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Mit 14 musste Anna ihr mährisches Dorf verlassen und fand in der Herrnhuter Brüdergemeine des Grafen Zinzendorf die ersehnte neue Heimat und Erfüllung ihrer Träume. Trotzdem war es kein geruhsames Leben, das dort auf sie wartete. Im Auftrag und Dienst der Gemeine reiste sie nach verschiedenen Gegenden Deutschlands und Europas. Auf dem Weg nach Persien wurde ihr Mann Dr. Krügelstein in Russland verhaftet. Während seiner elfjährigen Festungshaft in St. Petersburg und der anschließenden Verbannung nach Kasan stand ihm Anna treu zur Seite. Nach seinem Tod machte sie sich mit ihrer kleinen Tochter auf die beschwerliche, mehrere tausend Kilometer weite Rückreise nach dem geliebten Herrnhut. Anna Krügelstein hat ihre Erlebnisse selbst aufgeschrieben, sie werden hier nahezu unverändert wiedergegeben.
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Seitenzahl: 93
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
Einführung: Die „Herrnhuter“
Kindheit in Mähren
Flucht nach Herrnhut
Jugend in Herrnhut
Kindermädchen in Ebersdorf
Heirat und Dienst in Herrnhut
Dr. Krügelstein
Dienst an mancherlei Orten
In Livland
Die Gefangenen in der Petersburger Festung
Sieben Jahre in Petersburg
Verbannung nach Kasan
Heimkehr nach Herrnhut
Die letzten Lebensjahre
Anhang: Lebensdaten der Anna Krügelstein
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, der bekannte Liederdichter und charismatische Begründer der Herrnhuter Brüdergemeine schrieb zu Anna Golds Trauung mit dem Arzt Dr. David Siegmund Krügelstein ein Gedicht, in dem es heißt: „Die Liebe wird euch leiten, den Weg bereiten ...“
Dieser Satz könnte als Motto über dem Leben dieser Frau stehen. Sie ließ sich von der Liebe leiten ...
... der Liebe zu ihrem Mann, dem sie während seiner 11 jährigen Festungshaft in St. Petersburg treu zur Seite stand und mit dem sie schließlich in die Verbannung nach Kasan ging,
... der Liebe zu ihrer Kirche, der Herrnhuter Gemeine, der sie ihr ganzes Leben lang diente,
... und vor allem der Liebe zu ihrem Heiland, zu dem sie ein ganz persönliches, inniges Verhältnis hatte.
Anna Gold, verheiratete Krügelstein, hat ihre Erlebnisse selbst aufgeschrieben.
Der Lebenslauf wurde, wie es bei den Herrnhutern Sitte ist, zu ihrem Begräbnis verlesen. Gedruckt wurde er erstmals im Jahr 1873 im „Brüder-Boten“, der damaligen Zeitschrift der Herrnhuter, allerdings in gekürzter und bearbeiteter Form.
Nachfolgend wird der originale handschriftliche Lebenslauf, so wie er im Archiv der Evangelischen Brüdergemeine Ebersdorf vorliegt, nahezu unverändert wiedergegeben. Zur Vertiefung sind noch einige Passagen aus dem Lebenslauf ihres Mannes, des Dr. David Siegmund Krügelstein, an geeigneten Stellen eingefügt.
Die Anfänge der Brüdergemeine reichen in das 15. Jahrhundert zurück und gründen sich auf den tschechische Reformator Jan Hus. Als dieser 1415 in Konstanz sein Leben für seine Glaubensüberzeugungen lassen musste, begannen große Unruhen in Böhmen und Mähren, die zu den Hussitenkriegen 1419 bis 1434 führten. Große Teile des Volkes trennten sich zunächst von der katholischen Kirche, bevor es dann doch wieder zu einem Kompromiss mit Rom kam. Lediglich eine kleine Gruppe, die sowohl die kriegerische Gewalt der Radikalen als auch die Einigung mit Rom ablehnte, zog sich in die Wälder Ostböhmens zurück, um in einer Gemeinschaft ganz nach dem Evangelium zu leben. Als Geburtsstunde der „Unitas Fratrum“, der „Gemeinschaft von Brüdern“, gilt der 1. März 1457. Die Brüder-Unität breitete sich rasch aus und zählte Anfang des 16. Jahrhunderts in Böhmen und Mähren etwa 100 000 Mitglieder. Die Bibel wurde ins Tschechische übersetzt, eine vorbildliche Gemeindeordnung wurde entwickelt, und es entstanden viele Lieder, die zum Teil heute noch gesungen werden. Im Zuge der Gegenreformation wurde die Brüder-Unität dann nahezu ausgelöscht; wenige Familien hielten sich im Stillen noch zu ihr, viele waren geflohen, vor allem nach Polen und Ungarn. Der letzte Bischof der Böhmischen Brüder, der vor allem als Pädagoge berühmte Johann Amos Comenius (1592-1670) bemühte sich vergeblich um die gleichberechtigte Anerkennung der Brüder-Unität im Westfälischen Frieden.
Erst Anfang des 18. Jahrhunderts eröffnete sich für einen Teil der heimlich Evangelischen in Böhmen und Mähren der Weg zu einem Neuanfang. Unter dem Einfluss des deutschen Pietismus wanderten kleine Gruppen aus und fanden in Sachsen und Preußen eine neue Heimat. Einige siedelten sich auf einem Landgut des jungen Grafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf an.
1722 wurde der erste Baum zum Anlegen einer Siedlung nahe Berthelsdorf in der Oberlausitz gefällt. Dieser Ort erhielt den Namen Herrnhut, denn die Bewohner wollten sich bewusst „unter des Herrn Hut“ stellen. In wenigen Jahren entstand eine Siedlung, die unter der inspirierenden Leitung des Grafen Zinzendorf stand und zu einer geistlichen Gemeinschaft zusammenwuchs, in der man Glauben und Alltagsleben miteinander verband. Auch Gläubige aus deutschen und anderen europäischen Ländern, die im Konflikt mit ihren Kirchen standen, suchten in Herrnhut eine neue geistliche Heimat.
Als eigentlicher Beginn dieser „Erneuerten Brüder-Unität“ gilt der 13. August 1727. Nachdem die tiefgreifenden Spannungen unter den Siedlern beigelegt werden konnten, wurde bei einer Abendmahlsfeier in der Kirche in Berthelsdorf die geistliche Einheit in überwältigender Weise erlebt. Die Orts-Satzung, die man sich gab, orientierte sich weitgehend an den Statuten der Unitas Fratrum. Die Zahl der Mitglieder wuchs in den darauf folgenden Jahren auf einige Hundert.
Es entstanden weitere Ansiedlungen in Deutschland und anderen europäischen Ländern. Weltweit bekannt wurden die Herrnhuter durch ihre Missionstätigkeit. Bereits 1732 gingen die beiden ersten Missionare aus Herrnhut auf die Karibikinsel St. Thomas. Weitere Sendboten folgten innerhalb weniger Jahre nach Grönland, Südafrika und Surinam in Südamerika. Herrnhuter Missionare waren mit unterschiedlichem Erfolg auf allen fünf Erdteilen tätig und machten die Brüdergemeine zu einer weltweiten Kirche.
Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf, der schon als Jugendlicher beschlossen hatte, sein Leben ganz in den Dienst Jesus Christus’ zu stellen, fand in der Herrnhuter Brüdergemeine seine Lebensaufgabe und prägte diese Glaubensgemeinschaft maßgeblich. Er nahm große persönliche Entbehrungen auf sich, wurde angefeindet und zeitweise aus Sachsen verbannt. In dieser Zeit zog er mit seinen Getreuen, der „Pilgergemeine“, durch Deutschland und Europa.
Heute sind die Herrnhuter eine ganz „normale“ evangelische Freikirche. Viele der Besonderheiten und das meiste der typischen Lebensform aus den Anfangsjahren sind verloren gegangen. Die Gemeinschaft ist unter dem Namen „Evangelische Brüdergemeine“, aber auch als „Herrnhuter Brüdergemeine“, „Mährische Kirche“ oder „Moravian Church“ bekannt. Die in den Gründungsjahren übliche Schreibweise „Gemeine“ – ohne „d“ – ist heute Bestandteil des amtlichen Namens, im allgemeinen Sprachgebrauch sind beide Formen anzutreffen.
Für das Verständnis des Lebenslaufs der Anna Krügelstein sind einige Erläuterungen nützlich:
Männer und Frauen der Gemeine werden Brüder und Schwestern genannt, ohne dass damit ein besonderer geistlicher Stand verbunden ist. „Bruder“ und „Schwester“ ist auch die heute noch übliche Anrede, gewöhnlich in Verbindung mit dem Familiennamen. In der Schriftform verwendet man meist die Abkürzungen Br. und Schw.
Mehrere Mitglieder der Gemeine unterschiedlichen Geschlechts bezeichnet man als Geschwister (Geschw.), auch wenn es sich um ein Ehepaar handelt. (Mit Geschwister Meiers ist also gewöhnlich das Ehepaar Meier gemeint.) Eine typische Besonderheit der Brüdergemeine ist die Einteilung der Gemein-Mitglieder in die sogenannten „Chöre“.
(„das Chor“ – als Bezeichnung für eine Gruppe Personen mit ähnlichen Bedingungen und Interessen.)
Diese Einteilung gibt es heute noch, sie war früher aber noch sehr viel ausgeprägter. In der Brüdergemeine richtet sich die Chorzugehörigkeit nach Geschlecht, Alter und Familienstand. Es gibt also das Chor der ledigen Schwestern (alle unverheirateten Frauen), das Chor der ledigen Brüder (alle unverheirateten Männer), das Ehechor (verheiratete Männer und Frauen), das Witwenchor und das Witwerchor. Die Kinder und Jugendlichen wurden früher, als es sie noch in größerer Anzahl gab, außer nach dem Geschlecht auch nach dem Alter einem entsprechenden Chor zugeordnet: Knäblein, Knaben, Jünglinge, Mädchen, große Mädchen, Jungfern. Der Gedanke, der dahinter steckt, ist, dass sich Menschen mit ähnlichen Lebensumständen auch am besten verstehen und sich Beistand in weltlichen und geistlichen Dingen geben können. Die Chöre wurden jeweils von einem Chor-Helfer oder einer Chor-Helferin betreut. Die Leitung der Gemeine oder eines Chores war keine abgehobene Stellung. Man blieb stets „Bruder unter Brüdern“ bzw. „Schwester unter Schwestern“. Das kommt auch in den Bezeichnungen „Helfer“, „Diener“ oder „Arbeiter“ zum Ausdruck.
Die einzelnen Chöre führten früher ein weitestgehend in sich geschlossenes Leben. Sie bildeten eine geistliche Gemeinschaft und einige Chöre auch eine selbständige wirtschaftliche Einheit. So lebten, wohnten und arbeiteten die unverheirateten Männer und Frauen jeweils in eigenen Häusern: dem Brüderhaus und dem Schwesternhaus. Auch die Witwen lebten separat im Witwenhaus. Das Leben im Chorhaus war durch Arbeit und die täglichen Versammlungen geregelt.
Bei den Herrnhutern war es über lange Zeit üblich, alle wichtigen Entscheidungen - insbesondere solche, deren Ausgang nicht vorhersehbar war – durch das Los zu treffen, in der Überzeugung, dass Gott auf diese Weise unmittelbar Einfluss nehmen kann. Das Los wurde vor allem bei Personalentscheidungen zu Rate gezogen: Besetzung von Ämtern, Eheschließungen, Aussendung von Missionaren usw.
Die in diesem Bericht erwähnten Herrnhuter Losungen gibt es auch heute noch. Sie werden seit 1731 ohne Unterbrechung heraus gegeben, inzwischen in Millionenauflage und in 50 Sprachen übersetzt. Das Losungsbuch enthält für jeden Tag des Jahres ein ausgelostes Wort aus dem Alten Testament, ergänzt durch ein Wort aus dem Neuen Testament und einen Liedvers oder ein Gebet.
Anna Krügelstein verwendet in ihrem Lebensbericht oft recht schwärmerische Bezeichnungen für Jesus: „mein bester Freund“, “Geliebter“, „Herzens-Bräutigam“, „mein Mann“. Das entspricht den Gepflogenheiten der damaligen Zeit, zeigt aber auch ihr inniges Verhältnis zum Heiland. Wenn vom „Heimgehen“ oder dem „Heimgang“ die Rede ist, so ist damit das Sterben gemeint, das für einen gläubigen Christen ja nicht das Ende bedeutet, sondern das Hinübergehen in Gottes Reich, die ewige Heimat.
Ich bin geboren den 10. Juli 1713 in Zauchtenthal in Mähren (heute Suchdol nad Odrou), in großer Armut meiner Eltern. Meine Mutter hatte nicht einmal die nötige Handreichung, und weil es ihr sehr hart ging, so war ich ein kränkliches Kind und hatte was Melancholisches, so dass mich niemand achtete, und man mich gerne hätte sterben sehen.
Aus Mangel einer Handreichung musste meine Mutter das Gras für ihr Vieh selber suchen, und mich immer mit tragen, und da traf sich’s Anno 1714 einmal, dass, als ich bei einem Baum lag, ein Wolf kam, sich zu mir stellte und mich beroch. Meiner Mutter wurde auf einmal bange, sich nach ihrem Kinde umzusehen, wurde das Tier bei mir stehend gewahr, lief also herzu, und der Wolf trat ein paar Schritt zurück, dass sie mich nehmen konnte. Die Eltern nahmen ihr armes Kind als ein neues Geschenk von Gott an, weinten und dankten ihm dafür, denn sie waren beide gottesfürchtig. Und weil sie mich von meiner Geburt an als ein Gnadengeschenk Gottes ansahen, wollten sie mich auch ganz nach seinem Sinn aufziehen, weinten und beteten daher fleißig über mich.
In meinem fünften Jahr hörte ich meinen Vater in der Bibel vom Falle Adams lesen. Das ging mir sehr zu Herzen, dass wir armen Menschen ohne Gott wären, und kam eine große Bekümmernis, wie ich doch wieder mit ihm in Gemeinschaft kommen könnte. Da nahm der heilige Geist mich, sein armes Kind, in eine besondere Pflege und sprach mir zu, ich sollte mich nicht vor Gott fürchten, sondern getrost zu ihm gehen, ihm mein Anliegen sagen und ihn um alles bitten. Er würde mir’s geben, denn er habe die Menschen sehr lieb und würde mich auch so machen, dass ich ihn lieben und nach seinem Willen leben könnte. Und so würde ich auch gewiss zu ihm kommen.
Von dem an konnte ich recht herzvertraulich mit Gott umgehen und ihm alles klagen. Er war mein lieber Gott, mein bester und treuester Freund, der mich in allem erhörte, und mich bald fühlen ließ, wenn ich nicht auf der rechten Spur war, und so bewahrte er mich vor tausend Gefahren.
Anno 1724 war die Erweckung unter den Kindern in Mähren. Da hörte ich, man müsste ein neues Herz haben, wenn man selig werden wollte und das könnte nur der liebe Gott geben. Da ging ein neuer Kummer an. Ich sah, dass mir das fehlte und ich noch nicht aus Gott geboren sei. Ich weinte sehr darüber und meine Verlegenheit nahm immer mehr zu. Ich kriegte auch wohl Hoffnung, dass ich das neue Leben aus Gott haben sollte, fühlte mich aber zu schlecht dazu.
