen. Keine Autos waren zu sehen, geschweige denn andere Menschen. Ich fand auch sonst keine Spuren, die auf eine Entführung hindeuteten. Ich trug noch immer meine Jeans und das einfach schwarze Oberteil, das ich für die Uni angezogen hatte. Doch war ich an einem fremden Ort, ohne Erinnerung daran, wie ich hierhergekommen war.
Wo war ich bloss? Noch viel wichtiger, wie war ich an diesen Ort, den ich nicht kannte, gekommen?
Ich ging ein paar Schritte, weil ich nicht länger im Garten eines Fremden herumstehen wollte. Meine Füsse traten auf etwas Festes und ich sah mich nochmals um. Die Strasse bestand aus einfachen, dunkelgrauen Steinplatten. Hier gab es offensichtlich keinen Teer.
Ich sah die Strasse hinauf und hinab, doch auch das half mir nicht, mich zu orientieren. Alles, was ich sehen konnte, waren wunderschöne bunte Häuser, die aneinandergebaut waren. Vor den Häusern lag jeweils ein kleiner Garten, die meisten voller Blumenbeeten, Sträucher und Bäume. Alle Gärten grenzten an die Strasse, auf der ich nun stand.
Noch immer hatte ich keine Ahnung, wo ich war. Ich erkannte die Architektur der Häuser nicht. Sie sahen so ganz anders aus, als ich sie von zu Hause oder von sonst irgendwo aus Österreich kannte.
Die Architektur war sehr speziell. Sie erinnerte mich etwas an die Häuser in Amsterdam, nur waren sie hier sehr bunt. Jedes Haus hatte eine andere Farbe. Das eine Rosa, das andere Blau, wieder ein anderes Mintgrün. Es sah völlig verrückt und doch auch auf eine wundersame Weise wunderschön aus.
Menschen waren keine zu sehen. Nicht auf der Strasse oder in den Fenstern der Häuser. Auch konnte ich keine Autos hören, geschweige denn sehen. Ich war ganz allein an einem fremden, fast vollkommen stillen Ort.
Ich spürte die Angst aufkommen. Wo war ich bloss gelandet und noch viel wichtiger, wie war ich hierhergekommen?
Nochmals sah ich an mir herab. Ich trug noch immer dieselbe Kleidung. Doch nun fiel mir auf, dass ich keine Schuhe trug. Ich war barfuss.
Wie war ich nur ohne Schuhe an einen fremden Ort gereist?
Weil ich mir die Frage nicht beantworten konnte und ich nicht einfach dumm dastehen wollte, lief ich los. Ich sah mich nicht um. Ich konzentrierte mich bloss darauf, immer in Bewegung zu bleiben, um keine Panikattacke zu bekommen.
Ich lief an unzähligen bunten Häusern mit kleinen Vorgärten vorbei, bis ich plötzlich Wasser rauschen hören konnte. Eine Sekunde später stand ich auf einer Brücke.
Ein Fluss zog sich mitten durch die Gässchen mit den bunten Häusern. Ich sah auf das klare Wasser hinunter und wurde von der Sonne, die sich im Wasser spiegelte, geblendet. Langsam hob ich meinen Kopf. Ich sah vom glasklaren Wasser zu den bunten Häusern hoch zum Himmel. Der Himmel war strahlend blau, nur ein paar kleine Wölkchen hier und da. Die Sonne stand noch tief, was für mich so aussah, als würde sie gerade erst aufgehen.
Doch ich war mir nicht sicher, ob ich nach Osten blickte und es wirklich der Sonnenaufgang und nicht der Sonnenuntergang war. Da ich gerade erst aufgewacht war, musste es der Sonnenaufgang sein. Wenn es der Sonnenaufgang war, würde das auch erklären, warum ich noch keine Menschen auf den Strassen angetroffen hatte.
Ich schüttelte meinen Kopf und löste meinen Blick von der Sonne. Nochmals sah ich kurz auf das klare Wasser hinunter, dann lief ich ein paar Meter weiter, bis ich wieder zwischen den bunten Häusern entlang ging.
Ich folgte der Strasse, bis ich zu einer Kreuzung kam. Die Strasse teilte sich in alle vier Himmelsrichtungen. Soweit ich sehen konnte, waren da nur Gässchen mit bunten Häusern zu sehen. Ich beschloss, weiter geradeaus zu gehen.
Eine Weile lief ich die Strasse entlang, bis plötzlich eine Tür ein paar Häuser weiter geöffnet wurde. Sofort beschleunigte ich meine Schritte, denn ich musste die Person, die gleich aus der Tür treten würde, unbedingt fragen, wo ich war. Es war mir egal, was die Person von mir denken würde. Ich brauchte eine Antwort.
Ein Mann trat aus der Tür, an seiner Hand ein kleiner Junge. Noch immer lief ich schnell auf die beiden zu, doch dann blieb ich plötzlich wie angewurzelt stehen. Was ich im ersten Moment für einen Rucksack gehalten hatte, konnte ich nun genauer erkennen. Der Mann und der Junge trugen keine Rucksäcke, sondern Flügel auf ihren Rücken.
Ich stand da, wie festgewachsen, mitten auf der Strasse, der Mund vor Schock geöffnet. Ich konnte mich nicht mehr bewegen, nur blinzeln, was die Flügel auf dem Rücken des Mannes und des Jungen aber nicht verschwinden liessen.
Wo war ich? Träumte ich noch?
Der Mann und der Junge drehten sich zu mir um und plötzlich konnte ich mich wieder bewegen. Leider bewegte sich mein Körper, ohne das mit meinem Gehirn abzustimmen. Ich stolperte rückwärts über meine eigenen Füsse und landete in einem kleinen Vorgarten. Wieder inmitten von Blumen, genau wie noch ein paar Minuten zuvor.
Ich wollte mich hochrappeln, als der Mann und der Junge plötzlich vor mir standen. Ihre Flügel umrahmten sie. Der Mann hatte riesige Flügel, die mit schwarzen Federn überzogen waren, und der Junge neben ihm, der vielleicht fünf Jahre alt war, hatte winzige Flügel mit noch winzigen schwarzen Federn.
Dunkle Engel.
Die Beschreibung passte perfekt zu den beiden. Genauso hatte ich mir dunkle Engel vorgestellt, als ich die Geschichte gelesen hatte, die mich in den letzten zwei Tagen beschäftigt hatte.
Doch das hier konnte unmöglich real sein.
Die Geschichte war nicht real. Die Welt, in der die Geschichte stattfand, war erfunden, entstanden im Kopf einer Frau, die viel zu viel Fantasie hatte. Ich musste träumen. Das alles konnte nur ein Traum sein.
Der Mann mit den schwarzen Flügeln hielt mir seine Hand hin. „Alles in Ordnung?“
Zögernd nahm ich seine Hand und liess mich auf die Füsse ziehen. Der kleine Junge sah mich gespannt an.
„Ja, danke. Mir ist nur plötzlich schwindelig geworden.“
Der Mann nickte. Er lächelte freundlich. „Geht es dir jetzt besser?“
Ich nickte. Dann ging mir eine weitere verrückte Idee durch den Kopf. Der Mann dachte sowieso schon, dass ich verrückt war, also konnte ich ohne schlechtes Gewissen eine dumme Frage stellen.
„Du weisst nicht zufällig, wo ich das Haus des Königs finde?“
Ich erwartete einen verwirrten Blick, nicht mit der Antwort des Mannes. Er lächelte freundlich, bevor er mir eine Antwort gab. „Sicher. Du läufst zurück in die Richtung, aus der du gekommen bist, bis zur nächsten Abzweigung. Dort biegst du rechts ab und läufst weiter, bis du zum Fluss kommst. Dann folgst du dem Fluss bis zum prächtigsten Haus, das du jemals gesehen hast. Du wirst es sofort erkennen. Dort wohnen der König und die Königin.“
Ich musste mich zusammenreissen, um nicht ungläubig den Kopf zu schütteln. Genau so war es in der Geschichte beschrieben worden. Ein wunderschönes, riesiges Haus am Fluss, in dem der König mit seiner Königin und ihrem Kind lebte.
„Vielen Dank“, sagte ich zu dem Mann, der nun den kleinen Jungen auf den Arm nahm.
Nochmals nickte er, dann schenkte er mir ein letztes Lächeln, bevor er in die Luft schoss. Schockiert sah ich dem Mann, dem dunklen Engel, mit dem Jungen im Arm nach, bis sie über den Dächern der bunten Häuser verschwunden waren.
Was passierte mit mir?
Vielleicht war ich einfach verrückt geworden. Es gab keine Menschen mit Flügeln, geschweige denn Menschen, die einfach davonfliegen konnten. Das hier konnte nicht real sein. Ich drückte die Haut an meinem Arm mit meinen Fingernägeln zusammen. Ich spürte Schmerz, doch ich wachte nicht aus diesem verrückten Traum auf. Das alles war nicht real, das war nicht echt. Ich musste träumen, anders konnte ich mir all das nicht erklären.
Weil das mit dem Kneifen nicht funktionierte, schlug ich mich selbst, aber auch das weckte mich nicht auf. Immer und immer wieder schlug ich zu, bis ich mich selbst laut über mich beschwerte.
Plötzlich hörte ich ein leises Lachen. Ein kleines Mädchen war aus irgendeinem der bunten Häuser getreten und lachte mich aus.
Schnell drehte ich mich um und lief in die Richtung, aus der ich gekommen war. Erst als ich schon an ein paar Häusern vorbeigelaufen war, realisierte ich, dass das kleine Mädchen keine Flügel gehabt hatte. Sie hatte ausgesehen wie ein normales Kind.
Doch noch immer befand ich mich zwischen den bunten Häusern, ich war also noch nicht wieder aufgewacht.
Wie der Mann mit den dunklen Flügeln gesagt hatte, lief ich bis zu der Kreuzung, über die ich Minuten früher schon gelaufen war. Dieses Mal bog ich aber rechts ab. Nach nur wenigen Metern machte die Strasse, die nun von bunten Häusern, in denen ich kleine Geschäfte erkennen konnte, einen leichten Bogen.
Ich war mir sicher, den Fluss abermals hören zu können, als ich plötzlich wieder wie angewurzelt stehen blieb. Mein Blick lag auf einem Werbeschild eines kleinen Restaurants. Darauf waren die Angebote des Tages aufgeführt, lauter Gerichte, die ich nicht kannte. Ganz unten las ich den Satz, der meine schlimmsten Befürchtungen wahr werden liess.
Essen sie hier die beliebtesten Speisen des Königreichs der Sterne.
3
Ich starrte diesen Satz an, bis ich nicht mehr abstreiten konnte, dass ich irgendwie in die Geschichte oder zumindest in die Welt, in der die Geschichte spielte, die mich in den letzten Tagen so sehr beschäftigt hatte, gereist war. Ich wusste nicht, wie ich hierher gereist war oder wie ich zurück nach Hause kommen konnte. Ich war mir nur sicher, dass ich nicht mehr in Wien war. Dahin musste ich jedoch zurück. Nur wie?
Ich war unendlich verzweifelt und plötzlich war mir nach Weinen zumute. Da sah ich eine Frau mit schwarzen Flügeln aus einem Geschäft kommen. Erst da wurde mir klar, dass ich nicht immer wieder mitten auf der Strasse stehen bleiben konnte, vor allem nicht, um zu weinen. Ich musste mir einen Ort suchen, an dem ich mir in Ruhe darüber nachdenken konnte, wie ich zurück nach Hause kommen konnte.
So lief ich langsam weiter die Strasse hinunter in die Richtung, in der der Fluss liegen musste. Dabei dachte ich über die Geschichte und all die Details nach, die mir vielleicht helfen konnten, einen Weg zurück nach Hause zu finden.
Ich kam bei einer weiteren Brücke vorbei, die ich überquerte, ohne den Fluss zu betrachten. Wohin ich genau lief, hatte ich schon wieder vergessen. Meine Füsse trugen mich einfach, während ich in Gedanken versunken weiter die Strasse entlang ging.
Ich konnte mich an unzählige Details der Geschichte erinnern, doch keines dieser Details half mir auch nur im Entferntesten in meiner aktuellen Situation. Die Autorin hatte wohl nicht damit gerechnet, dass einmal ein echter Mensch in ihrer Fantasiewelt landen würde, darum hatte sie in ihren Büchern nicht beschrieben, wie man die Welt wieder verlassen konnte.
Verzweifelt fuhr ich mir durch Haare, die, wie ich jetzt feststellte, ein einziges Durcheinander waren. Ich schämte mich etwas, weil mich die Stadtbewohner so gesehen hatten. Schnell zog ich meinen Haargummi aus den Haaren und frisierte meine Haare, so gut es ging.
Dabei fiel mir das riesige Haus auf, das plötzlich vor mir am Fluss lag. Das Haus hatte nicht nur einen Vorgarten, es war vollkommen von einem wunderschönen Garten umgeben. Von der Strasse aus konnte man über den Garten bis zum Fluss hinuntersehen.
Das Haus des Königs und der Königin selbst war nicht so bunt wie die anderen Häuser, die ich während meines Spazierganges gesehen hatte. Es war grösser als alle anderen, genau wie der Garten auch grösser war als der der anderen Häuser. Die Farbe des Hauses war jedoch schon fast normal, so wie ich es von zu Hause kannte. Das Haus war dunkelblau. Kleine, weise Punkte auf der Fassade verliehen dem Haus aber einen besonderen Touch. Die Punkte sollten wohl Sterne darstellen.
Schon zum dritten Mal stand ich wie angewurzelt da. Ich sah mir das wunderschöne Haus mit den riesigen Glasfenstern, die zum Teil über mehrere Stockwerke reichten, genau an. Dann ging ich, ohne weiter darüber nachzudenken, auf das Haus und die Personen, die darin wohnten, zu.
Noch war ich mir nicht sicher, ob es den König und seine Königin, die hier wohnen sollten, wirklich gab. Doch ich musste es herausfinden. Sie waren die Einzigen, die vielleicht eine meiner vielen Fragen beantworten konnten, schliesslich gehörten sie zu den mächtigsten Personen dieser Insel.
Ich lief weiter auf das riesige Haus, welches mehr ein Anwesen war, zu, doch ein kleiner Teil von mir war noch immer davon überzeugt, dass das hier nicht real war, selbst wenn ich es mit eigenen Augen sehen konnte. Ich träumte oder bildete mir das alles nur ein.
Doch das Haus wurde immer grösser und plötzlich spürte ich das Gras unter meinen Füssen, das zwischen den Platten wuchs, die einen Weg zum grossen Haus mit der wunderschönen silbernen Haustür bildeten.
Ich sah ein drittes Mal an mir herunter und schämte mich wieder für mein Aussehen. Nicht nur, weil ich gleich vielleicht dem König und der Königin des Königreichs der Sterne unter die Augen treten würde, sondern auch, weil ich so durch die ganze Stadt gelaufen war. Leider konnte ich nun nichts mehr an meinem Aussehen ändern.
Ich stand vor der wunderschönen Tür, die aussah, als wäre sie aus Sternen geschmiedet worden, und fragte mich ein letztes Mal, ob ich es wagen konnte, einfach anzuklopfen und mich den Personen zu stellen, die in diesem Haus wohnten.
Mehrmals ging ich die Sache in meinem Kopf durch. Anklopfen, ja oder nein?
Bevor ich den Mut verlor, tat ich es einfach. Ich klopfte. Eine Klingel gab es.
Ein Teil von mir hoffte, dass niemand aufmachen würde. Ein anderer Teil von mir hoffte, jemanden zu treffen, den ich zumindest aus der Geschichte kannte. Jemand, der mir helfen konnte.
Erst einen Moment später fiel mir auf, wie verrückt sich das anhörte. Selbst wenn ich die Geschichte mit ihren Charakteren kannte, kannte ich die Personen nicht wirklich, die in dem Anwesen vor mir lebten. Nur weil ich ihre Geschichte gelesen hatte, fühlte es sich fast so an, als wäre mir der Ort hier nicht völlig fremd und die Personen, die ich erwartete, auch nicht.
Schritte waren auf der anderen Seite der Tür zu hören, dann wurde sie auch schon geöffnet und ich sah in das Gesicht einer jungen Frau, etwas älter als ich, mit einem kleinen Jungen, eigentlich noch einem Baby mit winzigen schwarzen Flügeln, in ihren Armen.
Einen Moment lang war ich sprachlos, denn genau so hatte ich mir das auserwählte Mädchen, welches das Königreich vor dem Untergang gerettet hatte, vorgestellt.
Die Haare der jungen Frau fielen ihr in braunen Wellen über die Schulter. Ihre Augen braun und treu wie die eines Rehes. Ihr Gesicht war kantig, aber schön. Sie trugen ein einfaches, knielanges, dunkelblaues Kleid. Auch sie wurde von schwarzen Flügeln umrahmt.
Der Junge in ihren Armen, der glücklich gluckste, hatte tiefschwarze Haare, genauso schwarz wie die Federn auf seinen Flügeln. Er hatte blaue Augen und sah auch sonst wie eine Babyversion des Königs aus. Zumindest so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte.
„Kann ich dir irgendwie helfen?“, fragte die Königin, während der kleine Junge ihr fröhlich mit den winzigen Händen ins Gesicht fasste. „Werde ich gebraucht?“
Ich stolperte zwei Schritte zurück, genau wie zuvor, als ich den Mann mit den schwarzen Flügeln gesehen hatte. Ich konnte kein Wort sagen, bloss dieses hübsche Mädchen und den kleinen, glücklichen Jungen anstarren.
„Geht es dir gut?“, fragte die Königin. „Du siehst aus, als würdest du gleich zusammenklappen.“
„Ich fühle mich auch so“, platze es aus mir heraus.
Schnell schlug ich mir die Hand vor den Mund. Begrüsste man so eine Königin, auch wenn ich noch nicht so ganz sicher war, ob sie wirklich real war?
Ein Lächeln stahl sich auf das Gesicht der Königin. Ihr Sohn griff ihr an die hochgezogenen Mundwinkel und bohrte seinen Fingern in ihren Mund. Vorsichtig hob die Königin ihre Hand und schob die beiden kleinen Hände aus ihrem Gesicht.
„Möchtest du reinkommen und dich kurz ausruhen?“, fragte die Königin.
Ich war so überwältigt von dem Angebot, dass ich es einfach annahm. „Sehr gerne, Majestät.“
Das Lächeln auf dem Gesicht der Königin wurde zu einem Grinsen. „Nenn mich Fiora. Das tun alle hier in Carrana.“
Ich nickte, weil mir ihre Worte schon wieder die Sprache verschlagen hatten. Ich war überwältigt. Nicht nur, weil sie mich aufnahm wie eine Freundin, sondern auch, weil ich all das hier wiedererkannte. Den Namen der Stadt, Carrana, die bunte Stadt der Sterne, und auch den Namen der Königin.
Es fühlte sich so an, als würde ich eine alte Freundin treffen, jemanden, den ich schon mein ganzes Leben lang kannte. Doch eigentlich stand da jemand vor mir, den ich nicht kannte. Jemanden, den es gar nicht geben durfte. Die Stadt Carrana, Fiora, dieses Anwesen und der kleine Junge in ihren Armen waren bloss Worte, die in einem Buch geschrieben standen, keine echten Menschen und Orte.
Fiora trat zur Seite, um mich eintreten zu lassen. Ich sah in das grosse Wohnzimmer, das zwei Stockwerke hoch war, hinein. Durch riesige Fenster fiel Sonnenlicht in den Raum. Man konnte von der Haustür durch den Flur und das Wohnzimmer über den Garten des Anwesens bis zum Fluss sehen.
Ich ging einen Schritt in das wunderschöne Haus hinein.
„Wie heisst du?“, fragte mich Fiora, während sie mich zu einem dunkelblauen Sofa führte.
„Mia.“
Fiora nickte und setzte sich mir gegenüber auf das Sofa.
„Lädst du immer fremde Leute in dein Haus ein?“, rutschte es mir einfach heraus. „Ist das nicht gefährlich für eine Königin?“
Fiora kicherte. „Nein, eigentlich nicht. Ich kann mich ziemlich gut selbst verteidigen. Ausserdem droht mir keine Gefahr von den Einwohnern Carranas und dem Königreich der Sterne. Ich vertraue jedem einzelnen Bürger.“
„Ich komme aber nicht aus Carrana. Ich bin kein Bürger des Königreichs der Sterne“, sagte ich, als könnte ich zur Gefahr werden.
„Von wo kommst du dann?“, fragte Fiora, die mit ihrem kleinen Jungen auf dem Arm so gar nicht verängstigt aussah, mehr so, als würde sie sich bloss mit einer Freundin oder einer alten Bekannten unterhalten.
Gerade als ich antworten wollte, veränderte sich die Stimmung im Raum schlagartig. Ich konnte nicht genau beschreiben, was passierte, aber ich fühlte mich plötzlich nicht mehr so willkommen wie noch eine Sekunde zuvor.
„Das ist eine gute Frage“, sagte eine tiefe Stimme. „Darauf hätte ich auch gerne eine Antwort.“
Sofort drehte ich mich um. Ich sah in die tiefblauen Augen des Königs. Ich erkannte ihn sofort, weil die Beschreibung aus den Büchern perfekt zu ihm passte.
Der König hatte pechschwarze Haare wie sein Sohn. Seine Haut hatte einen seltsamen Grauton, dazu markante Wangenknochen, und über seinen Schultern thronten die mächtigen Flügel mit den schwarzen Federn. Er war gebaut wie ein Soldat.
Schneller als ich jemals eine Person hatte laufen sehen, lief er um das Sofa herum und stellte sich hinter seine Königin und seinen Sohn. Ich konnte die Macht förmlich spüren, die er ausstrahlte, und die unsichtbare schützende Wand aus purer Energie, die er zwischen mir und seiner Familie aufbaute.
„Es würde mich nicht nur interessieren, von wo du kommst, sondern auch, was du bist“, sagte der König und legte seine Hand auf Fioras Schulter.
Ich sah an mir herunter und dabei wurde mir wieder schmerzhaft bewusst, dass ich noch immer wie ein Obdachloser aussah.
„Ich bin ein Mensch.“
„Du fühlst dich nicht an wie ein Mensch.“
Fiora sah zum ernsten Gesicht des Königs hinauf und schüttelte den Kopf, so als würde sie sich für ihn schämen.
„Wie kann man sich nicht wie ein Mensch anfühlen?“
Der König grinste überlegen, sah aber gleichzeitig besorgt auf mich herab. „Ich kann dir nicht genau beschreiben, wie es sich anfühlt, wie du dich für mich anfühlst. Ich kann dir nur sagen, dass von dir eine seltsame Macht ausgeht. Etwas, das ich so noch nie gespürt habe. Du bist alles, aber bestimmt kein einfacher Mensch.“
Ich schnaubte amüsiert. Alles, was ich gerade erlebt hatte, war total verrückt. Noch verrückter war, jetzt auch noch hören zu müssen, dass ich anscheinend eine Art Macht ausstrahle. Es war nicht mehr nur verrückt, sondern einfach nur lächerlich.
„Ich spüre es auch. Aber vielleicht sollten wir mit einfachen Fragen beginnen und uns dann hocharbeiten. Warum sagst du uns nicht einfach, von wo du kommst?“
Ich zögerte kurz, weil ich wusste, wie verrückt meine Antwort klingen würde.
„Ich glaube, ich komme aus einer anderen Welt.“
„Aus einer anderen Welt?“, wiederholte Fiora und sah hoch in das Gesicht des Königs, der mich gespannt musterte.
Kurz sah ich in seine blauen Augen, dann in Fioras braune Augen. Erst als mein Blick nochmals auf den kleinen Jungen mit den schwarzen Flügeln fiel, schaffte ich es, die nächsten Worte auszusprechen. „Ich komme aus einer Welt, in der ihr bloss ein paar Charaktere in einem Buch seid. Eure Welt gibt es nur in den Köpfen der Menschen, die eure Geschichte gelesen haben.“
4
„Ist es nicht erstaunlich, dass ich schon verrücktere Dinge gehört habe?“, fragte der König.
Fiora kicherte und selbst ich, die das Gefühl hatte, wahnsinnig zu werden, konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen.
„Wie und warum bist du in unsere Welt gekommen?“, fragte der König, der nun mit einem zufriedenen Lächeln auf seine noch immer kichernde Königin und den kleinen, glücklich glucksenden Jungen hinabsah.
„Das wüsste ich auch gerne.“
Plötzlich lagen alle Augen auf mir, sogar die des kleinen Jungen.
„Du hast keine Ahnung, wie du hierhergekommen bist?“, fragte Fiora.
„Nein“, antwortete ich ehrlich. „Ich habe das Buch gelesen, das eure Geschichte erzählt und mich dann schlafen gelegt. Als ich aufgewacht bin, war ich plötzlich hier. Darum bin ich auch so gekleidet.“
Ich fuhr mit einer Hand an mir herunter. Meine Wangen wurden plötzlich warm, weil ich mich immer mehr für mein Aussehen schämte.
Die Königin und der König nickten. Dann setzte sich der König neben Fiora und seinen Sohn. Offenbar hatte er erkannt, dass ich keine Gefahr war. Er musterte mich aber immer noch.
„Du hast also keine Ahnung, wie du hierhergekommen bist?“, sagte der König mit tiefer Stimme. Er legte seinen Arm um Fioras Schultern. „Du wolltest nie hierherkommen?“
„Nein, wollte ich nicht. Ich weiss nicht, wie ich hierhergekommen bin. Es dürfte gar nicht möglich sein. Es tut mir leid, aber eure Welt dürfte es gar nicht geben. Es ist nicht möglich, dass ich hier bin. Das alles kann nicht real sein.“
Fiora und der König musterten mich. Der kleine Junge griff nach den Haaren seiner Mutter. Die Stille wurde immer unangenehmer, umso länger sie andauerte. Ich dachte über meine Worte nach, vielleicht hatte ich etwas Falsches gesagt. Hatte ich mich gegenüber dem König und der Königin des Königreichs der Sterne respektlos verhalten?
„Tut mir leid, ich wollte nicht...“
Der König hob die Hand und sofort verstummte ich. Er sah mich noch immer mit diesen tiefblauen Augen an. Plötzlich war mir klar, warum er der König war. Er strahlte eine Macht und eine Autorität aus, die ich so in meiner Welt noch nie gesehen oder gespürt hatte. Es sah fast so aus, als würde er in Gedanken sein Königreich regieren, während er hier neben seiner Familie und mir gegenüber sass.
„Gut, du weisst nicht, wie du hierhergekommen bist, aber weisst du vielleicht, woher die Macht kommt, die dich umgibt? Weisst du, ob du irgendwelche besonderen magischen Kräfte hast?“
„Macht? Kräfte? In meiner Welt gibt es keine Magie“, sagte ich. Dann erinnerte ich mich daran, dass ich zuvor nicht besonders höflich gewesen war. „Majestät.“
Fioras Mundwinkel zuckten, doch ihr Mann, der König, blieb ernst. Er sah auch noch immer ernst aus, obwohl seine Stimme nun viel freundlicher klang. „Nenn mich Cory, unsere Titel verwenden wir nur, wenn wir in ein anderes Königreich reisen.“
Fiora bestätigte das mit einem Nicken. Der kleine Prinz in ihren Armen gluckste glücklich.
„In Ordnung“, sagte ich. Meine Wangen glühten. Dieses Gespräch wurde von Sekunde zu Sekunde immer unangenehmer. „Ich verstehe nicht, was für eine Macht mich umgeben soll. Ich weiss auch nicht, woher die kommen soll. Ich spüre nichts. Alles fühlt sich genauso an wie in meiner Welt. Um ehrlich zu sein, weiss ich nicht einmal, was du eigentlich meinst.“
Nun lächelte auch Cory. „Du hast doch über uns gelesen, wurden unsere Kräfte nicht beschrieben?“
Cory hob die Hand und es war plötzlich dunkel im Wohnzimmer, als hätte jemand die Fenster mit schwarzem Papier abgeklebt. Im Wohnzimmer war es Nacht geworden. Ich konnte gerade noch die drei Personen, die vor mir sassen, erkennen, weil sie von den Sternen beleuchtet wurden, die durch den Raum flogen.
So plötzlich, wie es Nacht geworden war, strömte das Sonnenlicht auch wieder zurück ins Haus hinein. Ich blinzelte, um meine Augen an das Licht zu gewöhnen.
„Was war das?“, fragte ich, obwohl ich genau wusste, was gerade passiert war. Ich hatte schliesslich darüber gelesen.
Der König des Königreichs der Sterne konnte es Nacht werden lassen. Das lag in seinen Genen, darum war seine Familie auch vor Jahrhunderten auf den Thron gekommen. Jeder Herrscher eines der sechs Königreiche von Arela beherrschte eine besonders mächtige Magie, die diese Person zum Herrscher machte. Doch nicht nur die Königspaare waren mächtig. Es gab in Arela auch andere mächtige Personen mit Zauberkräften, doch niemand war so mächtig wie die Königspaare. Hier wurde wie in der Wildnis gelebt. Der Stärkere gewinnt. Der Stärkere regiert.
Diese verschiedenen Talente und Kräfte waren in den beiden Büchern, die ich in den letzten Tagen gelesen hatte, aufgeführt worden. Neben den Königspaaren und den anderen Personen, die besondere Kräfte hatten, gab es auch noch helle und dunkle Engel. Auch die hatten spezielle Fähigkeiten.
Cory, der König, war die mächtigste magische Person im Königreich der Sterne und noch dazu ein dunkler Engel. Soweit ich mich erinnern konnte, war es im Königreich der Luft ähnlich. Dort regierte ein Königspaar, das Luft kontrollieren konnte, aber gleichzeitig auch helle Engel waren.
„Ich glaube, du weisst, was das war“, sagte Cory. Nun lag ein echtes Lächeln auf seinen Lippen. „Ich bin mir sogar ziemlich sicher, dass du das auch kannst. Ich kann es spüren. Fiora auch.“
Selbst spürte ich nichts. Ich fühlte mich so wie immer. Das einzige Gefühl, das ich spürte, war Scham, weil ich immer noch aussah wie jemand, den man aus dem Bett geholt hatte, um nun vor einem König und einer Königin wie eine Verrückte dazustehen.
Es war mir sehr unangenehm, dass ich nicht spüren konnte, was Cory und Fiora offenbar spüren konnten. Ich konnte förmlich spüren, wie ich in mir eine Art Mauer errichtete. Ich wollte nicht länger auf die beiden wirken, als wäre ich mächtig. Ich wollte nicht länger aussehen und mich fühlen wie ein Freak.
Meine Gedanken kreisten nur noch darum, normal zu sein. Ich strahlte keine Macht aus. Es gab nur mich, einen einfachen Menschen.
„Was hast du gerade gemacht?“, hörte ich Fiora plötzlich sagen.
Ich sah sie an. Ihre Augen waren geweitet. Auch Corys Augen waren riesig. Seine Augen sahen ein wenig aus wie ein Swimmingpool, in dem ein winziger schwarzer Fleck schwamm.
„Ich habe gar nichts gemacht.“
Die ganze Situation wurde immer unangenehmer. Ich wollte wegrennen, mich wieder schlafen legen und hoffen, dass ich zu Hause auf meinem Sofa oder in meinem Bett aufwachen würde.
„Ich… Wir können deine Macht nicht mehr spüren“, sagte Cory.
„Ich habe gar nichts gemacht“, sage ich. Doch dann fiel mir ein, dass ich eben doch etwas getan hatte. Nicht gewollt, aber vielleicht hatte ich aus Versehen etwas gemacht. „Ich habe nur daran gedacht, keine Macht mehr auszustrahlen, auch wenn ich sie selbst nicht spüren kann.“
Cory musterte mich wieder, als wäre ich eine Laborratte. Fiora schenkte mir ein aufmunterndes Lächeln.
„Versuchs gleich noch mal. Dieses Mal sagst du dir selbst, dass wir deine Macht spüren sollen.“
„Bist du sicher?“, fragte ich.
Ich wollte mich nicht wieder wie ein Freak fühlen. Ich wollte nicht, dass die beiden etwas spürten, was nicht da war. Etwas, das offenbar von mir ausging, ich aber selbst nicht spüren konnte.
„Ja, bitte versuch es.“
Ich tat Fiora den Gefallen und konzentrierte mich darauf, zurückzuholen, was die beiden spüren wollten, selbst wenn ich es selbst nicht spüren konnte.
Was auch immer da ist, was ich nicht spüre, soll zurückkommen, sagte ich mir selbst. Plötzlich spürte ich eine Wärme in mir, die nur Sekunden anhielt. Dann war es vorbei. Ich fühlte mich wieder wie zuvor. Wie ein normaler Mensch.
„Es ist zurück. Ich kann die Macht, die zuvor von dir ausgegangen ist, wieder spüren“, sagte Cory und sprang auf. „Nicht nur das, sie ist stärker geworden.“
„Stärker?“
Bitte nicht. Ich wollte das hier nicht. Eigentlich wollte ich nur nach Hause und nicht länger von drei Menschen mit Flügeln, die eigentlich gar keine Menschen waren, angestarrt werden. Vor allem nicht, weil es die drei eigentlich nicht geben durfte.
„Ja, du strahlst nun eine enorme Macht aus“, erklärte mir Fiora. „Bestimmt hast du auch irgendwelche Kräfte. Probier es einfach mal aus.“
Cory zog Fiora etwas näher an sich. Ich konnte Sorge in seinen Augen erkennen. Er war sich nicht sicher, ob ich es wirklich versuchen sollte. Offensichtlicher hätte er es nicht machen können.
Ich konnte ihm keinen Vorwurf machen. Schliesslich hätte ich theoretisch sein ganzes Haus in die Luft sprengen können, wenn ich wirklich so viel Macht hatte, wie die beiden behaupteten.
„Ich weiss nicht, ob das sicher ist“, sagte ich leise.
„Versuch es mit etwas Kleinem.“
Fiora lächelte mich aufmunternd an, doch ich war mir noch immer nicht sicher, ob ich es wirklich ausprobieren sollte. Ich sah Cory an. Der sah noch immer besorgt aus, nickte aber.
Also hob ich meine Hand und versuchte das nachzumachen, was Cory nur eine Minute früher gemacht hatte. Dabei war ich so vorsichtig wie möglich.
Meine Augen schlossen sich von selbst. Immer wieder wiederholte ich Fioras Worte in meinem Kopf. Etwas Kleines. Dabei dachte ich an die Sterne, die ich zuvor gesehen hatte.
Ich hörte, wie jemand scharf die Luft einzog, und meine Augen sprangen auf. Sofort sah ich den Stern, der plötzlich in meiner Hand leuchtete.
Ein einzelner winziger Stern lag in meiner Hand und leuchtete hell. Von ihm ging Licht und Wärme aus, die etwas kitzelte.
Der kleine Junge in Fioras Armen griff neugierig nach dem Stern, was mich aus der Konzentration brachte. Ich blinzelte und der Stern war verschwunden.
Der Junge schniefte enttäuscht. Dann drehte er sich um und griff wieder nach den Haaren seiner Mutter.
„Ich weiss nicht, wie ich das gerade gemacht habe“, sagte ich und sah wieder in die Augen des Königs und der Königin.
Cory sah noch immer angespannt aus, aber Fiora grinste. „Ich glaube, sie hat dich gerade kopiert. Jetzt bist du nicht mehr der Einzige mit dem Partytrick.“
Cory schenkte Fiora ein Grinsen. Als er mich wieder ansah, fiel das Grinsen aus seinem Gesicht.
„Was kannst du sonst noch?“, fragte er mich gespannt.
„Ich weiss es nicht. Ich wusste nicht einmal, dass ich das kann“, sagte ich und deutete auf meine Hand, in der ich zuvor einen Stern gehalten hatte. Ich wollte das alles nicht können. Ich wollte nur ein Mensch sein. Ich wollte nach Hause. „Das wird mir alles zu viel.“
„Was du nichts sagst“, murmelte Fiora, die mich noch immer ermutigend anlächelte. Dann sah sie wohl die Sorge und auch die Angst in meinem Gesicht. „Alles wird gut. Ich weiss, wie verrückt das alles ist, aber das heisst nicht, dass es etwas Schlechtes ist. Mit einer Macht wie deiner, die sich hoffentlich durch ein paar weitere magische Kräfte zeigt, könntest du in der Lage sein, viel Gutes zu tun.“
„Können mich meine Kräfte auch nach Hause bringen?“
Darauf hatte Fiora keine Antwort. Cory offenbar auch nicht. Beide sahen mich nur mitfühlend an. Es blieb eine Weile still, während alle ihren Gedanken nachhing.
Plötzlich räusperte sich Cory, bevor er wieder sprach. „Was hältst du davon, wenn wir versuchen herauszufinden, wie wir dich nach Hause bringen können, während du versuchst, weitere Talente zu finden. Vielleicht helfen dir deine Kräfte sogar, einen Weg nach Hause zu finden.“
Kurz dachte ich über seine Worte nach und kam dann zu dem Schluss, dass Cory Recht hatte. Vielleicht hatte ich hier in dieser Welt, die es eigentlich nicht geben durfte, wirklich eine Art Macht oder irgendwelche besonderen magischen Kräfte, die mir helfen konnten, einen Weg zurück nach Hause zu finden. Ausserdem würde ich mich dann nicht so hilflos fühlen, wenn ich etwas zu tun hatte.
Ich nickte. Cory sprang auf.
„Vielleicht hilft es, wenn mehr als dreieinhalb Gehirne an der Sache arbeiten.“
Fiora und ich sahen Cory nach, als er auf einen kleinen Tisch zulief, der an der Wand stand, auf dem eine Glocke lag. Er hob sie auf und klingelte.
„Es wird Zeit, unsere Familie um Hilfe zu bitten.“
5
Die Familie.
Ich wusste genau, wer zu Fiora und Corys Familie gehörte. Ich wusste so einiges über sie.
König Cory hatte zwei Brüder. Keine Blutsbrüder. Freunde, die er als seine Brüder bezeichnete. Kennengelernt hatten sie sich während ihrer Ausbildung zum Krieger. Dabei war aus Freundschaft mehr geworden. Ich wusste, zumindest hatte ich das gelesen, dass sie einander alles anvertrauten. Mehr als das. Sie würden ihr Leben füreinander geben.
Königin Fiora hatte einen Bruder, der tatsächlich mit ihr verwandt war. Sie waren beide als Menschen zusammen aufgewachsen. Er hatte im ersten Buch keine sonderlich grosse Rolle gespielt, er war einfach da gewesen. Fiora war zu einem dunkeln Engel geworden, was ihre Lebenserwartung um tausend Jahre verlängert hatte, während ihr Bruder Mensch geblieben war. Erst im zweiten Buch, als er mit einem der Brüder von Cory zusammengekommen war und diese spezielle Zeremonie abgehalten wurde, die ich während des Lesens einfach nie so ganz verstanden hatte, hatte sich auch seine Lebenserwartung verlängert. Im zweiten Buch war genau beschrieben worden, wie ein Teil der Lebenszeit von Corys Bruder auf Fioras Bruder übergegangen war, sodass die beiden mindestens fünfhundert Jahre glücklich zusammenleben konnten.
Zu der Familie gehörten aber nicht nur die Brüder des Königspaares. Es gab da auch noch zwei Frauen, die feste Bestandteile der Familien waren.
Mila war die Anführerin der Armee des Königreichs der Sterne. Sie war auch mit den drei Brüdern ausgebildet worden. Nachdem Corys Mutter sie zur Anführerin der Armee gemacht hatte, war sie ein Teil von Corys Familie geworden.
Damals hatte er Fiora noch nicht gekannt. Nach meiner Zeitrechnung, die ich von den Büchern ableitete, war Fiora vielleicht drei Jahre ein Teil von Corys Leben, ein Teil seiner Familie. Seine Brüder und Mila kannte Cory schon über zweihundert Jahre.
Die andere Frau, die auch noch zur Familie gehörte, war Anastasia. Sie war ein Mensch. Sie hatte manchmal in der Bar gefeiert, die Cory mit seinen Brüdern oft besucht hatte. Irgendwann war sie laut der Beschreibung aus dem ersten Buch zu einer Freundin, zur Beraterin des Königs und schlussendlich auch zu einem Teil der Familie geworden.
***
Ein Junge, vielleicht sechzehn, wobei das in dieser Welt schwierig einzuschätzen war, es konnte gut sein, dass er auch schon fünfunddreissig war, erschien plötzlich in dem grossen Wohnzimmer. Er verbeugte sich kurz, bevor er Cory ansprach, als wäre er ein Freund, nicht sein König.
„Wie kann ich helfen?“
„Rufe alle Mitglieder meiner Familie zusammen. Sie sollen alles stehen und liegen lassen. Es handelt sich um einen Notfall.“
Der Junge nickte und verschwand durch die nächste Tür, die mir erst jetzt auffiel. Ich sah dem Jungen nach und fragte mich, ob er wohl auch irgendwelche Kräfte hatte.
Plötzlich stand Fiora mit dem kleinen Jungen im Arm auf. Ich sah zu, wie sie ihn Cory übergab und mich dann wieder ansah. „Was hältst du davon, wenn ich dir ein paar meiner Klamotten leihe?“
Ich sprang auf. Es war mir unangenehm, die Kleidung einer Königin zu bekommen, aber noch unangenehmer war mir die Vorstellung, dass mich jedes Mitglied der Familie in meinen Kleidern, in denen ich geschlafen hatte, sehen würde.
So folgte ich Fiora durch das riesige Anwesen mit den gefühlt tausend Türen, bis wir plötzlich in einem Ankleideraum standen. Dort überreichte mir Fiora ein einfaches schwarzes Kleid. Knielang, mit dünnen Trägern und feinen Stickereien.
Fiora liess mich kurz allein, damit ich mich in Ruhe umziehen konnte. Vor dem grossen Spiegel im Ankleidezimmer richtete ich auch schnell meine Haare.
Einen Moment betrachtete ich mich im Spiegel. Es war ungewohnt, mich selbst in einem Kleid zu sehen. Doch sah ich noch aus wie ich selbst. Alles fühlte sich an wie immer. Ich fühlte mich nicht mächtig oder magisch. Es gab nur mich, einen einfachen Menschen, in dieser Welt, die es nicht geben sollte.
Ein Klopfen riss mich aus meinen Gedanken. Fiora öffnete die Tür und zeigte mir dann den Weg zurück ins Wohnzimmer, den ich allein nie gefunden hätte, weil das Haus so gross war.
Im Wohnzimmer wurden wir bereits erwartet.
Auf dem grossen, dunklen Sofa, worauf ich zuletzt mit dem König, der Königin und dem Thronprinzen gesessen hatte, sassen nun zwei Frauen.
Mila erkannte ich sofort an ihren langen goldenen Haaren, die ihr über die Schultern fielen. Obwohl sie sass, war sie einen Kopf grösser als Fiora. Auch sie wurde von schwarzen Flügeln umrahmt. Sie trug ein enganliegendes rotes Kleid mit viel Ausschnitt. Das Kleid ging bis zum Boden, zumindest auf einer Seite. In der rechten Seite des Kleides war ein Riss, der bis hoch zu ihren Hüften reichte. Ihr nacktes Bein war zu sehen, wenn sie sich bewegte.
Mila sah umwerfend aus, doch war sie viel zu schön angezogen für das Gespräch, das folgen würde. Sie sah aus, als wollte sie an einen Ball gehen und sich nicht mit ihrer Familie treffen, die eine Verrückte im Haus hatte.
Mila musterte mich und unsere Blicke trafen sich kurz. Ihre Augen waren zwei schwarze Löcher. Sofort war mir klar, warum sie die Anführerin der Armee des Königreichs der Sterne war. Ich konnte mir gut vorstellen, wie sie eine Armee in einen Krieg führte, sogar in diesem Kleid, und ihren Gegnern immer noch Angst machte. So wie sie mir gerade Angst machte.
Schnell sah ich zu Anastasia hinüber, die neben Mila sass. Sie trug wie Fiora und ich ein einfaches, knielanges Kleid. Sie trug einen Bop, genau wie es in den Büchern beschrieben worden war. Sie lächelte, als sie mich sah.
Anastasia hatte keine Flügel, was auch kein Wunder war, denn sie war ein Mensch. Das machte sie für mich gleich schon etwas sympathischer. Ich hatte keine Angst vor dunklen Engeln, ausser vielleicht vor Mila, ich sehnte mich aber nach einem anderen Menschen.
Fiora führte mich zu einem der weichen, dunkelblauen Sessel, die neben dem Sofa standen, als ich hörte, wie sich eine Tür aufging, und plötzlich stand Cory wieder im Zimmer. Er hielt ein Glas Wein in der Hand, das er Mila reichte. Wohin Cory seinen Sohn gebracht hatte, wusste ich nicht.
Dann setzte er sich neben Anastasia aufs Sofa und Fiora liess sich neben ihn fallen. Auf meinem Sessel, auf dem mich alle sehen konnten, fühlte ich mich plötzlich wie ein Museumsobjekt. Alle starrten mich an.
„Sie ist mächtig“, sagte Mila nach einem Schluck Wein. „Jetzt, da ich es auch so direkt spüre, weiss ich genau, was du gemeint hast, Cory.“
Cory nickte nur. Fiora war es, die etwas sagte. „Was genau spürst du?“
„Ich weiss nicht genau, was für eine Macht sie besitzt.“ Mila zögerte kurz. „Wenn es nicht total verrückt wäre, so etwas zu sagen, würde ich behaupten, sie fühlt sich an wie alles.“
„Alles?“ Ich wusste nicht mehr, was ich denken sollte. Erst eine Sekunde später wurde mir klar, dass ich gerade etwas gesagt hatte. Ich sah verlegen zu Boden. „Was bedeutet alles?“
„Ich kann es dir nicht genau sagen. Es fühlt sich bloss so an, als hättest du alle mir bekannten magischen Kräfte in dir vereint. In über zweihundert Jahren habe ich so etwas noch nie gespürt.“
Ich zuckte zusammen. Nicht nur, weil mir gerade bewusst wurde, wie alt die dunklen Engel wirklich werden konnten, sondern auch, weil mir das alles unangenehm war. Ich fühlte mich noch immer gleich, und doch sassen hier drei dunkle Engel vor mir, die behaupteten, ich würde mich komisch anfühlen. Irgendwie mächtig, obwohl ich nur ein Mensch war.
Ich konzentrierte mich wieder voll darauf, keine Macht auszustrahlen, um nicht länger von Mila gemustert zu werden. Ich wollte bloss ein Mensch sein, ohne Macht. Ein Mensch, der so schnell wie möglich einen Weg nach Hause finden musste.
„Jetzt spüre ich nichts mehr“, sagte Mila plötzlich und sah mich überrascht an.
„Soweit wir wissen, kann sie beeinflussen, ob wir spüren sollen, was und wie viel Macht von ihr ausgeht“, erklärte Cory.
Die Wärme kroch zurück in mein Gesicht. Ich wollte gerade ein Kissen vom Sofa nehmen und mich dahinter verstecken, als eine Tür neben mir plötzlich aufging.
Ein grinsender dunkler Engel, den ich nur als Muskelprotz beschreiben konnte, stand plötzlich im Wohnzimmer und grinste uns alle an. Lange, schwarze Locken fielen ihm auf die Schultern. Seine Haut war so grau wie die des Königs. Er sah aus wie der Corys Bruder, nur hatte er Braune anstatt tiefblauer Augen.
„Wer hat nach seinem Lieblingsbruder gerufen?“, fragte der dunkle Engel mit einer tiefen, aber freundlichen Stimme.
„Den habe ich gerufen, nur ist er leider noch nicht aufgetaucht“, antwortete Cory und stand lachend auf.
Das Grinsen fiel vom Gesicht der Person, die Perry sein musste. Einer von Corys Brüdern. Cory ging auf seinen Bruder zu und schlug ihn. Perry winselte wie ein Hund, bevor er seinem Bruder eine verpasste. Beide lachten.
Plötzlich schob sich ein Mensch, der auf eine unerklärliche Weise eben doch kein Mensch mehr war, zwischen die beiden. Er war einen Kopf kleiner und viel weniger muskulös als die Brüder. Seine Haare waren braun, sein Lächeln eher zurückhaltend, und doch glitzerten seine Augen, als sein Blick auf seine Schwester fiel.
„Nathan, schön, dass du auch gekommen bist“, hörte ich Fiora sagen, während ich zusah, wie Perry seinen mit Muskeln bepackten Arm um die Schultern seines Partners legte.
„Ich konnte ihn doch nicht zu Hause lassen, wenn ein mysteriöses Menschenmädchen, aus dem nichts hier in Carrana auftaucht.“
Kaum hatte Perry die Worte ausgesprochen, liess er seinen Blick durch das Zimmer schweifen und seine braunen Augen blieben an mir hängen. Es war mir unangenehm, von ihm angestarrt zu werden, also sah ich Nathan an, doch der starrte mich auch an. Ich drehte meinen Kopf noch etwas und war erleichtert, als mir auffiel, dass zumindest Cory mich nicht anstarrte. Er grinste noch immer seinen Bruder an.
„Du spürst sie auch, oder?“
„Ja, sie ist wie eine Sonne, die kein Licht und keine Wärme abgibt, bloss pure Macht.“
Ich konnte nicht verstehen, dass ich mit diesen Worten beschrieben wurde. Auch wusste ich nicht, was ich darauf antworten sollte. Ich versuchte, meine Macht oder was auch immer von mir ausging, wieder zu verstecken, obwohl ich nicht wusste, wie genau ich das die letzten Male gemacht hatte und warum mein Schild oder was auch immer ich da in meinem Kopf aufgebaut hatte, nicht gehalten hatte.
Nathan räusperte sich, bevor ich diese angebliche Macht verstecken konnte. „Selbst ich spüre, dass sie kein Mensch ist.“