Die Kunst des Verstehens - Aline Karon - E-Book

Die Kunst des Verstehens E-Book

Aline Karon

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Beschreibung

Eine Geschichte über ein 1964 taub geborenes Mädchen, wie es von frühester Kindheit an um Integration in die Welt der Hörenden kämpft. Lippenlesen und Sprechen lernt es von der Mutter. Trotz massiver Hindernisse und Widrigkeiten – neun Jahre in einer katholischen Schule mit Internat mit der dort herrschenden Willkür - wächst das Kind zu einer kritischen und selbständigen, selbstbewussten Person heran. Die Schilderung des Umgangs mit den Hilfsmitteln zum Hören und Sprechen kann anderen Betroffenen Mut machen.

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Seitenzahl: 226

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Zu diesem Buch

Ein 1964 taub geborenes Mädchen berichtet, wie es von frühester Kindheit an um Integration in die Welt der Hörenden kämpft. Trotz massiver Hindernisse und Widrigkeiten wächst das Kind zu einer kritischen und selbständigen, selbstbewussten Person heran.

Diese Geschichte und dazu die Beschreibung der unterschiedlichen Hilfsmittel und -angebote zum Hören sowie der Umgang mit ihnen kann anderen Betroffenen Mut machen. Darüber hinaus fesselt der Bericht über die erschütternden Zustände im - katholischen - Kinderheim/ Internat. Die trotz allem ausgewogene Darstellung der dort herrschenden Willkür, verbunden mit körperlichen und seelischen Grausamkeiten würden wir für übertriebene Rache halten, wenn wir nicht auch heute noch immer wieder von neuen Skandalen in geschlossenen Systemen (auch mit hilflosen Erwachsenen) erführen. Faszinierend ist, wie sich hier ein Kind instinktiv gegen totalitäre Methoden - Drohung, Strafe, Angst - abschottet und nicht an der Situation zerbricht.

Der Text ist in mit großer Disziplin erworbener Schriftsprache selbst verfasst und nicht professionell überarbeitet.

G.K.

Aline Karon ist verheiratet und hat zwei erwachsene Söhne. Sie lebt heute in Michelbach bei Schwäbisch Hall.

Inhalt

Einleitung

Teil 1

Die ersten Lebensmonate

Die Sprache

Zu viert

Vorschule

Die ersten Schuljahre

Internatstheorien

Kirche

Die Kommunion

Die Beichte

Der Brief

Die Hörgeräte

Kastanien und Rosen

Begebenheiten aus dem Klassenzimmer

Ablenkungen

Daheim

Fragen und Rätsel

Schulwechsel

Teil 2

München

Das wahre Schulleben

Laufende Ortswechsel

Neue Begeisterung

Weitere Pläne

Stegen

Abwägungen

Teil 3

Das CI und die Erwartungen

Fragmente

Bilder

Es pfeift

Historie

Es geht los

Wie definiert man Hörerfolg?

Ein paar Gedanken

Taubstummheit, das Unwort!

Der Kreis schließt sich

Nachwort

Die Namen der meisten im Buch vorkommenden Personen sind von der Autorin geändert worden

Einleitung

Nach genau dreißig Jahren sahen wir uns anlässlich eines Klassentreffens in St. Bonifaz* wieder. Im Jahr 1979 war der offizielle Schulabschluss.

Da unser Treffen an einem schulfreien Tag stattfand, war es im Gebäude vollkommen ruhig. Draußen schien die Sonne und es war ein angenehm warmer Frühlingstag. Man sah keine lärmenden Schüler weit und breit. Es gab nichts, was uns ablenkte. Wir befanden uns im Eingangsbereich des altehrwürdigen Altbaues.

Schlagartig fühlte ich mich in die frühe Kindheit zurückversetzt: An der Hand meiner liebevollen und fürsorglichen Mutter musste ich als Dreijährige das erste Mal durch diesen Eingangsbereich gestapft sein. In völliger Ahnungslosigkeit, was für außergewöhnliche Kindergarten- und Schuljahre mir in St. Bonifaz bevorstanden.

Wir wurden bereits von einigen Ordensschwestern erwartet. Die meisten kannten wir noch aus der früheren Schulzeit. Erste freundliche Begrüßungsgespräche folgten. Eine der Ordensschwestern übernahm die Führung durch das Schulgebäude. Mit gespannter Aufmerksamkeit gingen wir durch die einzelnen Stockwerke an altbekanntem vorbei bis hin zu neuem, das wir noch nicht kannten. In einem umgebauten Gebäudeteil ist heute der Realschulbereich untergebracht. Realschule in St. Bonifaz, das gab es früher nicht.

Zu unserer Zeit schien es ausgeschlossen zu sein, dass wir Schüler aus St. Bonifaz überhaupt eine Realschule besuchen konnten. Dann wurde uns erzählt, dass in Kooperation mit Regelgymnasien die Schüler heute auch die Möglichkeit hätten, die allgemeine Hochschulreife zu erwerben. Das versetzte uns in ungläubiges Staunen.

Dank der neuen Erkenntnisse aus dieser Führung erlaubte ich mir in Gedanken eine positive Schlussfolgerung: In St. Bonifaz sind gute Zeiten angebrochen. Die Schüler aus dem heutigen St. Bonifaz haben eine angenehmere Schulzeit sowie bessere Bildungs- und Fördermöglichkeiten.

Bei dem Treffen waren wir ehemalige Klassenkameraden hauptsächlich voller Freude, uns wieder zu sehen. Das Schicksal hatte uns mehr oder weniger zu langjährigen Kampf- und Leidensgefährten zusammengeschweißt. Manch ein flüchtiger Blick, manch eine kleine Geste reichten aus, um sich verstanden zu fühlen, obwohl wir uns so viele Jahre nicht mehr gesehen hatten. Unsere Sinne waren in dieser Hinsicht nach wie vor extrem geschärft.

Ein kurzer Abstecher führte uns zu unserem ehemaligen Klassenzimmer. Der Raum schien nach den vielen Jahren unverändert, als wäre die Zeit stehen geblieben - die gleiche Möblierung, die gleiche Tafel, der gleiche grau melierte Linoleumboden, die gleiche Holzverschalung an den Wänden, die gleiche Wanduhr, die gleiche Aura.

Und: In jeder kleinen Spalte, in jeder kleinsten Ritze des Raumes schien unsere bleierne Vergangenheit unauffällig zu lauern. Ähnlich wie ein Flaschengeist, ein Dschinn, der in Erzählungen aus tausendundeiner Nacht vorkommt. Einer, der bereits jahrzehntelang in einer verschlossenen Flasche eingesperrt ist und nur darauf wartet, dass jemand diese Flasche öffnet und ihn endlich befreit.

Die natürliche Folge dieses Eindruckes war:

Wie ein unaufhaltsamer Film spulte sich meine gesamte Kindheit vor dem inneren Auge ab.

* Name wurde geändert

Teil 1

Die ersten Lebensmonate

Im Oktober 1964 erblickte ich das Licht der Welt.

Den späteren Erzählungen meiner Mutter nach wurde bei mir gleich nach der Geburt eine Blutgruppenunverträglichkeit festgestellt, die sich in starker Gelbsucht äußerte. Da die Ärzte meinen Zustand wohl als relativ heikel einschätzten, wurde ich in die über 100km entfernte Kinderklinik nach Tübingen gebracht, zur vorsorglichen Beobachtung. Nach 10 Tagen konnte mein Vater mich nach Hause holen. Nun war die kleine Familie komplett – meine Eltern konnten erst ab jetzt ihren Neuankömmling endlich richtig kennen lernen. Ich sah wohl ganz normal und gesund aus und es schien alles gut gegangen zu sein. Dennoch war meine Mutter ein wenig misstrauisch, ob mit mir wirklich alles in Ordnung sei.

Deshalb kam bereits nach zwei Wochen der erste Verdacht auf, dass etwas mit meinem Gehör nicht stimmen könnte. Es war ein warmer Oktobertag. Ich schlief in meinem Körbchen tief und fest. Ein Fenster war offen, es gab einen starken Luftzug und die Zimmertüre knallte extrem laut zu. Meine Mutter sah es mit Schrecken kommen und konnte das Zufallen der Tür nicht mehr aufhalten. Mit einem besorgten Blick auf mich erwartete sie, dass das Kind bestimmt durch den Knall aufwachen und schreien würde. Aber nichts von alledem geschah. Ich verzog nicht einmal eine Miene und schlief selig und entspannt weiter. Im Lauf der nächsten Wochen erhärtete sich der Verdacht meiner Eltern, dass ich nichts hören kann. Dass sie so extrem früh diese Vermutung hatten, finde ich aus heutiger Sicht erstaunlich. Denn in den Familien meiner Eltern gab es keinerlei Hörbehinderungen. Daher fehlten im Grunde genommen die Erfahrung und das Vorwissen dazu. Andererseits denke ich, dass es bei einem Baby oder Kleinstkind, das wirklich taub ist, nicht allzu schwer ist, das frühzeitig festzustellen, weil es nie auf Geräusche reagiert, egal wie laut diese sind.

Als ich sechs Monate alt war, meinte der Kinderarzt, dass ich gewiss gut hören könne. Wenn er seitlich von mir Geräusche zum Testen des Gehörs machte, drehte ich meinen Kopf natürlich in diese Richtung, um zu sehen, was er da macht. Oder ich schaute nach hinten. Mit sehr aufmerksamem Blick folgte ich jeder Bewegung um mich herum. Der Arzt tat die Sorgen meiner Mutter als Hysterie beziehungsweise übertriebene Ängstlichkeit ab, die oft beim ersten Kind auftreten können. Meine Mutter war jedoch nach wie vor überzeugt, dass ich nichts hören kann. Irgendwann später stand die Diagnose Taubheit nach weiteren eingehenden Untersuchungen endgültig fest.

Deshalb machte meine Mutter sich bereits sehr früh Gedanken, welche Möglichkeiten es überhaupt gibt, mir die Sprache beizubringen. Sie erfuhr, dass es in G. eine Schule für Gehörlose gibt. Ich war ein Jahr alt, als sie mich dort bei der Beratungsstelle vorstellte. Die Beraterin gab ein paar einfache Tipps, wie man mit mir Übungen machen könne. Die Frage meiner Mutter ob ich jemals die normale Sprache lernen würde und später auch Bücher lesen könnte, verneinte sie bedauernd. Nein, denn von Geburt an Gehörlose würden niemals in vollem Umfang in die Sprache hineinkommen können, geschweige denn Bücher lesen und die gelesene Sprache verstehen können. Das sei einfach viel zu schwierig für sie. Da brauche sie sich keine Hoffnungen zu machen.

Meine Mutter wollte dieser entmutigenden Aussage einfach nicht glauben, bevor sie nicht selber etwas mit mir unternommen hatte.

Damals schrieb man das Jahr 1965. Diese Zeit kann man mit der heutigen in der man unendlich viele Möglichkeiten hat, sich Informationen zu erschließen und Hilfe von außen zu holen, überhaupt nicht vergleichen - von den technischen Möglichkeiten ganz zu schweigen.

Meine Eltern und ich

Die Sprache

Meine Mutter wusste genau, wie wichtig es ist, dass ein Kind möglichst früh, ungefähr ab einem Jahr, mit der Sprache konfrontiert wird. Ein normal hörendes Kleinkind nimmt ganz automatisch gesprochene Wörter und Sätze sowie alle möglichen Geräusche ganz nebenbei, und vor allem von alleine über das Gehör auf. Diese Möglichkeit ist bei einem völlig tauben Kind nicht gegeben. Es besteht die Gefahr, dass in der so wichtigen frühen Zeitspanne versäumt wird, dem Kleinkind die Sprache zu vermitteln. Man spricht in dem Fall von so genannten „Lernfenstern“. Wird ein „Lernfenster“ nicht rechtzeitig genutzt, wird das Kind den altersgerechten Wortschatz niemals erwerben können. Versäumtes kann nicht mehr in vollem Umfang aufgeholt werden.

Im Alltag fing meine Mutter jeden zufälligen Blickkontakt mit mir auf und nutzte diese Momente sehr konsequent für das Sprechen von Wörtern oder kurzen Sätzen aus. Sie tat also alles, was mich irgendwie in Bezug auf Sprache weiterbringen würde.

Mit gerade einem Jahr fing ich an, das Wort „Mama“ nachzusprechen, andere Wörter folgten bald. Allerdings sprach ich ohne Stimme, denn ich orientierte mich einzig und alleine an ihrem deutlichen Mundbild und ahmte dieses nach. Dass man dabei auch Laute erzeugt, konnte ich natürlich nicht wissen. Das war der Punkt, an dem meine Mutter ratlos war. Irgendwann bekam sie den guten Tipp, beim Sprechen meine Hand an ihren Hals zu legen. Dadurch konnte ich spüren, dass es beim Sprechen vibriert und dass dabei mehr passiert, als nur den Mund zu bewegen. Das war die einzige Möglichkeit, mir das Sprechen mit Stimme nahe zu bringen.

Ob und wie viel verwertbares Restgehör bei mir überhaupt vorhanden war, musste erst einmal herausgefunden werden. Es gab damals noch lange nicht die kleinen HdO (Hinter dem Ohr) Geräte, wie sie heutzutage gang und gäbe sind. Stattdessen waren die Hörgeräte wesentlich größer. Man nannte diese Geräte „Hörapparat“, die vorne um die Brust geschnallt getragen wurden. Ein solcher Hörapparat hatte in etwa die Abmessung 8 x 5 x 2cm. Vom Gerät aus verliefen zwei beigefarbene Kabel zu jedem Ohr mit recht großem Klick-Adapter und Ohrpassstück. Er wurde von zwei normalen, zylindrischen, circa 5cm langen Batterien betrieben.

Einen solchen Hörapparat bekam ich also umgehängt, und sollte damit etwas hören. Es war nicht einfach, mich dazu zu bringen, das Gerät zu akzeptieren. Schon nach kurzer Zeit riss ich mir die Ohrpassstücke wieder aus den Ohren. Anscheinend war es mir nur lästig und es schien ein Zeichen zu sein, dass bei mir vom Hören her nur wenig ankam. Nach und nach wurde die Tragezeit wohl ausgedehnt. Wie oft und wie regelmäßig ich diesen Hörapparat trug, weiß ich nicht mehr. Aus eigenem Antrieb werde ich ihn sicherlich nicht getragen haben. Im Laufe der Zeit merkte man, dass ich von der Sprache her nur den Vokal „a“ hören konnte sowie tiefe und laute Geräusche, wenn sie nahe genug waren.

Meine Mutter war fest davon überzeugt, dass ich alle sprachlichen Informationen unbedingt visuell aufnehmen musste. Dazu gehörten das Malen von Bildern und das Schreiben von Wörtern in Druckbuchstaben. Sie zeichnete Bildkärtchen, die beispielsweise einen Ball, ein Haus, einen Baum, eine Blume, eine Katze und vieles mehr darstellten. Ebenso schrieb sie Wortkärtchen mit den jeweiligen Begriffen in Druckbuchstaben. Das Bildkärtchen wurde mit dem jeweils dazugehörenden Begriff auf dem Wortkärtchen gezeigt, es wurde das Wort auch deutlich dazu gesprochen. Sie verstand es meisterhaft, alles bereits Geübte spielerisch in den Alltag einzubauen. Es machte ihr auch viel Spaß, da ich immer sehr interessiert war, mich freute, dass sie so oft mit mir „spielte“ und ich sog alles auf wie ein Schwamm.

„Immer zum Dialog bereit“

Mit drei Jahren konnte ich bereits lesen. Es gibt eine Anekdote dazu:

Ein Schulfreund meiner Mutter ist Grundschullehrer geworden. Er rauchte für sein Leben gerne Pfeife. Einmal war er zu Besuch bei uns. Viele verschiedene Bildkärtchen und Wortkärtchen lagen kreuz und quer vor uns auf dem Tisch. Da suchte meine Mutter mir das Bild von einer Pfeife heraus und sagte mir, dass ich das Wort „Pfeife“ holen sollte. Schon nach kurzer Zeit hatte ich das Wort „Pfeife“ gefunden und legte es dazu. Der Freund war vollkommen verblüfft.

Die spielerischen Übungen wurden im Laufe der Zeit immer weiter ausgebaut und mein Wortschatz wuchs stetig. Meine Mutter führte auch eine Art Tagebuch mit mir zusammen. Das war ein gebundenes DIN-A4-Buch mit leeren weißen Seiten. Jeden Tag zeichnete sie ein Bild hinein von einem Tagesgeschehen. Beispielsweise zeichnete sie ein Bild von uns beim Einkaufen in einem Laden. Darunter schrieb sie den jeweiligen Wochentag und einen kurzen Text dazu. Wir betrachteten das Bild und lasen den Text gemeinsam. Ab und zu zeichnete ich das gleiche Bild auf meine Art auf die benachbarte freie Seite und schrieb beziehungsweise malte den Text so gut ab, wie ich es gerade konnte.

Diese Tagebücher betrachtete ich in den späteren Jahren immer wieder gerne. So sind viele Alltagserlebnisse sehr gut in meiner Erinnerung geblieben, obwohl ich noch recht klein war.

Das Sprechen übte meine Mutter mit mir immer wieder auf stets spielerische Weise. Ich erspürte mit der Hand die Vibrationen an ihrem und an meinem Hals, wenn wir sprachen, und konnte auf diese Weise meine Stimme der ihren - so gut es ging - nachahmen. Aber es gibt auch Buchstaben, die man nicht durch Vibrationen am Hals spüren kann. Das sind beispielsweise die Buchstaben f, sch, h, s. Dazu hielt sie eine Pfauenfeder vor ihren Mund. So konnte ich sehen, wie diese sich bei den bestimmten Lauten unterschiedlich bewegte. Auch bei den Buchstaben b, p, k, d, t machte die Pfauenfeder kurze Bewegungen.

Es war auf diese Weise möglich, mir visuell zu zeigen, wie diese stimmlosen Laute produziert werden müssen, damit die Pfauenfeder diese oder jene sachte länger anhaltende oder kurze, ruckartige Bewegung macht. Auch das Halten meiner Hand vor ihre und meine Lippen war gut, um den Atemfluss nach außen zu spüren.

Im Wohnzimmer stand ein Klavier. Meine Mutter dachte sich ein neues Spiel für mich aus:

Sie legte drei Blätter Papier auf den Wohnzimmertisch. Auf dem einen Blatt stand in großen Druckbuchstaben: „hoch“, auf dem mittleren stand: „mittel“ und auf dem letzten stand: „tief“. Auf jedes der drei Blätter legte sie eine kleine Handvoll Rosinen. Sie setzte sich ans Klavier, ich musste ihr den Rücken zukehren und schaute auf die drei Blätter mit den Rosinen. Dann musste ich mit meinem „Hörapparat“ lauschen. Je nachdem meine Mutter einen sehr hohen Ton, einen mittleren Ton oder einen ganz tiefen Ton anschlug, sollte ich immer einen der drei Töne benennen. Die tiefen Töne zu erkennen, war kein Problem für mich. Bei „mittel“ hatte ich schon Schwierigkeiten und die hohen Töne hörte ich gar nicht. Wenn ich mit der Antwort richtig lag, durfte ich eine Rosine vom jeweiligen Blatt nehmen und essen. Wir übten so lange, bis die letzte Rosine weg war, und hatten unsere Freude an diesem Spiel. Auf diese Art und Weise konnte meine Mutter auch sehr gut abschätzen, was ich mit dem Hörapparat überhaupt hören konnte.

Meine Mutter und ich bei den Sprechübungen

Zu viert

In der Zwischenzeit, als ich 2 ½ Jahre alt war, wurde mein Bruder Leo geboren.

Zu der Zeit waren wir in München zu Besuch bei den Verwandten väterlicherseits. Meine Eltern waren damals sehr oft und gerne zu Besuch dort.

Dort war ich bestens versorgt und untergebracht, wenn meine Mutter in die Klinik musste. Denn mein Vater war als Maschinenbauingenieur in einer verantwortungsvollen Position beruflich sehr eingespannt und oft auf Geschäftsreisen unterwegs. Sicherlich erhoffte meine Mutter sich von der Münchner Klinik eine bessere Versorgung, falls es bei der Geburt des zweiten Kindes auch zu Komplikationen kommen sollte. Denn im Nachhinein gesehen, hätte man bei mir gleich nach der Geburt einen Blutaustausch machen müssen. Allerdings hatte die kleinere Klinik in Heidenheim damals diese Möglichkeiten nicht.

Leider war die Geburt von Leo auch nicht ohne Probleme. Er musste wegen Sauerstoffmangel schnell per Kaiserschnitt geholt werden. Außerdem hatte er die gleiche Blutgruppen-unverträglichkeit wie ich damals, nur nicht ganz so stark ausgeprägt. Da die Geburt für das Kind jedoch eine Strapaze war, verzichtete man lieber auf den Blutaustausch.

Es schien in der ersten Zeit so, dass Leo alles gut überstanden hatte ohne irgendwelche Einschränkungen. Er gedieh gut und war ein ruhiges Kind. Bei ihm nahmen meine Eltern auch an, dass er normal hört. Er reagierte im Gegensatz zu mir auf Geräusche. Da brauchte man sich wohl keine Gedanken zu machen.

Als Leo ca. 12 Monate alt war, wurde bei ihm doch eine mittelgradige Schwerhörigkeit diagnostiziert. Den „Hörapparat“ akzeptierte er im Gegensatz zu mir auf Anhieb sehr gut. Es kamen bei ihm viel mehr Töne an.

Meine Eltern hatten sich durch mich bereits viel Wissen über die Hörschädigung angeeignet und wollten die guten Erfahrungen bei der Sprachanbahnung auch bei Leo anwenden. Bei ihm konnte man zu Recht hoffen, dass er wegen seinem besseren Hörvermögen noch leichter in die Sprache hineinkommen könnte als ich. Aber alle Versuche, genauso spielerisch zu arbeiten, schlugen bei Leo vollkommen fehl. Er schaute meine Mutter nicht an, wenn sie mit ihm sprach. Wenn sie ihn in den Arm nahm, drückte er sich mit aller Kraft von ihr weg. Er war nicht zugänglich und beschäftigte sich am liebsten alleine.

Das stellte meine Eltern vor ganz neue Herausforderungen.

Vorschule

Nun war ich über drei Jahre alt. Meine Eltern machten sich Gedanken darüber, welche Art von Schule für mich später geeignet sein könnte. Denn ein Regelkindergarten oder gar eine Schule für Normalhörende wäre für mich als rein Gehörlose trotz der beinahe altersgemäßen Sprachkompetenz wahrscheinlich eine Überforderung gewesen. Es wäre einerseits eine ganze Menge Unterstützung und Überzeugungsarbeit durch meine Mutter notwendig gewesen, andererseits wäre es sehr fraglich gewesen, ob ich dort überhaupt genommen worden wäre. Das Wort Integration existierte damals praktisch nicht. Darüber hinaus war meine Mutter durch meinen Bruder Leo zusätzlich sehr beschäftigt.

Die 35km entfernte Gehörlosenschule St. Bonifaz in G. war demnach die erste Anlaufstelle. Es war eine katholische Schule, geführt von Ordensschwestern. Dort gab es auch einen Kindergarten und eine „Vorschule“, um die Kinder auf die erste Klasse vorzubereiten. Viele der hörgeschädigten Kinder hatten damals keinen Wortschatz und konnten oft noch gar nicht sprechen, als sie in die erste Klasse kamen - wenn sie vorher nicht den Kindergarten oder die Vorschule in St. Bonifaz besucht hatten. Es war bei weitem nicht die Regel und nicht selbstverständlich, dass sie so eine gute sprachliche Förderung im Elternhaus erlebt hatten wie ich durch meine Mutter. Als ich zwischen drei und vier Jahre alt war, kam ich in den dortigen Kindergarten.

Ich erinnere mich dunkel an ein paar Eindrücke. An Schwester Aloysia, die sich um uns Kinder kümmerte und immer gut zu uns war. Wir schliefen in einem großen Schlafsaal mit 22 Gitterbetten. Es kann gut möglich sein, dass eine der Schwestern bei uns Kleinen Nachtwache hielt. Wenn ich in den Kindergarten gebracht wurde, war meine Mutter bald wieder weg. Es war unfassbar. Ich heulte jedes Mal und verstand die Welt nicht mehr. Wie die meisten der anderen Kinder musste ich unter der Woche dort bleiben und wurde zu den Wochenenden nach Hause geholt. Allerdings glaube ich mich zu erinnern, dass ich eher „nur“ drei Tage in der Woche am Stück dort war.

Wie erklärt man mir, dem drei- bis vierjährigen Kind, die Dimensionen von Zeit und Entfernung am besten?

Meine Mutter malte eine große Landkarte auf Pappe. Ein paar kleine Häuser auf der einen Seite, ein paar kleine Häuser und die große Schule auf der anderen Seite. Eine schmale, kurvige Straße führte von da nach dort. Dazwischen waren wieder ein paar andere kleine Häuseransammlungen - Dörfer, durch die wir unterwegs fuhren, Wald mit vielen grünen Tannenbäumen, Wiesen, Felder. Sie schrieb die Ortsnamen auf die Karte. Mit diesem Bild vor Augen konnte meine Mutter mit mir über die Fahrt nach G. und die Woche dort sprechen. Es mag ungefähr so gewesen sein: „Wir fahren nach G. Dort musst du erst dreimal schlafen, dann zweimal schlafen und dann einmal schlafen und dann kommst du wieder nach Hause.“ Die Wochentage waren mir halbwegs geläufig. Das Bild hing noch zwei, drei Jahre lang daheim im Kinderzimmer und hat sich aus diesem Grund fest in mein Gedächtnis eingeprägt.

Im großen Schlafsaal kam ich mir unendlich verloren vor und hatte furchtbares Heimweh. Einmal war es besonders schlimm. Denn am Wochenende davor hatte ich daheim eine leere Babypuderdose im Bad entdeckt. Mit der Dose lief ich zum Waschbecken und wollte sie durch die kleinen Löcher unbedingt mit Wasser füllen. Leider perlte das Wasser seitlich immer wieder ab, anstatt durch die Löcher in die Dose zu fließen. Den Deckel bekam ich mit größtem Kraftaufwand einfach nicht ab. Da hatte ich eine besonders gute Idee, lief in die Küche und holte ein scharfes Messer. Damit versuchte ich, den Deckel seitlich abzuschneiden, um die Dose dann endlich mit Wasser zu füllen. Das Messer rutschte dabei ab und ich zog mir einen tiefen Schnitt in meinem rechten Zeigefinger zu. Es blutete sehr stark, ich rannte vor lauter Schreck schreiend und heulend durch das Haus auf der Suche nach meiner Mutter. Dabei fuchtelte ich panikartig mit meiner blutenden Hand in der Luft herum und hinterließ etliche Blutspritzer an den Wänden. Es muss wohl dramatisch ausgesehen haben. Diese Szene wurde übrigens auch in unserem Tagebuch verewigt.

Ich bekam einen dicken Verband um den Zeigefinger gewickelt und diesen Verband hatte ich noch frisch, als ich nach G. gebracht wurde. Da bekam ich aber ein neues Problem, denn zum Einschlafen brauchte ich immer unbedingt meinen rechten Daumen. Erst recht, wenn ich mich unglücklich fühlte und Heimweh hatte. Das ging diesmal wegen dem dicken Verband nicht. Vom linken Daumen wollte ich gar nichts wissen, das war einfach nicht das Gleiche! Daher erinnere ich mich heute noch an diese schreckliche Nacht.

An einem Freitagspätnachmittag sollte ich wie üblich von meinen Eltern mit dem Auto abgeholt werden. Nach und nach wurden alle anderen Kinder abgeholt, der Gruppenraum leerte sich. Es war Winter und draußen war es bereits ganz dunkel. Nur ich alleine war noch übrig und eine Schwester war bei mir. Es war sehr ungewöhnlich. Ich hatte keine Ahnung, warum das so war. So saß ich an einem Tisch mit einem mulmigen Gefühl und malte ein Bild nach dem anderen. Erst spät kamen endlich meine Eltern. Da war ich glücklich und die Welt wieder in Ordnung.

Zu Hause zeichnete meine Mutter in unser Tagebuch ein Bild und schrieb einige kurze Sätze dazu - meine Eltern hatten einen Unfall auf dem Weg nach St. Bonifaz. Bei Eisglätte stießen ihr Auto und ein anderes Auto zusammen. Es gab Blechschaden und zersplitterte Scheinwerfer. Und ich konnte nun ganz klar verstehen, warum es so spät geworden war.

In der Vorklasse, die ein Jahr vor der regulären ersten Klasse lag, und uns auf die Schule vorbereiten sollte, kam ich bereits mit einigen meiner zukünftigen Klassenkameraden zusammen. Den so genannten Vorschulunterricht erhielten wir bei Schwester Fureria. Sie machte unter anderem auch Sprechübungen mit uns. Diese bereiteten mir bei weitem nicht dieselbe Freude wie zuvor mit meiner Mutter. Denn was ich bislang auf spielerische Art kennen gelernt hatte, lief nun vollkommen autoritär ab.

Es kristallisierte sich heraus, dass die kommende erste Klasse ausnahmsweise zum großen Teil aus schwerhörigen Kindern bestehen würde. Meine sprachlichen Fähigkeiten waren viel zu gut, um mich in eine Klasse mit rein gehörlosen Kindern zu stecken und man konnte nicht abschätzen, was für eine Klasse sich im darauf folgenden Jahr bilden würde. So wollte es das Schicksal, dass ich bereits mit fünf Jahren in die erste Klasse kam, und zwar zu Schwester Fureria. Das sollte noch sehr weit reichende Auswirkungen auf meine weiteren Schuljahre in St. Bonifaz haben.

Die ersten Schuljahre

Damals war es in St. Bonifaz üblich, dass die Schüler einer Klasse ihre Klassenlehrerin oder ihren Klassenlehrer von der ersten Klasse an bis zum Hauptschulabschluss durchgehend hatten. Es gab keine Lehrerwechsel. Höchstens in den Fächern Sport oder Handarbeit und Werken bekamen wir andere Lehrer. Man argumentierte, dass die hörgeschädigten Kinder am wenigsten Schwierigkeiten hätten, wenn sie über die ganzen Schuljahre hinweg denselben Klassenlehrer behalten würden. Sie könnten auf diese Weise am besten gefördert werden. Erstens würde der Klassenlehrer die einzelnen Schüler seiner Klasse mit all deren Stärken und Schwächen am besten kennen. Zweitens wäre das für die Kommunikation wichtig und die Schüler müssten sich beim Ablesen vom Mund nicht an unterschiedliche Mundbilder von verschiedenen Lehrern gewöhnen.

Wir waren bei der Einschulung im August 1970 elf Schüler. Ein Klassenfoto erinnert an diesen Tag. Die Eltern waren nicht dabei. Im Nachhinein fällt mir auf, dass wir keinen Schulranzen bekamen. Den brauchte man in St. Bonifaz nicht. Das Klassenzimmer und die Internatsräume befanden sich im selben Gebäude und lagen höchstens ein Stockwerk auseinander.

Nun lernten wir das Lesen, Schreiben, Rechnen - was so alles in der ersten Klasse dazugehört. Schwester Fureria unterrichtete uns von Anfang an in allen Fächern.

Obwohl wir an einer Schule für Gehörlose waren, war die Gebärdensprache im Unterricht vollkommen tabu. Das galt auch für alle anderen Klassen an der Schule. Dem Sprechen und dem Ablesen vom Mund wurde ein sehr hoher Stellenwert beigemessen, egal, wie gut oder wie schlecht das Kind eigentlich sprechen konnte. Mir selber machte das Verbot der Gebärdensprache gar nichts aus, denn ich hatte durch meine Mutter von ganz klein auf beste Startbedingungen in die Sprache gehabt. Ich konnte sprechen, lesen und gut vom Mund absehen. Da meine Eltern ohnehin keine Gebärdensprache kannten und die Kommunikation mit mir so auch gut funktionierte, hatten sie sich nie Gedanken darüber gemacht. Ich konnte die Gebärdensprache nicht einmal ansatzweise. Es gab jedoch einige Mitschüler, die sehr gerne gebärdet hätten und dies nur heimlich taten. Wurden sie dabei ertappt, wurden sie ausgeschimpft und manchmal gab es Schläge mit dem Lineal auf die Hände.

Der Unterricht in St. Bonifaz wurde ausschließlich in Lautsprache abgehalten. Inwieweit das einzelnen Schülern geschadet oder genützt haben soll, vermag ich heute nicht zu beurteilen. Die heftigen Diskussionen in der Hörgeschädigtenszene über das Für und Wider der Gebärdensprache bekam ich erst viele Jahre später mit. Da wurde mir allmählich bewusst, wie viel Konfliktpotenzial in diesem Thema liegt. Unbestritten ist für mich jedoch, dass es vor allem für stark Hörgeschädigte und auch Gehörlose sehr wichtig ist, sich in der Umgebung der Normalhörenden lautsprachlich äußern zu können und in der Schriftsprache fit zu sein. Das verschafft einem einfach ein gutes Stück Unabhängigkeit trotz der Hörbehinderung. Aus heutiger Sicht kann ich da nur aus eigener Erfahrung sprechen. Wenn sich aber herausstellen sollte, dass die Hürden für das Erlernen der Aussprache und des Absehens von den Lippen für den Einzelnen jedoch zu hoch sein sollten, könnte das Hinzuziehen der Gebärdensprache - auch zur reibungsloseren Wissensvemittlung - durchaus sinnvoll sein.