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Dies sind die von Paul Bornstein übersetzten Memoiren eines der wohl größten Hochstapler der Welt. Alessandro Cagliostro wird für immer ein Mysterium bleiben, allerdings bringt dieses Buch doch Licht in viele unbekannte Facetten seines Lebens.
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Seitenzahl: 275
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Die Memoiren Cagliostros
Übersetzt vonPaul Bornstein
Inhalt:
Alessandro Cagliostro – Lexikalische Biografie
Memoiren Cagliostros
Einleitung
I. Cagliostros früheste Jugend und erste Reisen.
II. Cagliostro in Spanien und Portugal. – Erster Aufenthalt in London und Paris.
III. Zweiter Aufenthalt in London. –Cagliostro wird Logenbruder. – Die egyptische Maurerei.– Brüssel. –Schilderung und Charakteristik Cagliostros.
IV. Cagliostro bei St. Gemain. – Reisen durch Deutschland und Holland. – Logengründungen. – Cagliostro in Mitau.
V. Cagliostro in Petersburg. – Warschau.
VI. Cagliostro in Straßburg. Sein Streit mit der Facultät. – Einige Empfehlungsbriefe. – Neapel. – Bordeaux.–Gründung der Mutterloge zu Lyon.
VII. Cagliostro in Paris: Der Höhepunkt seines Ruhms. – Seine Verhaftung.
VIII. Der Halsbandprozeß.
IX. Caliostros Freilassung. Abschied von Frankreich. Dritter Aufenthalt in London.
X. Cagliostro in Rom. – Seine Verhaftung. – Seine Verurteilung zum Tode und Begnadigung. – Sein Tod im Kerker.
Die Memoiren Cagliostros, Paul Bornstein
Jazzybee Verlag Jürgen Beck
Loschberg 9
86450 Altenmünster
www.jazzybee-verlag.de
Frontcover: Historical Mixed Media Figure des Grafen Alessandro Cagliostro produziert von George S. Stuart und fotografiert von Peter d'Aprix. Dieses Bild aus der George S. Stuart Gallery historischer Figuren steht unter der Creative Commons-Lizenz Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported.
Eigentlich Joseph Balsamo, Abenteurer des 18. Jahrh., geb. 8. Juni 1743, gest. 28. Aug. 1795 im Fort San Leone bei Urbino, trat früh in ein Seminar zu Palermo, dann in ein Kloster zu Caltagirone, wo er sich medizinische, chemische und pharmazeutische Kenntnisse aneignete. Aus dem Kloster gewiesen, führte er in Palermo ein wüstes Leben, bis er, der Polizei verdächtig geworden, sich 1769 nach Griechenland, Ägypten und Vorderasien auf Reisen begab. Auf Malta stellte er sich dem Ordensgroßmeister als Graf C. vor und schmeichelte dessen alchimistischen Neigungen, so dass er durch seine Empfehlungen in Rom und Neapel Zutritt in die ersten Häuser erhielt. In Rom heiratete er die Tochter eines Gürtlers, Lorenza Feliciani, deren Schönheit und Gewandtheit er zur Ausführung seiner Schwindeleien benutzte. Mit ihr reiste er 1771 nach London, von da nach Paris, und während Lorenza mit ihren Reizen wucherte, verkaufte ihr Gemahl verjüngende Lebenstinkturen, Universalessenzen, Schönheitswasser, trieb Goldmacherei, beschwor Geister und gewann bedeutende Summen. Nach einem Ausflug nach den Niederlanden und Deutschland tauchte er in Palermo wieder auf, wo ihn aber nur die Gunst eines sizilischen Prinzen dem Kerker entriss. Er begab sich nun über Malta, Neapel und Marseille nach Spanien, wo er namentlich in Barcelona, Valencia und Cadiz sein Wesen trieb. Bei einem zweiten Aufenthalt in London in den Freimaurerorden aufgenommen, bewegte er sich in den höchsten Kreisen und spielte, namentlich von den Frauen vergöttert, eine glänzende Rolle. Er erfand ein eignes maurerisches System, das er als ägyptische Maurerei bezeichnete, gab sich für einen Sendboten des Elias oder Großkophta, später für letzteren selbst aus, leitete sein Dasein von der Liebe eines Engels zu einem irdischen Weib her und wollte gesandt sein, um die Gläubigen durch physische und moralische Wiedergeburt zu höherer Vollkommenheit zu führen. Vom Haag begab er sich über Leipzig und Berlin, wo er wenig Anklang fand, 1779 nach Mitau in Kurland, wo er eine Zeitlang alles bezauberte und selbst die Gräfin Elisa von der Recke für sich gewann. Auch in Frankfurt a. M. und Straßburg, wohin er sich über Petersburg und Warschau begab, wurde er glänzend aufgenommen. 1783 ging er nach Frankreich, gründete in Lyon eine Loge nach seinem System und kam 1785 nach Paris, wo er mit dem Kardinal von Rohan, der ihn in Straßburg kennengelernt hatte, wieder zusammentraf. Allein er ward hier in die bekannte Halsbandgeschichte verwickelt, in die Bastille gesetzt und im Mai 1786 aus Frankreich verbannt. Nach kurzem Aufenthalt in England, der Schweiz und Oberitalien, lebte er in Rom anfangs zurückgezogen, begann aber bald für die ägyptische Maurerei zu wirken und wurde infolgedessen 27. Dez. 1789 auf die Engelsburg in Hast gebracht. Die Inquisition verurteilte ihn wegen Ketzerei zum Tode. Pius VI. verwandelte aber 1791 die Todesstrafe in lebenslängliche Haft. Lorenza ward in ein Strafkloster gebracht. C. war ein Mann von Begabung, Menschenkenntnis und Gewandtheit, aber ohne wissenschaftliche Kenntnisse. Vgl. »C. in Warschau, oder Tagebuch etc., von einem Augenzeugen« (a. d. Franz. von J. F. Bertuch, Königsb. 1786); »Nachricht von des berüchtigten C. Aufenthalt in Mitau, von Elise von der Recke« (Berl. 1787); »Compendio della vita e delle gesti di Giuseppe Balsamo denominato il conte C., ecc.« (Rom 1791; deutsch von Jagemann, Weim. 1791); Bülau, Geheime Geschichten und rätselhafte Menschen, Bd. 1 (Leipz. 1850); Sierke, Schwärmer und Schwindler zu Ende des 18. Jahrhunderts (das. 1875). Die »Mémoires pour servir à l'histoire du comte de C.« (Par. 1785) sind erdichtet.
Mit Recht bezeichnet man das 18. Jahrhundert als das Zeitalter des Rationalismus, der Vernunftphilosophie und der Aufklärung, denn es kann nicht bezweifelt werden, daß geistige Größen, wie Leibnitz, Wolff, Newton, Friedrich II., Kant, Lessing, Winkelmann und später auch Goethe und Schiller zu jener Zeit der Menschheit einen neuen Horizont erschlossen, dem ganzen geistigen und materiellen Leben eine neue Richtung gaben, so daß, wenn auch keiner jener Männer im Stande gewesen, bis zu den letzten Gründen alles Seins vorzudringen und das letzte Rätsel zu lösen, dennoch unendlich viele Lücken ausgefüllt, unendlich viele uralte Irrtümer für immer abgestreift wurden, womit eine vorher unbekannte Klarheit und Sicherheit auf fast allen Gebieten des Wissens erreicht ward. – Einstige Zeiten hatten dem Kaiser gegeben, was des Kaisers, und der Kirche, was der Kirche ist, sie hatten gebetet und auf diese Weise der ewigen Seligkeit teilhaftig zu werden gehofft, das Glaubensdogma war das sanfte Ruhekissen, auf dem sie im Vollgefühle ihres guten Gewissens wacker geschnarcht hatten. – Die Sonne der Hellenenweisheit war lange untergegangen im Meere mittelalterlicher Ignoranz, und trübe, wie ein Nachtlämpchen, eingelullt und in Schlaf gewiegt durch den Duft der Weihrauchfässer und den melodischen Klang des Chorgesangs, brannte noch des Menschengeschlechtes Vernunft. Da donnerte es auf, da flammten Blitze durch die Luft, daß Licht wurde und alles emporfuhr und hinsah, und siehe, was man erblickte, war Schutt und Moder, war Schmutz und Laster, alles jahrtausende alt. – Aber reinigend wirkte das Gewitter der Reformation; die Menschheit atmete auf und freute sich der Sonne, die aufs neue emporzusteigen begann, der Sonne, die da bedeutet Weisheit und Schönheit und Wahrheit. – Aufs neue blüht verjüngt die Weisheit der Hellenen, man lernt aufs neue die Schönheit alter Formen und Kunst bewundern, und Männer, wie Galilei, wie Descartes und Spinoza erhoben mutig das flatternde Banner der Wahrheit und hielten es aufrecht, trotzdem der Haß der Menge, der Bann der Kirche sie umdrohten, in dem festen Bewußtsein, daß Gedanken sich mit Gewalt nicht bekämpfen ließen und die Wahrheit endlich doch siegen müsse. – Als jene Kämpen sanken, traten andere in die Reihen, aber der Kampf um die Wahrheit währt fort mit ungeminderter Heftigkeit, und gerade dem 18. Jahrhundert und seinen Männern war es vor allem beschieden, der gesunden Vernunft den entscheidenden Sieg zu erringen. – Wäre nur nicht die Vernunft jener Zeit eine allzu gesunde gewesen, hätte nur nicht jede Sache ihre zwei Seiten! –
Mit dem erschütterten Glauben an die Untrüglichkeit aller der Lehrsätze, bei denen sich die Vorfahren beruhigt hatten, und unterstützt von mächtig gesteigerter geistiger Regsamkeit und ungemeiner Verfeinerung und Vervielfältigung der Genußmittel, verbreitete sich, besonders in den höheren Ständen, eine Frivolität, die, alles zersetzend, was einst für gut und schön gegolten hatte, alles hämisch belächelnd, was Herz und Gemüt verriet, ins andere Extrem ging, die Vernunft auf den Gipfel trieb und somit allen Schöpfungen der Zeit den Stempel einer trostlosen Nüchternheit aufdrückt, eine Frivolität, die, in sich durchaus unfruchtbar und jeder höheren sittlichen Idee ermangelnd, zum schroffsten Materialismus führte. –
Wie gesagt, jene Zeit war verständig bis zum Egoismus und macht schließlich, wenn wir sie im ganzen betrachten, auf uns den gleichen abstoßenden Eindruck, wie ein Mensch ohne Herz und Gemüt, auch wenn er mit Gott weiß welchen schönen Gaben des Geistes ausgestattet ist. – Es mochte sich wohl auch unter dem Inventar überwundener Zeiten manch hohes und edles Ideal finden, aber es war der Sinnlichkeit und Selbstsucht lästig, und so wurde es denn um so bereitwilliger aufgegeben, als man damit eine bedrückende Mahnung des Gewissens los wurde.
Man lief Gefahr, vor lauter Verständigkeit den Verstand und vor lauter Vernünftigkeit die Vernunft zu verlieren. Manche Gedanken großer Denker, die zu tief waren, um so ohne weiteres leichter Weise verstanden zu werden, wurden einfach als unsinnig und verworren bezeichnet und kurz bei Seite geworfen; man brachte sich um viele wirkliche Errungenschaften früherer Zeit, und Oberflächlichkeit und Gedankenlosigkeit wurden herrschend. – Eine tiefere Anschauung, bereits angebahnt, ging wieder verloren; das Vorurteil wechselte nur seinen Gegenstand.
Hatte man vorher in kirchlicher Unterwürfigkeit Dinge geglaubt, die sonst nur im Tollhause Glauben finden, so verwarf man jetzt ernste und urewige Wahrheiten mit den seichtesten und oberflächlichsten Gründen. Man glaubte nicht mehr an Gespenster, aber auch nicht an den schaffenden Geist, man glaubte freilich nicht mehr an den Teufel, aber auch nicht an Gott. Man durchschaute gar wohl die Nichtigkeit mancher vom Menschen ersonnener Formen, aber man streifte diese nur ab, um sich womöglich unter noch hohleren zu beugen, man leugnete Sitte und Ehre und Recht als wahre Motive im Handeln des Menschen, aber man schob dafür Lust und Egoismus als Triebfeder unter.
Letzteres ist nun freilich Auffassungssache; für manchen mag es zustimmend sein, daß er nur aus Egoismus handelt, für alle nicht, auch wohl nicht zu jenen Zeiten. Aber wie dem nun auch sei, feststehend ist die Tatsache, daß es dazumal Pflicht eines anständigen Menschen und Zeichen von Bildung war, nichts zu glauben, was sich nicht an den fünf Fingern abzählen oder mathematisch vorkonstruieren ließ, und daß man sich ganz ungeheuer weise vorkam, wenn man jedes übersinnliche Element leugnete, wenn man das Leben nach dem Tode – eine Weisheit, die heute die Spatzen von den Dächern pfeifen – als nicht vorhanden oder zum mindesten gleichgiltig ansah. Wer nun noch auf besonderen ésprit à la française Anspruch erhob, der hatte die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, seinen mehr oder minder guten Witz in Essays oder andern Schriften gegen alles zu richten, was bisher heilig und unantastbar gehalten worden war, kurz, mit möglichstem Skeptizismus alle Ideale zu besudeln. Das liebte man und das las man, denn das fand man ungemein pikant.
Wenn wir vorhin erklärten, daß man Gefahr lief, vor lauter Verstand die Verständigkeit und vor lauter Vernunft die Vernünftigkeit zu verlieren, so sollte das durchaus kein bon mot sein, denn zu so etwas sind wir nicht fähig, sondern unser allerernstester Ernst. Lieber Leser, Du hast doch gewiß unter Deiner Bekanntschaft einen Menschen, den Du bisher immer für recht ur- und erzvernünftig gehalten hast, nicht wahr? – Nun, sei sicher, daß auch dieser, ja dieser erst recht, sicherlich mindestens eine Marotte hat, die Du für ur- und erzverrückt zu halten nicht umhin kannst. – So gings auch jener mit ihrer Vernunft so großprahlenden Zeit.
Wir denken dabei nicht daran, daß jener Skeptizismus von manchen Dingen, die er theoretisch verwarf, gleichwohl fortfuhr praktisch sehr ausgedehnten Gebrauch zu machen, wie das namentlich in politischen und kirchlichen Sachen der Fall war. – Der Unglaube war eine pikante Speise, etwa Kaviar, nur für den Kenner, nicht für das niedere Volk. Hier war Egoismus der bestimmende und leicht erkennbare Grund. Die vornehme Gesellschaft glaubte an die Wahrheit und Berechtigung mancher Dinge nicht, die sie doch als ganz nützlich ansah. Voltaire sagt: Wäre die Religion nicht schon von den Pfaffen erfunden, so müßten sie die Fürsten erfinden, denn sie ist unschätzbar in ihrem Wert als Maßregel, die Massen zu regieren. Wir sprechen auch nicht von einigen Sekten, die, anstatt dem Zuge der Zeit zu folgen, sich in Gegensatz zu ihm stellen und sich eine mystisch-pietistische Religiosität gewahrt haben; auch nicht davon, daß es vorkam, daß Männer, die sonst ausgemachte Skeptiker waren, dennoch an irgend einem Vorurteil litten und es nicht unter ihrer Würde fanden, sich aus den Karten oder aus dem Kaffeesatz ihre Zukunft zurechtprophezeien zu lassen. So etwas kommt auch heute noch vor und ist am Ende nicht erstaunlich. – Was uns so Wunder nimmt, ist die Erscheinung, daß eben jene Kreise, die sich einerseits gar nicht genugtun konnten in ihrem Skeptizismus gegen alles, was entfernt an Glauben erinnert, die mit ihrer kahlen und öden Vernunft prunkten, andererseits doch wieder für die unsinnigsten Schwärmereien und Vorspiegelungen, wenn sie sich nur in neuer Form boten, Empfänglichkeit genug besaßen, dergestalt, daß wir nicht ohne Humor sehen können, wie die ganze feine Gesellschaft fast von ganz Europa häufig von Schwindlern an der Nase herumgezogen wird, die zu entlarven nicht der dritte Teil des Geistes und Scharfsinns nötig gewesen wäre, den man aufwandte, um das alte System zu bekämpfen.
Les extrêmes se touchent! Herrgott, was lief nicht damals für ein unheimliches Gesindel, das lediglich von der Unvernunft ihrer sich so vernünftig denkenden Mitmenschen zehrte, in unserem gesegneten Europa herum. – Es war dies das eigentliche Zeitalter der Betrüger, Beutelschneider, Schwindler, Doppelgänger, Schwärmer, zweideutiger Personen, einfacher und zusammengesetzter Charlatane und Chatlatanerien von allen Formen und Farben. Welch eine Menge Magnetiseure, Magiker, Kabbalisten, Swedenborgianer, Illuminaten, gekreuzigte Nonnen, zu diesen kommen noch Vampyre, Sylphen, Rosenkreuzer, Freimaurer u.s.w. u.s.w. Man bedenke jene Schrepfers, Casanovas, Saint Germains, Dr. Grochanos, Mediums, und endlich den Gauner aller Gauner, den Gaunerfürsten und Großgauner Cagliostro, den Helden unserer Erzählung. Ist es nicht, als ob sich alle Tollhäuser geöffnet hätten, oder vielmehr, als ob in dieser Geisterstunde der Nacht aus dem noch schwärzeren Schoße der Hölle Wahnsinn und alle Arten formloser Mißgeburten aufgestiegen wären, um sich in tollem Mummenschanz durcheinanderzutreiben. Und das ist das Zeitalter der Vernunft. Es ist doch etwas Wahres daran, daß die äußerste Grenze der Vernunft hart an Irrsinn streift. – Wie aber soll man sich diesen klaffenden Zwiespalt erklären?
Wir sagten schon, daß man wohl verstanden hatte, Altes zu zersetzen und zu vernichten, aber man war noch nicht so weit, Neues an seine Stelle zu setzen. Die große Masse der gebildeten Welt hatte von der neuen Wissenschaft den allgemeinen Zweifel an den zeitherigen Autoritäten und ein unbestimmtes Gefühl großer, bevorstehender Entdeckungen und Triumphe des menschlichen Geistes angenommen, aber für beides keinen erschöpfenden und sicheren Grund. Sie hatte ihre alten Mysterien zu Grabe getragen und trug im Herzen eine unbefriedigte Sehnsucht nach neuen, denn es liegt in den tiefsten Tiefen der menschlichen Natur, daß sie irgend etwas braucht, woran sie sich halte und das sie hege und pflege. – Und leugnete man auch ein künftiges Leben oder lebte man wenigstens ohne Rücksichtnahme auf ein solches, so konnte man doch bei allem Skeptizismus – ein mißlicher Umstand – nicht leugnen, daß man mit der Zeit alt ward und starb, und man fand es sehr angenehm, daß es gegen Alter und Tod Mittel geben sollte. – Es war, wie immer; man glaubte, was man wünschte. Und wie auf den Pfaden des alten Glaubens nur zu viele sich mit gewissen Gebeten und Zeremonien, mit Verrichtung gewisser Handlungen abgefunden zu haben glaubten, ohne dies alles mit dem wahrhaft religiösen Sinn zu durchdringen, der allein diesen Dingen den Wert und die Kraft giebt, so wollten auch diese neueren Jünger der Wahrheit und Tugend dieselben sich in faßlicher Weise, in kurzen Sprüchen und Sätzen gelehrt wissen, so glaubten auch sie, durch allerlei Zeremonien und durch den Richterspruch anderer Menschen auf eine höhere, geistige und sittliche Stufe gelangen zu können, ohne selbst etwas dafür zu tun, ohne sittlich und geistig gehoben zu sein. Dazu kam, daß das große Publikum freilich wohl wußte, daß in Physik und Chemie sich große, entscheidende Umwälzungen vorbereiteten, aber keineswegs zur Genüge darüber aufgeklärt war, worin sie bestanden, und somit den naturgemäßen Boden bildete, auf welchem Gauner aller Art ihren Samen streuen zu können vermeinten.
Und so ließ man sich denn geduldig Geister vorzitieren, suchte nach dem Stein der Weisen, braute Lebenselixire und Verjüngungstränke, gründete Logen mit den verschiedensten Graden und Zwecken, von denen der eine immer verrückter war, als der andere, kurzum, man war auf der einen Seite in schönsten Mystizismus und Schwärmerei versunken, während man auf der anderen sich etwas auf seine Vernunft zu Gute tat.
Man hört heutzutage bis zum Ueberdruß oft den Satz, daß der Mensch nichts sei, denn ein Produkt seiner Zeit und der ihn in dieser Zeit umgebenden Verhältnisse. – Hier trifft es wirklich zu. – Nur eine Zeit, wie die von uns geschilderte, war im Stande, einen solchen Schwindler und Gauner hervorzubringen, wie der ist, von dem wir reden wollen, wie der große Cagliostro. – Er war ein Kind seiner Zeit und er verstand, seine Zeit zu nehmen, wie kein Zweiter, denn alle seine Konkurrenten waren Popanze gegen ihn, alle Lügner vor, neben und hinter ihm können sich nicht mit ihm messen. – Kurz, er war ein ganzer Mann!
Es ist schon viel wert, wenn man sagen kann, dieser oder jener sei in seinem Berufe ein ganzer Mann, und wenn nun Cagliostros Beruf die Gaunerei war, so ist es darum nicht minder richtig, daß ein ganzer Gauner immer noch besser ist, als ein halber. Und er war wirklich ein erstaunlich vollendeter Gauner, ein Gauner von Genie, ein Universalgauner, der alle die Zweige seiner edlen Kunst in sich zu vereinen verstand, der Graf Alessandro di Cagliostro, Pflegesohn des Scherif von Mekka, wahrscheinlicher Sohn des letzten Königs von Trapezunt, auch Achamt und unglückliches Naturkind genannt; von Profession Heiler von Kranken, Entferner von Runzeln, Freund der Armen und Impotenten, Großmeister der egyptischen Loge zur hohen Wissenschaft, Geisterbanner, Goldkoch, Großkophta, Prophet, Taschenspieler und Schwindler, Lügner erster Größe und – und – Gott sei mir gnädig, der Atem geht mir aus – Hut ab vor solcher Vielseitigkeit!
Ganze Lumpen, Lumpen so recht vom Scheitel bis zur Sohle, nicht kleine Diebe und Lumpchen, wie sie heut in Masse herumlaufen und auch damals herumliefen, sind nicht minder selten, als ganz ideale Menschen. Ein vollkommener Charakter der fraglichen Spezies, der nicht blos in Worten log, auch nicht blos in Taten und Worten, sondern fortwährend, in Gedanken, Worten und Taten und sozusagen in einem Element des Lügens vollständig lebte, und von seiner Geburt an bis zu seinem Tode nichts weiter tat, als lügen, tritt uns nur ein einziges Mal entgegen in der Geschichte aller Zeiten, nämlich in Cagliostro.
Ohne äußere Hilfsmittel, ohne Geld, ohne Schönheit, ohne Tapferkeit, ja, fast ohne gesunden Menschenverstand bekam er es fertig, von der untersten Stufe der Glücksleiter bis zu einer Wörter im Druck unleserlich. Re zu steigen. Wer macht ihm das nach? Du, lieber Leser, nicht – und ich gewiß nicht.
Somit hatten wir denn alles gesagt, was dazu dienen könnte, für unseren Helden das Interesse und das Wohlwollen unserer Leser zu fesseln; mehr wissen wir zunächst nicht, und somit könnten wir denn getrost an unser Werk gehen. – Wie das Licht von einer Linse gesammelt und dann wieder ausgestrahlt wird, so sammeln sich oft alle Eigentümlichkeiten einer Zeit in einem Menschen und fallen uns, in diesem engen Bilde, um so heller und deutlicher in die Augen. –
Auch Cagliostros Geschichte ist ein Beitrag zur Geschichte seiner Zeit.
P.B.
Der 8. Juni 1743 war der Tag, an welchem unser Held das Licht der Welt erblickte und zwar gebührt der Stadt Palermo das unbestrittene Vorrecht, ihn ihr eigen nennen zu dürfen. Seine Eltern waren Peter Balsamo, ein ehrsamer Krämer, und dessen Frau Felicie, geborene Bankonieri, beide von mittelmäßigem Herkommen, beide nicht eben in Wohlhabenheit lebend. Es läßt sich daher annehmen, daß der Vater durch die Geburt seines Söhnchens, das den schönen Namen Giuseppe erhielt, nicht sonderlich erfreut gewesen sein mag, denn keine Nachricht weist darauf hin, daß ein Heiligenschein ihn schon in der Wiege gezielt und seinem Erzeuger seinen einstigen Weltruhm verraten hätte. Im Gegenteil, er war ein verzweifelt gewöhnlicher Bengel, und entwickelte sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit zu einem ebenso dicken, wie faulen und schmutzigen Straßenjungen.
Die Straße, in der er geboren war, und die an sie anstoßenden waren das erste Wirkungsfeld des jungen Balsamo, und es läßt sich annehmen, wenn anders der Satz: Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten, berechtigt ist, unser Freund Balsamo sich stark gekrümmt haben muß, denn er wurde nicht nur ein Häkchen, sondern der Haken, an dem sich der gesunde Menschenverstand seiner Zeit, an sich selbst verzweifelnd, aufhing. Er krümmte sich also bedeutend, und wir werden ihm kein Unrecht antun, wenn wir behaupten, daß schon mit frühester Uebung der Sprache die Verstellung in ihm rege zu werden begann. Dennoch konnte er die Wahrheit sagen, er sagte sie auch mitunter, nämlich wenn er Vorteil davon hatte, sonst sagte er sie aber lieber nicht. Hungrig war er oft, wenn auch damals noch nicht nach Ruhm. Eine tüchtige Verdauungskraft und eine magere Speisekammer daheim – diese beiden Umstände wiesen ihn auf seine eigene Erfindungsgabe an.
Was die sogenannte Moral und Erkenntnis des Rechts und Unrechts betrifft, so scheint es ziemlich gewiß zu sein, daß eine solche Kenntnis, die traurige Frucht des menschlichen Sündenfalls, ihm größtenteils erspart worden war, und wenn er auch jemals das Gebot: "Du sollst nicht stehlen" gehört hatte, so hatte er es höchst wahrscheinlich doch nicht glauben und ihm daher auch nicht gehorchen können.
Wenn er Streit hatte, so prügelte er sicherlich seinen Gegner durch, denn wo er fürchten mußte, seinerseits Prügel zu bekommen, da hatte er nie Streit. – Auch glauben wir versichern zu dürfen, daß er schon damals eine beneidenswerte Unverschämtheit besessen hat, denn es wäre unbegreiflich, wie selbige in späteren Zeiten sich zu einer solchen Riesengröße entfalten konnte, wenn nicht damals bereits der Keim dazu in ihm gelegen hätte. Ja, ja, es bildet ein Talent sich in der Stille.
Damals starb sein Vater, der biedere Peter, und der Ernst des Lebens begann nun an unsern lieben Joseph heranzutreten, denn die Mutter, welcher von ihrem Gemahl außer ihrem Kinde nichts hinterlassen war, war beim besten Willen nicht in der Lage, dem gefräßigen Sohne länger Genüge zu tun. Schon vor dieser Zeit nämlich war Joseph auf das Seminar des heiligen Rochus gebracht worden, um hier in die Tiefen der Gelehrsamkeit eingefühlt zu werden, allein schon damals tief davon durchdrungen, daß Menschenwissen eitel und nur Stückwerk sei, lehnte er es entschieden ab, irgend etwas zu lernen. Natürlich wurden ihm dann die nötigen Unterweisungen auf dem Hosenboden gegeben, und da er für solche Unterrichtsmethode durchaus nicht inklinierte, so faßte er einen mannhaften Entschluß, riß aus und langte denn auch wohlbehalten, wie man sich denken kann, zur heillosen Freude der Seinen wieder zu Hause an.
Irgend etwas muß aber der Mensch werden, und selbst wenn er Gauner werden will, bedarf er der Vorbereitung. – Die Frage war nun für unsern Joseph die, wo er sich die Vorkenntnisse zu seinem künftigen Berufe wohl am besten holen könnte, und siehe da, mit feinem Verständnis traf er das Rechte, indem er sich nunmehr auf Andringen seines Onkels kurzweg für den geistlichen Stand entschied und demgemäß als Novize in das Kloster zu Cartagirone eintritt. Er hofft zuversichtlich, sich dort wenigstens satt essen zu können.
Das Schicksal hielt über dieser vielversprechenden Blüte die schirmende Hand, denn durch wunderbare Schickung geschah es, daß er der Obhut des Klosterapothekers anvertraut ward, und in dessen Laboratorium lernte er nun zum ersten Male die Elemente der Kunst und die Instrumente kennen, mit denen er einst die Welt zu erobern bestimmt war.
Das wäre nun zwar ganz gut, wenn sich nur nicht die sonnigen Illusionen hinsichtlich des Essens – und Beppo aß so gern – als trügerisch erwiesen hätten, sintemalen im Kloster, wie überall in der Welt, die Meinung herrschte, daß, wer da essen wolle, auch arbeiten müsse, und letzteres wollte unser Freund eben nicht. Er war der Ansicht, ein Kloster sei nur zu beschaulicher Muße im, und zum Arbeiten war er nicht hergekommen.
Kurz und gut, er erhielt auch hier leider mehr Schläge, als zu essen. Besonders humoristisch ist folgender von ihm berichteter Streich:
Er hatte zur Abwechselung wieder einmal Strafe d.h. er bekam nichts zu essen. Wohl aber durfte er dabei sein, wie die Mönchlein es sich vortrefflich munden ließen, und ihnen zu besserer Verdauung aus dem Leben irgend eines modrigen Heiligen vorlesen. Er fügte sich in das Unvermeidliche und las, allein mitten in der Lektüre ging ihm seine leider bereits sehr unreine Phantasie durch, und die tugendsamen Mönche bekamen nun statt der erschrecklichen Qualen, so ihr Heiliger gelitten, zu hören – – die Namen beinahe sämtlicher berüchtigter Frauenzimmer, die Palermo zur Zeit in sich barg.
Man denke sich die Wirkung! Er bekam natürlich abermals schreckliche Prügel, und keine mitfühlende Seele wird ihm verdenken können, daß er das Klosterleben und die Geistlichkeit ziemlich über hatte. Er riß also wieder aus und kam nun zum zweiten Male wohlbehalten, bis auf einige blaue Flecke, und mit ungemindertem Appetit zu Hause an.
Was tun? – so fragte die Mutter kummervoll und der Onkel zornig.
Joseph wollte Maler werden. – Schön, sagte der Onkel, denn etwas mußte er doch sagen. – Joseph erhielt Geld und kaufte sich wirklich Pinsel, Palette und Farben dafür, allein das Handwerk hatte für ihn nicht den üblichen goldenen Boden, er fühlte sich durch den Impuls seines Genies zu größerem berufen, er lernte fechten. – In ganz Palermo gab es von nun an keine Schlägerei, bei der er nicht beteiligt gewesen wäre, und sein unschuldiges Hauptvergnügen bestand darin, den Polizeidienern eine tüchtige Nase zu drehen und deren Arrestanten zu befreien.
Daneben führte er das lockerste Leben in der denkbar schlechtesten Gesellschaft; er hatte vertrauten Verkehr mit allen Schwindlern, Spielern, faulen Lehrlingen und unmoralischen Frauenzimmern, kurz, er war im Studium und der Praxis des Hallunkentums fleißiger, als irgend ein anderer.
Doch hatte er die Kunst des Malens nicht aufgegeben, im Gegenteil er malte fleißig – nämlich nach, zunächst im bescheidenen Maßstäbe, Theaterbillets, Urlaubscheine u.s.w. u.s.w., nur der Uebung wegen, denn auch auf diesem Gebiete sollte er bald Größeres leisten.
Unter seinen Verwandten nämlich befand sich ein Notar, bei welchem er sich einzuschmeicheln verstand; bei diesem lag ein zu Gunsten eines gewissen Marquis Maurizi ausgefertigtes Testament, welches er nach langen Bemühungen in die Hände bekam und fälschte, wodurch eine fromme Stiftung beträchtlich zu Schaden kam. Der Betrug wurde später entdeckt, aber unser Freund war längst über alle Berge. Nun pfeift ihm nach!
So begannen denn seine Hilfsquellen allmählich reichlicher zu fließen, um so mehr, als sich ihm zufällig auch die des Kuppelns erschlossen hatte. Er hatte eine schöne Cousine, die Tochter jenes Oheims, der sich seiner so warm angenommen hatte, und er fühlte sich verpflichtet, die Dankbarkeit, welche er dem Vater schuldete, der Tochter abzutragen. Schöne Cousinen haben gewöhnlich Liebhaber und jene machte keine Ausnahme. Beppo wirft sich zum Vermittler auf, besorgt Briefchen, verfehlt nicht, Andeutungen zu machen, daß eine Dame, die man zu gewinnen oder zu behalten wünscht, freigebig behandelt werden müsse, daß ein Paar Ohrringe, eine Uhr, ein Halsband Wunder wirken würden. Natürlich bekam die Cousine von all den schönen Sachen nichts zu sehen, sondern der biedere Vermittler versetzt sie und steckt triumphierend das Geld in die Tasche, in welcher es indessen sicherlich niemals lange blieb.
Natürlich kam auch er, wie so viele seines Gleichen, in Konflikt mit dem Auge des Gesetzes; allein das Gesetz mußte das Auge zudrücken, denn Joseph verstand es immer so einzurichten, daß man ihn wegen mangelnder Beweise laufen lassen mußte, und man kann sicher annehmen, daß dies zur Verminderung seiner Unverschämtheit nicht beigetragen haben wird.
Der Krug geht so lange zu Wasser, bis er bricht!
Joseph hatte einem Goldschmied Namens Marrano, als er mit ihm auf einem Spaziergang an einer Felskluft vorüberkam, weis gemacht, daß hier bedeutende Schätze vergraben lägen, die nur gehoben zu werden brauchten. Er vermöge dies sehr wohl, nur müßte er aber zur Beschaffung der nötigen magischen Instrumente um einen kleinen oder auch großen Vorschuß bitten. Der Dummkopf beißt an, und nachdem Joseph bei irgend einem Trödler ein Paar alte, unqualifizierbare chemische Instrumente gekauft, nachdem er tüchtig Hokuspokus getrieben und jenen wacker an der Nase herumgezogen hat, macht er sich eines Nachts mit ihm ans Werk. Sie beginnen zu graben und der gute Mann arbeitet im Schweiße seines Angesichts für drei, als plötzlich ein schreckliches Geheul ertönt, mehrere Teufel hervorstürzen und den armen, dämlichen Goldschmied halbtot schlagen. Marrano wußte nunmehr, so dumm er auch sonst war, sogleich, wer ihm das Süppchen eingebrockt hatte. Geld zahlen, sich halb tot arbeiten und dann noch Schläge obendrein, Tod und Teufel, das war denn doch zu viel! Marrano tobte und fluchte, und schwur sowohl per Bacco als por Dio, daß er unserem Joseph das Lebenslicht ausblasen werde.
Beppo hörte dies und überlegte. – Palermo – hm, was war groß daran, man hatte da nur Not und Mühe und doch nichts Rechtes davon. Zudem sein Leben, sein kostbares Leben aufs Spiel setzen, womöglich sterben vor der Zeit und ohne die Menschheit beglückt zu haben – niemals, das ging nicht an! Addio Palermo, unser Beppo geht und niemals kehrt er wieder. Sein Biograph sagt: er floh aus Palermo und durchwanderte die ganze Erde.
Hier schließt der erste Akt im Lebensdrama des Grafen Alessandro di Cagliostro.
Nunmehr breitet sich mystisches Dunkel über unseren Helden aus, welches keine der uns vorliegenden Quellen zu lichten weiß, und so werden wir uns denn schon bei dem beruhigen müssen, was er selbst späterhin über sich aussagte und was wir natürlich nur bis zu einem sehr geringen Grade glauben dürfen. Immerhin scheint es sicher, daß er sein Ziel, sich weiter auszubilden in den Anfangsgründen der höheren Gaunerei, mit bewundernswerter Hartnäckigkeit im Auge behalten haben wird, wenigstens behauptet sein Biograph, der Peter Marcellus, daß er damals bereits Zauberei und Wahrsagerei getrieben habe.
Balsamo erzählt uns etwa folgendes, was wir, nachdem wir seine Aussagen alles schwindelhaften Beiwerks entkleidet haben, denn auch ohne Schwierigkeit glauben können. Nachdem er von Palermo flüchtig geworden, habe er sich nach Messina gewendet und dort die Bekanntschaft eines gewissen Althotes gemacht, von dem man nicht weiß, ob er ein Spanier oder Grieche gewesen, von dem aber feststeht, daß er sich viel im Orient herumgetrieben hatte und im Gaunerhandwerk bereits eine ziemliche Routine besaß.– Mit diesem gemeinsam will er dann verschiedene Reisen gemacht haben, so unter anderen nach Alexandrien, Rhodus und Malta, wo sie überall alchemistische Operationen vollführten und die Leichtgläubigkeit wohlhabender Gimpel im ausgedehntesten Maße ausnutzten. Auf Malta soll Balsamo nach seiner Aussage längere Zeit verweilt und zusammen mit dem dortigen Ordens-Großmeister Pinto Alchemie getrieben haben. Indessen weiß man, wie gesagt, über diese Periode nur, was er selbst zu verraten für angemessen erachtet. Nachdem sein Genosse Althotes auf Malta gestorben war und der Großmeister sich vielleicht von der Unfruchtbarkeit seiner alchemistischen Versuche sattsam überzeugt hatte, begab sich Balsamo in Gesellschaft eines Maltheserritters und auf Kosten des Großmeisters nach Neapel, wo er die Gunst eines Fürsten zu erschleichen wußte, der auch dem Phantom der Goldmacherkunst nachhing. Balsamo hielt es indessen nicht lange bei diesem neuen Gönner aus, sondern verließ denselben, nachdem er auf Sizilien, wo Letzterer ausgedehnte Ländereien besaß, einen ehemaligen Kumpan seiner Jugendstreiche wiedergefunden, mit dem er einen gemeinsamen Streifzug auf das Festland unternahm. Was er dabei zur Ausführung gebracht, ist nicht bekannt geworden. Genaue Mitteilungen über sein Treiben erhalten wir erst von seiner nun folgenden Anwesenheit in Rom ab.
Wovon Joseph Balsamo in Rom eigentlich gelebt haben mag, das ist wieder einmal eine Sache, über die man nicht genügend unterrichtet ist, indessen sicherlich nicht von Luft, und alles andere kostet Geld, und das hatte er nicht. Wohl aber glaubte er, es sich schuldig zu sein, nunmehr nicht ohne eine gewisse Vornehmheit aufzutreten, um so mehr, als ihm einige Empfehlungsbriefe geprellter Freunde Eintritt in einige vornehme Häuser verschafft hatten. Er selbst behauptet, sich von Federzeichnungen genährt zu haben, wobei natürlich wieder etwas Lüge ist; denn es waren gar keine Federzeichnungen, was er verkaufte, sondern ganz gemeine Kupferstiche, denen er mit etwas Tusche auf die Beine half und denen er so das Aussehen von Handzeichnungen zu geben verstanden hatte.
Allein was warfen denn wohl solche Zeichnungen ab? – Lange nicht genug, um Beppos noble Passionen zu befriedigen, und er dachte nach, wie er wohl seine Einkünfte vermehren könnte, und da verfiel er auf den Gedanken, zu heiraten. – Heiraten, um seine Einkünfte zu vermehren? fragt staunend der Leser. Männer pflegen doch sonst dann erst zu heiraten, wenn sie beim besten Willen nicht mehr wissen, wo sie ihr Geld lassen sollen. Ja, bei Cagliostro war das etwas Anderes. Er brauchte eine hübsche Frau, eine, die nicht allzu skrupulös war, kurz, eine, welche ihm etwas einbrachte.
So geht denn Beppo auf die Freite, und siehe, das Glück begünstigt ihn auch hier, bald hat er gefunden, was er braucht. Er bewarb sich um die Hand der schönen Lorenze Feliciani, eine junge Römerin, die bis dahin schon in manchen vornehmen Häusern verkehrt haben mochte, wenn auch zunächst nur als Aufwartemädchen oder zur Verrichtung von allerhand Küchenarbeit. Skrupulös war sie keineswegs, wohl aber sehr hübsch und kräftig – was Wunder, wenn Beppo bei ihrem Anblick sich in sie glühend verliebte. Er hatte in ihr sein Ideal gefunden. Eine neue Geldquelle begann ihm zu fließen.
