Schneekugelliebe - Mira Frey - E-Book

Schneekugelliebe E-Book

Mira Frey

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Beschreibung

In Valentine liegt der Zauber der Weihnacht in der Luft – und der Duft von Neuanfängen. Als Melissa in ihre verschneite Heimatstadt zurückkehrt, wartet dort nicht nur ein abgebranntes Familienunternehmen auf sie – sondern auch zwei Männer aus ihrer Vergangenheit. Gemeinsam mit Colin und Tristan soll sie einen Businessplan entwickeln, um die Schneekugelmanufaktur ihres Vaters zu retten. Während Colin sie mit Begeisterung unterstützt, legt Tristan ihr bei jeder Gelegenheit Steine in den Weg. Doch warum tut er das? Einst verband sie mehr als Freundschaft, und nun scheint er alles daranzusetzen, das Projekt scheitern zu lassen. Zwischen Weihnachtsmarktlichtern, heißem Kakao und der Magie der Schneekugeln stößt Melissa auf ein gut gehütetes Geheimnis – und stellt sich die Frage, ob das Glück nicht längst vor ihrer Tür steht. Ein herzerwärmender Weihnachtsroman über zweite Chancen, alte Wunden und die Liebe, die manchmal verborgen liegt – wie ein Wunsch in einer Schneekugel. „Schneekugelliebe“ ist Band 1 der neuen Staffel Flowers of Valentine, der beliebten Sweet-Valentine-Reihe. Jedes Buch erzählt eine eigenständige Geschichte – ideal zum Einsteigen oder Wiederverlieben. Dieses Buch erschien ursprünglich unter dem Namen Heidi Troi. Für Liebesromane nutzt die Autorin nun das Pseudonym Mira Frey.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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SCHNEEKUGELLIEBE

FLOWERS OF VALENTINE

BUCH 1

MIRA FREY

INHALT

Schneekugelliebe

Vorwort

1. Ein Nein ist ein Nein

2. Die Bürgerversammlung

3. Feiern und Feiern

4. Cafégeflüster

5. Der Zauber einer Schneekugel

6. Alles nicht so einfach

7. Weg nur weg

8. Welche Schuld?

9. Schnee von gestern

10. Splitter

11. Lichtsignale

12. Eine neue Welt

13. Pläne

14. Leise rieselt der Schnee

Epilog

Danke! Danke! Danke!

Komm mit nach Sweet Valentine

Liebesromane von Heidi Troi

Noch mehr Weihnachten?

Noch mehr Südtirol? Bücher von Mira Frey

Mira Frey

IMPRESSUM

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de/ abrufbar.

© Januar 2025 – Copyright Mira Frey, Neuauflage des Buches „Schneekugelliebe“, das 2025 unter dem Namen von Heidi Troi erschienen ist

c/o Theaterpädagogisches Zentrum Brixen, Köstlaner Straße 28, 39042 Brixen (BZ), Italien

Lektorat: Bianca Kober

Korrektorat: Christian Scholte

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise –

nur mit Genehmigung des Verlags wiedergegeben werden.

Covergestaltung: : Renate Felderer, tintenheld.eu (Grafikelemente von Freepik, macrovector, Vecteezy, lana_marcy)

Ornamente: @lesyaudesign, @brand400504389, @christine-fleury (Canva)

Formatiert mit Vellum

SCHNEEKUGELLIEBE

Eine Aufgabe ihres College-Professors führt Melissa, Tristan und Colin zurück in ihre Heimatstadt Valentine. Gemeinsam sollen sie einen Businessplan für die Schneekugelmanufaktur von Melissas Vater erstellen, die nach einem verheerenden Brand in Trümmern liegt. Bürgermeister Walsh ist begeistert von der Idee, doch nicht jeder teilt seinen Enthusiasmus. Während Melissa und Colin mit Leidenschaft und Tatendrang an dem Projekt arbeiten, legt Tristan ihnen Steine in den Weg und scheint alles daranzusetzen, das Vorhaben scheitern zu lassen.

Melissa versteht die Welt nicht mehr – wie konnte der Mann, den sie einst liebte, sich so sehr verändern? Zwischen Weihnachtsmarkt und Familienfesten stößt sie schließlich auf ein lang gehütetes Geheimnis, das alles in einem neuen Licht erscheinen lässt.

Wird sie Tristan für immer den Rücken kehren oder bringt die Magie der Schneekugeln ihre Herzen wieder zusammen?

VORWORT

Liebe Leserin, lieber Leser,

manchmal muss man neue Wege einschlagen. Nicht immer tut man das mit leichtem Herzen. Auch mir ging es so, als ich die Entscheidung traf, meine Liebesromane ab sofort unter einem Pseudonym zu veröffentlichen.

Aber es musste sein und jetzt fühlt sich die Entscheidung gut an.

Diesen Roman habe ich ursprünglich unter dem Namen Heidi Troi veröffentlicht – als Geschichte voller Gefühl, Wärme und leiser Töne und als Fortsetzung der Sweet-Valentine-Reihe, die im Empire Verlag erschienen ist.

Heute darf er unter meinem neuen Pseudonym Mira Frey ein zweites Leben beginnen. Wie auch immer: Die Geschichte bleibt dieselbe. Nur der Name auf dem Cover hat sich verändert.

Danke, dass du hier bist.

Ich schicke dir ganz liebe Grüße,

Mira Frey

(auch bekannt als Heidi Troi)

1

EIN NEIN IST EIN NEIN

Eine Schneekugel strahlt Ruhe und Frieden aus. Das empfinde ich auch, wenn ich im wirklichen Leben so einen Schneefall beobachten kann. Ändert sich natürlich, wenn man dann eventuell Autofahren muss.

Rainer, Motorsägenkünstler aus Valentine

Melissa

»Denken Sie scharf nach. Was wäre ökonomisch sinnvoll? Lassen Sie die Hände gern unten. Überlegen Sie das nur mal für sich …«

Die Stimme von Professor Tipton sickert in mein Ohr ein, streichelt meine Hirnwindungen und tritt irgendwo ungehört wieder aus. Nicht, dass mich nicht interessieren würde, was er sagt. Professor Tipton ist eigentlich mein Lieblingsdozent hier an der Universität von Montpelier, aber trotzdem fällt es mir schwer, mich auf seinen Vortrag zu konzentrieren. Es mag damit zu tun haben, dass ich nicht vollständig von dem Pfeifferschen Drüsenfieber genesen bin, dessen Nachwirkungen ich Monate nach der eigentlichen Erkrankung immer noch spüre. Meine Geschwister flüstern sich hinter vorgehaltener Hand zu, dass ich das ›Kussfieber‹ habe. Dabei lassen sie ihre Augenbrauen vielsagend hochschnellen oder zwinkern mir zu. Als wären die Symptome Grund zur Unterhaltung. Ständige Müdigkeit, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit …

Ich lasse sie trotzdem gewähren. Die Wahrheit, nämlich dass ›Sex‹ ein Fremdwort für mich ist, geht sie nichts an. Mein erstes und einziges Mal war ein One-Night-Stand auf einer Uniparty und eine Trotzreaktion. Einen festen Freund hatte ich noch nie.

»Für Sex brauchst du keinen festen Freund. Nur einen Mann … oder eine Frau«, höre ich die Stimme meiner Lieblingsschwester Clementine, die wie Hazel und ich in Montpelier studiert hat, jetzt aber für ein Praktikum an den äußersten Zipfel des Staates Vermont gezogen ist – nach Brattleboro in Windham County. Ich vermisse sie so sehr.

Ich kann mir den prüfenden Blick, der auf diesen Satz meistens folgt, ohne Schwierigkeiten vorstellen. Seit Jamie und Jenna aus unserer kleinen Stadt sich als Paar geoutet haben, gehen alle davon aus, dass ich nur deshalb bisher keinen Mann mit nach Hause gebracht habe, weil ich auf Frauen stehe.

Sie liegen falsch. Ich bin einfach anders als meine Schwester Clementine, die manchmal nicht einmal den Namen der Männer kennt, mit denen sie in die Kiste hüpft. Deswegen bin ich noch lange nicht lesbisch. Im Gegenteil.

Mein Blick wandert hinüber zu Tristan, der seine fast schwarzen Augen dem Professor zugewandt hat und wie immer keine Notiz von mir nimmt. Ich schmelze beim Betrachten seines dunklen Haarschopfs dahin, während Tiptons Stimme zu einem Rauschen wird. Ein kaum hörbarer Seufzer entweicht mir.

Tristan stammt wie ich aus Valentine, einer kleinen Stadt im besten Bundesstaat der Vereinigten Staaten – ich spreche natürlich von Vermont –, direkt an der Grenze zu Kanada. Wir haben bereits im Sandkasten miteinander gespielt, sind in der Schule nebeneinandergesessen. An den Sonntagen haben sich unsere Familien getroffen, und alle waren davon überzeugt, dass Tristan und ich irgendwann ein Paar werden würden – am allermeisten wir selbst. Hättet ihr mich damals gefragt, wen ich mal heiraten werde, ich hätte, ohne zu zögern, seinen Namen genannt. Er war der erste Vertreter des männlichen Geschlechts, den ich nackt gesehen habe – wenn die Doktorspiele in der Grundschule zählen –, hat mir meinen ersten Kuss geraubt und sein Name füllt die Seiten meiner Tagebücher.

Melissa Montgomery. Mrs. Melissa Montgomery.

Ich habe den Klang dieses Namens geliebt.

Aber bis heute ist aus Melissa Miller keine Montgomery geworden.

Im Gegenteil. Eines Tages wandte sich die Familie Montgomery aus heiterem Himmel von uns ab. Die sonntäglichen Besuche hörten abrupt auf, und wenn Tristan mir begegnete, wechselte er die Straßenseite und wich meinem Blick aus.

Ich suchte nach dem Warum, aber fand es nicht.

Und gerade damals hätte ich ihn so sehr an meiner Seite gebraucht, denn genau in der Zeit zog Tante Ethel bei uns ein, und zwischen Mom und Dad begann es, gewaltig zu kriseln. Es waren keine offenen Schlachten, die sie austrugen, eher ein ständig schwelender Konflikt, der unser Familienleben vergiftete. Zuerst suchten meine Geschwister und ich den Grund dafür bei uns, dann verstanden wir, dass dieser Zustand nichts mit uns zu tun hatte, und gaben Tante Ethel die Schuld.

Was wirklich dahintersteckte, erfuhren wir erst vor ein paar Monaten, und das auch nur durch puren Zufall.

Eigentlich war es Ethan, der damalige Freund und jetzige Ehemann meiner Schwester Ivy, der herausfand, dass Dads Schneekugelmanufaktur abgebrannt war. Bis auf die Grundmauern.

Dad hatte es uns mit keinem Wort verraten. Und trotzdem muss es genau in der Zeit passiert sein, in der unser Leben auf den Kopf gestellt wurde. Das Unglück war der Grund dafür, dass Tante Ethel bei uns einzog – meine Eltern brauchten ihr Geld –, und ich vermute stark, dass auch das veränderte Verhalten von Tristan und seiner Familie damit zu tun hatte.

Wie schon so oft in den letzten zwölf Jahren frage ich mich, ob sie uns insgeheim vorwerfen, dass Tristans Vater unseretwegen seinen Job verlo…

»Aua!« Etwas fliegt gegen meinen Kopf und holt mich aus meinen Gedanken. Ich schaue in die Richtung, aus der das Ding – eine zusammengeknüllte Papierkugel – gekommen ist, und erblicke Colin.

Er stammt ebenfalls aus Valentine, ist ein paar Jahre älter als ich und eine unverwüstliche Frohnatur.

»Tipton hat schon dreimal zu dir rübergestarrt«, flüstert er mir von seinem Platz aus zu. »Das nächste Mal nimmt er dich dran. Zeit, aus dem Land der Träume zurückzukehren.«

Ich lächle ihn dankbar an und versuche, mich auf den Vortrag zu konzentrieren. Ein letztes Mal streift mein Blick über Tristan, dessen markante Augenbrauen sich finster zusammengezogen haben. Obwohl er immer noch nicht in meine Richtung schaut, habe ich das Gefühl, dass seine schlechte Laune etwas mit mir zu tun hat.

»… das kann uns vielleicht Miss Miller genauer erklären.«

Ich zucke zusammen. Mist! Ich war mit meinen Gedanken wieder nicht bei dem Vortrag. Hilfe suchend schaue ich zu Colin hinüber, der eifrig auf seinem Block herumkritzelt.

»Ja, das kann ich Ihnen genauer erklären«, wiederhole ich Tiptons letzte Worte, um ein bisschen Zeit zu schinden.

Da hält Colin seinen Block hoch. Ich bemühe mich fieberhaft, die Kritzeleien zu entschlüsseln. Thema der Stunde ist die Irrationalität der Kaufentscheidung von Kunden, der wir auf die Spur zu kommen versuchen. So viel weiß ich. Was die Linien und Kreise auf dem Blatt bedeuten sollen, ist mir allerdings schleierhaft.

»Ich … ähm … Menschen entscheiden häufig zugunsten von …« Was um alles in der Welt hat Colin da gemalt? Wolken, Blitze, Sonne … Es sieht aus wie die Karte eines Wetterberichts. »… dem Wetter?«

Mein Studienkollege klatscht seine Hand gegen seine Stirn und deutet auf die anderen Studenten.

»Was Mr. Frey Ihnen gerade auf eindrucksvolle Weise zu signalisieren versucht, ist, dass Kunden häufig aufgrund ihrer momentanen Lebenssituation entscheiden. Danke, Mr. Frey, Sie können den Collegeblock wieder für Ihre Mitschrift verwenden. Erklären Sie Miss Miller einfach anschließend, worum es bei dieser Vorlesung gegangen ist. Vielleicht hört sie Ihnen zu.«

Mist! Jetzt habe ich ihn verärgert. Warum schaffe ich es bloß nicht mehr, meine Gedanken zusammenzuhalten? Bisher hatte ich nie Konzentrationsprobleme. Dieses bescheuerte Pfeiffersche Drüsenfieber! Doc Macintosh hat mir zwar prophezeit, dass es mich noch einige Zeit beeinträchtigen würde, aber das hier ist schon krass.

»Jetzt höre ich zu«, erkläre ich. »Versprochen.«

Er nickt. »Gut so. Jetzt geht es nämlich um das Projekt, das Sie in diesem Semester durchführen werden.«

Ein Stöhnen hallt durch den Saal. So sympathisch Tipton ist, so anstrengend sind seine Aufgaben. Andererseits lernt man auch viel dabei und schließlich wollen wir uns ja irgendwann einmal in der Wirtschaft behaupten. Da nützt es nichts, wenn uns die Professoren mit Samthandschuhen anfassen, oder?

Ich setze mich aufrecht hin und zwinge meinen Blick weg von Tristan und auf Tipton.

Er lächelt sparsam, dann fährt er fort. »Sie werden im kommenden Semester zu Übungszwecken einen Businessplan für ein erfundenes Unternehmen entwickeln. Was dazu alles nötig ist und welche Vorarbeiten dazu zu erledigen sind, muss ich Ihnen nicht erklären, wenn Sie bei meinen Vorlesungen aufgepasst haben. Nicht wahr, Miss Miller?«

Ich möchte am liebsten im Boden versinken, doch er richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf den ganzen Saal.

»Die Gruppen habe ich nach Ihrem Herkunftsort eingeteilt. Das ist nämlich eine kleine Zusatzaufgabe: Sie sollen ein Unternehmen erfinden, das dort funktioniert, wo Sie sich auskennen. Wie Sie wissen, plädiere ich dafür, dass auch in der Peripherie wirtschaftlich tragfähige Projekte angesiedelt werden.« Er lächelt uns aufmunternd zu. »Machen Sie Ihre Stadt reich.«

Und dann verliest er die Gruppen. Und obwohl mir das bei der Ankündigung, dass er uns nach Herkunftsort zusammengewürfelt hat, schon hätte klar sein müssen, macht mein Herz einen Satz, als er sagt: »Das Valentine-Team: Melissa Miller, Tristan Montgomery und Colin Frey. Bitte grüßen Sie Savannah Walsh von mir – sie ist eine alte Schülerin.«

»Hey, wir sind in einer Gruppe!«, verkündet Colin und kommt freudestrahlend auf mich zu.

»Cool«, heuchle ich Begeisterung, doch ich schaue zu Tristan, der mit düsterer Miene seine Sachen zusammenräumt.

Colin interpretiert den Blick falsch. »Der alte Griesgram wird sich schon noch einkriegen. – Hey, Montgomery! Wie wär’s mit einem Bierchen zur Feier des Tages?«

»Wüsste nicht, was es zu feiern gäbe.« Ohne uns anzusehen, schiebt er sich an uns vorbei.

»Na, dass wir ein Team sind. Die Valentiner gegen den Rest der Welt.« Colin geht rückwärts vor ihm her, weiterhin unbeeindruckt strahlend, als wäre Tristans abwehrende Haltung nicht offenkundig. »Komm schon, ein Bierchen, um uns eine Strategie auszudenken.«

Tristan schüttelt den Kopf. »Ich werde Professor Tipton bitten, mich einer anderen Gruppe zuzuteilen.«

Colins fröhliche Miene verrutscht, während sich eine glühende Spitze in mein Herz bohrt. Bestimmt bin ich schuld daran, dass er nicht mit uns arbeiten will. Aber warum? Was habe ich getan? Wieso wirft er mir vor, was mein Vater seinem Vater angetan hat? Wenn überhaupt. Es war Zufall, dass die Fabrik niedergebrannt ist. Ein durchgeschmortes Kabel. Niemand kann was dafür, auch nicht Dad – und am allerwenigsten ich.

Wir sehen Tristan nach, wie er sich einen Weg durch die Traube von Studierenden bahnt, nach vorne zum Dozentenpult, wo Professor Tipton damit beschäftigt ist, seine Papiere zu ordnen.

»Lass den alten Grantler. Wir schaffen das auch zu zweit.« Colin nimmt meine Hand und schiebt sie unter seinen Arm, und während er mich Richtung Ausgang zieht, fragt er: »Hast du schon eine Idee?«

Tristan

»Professor Tipton?«

Der Schwarm aller Studentinnen sieht von seinen Papieren hoch. »Mister Montgomery? Haben Sie noch Fragen zu dem Projekt?«

»Nein … Das heißt … ja.« Ich schlucke nervös. Was, wenn er Nein sagt?

»Haben Sie etwas nicht verstanden? Nur rundheraus mit der Sprache. Ich beiße nur freitags.«

Ich lache pflichtschuldig. »Es ist … Könnte ich vielleicht in eine andere Gruppe wechseln?«

Er runzelt die Stirn. »Was ist falsch an Ihrer Gruppe?«

»Ich … Nichts. Ich würde nur lieber mit …« Verzweifelt durchsuche ich den Raum auf der Suche nach einer plausiblen Lösung. Vom anderen Ende winkt mir Abigail zu; ich winke zurück. »Ich würde nur gern mit Miss Pemberly zusammenarbeiten.«

Ein verständnisvolles Lächeln überzieht Professor Tiptons Gesicht. »Nur ist Miss Pemberly aus Montpelier«, sagt er.

»Ja.« Das stimmt leider.

»Tja, Mister Montgomery, ich werde Ihrem Wunsch leider nicht entsprechen können. Die Gruppen sind gesetzt und bereits im System so verankert. Ein Wechsel ist zu diesem Zeitpunkt leider nicht mehr möglich.«

»Aber …«, begehre ich auf, »Sie haben die Gruppen doch gerade erst verkündet. Wie hätte ich früher Einspruch einlegen sollen?«

»Gar nicht.« Er lächelt mich liebenswürdig an. Wer ihn jedoch kennt, weiß, dass unter dieser Maske Zorn schwelt. Ich werde es das ganze Semester lang bereuen, wenn ich jetzt nicht die Klappe halte.

Trotzdem kann ich es nicht lassen. »Sehen Sie, ich kann nicht mit den beiden arbeiten. Sie wissen, wie das in diesen Kleinstädten ist. Die Dynamiken dort … zwischen meiner Familie und der von …«

»Es reicht. Ein Nein ist ein Nein. Begraben Sie Ihre kleinlichen Familienkriege, nutzen Sie die Differenzen kreativ. Vielleicht ist es diese Zusammenarbeit, die für ein bisschen mehr Frieden in Ihrem Kaff sorgt. – Nein!«, unterbricht er mich, als ich ein letztes Mal den Mund zum Widerspruch öffne. »Sie können sich alle weiteren Argumente sparen. Arbeiten Sie mit den beiden zusammen – übrigens scheinen weder Miss Miller noch Mister Frey ein Problem mit der Zusammenarbeit zu haben – oder weigern Sie sich und nehmen eine negative Bewertung in Kauf.«

Mein Puls rast, als er bis auf ein paar Zentimeter an mich herankommt.

»Und Sie wissen genau, dass eine negative Bewertung in dieser Vorlesung Sie um ein Jahr zurückwirft. Also überlegen Sie es sich gut, ob Sie sich weiterhin so wenig kooperativ zeigen wollen.«

Das ist himmelschreiend ungerecht. Ich bin der kooperativste Mensch, den diese Fakultät jemals gesehen hat – nur eben nicht mit … ihr. Und das hat seine Gründe. Gründe, über die ich nicht sprechen will, aber glaubt mir, sie haben nichts mit meiner mangelnden Kooperationsfähigkeit zu tun. Es ist einfach … kompliziert.

Ich nicke dem Professor knapp zu, zum Zeichen, dass ich ihn verstanden habe, und wende mich ab. Gerade noch rechtzeitig, um mitzubekommen, wie Colin und Melissa eng umschlungen den Hörsaal verlassen. Es fühlt sich an, als würde mir jemand eine glühend heiße Stricknadel ins Herz rammen.

Und ja, ich weiß, dass ich kein Recht darauf habe, so zu empfinden. Aber in welcher Welt hat die Vernunft Macht über die Gefühle? In meiner jedenfalls nicht.

Kurz überlege ich, den Kurs sausen zu lassen – einfach nicht mehr hinzugehen und diese blöde Aufgabe zu vergessen –, aber ich brauche mir nichts vorzumachen. Die Folgen wären eine Katastrophe. Diese Vorlesung ist Voraussetzung für zwei andere im nächsten Semester. Würde ich die Übung verweigern, würde mich das ein ganzes Jahr zurückwerfen. Und das kann ich mir nicht leisten. Die Studienzeit zu verbummeln, ist was für die reichen Kids. Zu denen ich nicht gehöre.

Wenn er mich nur nicht zwingen würde, mit ihr zusammenzuarbeiten!

Ich stöhne, als mir etwas in den Sinn kommt, was der Professor am Anfang des Studienjahrs einmal gesagt hat.

»Im Laufe eurer beruflichen Karriere werdet ihr mit Menschen zu tun haben, mit denen ihr auf einer Wellenlänge seid. Ihr werdet euch mit wenigen Worten oder Blicken mit ihnen verständigen können, weil ihr dieselbe Sprache sprecht, und die Projekte werden nur so flutschen. Aber es wird auch Situationen geben, wo ihr mit Menschen zusammenarbeiten müsst, bei denen es schwierig ist. Wo ihr jedes Wort, jeden Blick in die Waagschale werfen müsst. Ein guter Unternehmer bringt auch solche Projekte zu einem optimalen Abschluss. Wollt ihr gute Unternehmer sein?«

Der ganze Hörsaal hat seine Zustimmung gebrüllt.

»Dann stellt eure Gefühle zurück und die Sache in den Vordergrund. Denkt an meine Worte.«

Hat er uns bewusst so zusammengewürfelt?

Gott, warum muss das nur so schwierig sein?! Es ist nicht so, dass ich Melissa nicht mag. Im Gegenteil. Und ich bin sicher, wir könnten uns spielend nur über Blicke verständigen, aber …

»Mister Montgomery?« Professor Tipton sieht mich prüfend an.

Ich nicke knapp. »Dann soll es so sein.« Mit einem Stein im Magen wende ich mich ab.

»Schönes Thanksgiving-Wochenende, Mister Montgomery!«, ruft er mir nach. Obwohl die Höflichkeit es gebieten würde, dass ich ihm dasselbe wünsche, erwidere ich den Gruß nicht, sondern verlasse den Hörsaal mit eiligen Schritten und gleich darauf das Community College of Vermont. Ich brauche einen Ort, an dem ich wieder runterkommen und meine Gedanken ordnen kann. Das ist in Montpelier nicht schwierig. Die kleinste Hauptstadt Amerikas hat gerade mal achttausend Einwohner und ist so grün, wie man sich eine Stadt nur wünschen kann. Direkt hinter dem College gibt es eine Art Park, in dem sich ein kleiner Teich oder, besser gesagt, ein Tümpel befindet. Und auch wenn dieser Tümpel nichts im Vergleich zum Heart Lake ist, hilft er mir manchmal dabei, das Gedankenkarussell in meinem Kopf zu beruhigen.

Ich schlage mich also ins Gebüsch und wate durch kniehohes Gras bis zum Ufer. Ohne darauf zu achten, dass meine Füße in dem übel riechenden Morast versinken, stapfe ich zu dem Baumgerippe, das dort liegt. Ein mächtiger Ahornbaum ist vor Jahren von einem Sturm gefällt worden. Er reicht weit in das Wasser hinein, das Holz ist von der Sonne gebleicht. Das ist mein Stammplatz. Ich klettere auf den Baumstamm, ziehe die Beine hoch und setze sie auf einem der Äste ab. Dann umarme ich die Knie und lege das Kinn darauf ab.

Mit geschlossenen Augen lausche ich den Geräuschen um mich herum. Ein später Kanadakranich stößt einen sehnsüchtigen Ruf aus. Er hat wohl den Abflug Richtung Süden verpasst. Weiter entfernt höre ich das Rauschen der Winooski Falls und nördlich von mir kann ich das Surren der Stromleitung ausmachen, die quer über den Park verläuft.

Nein, es ist nicht Valentine. Aber es ist nicht schlecht.

Es ist eine Weile her, dass ich zum letzten Mal in der Stadt war, in der ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Ich … fühle mich dort nicht mehr wohl. Nicht in der Stadt und nicht in meinem Elternhaus. Seit dem … Vorfall ist Schweigen eingekehrt bei uns zu Hause. Meine Eltern reden kaum noch miteinander. Mit mir redet Dad überhaupt nicht mehr. Es ist, als hätte jemand eine Wand aus Glas zwischen uns hochgezogen. Wir sehen einander, aber haben uns voneinander entfernt. Wen wundert es, dass es mich dort nicht hinzieht!

Und jetzt fordert Professor Tipton, dass ich wieder heim in den Schoß der Stadt gehe. Vorerst nur gedanklich, aber ich brauche mir nichts vorzumachen. Es ist sicherlich nötig, dass wir vor Ort sind.

Ich seufze.

Was soll ich tun? Meine Karriere in den Wind schießen oder mich auf diese unselige Gruppenarbeit einlassen? Ich denke nach, wäge ab, lege in Gedanken eine Pro-und-Kontra-Liste an und dann … entscheidet das Schicksal für mich.

Zwischen den Bäumen höre ich Stimmen und das Lachen einer Frau, das ich unter Tausenden erkennen würde. Melissa Miller.

Ich drehe mich um und in diesem Augenblick treten sie und Colin Frey aus dem Wald. Bei meinem Anblick erstarren sie kurz, dann wechseln sie einen Blick und kommen auf mich zu.

Melissa

Mist! In dem Augenblick, in dem ich Tristan da sitzen sehe, ist es auch schon zu spät. Er dreht sich um und sieht uns. Daran, wie er zornig seine Augenbrauen zusammenzieht, kann ich deutlich erkennen, wie ›begeistert‹ er über diese Störung ist.

Zuerst werde ich von schlechtem Gewissen überschwemmt, dann überwiegt der Ärger. Ist es meine Schuld, dass er ausgerechnet an meinem Lieblingsplatz in Montpelier herumlungert? Es gibt so viele Orte, an denen er ganz allein mit sich sein könnte. Warum muss er unbedingt an diesen Tümpel kommen?

Er starrt uns an. Ich starre zurück.

»Hey, Montgomery!«, ruft Colin. »Was dagegen, wenn wir uns zu dir setzen?«

Man braucht nur Tristans Gesichtsausdruck anzuschauen, um die Antwort zu kennen. Er sieht aus, als würde er meinem Begleiter am liebsten an die Gurgel gehen.

»Lass uns verschwinden, ja?«, flüstere ich ihm zu, aber Colin wäre nicht Colin, wenn er sich von einer finsteren Miene beeindrucken ließe. Im Gegenteil. Tristans Ausdruck stachelt ihn womöglich noch an.

»Wir hätten ja gern ein Bierchen mit dir gezischt, wir können aber auch in der Wildnis an dem Projekt arbeiten. Wobei es im Pub doch wärmer wäre, findest du nicht?«

Colin hat recht. Es geht auf Thanksgiving zu und die Temperaturen sind bereits seit einer Weile winterlich. Noch hat es hier im Süden von Vermont nicht geschneit, aber meine Schwester Ivy hat mir schon einmal ein Bild aus Valentine geschickt, auf dem eine dünne Schneedecke alles in Weiß gehüllt hat. Zusammen mit dem Indian Summer, der dieses Jahr spät war und daher noch in vollem Gang ist, sieht das wunderhübsch aus und wie immer bekomme ich beim Anblick der bunten Ahornbäume Sehnsucht nach meiner kleinen Stadt.

Bald ist Weihnachten und die Zeit vor dem Fest haben wir in unserer Familie immer ganz besonders zelebriert. Naheliegend, wenn man bedenkt, dass Dad diese Schneekugelfabrik hatte. Etwas Weihnachtlicheres als Schneekugeln gibt es doch wohl nicht, oder?

Dad hat immer am ersten Advent für jedes von uns Kindern ein Exemplar seiner neuesten Weihnachtskollektion mitgebracht. Wir haben alle künstlichen Lichter gelöscht und dann haben wir im Schein der Kerzen unsere Kugeln geschüttelt. Wir haben dazu Geschichten erfunden und uns auf Weihnachten gefreut.

Auch als es die Schneekugelmanufaktur nicht mehr gab, hat Dad uns weiterhin am ersten Advent Schneekugeln geschenkt. Vielleicht, damit wir ihm nicht auf die Schliche kommen würden, vielleicht wollte er sich selbst an die gute alte Zeit erinnern. Ich weiß es nicht. Jedenfalls werden die Regale meines Kinderzimmers von diesen Schneekugeln geziert. Jede von ihnen erzählt eine Geschichte. Jede von ihnen ist einzigartig.

Und bald ist wieder der erste Advent. Wird Dad uns auch in diesem Jahr seine neueste Kollektion schenken? Oder gibt es jetzt, wo er aufgeflogen ist, keine Schneekugeln mehr? Mein Herz zieht sich zusammen bei dem Gedanken, dass das wichtigste Element von Weihnachten mit der Entdeckung seiner großen Lüge gestorben sein könnte.

Inzwischen haben wir Tristan fast erreicht. Nicht, dass er uns eingeladen hätte. Mit wütend funkelnden Augen fixiert er uns – besser gesagt Colin, denn mich ignoriert er weiterhin –, der ganze Körper angespannt wie bei einem Raubtier, das zum Sprung ansetzt.

»Also wir drei«, sagt Colin und setzt sich auf das weiße Holz des toten Baumes, der vom Ufer aus ins Wasser ragt. Ich bleibe etwas weiter entfernt stehen, da, wo der Boden trocken ist.

Tristan antwortet nicht.

»Hat einer von euch eine Idee, welches Projekt wir angehen könnten?«

»Die Schneekugelfabrik«, schießt es aus mir heraus. In dem Moment, in dem ich das sage, bereue ich meinen Vorschlag auch schon. Tristans Kopf schnellt herum und seine schwarzen Augen bohren sich in mich, dass mir heiß und kalt wird.

»Ich bin dagegen«, presst er mühsam heraus.

»Also ich finde die Idee gut«, meint Colin, ohne Tristans Wut zu beachten. »Die Schneekugelmanufaktur von Melissas Dad war doch ein wichtiger Industriezweig von Valentine. Und Schneekugeln ließen sich gut mit dem Werbekonzept von Bürgermeister Walsh vereinbaren. Stellt euch mal vor: Valentine zum Mitnehmen. Unser See, die bunten Häuser – und es regnet Herzen. Denkst du, das wäre technisch machbar, Melissa?«

»Ja, warum nicht?«

Gleichzeitig bellt Tristan: »Nein!«

Colin sieht verwundert zwischen uns hin und her. »Ja oder nein?«

»Natürlich ist es machbar. Ich glaube, Tristan kann sich bloß mit der Idee der Schneekugelmanufaktur an sich nicht anfreunden.«

»Hör auf, mir Sachen zu unterstellen«, knurrt Tristan, ohne mich anzuschauen.

Colin klatscht in die Hände. »Dann ist es gebongt. Wir lassen in unserer Übung die Schneekugelmanufaktur von Valentine wiederauferstehen. Ich habe gleich noch eine tolle Idee: Pärchen, die nach Valentine kommen, um sich die Liebe zu gestehen oder zu heiraten oder … na, ihr wisst schon«, er zwinkert vielsagend mit den Augen, »können als Erinnerung an den besonderen Moment eine Schneekugel in Auftrag geben, bei der sie selbst in Szene gesetzt werden. Wäre das nicht toll?«

»Eine fantastische Idee!«, sage ich.

»Total hirnrissig!«

Ihr könnt euch denken, von wem dieser letzte Kommentar stammt.

»Gut. Nachdem wir heute so produktiv gewesen sind, würde ich vorschlagen, wir begießen unseren Erfolg mit etwas Bier.«

»Ohne mich«, sagt Tristan. Er steht auf und watet durch den Morast weg von dem Baum.

»Dann treffen wir uns morgen für die Marktanalyse?«

Tristan reckt bloß einen Daumen hoch, ohne sich zu uns umzusehen.

»Wo?«, ruft Colin ihm nach.

Keine Antwort. Wenig später haben die Bäume ihn geschluckt.

»Also echt, der Kerl raubt mir noch den letzten Nerv«, brummt Colin. »Wie kann man nur so mies drauf sein?«

»Ich denke nicht, dass er immer mies drauf ist«, widerspreche ich leise. »Nur wenn er in meiner Nähe ist, ist er so.«

»Denkst du?« Er starrt mich mit zusammengezogenen Brauen an. »Aber wieso? Wart ihr nicht mal wie Pech und Schwefel? Ich kann mich doch noch erinnern, dass ihr kaum mal ohneeinander anzutreffen wart.«

Ich hebe die Schultern. »Das ist lange her. Inzwischen ist …« Ich breche ab, weil ich nicht weiß, wie ich den Satz beenden soll. Im Handumdrehen bin ich wieder bei der Frage angelangt, um die meine Gedanken ständig kreisen: Was ist passiert? Wenn er doch bloß sein Maul aufbekommen und mir sagen würde, was ich damals falsch gemacht habe – oder immer noch falsch mache. Dann könnte ich es ändern und wir könnten …

Nein. Ich schüttle den Kopf. Wir könnten vermutlich nie wieder Freunde werden. Nicht so, wie wir es damals waren. Egal was da zwischen uns steht, inzwischen ist zu viel passiert, als dass sich die alte Vertrautheit aufs Neue einstellen könnte.

Ich trauere den Zeiten nach, in denen Tristan für jeden Spaß zu haben war. In denen Tristan mich besser trösten konnte als jeder andere in meinem Umkreis – Mom und Dad eingeschlossen. In denen Tristan mein Traummann war …

Ähm … das ist er immer noch, weil mein krankes Hirn ihn einfach nicht vergessen will. Tristan. Tristan. Tristan.

Ich wende den Blick mit aller Macht von der Stelle ab, an der er zwischen den Bäumen verschwunden ist.

»Hast du nicht was von Bier gesagt?«, frage ich.

Colins Miene leuchtet auf. »Hab ich. Wollen wir?«

Und dann fasst er mich wieder unter und begleitet mich durch die Straßen von Montpelier zu unserem Lieblingspub, in dem das Bier noch bezahlbar und die Stimmung immer gut ist.

Tristan

Ich zwinge mich, nicht zurückzuschauen, auch wenn es mir schwerfällt. Ich habe Melissas Blick gesehen, die Fragen darin und ihre Verletztheit. Und ich weiß, dass ich die Schuld daran trage, dass es ihr nicht gut geht. Aber ich kann nicht anders. Damit wird sie sich abfinden müssen.

Ja, wir hatten mal so etwas wie eine Zukunft. Hättet ihr mich damals gefragt, ob mir unter den Mädels von Valentine eines gefällt, wäre meine Wahl auf sie gefallen.

Eine Zukunft ohne sie war für mich damals nicht vorstellbar. Wir waren eine Einheit, aber dann passierte das Unglück. Dieser dumme Brand veränderte alles.

Die darauffolgende Zeit war eine Qual. Ich konnte ihr nicht mehr in die Augen schauen. Schaffe ich bis heute nicht. Ihr Vorschlag, ausgerechnet die Schneekugelmanufaktur als Projekt für Tipton zu wählen, hat mich so kalt erwischt, dass ich es zum ersten Mal seit jenem Tag wieder getan habe. Ich habe hoch- und direkt in ihre dunkelblauen Augen geschaut und darin gesehen, wie sehr ich sie verletzt habe.

Nun stapfe ich durch die Straßen von Montpelier. Ich will nicht auf den Campus, weil ich bei meinem Glück garantiert den beiden in die Arme laufe – Colin, diesem Golden Retriever von einem Menschen, und ihr. Doch wegzulaufen nützt mir nichts. Mit offenen Augen sehe ich sie so deutlich vor mir, dass ich sie malen könnte: ihr lockiges braunes Haar, das sich kaum bändigen lässt und im Sonnenlicht rötlich schimmert, den vollen Mund, der so gern lacht und dabei eine wundervoll unregelmäßige Zahnreihe entblößt, das Piercing an ihrem rechten Nasenflügel – ein haarfeiner silberner Ring, der ihr steht wie keiner anderen.

Selbst ihren Geruch kann ich abrufen. Sie riecht immer nach ihrem Lieblingsshampoo mit Erdbeerduft. Süß und verlockend.

Gott, wenn man mich so reden hörte! Wenn sie mich so reden hörte! Sie würde mich für einen Irren halten.

Und damit wäre sie nicht allein. Ich selbst halte mich für einen Irren, weil ich jetzt offenbar in das Projekt eingewilligt habe. In das Projekt, das ich nicht machen will, mit den Menschen, mit denen ich nicht zusammenarbeiten will. Was soll ich sagen? Es ist zum Scheitern verurteilt.

Ich will mir eben den Kopf an einer Wand einschlagen – eine Schädelverletzung sollte doch als hinreichende Entschuldigung gelten, nicht wahr? –, da läutet mein Telefon.

»Hallo, Bruderherz!«, zwitschert meine Schwester in dem Augenblick drauflos, in dem ich abnehme. Sie ist wie Colin. Ständig unfassbar gut drauf, immer optimistisch.

»Was brauchst du, Sylvie?« Mich nervt mein ungehaltener Ton selbst, aber was soll ich machen? Es ist gerade ein bisschen viel.

»Muss ich immer was brauchen, wenn ich dich anrufe?«

Ich verdrehe die Augen. »Lass uns mal nachdenken. Das letzte Mal hast du angerufen, als du eine Begleitung zu diesem Brustkrebsabend gebraucht hast. Das vorletzte Mal war es so, dass du jemanden gebraucht hast, bei dem du dich wegen Ben ausheulen konntest. Das vorvorletzte Mal …«

»Ist ja schon gut«, unterbricht sie mich. »Du hast natürlich recht, alter Langweiler. Ich brauche tatsächlich etwas von dir.«

»Aha.«

»Nichts aha. Mom hat mich gebeten, dafür zu sorgen, dass du …«

»Nein. Keine Chance. Ich komme nicht zur Thanksgiving-Feier.«

»Du weißt ja nicht mal, was ich sagen will.«

»Doch, weiß ich.«

»Kannst du gar nicht.«

Ich verdrehe die Augen. »Also gut. Dann rück mit der Sprache heraus. Was, wenn nicht Thanksgiving der Anlass deines Anrufs ist?«

»Mom hat mich gebeten, dafür zu sorgen, dass du … am Wochenende vorbeikommst.«

»An welchem Wochenende?«

»An dem kommenden.«

»Also an Thanksgiving?«

Sie tut überrascht. »Echt? Ist am nächsten Wochenende wirklich schon Thanksgiving?«

»Ha-ha, witzig!«, sage ich bloß.

»Komm schon, Tree Tree. Sie haben dich so lange nicht gesehen.«

»Ich studiere.«

»Zu Thanksgiving fallen bestimmt keine Vorlesungen an.«

»Du hast keine Ahnung.«

Sie lacht. »Habe ich. Vor dem Anruf bin ich das Vorlesungsverzeichnis durchgegangen. An der Uni findet das ganze Wochenende keine einzige Veranstaltung statt. Also hast du keine Ausrede.«

»Die privaten Veranstaltungen sind dort nicht aufgeführt«, wende ich noch schwach ein.

»Papperlapapp! Wann ist aus meinem furchtlosen, draufgängerischen Bruder ein Schlappschwanz geworden?«

Das kann ich ihr genau sagen. Das ist passiert, als der Brand die Zukunft meines und Melissas Vaters zerstört hat.

»Ich will nicht.«

»Tja, dein Pech. Ich sitze in deinem Zimmer und warte auf dich. Und wenn du nicht freiwillig mit mir nach Hause fährst, schreie ich, bis der ganze Campus antanzt. Dann starren dich alle ganz vorwurfsvoll an, zeigen mit dem Finger auf dich. Keiner will mehr mit dir …«

»Okay. Ich komme ja schon mit, du Nervensäge! Aber beklage dich nicht, wenn das kein entspanntes, harmonisches Fest wird. Ich bin nämlich sicher, auch Mom und Dad wären glücklicher ohne mich.«

»Darauf lasse ich es gern ankommen«, sagt sie. Dann fügt sie hinzu: »Komm schnell. Ich übe schon mal zu schreien.« Mit einem leisen Schrei legt sie auf.

Mistbiene!

2

DIE BÜRGERVERSAMMLUNG

Eine Schneekugel ist ein Stück heile, aber zeitgleich auch magische Welt, weckt Kindheitserinnerungen und hat eine beruhigende Wirkung.

Bianca, die gute Seele von Valentine

Melissa

Die Fahrt mit dem Greyhound nach Valentine dauert eine gefühlte Ewigkeit. Einerseits, weil es eben ein ordentliches Stück ist, und andererseits, weil ein paar Sitzreihen vor mir ein allzu bekannter dunkelhaariger Mann sitzt, der von seiner Schwester ebenso vollgelabert wird wie ich von Colin.

Die Rede ist natürlich von Tristan.

Er und Sylvie – so heißt seine Schwester – sind nach uns in den Bus gestiegen. In dem Augenblick, in dem er uns erblickt hat, haben sich seine markanten Augenbrauen zusammengezogen und seine Miene hat sich verfinstert.

Und wieder denke ich darüber nach, was ich verbrochen habe, um diesen Unmut auf mich zu ziehen. Meine Gedanken wandern zurück in die Vergangenheit, analysieren wie schon so oft jeden Augenblick unserer letzten Begegnung und kommen wie üblich zu keinem Ergebnis. Er hasst mich einfach, und ich sollte mich langsam damit abfinden, auch wenn es mir noch so schwerfällt.

Colin plappert neben mir dahin wie ein stetig sprudelnder Bach. Immer neue Ideen spinnt er für unser Projekt, doch ich höre kaum zu. Hin und wieder nicke ich, von Zeit zu Zeit gebe ich einen zustimmenden Laut von mir. So merkt er nicht, dass er einen Monolog hält und seine Zuhörerin geistig weitgehend abwesend ist.

Ich lasse die Landschaft an mir vorbeiziehen. Immer länger werden die unbesiedelten Abschnitte, die Natur wird bunter. Von den Gipfeln der Green Mountains leuchtet Schnee. Bald wird der Winter einziehen.

Ich habe mit Colin schon überlegt, nach Thanksgiving einfach in Valentine zu bleiben. Unser College ist auf Fernunterricht spezialisiert. Es ist normal, dass Studenten für einen längeren Zeitraum – oder die ganze Dauer des Studiums – woanders leben. Also sollte das klargehen. Aber noch haben wir nichts entschieden.

In meinem Fall wird die Entscheidung davon abhängen, wie die Atmosphäre bei mir zu Hause ist. Ob Mom und Dad sich zusammengerauft haben, ob Tante Ethel stresst … Mal sehen.

Irgendwann findet auch die längste Reise ein Ende. Zischend öffnen sich die Türen des Busses und wir steigen aus. Seite an Seite mit den Montgomery-Geschwistern warten wir, bis der Busfahrer den Kofferraum geöffnet hat. Kaum ist die Klappe oben, rutscht uns ein Koffer entgegen. In einem Impuls greifen Tristan und ich beide danach, unsere Hände berühren sich und ein Stromschlag durchzuckt meinen Körper. Ich ziehe meine Hand instinktiv zurück, er tut dasselbe und …

»Au, verdammt, mein Zeh! Wer hat diesen bescheuerten Koffer so miserabel verstaut, dass er …?« Tristan steigt mit schmerzverzerrtem Gesicht von einem Fuß auf den anderen.

»Ups! Das ist meiner.« Sylvies helles Lachen ertönt. Sie klimpert mit den Wimpern, als sie ihren Bruder anlächelt. »Danke, Tree Tree, fürs Rausholen! Hi, Melissa! Hab dich gar nicht gesehen.«

Sie packt ihren Koffer und zieht ihn weg vom Bus. Nach ein paar Schritten dreht sie sich um. »Kommst du, Tree Tree?«

Knurrend beugt sich Tristan nach vorn, um sein Gepäck aus dem Bus zu nehmen. Bevor er sang- und klanglos verschwinden kann, hält Colin ihn auf. »Wann treffen wir uns, Montgomery?«

Tristan knurrt etwas, das man mit viel Mühe als »Ist mir doch egal!« verstehen kann, und schüttelt Colins Hand ab.

»Morgen? Um neun im Heart Café? Ich kann’s kaum erwarten, mich durch Kyles Köstlichkeiten zu fressen.«

---ENDE DER LESEPROBE---