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Ein Berghotel in Südtirol. Zwei Menschen, die tiefe Wunden in sich tragen. Und eine Küche, in der es gewaltig knistert. Nach dem Tod ihres Ehemanns sucht Friederike im Hotel Liebelei einen Neuanfang. Dort trifft sie auf einen Gast, den sie von früher kennt: Sternekoch Sascha, der in Südtirol vor seinem Burn-out flieht. Als Oma Rosie ein Kochduell ausruft, prallen Haute Cuisine und Hausmannskost, alte Wunden und neue Gefühle aufeinander. Und bald zeigt sich: Liebe geht durch den Magen …
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Veröffentlichungsjahr: 2025
DAS KLEINE BERGHOTEL IN SÜDTIROL
BUCH 3
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de/ abrufbar.
© Mira Frey
c/o Theaterpädagogisches Zentrum Brixen
Köstlaner Straße 28
39042 Brixen (BZ) – Italien
Lektorat: Bianca Kober
Korrektorat: Christian Scholte
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise –
nur mit Genehmigung der Autorin wiedergegeben werden.
Coverdesign: © Renate Felderer, tintenheld.eu; Grafikelemente von Freepik, @pikisuperstar;
Ornamente: @patinchumkhun (Canva)
Formatiert mit Vellum
1. Kleine Schritte
2. Vergissmeinnicht
3. Dankbarkeit
4. Ein bisschen Zucker
5. Zugfahrt mit Ruhestörung
6. Ankommen
7. Ein Berg
8. Ein Waldgeist
9. Von Brunnen und Brotzeiten
10. Besser schlecht gefahren als gut gegangen
11. Einfach nur noch liegen
12. Lauscher an der Wand
13. Ein Faible für Furien
14. Ein Knödelwürfel
15. Die Liebe ist ein scheues Tierchen
16. Wer laut wird, hat schon verloren
17. Flieg mit mir zum Mond
18. Scharf
19. Buttern
20. Eli? Bist du das?
21. Du!
22. Kochshow oben ohne
23. Gegen einen Toten kannst du nur verlieren
24. Irgendwo weit über dem Regenbogen
Epilog
Danke
Quarkespuma mit Brennnesselpesto & Rote-Bete-Chips
Südtiroler Schlutzer mit Brennnesselfüllung
Himbeer-Mascarpone-Creme – »La vie en rose«
Über die Autorin
Das kleine Berghotel am Wasserfall
Der kleine Weihnachtsmarkt in den Bergen
Komm mit nach Sweet Valentine
Weitere Liebesromane von Heidi Troi
Die wichtigste Zutat steht in keinem Rezept: Liebe.
Geheime Kochtipps von Friederike
Ein Berghotel in Südtirol. Zwei Menschen, die tiefe Wunden in sich tragen. Und eine Küche, in der es gewaltig knistert.
Nach dem Tod ihres Ehemanns sucht Friederike im Hotel Liebelei einen Neuanfang. Dort trifft sie auf einen Gast, den sie von früher kennt: Sternekoch Sascha, der in Südtirol vor seinem Burn-out flieht.
Als Oma Rosie ein Kochduell ausruft, prallen Haute Cuisine und Hausmannskost, alte Wunden und neue Gefühle aufeinander.
Und bald zeigt sich: Liebe geht durch den Magen …
Kleine Schritte
Ich denke in kleinen Schritten.
Alles braucht seine Zeit.
Affirmation des Tages von Sascha
Sascha
Es gibt Menschen, die ihr Leben meistern und gekonnt alle Hindernisse umschiffen, die ihnen das Schicksal in den Weg wirft. Die ›an den Herausforderungen wachsen‹ und behaupten, Probleme seien dazu da, gelöst zu werden. Die erst so richtig aufblühen, wenn es Schwierigkeiten gibt.
So einer bin ich … nicht.
Ich bin eher der Typ ›Wirf mit der Flinte gleich auch noch den Kerl mit ins Korn‹, um nicht zu sagen, der Typ ›Steck nicht nur den Kopf in den Sand, sondern den ganzen Mann‹.
Ich habe es versucht. Ehrlich. Ich habe mir gedacht: »Hey, das ist vielleicht der Rückschritt vor dem großen Durchbruch. Der Beweis, dass es eben nicht immer glattgehen kann. Die Ausnahme von der Regel.«
Bis zu dem Zeitpunkt war mein Leben nämlich ein Kinderspiel, eine Aneinanderreihung glücklicher Ereignisse. Eine berufliche Karriere wie aus dem Bilderbuch, beziehungsmäßig alles top, gut aussehend – ja, ich hatte schon immer ein gesundes Selbstbewusstsein –, mit Plänen für die Zukunft und einem Ego, das so manchen in den Schatten stellte.
Aber dann kam jener Tag, an dem mein Leben eine steile Abwärtskurve hinlegte, und ich frage mich immer noch, was ich angestellt habe, dass mir das Schicksal so übel mitgespielt hat.
Wollt ihr wissen, wovon ich rede?
Hab ich es mir doch gleich gedacht. Es gibt nichts Aufregenderes als die schlimmen Schicksale anderer Menschen, oder? Mord, Totschlag, Krieg – es kann so brutal hergehen, wie es will. Wenn auf der Rückseite des Buches steht, dass es sich um eine wahre Geschichte handelt, kann man einfach nicht widerstehen, sie zu lesen.
Nun, dann … bei dieser Geschichte handelt es sich um eine wahre Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind gewollt.
Aber geduldet euch. Zuerst muss ich die Übung absolvieren, die mir meine Therapeutin aufgetragen hat. Macht ruhig mit. Man hat mir glaubhaft versichert, dass ›gesunde‹ Menschen keinen Schaden erleiden, wenn sie es probieren.
Ich stehe vor dem Spiegel und blicke mir selbst fest in die Augen, während ich meine heutige Affirmation fünfmal laut vor mir hersage. Kleine Schritte. Alles braucht seine Zeit. Kleine Schritte. Alles braucht seine Zeit. Kleine Schritte …
Ich versuche, überzeugend zu klingen, verbiete meinem Spiegelbild dieses verächtliche Funkeln, das ganz automatisch in meinen braunen Augen aufflammt, doch es gelingt mir nicht.
Resigniert höre ich mitten im Satz zu sprechen auf, betrachte stattdessen den Zombie mit dem leeren Blick, der mir aus dem Spiegel entgegenstarrt.
Bin das wirklich ich? Der abgekämpfte Typ mit den Augenringen und der grauen Haut? Und wann bin ich dazu geworden?
Automatisch wandern meine Gedanken zurück zu dem Vormittag, an dem das Schicksal begann, sich gegen mich zu wenden. Es folgt …
… die wahre Geschichte:
Die gesamte Mannschaft des Le Goût ist im Restaurant versammelt. Marcel Fontaine, der Inhaber des Restaurants, der in Wirklichkeit Marcel Brunner heißt, aber sich wie alle hier einen französisch klingenden Namen als Künstlernamen verpasst hat, hat uns eine aufregende Neuigkeit versprochen, und ich habe so eine Ahnung, worum es sich dabei handelt. Wir sitzen alle um einen großen Tisch herum und warten darauf, dass er zu sprechen beginnt. Mein Körper steht unter Strom und ich bereite mich darauf vor, angemessen auf die ›Neuigkeit‹ zu reagieren.
Pierre Valencourt, der Chef de Cuisine, trägt sich schon lange mit dem Gedanken, seinen Künstlernamen abzulegen und als Peter Feilenkötter in den Ruhestand zu gehen. »Vierzig Jahre Restaurantküche sind genug.« Das hat er in letzter Zeit oft genug betont.
Ich bin bereit.
Seit bald zehn Jahren arbeite ich in diesem Restaurant. Ich habe mich vom Commis de Cuisine zum Souschef hochgearbeitet und bin bereit, noch mehr Verantwortung zu übernehmen.
Valencourt sitzt mir gegenüber und zwinkert mir zu. Meine Aufregung steigt. Beinahe halte ich es auf dem Stuhl nicht mehr aus.
Fang endlich an, beschwöre ich Fontaine in Gedanken, doch ich halte mich zurück.
Ein Blick auf die Wanduhr sagt mir, dass es schon zehn nach zehn ist. Warum beginnt er nicht endlich mit dem Meeting? Er ist doch sonst immer so pünktlich und die ganze Mannschaft ist bereits versammelt. Worauf wartet er noch?
Da öffnet sich die Tür und ein blasiert aussehender Kerl in den Vierzigern betritt den Raum, schaut sich suchend um, erblickt uns und ein höflich-distanziertes Lächeln erscheint auf seinem Gesicht.
»Da ist er ja!« Fontaine strahlt. Er läuft dem Neuankömmling mit offenen Armen entgegen, schüttelt ihm die Hand und schiebt ihn dann auf uns zu. Dem Schwarzhaarigen ist es sichtlich unangenehm, dass Fontaine ihn so überschwänglich begrüßt. Sein Lächeln ist gezwungen.
»Meine Herrschaften«, beginnt Fontaine strahlend, »darf ich vorstellen? Gianluca Becker – oder vielmehr Jean-Luc Boulanger –, unser neuer Küchenchef.«
Zuerst verstehe ich nicht. Was hat er gesagt? Küchenchef? Aber … Ich schaue zu Valencourt hinüber, der beinahe so entsetzt aussieht wie ich, aber meinen Blick meidet.
»Wie ihr alle wisst, wird Monsieur Valencourt, der das Le Goût zu dem gemacht hat, was es heute ist, in nächster Zukunft in den wohlverdienten Ruhestand gehen. Damit der Übergang so smooth wie möglich vonstattengeht, wird Monsieur Boulanger bereits heute hier anfangen.«
Ich habe das Gefühl zu fallen. Als hätte mir jemand den Boden unter den Füßen weggezogen und ich würde in die Tiefe stürzen.
Fontaine plappert weiter, scherzend, als hätte er mir nicht gerade den Boden unter den Füßen weggezogen. »Monsieur Valencourt, ich gebe ihn in Ihre erfahrenen Hände und bitte Sie, ihn mit den Abläufen des Le Goût vertraut zu machen. Und ich flehe Sie an, verraten Sie ihm Ihr Geheimrezept für die Canard à l’orange nouvelle sous vide. Sonst geht das Le Goût noch vor die Hunde.«
Jetzt schaut Valencourt doch zu mir. Die Canard à l’orange nouvelle sous vide ist mein Rezept. Ich wollte unbedingt einmal selbst etwas zu unserer Karte beitragen und habe so lange zu Hause herumexperimentiert, bis ich das perfekte Gericht entwickelt hatte. Sous vide gegarte Entenbrust mit Blutorangenlack, Pastinakencreme und – als Überraschung – Kakaonibs. Es hat keinen Monat gedauert und wir mussten das Gericht in die ständige Karte aufnehmen, weil die Gäste immer wieder danach verlangten.
Wird Valencourt verraten, dass es eigentlich von mir stammt? Ich halte den Atem an, bis er mir den Todesstoß verpasst. »Natürlich, Monsieur Fontaine. Und willkommen im Le Goût, Monsieur Boulanger!«
Alle brechen in Applaus aus, nur ich kann mich nicht rühren. Fassungslos starre ich Valencourt an. Er hebt nur entschuldigend die Schultern.
Der Rest der Geschichte ist schnell erzählt. Kaum war Valencourt im Ruhestand, übernahm also Boulanger das Zepter in der Küche des Le Goût. Natürlich hatte er zur Bedingung gemacht, dass er seinen Bestie Bastien Virel als Souschef mitbringen durfte, und so wurde ich zum Chef de Partie degradiert und kümmere mich mittlerweile fast nur noch um den Fisch – und das, obwohl ich Fisch nicht ausstehen kann.
Ein paar Wochen darauf hat sich – als wäre das alles noch nicht genug – meine Verlobte Diana von mir getrennt. Angeblich, weil sie noch nicht bereit für so etwas Endgültiges wie die Ehe war. Sie ist jetzt mit einem Rechtsanwalt zusammen und kürzlich hat eine gemeinsame Freundin mir erzählt, dass sie bei ihrer Verlobungsfeier war. So viel zum Thema ›noch nicht bereit für so etwas Endgültiges wie die Ehe‹.
Tja, und Diana hat natürlich auch die gemeinsame Wohnung mit dem großen Garten behalten und unsere Bordercollie-Mischlingshündin Flummi. »Dann kann sie in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Wenn sie keinen Garten hat, wird sie verrückt.«
Jetzt lebe ich in einem winzigen Einzimmerappartement im obersten Stockwerk eines Wohnsilos und ziehe Kräuter auf der Fensterbank in meiner kleinen Küche. Manchmal streichle ich wehmütig über das Foto von Flummi, das auf meinem Küchentisch steht. Alles in allem hat Diana recht gehabt. In dieser Zwergenwohnung wäre Flummi irre geworden, abgesehen davon, dass hier Tiere nicht erlaubt sind.
Frage zwischendurch: Wie gefällt euch die Geschichte bisher? Tragisch genug? Oder soll ich noch eins draufsetzen? Ich hätte noch zu bieten, dass meine Eltern sich von mir abgewandt haben, weil ich meinen Vater gefragt habe, ob er manchmal darüber nachdenke, was er sagt, oder ob sein Hirn schon mit der Steuerung der Atmung und Verdauung überfordert sei.
Er hatte das Wahlprogramm einer bestimmten Partei – breiten wir mal lieber den Mantel des Schweigens darüber, um welche Partei es sich handelt – mit einer Begeisterung proklamiert, als wäre es sein eigenes.
Und ja, ich hätte das vielleicht diplomatischer formulieren können, aber ich hatte echt keinen Bock mehr auf all die Stammtischreden, die in der Zeit vor den letzten Wahlen ohnehin überall zu hören waren, und war nach der Trennung von Diana ohnehin mieser Stimmung.
Jedenfalls ist seit jenem Tag Funkstille zwischen meinen Eltern und mir.
Ach, und einen Autounfall hatte ich auch noch. Mir ist zwar nichts passiert, aber mein Auto ist schrottreif, und ihr könnt euch nicht vorstellen, was so ein Unfall an Rennereien mit sich bringt.
Soll ich noch weitermachen mit meiner Aufzählung oder habt ihr genug?
Jedenfalls erklärte mein Freund Klaus mir eines Tages, dass ich mir dringend Hilfe suchen sollte.
»Du meinst einen Exorzisten?«, fragte ich zynisch. Vielleicht gar keine so schlechte Idee. Möglicherweise würde sich jemand finden, der den bösen Geist, der von mir Besitz ergriffen hatte, austreiben konnte. Dann wäre alles wieder gut. Ich hätte meinen Job als Souschef wieder – oder würde vielleicht sogar endlich zum Chef de Cuisine befördert werden –, Diana käme zu mir zurück und ich dürfte wieder die echte Flummi streicheln statt nur das Foto, mein Vater würde die richtige Partei wählen oder sich zumindest mit politischen Hassreden zurückhalten …
Doch Klaus unterbrach meine Gedanken. »Ich meine einen Therapeuten, du Idiot. Einen, der dir dabei hilft, dein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.«
Die Therapeutin, die ich gefunden habe, hat das Wort Burn-out bislang tunlichst vermieden, aber wir wissen beide, dass die Diagnose im Raum steht.
Sie ist ganz okay, meine Therapeutin. Eine etwa achtzigjährige Frau, die ihre Praxis in ihrer Privatwohnung hat. Sie hat eine Vorliebe für Knoblauch haltiges Essen und der Geruch ihrer Wohnung wird von dem bestimmt, was es bei ihr zu Mittag gegeben hat.
Sie hat dafür gesorgt, dass ich jeden Tag mit den Affirmationen beginne, die sie zusammen mit mir bastelt. Zusätzlich achte ich auf genügend körperliche Betätigung und frische Luft und darauf, dass ich nicht zu sehr in meinen Grübeleien versinke.
Gerade sitze ich wieder bei ihr.
Als sie mich fragt, wie es mir geht, gestehe ich ihr, dass es mir von Tag zu Tag schwererfällt, zur Arbeit zu gehen oder überhaupt das Bett zu verlassen.
»Urlaub«, meint meine Therapeutin. »Wann waren Sie zum letzten Mal im Urlaub?«
»Vergangenen Sommer.« Mit Diana auf Bali. Es war wunderschön. Die weißen Sandstrände, das blaue Meer, Cocktails unter Palmen, Sex bis zum Abwinken, Massagen … Wir waren glücklich. Verliebt.
Dachte ich.
»Höchste Zeit für einen neuen Versuch. Ich habe da was für Sie.« Sie klickt ein paarmal mit der Maus und dreht den Bildschirm zu mir. »Das ist ein kleines Berghotel in Südtirol. Abgeschieden, nur wenige Gäste. Ich habe nur Gutes davon gehört.«
Ich studiere die Seite. Da ist von einem Wasserfall die Rede, der die geheimsten Wünsche seiner Besucher erkennt und manchmal sogar erfüllt. »Ein magischer Wasserfall, soso.«
»Na ja, ein Werbetrick. Aber vielleicht ist an dieser Sache ja sogar etwas dran – ein bisschen Magie hat noch niemandem geschadet.«
»Ich bin nicht der Typ für solchen Hokuspokus. Höchstens, wenn es um Küchenmagie geht.«
»Witzig, dass Sie das ansprechen. Die Küche soll sehr gut sein. Keine Canard à l’orange nouvelle sous vide«, aha, sie kennt die Speisekarte des Le Goût, »sondern eher Hausmannskost, aber sehen Sie selbst: Die Leute überschlagen sich förmlich vor Begeisterung.« Auf ihr Klicken erscheint eine andere Seite, auf der Besucher des Hotels Bewertungen abgegeben haben.
»Man sollte meinen, Sie bekommen eine Provision, wenn Sie Gäste dort hinschicken.«
Sie lächelt. »Nein, bekomme ich nicht. Aber es waren bereits zwei meiner Patienten dort und – glauben Sie’s oder glauben Sie’s nicht – sie haben beide ihr Glück gefunden. Vielleicht geht es Ihnen ja genauso?«
Ein ungläubiges Schnauben entfährt mir.
»Geben Sie dem Ganzen einfach eine Chance. Sehen Sie es als Tapetenwechsel. Die Natur da oben tut Ihnen ganz bestimmt gut, Sie können Energie auftanken und vielleicht sehen Ihre Probleme aus der Distanz ganz anders aus.«
Und dann erklärt sie mir, dass man bei dem Hotel nicht einfach buchen kann wie bei jedem anderen Hotel, sondern dass eine handschriftliche Bewerbung erwartet wird. Nur dann wird man zu einem Urlaubstermin eingeladen.
Ein völlig durchgeknalltes Konzept, wenn ihr mich fragt, und nicht unbedingt etwas, was mich für das Hotel einnimmt. Aber weil meine Therapeutin so hartnäckig ist und meint, es würde mir ohnehin nicht schaden, meine Gedanken schriftlich zu sortieren, formuliere ich am Abend diese Bewerbung. Aus Jux. Einfach, um auszuprobieren, wie ich so eine Aufgabe angehen würde.
Meine Bewerbung klingt so:
Liebes Team des Hotels Liebelei,
ich brauche Urlaub, sagt meine Therapeutin. Keine Angst, ich bin nicht durchgeknallt. Allerhöchstens ein bisschen ausgebrannt. Und hungrig. Ich habe gelesen, dass es bei Ihnen gutes Essen gibt. Ich habe auch von dem Wasserfall gehört, aber seien Sie versichert, der Wasserfall wird vor mir Ruhe haben. Meine geheimsten Wünsche kenne ich selbst, und ich weiß, dass sie nicht erfüllbar sind.
Wenn Sie allerdings einen guten Exorzisten kennen, bin ich offen für ein Treffen. Der böse Geist, der mein Leben in eine völlig falsche Richtung lenkt, darf ruhig ausgetrieben werden.
Das ist meine Bewerbung. Wenn Sie sie nicht für voll nehmen, auch gut. Dann buche ich eben einen Urlaub in der Karibik. Oder in der Hölle. Man will ja schließlich sehen, wo man am Ende landet.
Mit besten Grüßen
Sascha Weidlinger
Ich find’s witzig.
Abgesehen davon ist es mir völlig egal, ob die Bewerbung angenommen wird. Wenn nicht, habe ich eine Million Alternativen. Alles Möglichkeiten, bei denen ich nicht um eine handschriftliche Bewerbung gefragt werde.
Aber lassen wir uns überraschen.
Die wichtigste Zutat
steht in keinem Rezept: Liebe.
Wo keine Liebe ist, schmeckt das Essen
fad und traurig.
Geheime Kochtipps von Friederike
Friederike
Wie so oft in den letzten Tagen und Wochen gehe ich langsam durch das Labyrinth der Gräber. Es ist Sommer und die Beete sehen aus, als würden sie einen geheimen Wettbewerb austragen. Einen Schönheitswettbewerb. Wo blüht es am schönsten, am farbenprächtigsten?
Nicht einmal der Regen kann diesem Ort die Schönheit nehmen. Seltsam, oder? Der Ort der größten Trauer strahlt eine derartige Fröhlichkeit aus, dass es beinahe wehtut.
Es ist friedlich hier, nichts rührt sich. Kein Mensch stört die Ruhe der Toten. Wer geht schon bei diesem Wetter auf den Friedhof? Wer außer mir? Mir ist der Regen egal. Er gehört zu mir, dieser Regen. Seit vielen Monaten begleitet er mich. Die Sonne nehme ich nicht einmal mehr wahr.
Es riecht nach süßen Blüten und nasser Erde. Ich mag den Duft.
Mit langsamen Schritten gehe ich meinen immer gleichen Weg. Vorbei an dem Grab von Frau Anna Maier, die im Alter von sechsundsiebzig Jahren gestorben ist, sechs Wochen nach ihrem Mann Herbert, neben dem sie nun liegt. Vorbei am Grab der Schwestern Alina und Loreen Tiltgens, beide haben im Alter von siebzehn Jahren durch einen schrecklichen Unfall das Leben verloren. Serena Meindl ist genau elf Jahre vor ihrem geliebten Ehemann Heinz über die Regenbogenbrücke gegangen und Manfred hat sein Leben im Kampf fürs Vaterland gelassen. Menschenschicksale, die das Leben von Einzelnen erschüttert haben. Wie viele Tränen hat Anna Maier geweint, bis der Tod auch sie zu sich geholt hat? Wie lange haben die Eltern von Alina und Loreen um ihre Töchter getrauert? Wie schwer ist Heinz das Herz gewesen? Wie oft hat er in den elf Jahren, die er auf den Tod gewartet hat, sein Schicksal beweint und sich gewünscht, er hätte vor Serena gehen dürfen.
Und dann … das Grab von Elias, meinem geliebten Eli. Verstorben am 12. Januar dieses Jahres. Er hat die Hoffnung bis zum Schluss nicht aufgegeben, aber den Kampf gegen die Krankheit konnte er nicht gewinnen.
Ich entferne die verwelkten Blumen aus der Vase, die auf seinem Grabstein steht, und stelle mein Sträußlein Vergissmeinnicht hinein. Morgen werden die Blumen verwelkt sein, aber ich werde neue bringen. Die Kerze brennt auch nicht mehr. Ich tausche sie aus. In meiner Tasche habe ich immer eine Ersatzkerze dabei.
Dann richte ich mich auf.
»Heute hatten wir Stress in der Küche. Aus irgendeinem Grund machte das Gerücht die Runde, dass ein Restaurantkritiker kommen würde, aber am Ende war es wohl wirklich nur ein Gerücht«, erzähle ich ihm.
Er schweigt.
»Es wäre egal gewesen. Wir hatten Weißer Spargel mit Morcheln, Sauce mousseline und gebratenem Kalbsfilet auf der Karte stehen und ich habe die Sauce mousseline perfekt hinbekommen. So, wie du sie geliebt hast. Der Kritiker hätte nichts daran auszusetzen gehabt, weißt du?«
Er schweigt.
»Dem Nachbarn ist sein Hund totgefahren worden. Seine kleine Tochter hat tagelang geweint. Jetzt haben sie einen neuen Hund. Das Mädchen ist wieder fröhlich. Beinahe, als hätte es den alten Hund nie gegeben.«
Ich bin auf das Kind beinahe neidisch. Wenn das bei Menschen nur auch so funktionieren würde. Mann tot, ab ins Männerheim und einen neuen Mann aussuchen. Neue Liebe, neues Glück. Die Trauer verblasst schnell. Nur hin und wieder kommen die Gedanken an das liebe Tier wieder hoch und man erinnert sich ein bisschen wehmütig an die Zeit, die man zusammen hatte.
Er schweigt.
Meine Gedanken bekommt er ebenso wenig mit wie meine Worte.
Ich seufze.
»Sie haben gesagt, dass die Trauer mit der Zeit nachlässt. Aber sie haben nicht gesagt, wie lang das ist – ›mit der Zeit‹. Es ist nicht weniger geworden, Eli. Ich vermisse dich wie am ersten Tag. Und manchmal frage ich mich, ob das mein ganzes Leben so sein wird.«
Er schweigt.
»Ich fühle mich, als wäre ich sechzig. Alt, tot, verbraucht. Jeder Tag ist wie der vorherige. Ich gehe zur Arbeit und weiß nicht, warum. Ich koche und habe keine Lust auf Essen. Ich gehe nach Hause und schaue einen dieser nichtssagenden Filme, weil ich die Zeit bis zum Schlafen irgendwie totschlagen muss. Wann hört das auf, Eli? Hört das überhaupt irgendwann auf?«
Er schweigt.
Ich will meinen Monolog gerade fortsetzen, da läutet mein Telefon. »Annie?«, frage ich nach einem kurzen Blick auf das Display.
»Nein, der Weihnachtsmann.« Meine Freundin kichert.
Ich warte.
»Bist du schon wieder auf dem Friedhof?«
»Bei Eli, ja.«
»Freddy!« In ihrer Stimme klingt ein leiser Vorwurf mit.
Ich gehe nicht darauf ein. »Was willst du?«
»Meine beste Freundin zurück. Heut steigt eine Party bei Mel. Wir sind eingeladen.«
Mel – Melanie – ist eine gemeinsame Freundin. Eine von der Sorte ›Genieße den Augenblick‹. Aber welchen Augenblick soll ich genießen? »Ich will nicht.«
»Warum nicht?«
»Ich brauche noch Zeit.«
»Eli wird von deiner Trauer nicht wieder lebendig.«
Nein, wird er nicht. »Ich will trotzdem nicht.«
»Dann komme ich zu dir.«
»Bist du nicht bei Mel eingeladen?«
»Ohne dich macht’s eh keinen Spaß.«
Ich zögere. Ein netter Abend mit meiner Freundin hört sich nicht falsch an. Und habe ich mich nicht gerade darüber beklagt, dass ich mich alt fühle? Annie ist das perfekte Gegenmittel für solche Gefühle.
»Was sagst du?«, bohrt sie nach.
»Okay.«
»Jawoll!« Sie klingt begeistert. »Ich bringe Sekt und Chips. Du suchst einen Film aus. Wie in alten Zeiten.«
Bevor ich sagen kann, dass ich keinen Sekt trinken werde, legt sie auf.
»Heute kommt Annie auf Besuch«, erkläre ich Eli.
Er schweigt.
Schlagartig wird mir bewusst, dass das hier eine echte Einbahnstraße ist. Er wird mir nicht antworten. Nie mehr. Er ist tot. Tot.
Da kommen die Tränen. Meine Augen laufen einfach über. Weinend wende ich mich ab, weinend laufe ich durch das Labyrinth der Gräber nach Hause. Erst als ich vor der Haustür stehe, fällt mir ein, dass ich mich nicht von Eli verabschiedet habe, und ich heule noch mehr.
Ich will Annie absagen, aber sie lässt mich gar nicht zu Wort kommen. Am Abend steht sie wie versprochen mit Sekt und Chips vor der Tür und mit einem lachenden Gesicht, das so gar nicht zu meiner Stimmung passt.
»Ich glaube, ich werde krank«, sage ich durch den Türspalt. »Es ist besser, du gehst wieder nach Hause. Nicht, dass ich dich anstecke.«
»Ach was, ich weiß, was für eine Krankheit das ist. Lass mich rein.« Sie drängt sich einfach in meine Wohnung, dann legt sie die Arme um mich. »Weißt du, was du brauchst, Freddy?«
»Ja.« Ich brauche Eli. Aber genau den kann ich nicht bekommen.
»Du brauchst einen Tapetenwechsel.«
»Du meinst Urlaub?«
»Nein, ich meine einen Tapetenwechsel. Einen Neustart. Ganz woanders neu anfangen, verstehst du? Du musst weg aus diesem Loch, wo dich jeder Stein an Eli erinnert.«
»Ich will nicht weg.« Ich will bei Eli bleiben, an genau dem Ort, wo mich jeder Stein an ihn erinnert. Auch wenn es wehtut.
»Ich weiß. Aber das hier …«, sie macht einen Kreis mit ihren Armen, der meine ganze Wohnung einschließt, »macht dich krank. Du musst das hinter dir lassen. Und auch wenn ich dich vermissen werde: Es ist nötig, dass du gehst.«
Ohne auf meine Antwort zu warten, dreht sie mich um und schiebt mich in mein kleines Wohnzimmer. Ein zweisitziges Sofa, ein Tischchen, der Fernseher – mehr hat hier nicht Platz. Muss auch nicht. Ich halte mich ohnehin kaum in meiner Wohnung auf.
»Setz dich.« Sie drückt mich mit sanfter Gewalt auf das Sofa. »Wo hast du deinen Laptop?«
»Schlafzimmer.« Gestern habe ich nach langer Zeit wieder versucht, eine Serie zu schauen. Aber es ist mir nicht gelungen. Auch die Serie erinnerte mich an Eli.
Annie verschwindet in meinem Schlafzimmer und kehrt kurz darauf mit dem Laptop in der Hand zurück. »Also … wir suchen nach Jobs für Köchinnen, die möglichst weit weg sind. Wie wär’s mit einem Kreuzfahrtschiff?«
»Ich werde seekrank.«
Sie schaut mich prüfend an. »Du warst doch noch nie auf einem Schiff.«
»Das weiß ich auch so. Mir ist schon vom Schaukeln auf dem Spielplatz immer übel geworden. Wie soll das erst sein, wenn ich Tag und Nacht von den Wellen geschaukelt werde?«
»Angenehm. Du würdest dich fühlen wie in einer Wiege.«
»Ich würde die ganze Zeit über kotzen. Wahrscheinlich direkt ins Essen.«
Annie verzieht angeekelt das Gesicht. »Okay. Kein Kreuzfahrtschiff. Wir finden bestimmt etwas Passenderes. Lass mal sehen.«
Sie klappt den Laptop auf und öffnet eine Suchmaschine, dann tippt sie etwas in die Suchleiste. »Koch gesucht in …« Eine Liste öffnet sich und sie liest vor, was da steht. »In der Nähe – sicher nicht –, in Berlin, der Schweiz – zu teuer –, Wien, Köln, München, Düsseldorf, Leipzig, Frankfurt, Südtirol … Südtirol … Ist das in Österreich?«
Flink öffnet sie eine Karte, tippt ›Südtirol‹ ein und ein Laut der Begeisterung entkommt ihr. »Das ist in Italien. Wie genial! Stell dir vor … dolce far niente, gelato, pizza, amore, sì, no …«
Damit ist ihr italienischer Wortschatz aufgebraucht – und meine Geduld ebenfalls. »Ich steh nicht auf dolce far niente – als Köchin kannst du das ohnehin vergessen. Egal, wo du kochst, mit Nichtstun kommst du nicht weit. Und Italien? Wirklich? Am Ende muss ich dafür noch Italienisch können.«
»Kannst du nicht?« Sie klimpert unschuldig mit den Wimpern.
Ich schnaube nur.
»Spaßbremse. Lass uns doch einfach mal schauen, was für Jobs Südtirol zu bieten hat. Hier schau: Sie suchen einen Souschef in einem Fünfsterneressort. Klingt doch gut, oder?«
»Hmpf.« Mit diesen überkandidelten Dingern habe ich nicht viel am Hut. Einmal habe ich in einem Nobelrestaurant gearbeitet, und – ganz ehrlich – ich war froh, als die Probezeit vorbei war und mir der Maître d’Hôtel erklärte, dass ich nicht ins Team passen würde. Ha, drauf gesch…! Es war nicht schwer zu erraten, wer dahintersteckte. Dieser chauvinistische Souschef, der an allem, was ich machte, etwas auszusetzen hatte. Die Béchamelsoße war zu braun, die Suppe versalzen, der Braten noch blutig …
Aber ich war, wie schon gesagt, nicht traurig darüber. Das Team war furchtbar. Alle hatten sich französische Künstlernamen gegeben und redeten sich mit Sie an. In der Küche ging es beinahe so steif zu wie im Restaurant selbst.
Nein, nichts für mich.
Nach der Probezeit wechselte ich in das Restaurant, in dem ich immer noch arbeite: die Blaue Gans. Gutbürgerliche Küche, die Gäste sind bodenständige Menschen, die Spaß an gutem Essen haben und genügend Hunger, um es auch genießen zu können.
Annie errät, was in meinem Kopf vorgeht. »Hm … also kein Fünf-Sterne-Ressort. Was haben wir hier noch? Köchin in einer Schulmensa?« Ein kurzer Blick auf mich genügt ihr, um zu wissen, dass ich auch davon nicht viel halte.
Dann zieht sie scharf die Luft ein. »Ich habe es gefunden!«
»Was?«
»Das Hotel, in dem du arbeiten wirst.«
Ich ziehe skeptisch die Augenbrauen hoch. »Hast du?«
»Jawohl. Halt dich fest.« Sie liest die Stellenanzeige laut vor. »Küchenfee für unser kleines Berghotel gesucht. Du kochst gern Hausmannskost? Regionale und saisonale Küche ist dir ein Herzensanliegen? Michelin & Co. sind dir egal, wichtiger ist dir, dass deine Gäste ihr Essen genießen? In der Küche kannst du auf Schnickschnack verzichten (ein Holzherd tut’s schließlich auch)? Wenn das auf dich zutrifft, bist du die/der Richtige für uns. Wir sind ein kleines Berghotel an einem Wasserfall, weitab von dem geschäftigen Treiben im Tal, haben nie mehr als sechs Hausgäste und am Wochenende ein paar Wanderer zu verköstigen. Wir bieten ein angemessenes Gehalt …«, sie unterbricht sich. »Da haben wir den Haken.«
»Wieso?«, frage ich, denn das, was sie bis hierhin vorgelesen hat, klingt tatsächlich nach dem perfekten Ort, um unterzutauchen und auf andere Gedanken zu kommen.
»Na, ›angemessenes Gehalt‹. Das ist der Code für: Du kochst nur für sechs Personen, also können wir dir nur ein paar Hunderter bezahlen.«
»Du wolltest doch, dass ich mich dem dolce far niente hingebe, oder nicht? Das ist dann eben der Preis.« Ganz unvermittelt sehe ich mich in der Situation, dass ich das Berghotel verteidige. Ich frage mich, warum. Ich habe doch nicht wirklich vor, in einem fremden Land neu anzufangen, oder?
»Wenn du das so siehst …« Annie setzt sich in Position und liest weiter. »Wir bieten ein angemessenes Gehalt, Kost und Logis, einen atemberaubenden Ausblick und ein Team, das sich wie eine Familie anfühlt. Wenn du interessiert bist, schick uns eine handgeschriebene Bewerbung … Hä?« Sie bricht ab, liest noch einmal. »Die schreiben da wirklich, dass du dich handschriftlich und per Post bewerben sollst. Wer schickt denn heute noch Briefe?«
Ich drehe den Laptop zu mir und überfliege die Zeilen. Tatsächlich. Hier steht, dass man einen Brief schreiben soll, um sich zu bewerben. Das ist … ungewöhnlich.
Und irgendwie süß.
Ich sehe hoch.
Annie mustert mein Gesicht und bricht in Lachen aus. »Du hast Feuer gefangen.«
»Nein.«
»Doch. Ich sehe es dir an. Du brennst darauf, dieses Hotel zu sehen.«
»Ich –«
»Lügen ist zwecklos. Du hast angebissen. Ich wusste es.«
Und was soll ich sagen? Sie hat recht. Die Stellenanzeige ist so unattraktiv formuliert, dass ich mich frage, wen sie ansprechen soll. Ein mickriges Gehalt, die Küche alles, nur nicht modern eingerichtet, und man soll auch noch weit weg von anderen Menschen leben. Und das ist … genau richtig für mich.
»Du hast recht.«
»Yessss!«, jubelt sie und ihre Augen leuchten. »Und was wirst du jetzt tun?«
»Na, diese Bewerbung schreiben. Und mit der Post abschicken. Und dann werde ich wohl warten müssen.« Ich kichere. Etwas, was ich schon seit Ewigkeiten nicht mehr getan habe.
Annie hat schon wieder den Laptop zu sich gedreht und auf der Tastatur herumgetippt. Sie wartet ein paar Sekunden, dann sagt sie nur: »Wow!«
»Was ist ›wow‹?«
»Dein neues Zuhause.« Und sie dreht den Bildschirm so, dass ich ihn sehen kann. ›Hotel Liebelei‹, steht in einer verschnörkelten Schrift unter dem Banner der Website. Mir bleibt der Atem stehen. Auf dem ersten Bild ist ein Jugendstilhaus in leuchtendem Gelb mit grünen Fensterläden und Schnitzereien im Gebälk des Dachstuhls zu sehen. Davor ein blühender Busch.
Das Bild wechselt. Ein Wald. Von den hohen Bäumen hängen graue Flechten. Der Wald wirkt geheimnisvoll. Märchenhaft.
Neues Bild. Eine Bergkette. Mächtige Felsen, die von der Sonne rosa angeleuchtet werden. Sie sehen aus, als würden sie glühen.
Neues Bild. Ein Wasserfall. Schäumend stürzt sich das Wasser in die Tiefe, sammelt sich in einem Naturbecken. Mein Herz schlägt schneller.
Neues Bild. Ein Kaiserschmarrn. Daneben ein Schälchen Apfelmus, ein kleineres Schälchen mit Preiselbeermarmelade. Bereits der Anblick lässt mir das Wasser im Mund zusammenlaufen.
Dieses Foto gibt den Ausschlag, dass ich auf den Reiter ›Restaurant‹ klicke. Was wohl auf der Speisekarte steht? Ich scrolle hinunter. Einige Gerichte kenne ich, beim Klang anderer Namen klingelt zumindest etwas in mir. Nur bekomme ich nicht zu fassen, was es ist. Erst als ich das Wort Tirtlan lese, blitzt das Gesicht meiner Oma Marie in meiner Erinnerung auf. Diese frittierten Teigtaschen hat sie früher immer für uns gekocht.
Da fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Meine Großmutter stammt ja aus dieser Ecke. Sie ist als Kind mit ihren Eltern aus einem abgelegenen Bergdorf in Südtirol nach Deutschland ausgewandert, damals zwischen den großen Kriegen. Als die Menschen plötzlich dazu gezwungen wurden, sich zu entscheiden, ob sie Italiener werden oder deutsch bleiben wollten.
Ich spüre ein seltsames Ziehen in meiner Brust, als würde etwas nach mir rufen. Dabei war ich noch nie in Südtirol. Was soll ich dort auch? Südtirol ist was für Rentner, oder?
»Ich mach’s.« Die Worte purzeln aus meinem Mund, bevor ich sie zurückhalten kann.
Annie lächelt. »Dann lasse ich dich mal diese Bewerbung schreiben. Ich komme morgen wieder vorbei, um zu nerven.«
Ich höre schon nur noch mit einem Ohr hin. Stattdessen ziehe ich den Block, den ich immer auf diesem Tischchen liegen habe, um mir Notizen machen zu können, wenn mir ein neues Rezept einfällt, zu mir heran und beginne meinen Brief.
Liebes Team des Hotels Liebelei!
Ich bin keine Frau der Worte. Ich koche. Als Köchin muss man keinen Roman schreiben können. Aber da Sie nur einen handgeschriebenen Brief als Bewerbungsschreiben akzeptieren, will ich mal nicht so sein. Ich muss weg von da, wo ich bin. Mein Mann … Er ist gestorben und hier erinnert mich alles an ihn. Jeder Stein, jeder Strauch, jedes Haus. Ich will ihn nicht vergessen, aber ich kann auch nicht mehr so weitermachen. Das ist der Grund, warum ich mich bewerbe.
Ich habe die Website des Liebelei gefunden und mich sofort in das Hotel verliebt. Auf dem Holzfeuer zu kochen, nur mit regionalen Produkten, heimische Traditionsgerichte – das klingt nach genau dem, was ich in meinem Leben tun will. Als neues Gericht würde ich Striezel mit Speck einführen, nach einem Rezept meiner Großmutter. Und natürlich die Wildkräuterküche. Aber ich werde sicher nicht die Sonne in Ihr Hotel bringen, denn wo ich gehe und stehe, ist eine Regenwolke über mir.
Nehmen Sie mich oder nehmen Sie mich nicht. Es ist Ihre Entscheidung.
Ihre Friederike Bauer
Als ich den Brief fertig geschrieben habe, lasse ich den Bleistift sinken. Ein Kribbeln hat von meinem Körper Besitz ergriffen. Die Luft riecht nach Neuanfang.
Ich bin dankbar.
Affirmation des Tages von Sascha
Sascha
Ich bin dankbar für den Arschtritt von Diana.
Ich bin dankbar für den Arschtritt, den Valencourt mir in der Gestalt von Boulanger verpasst hat.
Ich bin dankbar für den Gast, der den Steinbutt, den ich ihm zubereitet habe, jetzt schon zum zweiten Mal zurückschickt.
Ich bin dankbar für … gar nichts.
Das ist doch alles Mist. Wieso soll ich dankbar dafür sein, dass mein Leben gerade den Bach runtergeht?
Meine Therapeutin hat von mir verlangt, dass ich jeden Tag fünf Dinge finde, für die ich an diesem Tag dankbar bin. Mir ist schon bewusst, dass sie damit keine zynischen Bemerkungen gemeint hat, aber was soll ich tun? Wofür soll ich dankbar sein, wenn es einfach nichts gibt, wofür ich dankbar sein kann?
Okay, ich bin gesund … aber dann?
Vielleicht gilt, dass ich heute dafür dankbar bin, dass es nicht auch noch regnet. Nicht, weil ich Regen nicht mag – auch wenn das natürlich so ist, denn wer mag schon Regen? –, sondern weil die Leute bei Regen noch griesgrämiger werden, noch mehr nörgeln, noch mehr Beanstandungen haben.
Tja.
Als der Kellner zum dritten Mal mit dem angekauten Steak zurückkommt, diesmal ist es dem Gast zu zäh – »Eine Schuhsohle ist nichts dagegen!« –, beschließe ich, dass es Zeit für eine Pause ist.
»Ich geh eine rauchen.«
Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwinde ich nach draußen. Nicht, um eine zu rauchen – das Rauchen habe ich schon vor Jahren aufgegeben –, sondern um den Kopf frei zu bekommen.
Seit meine Therapeutin mir von diesem Hotel in Südtirol erzählt hat, wächst der Wunsch nach Urlaub in mir. Keine drei Tage in einer Großstadt, wie ich das mit Diana oft gemacht habe, sondern irgendwo untertauchen, die Arbeit vergessen, einfach sein.
Um mich abzulenken, setze ich mich auf die Stufen im Hinterhof, ziehe mein Telefon heraus und scrolle durch die Fotos im Tierheim. Ich vermisse Flummi so sehr und manchmal spiele ich mit dem Gedanken, mir einen neuen Hund anzuschaffen, bis mir wieder einfällt, dass ich in meiner Wohnung ja keinen halten darf.
Flummi habe ich damals auch aus dem Tierheim geholt. Sie war sechs Monate alt, nicht mehr so niedlich wie ein Welpe und hatte den Kopf voller Flausen. Nach dem dritten zerbissenen Schuh hatte sich ihr ehemaliges Frauchen eine Tierhaarallergie zugelegt und den Hund ›leider‹ abgeben müssen.
Unser Glück. Na ja, oder wohl besser Dianas Glück.
Ich rufe die Seite mit den Hunden auf. Ein struppiger Mischling mit liebem Gesicht schaut treuherzig in die Kamera. Er sucht schon seit Ewigkeiten ein neues Zuhause, aber vermutlich ist er nicht ›schön‹ genug.
Er tut mir leid und ich würde ihn gern zu mir nehmen, aber es geht ja nicht.
Gedankenverloren scrolle ich weiter und plötzlich setzt mein Herzschlag aus. Da ist Flummi! Ganz eindeutig. Ich würde sie unter Tausenden von Hunden wiedererkennen. Dieser helle Fleck um das rechte Auge, und das Halsband ist auch noch dasselbe. Nur … was macht sie im Tierheim?
Meine Augen finden den Text, mit dem sie beschrieben wird.
Flummi – da ist der Beweis! – ist eine springlebendige Mischlingshündin von fünf Jahren, die lange Spaziergänge liebt. Sie ist sehr zutraulich und sehr verspielt und sucht dringend ein neues Zuhause.
Mein Herz schlägt mir bis zum Hals. Diana hat Flummi im Tierheim abgegeben?! Einfach so? Ohne vorher noch mal Rücksprache mit mir zu halten? Ohne mich auch nur zu fragen, ob nicht doch ich sie übernehmen will? Sie ist … ein Monster! Anders kann man sie nicht bezeichnen.
Hinter mir öffnet sich eine Tür. »Kommen Sie? Monsieur Boulanger hat schon dreimal nach Ihnen gefragt.« Es ist Valerian Benoît – im bürgerlichen Leben Valentin Bennert, wie ich Chef de Partie und ganz anders als ich völlig zufrieden mit seinem untergeordneten Rang.
»Richten Sie ihm bitte aus, dass mir übel ist.« Und bitte auch gleich, dass ich seinen pseudofranzösischen Akzent affig finde.
»Sagen Sie ihm das selbst.« Die Tür klappt wieder zu.
So viel zum Thema Kollegialität in der Küche des Le Goût. Ich stemme mich hoch, doch nicht, um in die Küche zurückzugehen, wie Boulanger es offenbar verlangt. Stattdessen schaue ich nur kurz durch die Tür nach drinnen und versuche, dabei sehr blass auszusehen.
»Monsieur Boulanger, mir ist übel.«
»Schlucken Sie eine Vomex und machen Sie sich an die Arbeit.«
»Gut. Wenn Sie wollen, dass ich auf das nächste Steak kotze …« Ich würge ein paarmal demonstrativ und halte mir die Hand vor den Mund.
»Mon Dieu, wagen Sie es bloß nicht! Verschwinden Sie, ich melde Sie krank. Der Tag wird Ihnen vom Gehalt abgezogen.«
Ja, rutsch mir doch den Buckel runter, Boulanger, denke ich, sage aber nichts. Stattdessen verschwinde ich. Ich laufe mit vorgehaltener Hand durch die Küche und in den Personalraum, wo ich meine Jacke aus dem Spind hole und die Schuhe anziehe. Dann haue ich ab.
Raus aus dem Restaurant, ins Auto und ab zum Tierheim. Gerade als ich ankomme, kehren die Mitarbeiter aus der Mittagspause zurück. Einer von ihnen, ein Mann in meinem Alter mit einem Schnauzbart, der ihm das Aussehen einer Robbe verleiht, fragt mich, ob er mir helfen kann.
»Ich komme, um Flummi zu holen.«
»Flummi?«
»Die Bordercollie-Mischlingshündin.«
»Ach …«
Sein Tonfall lässt mich aufhorchen. »Was ist los?«
»Die hat heute Vormittag ein neues Zuhause bekommen.«
Natürlich hat sie das. Meine Eingeweide verkrampfen sich. »Wo?«
»Das … dürfen wir nicht sagen. Datenschutz und so.«
»Flummi gehört aber zu mir!«
»Warum haben Sie sie dann ins Tierheim gegeben?« Er starrt mich blöde an.
»Das war nicht ich. Das war meine bescheuerte Ex. Und sie hatte kein Recht dazu!«
»Ja … tja …« Er kratzt sich am Hinterkopf. »Die privaten Angelegenheiten unserer Kunden –«
»Ach, kommen Sie mir nicht mit privaten Angelegenheiten! Wollen Sie, dass es dem Hund gut geht, oder nicht?«
Er verzieht die Mundwinkel. »Natürlich will ich das.«
»Flummi geht es bei mir gut!«
Er seufzt. »Ich kann da nichts tun, Herr …«
Aber so leicht lasse ich mich nicht abwimmeln. »Hören Sie doch damit auf! Sie können. Sie können mir die Kontaktdaten der Familie geben, die Flummi mitgenommen hat. Oder Sie können sie anrufen. Oder …« Ein Gedanke schießt mir durch den Kopf. »Oder Sie sagen mir einfach, in welcher Gegend ich Flummi am ehesten beim Spaziergang treffen kann, und ich … komme mit den Leuten ins Gespräch.«
Ich sehe, dass er schwankt.
»Kommen Sie. Ich weiß, dass Flummi mich vermisst.«
»Warum haben Sie sie dann bei Ihrer Ex gelassen?«
Das ist eine gute Frage, das merke ich jetzt auch. Ich hätte um meinen Hund kämpfen und mich nicht mit fadenscheinigen Argumenten abspeisen lassen sollen. »Weil ich dumm bin. Dumm und naiv und leichtgläubig. Ich habe gedacht, ihr bedeutet der Hund gleich viel wie mir.«
Der Robbenmann kratzt sich wieder am Hinterkopf.
Ich warte mit klopfendem Herzen.
Schließlich scheint er zu einem Entschluss zu kommen. »Okay, folgen Sie mir.«
Stirnrunzelnd betrete ich hinter ihm den Teil des Gebäudes, in dem die Tiere auf ein neues Zuhause warten. Vielstimmiges Kläffen und Miauen schlägt mir entgegen, als die Tiere den Mitarbeiter und mich erblicken. Mir bricht das Herz bei ihrem Anblick und am liebsten würde ich sie alle mitnehmen.
Da sehe ich Flummi. Und sie sieht mich. Ihr Bellen überschlägt sich, so aufgeregt ist sie. Sie hüpft am Gitter hoch, dreht sich wie ein Kreisel, hüpft wieder hoch. Der Robbenmann lächelt unwillkürlich bei dem Anblick.
»Da freut sich aber jemand.«
Ich kann nicht antworten. In meinem Hals steckt ein dicker Knoten. Was hat Diana der armen Flummi bloß angetan?
In dem Augenblick, in dem der Wärter das Gitter öffnet, saust Flummi heraus und mir in die Arme. Ich gehe zu Boden, die nasse Hundezunge schlabbert über mein Gesicht, die arme Hündin kriegt sich gar nicht ein vor Freude, mich zu sehen. Und mir geht es nicht anders. Ich knuddle und herze sie, Tränen laufen mir über die Wangen vor lauter Erleichterung.
Ein Hüsteln erinnert mich daran, dass da noch jemand ist, und ich sehe hoch. Vorwurfsvoll. »Warum haben Sie gesagt, dass sie schon weg ist, wenn das doch nicht stimmt?«
Der Robbenmann hebt die Schultern. »Ich habe nicht gesagt, dass sie weg ist. Ich habe bloß erwähnt, dass sie schon ein neues Zuhause hat. Und das stimmt auch. Heute Vormittag war ein Pärchen da, das sie ansehen wollte. Sie haben sich sofort in Flummi verliebt und wollten sie am Abend abholen. Aber so …«
»So werden sie sich einen anderen Hund aussuchen müssen.«
Der Robbenmann nickt und beugt sich zu Flummi hinunter. »Dann wünsche ich dir, dass wir beide uns nie mehr wiedersehen, meine Kleine. War schön, dich kennenzulernen. Du bist was ganz Besonderes. Ich wünsche euch alles Gute!«
Flummi schleckt auch ihm über das Gesicht.
Ich bekomme die Leine ausgehändigt, erledige den Papierkram und dann gehen wir. Flummi und ich. Und wisst ihr, was? Ich bin dankbar.
Ich bin so dankbar, dass das Schicksal mich genau heute dazu bewegt hat, die Website des Tierheims zu durchstöbern.
Ich bin dankbar, dass die Interessenten Flummi erst am Abend abholen wollten.
Ich bin dankbar, dass der Tierpfleger sie mir einfach so übergeben hat.
Ich bin dankbar, dass Flummi mich erkannt hat und mir offenbar nicht böse war, weil ich nicht um sie gekämpft hatte, und ich bin dankbar, dass sie nun wieder an meiner Seite ist.
Und im Handumdrehen habe ich fünf Dinge gefunden, für die ich heute dankbar sein kann.
Ich bin selig.
Zumindest, bis ich vor dem Haus stehe, in dem ich lebe – genauer gesagt: vor der Eingangstür, aus der mir unser Verwalter Herr Penning entgegenkommt. Er lächelt höflich, als er mich sieht, dann fällt sein Blick auf Flummi und seine Miene wird eisig.
»Tiere sind nicht erlaubt.«
Mein Hochgefühl verfliegt.
»Ich … Das ist … Ich … Flummi ist total pflegeleicht. Niemand wird merken, dass sie da ist.«
Wie um meine Beteuerungen zu unterstützen, bellt Flummi zweimal. Ihr Bellen ist laut und hell. Es ist nett gemeint, aber natürlich hat es nicht den erwünschten Effekt.
»Tiere sind nicht erlaubt.«
Als hätte Penning nur den einen Satz in seinem Repertoire.
»Ich weiß. Aber es ist ein Notfall.«
Er kneift die Augen zusammen. »Die Regeln gelten auch für Notfälle.«
»Flummi müsste sonst ins Tierheim.« Dass sie eine Familie gefunden hätte, verschweige ich Penning lieber.
»Tiere sind nicht erlaubt.« Er stellt sich in die Tür, als wolle er mir den Zutritt verwehren.
Ich gebe auf. Nein, nicht, was ihr denkt. Noch einmal trenne ich mich nicht von Flummi. Ganz sicher nicht. Davor ziehe ich aus. »Okay, dann eben nicht.«
Ich öffne noch einmal die Hintertür meines Autos, schnalze mit der Zunge und Flummi springt hinein. Lächelnd nimmt sie auf dem Rücksitz Platz. Ich fahre die Fenster herunter, schlage die Tür zu und beuge mich zu ihr: »Bin gleich wieder da, meine Hübsche.«
Sie bellt.
»Ja, finde ich auch. Aber er weiß es nicht besser.« Mit einem letzten, boshaften Blick gehe ich an Penning vorbei und die Treppe hoch. In Windeseile stopfe ich alles Mögliche in meinen Koffer, dann verlasse ich die Wohnung. Als ich unten ankomme, steht Penning immer noch an derselben Stelle und mustert aus zusammengekniffenen Augen Flummi, die weiterhin auffordernd bellt.
»Danke fürs Aufpassen!«, sage ich. Ich werfe meinen Koffer in den Kofferraum und will schon einsteigen, da meint er:
»Sie haben Post.« Er deutet zu meinem Briefkasten, aus dessen Schlitz ein weißes Papier lugt.
Ich schneide eine Grimasse, die er nicht sehen kann. Was auch immer das ist, kann nicht wichtig sein. Trotzdem gehe ich noch mal zurück. Was darin liegt, ist weder die erwartete Werbung noch ein Strafzettel. Im Gegenteil. Es ist ein richtig hochwertig aussehendes Briefkuvert, auf dem als Absender ›Hotel Liebelei‹ steht und darunter eine italienische Adresse.
Es dauert ein paar Sekunden, bis bei mir der Groschen fällt. Das Hotel, an das ich vor ein paar Tagen – oder waren es Wochen? – geschrieben habe, weil meine Therapeutin mich so genervt hat.
Was schreiben sie?
Penning lässt mir keine Zeit zum Lesen. »Der Lärm von diesem Hund ist wirklich unzumutbar«, beschwert er sich.
