Liebesglück unterm Sternenzelt - Mira Frey - E-Book
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Liebesglück unterm Sternenzelt E-Book

Mira Frey

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Beschreibung

Hunter lebt zurückgezogen in den Wäldern von Valentine, als er eines Tages bei seiner Morgenrunde über ein Autowrack stolpert. Darin liegt eine Frau. Ein Blick und es ist um ihn geschehen … bis er herausfindet, wer sie wirklich ist: Sierra Sharp, eine Software-Entwicklerin aus New York, die den Tod von Hunters bestem Freund auf dem Gewissen hat.

Können die beiden ihre Vergangenheit hinter sich lassen und auf ihr Herz hören?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Kapitel 1 – Sogwirkung
Kapitel 2 – Ein Blitzschlag
Kapitel 3 – Und noch ein Blitzschlag
Kapitel 4 – Erinnerungen werden wach
Kapitel 5 – Erkenntnis
Kapitel 6 – Tiefpunkt
Kapitel 7 – Valentine
Kapitel 8 – Die Suche
Kapitel 9 – Es steht in den Sternen
Kapitel 10 – Millionen Lichter
Kapitel 11 – Es wird abgerechnet
Kapitel 12 – Der Punkt ohne Wiederkehr
Kapitel 13 – Recht
Epilog
Personenverzeichnis
Die Sweet Valentine-Reihe
Triggerwarnung

Mira Frey

Liebesglück unterm Sternenzelt

Über die Autorin:

Mira Frey lebt und schreibt in Südtirol. Wenn sie nicht gerade mit Kindern und Jugendlichen Theater macht, erfindet sie Geschichten, wobei sie sich da nicht gern in Schubladen stecken lässt. Aus ihrer Feder stammen Krimis ebenso wie Wohlfühlromane oder Kinderbücher.

Mit Sweet Valentine erfüllt sie sich selbst einen lang gehegten Traum und reist in Gedanken in das fiktive Städtchen Valentine, in dem die Welt noch in Ordnung ist – mit jedem Happy End noch ein bisschen mehr.

Buchbeschreibung:

Hunter lebt zurückgezogen in den Wäldern von Valentine, als er eines Tages bei seiner Morgenrunde über ein Autowrack stolpert. Darin liegt eine Frau. Ein Blick und es ist um ihn geschehen … bis er herausfindet, wer sie wirklich ist: Sierra Sharp, eine Software-Entwicklerin aus New York, die den Tod von Hunters bestem Freund auf dem Gewissen hat.

Können die beiden ihre Vergangenheit hinter sich lassen und auf ihr Herz hören?

Mira Frey

Liebesglück unterm Sternenzelt

Sweet Valentine 7

Liebesroman

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind

im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© November 2025 Empire-Verlag

Empire-Verlag OG, Lofer 416, 5090 Lofer

[email protected]

Ansprechpartner: Thomas Seidl

Lektorat: Birgit van Troyen

https://www.korrektorat-adlerauge.de/

Korrektorat: Bianca Kober

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise –

nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Covergestaltung: © Traumstoff Buchdesign traumstoff.at

Covermotive: krissikunterbunt shutterstock.com

Triggerwarnung

In diesem Buch kommen potentiell triggernde Inhalte vor. Da diese Spoiler für das gesamte Buch enthalten, findet sich die gesamte Liste am Ende des Buches.

Kapitel 1 – Sogwirkung

Hunter

»Wie wäre es mit Daisy?«

Ich werfe einen hilfesuchenden Blick zu meinem Cousin Kyle, der hinter der Theke seines Cafés steht und unverhohlen dem Gespräch lauscht, das ich gerade zu führen gezwungen bin – mit einem breiten Grinsen im Gesicht. Nein, Hilfe brauche ich von ihm keine zu erwarten.

Daher nehme ich meine Rettungsaktion selbst in die Hand. »Sie ist nett, aber …«

»Daisy ist mehr als nett«, fällt mir Mrs. March ins Wort, die mich aus dem Hinterhalt überfallen hat. Man möchte meinen, mit einem gewissen Alter wird der Mensch langsamer, aber auf die Kuppelkönigin von Valentine trifft das nicht zu. Zumindest nicht, wenn sie ein Opfer, sprich einen Single, erblickt.

Mrs. March hat es sich zur persönlichen Aufgabe gemacht, alle Singles in Valentine zu verkuppeln. Was meine ganze Familie angeht – also alle zehn Cousins und Cousinen der Walshs – hat sie einen ganz fiesen Trick angewandt: Sie hat uns irgendwie eine Wette aufgeschwatzt. Wer bis zum nächsten Thanksgiving keinen Partner hat, muss den anderen ein Jahr lang die Wäsche waschen. Und das ist in etwa fünf Monaten. Nicht, dass ich mich von so einem Unsinn unter Druck setzen lasse. Noch habe ich die richtige Frau nicht gefunden und wenn ich sie nicht finde, dann ist es eben so. Single zu sein ist nichts Schlimmes. Aber Mrs. March scheint das anders zu sehen.

Sie und alle, die an dem Marketingkonzept unserer Stadt die Schuld tragen. Die Stadt der Liebe …

Onkel Sinclair, unser Bürgermeister, war ganz aus dem Häuschen, als er den passenden Werbeslogan dazu gefunden hatte: Be my Valentine all year round. Alles schön und gut, aber ich muss doch mein Leben nicht in den Dienst eines Marketingkonzeptes für eine Stadt stellen, oder?

Ich seufze.

Mrs. March sieht mich interessiert an und da erinnere ich mich, dass sie mir ja gerade wieder einen neuen Vorschlag für meine Zukünftige gemacht hat. Nach Mackenzie, die mir allerhöchstens Angst macht, ist es nun Daisy, unsere Bäckerin.

»Ja, Daisy ist … mehr als nett«, gebe ich zu. Mrs. March zu widersprechen ist unklug, das habe ich inzwischen gelernt. »Aber … ich fühle nichts, wenn ich an sie denke.«

Das ist eine Lüge. Ich fühle etwas, wenn ich an sie denke – nämlich Angst und Schrecken. Und das ist nicht untertrieben.

Glaubt mir, mit dieser Frau möchtet ihr nicht verbunden sein. Sie hat tolles Brot – etwas, was in den Staaten Seltenheitswert hat –, aber Daisy fehlt der Filter dafür, was jeder Mensch wissen darf und was nicht. Der Mann, der sie einmal abbekommt, muss damit umgehen können, dass die ganze Stadt weiß, wie oft er in der Nacht gefurzt hat und welche Unart er auch sonst haben mag. Ihre Bäckerei ist Umschlagplatz für Klatsch und Tratsch in Valentine und der Ort, an dem Gerüchte entstehen. Nein, darauf kann ich verzichten.

Um ehrlich zu sein, kann ich sowieso darauf verzichten, verkuppelt zu werden. Klar wünsche ich mir eine Partnerin. Ich glaube, niemand möchte allein sein – ich auch nicht. Aber ich habe Geduld. Irgendwann wird die Richtige vor mir stehen, wir werden uns sehen und es wird funken – oder so ähnlich.

Bei meiner Schwester Avery war es so. Als sie ihren Caleb zum ersten Mal gesehen hat, hat der Blitz eingeschlagen – bei ihnen beiden. Sie haben dann doch eine Weile gebraucht, bis sie zueinandergefunden haben, aber sie hatten diesen Funkenmoment. Und den möchte ich für mich auch. Ja, ich weiß, ich bin vielleicht etwas anspruchsvoll und wenn es nach Mrs. March geht, dann …

»Man muss nicht sofort etwas fühlen. Das Gefühl entsteht manchmal langsam, manchmal erst nach einer langen Zeit. Du musst schon Geduld haben.«

Geduld! Ich schmunzle innerlich. Vermutlich habe ich mehr Geduld als Mrs. March. Wer will mich denn so schnell wie möglich unter die Haube bringen?

»Ich werde es mir überlegen«, sage ich.

»Überleg nicht zu lange. Sonst schnappt sie dir ein anderer weg.«

Ich nicke unverbindlich, dann stehe ich auf und trage meine leere Kaffeetasse zu Kyle. »Danke für gar nichts, du Verräter!«, zische ich ihm zu.

Er grinst. »Da mussten wir alle durch.«

»Das hilft mir nicht. Weißt du, dass dieses Trio«, ich deute mit dem Kinn unmerklich zu Mrs. March und ihren beiden Begleitern hinüber, »langsam zu einem Grund für mich wird, das Heart Café zu meiden?«

Er verdreht die Augen. »Du würdest auf meinen fantastischen Kaffee verzichten, nur weil du ein paar wohlgemeinte Ratschläge über dich ergehen lassen musst? Und auf diese Leckereien?« Er schiebt einen der Cupcakes über die Theke, für die ich, wie er weiß, morden würde. »Bist du sicher?«

Ich greife nach dem Küchlein und beiße in das rosafarbene Frosting. In meinem Mund breitet sich ein unbeschreiblicher Geschmack aus und ich stöhne. Ich bin ein genügsamer Mensch, weiß der Himmel, aber wenn ich auch nur in die Nähe von Kyles Torten komme – vor allem in die Nähe dieser Cupcakes –, dann kann ich mich kaum mehr zurückhalten. Dieser Hunger nach Süßem ist wirklich eine meiner größten Schwächen.

»Abgesehen davon hast du mein vollstes Mitgefühl«, sagt Kyle. »Bevor sie sich auf dich gestürzt haben, war ich im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit. Ich und Ethan – na ja, der hatte zumindest eine Frau im Auge und so hat sich ihre ›Hilfe‹ auf ein paar Tipps beschränkt, wie er sie von sich überzeugen kann. Aber ich glaube, auch er kann ein Lied vom Kuppelclub singen. Wenn du dich ihrer Aufmerksamkeit entziehen willst, hilft nur eins.«

»Ja?« Gespannt, welchen Tipp er für mich hat, sehe ich ihn an.

»Finde deine Seelenverwandte. Dann hast du deine Ruhe.«

»Meine Ruhe habe ich auch, wenn ich mich im Wald verkrieche. Und das werde ich jetzt auch tun. Ich wollte ohnehin mal bei Avery vorbeischauen und vorher meine Vorräte auftanken und das habe ich jetzt getan. Also … man sieht sich.«

Ich lege einen Zwanzigdollarschein auf die Theke und wehre ab, als Kyle mir das Wechselgeld geben will.

»Dann nimm noch ein paar Cupcakes mit auf den Weg.«

Da kann ich nicht Nein sagen. Ich warte ab, bis Kyle sie in einer kleinen, mit Herzen übersäten Kartonschachtel verstaut hat. Dann nicke ich ihm zu und mache, dass ich Land gewinne.

Den Rucksack voll mit Lebensmitteln, stapfe ich den schmalen Pfad hoch. Weg von brummenden Motoren, Touristen, tratschenden Bäckerinnen und … von kuppelwütigen Alten.

Kaum befinde ich mich in der sogenannten Zivilisation, überfällt mich der Stress, springt mich an wie ein Tiger und krallt sich in meine Kehle, sodass ich nicht atmen kann. Hier im Wald geschieht das Gegenteil. Schritt für Schritt fällt der Druck von mir ab, Schritt für Schritt fällt mir das Atmen leichter.

Das ist auch der Grund, warum ich mich hierher verkrochen habe. Nein, ich bin nicht von Natur aus ein Eigenbrötler. Im Gegenteil. Ich habe eine ganze Zeit lang in New York gelebt, war auf jeder Party zu finden, hatte einen großen Freundeskreis, aber dann … Na ja, sagen wir so: Es gibt Ereignisse im Leben, die ändern dich.

Wenn ich jetzt zurückschaue, kann ich mich in diesem Großstadtmenschen gar nicht wiedererkennen. Das bin nicht ich. Wahrscheinlich bin ich das nie gewesen. Es war eher so, als hätte ich in der Stadt eine Maske übergezogen, unter der mein Ich verborgen war. Und dann … hat mir das Leben die Maske heruntergezogen und mein wahres Gesicht hat nicht in die Stadt gepasst.

Ja, ich weiß, ich spreche in Rätseln. Aber geduldet euch. Alles zu seiner Zeit.

Ich wandere also den schmalen Pfad hoch durch den Wald, liebe es, wie mein Herz das Blut durch meine Adern pumpt, wie meine Lungen sich verausgaben, heiße das Brennen in meinen Waden willkommen … bis ich mein Ziel erreicht habe. Meine Hütte. Mein Zufluchtsort mitten im Wald. Niemand außer meiner Schwester weiß, wo sie steht. Und auch Avery wird sich hüten, in mein Refugium einzudringen. Sie weiß, wie heilig es mir ist.

Ich bleibe vor der Hütte stehen, atme, spüre, wie mein Herzschlag sich wieder beruhigt, mein Atem langsamer wird, und dann schließe ich die Augen und bin einfach nur da. Ich konzentriere mich auf die Geräusche um mich herum – das leise Tschilpen eines Vogels, das Plätschern des Brunnens neben meiner Hütte, weiter weg trommelt ein Specht und oben in den Baumwipfeln lässt der Wind die Blätter rascheln. Nichts anderes ist zu hören. So klingt Frieden.

Und so riecht Frieden. Ich atme tief ein, sauge diesen Geruch nach Wald in mich hinein. Gäbe es den Beruf des Waldsommeliers, wäre ich einer. Ich könnte am Geruch einen Ahornwald von einem Fichtenwald unterscheiden. Dieser Ahornwald zum Beispiel riecht erdig, leicht muffig und jetzt im Frühsommer liegt der Duft von Tausenden von anderen blühenden Bäumen darin. Linden zum Beispiel kann ich ganz deutlich riechen. Weiter oben, da wo die Fichten überhandnehmen, wird dieser erdige und blütensüße Geruch von Harz überlagert. Auch schön, aber ich bevorzuge den Ahornwald.

Als ich das für mich geklärt habe, öffne ich die Augen, atme noch einmal tief durch und dann betrete ich meine Hütte. Ich habe sie nicht abgesperrt. Es gibt niemanden, der hier einbrechen würde und selbst wenn das jemand tun würde, hätte ich keine Angst, dass irgendwas wegkäme. Für meinen alten Laptop bekommt kein Dieb mehr als ein paar Dollar und mehr ist da nicht. Mein größter Besitz ist der frisch geschleuderte Honig, der auf einem Regal in meiner Vorratskammer darauf wartet, dass ich ihn mir aufs Brot streiche.

Tja, und das ist meine ganze Geschichte. Der Mann, der im Wald wohnt. Der Mann, der im Wald niemals eine Frau treffen wird. Und wenn er dann wider Erwarten doch eine treffen sollte, dann entpuppt sie sich entweder als Schwarzbärin – ja, ist mir schon passiert – oder sie will auf dem schnellsten Weg wieder aus dem Wald hinaus. Vor allem habe ich bisher keine getroffen, die auch nur im Entferntesten daran denkt, in den Wald zu ziehen. Weg von ihren Freundinnen, weg von Einkaufszentren und Cafés, weg von Klatsch und Tratsch …

Ich verziehe verächtlich mein Gesicht, als ich an Mrs. Marchs Vorschlag von heute Nachmittag denke. Daisy Clint könnte ich mir hier in meiner Hütte mitten im Wald schlichtweg nicht vorstellen. Niemand da, der ihren Tratsch hören will … niemand da, der ihr neuen Tratsch liefert. Sie würde eingehen. Oder mir auf die Nerven gehen. Und ich ihr umgekehrt auch.

Nein. Da bleibe ich lieber ohne Frau. Notfalls, bis ich alt und grau bin.

Sierra

»Oh! Wow! Gratuliere!«

Ich stelle mir vor, wie ich mein Lächeln festtackere, damit es nicht verrutscht, umarme meine Freundin April gespielt glücklich, drücke ihr einen Kuss auf die Wange. »Ihr müsst so glücklich sein! Ich freue mich so für euch!«

Tue ich. Nur würde ich mir ein bisschen was von diesem Glück auch für mich wünschen. Ich gehe nicht einmal so weit, dass ich mir eine kleine Familie mit Mann und Kind wünsche, wie es April bald haben wird. Es würde schon reichen, wenn es auf der Arbeit glatt laufen würde, aber nicht einmal da habe ich Glück. Gerade heute haben meine beiden Chefs verkündet, wer von uns zum Partner aufgestiegen ist. Überraschung – ich bin es nicht. Dafür wurde mir wieder einer dieser Lockvogel-Aufträge verpasst, die ich so hasse.

Ich habe natürlich versucht, mich dagegen zu wehren, aber die Antwort war, dass es da draußen Tausende von Frauen gäbe, die meinen Job mit Handkuss annehmen würden. Wenn ich ihn nicht wolle, brauche ich nur was sagen. Und natürlich will ich ihn. Dass man in der IT-Branche als Frau keine Chance hat, hätte mir mal jemand sagen sollen, bevor ich Software-Engineering studiert habe. Dann hätte ich mich zur Erzieherin ausbilden lassen – oder noch besser zur Hausfrau. Ja, das ist Sarkasmus. Und ja, ich bin frustriert. Eigentlich wollte ich bei unserem Treffen meinen ganzen Frust rauslassen, mich von meinen Freundinnen bemitleiden lassen, aber sogar ich verstehe, dass dafür jetzt nicht der richtige Zeitpunkt ist.

Also zwinge ich mich weiter zu einem Lächeln und verlange von April, dass ich die Patentante werde.

April strahlt. »Kaden ist ganz aus dem Häuschen. Er hat sofort einen Schwangerschaftsvorbereitungskurs gebucht und mir den besten Gynäkologen herausgesucht. Und gestern hat er mich ins Auto gepackt und gesagt, er habe eine Überraschung für mich. Und dann hat er mich nach Long Island gebracht, zu einem …«, sie wedelt sich übertrieben vor dem Gesicht herum, als würde sie gleich anfangen zu heulen, »… entzückenden kleinen Häuschen, in einer entzückenden Nachbarschaft. Kein Haus hat mehr als zwei Stockwerke dort und unseres hat sogar einen Garten – mit Swimmingpool!«

»Wow!«, sagt Ashley nur.

Ich frage mich, ob sie nicht gehört hat, was April da von sich gibt. »Moment mal!«, sage ich. »Unseres? Das heißt, ihr habt ein Haus auf Long Island gekauft?«

April nickt glückstrahlend.

»Aber das ist über eine Stunde entfernt von hier!« Fassungslos starre ich sie an.

Noch einmal nickt April. In ihr Strahlen schleicht sich jetzt aber schlechtes Gewissen.

»Dann werden wir wohl unsere Treffen in Zukunft auf Long Island abhalten«, sagt Ashley da. »Ich habe nämlich auch Neuigkeiten.« Sie sieht uns aufmerksamkeitsheischend an. »Kingston hat mich endlich gefragt.« Sie hält ihre Hand hoch und zeigt uns einen funkelnden Klunker.

April kreischt los und ich stimme ein, obwohl ich mir lieber die Ohren zuhalten und meinen Kopf gegen die Wand hauen würde. Was ist da los mit meinen Freundinnen? Wieder lächle ich, umarme meine Freundin, freue mich mit ihnen, aber innerlich … ja, innerlich bin ich wie tot.

Ich stürze meine Margarita hinunter, gebe dem Kellner ein Zeichen, dass er mir noch eine zweite bringen soll, stürze auch die hinunter und versuche auszublenden, dass die Gedanken meiner beiden Freundinnen nur noch darum kreisen, in welcher Straße sie wohnen – Überraschung, ihre zukünftigen Heime sind nur fünf Gehminuten voneinander entfernt –, welche Schule wohl die beste ist und dass es einen ganz angesagten Mütterverein gibt, der gleich in der Nähe seinen Sitz hat. Es ist Zeit für die dritte Margarita. Doch als der Kellner sie vor mir abstellt, hat das die Wirkung eines Scheinwerfers. Die Gesichter meiner beiden Freundinnen wenden sich mir zu, sie sehen die Ansammlung von leeren Gläsern vor mir und ihr Gesichtsausdruck verwandelt sich von begeistert in mitleidig.

»Wir müssen für dich auch schnell einen brauchbaren Mann finden, Sierra«, sagt April. »Und dann bringst du ihn dazu, ein Haus in der Nähe unserer Häuser zu kaufen und wir hören auf zu arbeiten und sind nur noch für die Kinder da. Und für unsere Freundschaft natürlich. Wenn die Kinder in der Schule sind, treffen wir uns zum Yoga und zum Pilates und … Sierra!«

Das war’s jetzt. Ich habe gekotzt. Sorry, dass ihr das mitansehen musstet, aber es war nicht mehr aufzuhalten. Zu viele übelkeitserregende Neuigkeiten und – na ja – zu viele Margaritas waren es vermutlich auch.

»Ich … Es tut mir leid. Bitte … Ich brauche nur etwas frische Luft. Feiert weiter. Trinkt noch eine Margarita auf mich – das gilt natürlich nur für Ashley. Du trinkst …« Keine Ahnung. Was trinken Schwangere eigentlich? Ich habe mich noch nie damit befasst. »Trink ein Glas Milch. Auf mich. Kellner, servieren Sie meiner Freundin ein Glas Milch. Mit einer Erdbeere. Und einem Schirmchen. Das Schirmchen ist wichtig. Mit dem kann das Baby dann spielen, wenn es rauskommt. Ich …«, wieder überspült mich eine Welle von Übelkeit, »… frische Luft.«

Ich stürze fort vom Tisch. Kurz dreht sich die Welt um mich herum, doch ich hole tief Luft, stütze mich kurz an der Wand ab, dann geht es wieder. »Bin gleich wieder da!«, rufe ich über die Schulter zurück, dahin, wo der Kellner mit einem Wischmopp zugange ist, um mein Erbrochenes zu beseitigen, und meine Freundinnen mir hinterherstarren mit einer Mischung aus Mitleid und Vorwurf.

»Tja, Pech gehabt.« Ich taumle weiter Richtung Terrassentür. Wir befinden uns in der Belview Lounge, der gerade angesagtesten Roof-Top-Bar Manhattans in der 16th Avenue. Vor mir breitet sich die Skyline von New York aus. Ein Wolkenkratzer neben dem anderen, ein Meer an Lichtern – ein großartiger Anblick, aber heute … lässt er mich kalt. Ich fröstle. Drinnen war es zu warm, hier draußen weht eine kühle Brise. Im ersten Augenblick angenehm, aber schon nach ein paar Sekunden weiß ich, warum kaum Menschen hier draußen sind.

Ich trete an die Brüstung aus Glas, atme tief durch. Von weit unten dringt der Straßenlärm zu mir herauf. Das allgegenwärtige Pfeifen der Polizeisirenen, die Hupen, das Brummen der Motoren – eine Kakophonie an Tönen, die jedes Nicht-New-Yorker-Ohr beleidigen. Für den New Yorker ist das hier wie White Noise, beruhigend.

Jedes andere Geräusch wird davon aufgesogen. Würde eine Bombe explodieren, würde man das hier oben schon nicht mehr als eigenes Geräusch wahrnehmen. Würde ich schreiend in die Tiefe stürzen, würde niemand …

Ich verbiete mir selbst, diesen Gedanken zu Ende zu denken, aber es ist wie bei dieser Sache mit dem rosa Elefanten. Wenn ich euch befehle, nicht daran zu denken, spaziert er plötzlich durch eure Gedanken. Stimmt’s? Und so ist es auch mit diesem Satz.

Ich schüttle den Kopf, um ihn herauszubekommen, klatsche mir mit der flachen Hand gegen meine Stirn. Brülle gegen den Lärm von New York an. Nichts davon hilft.

Stattdessen lege ich mich über die Brüstung und starre hinunter in das von roten Lichtern durchflutete Dunkel. Und da spüre ich den Sog. Er zieht mich hinab und ich lehne mich noch weiter vor, um ihm nachzugeben. Mich einfach fallen zu lassen und nie wieder diese Verzweiflung spüren, diese Leere. Sterben im Licht von Millionen Lichtern und doch ungesehen. Ungehört.

Das Gesicht eines jungen Mannes taucht vor meinem inneren Auge auf. Ein lachendes Gesicht … und dann war das Lachen plötzlich fort und ich war schuld daran. War das damals auch bei ihm so? Hat er diesen Sog gespürt und ihm einfach nachgegeben?

Ich stelle mir vor, wie ich über die gläserne Brüstung klettere und dann auf dem schmalen Sims stehe. In der Tiefe unter mir der Verkehr, vor mir das Lichtermeer der Stadt. Ich mache einen Schritt, lasse das Geländer los, das ich bis dahin umklammert habe, dann lasse ich mich fallen. Lautlos. Ein Lächeln auf meinem Gesicht. Mein weißes Cocktailkleid flattert im Wind … ein Engel auf dem Weg zur Erde.

Die Tiefe ruft nach mir. »Sierra! Sierra!« Es ist seine Stimme. Leise, verführerisch. Es fehlt nicht mehr viel und ich fliege …

»Sierra!« Eine Hand krallt sich in meine Schulter. »Was soll das? Willst du dich umbringen?«

»Umbringen?« Ich erwache wie aus einem bösen Traum, spule ein paar Minuten zurück und sehe mich über die Brüstung gelehnt mit einem Ausdruck der Verzückung auf dem Gesicht, als hätte ich die Lösung für alle meine Probleme gefunden.

Angst durchfährt mich wie ein Blitz. Wollte ich mich wirklich umbringen?

Ich starre April an, die mich vorwurfsvoll betrachtet.

»Ich will mich nicht umbringen. Ich … muss weg.« Ich schenke ihr einen letzten verzweifelten Blick, schüttle ihre Hand ab und flüchte.

»Sierra!«, ruft sie mir nach, aber ich ignoriere ihren Ruf.

Weg, nur weg, denke ich.

Ich stürze zum Aufzug, der gerade in dem Augenblick die Türen öffnet, in dem ich dort ankomme. Ein Pärchen steigt gleich nach mir ein, dann noch eine Gruppe junger Frauen. Die Fahrtzeit nach unten vergeht mir nicht schnell genug und ich trommle ungeduldig mit meinen Fingern gegen meine Oberschenkel. Die Frauen betrachten mich neugierig. Kaum dass der Fahrstuhl unten angekommen ist, kämpfe ich mir den Weg nach draußen frei, renne zum Parkhaus. Ein Valet nimmt meinen Parkschein entgegen, braucht ewig, bis er mit meinem Auto daher braust. Der Autoschlüssel wechselt von seiner Hand in meine, dann macht das Trinkgeld den umgekehrten Weg. Es ist ihm zu wenig, das merke ich an seiner säuerlichen Miene, aber das ist mir jetzt gleich. Rein in das Auto und Gas gegeben. Weg, nur weg.

Kaum habe ich die Garage hinter mir gelassen, kommen mir die Tränen. Shit! Was ist nur los mit mir?

Ich habe mich immer für einen glücklichen Menschen gehalten. Ich hatte Freunde, war gut in der Schule, habe direkt nach der Uni einen Job in einer Firma bekommen, die Software entwickelt. In meinem Kopf war meine Zukunft eine schnurgerade Linie. Ich würde in der Karriereleiter weiter nach oben klettern, Partnerin der Firma werden, dann Seniorpartnerin und am Ende eine eigene Firma aus dem Boden stampfen. Natürlich würde ich einen tollen Mann kennenlernen und mit ihm zusammen zweieinhalb Kinder bekommen. Mein Leben wäre ein Vorzeigeleben, ein Leben wie aus dem Bilderbuch …

Tja, Pustekuchen. Ich habe mir die ganze Zeit was vorgemacht. Statt in der Karriereleiter nach oben zu klettern, habe ich das Nachsehen, weil die Chefetage natürlich einem Mann den Vorzug gibt. Von einem tollen Mann ist weit und breit nichts zu sehen – und ich meine jetzt nicht die One-Night-Stands, die ich am Wochenende in irgendwelchen Pubs aufgabele – und die zweieinhalb Kinder … Reden wir nicht davon.

Stattdessen heiratet meine eine Freundin und die andere ist schwanger. Und ich …

Wieder rinnen mir die Tränen über die Wangen und ich verpasse die Abfahrt von der Hauptstraße. Wütend schlage ich auf mein Lenkrad, löse die Hupe aus, worauf mir der Fahrer des Wagens neben mir den Vogel zeigt. Willkommen in New York.

Und plötzlich habe ich genug. Ich habe genug von diesem ganzen Scheinleben in der Stadt, von meinem Job, der im Übrigen aus nichts anderem besteht, als gelungene Softwares zu plagiieren – ja, wir lesen das Script aus, machen ein paar Anpassungen und veröffentlichen die Software dann unter einem anderen Namen. Und ja, laut meinen Bossen ist das eine gängige Methode der Weiterentwicklung von Software. Ich finde, es ist geistiger Diebstahl. Aber meine Meinung ist nicht gefragt. Ich bin eine Arbeiterbiene, habe zu tun, was von mir verlangt wird, während die faulen Drohnen die Königin, sprich das Geld, ficken.

Nein, normalerweise werde ich nicht so ausfällig. Aber normalerweise prasselt auch nicht so viel Scheiße auf mich herein. Und normalerweise denke ich auch nicht über Selbstmord nach.

Da oben auf dem Roof-Top hat wirklich nicht mehr viel gefehlt und ich hätte mich einfach fallen gelassen, versteht ihr? Ich bin keine Selbstmörderin, wirklich nicht. Ich habe bisher nie auch nur einen Gedanken daran verschwendet, freiwillig aus dem Leben zu scheiden – na ja, vielleicht hatte ich auch bisher einfach nur keine Zeit dazu –, aber da oben … Dieser Sog, der war … übermächtig. Wäre nicht April gekommen, ich glaube, ich wäre einfach geflogen.

Und das ist es, was mich wirklich erschreckt. Reichen wirklich ein paar Gläser Margarita und die Botschaft, dass meine beiden Freundinnen in ihrer Entwicklung weitergekommen sind als ich, um mich vom Dach eines Wolkenkratzers zu stürzen? Gibt es so wenig, was mich davon abhält, mich selbst aus dem Leben zu befördern?

Ja, ist die erschreckende Antwort und schon wieder fließen neue Tränen. Mein ganzes Leben ist ausgefüllt mit Arbeit. Etwas anderes gibt es nicht. Und selbst in der Arbeit stehe ich vor einer unüberwindlichen Mauer – der Mauer, die irgendein Idiot zwischen Männern und Frauen gebaut hat. Die Menschen auf der Männerseite kommen weiter in ihrem Job, die Menschen auf der anderen Seite sollen Kaffee kochen und Kinder bekommen. Sieht so aus, als hätten wir uns seit den Fünfzigerjahren nicht weiterentwickelt. Scheiße!

Wild lasse ich meine Hand auf das Lenkrad niederfahren.

Und dann heule ich schon wieder, weil mir einfällt, dass meine Freundin April ein Baby bekommt und ich sie beneide. Ich beneide sie so sehr. Mein Herz schmerzt vor lauter Trauer, dass sie dieses Baby unter ihrem Herzen trägt, während bei mir eine Spirale dafür sorgt, dass kein ungewolltes Kind meine Karriere behindern kann. Meine Karriere … ha!

Plötzlich bemerke ich, dass es dunkler geworden ist. Die Hochhäuser sind verschwunden, selbst andere Häuser stehen nur noch vereinzelt am Rande der Straße, dafür verkündet ein Schild, dass ich gerade New Jersey verlassen und die Grenze des Staates New York passiert habe. Was mache ich hier draußen?

Die Straße wirkt geisterhaft leer. Wann habe ich das letzte Mal eine Straße gesehen, auf der außer mir kein einziges Auto unterwegs war? Und noch einmal: Was mache ich hier?

Eine Ausfahrt nach New York City fliegt an mir vorbei, meine Hände weigern sich, nach rechts zu lenken, dafür drückt mein Fuß aufs Gaspedal. Ich fühle mich, als würde ich fremdgesteuert. Da ist wieder so ein Sog – nicht wie vorhin auf dem Roof-Top, sondern irgendwie positiv. Als würde irgendwas rufen: Komm zu mir, dann wird alles gut.

Mir ist schon klar, dass das natürlich völliger Unsinn ist, aber gleichzeitig kommt dieser Gedanke dem entgegen, was gerade in meinem Kopf abgeht. Weg, nur weg … Also fahre ich weg. Ich fahre auf dem NY State Thruway Richtung Albany, dann von Albany weiter Richtung Norden – immer auf die kanadische Grenze zu.

Meine Augen brennen – von den Tränen und von der Müdigkeit, die mich irgendwann nach Mitternacht überfällt, doch ich fahre weiter und passiere die Grenze nach Vermont. Eine halbe Stunde später bin ich in Montpelier, der Hauptstadt von Vermont, aber auch diese Stadt interessiert mich nicht. Von Städten habe ich genug.

Von Städten habe ich genug … Dieser Gedanke dreht sich in meinem Kopf. Von Städten habe ich genug, von Städten habe ich genug. Und statt weiter auf der Route 89 zu bleiben, lenke ich meinen Wagen von der Schnellstraße auf die Hauptstraße, die durch die Stadt führt, dann weiter in eine Straße namens Towne Hill Street. Etwas mit Hügeln klingt gut, finde ich. Die Einfamilienhäuser, die verstreut an der Straße liegen, verraten mir, dass ich im Long Island von Montpelier gelandet bin. Andere Hinweise bekomme ich nicht. Es gibt weder Straßenbeleuchtung noch eine Markierung und ich muss mein Tempo deutlich drosseln. Dann hören die Häuser ganz auf. Dafür stehen zu beiden Seiten der Straße hohe Bäume. Das schlechte Licht hilft meinen Augen nicht, ich kneife sie zu engen Schlitzen zusammen, aber anhalten will ich nicht. Wozu auch? Ich bin mitten in der Wildnis. Hier gibt es nicht einmal ein Motel, in dem ich übernachten könnte.

Also setze ich meine Fahrt fort. Nach einer weiteren halben Stunde – oder war es eine Dreiviertelstunde? – kann ich kaum mehr gegen diesen Zwang ankämpfen, die Augen zu schließen. Ich halte nur einen ganz schmalen Schlitz offen, aber selbst der fällt immer wieder zu und ich kann meine Augenlider lediglich mit ganz viel Kraft immer wieder aufreißen, bloß damit sie gleich wieder zufallen wollen.

Ich weiß, dass ich anhalten muss und wenn es nur für ein paar Minuten ist, damit ich mir die Füße vertreten kann, aber – lacht mich nicht aus – ich habe Angst vor den Tieren. Wir sind so nahe an der kanadischen Grenze, ich glaube wirklich, dass es hier Grizzlys gibt. Und Elche. Und Wölfe. Und ich habe keine Lust, mich von so einem Biest auffressen oder tottrampeln zu lassen. Also fahre ich weiter.

Meine Augen fallen zu, ich reiße sie auf.

Ich öffne die vorderen Fenster und der kühle Fahrtwind weckt mich für ein paar Minuten, doch dann friere ich zu sehr und ich fahre die Fenster wieder hoch … und meine Augenlider sinken herab.

Egal, denke ich. Außer mir ist sowieso niemand unterwegs. Die Straße führt meistens schnurgerade durch den Wald. Es ist nicht schlimm, wenn meine Augen mal zufa…

Nein! Meine Augen dürfen nicht zufallen. Mit Mühe reiße ich sie auf und sehe im letzten Augenblick ein Hindernis, das mitten auf der Straße steht. Ein Elch! Ich trete auf die Bremse, das Tier wendet mir schwerfällig seinen Kopf zu.

»Nein!«, schreie ich, doch mein Wagen weigert sich, auf verbale Kommandos zu hören, schlingert, dreht sich und plötzlich dreht sich die Welt um mich herum.

»Nein!«

Es ist nur noch ein Flüstern, was aus meiner Kehle kommt, während mein Wagen wie eine Billardkugel die Böschung hinunterkullert.

Habe ich mich vorher gefragt, ob mein Leben noch beschissener werden kann? Tja, die Antwort habe ich wohl gerade bekommen.

Ich glaube, ich habe für eine Weile das Bewusstsein verloren. Vielleicht bin ich auch nur eingeschlafen. Jedenfalls wache ich irgendwann auf, nur um festzustellen, dass ich nicht geträumt habe. Mein Auto ist mitten in einem Dschungel gelandet, durch die zerbrochenen Seitenscheiben wuchert Grünzeug herein und es ist … still. So still, dass in meinen Ohren ein Vakuum entsteht. Wo eigentlich Lärm sein sollte, ist gar nichts. Es ist … beunruhigend still. Die Furcht kriecht in mir hoch.

Wo bin ich? Ich rüttle an der Türklinke, bekomme die Tür natürlich nicht auf. Kein Wunder, der Wagen hat sich mindestens dreimal überschlagen, bevor ich in Ohnmacht gefallen bin. Da ist sicher alles verkeilt. Ich muss durchs Fenster. Doch als ich Anstalten mache, durch das Fenster zu kriechen, bemerke ich, dass ich immer noch angeschnallt bin, der Gurt ist eingerastet – was mir womöglich das Leben gerettet hat – und ich zur Bewegungsunfähigkeit verdammt. Ich muss das blöde Ding irgendwie durchschneiden. Nur wie?

Gerade will ich eine Glasscherbe aus dem Fenster brechen, da raschelt es neben mir im Gebüsch.

Ich erstarre.

Nein, nein, nein, nein, nein! Keine wilden Tiere, ja? Bitte lasst keine Wölfe und keine Bären mit meinem Auto spielen und keine Elche ihr Geweih in das Blech rammen. Ich brauche auch keinen Fuchs und kein Reh. Nicht einmal einen Hasen möchte ich sehen. Bei meinem Glück hat er die Tollwut – wenn Hasen so etwas überhaupt bekommen können.

Wieder raschelt es.

Ich halte den Atem an.

Soll man sich bei einem Bären nicht totstellen? Ist das überhaupt ein Bär? Ich schaue in alle Richtungen, kann jedoch nichts erkennen. Wenn es ein Bär ist, bin ich am Arsch. Ich kann mich nicht aus dem Sicherheitsgurt befreien. Ein Bär könnte praktisch durch das offene Fenster von mir abknabbern, ohne dass ich mich wehren oder fliehen kann. Kann man vor Bären überhaupt fliehen? Oder sind die sowieso viel schneller als wir Menschen? Und wie war das? Kann man auf Bäumen ein Versteck suchen? Oder können die auch klettern? Und wieso verdammt noch einmal weiß ich das nicht?

In meiner Aufregung hat sich mein Atem wieder beschleunigt und ich höre das Keuchen, das aus meiner Kehle kommt. Sofort unterdrücke ich es. Wenn ich so laut atme, ruft das sicher alle möglichen Raubtiere auf den Plan.

Da erklingen schwere Schritte im Unterholz. Sollte ich zum ersten Mal an diesem Tag Glück haben und jemand kommt zur Rettung?

»Hilfe!«, rufe ich. »Hilfe! Hier bin ich!«

Da schiebt sich ein Schatten von gewaltigen Ausmaßen aus dem Gebüsch und aus meinem Mund kommt ein panikerfüllter Schrei. »Neeeeeein!«

Der Schatten, der nahe genug gekommen ist, dass ich ihn als Elch identifizieren kann – und zwar als genau den Elch, der verantwortlich für die Misere ist, in der ich mich befinde – schüttelt sein mächtiges Haupt und gafft mich an.

»Du Monster!«, weine ich. »Du bist schuld daran, dass ich hier gelandet bin.«

---ENDE DER LESEPROBE---