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Die Geschichte des letzten halben Jahrhunderts in Amerika, Europa und anderen großen Volkswirtschaften ist die Geschichte der Umverteilung des Wohlstands von unten nach oben. Der Triumph des Kapitalismus hat zu der Entstehung einer kleinen, aber sehr mächtigen Gruppe an Superreichen geführt: den Davos Man. Es sind Männer, die sich so sehr an die Spielregeln der globalisierten Welt angepasst haben, dass sie in keinem Land der Welt mehr verwurzelt sind. Ihr Vermögen ist weltweit angelegt, auf allen Kontinenten unterhalten sie Anwesen und Jachten und ihre Heerscharen von Lobbyisten und Wirtschaftsprüfern arbeiteten weltweit, um ihren Reichtum vor dem Zugriff der Finanzbehörden zu schützen. Der preisgekrönten Wirtschaftskorrespondenten der New York Times, Peter S. Goodman, porträtiert fünf repräsentative Davos Man: Jeff Bezos, James Dimon, Marc Benioff, Stephen Schwarzman und Larry Fink. Seine Enthüllungen zeigen auf, dass die Plünderung der Welt durch den Davos Man Einfluss hat auf nahezu jeden Aspekt der modernen Gesellschaft: die schrumpfenden Möglichkeiten, einen existenzsichernden Lohn zu verdienen, die Anfälligkeit unserer Gesundheitssysteme, den Zugang zu erschwinglichem Wohnraum und sogar die Qualität der Kleidung, die man trägt. Vor allem jedoch legt er überzeugend dar, wie die Raubzüge des Davos Man zum Aufstieg rechtspopulistischer Bewegungen geführt und somit die Demokratie gefährlich destabilisiert haben. Eine unverzichtbare Lektüre für jeden, der sich Gedanken macht über wirtschaftliche Gerechtigkeit und die Fähigkeit von Gesellschaften, ihre größten Herausforderungen zu bewältigen.
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Seitenzahl: 672
Veröffentlichungsjahr: 2022
Peter S. Goodman
DIE MÄNNER VON DAVOS
Wie eine kleine Gruppe Milliardäre die Welt beherrscht
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2. Auflage 2025
© 2022 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
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Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
Copyright der Originalausgabe: © 2022 by Peter S. Goodman.
This edition is published by arrangement with Custom House, an imprint of HarperCollins Publishers, LLC.
Die englische Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel Davos Man – How the Billionaires Devoured the World bei Custom House, einem Imprint von HarperCollins Publishers, LLC.
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Übersetzung: Martin Bauer
Redaktion: Silke Panten
Korrektorat: Anja Hilgarth
Umschlaggestaltung: Marc Torben Fischer
Umschlagabbildung: Shutterstock.com/serazetdinov
Satz: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)
eBook: ePUBoo.com
ISBN Print 978-3-95972-593-4
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-98609-122-4
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Prolog
»Sie schreiben die Regeln, an die sich der Rest der Welt zu halten hat«
Wie der Davos Man die Spielregeln der Weltwirtschaft zu seinen Gunsten beeinflusst
TEIL I – WELTWEITER RAUBZUG
Kapitel 1
»Hoch droben in den Bergen«
Der Davos Man in seinem natürlichen Habitat
Kapitel 2
»Für so eine Welt haben unsere Väter im Zweiten Weltkrieg nicht gekämpft«
Wie der Davos Man sich den Großteil der Globalisierungsgewinne unter den Nagel riss
Kapitel 3
»Plötzlich blieben die Aufträge einfach aus«
Die Vorfahren des Davos Man oder: Wie eine wohlhabende Region Italiens von der Globalisierung verwüstet wurde
Kapitel 4
»Das war unsere Chance, uns zu revanchieren«
Wie der Davos Man den Brexit einfädelte
Kapitel 5
»Irgendwann musste es eskalieren«
Wie der Davos Man mit Emmanuel Macron einen eigenen Präsidenten bekam
Kapitel 6
»Jeder Stein, den ich umdrehte, war ein Blackstone«
Wie der Davos Man ein sozialdemokratisches Musterland eroberte
Kapitel 7
»Die lecken sich jetzt die Lippen«
Donald in Davos – oder: Wie es ein Komplize des Davos Man ins Weiße Haus schaffte
TEIL II – VON EINER PANDEMIE PROFITIEREN
Kapitel 8
»Unsere Bedenken sind ihnen egal«
Wie der Davos Man das amerikanische Gesundheitssystem kaputt machte
Kapitel 9
»In Zeiten großer Volatilität lässt sich immer Geld verdienen«
Wie der Davos Man keine Krise ungenutzt verstreichen lässt
Kapitel 10
»Massiv unterfinanziert und vom Zusammenbruch bedroht«
Wie der Davos Man die Pensionskassen plünderte
Kapitel 11
»In Wirklichkeit sind wir alle eins«
Wie der Davos Man sich als Wohltäter aufspielte
Kapitel 12
»Wir sind in Gefahr«
Wie der Davos Man Menschen dem Virus aussetzte, um noch mehr Profit zu machen
Kapitel 13
»Das bringt Menschen um!«
Wie der Davos Man das europäische Gesundheitssystem aushöhlte
Kapitel 14
»Ist das eine Zeit, um Profite zu machen?«
Wie der Davos Man sein Geld bekommt, koste es, was es wolle
Kapitel 15
»Wir müssen sicher sein können, dass wir 100 Prozent unseres Kapitals zurückbekommen«
Wie der Davos Man bankrotte Nationen erpresst
TEIL III – DEN LAUF DER DINGE ÄNDERN
Kapitel 16
»Niemand, der Washington auf den Kopf stellen wird«
Wie Biden den Davos Man wieder am Tisch Platz nehmen lässt
Kapitel 17
»Das Geld war die ganze Zeit hier, in unserer Mitte«
Wie man den Davos Man umgeht
Kapitel 18
»Damit die Menschen mehr Geld in der Tasche haben«
Wie das bedingungslose Grundeinkommen populär wurde
Kapitel 19
»Krieg gegen die Monopolmacht«
Wie der Davos Man unter Beschuss geriet
Kapitel 20
»Steuern, Steuern, Steuern, alles andere ist Mist«
Wie man den Davos Man zwingen könnte, Steuern zu bezahlen
Schluss
»Das Geld fließt in Strömen«
Danksagung
Anmerkungen
Für Leah, Leo, Mila und Luca
Wie der Davos Man die Spielregeln der Weltwirtschaft zu seinen Gunsten beeinflusst
Für die meisten von uns war das Jahr 2020 eine endlose Quälerei. Es war ein Jahr, das wahrscheinlich auch in Zukunft als Sinnbild für die schlimmste Pandemie seit einem Jahrhundert, für den Tod unzähliger Menschen, für Angst, Isolation, geschlossene Schulen, Einkommensverluste und eine Vielzahl kleinerer Nöte stehen wird. Aber eine kleine Elite – eine Spezies, die wir hier »Davos Man«[1] nennen wollen – erlebte einen nie gesehenen Boom. Dank ihres Vermögens und ihres Einflusses gelang es den reichsten Menschen der Erde, sich von der Pandemie abzuschotten und sie in ihren Strandvillen, Skihütten und auf ihren Jachten auszusitzen. Sie profitierten von der Not der anderen, kauften zum Schnäppchenpreis Immobilien, Aktien und Unternehmensanteile auf und setzten geschickt ihre Lobbymacht ein, um gewaltige, steuerfinanzierte Rettungspakete auf ihre Konten umzulenken. Sie nutzten die Pandemie – eine Katastrophe, die sie selbst verschärften, indem sie die Gesundheitssysteme ausplünderten und den Regierungen Ressourcen entzogen – als Gelegenheit, um sich als Retter der Menschheit aufzuspielen. In eben jenem Jahr, wo die fatalen Folgen jahrzehntelanger Steuerflucht durch die Superreichen offenbar wurden, wollten sich die Steuertrickser dieser Welt auch noch für ihre Großzügigkeit preisen lassen.
So erklärte etwa Marc Benioff, der Gründer des Software-Giganten Salesforce: »Während der Pandemie erwiesen sich die CEOs in vielen, vielen Fällen weltweit als die wahren Helden. Mit ihren finanziellen Ressourcen und den Ressourcen ihrer Konzerne sprangen sie in die Bresche und reagierten mit ihren Angestellten und ihren Fabriken – nicht, um Profit zu machen, sondern um die Welt zu retten.« Dies sagte Benioff auf einer Rede Ende Januar 2021 auf dem jährlichen Treffen des Weltwirtschaftsforums, dem ultimativen Sammelbecken der Reichen und Mächtigen. Die Pandemie hatte verhindert, dass man sich wie gewohnt persönlich in Davos traf, in den Schweizer Bergen. Statt sich unter der weißen geodätischen Kuppel zu sehen, wo Benioff schon ein Mittagessen abgehalten hatte, an dem Popstars wie Bono und Will.i.am teilnahmen, traf man sich per Videokonferenz. Hinter ihnen sah man nun nicht mehr schneebedeckte Berge, sondern Bücherwände und andere Homeoffice-Hintergründe. Statt sich locker auszutauschen, diskutierte man eher stockend, nicht zuletzt aufgrund von Verbindungsproblemen.
Eines blieb aber unverändert: die Forderungen, die Welt müsse sich ändern – erhoben ausgerechnet von denjenigen, die am meisten vom Status quo profitierten. In der Diskussionsrunde zum sogenannten Stakeholder-Kapitalismus (eine Wirtschaftsform, in der Unternehmen nicht mehr allein ihren Aktionären verpflichtet sind, sondern der ganzen Gesellschaft, etwa ihren Mitarbeitern, der Umwelt, ihren Heimatgemeinden) lobte Benioff sich und seine Kollegen: Mission erfüllt. Er und seine Mit-CEOs hatten sich zusammengeschlossen, um Schutzausrüstung wie Gesichtsmasken und Schutzanzüge für Krankenhauspersonal bereitzustellen. Pharmabetriebe hatten in Rekordzeit Impfstoffe gegen Covid-19 entwickelt, Banker hatten großzügig Kredite gewährt, um Bankrotte zu verhindern. »CEOs haben sich dieses Jahr hervorgetan«, sagte Benioff. »Die Menschheit stünde heute nicht dort, wo sie steht, ohne die herausragenden Führungsqualitäten unzähliger CEOs, die in aller Welt heroische Arbeit leisteten und de facto ganze Gesellschaften retteten.«
Angesichts des erbärmlichen Zustands der Welt in jenem Augenblick konnte einem Benioffs Selbstbeweihräucherung schier den Atem rauben. Selbstlob, verkleidet als Selbstlosigkeit. Solche Kommentare verdeutlichen, wie sehr die Milliardärsklasse inzwischen abgehoben ist vom Rest der Menschheit. Nicht nur in der Dimension ihres Vermögens unterscheidet sie sich von uns Normalsterblichen, sondern auch in ihrem Denken. Benioff und seine Konzernlenker-Kollegen bewohnen inzwischen eine andere Wirklichkeit – sie leben im Reich des Davos Man.
Weltweit hatte die Pandemie mehr als zwei Millionen Menschen getötet und Hunderte Millionen in Armut und Hunger gestürzt. Schuld war natürlich das Coronavirus, doch der Davos Man trug seinen Teil dazu bei, die wirtschaftlichen Verwüstungen zu verschlimmern und die Zahl der Todesopfer zu erhöhen.
Hedgefonds-Milliardäre wie Stephen Schwarzman, der einmal den Vorschlag einer Steuererhöhung für Reiche zum kriegerischen Akt erklärt hatte – »wie Hitlers Einmarsch in Polen« –, hatten kräftig in Krankenhäuser investiert, diese finanziell ausgequetscht und so zu einer Schwächung des amerikanischen Gesundheitssystems beigetragen. Jamie Dimon, der Chef der größten Bank Amerikas, hatte geholfen, Steuersenkungen für die reichen Bewohner von Penthouses an der Park Avenue durchzusetzen – finanziert durch einen Abbau staatlicher Leistungen. Larry Fink, der größte Vermögensverwalter der Welt, schwadronierte von seinem Wunsch nach sozialer Gerechtigkeit, während er gleichzeitig bettelarme Länder dazu zwang, mitten in der Pandemie ihre Schulden weiter zu bedienen. Der zu diesem Zeitpunkt reichste Mensch der Welt, Jeff Bezos, profitierte vom Boom des E-Commerce, weigerte sich aber, seinen Lagerarbeitern Schutzkleidung zu stellen. Er pries ihre Leistung als »unerlässlich für die Aufrechterhaltung des täglichen Lebens« – was übersetzt hieß: »Leider seid ihr systemrelevant und könnt wegen eines kleinen Virus nicht einfach zu Hause bleiben.«
Nein, die Reichen mussten nicht besonders leiden im Jahr 2020, ganz im Gegenteil gelang es ihnen, vom Leid der anderen zu profitieren. Zum Ende des Jahres war das kollektive Vermögen der Milliardäre weltweit auf 3,9 Billionen Dollar gestiegen, während die Summe ihrer Spenden auf das niedrigste Niveau seit fast zehn Jahren gefallen war.1 Im gleichen Jahr rutschten 500 Millionen Menschen in Armut ab, und wahrscheinlich wird es mehr als ein Jahrzehnt brauchen, bis das wieder aufgeholt ist.
Die Pharmaunternehmen haben tatsächlich ihre Fähigkeit unter Beweis gestellt, Covid-19-Impfstoffe zu entwickeln. Allerdings machten sie die lebensrettenden Vakzine so teuer, dass ein Großteil der Menschheit sie sich nicht leisten konnte.
In seiner Strandvilla auf Hawaii sitzend, zog Benioff es aber vor, in seinen Triumphen zu schwelgen, und nahm die Pandemie zum Anlass, über die Unfähigkeit von Regierungen herzuziehen und sich für einen Stakeholder-Kapitalismus auszusprechen. Das Kalkül dahinter: Wenn Unternehmen sich freiwillig um das Wohl der Gesellschaft kümmern, verliert die Regierung das Recht, ihnen Auflagen zu machen. Das Konzept vom Stakeholder-Kapitalismus soll also verhindern, dass das Volk die Mittel der Demokratie nutzt, um die Gewinne des Kapitalismus gerecht zu verteilen. Mit seinem Lob für die Spitzenmanager suggerierte Benioff implizit, dass Regierungen Milliardäre gar nicht besteuern müssten, da diese ja aus eigener Großherzigkeit die Übel der Welt bekämpften. »Jede Woche treffen sich CEOs, um gemeinsam zu erörtern, wie sich die Welt verbessern und die Pandemie überwinden lässt«, erklärte er und zog gleichzeitig über die »Dysfunktionalität von Regierungen« und gemeinnützigen Organisationen her. »Nicht sie haben uns gerettet«, sagte Benioff. »Deswegen zählt die Öffentlichkeit auf uns Spitzenmanager.«
Mit seinen Äußerungen bietet Benioff ein Musterbeispiel für eine Spezies, die wir verstehen müssen, um durchschauen zu können, was der Menschheit im vergangenen halben Jahrhundert widerfahren ist. Die zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit, der wachsende öffentliche Zorn und die Bedrohung der demokratischen Ordnung sind allesamt das Ergebnis des Raubzugs des Davos Man – ein Raubtier, das seine Macht zum Teil aus seiner Fähigkeit bezieht, die Gestalt eines Verbündeten anzunehmen.
Über die letzten Jahrzehnte hat die Klasse der Milliardäre Regierungen ausgeplündert, indem sie sich der Besteuerung entzog. Damit stahlen sie ganzen Nationen diejenigen Ressourcen, die sie zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme gebraucht hätten. Schon vor der Pandemie waren die Gesundheitssysteme vieler Länder ausgeblutet – und jetzt deutete der Verursacher der Ressourcenknappheit, der Davos Man, anklagend auf vermeintlich inkompetente Regierungen und erklärte, man dürfe sich nicht länger auf sie verlassen, sondern solle lieber auf seine Großzügigkeit hoffen. »Sprechen wir es ruhig laut aus«, sagte Benioff. »CEOs sind eindeutig die Helden des Jahres 2020.«
Der Ausdruck Davos Man wurde 2004 vom Politikwissenschaftler Samuel Huntington populär gemacht. Er beschrieb damit Menschen, die durch die Globalisierung so reich wurden und sich so sehr an die Spielregeln der globalisierten Welt angepasst haben, dass sie im Grunde in keinem Land mehr verwurzelt waren. Ihre wirtschaftlichen Interessen überspannten Grenzen, ihr Vermögen war weltweit angelegt, auf allen Kontinenten unterhielten sie Anwesen und Jachten, ihre Heerscharen von Lobbyisten und Wirtschaftsprüfern arbeiteten weltweit, wodurch sie sich keiner Nation mehr verpflichtet fühlten.
Ursprünglich meinte Huntington mit »Davos Man« all jene, die regelmäßig zum Weltwirtschaftsforum nach Davos pilgerten. Allein mit ihrer Teilnahme bewiesen sie, dass sie zu den Gewinnern des modernen Lebens gehörten. Doch im Lauf der Jahre erweiterte sich »Davos Man« zum Sammelbegriff für all jene, die die Stratosphäre der globetrottenden Klasse bevölkern, jene vornehmlich weißen und männlichen Milliardäre, die einen nie da gewesenen Einfluss auf die Sphäre der Politik nehmen und ihr Credo erfolgreich unter das Volk brachten: Letztendlich profitieren alle von Regeln, die denjenigen, die jetzt schon jetzt am besten dastehen, am meisten nützen. Der Davos Man und seine Söldnertruppen – Lobbyisten, Denkfabriken, Scharen von PR-Fritzen und kriecherische Journalisten, denen Zugang zur Macht wichtiger ist als die Wahrheit – käuen diese Behauptung endlos wieder, trotz überwältigender Beweise dafür, dass genau das Gegenteil zutrifft.
Mit diesem Buch möchte ich Ihnen den Davos Man als Spezies erklären. Es handelt sich um eine seltene und bemerkenswerte Kreatur: ein gnadenloses Raubtier, das stets darauf bedacht ist, sein Revier zu vergrößern, und das anderen die Nahrung wegschnappt – sich aber gleichzeitig vor Vergeltung schützt, indem es sich als symbiotischer Freund der Menschheit ausgibt.
Nirgendwo zeigt sich diese Masche deutlicher als auf den jährlichen Treffen in Davos. Auf dem Papier ist das Forum nichts weiter als ein mehrtägiges Seminar zur Diskussion aktuell anstehender Probleme der Menschheit. Ernsthaft debattiert man über Klimawandel, Geschlechterungleichheit und digitale Zukunft. Damit auch wirklich jeder die hehren Absichten mitbekommt, werden sie in die Welt hinausposaunt: Das Motto »Committed to improving the State of the World« (frei übersetzt: Wir treffen uns, um die Welt zu verbessern) ist allgegenwärtig; es hängt in Bannern an Straßenlaternen, steht an allen Wänden sämtlicher Konferenzräume und prangt auf den Laptoptaschen, die Journalisten als kleine Aufmerksamkeit der Mächtigen mit nach Hause bekommen.
Dieses Mantra zeugt schon vom unauflöslichen Widerspruch einer solchen Unternehmung. Das kollektive Vermögen der Teilnehmer im Jahr 2020 wurde auf eine halbe Billion Dollar geschätzt.2 Die Menschen, die sich da in den Bergen treffen, sind, welche Maßstäbe man auch ansetzt, die ultimativen Gewinner. Ihren sagenhaften Reichtum und ihr Ansehen verdanken sie eben jenem Wirtschaftssystem, das wir momentan haben – was ihr Versprechen, es besser zu machen, reichlich unglaubwürdig macht. Denn jede Verbesserung würde ja eine Veränderung bedeuten.
Hinter den Kulissen ist das Forum ein Ort, an dem man Geschäfte abschließt und netzwerkt, ein einziger Sektempfang, ausgerichtet von den Giganten der Finanzwelt und Unternehmensberatungen. Hier trifft man sich, um einander auf die Schultern zu klopfen und zu gratulieren, dass man es auf die richtige Seite des Grabens geschafft hat, der Reiche und Arme trennt. »Das macht die Magie des Forums aus«, schwärmte ein ehemaliger Mitveranstalter. »Es handelt sich um die größte Lobbyveranstaltung auf dieser Welt. Die mächtigsten Menschen treffen sich hinter verschlossenen Türen, sind niemandem verpflichtet und schreiben die Regeln, an die sich der Rest der Welt zu halten hat.«
Die letzten 50 Jahre in Europa, Nordamerika und weiteren großen Volkswirtschaften sind davon geprägt, dass der Wohlstand begann, von unten nach oben zu fließen. Diejenigen, die an den exklusivsten Orten aufwuchsen, an den besten Schulen unterrichtet wurden und den elitärsten Netzwerken angehörten, nutzten ihre Privilegien, um unfassbaren Reichtum anzuhäufen, in ihren Privatjets zwischen ihren Strandvillen und ihren Chalets zu pendeln und ihren Kindern Studienplätze in den renommiertesten Unis zu erkaufen, während sie ihr Vermögen in der Karibik oder anderen Steueroasen bunkerten. Gleichzeitig verzweifeln hundert Millionen Beschäftigte an der unlösbaren Aufgabe, mit ihrem gesunkenen Einkommen weiter über die Runden zu kommen.
Die Grundzüge dieser Geschichte sind uns mittlerweile derart vertraut, dass uns das Ende fast zwangsläufig scheint. Bücher und Zeitschriftenartikel haben ausführlich dargelegt, wie Internet, Globalisierung und Automatisierung das moderne Leben veränderten, wobei die gut ausgebildeten Arbeitnehmer belohnt und die schlechter ausgebildeten abgestraft werden. Doch die einschlägige Literatur tut gern so, als hätten sich diese Verschiebungen zwangsläufig ergeben, als hätten sie sich dem menschlichen Einfluss ebenso entzogen wie Naturgewalten wie Ebbe und Flut.
Doch unser Wirtschaftsgefüge hat sich nicht zufällig ergeben, sondern ist das Ergebnis gezielter Eingriffe weniger Menschen, die sich ein System zurechtschneidern ließen, das genau ihren Interessen entspricht. Wir leben in einer Welt, die vom Davos Man so konstruiert wurde, dass ihm immer mehr Vermögen zufließt.
Freigiebig spendeten Milliardäre an jene Politiker, die sich für die Unterstützung der ohnehin schon Privilegierten starkmachen. Sie setzten Lobbyisten ein, um ungeliebte Finanzmarktregeln verschwinden zu lassen, auf dass Banken gnadenlos zocken durften – und wenn die Kiste schiefging, musste halt der Staat einspringen und die Banken raushauen. Sie führten Kartellbehörden am Nasenring durch die Arena und ebneten so den Weg für Übernahmen, die Banken und Aktionäre reich machten, aber Großkonzerne unter oligarchischer Kontrolle entstehen ließen. Sie ließen die Macht von Gewerkschaften beschneiden und die Löhne drücken. Das gesparte Geld bekamen dann die Aktionäre.
Der Davos Man erzählt überall herum, er hätte seinen Reichtum aufgrund seiner Klugheit und seines Innovationsgeistes verdient. Steuern verachtet er als Bestrafung für seine Fähigkeiten und seinen unermüdlichen Einsatz. Es stört ihn nicht, ein wenig seines Geldes abzugeben, das darf aber allein nach seinem Gutdünken geschehen. Schließlich will er sein Gutmenschentum zeigen, am liebsten, indem er einen Krankenhausflügel nach sich benennen lässt oder Fotos veröffentlicht, in dem Kinder ihn umringen, zum Dank dafür, dass er die fürchterlichen Zustände in einem Land durch seine Großzügigkeit ein bisschen weniger fürchterlich gemacht hat.
Offiziell lässt der Davos Man gern verlauten, Geld spiele nur eine nebensächliche Rolle, wichtiger sei die Mission: die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Seine sozialen Medien, seine technischen »Lösungen« – Algorithmen und Geräte, die Unternehmen gottgleiches Wissen über Kunden und Beschäftigte geben – sind in der Mythologie von Davos Ausfluss seines Verlangens, Gemeinschaft zu fördern. Seine Finanzderivate, jene komplexen Instrumente, die die Welt 2008 in einen finanziellen Abgrund stürzten, sind Ausdruck seiner Entschlossenheit, dem Markt zu erlauben, die Menschheit von kleingeistigen Details wie Mathematik zu befreien.
Die Milliardäre haben auf ganzer Linie gesiegt, so viel weiß jeder. Sie haben nicht nur nie da gewesene Reichtümer angehäuft, sie bestimmen auch erheblich mit, wie wir alle leben. Wir müssen verstehen, wie ihnen das gelang – nämlich, indem sie die Demokratie unterliefen. Dass es dem Davos Man gelungen ist, sich sämtliche Früchte des globalisierten Kapitalismus unter den Nagel zu reißen, ist kein Zufall. Er hat es geschafft, die kosmische Lüge (wie ich sie nennen möchte) im politischen und kulturellen Diskurs zu verankern: jene ansprechende, aber nachweisbar falsche Vorstellung, dass Steuersenkungen und Deregulierungen nicht nur die Reichsten noch reicher machen, sondern dass der Wohlstand glücklicherweise anschließend zu den Massen durchsickert. Nur ist das leider in Wirklichkeit genau nullmal passiert.
Reiche Menschen haben schon immer versucht, ihren Wohlstand in politische Macht umzumünzen und dann die Spielregeln nach ihrem Gusto abzuändern. Das Neue am Davos Man ist, dass er es geschafft hat, sich als besorgten Weltbürger darzustellen und gleichzeitig die Vorstellung zu streuen, sein privates Wohlergehen sei Voraussetzung für das Wohlergehen der Gesamtgesellschaft.
Die »Räuberbarone« des ausgehenden 19. Jahrhunderts, Industrielle wie Andrew Carnegie und Financiers wie J. P. Morgan, gaben sich mit ihrem Reichtum an sich zufrieden, er war ihnen Selbstzweck. Doch der Davos Man braucht Bestätigung, weshalb er auf einem ganz anderen Niveau agiert. Ihm reicht es nicht, Häuser zu kaufen wie andere Menschen Socken. Er tut so, als interessiere er sich für die gleichen Dinge wie Hinz und Kunz. Er dürstet nach Dankbarkeit für seine Heldentaten, nach Bestätigung, dass er schlicht das Produkt eines Systems ist, in dem er als Wächter über das Gemeinwohl fungiert – obwohl er doch allen anderen das Blut aussaugt. Ihm zufolge ist sein Wohlergehen die Voraussetzung dafür, dass es der Allgemeinheit gut geht, er allein sorgt für Dynamik und Innovation. So hat es der Davos Man geschafft, sich noch an jeder Krise zu bereichern. Sobald etwas schiefläuft – etwa, wenn die Banken oder das Gesundheitswesen zu kollabieren drohen –, ruft er nach dem starken Staat und lässt die Rettungspakete dann so konstruieren, dass ein schöner Batzen Steuergeld in seine Taschen fließt.
In gewissen Umfang faszinieren uns die Heldentaten des Davos Man ja wirklich. Wir genießen unseren Milliardärs-Porno – seine extravaganten Geburtstagspartys, Bilder von seinem Angeber-Landsitz, Details seines Scheidungsvertrags. Wir sehen uns Sendungen wie Billions an, verfolgen seine Mühen und Rückschläge, bis wir irgendwann die implizite Message glauben, dass er seine Sonderstellung auch tatsächlich verdient hat. Doch inzwischen bedroht die Unersättlichkeit des Davos Man unser gesamtes Ökosystem. Sein extremer Überkonsum hat das Vertrauen erschüttert, dass es auf dieser Welt mit rechten Dingen zugeht, und den Zorn all der anderen Kreaturen in der Biosphäre geweckt.
Meiner Ansicht nach hat der Davos Man mit seinen Raubzügen entscheidend zum Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen in aller Welt beigetragen. Journalisten erklären das Aufkommen von Typen wie Trump, Salvini oder Bolsonaro gerne mit aktuellen Geschehnissen, die von Politikern zur Panikmache eingesetzt wurden, um Wählerstimmen zu gewinnen. Die Politiker, so die gängige Story, bedienten sich nostalgischer und nationalistischer Gefühle, um etwa gegen Einwanderer zu hetzen, die den Status einer privilegierten Gruppe gefährdeten. In Wirklichkeit reichen die Gründe tiefer und wurzeln in einem Zorn, der sich über Jahrzehnte angestaut hat, in denen der Davos Man sich die Früchte unseres Wirtschaftssystems unter den Nagel gerissen und dem gemeinen Volk jede ökonomische Sicherheit geraubt hat. Erst auf diesem Nährboden gedeihen Hetzer und Panikmacher, die nur Scheinlösungen für echte soziale Probleme anbieten.
Nur mit dem Umstand, dass der Davos Man sich alle Globalisierungsgewinne gesichert hat, lässt sich erklären, dass mitten in der Pandemie ein offenkundig unqualifizierter Immobilienhai die Geschicke der USA bestimmen durfte, was letztlich dazu führte, dass mehr Amerikaner der Pandemie zum Opfer fielen als dem Ersten Weltkrieg, dem Zweiten Weltkrieg und dem Vietnamkrieg zusammen. Und warum kämpfte sich Großbritannien weiter am Brexit ab – selbst schon ein bemerkenswerter Akt absichtlicher Selbstverletzung –, statt sich um die Pandemie zu kümmern? Weil die Raubzüge des Davos Man genug Abgehängte zurückgelassen hatten. Das Gleiche gilt für Frankreich, das von wilden Protesten erschüttert wurde, und sogar das ehemalige sozialdemokratische Musterland Schweden, wo heute der Hass auf Immigranten tobt.
Dabei hatte die Zukunft doch einmal so rosig ausgesehen! Es ist keine Generation her, da jubelten wir über das Ende des Klassenkampfes. Der Westen, angeführt von den allmächtigen Vereinigten Staaten, hatte den Kalten Krieg gewonnen, der Ostblock kollabierte in einem Hollywood-würdigen Finale. Als euphorische Ostdeutsche auf der Berliner Mauer tanzten, konnte jedermann sehen: Der Kommunismus war tot, es blieb nur der Kapitalismus als universal anerkanntes Wirtschaftssystem.
Berühmt wurde Francis Fukuyamas These vom »Ende der Geschichte« (1992), als würden künftig allein die Kräfte, die den Autoritarismus besiegt hatten – Redefreiheit, Freihandel, Demokratie, liberalisierte Märkte und ungebremster Konsumrausch – die gesellschaftliche Entwicklung bestimmen. Später erntete Fukuyama für seine akademisch verbrämte Dünnbrettbohrerei den verdienten Spott, als die USA nicht, wie von ihm vorausgesagt, auf alle Ewigkeit der Leuchtturm der Welt blieb. Dabei passte seine Analyse zur gängigen Meinung, dass die liberale Demokratie tatsächlich die höchste Stufe sozialer Organisation sei, mit garantierten Bürgerrechten und garantiertem Wohlstand, die einander stützten.
Doch es kam anders: Manche Demokratien – etwa in Indien, den Philippinen oder Ungarn – verkamen zu Instrumenten zur Verfolgung von Minderheiten oder wurden von Populisten gekapert, die nach unbegrenzter Macht strebten und den Liberalismus selbst angriffen. Wie konnte der Triumph der freien Märkte und der liberalen Demokratie, der doch ewig anhalten sollte, in Rechtspopulismus und Hass umschlagen? Und wie konnte eine tödliche Pandemie – jene Art Bedrohung, die früher vielleicht alle politischen Lager hätte zusammenrücken lassen – zu einer Gelegenheit für die Reichsten dieser Welt verkommen, sich die Taschen noch weiter zu füllen?
Denn genau das ist passiert. Der Davos Man erhob sich aus den Trümmern des Kalten Krieges, riss sich die Friedensdividende unter den Nagel und enthielt damit Regierungen ebenjene Ressourcen vor, die sie für ihre Arbeit im Dienst des Volkes gebraucht hätten. Die größten Gewinner der Globalisierung verwendeten ihre Profite, um die ultimative feindliche Übernahme zu finanzieren: Sie verschafften sich Zugang zu den Schalthebeln der Macht. Sie finanzierten willfährige Politiker und nutzten ihren Einfluss dann, um die wirtschaftlichen Spielregeln zu ihren Gunsten umzuschreiben. Sie dämonisierten die Politik als unfähig und inkompetent und priesen Privatisierungen als Allheilmittel. Die öffentliche Daseinsvorsorge wurde verscherbelt an profitorientierte Unternehmen.
Der Davos Man verkaufte Sparsamkeit als Tugend und zwang Regierungen zu Budgetkürzungen im Bildungsbereich, beim Wohnungsbau, im Gesundheitswesen. Das eingesparte Geld ließ er sich dann selbst auszahlen, in Form von Steuergeschenken. Unablässig trommelte der Davos Man, die reichsten Länder der Welt könnten sich kein öffentliches Gesundheitssystem leisten, keine kostenlose Bildung, keinen verlässlichen öffentlichen Verkehr. Unter seinem Einfluss entstanden internationale Handelsverträge, die wenigen Insidern sensationelle Gelegenheiten eröffneten –, den Gewinn daraus wollte er aber nicht mit dem Rest der Bevölkerung teilen. Er griff Gewerkschaften an, verlagerte Arbeitsplätze in Niedriglohnländer, drückte so die Löhne in den Industriestaaten, vernichtete Vollzeitstellen und bot anstelle dessen »Gigs« an, vorübergehende Arbeitsaufträge.
Der Davos Man fädelte die Deregulierung der Banken ein, die sich dann (kurz) dumm und dusslig verdienten – bis sie die Welt in eine gewaltige Finanzkrise stürzten. Dann riefen sie den Staat und ließen sich raushauen. Die Rechnung beglich der Steuerzahler. Gleichzeitig vergifteten sie den politischen Diskurs mit ihrer kosmischen Lüge: der hirnrissigen Behauptung, man müsse nur die Superreichen mit Steuergeschenken überhäufen, dann würden alle anderen auch reich, irgendwann.
In den ersten drei Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg profitierten breite Bevölkerungsschichten vom wirtschaftlichen Aufschwung. Doch seit das System vom Davos Man gekapert wurde, leben wir eigentlich nicht mehr in einem kapitalistischen System, sondern in einem Wohlfahrtsstaat zugunsten genau jener Menschen, die ihn am allerwenigsten bräuchten. Das aktuelle System ist ein Tanzplatz für Milliardäre, auf dem unvermeidbare Risiken auf den Steuerzahler abgewälzt werden, während persönliche Katastrophen wie Arbeitslosigkeit, Zwangsräumungen und der Verlust der Krankenversicherung als unvermeidliche Nebenwirkungen der freien Marktwirtschaft akzeptiert werden.
Die Zahlen zur extrem ungleichen Vermögensverteilung sind uns inzwischen vertraut, dennoch können sie noch immer verblüffen:
In den letzten vier Jahrzehnten ist das reichste 1 Prozent der Amerikaner insgesamt um 21 Billionen Dollar reicher geworden. Im gleichen Zeitraum sind die ärmsten 50 Prozent der Bevölkerung um 900 Milliarden Dollar ärmer geworden.
3
Seit 1978 sind die Managergehälter auf das Zehnfache geklettert, während die Löhne typischer amerikanischer Arbeiter keine 12 Prozent hochgingen.
4
Die zehn reichsten Menschen der Welt besitzen ein Vermögen, das dem Bruttoinlandsprodukt der 85 ärmsten Länder entspricht.
5
Der Umbau der Weltwirtschaft durch den Davos Man war nichts anderes als ein historisch einmaliger Akt von Diebstahl. Wäre das Einkommen der Amerikaner weiter so verteilt worden wie in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten, hätten die ärmsten 90 Prozent der Haushalte 47 Billionen Dollar mehr bekommen.6 Doch stattdessen ging dieses Vermögen an ein paar Tausend Menschen und machte sie unfassbar reich. Kein Wunder, dass die amerikanische Demokratie ins Wanken geriet. Und das war vor Covid-19.
Momentan sieht es aus, als würde die Weltwirtschaft nach der Pandemie noch stärker auf die Bedürfnisse des Davos Man zugeschnitten sein. Sobald die Hilfsprogramme der öffentlichen Hand auslaufen, werden viele Arbeitnehmerhaushalte sich in einer verzweifelten Notlage befinden: Sie werden ihre Ersparnisse aufgebraucht haben und daher dazu bereit sein, zu fast allen Bedingungen zu arbeiten. Entsprechend leicht werden sie auszubeuten sein, wodurch die Schere zwischen Arm und Reich noch weiter aufgehen wird.
Die Pandemie hat in den USA und in Europa viele kleine Unternehmen geschwächt, wodurch die großen Konzerne noch einmal stärker wurden. Viele kleine Unternehmen werden verschwinden, die mächtigen Konzerne werden die Wirtschaft immer mehr dominieren, was den Aktionären zugutekommen und die Position der Arbeitnehmer weiter schwächen wird.
Die Entwicklungsländer, in denen es an medizinischer Versorgung und oft am Nötigsten wie Trinkwasser fehlt, könnten noch weiter ins Hintertreffen geraten. Bis 2030 könnten bis zu einer Milliarde Menschen in Armut abrutschen. Gesellschaftliche Grabenkämpfe und wachsende Ungleichheit bereiten den Boden für Populisten, die Umverteilungen versprechen oder Hass und Fremdenangst schüren, um Wählerstimmen zu gewinnen.
Aber nichts von all dem ist unvermeidbar. Wie jede Krise bietet auch die Pandemie eine Chance für einen Aufbruch in eine bessere Zukunft. Wenn Historiker einst auf diesen Moment zurückblicken werden, sehen sie vielleicht einen Wendepunkt, jenen Moment, an dem die Konsequenzen der Ungleichheit so schlimm wurden, dass eine Abrechnung mit den strukturellen Defiziten der Weltwirtschaft folgen musste. Dieses Buch soll einen Anstoß dazu geben. Es beleuchtet, wie wir angesichts der zutiefst ungerechten Strukturen der Weltwirtschaft versuchen können, jenen Kapitalismus vergangener Tage wiederzubeleben, in dem Gesellschaften die Vorzüge der Marktwirtschaft nutzten – Innovationskraft, Dynamik, Wachstum –, die Gewinne daraus aber gerechter verteilten. Die Pandemie hat gezeigt, wie verwundbar die Weltwirtschaft ist, und das eröffnet der Allgemeinheit vielleicht die Chance, den Davos Man zu stoppen.
In den Vereinigten Staaten achtet die Regierung seit Joe Bidens Sieg über Donald Trump im November 2020 wieder stärker auf die Interessen von Arbeitslosen und allgemein allen Opfern der Wirtschaftsflaute. Für die neue Regierung arbeiten etliche Ökonomen, die sich schon ihr ganzes Arbeitsleben mit den Problemen der Arbeiterklasse beschäftigen. Biden schob rasch ein 1,9 Billionen Dollar schweres Hilfspaket für Durchschnittshaushalte an, verstärkte seine Versuche, die Monopolmacht von Tech-Giganten wie Amazon zu brechen, und startete eine Kampagne, Unternehmen und Superreiche stärker zu besteuern, um mit dem Geld Programme für alle anderen zu finanzieren.
Aber Biden verdankt seine Wahl auch den Spenden des Davos Man, dessen Interessen in den Rängen der Regierung bestens vertreten sind. Schnell räumte Biden mit der Vorstellung auf, er würde sich an die traditionellen zentristischen Selbstbeschränkungen halten, und überraschte noch die abgebrühtesten Beobachter Washingtons mit seiner Entschlossenheit, das wirtschaftliche Establishment herauszufordern. Biden nutzte den Budget-Prozess dafür, die amerikanische Wirtschaft erheblich umzuformen – auf eine Weise, die die jahrzehntelange Ausplünderung durch die Reichsten dieser Erde rückgängig machen könnte. Er initiierte eine internationale Kampagne zur Trockenlegung von Steueroasen und zur Festlegung einer weltweiten Mindestbesteuerung von Unternehmen. Er unterstützte von amerikanischer Seite die weltweite Kampagne, Patente auszusetzen, damit auch jene Länder an Impfstoffe gegen Covid-19 gelangten, die es sich nicht leisten konnten, dem Preisdiktat der Pharmaindustrie zu gehorchen.
Ob Biden mit seinen Initiativen durchkommt, steht aber in den Sternen. International sind schon viele Versuche gescheitert, Ungleichheit zu verringern – zu geschickt sind die Reichen darin, ihr Geld zur Wahrung ihrer Interessen einzusetzen. Milliardäre verfügen weiterhin über eine formidable Maschine zur Abwehr aller Versuche, die Regeln zu ändern. Geschickt geben sie vor, auf die gesellschaftliche Wut einzugehen, während sie in Wirklichkeit alles für den Erhalt einer Ordnung tun, in der ihre Interessen unantastbar sind.
Will man es mit dem Davos Man aufnehmen, muss man verstehen, wie er tickt. Betrachten Sie dieses Buch als geführte Safari durch das grenzenlose Revier des Davos Man. Wir werden fünf Musterexemplare beobachten – Bezos, Dimon, Benioff, Schwarzman und Fink –, und zwar insbesondere in den USA, in Großbritannien, Italien, Frankreich und Schweden. Meine Studie umfasst nicht die ganze Welt, sondern konzentriert sich bewusst auf die USA als größte Volkswirtschaft und Ursprungsland der liberalen demokratischen Ordnung (so wenig davon heute noch übrig ist), ihre wichtigsten Verbündeten nach dem Zweiten Weltkrieg sowie auf das sozialdemokratische Musterland Schweden. Längst haben es auch viele Chinesen, Inder und Brasilianer in die Milliardärsklasse geschafft. Manche von ihnen tauchen auch auf diesen Seiten auf, ebenso wie Normalsterbliche aus aller Welt: Arbeitsmigranten aus Bangladesch, afrikanische Einwanderer in Schweden, Wanderarbeiter in Argentinien, Stahlkocher in Illinois und Flüchtlinge aus Afghanistan.
Wir werden auch Kreaturen beobachten, die in Symbiose mit dem Davos Man leben und seine Vormachtstellung zu bewahren helfen: den Gründer des Forums Klaus Schwab, den amerikanischen Expräsidenten Bill Clinton, den französischen Präsidenten Emmanuel Macron, Trumps Finanzminister Steven Mnuchin, den Führer der Senatsfraktion der Republikaner Mitch McConnell und den ehemaligen britischen Schatzkanzler George Osborne, dessen Austeritätspolitik den Boden für den Brexit bereitete. All diese Figuren verhalfen dem Davos Man zu frischer Beute, von der sie auch ein paar saftige Happen abbekamen.
Wir werden uns ein paar Vorgänger des Davos Man ansehen, wie die amerikanischen Räuberbarone und italienische Magnaten, die die Kunst der Steuervermeidung auf die Spitze trieben. Und dann betrachten wir noch die invasive Art, die auf den Trümmern jener Verwüstung gedeiht, die der Davos Man im menschlichen Habitat anrichtet: Rechtspopulisten wie Italiens Matteo Salvini und Donald Trump, der gewählt wurde, weil er einen Angriff auf den Davos Man vortäuschte – während er in Wirklichkeit dessen Vorherrschaft ausbaute.
Ich werde darlegen, wie der Davos Man mehr als nur Reichtum und Macht erlangt hat. Selbst die Sprache, mit der wir zu beschreiben versuchen, was der Welt zugestoßen ist, hat er sich Untertan gemacht. Längst haben wir die Hoffnung auf große Veränderungen aufgegeben, denn der Davos Man hat uns erfolgreich weisgemacht, wir könnten uns Veränderungen gar nicht leisten. Der Davos Man erzählt seine Geschichte als Narrativ menschlichen Fortschritts; alle Versuche, ihn zum Teilen zu zwingen, stellt er als Angriff auf die Freiheit selbst dar. Er nutzt die Mechanismen der Demokratie, um den Kern der Demokratie auszuhöhlen.
Dieser Hang, die Reichen und Mächtigen zu bewundern und beinahe göttlich zu verehren, und Personen in ärmlichen und niedrigen Verhältnissen zu verachten … ist zugleich auch die größte und allgemeinste Ursache der Verfälschung unserer ethischen Gefühle.
ADAM SMITH, THEORIE DER ETHISCHEN GEFÜHLE,1. TEIL, 3. ABSCHNITT, KAPITEL 3
Meiner Ansicht nach geschieht es öfter, dass die Freiheiten des Volkes von den Mächtigen schleichend beschnitten werden, und seltener, dass sie plötzlich und gewaltsam geraubt werden.
JAMES MADISON, REDE AUF DEM VERFASSUNGSKONVENTDER VEREINIGTEN STAATEN 1787
Der Davos Man in seinem natürlichen Habitat
Januar 2017
Wenige Tage vor Donald Trumps Vereidigung als Präsident der USA fiel eine Horde Ultrareicher in ein Dorf hoch oben in den schneebedeckten Bergen der Schweizer Alpen ein. Doch als sie sich, viele gerade erst ihren Privatjets entstiegen, dem Kongresszentrum im Zentrum von Davos näherten, gelangten sie an ein Hindernis, das ihre gewohnte Bewegungsfreiheit einschränkte: eine Sicherheitsschleuse. Eric Schmidt, der ehemalige Executive Chairman von Google, musste sein Android-Handy scannen lassen. Jack Ma, dessen chinesischer E-Commerce-Konzern Alibaba ihn etwa 22 Milliarden Dollar schwer gemacht hatte, musste seine Taschen leeren, bevor er in den Gebäudekomplex gelassen wurde. Michael Dell, dessen Unternehmen einst die Laptops revolutioniert hatte, musste sein Gerät auf einem Band durch ein Röntgengerät fahren lassen, wie der Pöbel, der in der Economy Class nach Mallorca fliegt. Jamie Dimon, der Chef von JPMorgan Chase, deren toxische Investitionen vor der letzten Krise von den Aufsichtsbehörden kaum kontrolliert worden waren, musste sich der obligatorischen Inspektion seines Mantels fügen.
Wie jedes Jahr versammelte dieser überaus privilegierte Bruchteil der Menschheit sich zu einem fünftägigen Treffen namens Weltwirtschaftsforum. Das Forum wird nominell von einer gemeinnützigen Organisation veranstaltet und gilt schon seit Langem als Pflichttermin für alle Megareichen und solche, die es werden wollen.
In dem halben Jahrhundert seines Bestehens ist das Forum zum unverzichtbaren Stopp auf den Wanderpfaden der globalen Elite geworden – Konzernlenker, Staatschefs, Unternehmensberater, Risikokapitalgeber, Hedgefondsmanager und in der Öffentlichkeit stehende Intellektuelle. Dazu gesellten sich eine Handvoll Hollywoodstars, Musiker und Künstler, allesamt umschwirrt von Akademikern, Aktivisten und Journalistenhorden. Jeden Januar fallen etwa 3.000 Menschen in den Ort ein, verstopfen alles und verdrängen die normalerweise vorherrschenden Skifahrer. Tagsüber laufen im Kongresszentrum die ernsthaften Veranstaltungen zum Klimawandel oder zur Zukunft der Arbeit, später geht es dann weiter zu Dinners und Cocktailpartys, die in den umliegenden Hotels von weltweit agierenden Banken und Tech-Giganten ausgerichtet werden.
2017 musste der Davos Man mit ungewohnten Gefühlen ringen – vielleicht beschlich ihn nicht direkt Angst, wohl aber ein Hauch von Sorge, dass all die übrigen Menschen auf dieser Erde sich zunehmend fragen könnten, ob der Davos Man seinen Status wirklich verdiente. Was fast zwei Jahrzehnte vorher als ungeordnete Bewegung gegen die Globalisierung begonnen hatte, in Form wüster Kundgebungen junger Leute gegen die Welthandelsorganisation WTO, hatte sich zu einer generationenübergreifenden Revolte gegen das Establishment in Nah und Fern ausgeweitet.
Trump war die offenkundigste Manifestation dieses Protests. Obschon die Milliardäre in Davos heimlich sabberten, weil einer der ihren – oder zumindest jemand, der im Fernsehen einst einen der ihren gespielt hatte – an der Spitze der amerikanischen Demokratie stand, was ihren Reichtum nur noch mehr zu steigern versprach, war ihnen doch bewusst, dass sein Aufstieg den öffentlichen Zorn über die aktuelle Lage widerspiegelte: Dass nämlich eine gefräßige Bande sich alle Globalisierungsgewinne geschnappt hatte, während der Rest der Welt ärmer wurde und sich vor der Zukunft fürchtete.
Die Vereinigten Statten waren die maßgeblichen Architekten der liberaldemokratischen Nachkriegsordnung, die für den Davos Man so hervorragend funktioniert hatte. Effektiv hatte die amerikanische Wählerschaft für eine Zerstörung des Status quo gestimmt, als sie die Präsidentschaft einem Reality-Fernsehstar anvertraute, der bekanntermaßen Frauen begrapschte, weißen Rassisten applaudierte, schon mehrmals bankrottgegangen war und für internationale Abkommen und Handelsverträge nur Verachtung übrig hatte. Trump hatte versprochen, die Globalisierung zurückzudrehen und so Rache zu üben für die Marginalisierung des wütenden, abgehängten weißen Mannes im Zentrum Amerikas.
Die Menschen, auf die es in Davos hauptsächlich ankam – Konzernlenker und Finanzakrobaten –, durchschauten Trumps nationalistisches Gepolter als politische Scharade und freuten sich auf die Steuererleichterungen und anderen Wohltaten, die unter seiner Präsidentschaft zu erwarten waren. Dennoch zeigten sie sich leicht verunsichert, denn wer konnte schon sagen, welche Folgen der Aufstand der Wütenden, die die Reichen für ihre Nöte verantwortlich machten, noch haben würde? Das könnte durchaus unbequem werden.
Großbritannien steckte seit sechs Monaten im Scheidungskrieg mit der EU. Der Brexit, wie der verblüffende Vorgang genannt wurde, stellte einen weiteren Angriff auf die Weltwirtschaft und die ganze liberaldemokratische Ordnung dar. Etliche jener Kräfte, die Donald Trump ins Weiße Haus gespült hatten, wirkten auch am Brexit mit. Angesichts dieser Entwicklungen warnten die Organisatoren gleich zu Beginn des Forums vor den drohenden Folgen wachsender wirtschaftlicher Ungleichheit. Denn die Fakten über den Triumph des Davos Man lagen ja offenkundig zutage.
Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der CEO einer typischen amerikanischen Aktiengesellschaft zwanzigmal so viel verdient wie der Durchschnittsarbeiter. Seitdem war die Schere aber immer schneller aufgegangen; mittlerweile kassierte ein Chef das 278-Fache dessen, was ein durchschnittlicher Mitarbeiter verdiente.7 Und Steuergesetze, die der Davos Man sich zu seinen Gunsten zurechtschneidern ließ, vergrößerten die Kluft noch mehr.
Zwei Ökonomen der Universität von Kalifornien in Berkeley, Emmanuel Saez und Gabriel Zucman, haben all die Steuern berechnet, die Amerikaner entrichteten, von Einkommenssteuern in Bund, Ländern und Gemeinden über Mehrwert- bis hin zu Kapitalertragsteuern. Ihnen zufolge war der effektive Steuersatz für die reichsten 400 Amerikaner, deren Durchschnittsvermögen bei 6,7 Milliarden Dollar lag, seit 1962 auf weniger als die Hälfte gefallen, von 54 Prozent auf 23 Prozent. Im gleichen Zeitraum stieg die Steuerbelastung der unterdurchschnittlich Verdienenden (Jahreseinkommen bis 18.500 Dollar) von 22,5 Prozent auf 24 Prozent.8 Die Bewohner der Chefetagen gaben also einen kleineren Anteil ihres Einkommens an den Fiskus ab als diejenigen, die ihre marmornen Privattoiletten putzten.
In Großbritannien verdiente der Durchschnittsarbeiter weniger, als er ein Jahrzehnt zuvor verdient hatte.9
In jenem Jahr lautete das offizielle Motto des Forums »Responsive and Responsible Leadership« (Zugängliche und verantwortungsvolle Führung). Hatte der Davos Man etwa gemerkt, dass seine Neigung, das System zu seinen Gunsten zu manipulieren, Zorn verursachte? Es gab Sitzungen zu den Themen »Das Ende der Korruption«, »Das Ende der Managerentlohnung« und »Inklusives Wachstum«. Sheryl Sandberg, COO bei Facebook – jener sozialen Plattform, deren Algorithmen und Gier nach immer mehr Werbeeinnahmen sie zu einem Tummelplatz von Fake News gemacht hatten, wodurch die Wut im Land noch weiter angefacht wurde –, sollte an einer Podiumsdiskussion zum Thema »Ein positives Narrativ für die globale Gemeinschaft« teilnehmen.
Selbstkritik liegt dem Davos Man nicht, besonders dann nicht, wenn sie seine Profite bedroht. Vor allem ärgerte er sich 2017, dass Ungleichheit überhaupt ein Thema war – schließlich kollidierte das mit seiner Lieblingsmär, wonach alle glücklich leben würden, solange nur jeder ungehindert nach Wohlstand streben dürfe.
Der Davos Man tat ja gerne so, als setze er all seinen Verstand und all sein Mitgefühl daran, die großen Krisen unserer Zeit zu lösen. Er mag sich in sein Chalet in Jackson Hole oder auf seine Jacht vor Mykonos zurückgezogen haben, aber dort beschäftigte er sich mit nichts weniger als der Rettung der Menschheit vor den Verwüstungen durch den Klimawandel.
Und jetzt war er hier, nachdem er jährlich mehrere Hunderttausend Dollar für die Mitgliedschaft im Forum bezahlt hatte und weitere 27.000 Dollar pro Nase für die Teilnahme am Treffen, posierte mit Bono für Fotos, gratulierte Bill Gates zu den Erfolgen seiner Stiftung, twitterte inspirierende Zitate von Deepak Chopra und fand zwischendrin noch Zeit, den Verwalter des Staatsvermögens von Abu Dhabi zur Seite zu nehmen, um ihm eine Beteiligung an seiner Luxusgut-Mall in Singapur anzubieten.
2017 war ich schon zum siebten Mal als Journalist in Davos, fühlte mich aber noch immer fehl am Platze. Im bisherigen Verlauf meiner Karriere – als Freelancer in Südostasien, als Reporter in Alaska, als Schanghai-Korrespondent für die Washington Post und als Wirtschaftsredakteur der New York Times – hatte ich vornehmlich von Menschen berichtet, die unter den Raubzügen des Davos Man gelitten hatten. Ich hatte über Familien in Florida und Kalifornien geschrieben, denen das Dach über dem Kopf weggepfändet wurde, über Arbeiter in Ohio und England, deren Löhne gesunken waren, über landlose Arbeiter, die unter den feudalen Systemen Indiens und der Philippinen litten. Normalerweise berichtete ich von Orten, wo CEOs misstrauisch beäugt werden – was für ein Kontrast zu Davos, wo milliardenschwere Firmenlenker sich von dienstfertigen Journalisten als menschenfreundliche Makler des Fortschritts feiern ließen.
2010 trug mir die Huffington Post die Leitung ihres Ressorts für Wissenschaft und Technik an. Damals schien es, als würden Internetmedien die herkömmlichen Medien bald in den Schatten stellen. Die Gründerin, Arianna Huffington, tummelte sich gern unter Milliardären; vielleicht würden die ja ihre nächste Unternehmung finanzieren. Sie nahm mich nach Davos mit, um mit mir als Trophäe zu protzen: Schaut her, jetzt wandern schon die besten oldschool Zeitungsleute von der Times zu den Internetmedien ab.
2014 wechselte ich als weltweiter Chefredakteur zu einer weiteren digitalen Neugründung. Schon aus Imagegründen für die Marke musste ich mich weiter in Davos blicken lassen. Und nachdem ich 2016 zur Times zurückgekehrt war und von London aus als Wirtschaftskorrespondent um die Welt jettete, besuchte ich das Forum zähneknirschend weiter, einfach weil es sich aus journalistischer Sicht lohnte. Nicht alles dort war eitles Radschlagen und Selbstbeweihräucherung, man traf auch Insider – mögliche Quellen –, die engstens vertraut waren mit wirklich wichtigen Vorgängen.
Wenn man bereit war, gegen die Etikette zu verstoßen und hartnäckig nachzufragen, konnte man wertvolle Dinge erfahren, allerdings oft nur im Vertrauen. Ich erkundigte mich beim irakischen Präsidenten über die Zukunft von ISIS und bedrängte Zentralbanker und Finanzminister mit Fragen zur Wirtschaftspolitik. Ich bekam Jamie Dimon zu fassen und entlockte ihm sein Lamento über die Steuergesetze. Bei einem Abendessen verriet mir Peter Gabriel, dass er mit Affen musizierte.
Vor allem aber genoss ich das Spektakel, ebenso schockiert wie gebannt. Der Kontrast zwischen dem noblen Anstrich des Forums und der vulgären Wirklichkeit war surreal. Ich sah Milliardäre, die sich einer »Flüchtlingsexperience« unterzogen, sich mit verbundenen Augen herumführen und von wütenden »Beamten« anblaffen ließen, wo ihre Papiere seien, und sich hinterher auf Abendeinladungen globaler Banken Trüffel zu Gemüte führten. Vor einem Konferenzraum, in dem über Menschenhandel diskutiert wurde, beobachtete ich zwei Risikokapitalgeber, die sich mit Fistbumps dazu gratulierten, zum Trinkgelage eines russischen Oligarchen eingeladen worden zu sein, der Prostituierte aus Moskau einfliegen ließ. Manager von Pharmakonzernen begannen ihren Tag mit Meditation unter der Anleitung von Achtsamkeitsguru Jon Kabat-Zinn. Danach besprachen sie hinter verschlossenen Türen die nächste Fusion zum Zwecke einer Erhöhung von Arzneimittelpreisen.
In Davos herrschte eine lose, informelle Hierarchie. Die ranghöchsten Davos Men wie Schwarzman und Fink ließen sich nur selten im Trubel des Kongresszentrums blicken, wo die Podiumsdiskussionen liefen. Lieber blieben sie in den exklusiven Lounges für Konzernlenker oder in ihren Privatsuiten der örtlichen Hotels. Gelegentlich schoben sich Staatsoberhäupter mit ihrem Tross durch das Gebäude.
Rangniedrigere Davos Men – Konzernmanager und Investmentbanker, deren Nettovermögen sich nur auf zig Millionen Dollar belief – blieben eher untereinander, trafen sich in Hotellobbys mit Journalisten oder erschienen auf Cocktailpartys, die von Unternehmensberatungen und Wirtschaftsprüfungsunternehmen ausgerichtet wurden. Finanz- und Handelsminister aus Europa, Australien und Lateinamerika drängten sich in Gängen, umgeben von Ökonomen, Managern und Journalisten. Prominente Publizisten und Intellektuelle streiften herum. Die Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Stiglitz und Robert Shiller gehörten zu den Stammgästen. Zahlreich vertreten waren auch ehemalige Regierungsmitglieder, die jetzt Lobbyarbeit betrieben und Davos als wichtigen Ort zum Netzwerken nutzten. Al Gore war irgendwie allgegenwärtig.
Das Fußvolk der Veranstaltung – übermüdete Journalisten, bebrillte Akademiker, nervöse Jungunternehmer, die unermüdlich ihre Start-ups anpriesen, die eifrigen Mitarbeiter des diplomatischen Korps sowie Menschenrechts- und Umweltaktivisten – traf man normalerweise in den Tiefen des Kongresszentrums an, in Loungebereichen außerhalb der Tagungsräume, wo die Stühle unbequem und hässlich braun überzogen waren. Einige standen aufmerksam herum und spähten in einer Erwachsenenversion der Reise nach Jerusalem nach freiwerdenden Steckdosen, um ihr Handy zu laden. Wir Journalisten sahen uns ständig nach Menschen um, die etwas Interessantes zu sagen hatten, und löschten nebenher Hunderte E-Mails übereifriger PR-Abteilungen, wir sollten doch dringend mal mit diesem risikokapitalfinanzierten Start-up sprechen, das einen Weg gefunden habe, unser Traumleben an Werbetreibende zu verkaufen, oder jenes, das Haute-Couture-Kleider aus wiederverwendeten Chipstüten schneiderte und die Erlöse Flüchtlingskindern spendete.
Jeder linste auf die Plastikausweise der anderen, die nützlicherweise farbcodiert waren: Weiß für normale Teilnehmer, Platin für hochrangige Regierungsvertreter und Orange für gewöhnliche Pressevertreter, die bei vielen Veranstaltungen draußen bleiben mussten und in ein spartanisches Pressezelt gepfercht wurden, was ihren geringen Status weiter unterstrich. Mein weißer Ausweis verschaffte mir die Freiheit, nach Belieben umherzuspazieren, alle Veranstaltungen zu besuchen, andere Teilnehmer jederzeit anzusprechen oder mich strategisch günstig so hinzustellen, dass ich die Unterhaltungen zwischen Davos Men belauschen konnte. Ich war ein Outsider mit Insider-Privilegien. Gelegentlich ließ sich kurz ein Master of the Universe blicken, kenntlich an seinem Ausweis mit Hologramm, seinem besonders elegant geschnittenen Anzug und seiner Eile. Dann fühlten wir uns, als hätten wir ein Einhorn gesichtet. Wir Normalsterblichen fragten uns, welche kosmisch wichtigen Türen diese Ausweise wohl öffneten.
Die Mehrzahl der Teilnehmer von Davos spürte bestimmt, dass sie nicht mitbekam, was wirklich ablief. Ständig litten sie unter der Vorstellung, irgendwo anders würden besser vernetzte Menschen interessantere Dinge erleben. Ständig überflogen wir die Masse der gesichtslosen Drohnen, auf der Suche nach wirklich wichtigen Menschen, die wussten, was abging. Oder wir studierten die Gesichtsausdrücke unserer Umgebung, um in Erfahrung zu bringen, ob jemand anderes jemand Wichtigen erspäht hätte. Oder wenigstens einen Promi – dieses Jahr liefen Matt Damon und Forest Whitaker herum. Bei alledem musste man achtgeben, dass man nicht vom Sicherheitstross durchrauschender Regierungschefs wie dem des israelischen Premiers Bibi Netanjahu plattgewalzt wurde.
An meinem ersten Abend vor Ort stellte ich meinen Koffer in einer angemieteten Wohnung ab und stapfte durch den Schnee zum Hotel Belvedere, einer säulenverzierten weißen Festung, die die Hauptstraße beherrschte. Ich war zu einem »Executive Dinner Forum« geladen, einem Abendessen für Manager also, auf dem über Widerstände gegen die Globalisierung gesprochen wurde. Das Ereignis wurde von der Financial Times ausgerichtet, jener lachsfarbenen Zeitung, die zur Pflichtlektüre des globetrottenden Stamms gehört, und Wipro, einer indischen Consultingfirma. Laut Tagesordnung sollte erörtert werden, wie angemessen auf die »turbulente Mischung aus Unsicherheit und Komplexität« zu reagieren wäre, die die Weltwirtschaft in Unruhe versetzte.
Davos Men, die in der Hoffnung hingingen, das Problem werde sich schon in Wohlgefallen auflösen, wurden herb enttäuscht. Ian Goldin, ein Professor für Globalisierung an der Universität Oxford, warnte die Zuhörer, sie setzten all die wichtigen Vorzüge der modernen Wirtschaftsordnung aufs Spiel – die engmaschige Vernetzung, den Komfort und den technischen Fortschritt –, die die Menschheit aus Krankheit, Armut, Ignoranz und Langeweile befreit hatten. »Die Menschen hatten es nie besser als heute, und trotzdem blasen wir Trübsal«, sagte Goldin. »So viele Menschen fürchten sich. So viele Menschen finden, sie lebten in außergewöhnlich gefährlichen Zeiten.«
Goldin war Mitautor eines hellsichtigen Buchs, das vor einer speziellen Bedrohung für die gesamte Weltwirtschaft warnte: einer Pandemie, die sämtliche Lieferketten unterbrach.10 Die Menschheit war so vom weltumspannenden Gütertransport abhängig geworden, dass eine lokale Störung sich rasch über den ganzen Globus ausweiten könnte. Die großen Unternehmen hatten alles darangesetzt, schlank zu bleiben, Kosten zu sparen und die Aktionäre zu mästen, weshalb kaum mehr finanzieller Spielraum übrig blieb für den Fall eines solchen Szenarios.
Goldin sprach noch eine ganze Reihe weiterer alarmierender Entwicklungen an, etwa Trumps Plan, aus dem Pariser Abkommen zum Klimaschutz auszusteigen, oder den Brexit, der die Europäische Union zu spalten drohte. »Man kann sich aus unserer hochgradig vernetzten Welt nicht einfach ausklinken«, warnte Goldin. »Die Vorstellung, wir könnten unsere Zukunft frei bestimmen, als lebten wir auf einer Insel, ist illusorisch, selbst für Giganten wie die USA.«
All das gehörte längst zu den Gemeinplätzen zur Globalisierung. Doch dann kam Goldin zum für den Davos Man heiklen Teil: Er würde Opfer bringen müssen, oder der Welt drohe eine Wiederholung der Renaissance. Diese gefeierte Epoche außerordentlicher wissenschaftlicher Fortschritte, enormen wirtschaftlichen Wachstums und künstlerischer Kreativität endete nämlich in einer Revolution. Die Goldverzierungen der Kathedralen in der Toskana mögen uns noch heute beeindrucken, aber sie trugen damals nichts dazu bei, das Los der Bauern zu verbessern. Die Gewürze, die in den Mittelmeerhäfen aus Asien ankamen, standen im Zentrum eines lukrativen Welthandels, waren für die meisten Menschen aber unerschwinglich teuer. Im 18. Jahrhundert erhob sich dann ein wütender Mob gegen die Herrscher von Florenz, die Medici, und jagte sie davon. »Wir sollten diese Lehren aus der Geschichte beherzigen«, schloss Goldin. »Mit unseren Entscheidungen müssen wir dafür sorgen, dass die Globalisierung nachhaltig wird, dass wir die hartnäckigen Probleme lösen, die die Menschen bewegen.«
Auf der anschließenden Podiumsdiskussion stellte sich rasch heraus, dass der Davos Man keine besondere Lust hatte, Opfer zu bringen. Abidali Neemuchwala, der Chef von Wipro, gab von Arbeitslosigkeit bedrohten Beschäftigten den Rat, sich fortzubilden: »Menschen müssen selbst die Verantwortung dafür übernehmen, sich unablässig weiterzubilden.« Meine Ex-Chefin, Arianna Huntington, hatte gerade eine Wellness-Site aufgezogen, mit der sie auf massenhaft Werbeeinnahmen von Wellness-Resorts hoffte. Auch sie wusste ein Gegengift für die Zumutungen des Kapitalismus: weichere Kissen, mehr Schlaf und Meditation.
Die nächsten Tage verbrachte ich damit, Vorschläge einzuholen, wie sich die Ungleichheit verringern ließe. Auf einer Podiumsdiskussion im Konferenzzentrum riet Ray Dalio, der Gründer der amerikanischen Investmentfirma Bridgewater Associates: Am meisten würde es der Mittelklasse nützen, wenn »ein günstiges Umfeld zum Geldverdienen geschaffen« würde. Damit implizierte er, dass das gegenwärtige Umfeld die Menschen irgendwie daran hindere, reich zu werden. Eine merkwürdige Aussage für einen Menschen mit einem Nettovermögen von knapp 19 Milliarden Dollar! Dalio behauptete, Deregulierungen würden die »Lebensgeister« der Menschen wecken.
Auf einer Talkrunde mit dem Titel »Wie wir uns auf die vierte industrielle Revolution vorbereiten« mokierte sich der indische Magnat Mukesh Ambani über die Vorstellung, Regierungen sollten Armut bekämpfen, indem sie den Reichen etwas nahmen und es den Armen gaben. Ambani war Vorstandsvorsitzender des petrochemischen Konzerns Reliance Industries und galt als reichster Mensch Asiens, mit einem Nettovermögen von 73 Milliarden Dollar.11 Sein Vorschlag zur Bekämpfung von Armut bestand darin, über technologischen Fortschritt neue Formen der Kreditvergabe zu schaffen. »Nutzt den freien Markt, um Wohlstand zu schaffen!«, forderte er.
Marc Benioff, der zu seiner Linken saß, horchte auf. Dank einer Software, die Unternehmen erlaubte, Kundendetails zu verfolgen und Hinweise auf zukünftige Käufe zu erhalten, war sein Unternehmen Salesforce zu einem Giganten geworden. »Künstliche Intelligenz lässt digitale Flüchtlinge entstehen«, erklärte Benioff. »Menschen werden ihre Jobs verlieren, zig Millionen weltweit, weil die Technik sich so schnell weiterentwickelt. Es entstehen Arbeitsumgebungen mit erheblich geringeren Kosten, einfacherer Bedienbarkeit und größerer Leistungsfähigkeit.«
Zu den Akteuren, die »leistungsfähigere Arbeitsumgebungen« schufen, gehörte Salesforce selbst. Im Werbematerial des Unternehmens wurden die Kernelemente der Software aufgezählt: »personalisiertere Ansprache dank Automatisierung« und »Chatbots und anderweitig automatisierter Nachrichtenverkehr«.12 Doch bei dieser Diskussionsrunde präsentierte Benioff sich als besorgter Bürger, nicht als der milliardenschwere Chef eines Unternehmens, das seine Profite daraus bezog, dass es Arbeitskräfte überflüssig machte. »Kämpfen wir mit aller Kraft für einen Erhalt und eine Verbesserung des Status quo auf der Welt? Oder lassen wir den Dingen einfach ihren Lauf?«, fragte er.
Glücklicherweise ließ die Moderatorin, Ngaire Woods (Dekanin von Oxfords Blavatnik School of Government), diesen Satz nicht einfach als Lippenbekenntnis des Davos Man stehen. »Sie haben gerade ein Bild gezeichnet, in dem Hunderte Millionen Menschen ihren Job verlieren«, sagte sie. »Was sollten Führungskräfte Ihrer Ansicht nach tun?«
Benioff, selbst ein Kurator des Forums, griff tief in das Schatzkästlein der Davoser Phrasen: »Wir müssen wirklich bedacht sein und anfangen, ernsthaft darüber zu sprechen … Wir brauchen wirklich Dialoge zwischen allen Stakeholdern.«
Die Veranstaltung, auf der er sprach, war ihrerseits schon als sehr ernsthafter Dialog angekündigt worden. Doch als Lösung für das Problem, dass sein eigenes Unternehmen unzählige Jobs zu vernichten drohte, wusste er offenbar nichts Besseres als noch mehr Gespräche. Aber nicht nur irgendwelche Gespräche, sondern welche zwischen allen Stakeholdern.
Das Wort Stakeholder ist für den Davos Man ein Talisman. Wer es verwendet, beweist damit edle Gesinnung, er zeigt, dass er sich um höhere Dinge sorgt als die schnöde Bereicherung von Aktionären. Nein, er fühlt mit seinen Mitarbeitern und deren Kindern. Er sorgt sich um die Lebensqualität der Menschen da unten, im Schatten jener Wolkenkratzer, in denen sein Hauptquartier liegt. Ihm wäre auch lieber, wenn Eisbären nicht den Hitzetod sterben würden und Obdachlose irgendwo untergebracht werden könnten.
Zu diesem Thema hat Benioff buchstäblich das Handbuch geschrieben: Compassionate Capitalism: How Corporations Can Make Doing Good an Integral Part of Doing Well (auf Deutsch etwa: Mitfühlender Kapitalismus: Wie es Unternehmen schaffen, dass Gutes zu tun zum integralen Teil davon wird, gut zu verdienen.).13 Es ist schon ironisch, dass ausgerechnet Benioff zum führenden Vertreter dieser Idee wurde, wo er doch gern Larry Ellison, den Gründer des Softwaregiganten Oracle, als seinen Mentor nennt. Ellison hält nämlich überhaupt nichts von der Idee, wonach Geschäfte irgendetwas anderem dienen könnten als dem Geldverdienen. Noch zu Dotcom-Zeiten täuschte Ellison einmal während eines Interviews mit meinem Kollegen Mark Leibovich einen Würgeanfall vor und machte sich dann über Tech-CEOs lustig, die ihre Unternehmungen als moralische Kreuzzüge verkauften. Theatralisch flötete Ellison: »Wir hier bei Oracle schreiben Software, damit irgendwann Kinder diese Software benutzen, denn wir wollen nicht, dass irgendein Kind zurückgelassen wird. Ich möchte die Welt doch nur zu einem besseren Ort machen.« Dann machte er wieder Würgegeräusche.14
Mit seinem Sarkasmus meinte Ellison Menschen wie Marc Benioff, die gleichzeitig Geschäftsleute und Propheten sein wollen. »Ich habe immer geglaubt, dass Technologie das Potenzial hat, die Welt auf wunderbare Weise flach zu machen, eine diversere, vertrauensvolle und inklusive Gesellschaft zu schaffen und gleichzeitig Milliarden Menschen ungeahnte Möglichkeiten zu eröffnen«, schrieb er in seinen Memoiren, dessen Titel die Philosophie des Davos Man perfekt wiedergibt: Trailblazer: The Power of Business as the Greatest Platform for Change (auf Deutsch etwa: Pionier: Unternehmen als die größte Plattform für Veränderungen).15
Benioff ist ein Apostel des Davoser Credos, und in der Welt der Technologie fehlt es ihm nicht an Jüngern – einem inzwischen schon zum Klischee gewordenen Haufen bohèmehafter Mystiker und gnadenloser Unternehmer. Dieser Glaube verbindet die Risikokapitalgeber von der Sand Hill Road mit den halbnackten Horden vom Burning-Man-Festival. »Ich hatte das große Glück, mehreren Menschen zu begegnen, die ich als Gurus bezeichnen würde«, erklärte Benioff einmal. »Wahrscheinlich nennt niemand außer mir Larry Ellison, den Dalai Lama und Neil Young in einem Satz.«16
Benioff, ein Fan von Hawaiihemden, zelebriert öffentlich das Konzept von ohana, einem hawaiianischen Begriff, der sich in etwa mit »Familie« übersetzen lässt und der angeblich das zentrale Organisationsprinzip bei Salesforce ist – ein Gefühl der Verbundenheit, das die zigtausend Beschäftigten dort zusammenhält. »Wir lieben es, als eine ohana zusammen zu sein«, diese Phrase schwang er gerne bei Telefonkonferenzen mit Aktienanalysten von der Wall Street. Auf Einkehrtagen in Hawaii führte er seine Spitzenmanager ein paar Schritte ins Meer, wo sie die Füße in den Sand graben, sich die Hände geben und gemeinsam einen Segen sprechen sollten. In diesem Jahr schmiss Benioff in einem Nachtklub eine Party mit dem Thema Hawaii, auf der die Black Eyed Peas auftraten.
Der 1,96 Meter große Benioff schlenderte durch das ohana-Stockwerk der Salesforce-Zentrale, mit 61 Stockwerken das höchste Gebäude der Stadt, begleitet von seinem Golden Retriever, der den Titel Chief Love Officer trug.17 Benioff schwärmte von Dreamforce, dem viertägigen Salesforce-Treffen, das ursprünglich einmal zur Präsentation neuer Produkte gedient hatte, inzwischen aber zu einem Mini-Davos in der Bucht von San Francisco geworden war, mit Konzerten von Stevie Wonder und U2 und von buddhistischen Mönchen geleiteten Meditationssitzungen. »Es bietet vier Tage lang Gelegenheit, großen Ideen nachzuspüren und bessere Seiten unseres Ichs zu zeigen«, schrieb er in seinen Memoiren.18
Benioffs Vater hatte eine Kette von Modehäusern in der Bay Area San Franciscos besessen. Als Kind fuhr Benioff im Buick der Familie mit, wenn sein Vater Stoffrollen und fertige Kleider zwischen seinen sechs Läden hin und her fuhr. »Während dieser endlosen Wochenenden im Kombi wurde mir der Arbeitseifer und die unerschütterliche Rechtschaffenheit meines Vaters so richtig bewusst. Weder in der Buchhaltung noch beim Inventar gab es die geringsten Tricksereien«, schrieb Benioff.19 Ihm fiel aber auch auf, wie nachlässig sein Vater mit Informationen umging – was sich wo am besten verkaufte, welcher Stoff wann gebraucht wurde. Sein Vater führte die Bücher noch per Hand, eine Arbeit, die er bis spät nachts am Küchentisch erledigte.20
Schon als Teenager nahm Benioff Computer auseinander und bastelte selbst welche zusammen Er brachte sich selbst das Programmieren bei und produzierte seine eigenen Videospiele. Dann überredete er seinen Vater, sich von ihm eine Kundendatenbank schreiben zu lassen. Das waren die Anfänge eines Softwareunternehmens, das später zum Marktführer in der Nische des Customer-Relationship-Management und mehr als 200 Milliarden Dollar wert werden sollte. Damit entsprach die Gründungsgeschichte voll und ganz dem Silicon-Valley-Mythos: Technikfuzzi erkennt ein Problem, entwickelt eine Lösung, wird stinkreich, und Ende. Doch Benioff tat so, als sei das Geldverdienen nur ein Nebeneffekt, wo es ihm doch hauptsächlich darum gehe, der Welt etwas Gutes zu tun.
Direkt nach seinem Studium an der University of Southern California heuerte Benioff bei Oracle an. Keine vier Jahre später, gerade mal 26 Jahre alt, wurde er einer der Vice Presidents.21 Mit seinem Boss, Larry Ellison, verband ihn eine enge Beziehung; Benioff segelte sogar auf Ellisons Jacht durch das Mittelmeer.22 Doch dann verließ Benioff urplötzlich jeglicher Antrieb und er nahm eine dreimonatige Auszeit. In Südindien traf er Mata Amritanandamayi, bekannt als »hugging saint« oder »umarmende Heilige«.23
Jahre später schilderte Benioff die Begegnung so: Er habe ihr von seinen geschäftlichen Interessen erzählt und wie sie »irgendwie mit der existenziellen Verwirrung zusammenzuhängen« schienen, die ihn damals erfasst hatte. Durch den dicken Nebel der Räucherkerzen hindurch habe sie ihn aufmerksam gemustert und dann erklärt: »Vergiss bei deiner Suche nach Erfolg und Reichtum nicht, etwas für andere zu tun.«24 Das, schrieb Benioff später, habe Salesforce geprägt. Schon bei der Gründung 1999 gelobte er, das Unternehmen werde 1 Prozent seines Kapitals und seiner Produkte für wohltätige Zwecke spenden und Beschäftigte ermuntern, 1 Prozent ihrer Arbeitszeit für das Gemeinwohl zu einzusetzen. Regelmäßig halfen Salesforce-Angestellte unentgeltlich in Schulen, bei Lebensmitteltafeln und in Krankenhäusern mit. Nach dem Hurrikan Katrina leisteten sie Katastrophenhilfe; selbst in den Ebenen Tibets halfen sie in Flüchtlingscamps.
»Es gibt nur sehr wenige Unternehmen, die sich in diesem Umfang einbringen«, erklärte Benioff mir. »Als anderes Beispiel kenne ich nur den Eiskremhersteller Ben und Jerry’s Eiskrem.« Dabei kicherte er, als amüsierte ihn der Vergleich zu den alternden Hippies aus Vermont, die der Welt Cherry-Garcia-Eis geschenkt hatten. »In unserer Branche haben die meisten Unternehmen sich nie nennenswert wohltätig eingebracht.« Dabei gehe es ihm gar nicht um Unternehmens-PR, versicherte Benioff, die Gesellschaft brauche solches Engagement nun einmal. »Gut verdienen, indem man Gutes tut, das ist nicht mehr nur ein Wettbewerbsvorteil, sondern wird zunehmend zur geschäftlichen Notwendigkeit«, schrieb er.25
Vieles deutete darauf hin, dass Benioff das wirklich glaubte und nicht nur die üblichen Davoser Standardphrasen nachplapperte. Als der Bundesstaat Indiana Gesetze anstieß, die es Unternehmen erlaubt hätten, homo- und transsexuelle Beschäftigte zu diskriminieren, drohte Benioff, all seine örtlichen Investitionen abzuziehen, und erzwang damit eine Änderung des Gesetzes. Er klagte Facebook und Google an, das Vertrauen der Öffentlichkeit missbraucht zu haben, und forderte eine Regulierung der Suchmaschinen- und Social-Media-Konzerne.26 »Ich versuche, mit gutem Beispiel voranzugehen«, erzählte er mir bei einem Interview Mitte 2020. »Diese Verpflichtung spüre ich in mir.« Er überzeugte mich mit seiner jungenhaften Begeisterung und seiner Bereitschaft, ausgiebig, ohne Vorbedingungen und ohne PR-Fritzen im Schlepptau mit mir zu reden. Im Silicon Valley erlebt man das nur selten.
Benioffs Wohltätigkeitsbemühungen zielten darauf ab, die Wohnungslosigkeit in San Francisco zu lindern und mehr Kindern Zugang zu ärztlicher Versorgung zu verschaffen. Mit 7 Millionen Dollar unterstützten er und Salesforce ein örtliches Volksbegehren mit dem Ziel, Firmen wie seine stärker zu besteuern und mit den Einnahmen etwas gegen Obdachlosigkeit zu unternehmen. Mit dieser Haltung geriet Benioff mit anderen Tech-CEOs aneinander.27 »Als größter Arbeitgeber der Stadt erkennen wir an, dass auch wir zur Lösung beitragen müssen«, erklärte er auf Twitter (einer Plattform, deren Kauf er einmal erwog). Die zusätzlichen Steuern würden Salesforce wahrscheinlich 10 Millionen Dollar im Jahr kosten.28
