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Utz Rachowski gehört zu den größten Lyrikern und Essayisten, die wir gegenwärtig im deutschsprachigen Raum haben. Er genießt auch international außerordentlich hohes Ansehen, seine Bücher wurden und werden vielfach übersetzt. Regelmäßige Lehraufträge und Vortragsreisen führen ihn an amerikanische Universitäten. In Polen, das ja bekanntermaßen eine ausgeprägte und anspruchsvolle Lyriklandschaft besitzt, finden seine Veröffentlichungen weite Verbreitung. Sein neuer Essayband vereint eine thematisch beeindruckende Vielfalt von Reden, Aufsätzen und Portraits, die – bisweilen verblüffend, aber immer mit großer Klarheit – die Vergangenheit unbestechlich mit der Gegenwart verknüpfen. Zum ersten Mal veröffentlicht er außerdem seine Briefe, die er im Gefängnis geschrieben hat.
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Seitenzahl: 368
Veröffentlichungsjahr: 2019
Utz Rachowski
Die Lichter, die wir selbst entzünden
Essays – Reden – PortraitsBriefe aus dem Gefängnis
Mit einem Nachwort von Ewa Matkowska und Magdalena Latkowska
P & L EDITION
Gedruckt mit Unterstützung der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Berlin.
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das Recht der mechanischen, elektronischen oder fotografischen Vervielfältigung, der Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen, des Nachdrucks in Zeitschriften oder Zeitungen, des öffentlichen Vortrags, der Verfilmung oder Dramatisierung, der Übertragung durch Rundfunk, Fernsehen oder Video, auch einzelner Text- und Bildteile.
Copyright © 2019 bei P&L Edition, ein Imprint von Bookspot Verlag GmbH
1. Auflage
Lektorat: Ewa Matkowska
Korrektorat: Sylvia Kling
Satz/Layout: Martina Stolzmann
Covergestaltung: Martina Stolzmann
E-Book: Mirjam Hecht
Titelmotiv: Thomas Beurich
Druck: CPI – Clausen & Bosse, Leck
Printed in Germany
ISBN 978-3-95669-106-5
www.bookspot.de
»Wenn uns das Begreifen zugänglich ist, dachte er, dann nur im Augenblick des Mitgefühls.«
Czesław Miłosz, Am Ufer des Flusses, Krakau 1994
Impressum
Zitat
I Vor-Bilder
UNSERE JUNGS!
ANGST / TAGEBUCH / ZWEITER ATEM Über Victor Klemperer
DER SINNGEBER
Jürgen Fuchs zum 65.
II. POLEN, IN DEINEN GEFESSELTEN ARMEN
JÜRGEN FUCHS KOMMT NACH POLEN
Meine Reise nach Polen
DER KASTANIENBAUM DER EDITH STEIN
VERWANDLUNGEN
BRIEFE AUS DEM GEFÄNGNIS
MEINE LAGER GIEßEN UND MARIENFELDE NOVEMBER 1980
WIE WIRD MAN EIGENTLICH EIN STAATSFEIND?
DER PUNKT AUF DEM »i«
VORAN! TYP I-III
Zur Frage der DDR-Literatur
Wie ich die große Dichterin Helga M. Novak verpasste …
Ein Wort zu Wulf Kirsten
FREIHEIT!
Ein Transatlantisches Gespräch über deutsche Verhältnisse mit Frederick A. Lubich, Virginia
DIE LICHTER, DIE WIR SELBST ENTZÜNDEN
DIE GLÜCKLICHE MELANCHOLIE
DAS SCHWEIGEN – JESUS TRIFFT SEINE MUTTER
DAS GEHEIMNIS DES WIDERSTÄNDIGEN
PLÖTZLICHKEIT DER EREIGNISSE
DER MALER FANTA FÜHRTE MICH AUS
MÖRIKES MURMELN
III PRAXIS
IV NACH-BILDER
Nachwort
Danksagung
Weitere Titel
Eine Lese-Erfahrung mit Victor Klemperers Buch LTI
Den ersten Anstoß zur Lektüre von Victor Klemperers Buch LTI bekam ich von Jürgen Fuchs schon im Januar 1970, gerade 16 Jahre alt geworden. Jürgen Fuchs war wahrscheinlich von seinem Lehrer Gerhard Hieke auf das Buch hingewiesen worden. Ich begriff wohl sofort die offensichtliche Parallelität des Beschriebenen zur Realität meiner Gegenwart, »Volksgemeinschaft/Menschengemeinschaft«, der Abkürzungswahn beider Diktaturen.
Vor allem auch diese Lektüre und die der Erzählungen von Heinrich Böll über dessen Schulzeit und Armeedienst unter den Nazis führten zu meiner frühen inneren Ablehnung des politischen Systems, unter dem ich aufwuchs. Mit 16, etwa einen Monat nach der ersten Lektüre von LTI, schrieb ich ein »10-Punkte-Programm« zur Veränderung der Verhältnisse in der DDR, das bei meiner Verhaftung neun Jahre später bei der Hausdurchsuchung gefunden wurde. Daraus machen wir Ihnen den HOCHVERRAT, brüllte ein Vernehmer in den ersten Tagen meiner Haft. Später wurde dieser Anklagepunkt nicht aufgestellt, Verjährung und mein jugendliches Alter bei der Niederschrift wurden als Gründe genannt. Victor Klemperers Buch hatte zumindest zu meiner schnelleren intellektuellen Radikalisierung beigetragen.
Sechs Jahre später, nach langer »Bewährung in der Produktion« und Armeezeit wurde ich unter glücklichen Umständen an der Arbeiter-und- Bauern-Fakultät an der Bergakademie Freiberg angenommen, um mein Abitur nachzuholen (ich war mit 17 von der Oberschule relegiert worden wegen der Gründung eines Literatur- und Philosophie-Clubs, auch deshalb, weil ich mich nicht von meinem Freund Jürgen Fuchs lossagen wollte, was man von mir verlangte). Im September 1975, eine neue Auflage von LTI war wiederum bei Reclam Leipzig erschienen, hatte ich mehrere Exemplare für Freunde gekauft und diese Exemplare nach der Mittagspause mit in den Unterricht gebracht, was mein Deutschlehrer, ein eher gutmütiger Mensch, rein zufällig bemerkte (ich wies ihn nicht etwa auf das Buch hin). Er bat mich, ohne nach den Gründen für mein Interesse an diesem Buch weiter zu fragen, einen Vortrag darüber und Victor Klemperer zu halten.
Ich begann eine Gratwanderung, einerseits wollte ich zeigen, dass das, was jeden Tag in den Zeitungen stand, sprachlich adäquat den von Klemperer der LTI zugewiesenen Kriterien in Diktaturen entsprach. Aber ich wollte auch nicht schon wieder verrückt sein und aus dem Studium fliegen. Also nahm ich nach einer etwa 30-minütigen Einführung, bei der ich mit Beispielen Klemperers aus dem Buch selbst arbeitete, dann das NEUE DEUTSCHLAND genau dieses September-Tages zur Hand und wies an Beispielen des Sport-Teils nach, dass diese Sprache weiterhin existiert, auch in der DDR, und gab abschließend auch den Hinweis Klemperers weiter auf eine LQI (Sprache des Vierten Reichs). Den politischen Teil dieser von mitstudierenden Partei-Heinis meiner Seminar-Gruppe als »heilig« (siehe LTI) geachteten Zeitung NEUES DEUTSCHLAND ließ ich wohlwissend in meinem Vortrag außen vor. Ein Mitstudent sagte in der Diskussion nach meinem Vortrag, ganz hörig seiner Ideologie, diese meine vorgelegten Zeitungsbeispiele seien ja lediglich Rudimente einer bürgerlichen Sprache, die es mit dem Aussterben dieser Bewohnergruppe in der DDR bald nicht mehr geben würde …
An eines jener Zitate aus der Staatszeitung dieses Septembertages erinnere ich mich genauestens, es war eine Schlagzeile, betreffend die sogenannte »INTERNATIONALE FRIEDENSFAHRT«, die sich lediglich auf drei, natürlich sozialistische Länder erstreckte, sie hieß: »UNSERE JUNGS STÜRMEN BRAVOURÖS DIE GIPFEL DER TATRA«.
31.08.2012
Präambel
Zum verdienstvollen Victor-Klemperer-Colloquium des Mitteleuropa-Zentrums der Universität Dresden 2013 durfte ich in der Abschluss-Diskussion einige Gedanken hinzutragen. Einige davon möchte ich hier wiedergeben und ein paar weitere lose dazufügen, ohne jeglichen wissenschaftlichen Apparat. Ich weiß nicht, ob es nützliche sind. Ich weiß nur, was ich weiß: Angst, Tagebuch, zweiter Atem.
ANGST
Während der Tagung, den Tagen des Colloquiums, unter dem Eindruck der Beiträge der eingeladenen Wissenschaftler und mitwirkenden Schriftsteller-Kollegen befiel mich tiefes Mitleiden mit dem »Gegenstand« ihrer Vorträge, der Person Victor Klemperers. Und dessen Familie. Hinter den Analysen, Betrachtungen zu seinem Werk und Schilderungen zum wissenschaftlichen Stellenwert als Romanist, sah ich fortwährend den Menschen Victor Klemperer. Ich litt buchstäblich mit ihm, und selbst seine mir seit langem bekannten Werke »LTI« und die Tagebücher gerieten mir außer Sicht, unter meinem persönlichen Blick.
Mein Kollege, der Germanist und Schriftsteller Jörg Bernig hat in seinem Aufsatz, den er beim Colloquium vortrug, länger aus meinen Betrachtungen zitiert, die meine erste Lektüre von »LTI« betreffen und auch mein damaliges Umfeld geschildert: Schüler auf dem Weg zum Abitur, an derselben Oberschule im Vogtland, in die auch Jürgen Fuchs ging.
Das Thema Widerstand, das Thema Angst ist angesprochen. Neben der Lektüre der Schriften Victor Klemperers, die uns natürlich, völlig natürlich, auf die seit früher Jugend von uns wahrgenommenen und erkannten Parallelen zu dem von uns Erlebten führten und unübersehbar hinwiesen (das wurde von anderen Beiträgern des Colloquiums ausführlich mit Beispielen illustriert), war da neben dem Erkennen und Einordnen immer auch noch etwas anderes, und vielleicht logische Folge der steigenden Intensität unseres Lesens und Begreifens: wachsende Angst.
Ich zumindest erlebte dies schließlich als Dauerzustand, als Lebensgefühl, das mich zeitlebens nicht mehr wirklich verlassen sollte. Aber die Verfolgungen gegen uns waren nicht auf den Tod, auf unsere Tötung ausgerichtet. Wie die gegen Victor Klemperer. Ich erinnere mich genau, dass ich zum ersten Mal wirklich aufatmete, es für kurze Zeit konnte, beinahe angstfrei, als ich ins Gefängnis eingeliefert wurde. Das Anonyme war weg, das drückend Schwebende des Unbestimmbaren, die qualvollen Fragen: Was wird kommen? Was werden sie tun mit uns? – das hatte ein Ende. Bis der eiserne Himmel der Gefängniswelt auf uns herabkam.
Victor Klemperer hatte nie und keinen einzigen dieser Momente des Aufatmens. Eine zunehmend schnürende Garotte drehte langsam Hals und Seele zu. Ich halte dieses Bild nicht für Kitsch. Der in Angst Lebende bedient sich klassischer Bilder, weil die für ihn immer grelle und tägliche Situation der Verfolgung neu ist, und adäquate Beschreibung dafür noch nicht gefunden ist. Das kommt immer danach. Dann lässt sich authentisch oder auch schwadronierend darüber reden, je nach Berufsgruppe – die Opfer aber, je nach Beteiligung, schweigend oder stammelnd über Jahrzehnte.
Kurz vor meiner Verhaftung las ich in Leipzig das »Breslauer Tagebuch« von Walter Tausk, jemand aus meinem Umkreis war schon Tage zuvor abgeholt worden und nicht wieder heimgekehrt, ich wusste, dass ich in allernächster Zeit »dran« sein würde. Holen statt verhaften, Klemperer nennt sie Schleierwörter. Evakuieren statt Deportation. Letzteres hatte ich nicht zu befürchten, dachte ich, als ich die täglichen Aufzeichnungen von Tausk las, die Garotte, die, ich erlaube es mir zu sagen, auch wenn es von nicht Betroffenen belächelt werden wird, sich parallel mit der Lektüre auch für mich zuzog. Ein körperliches Gefühl, das wohl schwer zu beschreiben ist, und das Ein-Weinen-Nach-innen begleitet. – »Jetzt jammern die schon wieder«, wird der nachgeborene oder der generationsgleiche Wissenschaftler denken, »sie stilisieren sich wieder mal als Opfer«, und ich will sagen: Bürschlein, wir haben’s den Verfolgern gegeben! Das »Breslauer Tagebuch« sank ausgelesen auf meinen Schoß in Leipzig, im Gedächtnishintergrund schon lange auch Klemperers LTI, ging ich los, um meine Manuskripte zu verstecken, eine Freundin war zu Besuch und sie lachte, als ich mir eine lange Zeit aufbewahrte 130er Zigarre anzündete, die Typo- und Manuskripte sorgfältig in der Wohnung einsammelte und sagte: Sie sind hinter mir her.
Diese Angst, innen und außen, und dann doch vom Sessel aufstehen, nachdem man verstanden hat, gewarnt wurde über die Jahrzehnte hinweg durch in anderer Zeit verfolgte Kollegen, Victor Klemperer und Walter Tausk, die für kommende Generationen vorsorglich ein paar »Rezepte« für Gegenwehr anmischten: gut verstecken, vergraben, zu zuverlässigen Freunden bringen.
Wer durch Macht legitimiert, Angst zufügt, ist immer ein Täter. Ich will nicht mehr unterscheiden zwischen der konkreten Todesangst kurz vor dem Fallbeil, der anonymen der Verfolgten, Deportierten und Inhaftierten, der Soldaten kurz vor der Schlacht und der Erniedrigten und Beleidigten von heute.
Es wird nicht aufhören, aber es reicht. Den Menschen Angst zu machen mittels politischer Macht, weltweit, das soll aufhören.
Über soviel Naivität eines persönlichen Wunsches darf nun gegrinst werden.
TAGEBUCH
»Man kann nicht normal leben in anormaler Zeit.« Schrieb Victor Klemperer in sein Tagebuch.
Im Abschlussgespräch des Colloquiums zitierte ich mich, womöglich unangemessen, wiederum selbst:
»An den einsamen Abenden das Schweigen erlernen, geduldig, wie eine zweite Sprache«.
Das ist der erste Satz eines Tagebuches, das ich seit 1980, soeben nach Westberlin ausgebürgert, führte. Ein früheres, in der DDR begonnenes, ist verschollen, beschlagnahmt bei einer Hausdurchsuchung parallel zu meiner Verhaftung. Man fand es in der Wohnung meiner alten Mutter.
Tagebücher mag ich und lese sie gern: Hebbels »Der einsame Weg« und die Cahiers Albert Camus’ allen voran. Kafka und Max Frisch nicht zu vergessen. Sorry, nicht Maxi Wanders behäbige Geschwätzigkeit und keine Brigitte Reimann. Aber Walter Kempowskis Echoloterei! Cornelia Goethe leider verpasst …
Victor Klemperers Manuskript LTI, als dessen »Balancierstange über dem Abgrund«, entsteht aus seiner Arbeit zu den Tagebüchern 1933-1945: »Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten.« Das bedarf keines Kommentars eines Nachgeborenen. Nur kurz will ich sagen, dass ich 1980, nur zwei Tage aus dem Gefängnis entlassen, in Westberlin mich an den Schreibtisch von Lilo Fuchs, der Frau von Jürgen Fuchs, setzte und mit meinen Bleistiftaufzeichnungen begann, die dann »Mein Gefängnis« heißen würden. Später folgten die Erzählungen über Schicksale einzelner politischer Häftlinge, die ich in den 14 Monaten meiner Haft kennengelernt hatte. Als ich zwei Jahre später zum ersten Mal daraus las, im Askanischen Gymnasium in Tempelhof, schrie mir der anwesende Studienrat der Klasse dazwischen, er ließe sich nicht drei Jahre Unterricht von mir kaputt machen. Einige Schüler verteidigten mich. Ich war siebenundzwanzig Jahre alt und saß still und sprachlos zwischen allen Stühlen.
Ein Zitat, das beispielhaft und sogleich die Basis des Tagebuch-Programms Klemperers beschreibt:
31. März, Dienstag
Die Sprache bringt es an den Tag. Bisweilen will jemand durch Sprechen die Wahrheit verbergen.
Aber die Sprache lügt nicht. Bisweilen will jemand die Wahrheit aussprechen. Aber die Sprache ist wahrer als er. Gegen die Wahrheit der Sprache gibt es kein Mittel. Ärztliche Forscher können eine Krankheit bekämpfen, sobald sie ihr Wesen erkannt haben. Philologen und Dichter erkennen das Wesen der Sprache; aber sie können die Sprache nicht daran hindern, die Wahrheit auszusagen …
Tagebuch 1942
Genauigkeit und Details sind die Grundlage seiner Arbeit, die Gründlichkeit, Beschreibung des täglich Erlebten, der Wirklichkeit, in der es »kein wirkliches Leben (gibt), im falschen«, wie Adorno sagt.
Ein Beispiel:
2. Dezember
Am Sonntag, 13.11.
fuhren wir nach Leipzig zu Trude Öhlmann … Sie erzählte, wie in Leipzig die SA angetreten sei, Benzin in die Synagoge und ein jüdisches Warenhaus gegossen habe, wie die Feuerwehr nur die umliegenden Gebäude schützen durfte, den Brand aber nicht zu bekämpfen hatte, wie man dann den Warenhausbesitzer als Brandstifter und Versicherungsbetrüger verhaftete … Trude zeigte uns ein offenes Erkerfenster ihr gegenüber. So steht es seit Tagen offen; die Leute sind »geholt «worden. Sie weinte, als wir abfuhren. Unterwegs gaben Evas Nerven immer mehr nach; ein Abendbrot in Meißen half wenig, zu Haus bekam sie einen Schreikrampf …
Tagebuch 1938
Und die von den täglichen Beobachtungen abgeleiteten Erkenntnisse werden Analyse.
Ein Beispiel:
3. April, Montagabend
Alles, was ich für undemokratisch gehalten habe, Brutalität, Ungerechtigkeit, Heuchelei, Massensuggestion bis zur Besoffenheit, alles das floriert hier …
Tagebuch 1933
Stetigkeit, Entschlossenheit, das Tagebuch, seine Analysen als Beobachter weiterzuführen.
Ein Beispiel:
21. Juli, Freitag gegen Abend
Ich will bis zum letzten Augenblick weiter beobachten, notieren, studieren. Angst hilft nicht, und alles ist Schicksal.
Tagebuch 1944
Victor Klemperers fortgeführte Tagebücher von 1945 bis 1959 aber stehen unter dem ebenfalls programmatischen Titel, der seine Position in der Nachkriegszeit und in der DDR exakt widerspiegelt: »So sitze ich denn zwischen allen Stühlen«.
ZWEITER ATEM
»Je länger das ›Dritte Reich‹ tot ist, umso heftiger wird der antifaschistische Widerstand«, das Zitat ist von Henryk M. Broder und hat sich hierher nicht verirrt. Es meint die Heutigen, die leicht zu reden haben.
Ich würde der Germanistik und auch den politischen Sonntagsrednern dringlich vorschlagen, ihren Begriff der »Dissidenten«, unter dem Autoren wie ich rubriziert werden, einmal zu überdenken. Denn es war doch gerade diese Gruppe von ausgebürgerten oder inhaftierten Schriftstellern, die in der neuen Bundesrepublik nach 1989 bis weit in die 90er Jahre hinein die Diskussionen anregte. Auch über den Verrat der Intellektuellen unter Diktatur oder zumindest über deren partielle Beteiligung am System, jenen, die der Unterdrückung des freien Wortes zum Fortbestand halfen und das politische System, von dem sie ausging, legitimierten. »Dissidenten« seien daran zu erkennen, dass, nachdem sie sich an ihrem Land gerieben und ihr Schicksal erlitten, nicht mehr fähig wären, sich ebenfalls kritisch an ihrem neuen Gastland oder, wie konkret im Falle meiner Generation, an dem neuen, wiedervereinigten Deutschland abzuarbeiten. So z. B. der Feuilletonchef der Chemnitzer »Freie Presse«, als er Mitte der 90er Jahre der »kurzlebigen Literatur der Dissidenten« (gemeint waren wir Ausgebürgerten) die Werke des Chemnitzer Stefan Heym gegenüberstellte. Die Realität der letzten 20 Jahre zeigt das Gegenteil und verweist diesen Vorwurf ins Reich einer praktikablen Ideologie von Leuten, die, wenn man genau prüft, sich jeglicher Kritik und politischer Konfrontation enthielten und entzogen. Ins Private und/oder ins Ästhetische. So ist es wahrlich kein Zufall, dass ich 1995 dem P.E.N.-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland beitrat und nicht dem deutschen P.E.N. – aus »ästhetischen« Gründen sozusagen.
Offensichtlich tatsächlich nunmehr zwischen alle Stühle geraten, hat Victor Klemperer neue Ansätze für eine Kritik an den ihn neu umgebenden Verhältnissen in der DDR nur marginal gefunden. Vereinzelt, vereinsamt, isoliert, benutzt, schwankend, verwirrt durch das nicht Erwartete der neuen Machthaber, deren offen verkündete Vernichtung des Bürgerlichen unter der Diktatur (eines nicht näher definierten) Proletariats, das aus lauter »Antifaschisten« bestand, schrieb er und beschrieb doch nicht wirklich, im Detail, eine Sprache des »Vierten Reiches«, LQI. Dessen wäre er singulär fähig gewesen. Die Katastrophe der Vernichtung des Bürgertums hatte er an seinem Beispiel, an der Vernichtung des bürgerlichen Judentums in Deutschland schon einmal erlebt. Aber, ich denke, es gibt die fortbestehende, und in dieser neuen deutschen Diktatur, die ihm gegenübertrat, sehr begründete Angst des Verfolgten der vergangenen nazistischen Diktatur, die er und seine Familie nur knapp überlebte. Den über 12 Jahre am Rande des Todes Geschundenen war kein zweiter Atem beschieden. Ihre Einlassungen zu den neuen Varianten von Unterdrückung im Namen einer anderen Ideologie fehlen heute. Wie sehr. So bleibt ihr Leben Tragödie.
Nachsatz: Seltsam, ich weiß nicht genau warum, aber mich tröstete erheblich, Victor Klemperer auf dem Colloquium der Universität Dresden auch als früh schon bedeutenden ROMANISTEN dargestellt und beschrieben zu finden. Das hatte ich so genau nicht gewusst. Es ist gut, einen zweiten Job zu haben, dachte ich mir, wenn einem politisch der Atem abgedrückt wird.
Für alle Fälle bin ich Elektriker.
Reichenbach/Vogtland im Frühjahr 2013
Meine wunderbaren Jahre mit Reiner Kunze – als Leser, Mitwirkender und Kollege (Festrede zum 80. Geburtstag von Reiner Kunze; Universität Dresden im Juni 2013)
I
In einem Nachbarland meiner frühen Jugend geschah eines Tages ein Wunder. Dort wurden plötzlich Reisefreiheit, Streikrecht und eine interessante Presse möglich, die Tschechen und Slowaken durften mit einem Mal, nach München, Wien und Paris fahren. Ich war vierzehn, und die Erwachsenen unterhielten sich aufgeregt darüber. Da wusste auch ich es, und alle, die darüber redeten, fühlten sich betrogen und sprachen es aus.
In einer Nachbarstadt, nur über den kleinen Friesener Berg, keine zwanzig Minuten mit dem Linienbus von meiner Heimatstadt entfernt, damals kostete es 70 Pfennige, gibt es die schöne Stadt Greiz.
Was ich von Greiz weiß
Von Greiz weiß ich, was ich erinnere: Sonnentage. Gemeinsam mit der Großmutter im Bus über Friesen zu einer fernen Verwandten, die im Oberen Schloss wohnte. Der Blick von dort aus dem Fenster über den Park hinweg und die spiegelnde Teichfläche. Pflaumenkuchen auf dem sonnenüberfluteten Tisch; Kaffeetrinken, für mich Kakao, die beiden alten Damen vergnügt, stießen an mit einem Glas dunklen Likörs. Dann hinunter in den Park, die Blumenuhr, aber ich erinnere eine Sonnenuhr mit einem wandernden Schatten, der auf gelbe und blaue Veilchen fiel, hier, lasse ich mir sagen, trügt meine Erinnerung. Ein paar Schritte auf den Parkwegen, ich stecke den Kopf durch die Gitter eines Pavillons aus ergrautem Stein, menschenvergessen, ungepflegt, und atme die modrige Luft des runden Raumes. Hier lebt ein Mann auf den Knien, einen Stahlhelm auf seinem Kopf. »Er fällt gerade«, sagt meine Großmutter und zieht mich weg vom Gitter. »Warum?«, frage ich. »Viele sind gefallen«, sagt sie. Mit einer Wendung stehe ich wieder inmitten der Sonnenwelt.
Weiter dem Teich zu, Grün um Grün, am Ufer die Wurzeln der Bäume, wie erdbewohnende Koboldsköpfe, lustig, gutartig, keine irrlichternden Gnome und böse, wie an den Mooren. Erdbewohner würden später immer diese verspielten Wurzeln sein, die Gegenwelt der Menschen, der Erdenbewohner.
Das Entenhaus auf dem Wasser, eine vollständig gelungene Illusion, mit gemalten Fenstern, sogar Gardinen angedeutet, gelungen so sehr, dass ich dort einziehen will, mein Traumhaus. Als ich, vielleicht dreißig Jahre später, davon zehn Jahre Einreiseverbot, wieder davorstehe, bleibt mein Eindruck erhalten, auch mein Wunsch und mein Traum. Inzwischen etwas kurzsichtig, sehe ich wohl das Entenhaus, schwebend auf dem Wasser, aber nicht die gemalten Fenster und Türen, möchte auch heute dort wohnen, die Illusion bleibt vollkommen. Nicht im Schloss, dessen Bild stetig durch die hohen Parkbäume zitterte, dort unten am Teich wollte ich leben. Und an diesem durchsonnten Kindernachmittag, erinnere ich mich ungetrübt, kaufte mir die ferne Verwandte der Großmutter in einem Blumenladen nahe am Park noch etwas, was ich unbedingt besitzen wollte: einen kleinen goldenen Drachen aus Metall, an dem wie eine Ampel ein chinesischer Lampion hing, um den eine Temperaturskala lief, ein Wandthermometer. Später habe ich das gläserne Thermometerröhrchen zerstört, indem ich ein brennendes Streichholz daran hielt, weil ich beobachten wollte, wie es ist, wenn die Temperaturanzeige über fünfzig Grad hinausgeht. Es machte nur einen winzigen Klick, und das Thermometer um den chinesischen Lampion war zerstört und gebrochen.
Dann, ich war noch immer vierzehn, kam ein unvergesslicher Sommer, viele meiner Freunde und Bekannten sagen noch heute, dass er das Grunderlebnis für unsere Generation sei. Es begann damit, dass in den Zeitungen stand, auch in der Schule wurde darauf verwiesen, dass das Betreten der Wälder verboten sei, weil dort eine militärische Übung größeren Ausmaßes stattfinden würde. Also nichts mit Pilzesammeln, Großmutter schimpfte, schob ihren Bastkorb früh um fünf Uhr in ihre Ellbogenbeuge und zog auch mich verschlafen mit aus dem Haus. Wir wollten Pilze suchen und fanden Panzer. Schon am Waldrand wurden wir in einer fremden Sprache weggebrüllt, ich sagte Großmutter, dass das Russisch sei, und sie erwiderte, das kenne sie auch, in ihrer Kindheit in Zduńska Wola bei Posen hätte sie es in der Schule lernen müssen, so wie ich, sagte ich schnell. Wir gingen nicht mehr in den Wald.
Bis zu jenem Tag, als der Vulkan nachts ausbrach und lavafarbene Fuhrwerke aus Stahl ausspie, auf denen graugrüne Soldaten ritten, zwei, drei Tage lang, dann war es still. Die Asphaltstraßen zermalmt, die Pflastersteine an den Straßenrändern aufgehäuft wie wachsende Mauern. Die Bevölkerung, die Nachbarn aus den Gärten neben uns hatten schweigend zugesehen, gewinkt nur wenige, manche den Soldaten mit der Faust gedroht. Auch deutsche Soldaten waren am zweiten Tag lange vorübergezogen. Ihre Panzer, Kanonen und Lastwagen glänzten poliert, mit besserem Lack gestrichen als die russischen, sauberer. Was man heute in der geklitterten Geschichtsschreibung der Historiker wiederfindet, es handelt sich um die offizielle Geschichtsschreibung: Bis auf 14 Verbindungs-Offiziere und -Unteroffiziere seien keine Deutschen beteiligt gewesen. Ich traf westdeutsche Augenzeugen, die mindestens 70 Schützenpanzer mit DDR-Kennung auf böhmischem Gebiet sahen und mit den Soldaten deutsch sprachen. Es ist so etwas wie mein Hobby geworden, so nebenbei also: Voriges Jahr fand ich einen ehemals beteiligten Soldaten der »Nationalen Volksarmee«, der an der Grenze in Altenberg 1968 die tschechischen Grenzsoldaten entwaffnete und danach die von Panzern niedergewalzten Grenzanlagen, auch die zerquetschte, blau-weiß-rot bemalte, lange Metallstange des Schlagbaums zur Seite räumte. Die Historiker haben die Bedenken einer deutschen Beteiligung auf tschechischem Gebiet bedenkenlos beiseite geräumt, mir scheint, dahinter steckt ein politischer Wille, es darf nicht sein, dass die Deutschen schon wieder mal in Böhmen einfielen. Wer, wie ich, das Gegenteil mittels Augenzeugen beweisen will, wird scharf angegangen, das ist mir zum letzten Mal passiert vor sechs Jahren (2007) in Pennsylvania am Dickinson College, natürlich war es der deutsche Literatur-Professor im Publikum, Wolfgang Emmerich, der dort nach meiner Lesung an diesem Punkt herumnörgelte. Mein Freund, der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich, sagte zu mir: »Mach dir keine so großen Gedanken darüber, er musste seine Bücher umschreiben nach 1989, wir nicht«. Schließlich hatte der Verfasser von »Kleine Literaturgeschichte der DDR« die meisten Namen kritischer Autorenkollegen meiner Generation erst nach dem Fall der Mauer nachträglich in die neuen Auflagen seines Lexikons einmontiert. Darüber kann man sich verstreiten und auch wieder versöhnen, denke ich, und ein wenig die Finger in diese Wunde zu legen während einer Festrede in den heiligen Hallen der Germanistik, kann vielleicht nicht schaden.
»LXXI
IN DEN SCHEUNEN TROCKNET AUF-
GEHÄNGTE STILLE
DIE BÄREN MEINER TRÄUME NAHMEN
ALLE BIENENSTÖCKE AUS
DIE ZEIT BLIEB STEHN IN FERNER ZUKUNFT
UND BLEIBT VERGANGEN AUF DER TENNE
HINTERM HAUS«
Das ist eine Strophe von Jan Skácel, tschechisch erschienen in der Edition »edice petlice«. Übersetzt von Reiner Kunze, wie das folgende Gedicht von Ludvík Kundera auch:
»Und wieder bin ich unhörbar, unhörbar wie das licht.
So bis ins einzelne befasse ich mich mit der stille,
dass ich, dem tastsinn folgend, die angst durchschneide.
Die fremde und die eigene.
Und deshalb scheint’s ich gehöre zu ihnen,
wenn blinde sich umdrehn.
Gemeinsam ziehen wir im finstern uns durchs nadelöhr.«
Die Historiker haben lange gebraucht, um sich zu einigen, dass an der Okkupation der Tschechoslowakei nicht, wie über Jahrzehnte behauptet, 500 Tausend ausländische Soldaten beteiligt waren, sondern eine knappe Million. Vielleicht finden sie noch die deutschen Invasoren darunter, die, so mag es gewesen sein, ohne Befehl im Chaos der Okkupation auf tschechischen Boden gerieten und dann zurückgezogen wurden. Zumindest wäre dies die Erfüllung der Träume eines Walter Ulbricht.
In meiner Kindheit gab es die schöne Stadt Greiz. Mit zwei Schlössern, einem märchenhaften Park und dem großen Ententeich. Dort wohnte Reiner Kunze, und ich wusste es nicht. Erst musste der Vulkan ausbrechen, der Panzer spie, elf Tage danach kam ich an die Goethe-Oberschule in Reichenbach, drei Wochen später, mit langem schwarzem Haar, der Staub der fünf Armeen des Warschauer Pakts schwebte noch in der Luft, begegnete ich Jürgen Fuchs. In der Turnhalle bei einem Volleyballspiel.
Die Klasse 12B3, in die Jürgen ging, hatte 9B3 gerade mit drei zu zwei Sätzen beim Volleyball-Turnier der Goethe-Oberschule geschlagen, und ich war stinksauer, ich war der Mannschaftskapitän der Verlierer. Ich setzte mich auf eine der längs am Spielfeld stehenden Holzbänke der Turnhalle und senkte den Kopf. »Na, Sexer (abgeleitet von Sextaner, von Sexta), willst du nicht eine rauchen gehen aufs Klo?«, sagte eine Stimme neben mir. Ich sah auf und erkannte den 12er neben mir auf der Bank, der mich vorige Woche in der großen Pause auf der Toilette aufgestöbert und beim Rauchen erwischt hatte. Ich kannte ihn schon vom Stadtbild her und wusste jetzt schon, wie er hieß.
»Der Fuchs verpfeift dich nicht, da brauchst du keine Angst zu haben«, sagte ein Klassenkamerad zu mir, der ihn von der gemeinsamen Grundschule her kannte. Er sollte recht behalten, »der Fuchs« verpfiff mich nicht. »Im August habe ich dich gesehen«, sagte Jürgen jetzt grinsend auf der Bank, »du hast eine tschechische Fahne in den Speichen deines Vorderrades gehabt, das hätte schiefgehen können, mit deinem schönen neuen Diamant-Rad.« Wieder lachte er. Auch er hatte mich offenbar in der Stadt schon wahrgenommen. »Hab ich von meiner Oma gekriegt«, sagte ich, »als ich auf die Oberschule durfte.« »Und die Fahne?«, fragte er. »Aus einer Girlande gerissen, beim Sommerfest.« »Und wie kamst du drauf?« »Mein Bruder«, sagte ich, »hat mir alles erzählt, warum dann die Panzer kamen, auch vorher schon, Rudi Dutschke, was im Mai in Frankreich los war.« »Hat dein Bruder noch den alten Direktor gehabt?« »Ja«, sagte ich, »noch Buchta.« »Du musst aufpassen«, sagte er, »Übel, der neue, ist gefährlich, Kadettenschüler, Major der Reserve, hat gleich Ordnungsgruppen gebildet und rote Armbinden ausgegeben. Lehrer wie Kießling, Rammler, Werlich, weißt du, von wem die freundschaftlichen Besuch kriegen, im ersten Stock, in dem verriegelten Zimmer, jede Woche?« »Wirklich, von denen?« »Du musst aufpassen, ich habe die Autonummern«, sagte er.
Jürgen Fuchs und ich wurden Freunde. Einige Monate später erhielt ich von ihm, auf einer vielleicht vierten Durchschrift mit Schreibmaschine geschrieben, zum ersten Mal Gedichte von Reiner Kunze. »Der wohnt in Greiz«, sagte Jürgen. Ich dachte an das Entenhaus meiner Kindheit.
Was auch geschehen war in Greiz in jenem August 1968 schrieb Reiner Kunze später auf:
HINTER DER FRONT
Am Morgen des 22. August 1968 wäre meine Frau beinahe gestürzt. Vor der Wohnungstür lag ein Strauß Gladiolen. In der Nachbarschaft wohnte ein Ehepaar, das einen Garten besaß und manchmal Blumen brachte. »Wahrscheinlich haben sie gestern Abend nicht mehr stören wollen«, sagte meine Frau.
Am Nachmittag kam sie mit drei Sträußen im Arm. »Das ist nur ein Teil«, sagte sie. Sie waren in der Klinik, in der meine Frau arbeitet, für sie abgegeben worden, und außer ihr selbst hatte sich niemand darüber gewundert. Es sei doch bekannt, dass sie aus der Tschechoslowakei sei.
»Ich habe Reiner Kunze besucht, in Greiz«, sagte Jürgen Fuchs, bevor er mir die Gedichte auf dünnem Durchschlagpapier gab. »Es war wunderbar und sehr nah«, sagte er, »ein langes Gespräch, vorher, an der Wohnungstür, musste ich meine Schuhe ausziehen. Da habe ich mir einen Scherz erlaubt und ihm danach, zurück in Reichenbach, eine Variante auf sein Gedicht ›Einladung zu einer Tasse Jasmintee‹ geschickt, in dem es ja die Zeilen gibt: ›Treten Sie ein‚ legen Sie Ihre Traurigkeit ab, hier dürfen Sie schweigen‹ – ich schrieb an Kunze: ›Treten Sie ein, ziehen Sie Ihre Schuhe aus, hier dürfen Sie REDEN‹. Reiner Kunze war sehr amüsiert darüber«, sagte Jürgen Fuchs, »bei meinem nächsten Besuch, die ich nun regelmäßig bei den Kunzes machte«.
Eines der ersten Gedichte, das ich von Reiner Kunze las, schwer zu entziffern auf dem grünlichen durchscheinenden Papier, kam mir entgegen wie ein lang erwarteter Brief, eine Hoffnung, die sich erfüllt, eine Bestätigung alles bisher Gedachten und Gefühlten:
WIE DIE DINGE AUS TON
1
Wir wollen sein, wie die Dinge aus Ton
Dasein für jene,
die morgens um fünf ihren kaffee trinken
in der küche
Zu den einfachen tischen gehören
Wir wollen sein wie die dinge aus ton, gemacht
aus erde vom acker
Auch, dass niemand mit uns töten kann
Wir wollen sein wie die dinge aus ton
inmitten
soviel
rollenden
stahls
2
Wir werden sein wie die Scherben
der dinge aus ton: nie mehr
ein ganzes vielleicht
ein aufleuchten
im wind
Da sprach einer. Für viele. Auch für mich.
II
1971 flog ich von der Oberschule, die den schönen Namen Goethes trug. Wegen Gründung eines Literaturclubs außerhalb der Schule. Offiziell wegen, Zitat: »Zersetzung des Klassenkollektivs und Beleidigung von Armeeoffizieren«. Ich hatte nur geäußert, dass ich keinesfalls Offizier werden würde. Das Klassenkollektiv »zersetzte« ich zum Beispiel mit Nachfragen zum Militarismus an unserer Schule anhand der Jugenderzählungen von Heinrich Böll. Durch meine Relegation verlor auch Jürgen Fuchs als »Anstifter« zeitweilig seinen Studienplatz in Jena. Ich wurde Bahnhofsarbeiter, später Elektriker mit abgeschlossener Lehre. Reiner Kunze schrieb an seinem Buch »Die wunderbaren Jahre«, nachdem in der DDR 1973 sein Gedichtband »Brief mit blauem Siegel« erschienen war, den ich, ohne jetzt übertreiben zu wollen, damals beinahe auswendig zitieren konnte. Das gelang mir später bei keinem anderen Dichter je wieder, da muss Liebe im Spiel gewesen sein zu dieser Sprache von Anfang an.
Schließlich versuchten wir als junge Autoren alle wie Reiner Kunze zu schreiben, so stark war der Sog seiner Sprache: Jürgen Fuchs, Günter Ullmann und auch ich. Andere Namen nenne ich hier nicht.
Eben ist mein neuer Gedichtband »Miss Suki oder Amerika ist nicht weit!« erschienen, da hat’s mich wieder erwischt Richtung Kunze, wie ich nach Drucklegung feststellen konnte. Darin stehen Oden an einen Hund, einem Cavalier Prince Charles Spaniel, der in Gettysburg Pennsylvania lebt, und den ich voriges Jahr ein Semester lang neben meinen sieben klugen Studenten betreuen durfte.
Mein Hündchen
mein kluges
mit den langen Ohren
findet das Zusammenleben
mit einem Dichter
angenehm
soviel Schweigen
von beiden Seiten
zwei die zu oft
angebellt wurden
Danke, lieber Reiner Kunze, da ist etwas darin, das in mir von Ihnen als Meister, Vorbild und Lehrendem geblieben ist. Vielleicht kann man das Gedicht aber auch anders sehen.
Ich jedenfalls kam damals kurz vor Weihnachten 1974 nach Greiz zu Ihnen und Ihrer Frau, zum ersten Mal, und brachte unaufgefordert meine Gedichte mit.
Aber der eigentliche Grund meines Kommens war ein anderer, denn ich war angemeldet. Einer meiner besten Freunde, Wolfgang Schuster, auch Klassenkamerad von Jürgen Fuchs, studierte Medizin in Leipzig und hatte dort über einen Kommilitonen auch Zugang zur Evangelischen Studentengemeinde in Bitterfeld. Dort erfuhr er, dass Reiner Kunze an einem Manuskript arbeiten würde, das Geschichten und Schicksale von Jugendlichen des Landes zum Inhalt haben soll, die mit dem Staat in politische Reibung geraten sind, so etwa wurde es mir übermittelt. Meinen Besuchstermin bei Reiner Kunze sprachen die Bitterfelder mit ihm ab.
Zusammen mit meinem Freund aus Leipzig fuhr ich mit dem Bus nach Greiz, in meiner Tasche die zahlreichen Dokumente zu meiner Relegierung von der Oberschule, den ganzen Schriftkram mit Kreisschulrat, Bezirksleitung der SED, das ziemlich gut dokumentierte Ausschlussverfahren aus dem Jugendverband FDJ, das meinem Schulverweis vorausgegangen war. Ich fuhr im Selbstverständnis eines jungen Dichters zu Reiner Kunze und war leicht verstimmt, als er mich angesichts des von mir herbeigeschleppten bürokratischen Materials fragte, ob ich nicht Buchhalter werden wolle.
Meine Stimmung hob sich beträchtlich, als seine Frau uns einen echten Jasmintee servierte. Eine für uns unvorstellbare Sache, dass es so etwas auf der Welt wirklich gibt, wir kannten nur sein Gedicht »Einladung zu einer Tasse Jasmintee«, jetzt stand sie vor uns, außerdem brannte im Wohnzimmer, wo wir saßen, eine dicke blaue Wachskerze, ein weiteres vorher nie gesehenes Wunder.
Ich erzählte und Reiner Kunze schrieb mit. Am Ende bat er mich, ihm doch das vielfältige schriftliche Material für einige Zeit zu überlassen, einer Bitte, der ich als angehender Buchhalter großzügig nachkam. Beim Abschied schenkte und handsignierte Reiner Kunze mir sein Reclambändchen »Brief mit blauem Siegel«, das ich bis zum heutigen Tag wie ein Heiligtum bewahre. In diese Richtung unerbittlicher Verehrung ging’s dann noch weiter: Damals war ich Soldat im Grundwehrdienst und hatte gerade zum dritten Mal die Einnahme der Stadt Kassel von Erfurt aus durch eine deutsche Armee geübt, als während der Postausgabe auch ein Brief an mich kam von Dr. Elisabeth Kunze. Der Spieß, Dienstgrad Fähnrich, rief: »Jetzt kriegt der Soldat Rachowski schon Post von Doktoren! Langsam reißt es hier ein, Sie werden heute mal wieder Kohle schippen nach dem Dienst, ehe Sie übermütig werden!«. Frau Kunze schrieb mir, dass sie und ihr Mann versucht hätten, das ihnen von mir überlassene Material bei meiner Mutter in Reichenbach persönlich vorbeizubringen, aber das Wohnhaus nicht fanden, sie bat mich nun um eine kleine Anfahrtsskizze. Dieser Besuch kam dann zustande. Reiner Kunze kam allein, meine Mutter berichtete mir später darüber, ich fragte genau, auf welchem Stuhl er denn bei uns gesessen habe, und von Stund an durfte niemand mehr, auf diesem, durch mich zum Thron erklärten, einfachen Holzstuhl sitzen. Manchmal machte ich als besondere Vergünstigung eine äußerst seltene Ausnahme für beste Freunde, immer mit dem Hinweis: Auf diesem Stuhl hat Reiner Kunze gesessen!
Im Gespräch mit meiner Mutter, wie sie erzählte, sorgte er sich um mich sehr, sagte, »ich befürchte, dass Ihr Sohn ein Schicksal erleiden wird wie ich selbst, denn sehen Sie, ich habe meiner Familie nur Unglück gebracht«. Und blieb länger noch schweigend auf dem Stuhl sitzen, berichtete meine Mutter.
In den folgenden 1 ½ Jahren besuchte ich die Familie Kunze noch einige Male. Ich brachte meine neuen Gedichte, trotzdem blieben die Kunzes stets freundlich. Eines davon hieß »Beim Lesen Schweriner Gedichte«, gemeint waren die Hervorbringungen des FDJ-Poetenseminars, das jährlich in Schwerin stattfand.
Beim Lesen Schweriner Gedichte
Ihr schwärmt
von duftenden
Mandelblüten
aber
die bitteren Früchte
dann
wollt
ihr nicht
essen
Das gefiel Reiner Kunze.
Im Spätsommer 1976 erschienen »Die wunderbaren Jahre« im S. Fischer Verlag Frankfurt/Main, er hatte die bitteren Geschichten gefunden und aufgeschrieben, darin auch der Text »Fahnenappell«, darin eingearbeitet die Materialien, die ich Reiner Kunze zur Verfügung gestellt hatte:
Montagmorgen stand der Direktor der Erweiterten Oberschule in X. in Uniform neben der Fahne – in der Uniform eines Offiziers der Nationalen Volksarmee, in der er den Appell nur zu bestimmten Anlässen abnahm. »Und es geht nicht«, sagte er, »dass ein Schüler die Offiziere der Nationalen Volksarmee als dumm und halbgebildet bezeichnet. Von diesen Schülern müssen wir uns trennen.«
(Der Leiter des Wehrkreiskommandos hatte N., Arbeitersohn und Schüler der elften Klasse, für die Offizierslaufbahn werben wollen. Ob er am Beispiel des Direktors nicht sähe, hatte der Leiter des Wehrkreiskommandos gesagt, wie allseitig gebildet Offiziere seien. N. hatte geantwortet, er habe eher den Eindruck, der Direktor sei »einseitig gebildet«: Seine Erziehungsmethoden bewirkten, dass in der Schule nur noch gelernt und kaum mehr gedacht werde.)
Die Fahne war noch nicht wieder eingeholt – das Einholen fand am Sonnabend statt –, als der Schüler N. gegen elf Stimmen und bei einer Enthaltung aus der Freien Deutschen Jugend ausgeschlossen wurde.
(Vorher hatte eine Elternbeiratssitzung stattgefunden, nach der Eltern ihre Tochter aus dem Bett geholt hatten. »Dass du ja nicht für den stimmst! … Dass du ja nichts zugunsten von dem sagst! …« Der Elternbeiratssitzung waren Klassenversammlungen gefolgt: »Wer für N. stimmt, entfernt sich vom Standpunkt der Arbeiterklasse.« Schließlich hatte jeder der Schüler, die als Diskussionsredner ausgewählt worden waren, eines der schwarzen Steinchen zugeteilt bekommen, aus denen das schwarze Bild zusammengesetzt werde sollte: Überheblichkeit … Thesen zur Verunsicherung der Mitschüler … Radikale Ansichten. Dabei hatte eine Schülerin enttäuscht, indem sie gefragt hatte, wieso dann N. würdig gewesen wäre, Berufsoffizier zu werden.)
Dreimal noch duldete es die Fahne, dass der Schüler N. unter ihr stand, während sie aufstieg, mit zunehmender Höhe immer gemessener, um die Mastspitze exakt beim letzten Fanfarenstoß des Fanfarenzuges zu erklimmen. Dann wurde N. vom Unterricht beurlaubt. Seines nächsten Freundes nahm sich der Klassenlehrer an. »Wenn Sie den von unserer Seite abgebrochenen Kontakt zu N. aufrechterhalten sollten, können wir ganz leicht den Kontakt zu Ihnen abbrechen.«
(Der Leiter des Wehrkreiskommandos sagte zur Mutter des N.: Ich habe die Äußerung Ihres Sohnes weder als Beleidigung meiner Person, noch als Beleidigung der Offiziere der Nationalen Volksarmee empfunden. Aber ich kann Ihnen in diesem Fall nicht helfen.«)
In Berlin wurde dem Antrag der Schule auf Relegierung des Schülers N. stattgegeben.
(»Ich teile Ihnen hierdurch mit, dass Ihr Sohn … von allen Erweiterten Oberschulen der Deutschen Demokratischen Republik ausgeschlossen wurde. Die Gründe und Ursachen sind Ihnen bekannt. Wir hoffen, dass diese Maßnahme dazu führt, dass Ihr Sohn … zur Einsicht kommt in Hinblick auf sein Verhalten gegenüber den Anforderungen, die an einen jungen Staatsbürger der Deutschen Demokratischen Republik gestellt werden müssen.«)
Zu bestimmten Anlässen steht der Direktor der Erweiterten Oberschule in X. in Uniform neben der Fahne.
Dann ging alles irgendwie sehr schnell, auch in meiner Erinnerung, Ausschluss Reiner Kunzes aus dem Schriftstellerverband im Herbst 1976, seine endlosen Kämpfe gegen die jetzt gegen ihn und seine Familie gerichtete geballte Macht des Staates, umsonst schon wartete ich in Freiberg vor einer Kirche auf ihn, die Veranstaltung der Evangelischen Studentengemeinde fiel aus. Reiner Kunze durfte keine Lesungen mehr halten. Ein Kesseltreiben gegen ihn hatte eingesetzt. Und noch immer hatte er die Kraft, trotz seiner Erkrankung, ein Einschreiben an Honecker zu schicken:
… Meine dringende Bitte, helfen Sie zu verhindern, dass dem jungen hochbegabten Schriftsteller Jürgen Fuchs und all den unbekannten Bürgern in der DDR, die sich im Zusammenhang mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns und meinem Ausschluss aus dem Schriftstellerverband eine eigene Meinung gebildet und diese geäußert haben, weiterhin Leid zugefügt wird …
Am 13. April 1977 verließ die Familie Kunze die DDR.
Ich schrieb das Gedicht »Thüringische Legende«, einen Abschiedsgruß:
THÜRINGISCHE LEGENDE
für Reiner Kunze
Einen hat man
vertrieben.
Dem zog der Jasmin nach.
Er ließ aber noch stehen
ein Glas Tee aus Schweigen
das keiner mehr Zeit fand
auszutrinken
bevor es bitter war.
Geschrieben wenige Tage nach der Ausbürgerung der Familie Kunze aus der DDR und aus Greiz …, im Herbst 1979 wurde ich dafür und wegen vier anderer Gedichte der »staatsfeindlichen Hetze« angeklagt und im Frühjahr 1980 nach sechs Monaten Untersuchungshaft beim Staatssicherheitsdienst auf dem Kaßberg in Karl-Marx-Stadt zu 27 Monaten Gefängnis verurteilt. Im Verhör fragte mich der Stasi-Vernehmer, ein Major: »Wer ist denn dieser Jasmin, Rachowski!?«.
Keiner meiner Bekannten und Freunde, die über meine Zuarbeit zu Reiner Kunzes »Die wunderbaren Jahre« Bescheid wussten, verriet mich an das Ministerium für Staatssicherheit, auch nach tagelangen Verhören nicht. Es hätte mir einige Jahre Gefängnis zusätzlich eingebracht. Diese Freunde waren wirkliche Freunde.
III
Im späten Herbst 1979 begab sich eine Rentnerin aus Reichenbach im Vogtland auf Verwandtenbesuch nach Hessen, sie benutzte den sogenannten »Interzonen-Zug« von Warschau nach Frankfurt am Main, der am Nachmittag jeden Tages wie selbstverständlich auch in Reichenbach im Vogtland hielt. »Im traurigen Monat November war’s / Die Tage wurden trüber, / Der Wind riss von den Bäumen das Laub, / Da reist sie nach Deutschland hinüber …«, bin ich versucht zu sagen. – Aber das wusste ich nicht, kannte nur Heines Eingang zum »Wintermärchen« , und das Einfärben der Blätter an den Bäumen hatte ich in diesem Herbst 1979 nicht mehr sehen können und miterleben, denn ich saß seit meiner Verhaftung an einem frühen sonnigen Oktobertag in einer Einzelzelle mit Glasziegel-Fenstern des Stasi-Untersuchungsgefängnisses Karl-Marx-Stadt und wartete auf das täglich mehrstündige Verhör.
Die mit der Mutter meiner Schwägerin befreundete Rentnerin aber kam an diesem Tag im November gut über die innerdeutsche Grenze bei Eisenach, nur wenig kontrolliert von den mit Bauchläden und Fahndungsbuch durch den Zug patrouillierenden Uniformierten, die auch nicht versäumt hatten, wie immer, ihre Schäferhunde über die gesamte Länge des Zuges unter den Waggons entlangzuschicken. – Und doch war es geschehen, dass dem Gesicht der Rentnerin und besonders den Wangen während der Kontrolle ihres Ausweis-Dokuments eine leichte Röte angeflogen war, über deren Ursache sie sich in vollem Bewusstsein befand, nicht etwa Scham, zu schämen hatten sich in diesen Zeiten, die es nicht taten, sondern nacktes Erschrecken, keineswegs aber Angst, war in diesem Moment über ihren Mut gekommen. Vielleicht dämpfte, so hoffe ich noch immer, ihren jetzt leicht beschleunigten Herzschlag zumindest optisch ein wenig, und daher für die Uniformierten unsichtbar, gerade der in ihrem Mantel eingenähte Brief, den sie mutig aus den Händen meiner Verwandtschaft an sich und schließlich mit auf ihre Reise genommen hatte. Über diese Grenze. Auf dem Umschlag war ausgewiesen als Adressat: Herr Reiner Kunze – über S. Fischer Verlag – Frankfurt am Main. In Hessen bei ihrer Verwandtschaft angekommen, klebte die Rentnerin auf den, nun aus dem Futter ihres Mantels herausgetrennten Brief, eine Marke, ohne sich vielleicht um deren Motiv weiter zu kümmern, und schickte ihn auf seinen, den ihm bestimmten Weg. Der Brief erreichte seinen Adressaten, und der Dichter Reiner Kunze erfuhr, dass ich im Gefängnis saß unter dem Vorwurf der »staatsfeindlichen Hetze«, wegen meiner Gedichte.
Viele Male fuhr Reiner Kunze damals dann mit dem Nachtzug den langen Weg von Passau nach Bonn, um mit beginnendem Tag dort beizutragen innerhalb einer Kommission (deren Vorsitzender zu dieser Zeit gerade Helmuth Kohl war), die politische Häftlinge der DDR auf eine Liste für Verhandlungen setzte, deren »Freikauf« zu erreichen. – »Sie sind der Fünfzehnte, den wir raushaben!«, schrieb mir Reiner Kunze später auf einer ersten Postkarte, als ich nach einem Jahr und zwei Monaten in den Gefängnissen von Karl-Marx-Stadt und Cottbus endlich nach Westberlin gelangt war.
Diese erste Postkarte nach meiner Entlassung und Ausbürgerung bewahre ich natürlich: »Das schönste Weihnachtsgeschenk für uns«, schrieb Reiner Kunze darauf, und Elisabeth Kunze hängte eine Postanweisung über 300 D-Mark an. Dann ein erstes Wiedersehen in Westberlin, in der Fontanehalle in Reinickendorf, Reiner Kunze las vor 400 Menschen. Später immer wieder ein sporadischer Briefwechsel. Ich schickte ihm meine ersten Erzählungen, die im Westen entstanden waren. Er riet mir, mich »von nichts und niemanden irgendwie zu einer Art Produktion bewegen zu lassen, schreiben Sie nur, was Sie schreiben müssen«, und: »Wovon wollen Sie leben?« Eine Frage, die ich in den Wind schlug, und wie dieser Fehler mir 10 Jahre lang schwer auf die Füße fiel. Ich wusste es nicht. Später fragte das Kreuzberger Finanzamt bei mir regelmäßig an, nachdem ich meine Einkünfte gemeldet hatte, wovon ich überhaupt leben würde. Von Freundschaft, Liebe und Zigaretten. Das aber teilte ich weder den Kunzes noch dem Finanzamt mit.
Immer wieder kamen die Ermutigungen der Familie Kunze, wenn ich ein neues Buch von mir schickte oder auch nur ein einziges Gedicht: »Von Ihnen lesen wir immer gern Neues!«, schrieben sie. Von diesen und den Ermunterungen anderer Kollegen, wie Hans Joachim Schädlich, Wolf Biermann und Bernd Jentzsch, lebte ich auch.
Jürgen Fuchs erzählte mir in seiner Tempelhofer Küche, wo ich beinahe täglich zu Gast weilte, Am Sonnenhang, im Garten der Familie Kunze hätte jemand alle frisch gepflanzten jungen Bäume dicht unter der Oberfläche in der Erde abgeschnitten. Sie seien daraufhin verdorrt, ohne dass die Ursache anfänglich zu erkennen gewesen sei. Den Fuchsens schickten diese gleichen Leute Rattenvertilgerfirmen und Pornohefte ins Haus. Die Aufbewahrungsorte meiner Manuskripte in dem Kreuzberger Hinterhaus, wo ich mit Christian Kunert von der Renft-Combo und dem Dichter und Liedermacher Salli Sallmann lebte, wo auch Manfred Krug, Veronika Fischer und Roland Jahn ein- und ausgingen, unsere Wege, unsere Besuche, alles fanden wir akribisch aufgezeichnet, als wir sehr viel später die über uns angelegten Akten einsehen konnten, es war eine Zeit, etwas wie Krieg. Etwas, was auch die Freiheit unseres neuen Lebens mit einem ständigen Schatten belegte und ein anfängliches Aufatmen, zumindest für mich, bald wieder erstickte.
So nahm ich den Fall der Berliner Mauer im November 1989 auch als persönliche Befreiung wahr, meine Leute, die aus dem Osten, befreiten mich aus dem Westberliner Getto, meinem deutschen Exil. So empfand ich das und sehe es noch immer so. Nach über 10 Jahren durfte ich meine Mutter und die Familie meines Bruders wiedersehen.
Mit Elisabeth und Reiner Kunze führten mich neben dem sporadisch geführten Briefwechsel immer auch wieder Veranstaltungen und Lesungen zusammen, zu denen wir eingeladen wurden. Unvergesslich ein Kolloquium in Chemnitz zum Thema »Böhmen am Meer«. Nach dem ersten langen Tag dort, am Abend beim gemeinsamen Ausklang mit einem Glas Wein, viele Kollegen, auch Wissenschaftler, saßen mit am Tisch, sagte Reiner Kunze plötzlich mitten in die große Runde hinein, beinahe wie aus heiterem Himmel und ohne eigentlichen Anlass: »Utz Rachowski ist mein Kollege, wir kennen uns lange Zeit, wer ihn angreift, der greift auch mich an«. Beinahe ist es mir peinlich, dies hier aufzuschreiben, in diesem Bezug auf mich selbst, aber so ist Reiner Kunze: fürsorglich schützend. Vorsichtshalber auch für Zukünftiges, wenn die alten Funktionäre und Seilschaften ihr Medusenantlitz wieder erheben würden. Gegen ihn und gegenüber seinem Kollegen.
Ich habe ein sehr persönliches Dichtergestirn an Vorbildern:
