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Im Zentrum der Geschichte steht der frühpensionierte Kriminalkommissar Alex Menton, der zur Lösung einer rätselhaften Mordserie in seinem Ruhestand in einem andalusischen Fischerdorf reaktiviert und zurück an den Rhein gelockt wird. Bei der schwierigen Recherchearbeit trifft Menton mit seinem Team auf Neid, Missgunst, und schwere Intrigen. Was als scheinbar einfacher "Mordfall Metzger" begann, entwickelt sich schliesslich zu einem komplexen Drama von tiefer, psychologischer Bedeutung.
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Seitenzahl: 438
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Aruro Buzzetti
Impressum
1. Auflage November 2008 © 2008 by Arturo Buzzetti, Basel Umschlaggestaltung und Satz: Rolf Doebelin
Kontakt Edition Relege, Basel
Der Grillenkampf ist eine traditionelle chinesische Tiersportart. Schon seit fast 2000 Jahren werden Grillenkämpfe ausgetragen und wurden zum chinesischen Nationalsport. Es ranken sich viele Geschichten um diese Leidenschaft. So soll es einen Kaiser gegeben haben, der eine Grille gegen eines seiner besten Pferde eintauschte. Als die Kaiserin sich das Tier ansehen wollte, wurde es von einem Hahn gefressen. Darüber war die Kaiserin so besorgt, dass sie Selbstmord beging. Als der Kaiser von ihrem Schicksal erfuhr, beging auch er Selbstmord.
Auch heute noch ist der Grillenkampf, nicht nur in China, weit verbreitet. Es gibt überall Märkte, auf denen Grillen und Zubehör für Pflege und Haltung der Tiere verkauft werden.
Beim Kampf stehen sich zwei männliche Grillen gegenüber und boxen mit den Vorderbeinen aufeinander los, bestrebt, den Gegner aus dem Gleichgewicht zu bringen. Sobald eines der beiden Tiere auf dem Rücken liegt, ist der Kampf zu Ende. Der Verlierer erkennt dann seine Niederlage an und trollt sich, während der Sieger einen lauten Gesang anstimmt.
Die Passion für das »Grillenspiel«, wie es im Chinesischen wörtlich heisst, durchdringt die Gesellschaft quer durch alle Schichten. Es ist ein klassenloses Vergnügen, für das sich der Kaiser ebenso begeisterte, wie die einfachen Leute.
In Lima fangen die Strassenkinder ihre männlichen Grillen selbst und veranstalten jedes Jahr am 28. Juli, dem Tag der Unabhängigkeit von Spanien im Jahr 1821, ein grosses Turnier mit Grillenkämpfen. Das ist ihre Art, den Nationalfeiertag zu feiern. Gerraldo „Lima“ Cortes hat das Turnier schon drei Mal gewonnen.
Und damit beginnt unsere Geschichte.
Antonio Lugar Y Feche de Namiento sitzt wie jeden Tag vor seinem kleinen Haus in einem heruntergekommenen Aussenquartier von Lima und bohrt in seiner Nase.
Auf jeden Fall war es einmal ein Haus. Der Mörtel der Fassade ist morsch und im Laufe der letzten Jahre fast bis auf die Grundmauern abgebröckelt. Aus den Ritzen spriessen Unkraut und wilde Mauerblumen. Die elektrischen Leitungen baumeln wie Spaghetti, mit Klebebändern umwickelt, vom Giebel herunter. In riesigen Buchstaben hat jemand das Wort „Asesino“ auf die Fassade geschmiert.
Es ist Sonntag. Die Gassen dieser Gegend sind menschenleer. Der Strassenbelag ist aufgerissen und der Müll liegt übelriechend herum. Es ist dreckig. Nur ein paar ausgehungerte Hunde streunen umher. Die brütende Mittagssonne, die sich über Lima ausgebreitet hat, ist fast unerträglich. Seit die Regierung diesen Stadtteil systematisch aushungert, um neuen Projekten Platz zu machen, sind nur noch ein paar Familien und ihre Anhängsel geblieben – die Ärmsten der Armen. Ausgestossene. Menschen, die man einfach nicht mehr will.
Die Leitungen sind verstopft und die letzten Bewohner holen das Wasser schon längst aus dem abgelegenen Brunnen. Das Essen erbetteln sich die Kinder in den Hotelküchen der Touristenhotels im blühenden Zentrum von Lima.
Aber auch Gesindel hat sich hier niedergelassen. Sie haben ihr Kartonschachtelzuhause aufgegeben und sich in einer der verlassenen Hütten eingenistet. Es stinkt penetrant.
»El Viejo«, wie ihn alle liebevoll nennen, stört das nicht. Er sitzt gebückt und ruhig auf seinem alten Holzschemel und erzählt wie immer seine Geschichten. Von seinen adeligen Vorfahren. Von der Vertreibung durch Aufständische. Von seiner Mutter. Von Liebe, Leid und Eifersucht. Von seiner verstorbenen Frau und vom Schicksal seiner zwei Kinder, die bei einem Busunfall in den Bergen von Peru ums Leben gekommen sind. Aber auch Anekdoten von seinen vielen Abenteuern mit temperamentvollen Prostituierten.
Während des Sprechens verzieht sich sein altes, gegerbtes Ledergesicht fast clownhaft nur auf einer Seite. Dabei sieht man auch den letzten verbliebenen Zahn mit einer Goldfüllung blinken. Seine grossen Ohren wackeln bei jedem Wort. Sein linker Arm fällt kraftlos herunter. Den rechten stützt er auf einen Stock, auf dem seine Initialen und das Familienwappen eingeritzt sind.
»El Viejo« hatte vor vielen Jahren einen leichten Schlaganfall und sich so weit erholt, dass er ohne Hilfe jeden Tag wenigstens auf seinem Stuhl sitzen kann.
Niemand hört ihm zu.
Die Erinnerungen an damals sind ihm geblieben, aber das Jetzt hat in seinem Kopf keinen Platz mehr. Er sitzt einfach da, palavert vor sich hin und hütet wie seit 38 Jahren seine kleine »tienda«. Traurig kleben noch ein paar vergilbte Buchstaben am Schaufenster. Früher hat er für die ganze Gegend das köstlichste Fladenbrot gebacken. Er bot das frischeste Fleisch und die besten Würste an und auch sein Gemüse, das er nur direkt vom Bauern bezog, wussten seine Kunden zu schätzen. Antonio Lugar Y Feche de Namiento war ein geachteter Mann.
Jetzt sind die Regale fast leer und nur noch ein paar Haushaltsartikel liegen verloren und verstaubt auf den Holzgestellen herum. Der Laden ist dunkel und mieft. Die Seele hat sich schon lange davon geschlichen. Für »El Viejo« aber bleibt der Laden sein ganzer Stolz und er sieht ihn immer noch so, wie er einmal war. Als kulturellen Mittelpunkt der ganzen Gegend.
Heute ist ein besonderer Tag: »Fiestas Patrias«. Seit dem 28. Juli 1821, als Peru seine Unabhängigkeit von Spanien erklärte, feiert das Land diesen Nationalfeiertag mit Zeremonien und Festlichkeiten. Jede Stadt und jedes Dorf hat seine eigenen Traditionen wie Stierkämpfe, Sportanlässe und andere Feste. Die stärksten Attraktionen sind jedoch die Militärparaden. Die wichtigste und grösste marschiert die Hauptstrasse Limas entlang.
Nur in der Gegend, wo »El Viejo« wohnt, interessiert sich niemand dafür. Heute kommen hier aus allen Teilen Limas Gruppen von Strassenkindern zusammen und messen sich im Grillenkampf. Das ist ihr Tag der Unabhängigkeit. Die Kämpfe finden am Abend auf dem Platz vor einer abgebrannten Baumwollfabrik statt.
»El Viejo« hat nicht bemerkt, dass sich eine Anzahl von Kindern an ihm vorbei geschlichen und im Hof hinter dem Laden unter einem Zitronenbaum versammelt hat.
Es sind sechs Buben und ein Mädchen im Alter zwischen sieben und elf Jahren. Sie haben alle etwas gemeinsam. Sie tragen dreckige Leibchen und zerrissene Hosen. Ihre Hände sind schmutzig und die Haare ungepflegt. Ihre Gesichter sind gezeichnet vom seelischen Schmerz und vom gelegentlichen »Schnüffeln«. Ihre Eltern kümmern sich schon lange nicht mehr um sie. Sie halten sich über Wasser, indem sie in der Stadt Müll einsammeln, Schuhe putzen, stehlen oder sich sogar perversen Touristen hingeben. Sie sind die vergessenen Kinder von Lima.
Nur ein zehnjähriger, grossgewachsener Junge fällt aus dem Rahmen. Sein schwarzes Haar ist gekämmt, seine Kleider sauber und das Gesicht strotzt vor Selbstsicherheit. Die Glut in den Augen verrät, dass er sich mit seinem Schicksal nicht zufrieden gibt und ehrgeizige Pläne für die Zukunft geschmiedet hat.
Routiniert wickelt er ein langes schwarzes Haar des Mädchens um seinen Zeigefinger. Juanita wartet mit gespieltem, verzerrtem Gesicht und heruntergezogenen Mundwinkeln auf den kleinen Schmerz. Sie ist es gewohnt und weiss, dass es gleich ein wenig ziepen wird, aber die anderen sollen sehen, wie tapfer sie ist. Mit einem Ruck reisst er das Haar von ihrem Kopf. Alle lachen. Mit grosser Geschicklichkeit schlingt der Junge einen Knoten um eine lebendige Ameise und zieht ihn so zusammen, dass das Tierchen noch am Leben bleibt. Zappelnd hängt die Ameise nun am unteren Ende des Haares. Geschickt lässt er sie in ein kleines Erdloch gleiten. Nach vielen Versuchen hat sie endlich angebissen.
Eine männliche ausgewachsene Grille.
Wie auf Knopfdruck sind alle plötzlich fröhlich und frei von ihren Sorgen. Sie jubeln. Jetzt sind sie Kinder. Ihre Herzen haben sich geöffnet und ihr Fest kann beginnen.
Der grosse Junge hat ihnen versprochen, dass sie heute gewinnen werden.
Sein Name ist Gerraldo »Lima« Cortes.
Nachdem er seinen Mercedes 500 geparkt hatte, hetzte er durch den strömenden Regen in Richtung seiner Wohnung am Rhein. Es waren nur etwa 300 Meter, aber es genügte, um aus einem Fotomodelltypen einen bedauernswerten Clochard zu machen.
Kein Mensch würde unter diesen Umständen freiwillig aus dem Haus gehen, dachte Liam Cortes und ärgerte sich über seine schwachsinnige Entscheidung. Der Wind und der Regen peitschten abgerissene Blätter zu tänzerischen Höchstleistungen über die Strasse, und Abfalleimer kotzten ihren stinkenden Inhalt auf den glänzenden Asphalt. Die Geräusche erinnerten an die Musik von Stockhausen. Eine Symphonie für klopfende Fensterläden und vibrierende Stromleitungen, unterlegt mit gierenden Scharnieren und heulenden Hunden. Vereinzelt sah man ein paar Schatten vorbeihuschen. Klatschnass und mit drei Einkaufstaschen, die jeden Moment auseinander fallen konnten, hatte Liam Cortes den gedeckten Eingang seines Hauses erreicht. Seine blauschwarzen Haare klebten an seinem Gesicht und das Regenwasser lief ihm unter dem blaugestreiften Versacehemd bis zu seinem Waschbrettbauch hinunter.
»Madame Zimmermann! Madame Zimmermann!«
Obwohl Liam Cortes genau wusste, dass seine Putzfrau aus dem benachbarten Elsass schon lange weg sein sollte, rief er aus Gewohnheit immer ihren Namen, bevor er seine Wohnung betrat.
Einmal war er hastig nach Hause gekommen, hatte sich rasch entkleidet und sich mit angestauten geilen Phantasien wie ein pubertierender Jüngling auf seinem grossen Bett im Schlafzimmer befriedigt.
Ob Frau Zimmermann, die unverhofft aus dem Badezimmer gekommen kam, genau gesehen hatte, was er tat, blieb bis heute ihr Geheimnis. Sie hatte nur gesagt: »Monsieur Liam, iisch bin eute später gekommen, weil die Ottomobil kaputt gegangen is.«
Nachdem er sich der nassen Kleider entledigt hatte, zog er seinen seidenen weissen Lieblingskimono mit den goldenen Initialen «LC» an, zündete sich ganz zeremoniell eine Havanna an und liess sich erschöpft auf den ledernen Millerstuhl fallen.
Die Wohnung befand sich im dritten Stock in einem Haus aus dem 16. Jahrhundert.
Mit Blick auf den Rhein zog Liam genüsslich an seiner Zigarre und liess den Rauch verführerisch durch seinen wohlgeformten Mund gleiten.
Dösend nahm er durch das Fenster die verschwommenen Konturen des Basler Münsters auf der anderen Seite des Rheins wahr.
Es war Dienstag, 17.30 Uhr.
Wie ein Schweizer Uhrwerk und mit der Disziplin eines Spitzensportlers begann Liam Cortes genau um 18.00 Uhr mit seinen Übungen, um seinen gestählten Körper in Form zu halten. Wie schon um 8.00 Uhr morgens absolvierte er ein speziell auf ihn abgestimmtes Fitnessprogramm. Nackt und mit dem unwiderstehlichen Drang, sich dabei im Wandspiegel zu bewundern, machte er sein Übungsprogramm.
Lockerungen, Kniebeugen, Liegestützen, Schattenboxen und zum Abschluss 15 Minuten auf dem modernen computergesteuerten Laufband ackern. Liam hatte mit der Zeit langsam das Programm so gesteigert, dass er am Schluss ein Leiden erlebte, das ihm immer mehr Freude bereitete. Seine Haut glänzte wie poliertes Edelholz und der süssliche Schweiss rann ihm über den ganzen Körper. Zärtlich strich er über das Tattoo auf seinem linken Oberarm. Es zeigte ein verziertes Kreuz, das von einer feinen Hand umschlungen wurde. Das Kreuz erinnerte ihn wie ein Albtraum an seine traurige Kindheit in Lima. Liam Cortes war jetzt 38 Jahre alt.
Sein Vater, ein sadistischer Ex-Nazi, wurde während der damaligen Unruhen in Peru von einem Demonstranten hinterrücks erschossen. Das war einer seiner glücklichsten Tage. Liam war damals sieben Jahre alt und von diesem Tag an wurde er jedes Jahr um drei Jahre älter.
Seine Mutter, eine überforderte, kränkliche Peruanerin, war zu schwach, um ihm und seinem älteren Bruder den nötigen Rückhalt in dieser gewalttätigen Welt zu geben. Jahrelang wurde Liam, der damals noch Gerraldo hiess, von gewalttätigen Kriminellen und rücksichtslosen Geschäftemachern ausgenutzt. Seine äussere charmante Schale überdeckte die innere Leere und das aussichtslose Suchen nach dem Licht am Ende des Tunnels. So war es, bis er im Alter von 14 Jahren während der Naturkatastrophe in Peru einen Mann getroffen hatte, der seinem Leben von einem Tag zum anderen eine neue Perspektive gab.
Auf dem Weg zum Badezimmer bemerkte Liam Cortes, dass der Telefonbeantworter drei Nachrichten anzeigte.
»Liam, ich habe mit Doktor Walliser geredet und den Termin am nächsten Freitag um 10.15 Uhr bestätigen lassen. Bitte ruf mich an, wegen morgen Mittag. Bis bald.«
»Danke!«, murmelte er vor sich hin. Seine Magenschmerzen plagten ihn schon seit geraumer Zeit und Simone, seine Sekretärin, hatte ihn zu dieser Untersuchung gedrängt.
»Wenn ich mein Geld nicht bis nächste Woche bekomme, werde ich die ganze Sache dem Staatsanwalt übergeben!«, hörte er auf der Zwei.
Das war keine ernst zu nehmende Drohung. Eher ein verzweifelter Hilfeschrei, dachte Liam Cortes. Diesen Unterschied hatte er in seiner langjährigen Tätigkeit als Finanzexperte oft erkannt. Und doch beunruhigte ihn irgendetwas in dieser Stimme.
Geld? Und was wollte er der Staatsanwaltschaft übergeben? Wer war dieser Typ mit dem offensichtlichen Akzent eines Italieners?
Ein leichtes Schaudern überfiel ihn. Immer noch nackt, drückte er abermals den Knopf am Beantworter.
»21.00 Uhr!« Man hörte noch ein leichtes Klicken und schon hatte der dritte Anrufer aufgelegt.
Liam Cortes wurde leichenblass und konnte sich gerade noch an der antiken Truhe festhalten. Die goldene Standuhr und die grazile Früchteschale aus Meissenporzellan zitterten leicht. Also doch, dachte er und setzte sich behutsam auf den fragilen Biedermeierstuhl daneben.
Du musst das durchstehen. Nur keine Schwächen zeigen. Dies ist der letzte Akt. Liam, du kannst es ... Du bist der Beste. Liam Cortes stand, immer noch beduselt, langsam auf. Schon viele Male hatte er sich mit diesen Worten motiviert und nachdem er sich mit einer Xanax das Selbstbewusstsein zurückgeholt hatte, sich wieder an seine Stärken erinnert.
Das leichte Zittern seiner linken Hand nahm Liam Cortes nicht wahr. Noch bevor er die gläserne Duschkabine mit den acht Düsen betrat, hatte er seinen löffelartig geschnittenen Nagel am kleinen Finger mit einer Prise des weissen Pulvers gefüllt und dieses durch die geröteten Nasenlöcher reingezogen. In seiner Euphorie genoss Liam Cortes die warmen Wasserstrahlen, die von allen Seiten seinen eingeseiften Körper verwöhnten. Ein verfängliches Glücksgefühl erregte ihn. 21.00 Uhr, dachte Liam Cortes, nun schon viel ruhiger.
»Nun gut. Es ist das letzte Mal.«, flüsterte er vor sich hin.
Abgetrocknet und mit einer feinen Feuchtigkeitscrème überzogen, ging Liam Cortes zum Schlafzimmerbett.
Wie immer unternahm er vor dem Anziehen auf dem beigen Bisamfell eine peinlich genaue Auslegeordnung. Alles musste stimmen und es war für ihn ein Genuss, die ausgesuchten Kleidungsstücke und Accessoires wie ein Kunstwerk zu begutachten.
Schuhe von Cumber & Mathys, Seidensocken von Riccardo, Hose und Cashmerejacke von Kiton, Krawatte von Andy Stutz, Hemd von Versace, Uhr von Lange und Söhne, Goldkette von Bulgari, Notenklammer und Brieftasche von Louis Vuitton, Ring von Cartier und ... ein neues farbiges Glücksbringerbändchen aus gezwirnter Baumwolle, das, um das Handgelenk geknotet, ewig halten sollte.
Schon als Kind hatte Liam Cortes solche einfachen fröhlichen Bändchen getragen, aber bereits nach kurzer Zeit waren sie durchgeschunden abgefallen. Er legte eine CD mit einem Klavierkonzert von Mendelssohn in die Bang & OlufsenAnlage. Dann ging er ins Badezimmer, um sich zu rasieren.
Langsam und lautlos öffnete sich die Wohnungstür und ein fast unsichtbarer Schatten huschte hinein.
Liam Cortes war gerade dabei, sein fein geschnittenes Gesicht mit Rasiercrème einzureiben, als er im Spiegel den metallischen Glanz bemerkte.
Doch es war schon zu spät.
Ein gezielter harter Schlag spaltete seinen Hinterkopf und blockierte nullkommaplötzlich all seine Nerven. Wie ein Baum fiel Liam Cortes auf den crèmefarbenen Marmorboden. Die Augen blickten starr und sein Gesichtsausdruck blieb stehen.
Das Licht seines jungen Lebens ging einfach aus. Es wurde dunkel.
Wie ein verschmitzter Junge klebt Alex Menton seine aus gedrückte Zigarette mit einem weichen Stück Brot auf die Tischplatte aus poliertem Nussbaumholz.
»Jetzt sieht der Tisch aus wie eine Installation des Schwei zer Künstlers Daniel Spoerry«, scherzt Alex im Ernst, und alle lachen, aber keiner weiss natürlich, wovon Alex redet.
Sie würden jetzt auch lachen, wenn ich ihnen sagen würde, dass das Haus hinter ihnen abbrennt, denkt Alex und versucht, seinen Gästen zu erklären, wer Spoerry ist. Doch nach der Fressorgie mit viel Rotwein und unzähligen Sherry aus Jerez scheint jeder Versuch zwecklos zu sein.
Der Tisch ist tatsächlich ein Kunstwerk. Besäuselt fragt sich Alex, ob er die benutzten Teller, Gläser, Gabeln und Messer, die Fischreste, die Gambaschalen, den eingetrockneten Safranreis, die überfüllten Aschenbecher, die herumliegenden Brotkrümel und all die anderen Überbleibsel eines üppigen Geburtstagsessens ankleben und die ganze Tischplatte im Wohnzimmer aufhängen soll. Es bleibt bei der Idee. Karin und Saskia sind die ersten, die Alex noch einmal gratulieren und sich dann französisch verabschieden. Pepe und Maria Morales geniessen das letzte Stück Erdbeertorte. Diego versucht noch einmal lallend, eine Episode mit seiner just geschiedenen Frau zu erzählen und Stefan, der deutsche Bäcker, singt zum xten Mal Guantanamera. Nur Clara, seine Haushälterin, macht eine ernste Miene. Ihr Mann ist schon vor dem Dessert eingeschlafen und darüber ärgert sie sich schon seit über 30 Jahren. Doch dass sie mit vollem Bauch und all dem Wein im Kopf das ganze Chaos aufräumen soll, ärgert sie noch viel mehr.
Alex steht überraschend auf.
»Meine lieben Freunde, ihr habt mir heute eine grosse Freude bereitet, doch jetzt jage ich euch alle zum Teufel!«, Clara will gerade etwas sagen, aber Alex schneidet ihr das Wort ab.
»Und dir, liebe Clara, möchte ich speziell danken. Du hast mir in den letzten drei Jahren mehr gegeben, als ich in den vorangegangenen 52 bekommen habe. Ich liebe euch alle und freue mich, dass ihr mir so ein schönes Geburtstagsfest beschert habt. Aber jetzt ist Siestazeit und aufgeräumt wird erst später.«
Clara unterdrückt ein paar Tränen, und langsam löst sich die angeheiterte Gesellschaft auf.
Glücklich und zufrieden über die gelungene Geburtstagsparty im Garten seines Hauses an der Costa del Sol überkommt Alex eine wohlige Müdigkeit. Er nimmt sein Buch und geht durch den Garten zu seinem Lieblingsplatz. Es ist eine alte Hängematte, die er zwischen zwei Pinienbäumen aufgehängt hat. Seit über 23 Jahren hat ihn dieses mit den Jahren abgenutzte Netz aus handgewobenen farbigen Baumwollfäden begleitet. Es hat ihm auch in hektischen Zeiten eine Ruhe vermittelt, die ihm kein noch so mit Superlativen angebotenes Bett bieten konnte. Aufgeschwatzt auf dem Markt von Tijuana hat ihm die Hamaca, wie die Mexikaner sie nennen, eine gewisse Teresa Vargas. Mit ihr erlebte er danach eine heisse Affäre und so ist es nicht verwunderlich, dass er noch immer die Leidenschaft, das Feuer und die Hingabe spürt, die er damals in dieser Hamaca empfunden hatte.
Am Ast daneben hat Alex ein selbst konstruiertes Gestell angeschraubt, das es ihm ermöglicht, mit einem kleinen Schwung Bier, Nüsschen und Schleckereien zu erreichen. Darauf ist er besonders stolz.
Diese Momente kompensieren alles Schlimme, Abgründige und Böse, das er als Kriminalkommissar in Basel erlebt und gesehen hat. Auch seine privaten Probleme kümmern ihn im Moment wenig. Es ist die Zeit, in der Uhren stehen bleiben und Glück seinen Namen verdient. Das Dämmern in eine heile und zufriedene Welt lässt ihn alle seine Sorgen vergessen.
Mit halbgeschlossenen Lidern kann Alex gerade noch beobachten, wie am Strand ein hilfloses Kind nach seiner Mutter schreit und Leute offenbar darüber diskutieren, wie man ein solch zartes Geschöpf allein lassen kann. Ein Hund bellt, eine Amsel zwitschert und eine leichte Brise vom Meer her ersetzt den verrosteten Ventilator.
Dann versinkt er in einen tiefen, festen Schlaf.
Es ist nun fast drei Jahre her, seit sich Alex Menton nach seiner Demissionierung im spanischen Andalusien niedergelassen hat. Dass er gerade hierher gekommen ist, war reiner Zufall.
Vielleicht wegen Picasso, der hier geboren wurde, seiner Vorliebe zum spanischen Rioja oder der unterdrückten Sehnsucht nach einer Teresa Vargas. Sein Instinkt hat ihm offensichtlich diesen Weg vorgegeben. Dieser Instinkt war es auch, der ihm bei der Aufklärung vieler Verbrechen geholfen hat.
Warum sollte ich diesmal falsch liegen, hat er sich in seinen zwanghaften Selbstgesprächen immer wieder gefragt. Viele seiner ehemaligen Kollegen hielten ihn für arrogant, weil er immer wieder von seiner Nase sprach, die ihm sagte, dies wäre der richtige oder der falsche Weg. Er hatte nicht immer Recht. Ab und zu lag er leider daneben. Statistisch gesehen aber überwog die Nase bei weitem. Dass einige seiner karrieregeilen Kollegen ihm daraus einen Strick binden wollten, war ihm egal. Die nach oben buckelnden und nach unten tretenden Typen hat es immer gegeben. Damals, also vor drei Jahren, wunderten sich die Feinde und freuten sich die wenigen Freunde, als sie erfuhren, dass Alex mit Sack und Pack gen Süden verreist war.
»Malaga, buenos dias«, waren die ersten spanischen Worte, mit denen er vom Schaffner in seinem Schlafwagenabteil vor Malaga geweckt wurde.
»Buenos dias«, antwortete Alex Menton phonetisch. Ausser Paella, Vino tinto und ein paar Zerquetschten sprach er kein Wort Spanisch. Aber die vielen pantomimischen Gesten wie Pfeffer, Trinken, Essen, Bezahlen oder Zahnstocher usw. würden ihn vorderhand über Wasser halten. Schon im Bus nach Cabopino, einem kleinen Fischerdorf vor Marbella, konnte er sich mit Händen und Füssen weiter helfen. Ein Segler, den er flüchtig kannte, hatte ihm den kleinen Ort an der Costa del Sol wärmstens empfohlen. Noch ein paar Kilometer und Alex war am Ziel seines neuen Lebensabschnittes.
Nachdem Alex in der kleinen Tapasbar vis-à-vis der Bushaltestelle per Handzeichen einige dieser spanischen Köstlichkeiten bestellt und mit Cerveza statt Birra wieder ein spanisches Wort gelernt hatte, fühlte er sich erschöpft, aber zufrieden.
Verflogen waren die Spannungen der letzten Monate. Hoff nung machte sich breit und mit einem verschmitzten Lächeln stiess er mit sich selbst an und wünschte sich eine wunderbare Zukunft.
Das Haus in den Dünen konnte er von Pepe Morales, einem hier bekannten Künstler, mieten. Maria, seine Frau, eine kleine pummelige Zigeunerin mit pechschwarzem Haar und mit einem ernsten Temperament, hatte es ihm gezeigt. Es war offensichtlich baufällig und heruntergekommen. Trotzdem lobte sie die Einmaligkeit, den Charme und die Lage des Hauses in einem Kauderwelschdeutsch, das man fast nicht verstehen konnte. Obwohl alles dem Zweck diente, den Preis in die Höhe zu treiben, stimmte er zu und bezahlte ihr die 3.900 Euro für die ersten drei Monate im Voraus. Er bereute es nie. Obwohl Maria den Preis vorgeschlagen hatte, blieb sie mürrisch, und Charme war offensichtlich ein Fremdwort für sie.
Da sie ihn nur nach dem Namen gefragt hatte, war anzu nehmen, dass das Geld an der Steuer vorbei geschummelt wurde. Chemisch aufgelöst würde man das in der Szene nennen.
Das erste, was Alex auffiel, war der Swimmingpool. Er war mit dicken Brettern abgedeckt und wurde offensichtlich nur noch als Flamencotanzfläche benutzt. An den Bäumen sah man noch die Eisenflanschen für die Scheinwerfer.
Das Haus war spärlich eingerichtet und an den Wänden blitzten nur die leeren, hellen Flächen der abgehängten Bilder von Pepe Morales. Dass gerade die nicht sichtbaren Bilder seine Phantasie beflügelten, wunderte ihn. Dieses Gefühl erweckte seine Neugier auf den Maler. Was für ein Mensch war dieser Pepe Morales?
Da er mehr und mehr mit der Renovierung des Hauses beschäftigt war, konnte Alex Menton die Gedanken an die zwei ungelösten schrecklichen Morde in Basel leichter verdrängen. Im Internet hatte er sich immer wieder informiert, konnte aber das Gefühl nicht loswerden, dass wieder einmal geschlampt wurde.
Sein neues Leben brachte in ihm Talente und Empfin dungen zutage, die er nie in sich vermutet hätte. Einerseits hatte er viel Freude daran, das Haus zu renovieren und andererseits genoss er eine Freiheit, die ihm bis anhin fremd war.
Wie ein Besessener hatte Alex das Buch »Mit 400 Wör tern spanisch lernen« auswendig gelernt. Sich stundenlang Hör-CDs angehört, nur um sich an den Sound der Sprache zu gewöhnen. Hatte Filme angeschaut, die er bis heute nicht verstand und zwischendurch hatte er mit Teresa Vargas als visionärer Gesprächspartnerin Konversation getrieben.
Da Alex in der Zwischenzeit aber das Nötigste an Spanisch gelernt hat, vermag er nun auch einer Diskussion mit Pepe Morales einigermassen standzuhalten.
Pepe Morales ist ein liebenswürdiger, quirliger Spanier aus Cadiz. Mit Bäuchlein, aber für seine 66 Jahre quicklebendig. Seine grauen wilden Haare und der weisse Bart vermitteln den Eindruck eines vitalen, kreativen Menschen. Seine wallenden Kleider trägt Pepe in einer Farbe, die eigentlich gar keine ist. Schwarz. Nur in seinen dunklen Augen entdeckt Alex manchmal etwas Unerklärliches. Ein grüner Seidenschal lockert das dunkle Outfit farbig auf.
Meistens trinken sie Wein, rauchen, und manchmal, wenn Alex wieder einmal nicht verstanden hat, was Pepe gesagt hat, muss er zur Strafe einen Sherry aus Jerez trinken. Einmal war er so betrunken, dass er aus Versehen vor Freude in den »Swimmingpool« sprang und sich dabei so am Kopf verletzte, dass man ihn ins Spital einliefern musste.
Die Bretter muss ich einmal wegnehmen, nimmt er sich jedes Mal vor, wenn er wieder einmal Kopfschmerzen hat.
Pepe Morales ist ihm langsam ans Herz gewachsen und er ihm offenbar auch. So entwickelte sich mit der Zeit eine echte Männerfreundschaft, wie er sie zu Hause nie erfahren konnte.
»Was hast du eigentlich in Basel beruflich gemacht?«, fragt Pepe immer wieder.
»Ich werde es dir ein andermal erzählen«, lautet stets die knappe Antwort von Alex.
Oft streiten sie über Stierkämpfe und Tierschützer, über Drogen und Alkohol, über Philosophen und Scharlatane, über Picasso und Pepe Morales, über Weiber und Geilheit und meistens lachen sie am Schluss über alte Witze . . .
Nur über Zigeuner reden sie nie.
Engumschlungen liegt Alex mit Teresa Vargas am schneeweissen Sandstrand auf einer der kleinen Inseln der Malediven. Die untergehende Sonne spiegelt sich tiefrot im glasklaren blauen Wasser. Die Cocktails auf dem Teakholztischchen sind längst warm geworden. Ihre weichen Lippen umkreisen zart seine Brustwarzen und seine Hand berührt die harten Knospen ihrer prallen Brüste. Ihre langen schwarzen Haare streicheln bei jeder Bewegung seinen gebräunten Oberkörper. Langsam öffnet Teresa das Tor der Begierde. Mit erregtem Verlangen massiert Alex ihre Backen mit beiden Händen und gefühlvoll streichelt Theresa seinen vibrierenden Schwanz mit ihren zarten Händen und flüstert ihm vulgäre Wünsche in die Ohren. Lustvoll verlangt er nach mehr.
»Señor Menton!«
»Señor Menton!«
Mit geziegerten Augenliedern und einem eingeschlafenen Bein schreckt Alex verärgert aus seiner Traumwelt auf. Die Hängematte wippt noch immer, als er endlich seinen Gärtner erkennt, der mit dem mobilen Telefon aufgeregt vor seinem Gesicht herum fuchtelt.
»Señor Menton, dieser Mensch hat schon viermal angerufen und mich gezwungen, Sie zu verbinden.«
»Was für ein Mensch?«, fragt Alex barsch.
»Un hombre de mierda.«
»Menton.«
»Alex, ich bin‘s. Ich gratuliere dir zu deinem Geburtstag und wünsche dir alles Gute und vor allem weiterhin gute Gesundheit.« Natürlich hat Menton seinen alten Kollegen Henning König sofort erkannt, aber so eine Süssholzraspelei hat er von ihm noch nie gehört.
»Was ist denn das für ein Name „Ich bin’s“?«, knurrt Alex.
»Alex, mach jetzt keine blöden Sprüche! – Hier spricht Henning König. Der neue Chef vom Kriminalkommissariat Basel –.« Sein Stolz ist nicht zu überhören.
»Was?«
»Ja mein Lieber, wir haben es endlich geschafft!«
»Ich gratuliere dir auch, aber was heisst schon „mein Lieber“ und „Wir“? Wir haben über sechs Monate lang kein Wort miteinander gewechselt und du weisst ganz genau, dass ich auf euch sauer bin.«
»Alex, wie lange kennen wir uns schon?«
»Wir kennen uns so lange, dass du wissen müsstest, dass ich mit eurer Bande nichts mehr zu tun haben will, aber wenn du mal hier unten deinen Frust abreagieren willst, bist du herzlich eingeladen. Ich habe immer ein Bett für dich bereit.«
»Danke!«
Eine spannungsgeladene Pause entsteht.
»Er hat‘s wieder getan«, sagt König deprimiert.
»Wer hat was getan?«, Alex spürt genau, was er meint. Dieser verdammte Psycho hat also schon wieder zugeschlagen, denkt er.
»Alex, ich brauche dich.«
»Was ist passiert?«
»Dieser perverse Mistkerl hat ihm einfach den Schädel entzwei geschlagen.«
»Henning, es tut mir wirklich leid, dass ihr den Fall nicht in den Griff bekommt, aber ich bin draussen ...«
»Alex!«, unterbricht ihn König. »Es geht jetzt nicht mehr um beleidigte Leberwürste oder Fehler, die gemacht wurden. Es geht um mehr.«
»Bei mir geht es jetzt auch um mehr«, kontert Alex.
»Ich begreife dich, aber ...«
»Henning, Henning, stopp! Ich lebe hier, wie ich es mir immer gewünscht habe. Ich fühle mich gesund. Mein Kopf ist wieder klar. Ich pflege meine Blumen, verwöhne meine Katzen, arbeite ständig am Haus und kümmere mich um meine Freunde. Ich koche jetzt fast wie Bocuse und geniesse das einfache Leben. Ich lese aber auch Krimis und bewundere Kommissare, die sich schinden und am Schluss kurz vor einem Herzinfarkt vielleicht den Fall lösen. Und ich habe sogar zwei Goldfische. Und deshalb bin ich definitiv draussen!«
Wie auf Knopfdruck wendet sich das Blatt.
»Alex ...« Eine quälende Pause beruhigt die aufgewühlten Gemüter.
»Darf ich dich morgen nochmals anrufen?«
»Klar, aber erwarte nichts, was in Richtung „Alex Menton wieder in Basel“ geht.«
»Ok«, erwidert König enttäuscht und verabschiedet sich.
Gereizt und enttäuscht über die Ignoranz der Presse kauft ER drei Tage nach seinem neuesten Werk erneut die Basler Zeitung. Gefasst betritt ER das Kaffee in der Basler Innenstadt.
»Ein Kaffee Crème und ein Gipfeli bitte«, sagt ER freundlich zu der netten Serviertochter.
»Mit Aschenbecher?«
»Ja, gerne«, antwortet ER verwundert.
Woher weiss sie, dass ich manchmal einen Aschenbecher brauche? Und gerade heute?, denkt ER und wendet sich der Zeitung zu.
Erregt sucht ER wieder die erhoffte Meldung auf der Titelseite. Ein Flugzeugabsturz, Terrormeldungen aus Bagdad, Schrebergartenbesitzer protestieren gegen den Bau von Luxuswohnungen, der FC Basel entlässt seinen Trainer und eine Werbung für die Vorsorge gegen Darmkrebs. Das ist alles.
Stümper, Anfänger, Idioten, flucht ER leise in sich hinein. ER bestellt noch einen doppelten Espresso und blättert gelangweilt weiter. Oberflächlich und frustriert überfliegt ER die Meldungen. Es ist mehr ein Ablenkungsmanöver, denn innerlich kocht ER vor Wut.
Als ER die zweite Seite des Lokalteiles aufschlägt, stockt ihm der Atem. Wie elektrisiert spannen sich all seine Muskeln an.
Seine Hände zittern, als ER die kleine Meldung liest:
„Liam Cortes, ein in dubiose Finanzgeschäfte verwickelter Geschäftsmann, hat sich durch Selbstmord der Justiz entzogen. Liam Cortes ist Schweizer peruanischer Abstammung und lebte seit 14 Jahren in Basel.“
Wütend zahlt ER und verlässt fluchtartig das Lokal.
Alex Menton entdeckt Pepe Morales schon von weitem. Er sitzt unter einer grossen Palme, etwa 20 Meter neben dem Eingang zum Restaurant. Bereits morgens um neun Uhr sind die meisten Plätze auf der Terrasse im „Marbella“ besetzt. Das Kultlokal liegt am Ende des wunderbaren Stadtparks inmitten von Marbella. Pepe winkt fröhlich mit seinem Strohhut. Elegant zirkelt Alex neben den vielen kleinen Tischchen vorbei und umarmt Pepe.
Pepe tunkt seinen Churro in die heisse Schokolade und mit einem verschmitzten Lächeln animiert er Alex, das Gleiche zu bestellen. Was er auch tut. Wie in einer Hitparade klingeln von überall her Handymelodien. Der Verkehrslärm hier im Zentrum ist fast unerträglich.
Falsche Uhren und CDs werden feilgeboten, ebenso Lose mit Millionengewinnen. Überhaupt scheint jedermann mit irgendetwas beschäftigt zu sein. Oder man plaudert einfach über Fussball, Gott und die übrige Welt. In dieser Reihenfolge. Es ist ein pulsierendes Leben mit dem einmaligen andalusischen Charme.
Entweder man liebt Marbella so wie es ist, oder . . ., denkt Alex und wendet sich seinem Freund zu.
»Pepe, ich möchte mit dir über etwas reden, was mir grosse Sorgen bereitet.«
Erstaunt hält dieser churrokauend inne.
»Ich bin dein Freund. Du kannst mir alles anvertrauen«, sagt Pepe mit sichtlichem Stolz.
»Du hast mich doch immer wieder gefragt, was ich vorher gemacht habe, oder?«
Pepe nickt und schaut Alex fragend an.
»Ich arbeitete bei der Polizei in Basel und war 23 Jahre lang Kriminalkommissar.« Alex schluckt und fährt fort: »Ich hatte es mit Mördern, Vergewaltigern, Kinderschändern, Drogendealern und sonstigem Gesindel zu tun.«
Pepe bleiben vor Staunen die letzten Reste im Hals stecken. Mit heiserer Stimme fragt er fast unterwürfig:
»Bist du auf Mörderjagd?«
»Nein, aber man will mich dazu überreden.«
»Wieso?«
»Das ist das Problem.«
»Man kann doch niemanden überreden, etwas zu tun, was er nicht will«, wundert sich Pepe naiv.
»Er kann es!«
»Wer?«
»Henning König, der neue Chef des Kriminalkommissariats Basel.«
»Wieso?«
»Weil er mich kennt. Inund auswendig kennt«, sagt Alex ruhig.
»Und das reicht?«
»Ja, manchmal.«
»Also diesmal?«, fragt Pepe mit wachsender Neugier.
»Ich hoffe nicht.«
Alex erzählt Pepe die Geschichte mit seinem Fauxpas.
»Vor ungefähr dreieinhalb Jahren war ich für die Ermittlungen in einem Mordfall zuständig. Eine Mutter von drei Kindern hatte ihren Ehemann mit einem Messer in dessen Büro getötet. Vorsätzlich. Die 40-jährige Frau wurde als Verdächtige verhaftet. In den vielen Verhören hatte sie mir gestanden, dass ihr Mann eine Tochter im Alter von zehn Jahren sexuell missbraucht hatte. Immer wieder. Ihr Mann war in Basel ein angesehener Geschäftsmann mit Beziehungen zu den höchsten Kreisen. Er war Alkoholiker und äusserst gewalttätig. Sie hatte ihm immer wieder gedroht, ihn anzuzeigen, aber er hatte sie nur ausgelacht. Als die verzweifelte Frau nicht mehr weiter wusste, hat sie ihn getötet«
»So ein Sauhund! Den hätte ich auch umgebracht«, unterbricht ihn Pepe aufgeregt.
»Ich auch!«
»Erzähl weiter!«
»Ich habe also gesehen, dass die arme Frau auf Grund der Beweise als Mörderin verurteilt werden würde und die drei Kinder in irgendeinem Heim landen, wo sie ihre Kindheit verlieren. Ich habe darauf meine Abschlussberichte so manipuliert, dass die Frau aus Notwehr gehandelt hatte. Das Gericht hat sie wegen meiner Aussagen und der Berichte freigesprochen.«
»Bravo«, freut sich Pepe und klopft Alex auf die Schultern.
»Pepe, sie hat ihn ermordet. Es war ein Fehler.« Alex wischt sich nervös die Schokoresten von seinen Lippen.
»Aber das Schwein hat es verdient!«, ereifert sich Pepe und streift mit seiner Hand mafiaähnlich über seine Gurgel.
»Es gibt ein Gesetz. Und das gilt für alle«, sagt Alex und gleichzeitig denkt er an die vielen Fehlurteile.
»Aber es weiss doch niemand davon«, bohrt Pepe weiter.
»Ich hatte danach einfach genug. Ich konnte nicht mehr. Henning König war damals über Jahre mein Kollege. Er hatte mir während einer gefährlichen Aktion sogar das Leben gerettet. Jetzt ist er der neue Chef. Es sind drei grausame Morde unaufgeklärt, die scheinbar zusammenhängen. König will die Fälle sofort gelöst haben. Er hat aber keine geeigneten Mitarbeiter für diesen aussergewöhnlichen Fall. Die Bevölkerung ist beunruhigt und hat Angst. Und die Schreibtischpolitiker wollen endlich Resultate. Zudem braucht König gerade jetzt einen Erfolg, um seine neue Position zu festigen.«
»Und er, dein Freund, will dich dazu zwingen?«
»Ja.«
»Wie?«, Pepe wartet gespannt.
Es entsteht eine lange Pause, bevor Alex antwortet.
»Henning König und ich teilten uns jahrelang ein Büro. Wir haben viele Fälle zusammen bearbeitet und er weiss, dass ich eigentlich durch und durch Polizist bin. Ich konnte damals die Brutalität einfach nicht mehr ertragen, auch dass Gerechtigkeit mit zweierlei Ellen gemessen wird. Ich konnte meine Kollegen nicht mehr ertragen. Ich hatte genug! Ein Burnout, wie man heute sagen würde.
Zudem hatte ich lange Zeit meine Mutter gepflegt. Leider ist sie dann viel zu früh gestorben. Ich habe etwas geerbt und ein Traum schien in Erfüllung zu gehen. Frei sein. Neu anfangen. Eine Zukunft haben.
Jetzt in der Not will König mich überreden, den Fall zu übernehmen. Er hat mich in den letzten Tagen immer wieder bearbeitet und ich habe jedes Mal nein gesagt. Dummerweise aber kann ich seine Situation verstehen.«
»Du willst den Fall übernehmen?«, vermutet Pepe.
»Ein Serienkiller spaltet Leuten den Schädel, schneidet ihnen Gliedmasse ab, sticht ihnen die Augen aus und versaut mit deren Blut spöttisch den Tatort«, ereifert sich Alex. Pepe schweigt.
»Soll ich Schokodrinks und Churros geniessen und zusehen, wie dieses Schwein sein nächstes Opfer abschlachtet?«, rechtfertigt sich Alex ärgerlich.
»Er will dich doch nur nötigen, weil er Angst hat, seinen Job zu verlieren«, sagt Pepe mit vorwurfsvollem Unterton.
»Warum malst du deine Bilder?«, fragt Alex Pepe plötzlich. Verwirrt schaut Pepe ihn an.
»Weil ich es gerne mache. Und weil ich es kann«, antwortet er mit sichtlichem Vergnügen, merkt aber sofort, dass er in die Falle gelaufen ist.
»Eben.«
Nach kurzem Nachdenken versteht Pepe die immer noch vorhandene Leidenschaft von Alex.
Die beiden unterschiedlichen Männer tauschen noch ein paar Gedanken aus und verabreden sich für den nächsten Tag zum Frühstück in Mentons Haus.
Alex Menton hatte schlecht geschlafen. Es ist erst sieben Uhr morgens. Nervös geht er im Wohnzimmer auf und ab. Er schlürft seinen Espresso und beobachtet eine der vielen wilden Katzen, die hungrig an der Fensterscheibe kratzt. Schon seit langer Zeit hat er immer wieder Träume gehabt, die ihn erschrecken und die er einfach nicht deuten kann.
Haben diese Träume wirklich einen Bezug zur realen Welt?, fragt er sich immer wieder.
In seinem letzten Traum tauchten unwirkliche, hässliche Kreaturen auf. Er sass mit ihnen an einem schrägen Tisch, der mit Zeitungsausschnitten überklebt war. Sie pokerten. Die drei Gegner grinsten gespenstisch, und mit blutverschmierten Händen legten sie ihre Fullhouse, Strassen oder vier Könige auf den Tisch. Sie streiften gierig den aufgehäuften Pott ein und für einen kurzen Moment lang glaubte Alex, die Gesichter erkennen zu können. Vor ihnen türmten sich die Chips und er versucht verzweifelt mit seinem letzten Geld das Ruder herum zu reissen. Dann, wie durch Geisterhand, schrumpften die drei Gestalten zu kleinen,= hässlichen, grünen Gartenzwergen mit widerlichen Fistelstimmen zusammen. Sein weinroter Kopf schien zu platzen und noch bevor er schweissgebadet erwachte, stürzte sich eine riesige schwarze Katze auf die davonrennenden Gnome.
Was zum Teufel soll denn das bedeuten?, fragt sich Alex, immer noch müde und verwirrt. Er zieht sich ein paar zerlumpte Hosen und ein kariertes Holzfällerhemd an. Er streicht über seinen Dreitagebart und glättet die wilden Haare mit seinen Händen. Im Garten neben dem Swimmingpool hat Alex einen Kaktusgarten angelegt, der ihm viel bedeutet, aber auch eine endlose Sammlerleidenschaft bewirkt hat. Die aufgehende Sonne überzieht die Dünen mit einem hellen, gelben Schimmer und die ersten Hunde führen ihre Herrchen am Strand spazieren. So sieht es wenigstens Alex. Mit Schaufel und Hacke pflanzt er ein neues Exemplar in die Erde.
Der Acanthocalycium spiniflorum hat offenbar etwas dagegen. Obwohl Alex sonst immer Handschuhe trägt, hat ihn dieser kleine grüne Querkopf gerade jetzt erwischt. Einige Dornen stecken in seinem Daumen und Zeigefinger. Wie ein kleines Kind an der Mutterbrust versucht Alex, den widerlichen Eindringlingen mit Lutschen und Saugen den Garaus zu machen. Sein Knie schmerzt, und obwohl es ihm bei dieser Arbeit immer wieder schwindlig wird, freut er sich doch jedes Mal über das Resultat.
Bis 9 Uhr habe ich Zeit, um über die Situation nachzudenken, überlegt Alex und macht sich auf den Weg zum Haus.
Die Bretter über dem Swimmingpool hat er längst abgebaut und die vielen unfertigen Bilder, die darin gelagert waren, sorgfältig im Haus deponiert.
Sobald die Zeit gekommen ist, werde ich mit Pepe darüber reden, sinniert Alex und setzt sich mit einem frischen Espresso auf die Couch mit den bunt bedruckten Tüchern.
Noch bevor er richtig sitzt, klingelt das Telefon.
»Hallo!«
»Henning!«
»Ist es nicht ein bisschen früh für einen Nachtschwärmer wie dich?«, provoziert Alex seinen Ex-Kollegen.
»Wenn einer schwärmt, bist du es. Hier ist der Teufel los. Die Zeitungen heute morgen sind voll mit Spekulationenüber den „Selbstmord“ von Liam Cortes.«
»Aber diese Massnahme war doch nötig, um Zeit zu gewinnen und um die Leute nicht noch mehr zu beunruhigen, oder?«
»Das schon, aber die Journalisten stellen Fragen.«
»Hast du den Tatort versiegelt?«, fragt Alex und stellt erschrocken fest, dass er schon mit einem Bein in dem Fall drin ist.
»Klar, aber irgendjemand hat Gerüchte gestreut!«
»Was für Gerüchte?«
»Dass an dem Selbstmord etwas faul ist.«
»Aber die Sache steht doch unter strenger Geheimhaltung.«
»Natürlich, aber vielleicht gibt es bei uns eine undichte Stelle. Verstehst du nun das Problem?«
Henning König ist zwar ein Karriereschleimer, aber mir gegenüber war er bis jetzt immer loyal, geht es Alex durch den Kopf. Über Jahre hinweg haben beide am gleichen Strick gezogen.
»Alex, ich weiss, was du von mir denkst«, hakt Henning nach.
»Aber du musst mir jetzt helfen. Ich werde dir jegliche Unterstützungen anbieten, mehr Kompetenzen oder was du sonst noch brauchst. Aber bitte, zwing mich nicht zu anderen Massnahmen.«
Hört sich das nach einer Drohung oder Verzweiflung an?, fragt sich Alex und überlegt, wie er da rauskommt, ohne das Gesicht zu verlieren.
»Henning, ich brauche 24 Stunden Zeit, dann werde ich dir eine Antwort geben«, erklärt er scharf und verabschiedet sich mit einem kühlen Unterton.
Es ist neun Uhr, als Pepe Morales mit einem fröhlichen Gesicht zur Tür hereinkommt. Unter dem Arm trägt er frische Gipfeli von Stefan und ein Glas Orangenkonfitüre.
»Die ist von Maria. Sie lässt dich grüssen und bedankt sich nochmals für das hervorragende Geburtstagsessen.«
Was für eine nette Überraschung, geht es Alex durch den Kopf und bedankt sich ebenfalls.
Die beiden setzen sich und essen die Mitbringsel mit gebratenem Speck und Eiern. Und viel Kaffee.
Mehr als zwei Stunden lang diskutieren die beiden Freunde sehr lebhaft. Alex hat alle Karten auf den Tisch gelegt und Pepe versucht, seine ehrliche Meinung zu sagen. Obwohl Pepe keine Ahnung von der Polizeiarbeit hat, sieht er die Dinge sehr unkompliziert und sachlich.
»Wenn ich du wäre«, sagt Pepe nach langem Hin und Her, »würde ich den Fall übernehmen, abschliessen und dann wie frisch gebügelt wieder hierher kommen. Schluss und Amen.«
»Aber du bist nicht ich!«, argumentiert Alex.
»Gerade deswegen.« Eine kurze Pause reicht gerade aus, um frischen Kaffee nachzuschenken, als Pepe fortfährt: »Im Grunde genommen hast du dich doch schon entschieden. Aber dein verletzter Stolz hindert dich, das zuzugeben. Hab ich Recht?«
Eine Gerade ist immer der kürzeste Weg zum Ziel, das weiss Alex und wundert sich über die clevere Direktheit seines Freundes. Er hat seinen Nerv getroffen.
»Es ist nicht nur der Stolz«, sagt Alex angezählt. »Es ist die Gesellschaft, die immer mehr den Bach runtergeht. Es ist der Dreck. Mörder laufen frei herum, nur weil sie eine verschissene Jugend gehabt haben sollen. Millionenbetrüger sind nach zwei Jahren Untersuchungshaft wieder frei. Politiker lassen sich bestechen und als Belohnung werden sie noch befördert. Manager geben Schwindel erregende Gewinne bekannt, kassieren Supergagen und entlassen am anderen Tag ein paar hundert Leute. Schmarotzer zocken den Staat ab und falsche Asylanten werden in gepflegten Unterkünften durchgefüttert. Lehrer laufen in Damenunterwäsche herum, bis sie erwischt und mit einer Pension verabschiedet werden. Junge Möchtegernmaler verschmieren die Stadt und es wimmelt von Drogenhändlern aus allen Nationen.
Wenn aber eine alte Frau nicht mehr weiter weiss, muss sie von Pontius zu Pilatus laufen, um einen kleinen Zustopf zu erhalten, obwohl sie eine Familie durchgebracht und immer Steuern und AHV bezahlt hat. Es ist der Dreck, Pepe. Es ist der Dreck.« Alex hat sich so ereifert, dass er nach Luft schnappen muss. Er ist froh, dass er frisch von der Leber weg, seinem Frust freien Lauf lassen kann. Er hat sicher übertrieben, aber es tut ihm gut.
»Und gerade deshalb musst du es tun!«, kontert Pepe energisch.
Spätestens jetzt weiss Alex Menton, dass er Henning König nicht mehr ausweichen kann.
»Pepe, ich habe einen Plan.«
Noch bis nach dem Mittag plaudern die zwei über alles Mögliche. Auch über Kunst. Alex erzählt Pepe von der Kunstmesse „ART“, die jedes Jahr in Basel stattfindet. Erzählt von den über zweihundert Galerien aus aller Welt. Erzählt von Baselitz mit seinen Kopfüberbildern, von Tinguely mit seinen Schrottmaschinen, von Fontana mit seinen aufgeschlitzten Leinwänden oder von Dieter Roth, der sein ganzes Atelier zu Kunst erklärt hat. Auch von den Bildern im Pool. Als Alex vom Pool spricht, flackern Pepes Augen traurig auf.
Pepe Morales ist ein Naturbursche und seine Bilder strahlen eine positive und farbenfrohe Fröhlichkeit aus. Er hat in Madrid Kunst studiert und ist ein Meister in seiner Technik, Ölfarben mit anderen Materialien zu mischen und dadurch undefinierbare tolle Bilder zu schaffen.
Doch ist es Alex aufgefallen, dass Pepe sich dem Kommerz gebeugt hat und auf den künstlerisch interessanten Untergrund gefällige Motive malt. Natürlich ist Pepe hier im Süden von Spanien bekannt und verkauft auch seine Bilder so gut, dass er recht und schlecht davon leben kann. Aber ist das alles?, fragt sich Alex.
»Pepe, ich habe einen Plan«, sagt Alex erheitert zum zweiten Mal und sein Freund schüttelt verwundert den Kopf.
Melanie Jäger-Ricciardi bereitet in der Küche gerade das Mit tagessen für die ganze Familie zu, als Martin gähnend und immer noch im Pyjama zur Tür hereinkommt.
»Was machst denn du hier?«, sagt Melanie sichtlich überrascht.
»Ich habe verschlafen und heute wäre sowieso früher Schluss gewesen«, antwortet Martin verlegen.
Melanie täuscht mit einem Lächeln Verständnis vor, aber innerlich weiss sie genau, dass er gelogen hat. Seit geraumer Zeit geht das nun so und Melanie macht sich grosse Sorgen. Martin ist erst 17 Jahre alt und für ihn ist im Moment alles Hip oder Hop, tröstet sie sich aber immer wieder.
»Das Essen ist um halb eins parat. Und bitte mach dich zurecht und sei pünktlich«, mahnt sie subtil.
»Ich habe keinen Hunger«, ist seine stereotype Antwort.
Er ist auch so dünn geworden, stellt Melanie fest, als Martin wieder zur Tür hinaus schlurft.
Tränen laufen Melanie über die geröteten Wangen. Siehatte gerade Zwiebeln geschnitten und wie immer hat sie die Luft angehalten und mit halbgeschlossenen Augen versucht, der Zwiebeltraurigkeit zu entgehen.
Am Abend ist es leider zur Gewohnheit geworden, dass sich jeder nach Lust und Laune selber verköstigt. Das hat sich so ergeben, weil ihr Mann, Aurelio Ricciardi, meistens sehr spät von seiner Galerie nach Hause kommt und jeden Dienstag sowieso bei seiner Clique ist. Auch Nadine erscheint nach dem Volleyball meistens später. Auf dem gemeinsamen Mittagessen hat sie aber energisch bestanden und alle halten sich auch daran. Meistens. Melanie freut sich immer, am Morgen in die Stadt zu gehen, Freundinnen zum Klatsch zu treffen und alles Notwendige einzukaufen. Das Kochen macht ihr viel Spass und dabei gönnt sich Melanie auch hin und wieder ein kleines Gläschen.
Mit ihren lässigen Jeans und dem heraushängenden karierten Herrenhemd wirkt Melanie wie eine rassige Mittdreissigerin. Ihre blonden Haare hat sie schnippisch mit einer Schmetterlingsspange auf dem Hinterkopf zusammengefasst.
Die Küche ist gemütlich nach Melanies Geschmack eingerichtet. Die Bauerneckbank und die Stühle aus Föhrenholz sind mit einem blumigen Stoff überzogen. Eine überdimensionale Lampe zum Herabziehen beleuchtet die grosse Tischfläche. Kleine Kakteen säumen den Fenstersims und an den Wänden hängen kleinformatige Bilder von Künstlern aus der Galerie. Überall hat Melanie Erinnerungsstücke aus vergangenen Zeiten aufgehängt. Viel Schnickschnack, aber für sie von enormer Bedeutung. Die Kinder lachen sie deswegen zwar aus, aber das stört sie nicht. An die korküberzogene Kühlschranktür sind Fotos ihrer Kinder, Ferienschnappschüsse und Postkarten aus aller Welt gepinnt. Eine zeigt einen goldenen Sonnenuntergang im Süden Spaniens. Diese Karte erinnert sie immer wieder an Alex Menton.
Melanie ist eigentlich eine frohe Natur, aber in den letzten Monaten sind dunkle Wolken aufgezogen. Wie viel Tränen muss ein Mensch vergiessen, bis die Quelle versiegt, fragt sich Melanie immer wieder. Nach dem viel zu frühen Tod ihres ersten Mannes lebte Melanie mit ihren Kindern einige Jahre allein. In Aurelio Ricciardi fand sie schließlich einen neuen Partner, der ihr wieder ein Selbstwertgefühl vermittelte und eine Schulter, an die sie sich anlehnen konnte. Schon nach kurzer Zeit heirateten sie. Auch ihre Kinder freuten sich und es schien alles gut zu gehen.
Die neue Familie zog nach kurzer Zeit in das alleinstehende Haus auf dem Bruderholz, oberhalb von Basel. Neben dem Haus ist eine weitläufige Anlage mit Schrebergärten. Alle freuten sich und emsig haben sie an einem Strick gezogen, bis das Haus endlich renoviert und nach ihren Wünschen eingerichtet war.
Danach hat sich die Situation rapide verschlechtert. Martin ist vielmals abgeschlafft und lustlos nach Hause gekommen. In der Schule hat er Probleme und auch sein Umgang mit dubiosen Typen macht Melanie zu schaffen.
Nadine hat sich zu einem Persönchen gemausert, das ihren eigenen Willen unbedingt durchsetzen will. Leider hat sie gegen Aurelio eine Abneigung entwickelt, obwohl er sich immer um sie gekümmert hat.
Die Galerie läuft gut, aber Aurelio hat immer weniger Zeit für Melanie. So muss sie mit all den Sorgen alleine fertig werden. Melanie ist eine vom Leben geprüfte starke Frau und ihre Familie ist ihr Ein und Alles. Nach aussen hin verschweigt sie ihre Probleme und immer wieder versucht sie, das Ruder fest in ihren Händen zu halten.
Wenn Alex hier wäre, könnte ich wenigstens mit einem Menschen darüber reden, denkt Melanie. Schon öfters hat sie den Telefonhörer nach der letzten gewählten Ziffer seiner Nummer einfach wieder aufgehängt.
In der Pfanne braten Kartoffeln mit Rosmarin und die Pfeffersauce mit einem Schluck Rotwein köchelt wohlriechend vor sich hin. Für Nadine hat sie sogar Extrazwiebeln und zwei Rüben hineingelegt. Mit dem Fleisch wartet Melanie noch, bis alle am Tisch sitzen. Es gibt sowieso vorher einen Salat, den ausnahmsweise alle gern haben.
Durchs Küchenfenster sieht Melanie Nadine mit demPöstler streiten.
»Ich will, dass Sie meine Briefe nur mir aushändigen«, fordert sie energisch und der Pöstler kann sie nicht davon überzeugen, dass das nicht geht.
»Ich möchte nicht, dass sie mein Bruder in die Hände bekommt«, bittet sie nun charmant und der Pöstler verabschiedet sich mit dem Versprechen: »Ich schau, was ich machen kann.«
Zufrieden kommt Nadine in die Küche und küsst Melanie auf die immer noch roten Wangen. Der Wagen von Aurelio fährt auch gerade in die Garage und Melanie legt jetzt die zarten Rindsfilets in die heisse Pfanne. Nachdem alle drei schon die ersten Tomaten gegessen haben, schleicht sich Martin, offenbar doch hungrig, an den fein gedeckten Tisch. Auch heute diskutieren sie lebhaft über die Luxusüberbauung, die auf dem Areal der Schrebergärten gebaut werden soll. In dieser Sache sind sich alle einig. Sie werden gemeinsam gegen das Projekt ankämpfen.
Erfreut über die Einigkeit und die Komplimente, die sie für ihre Kochkünste bekommt, vergisst Melanie für kurze Momente ihre Sorgen.
Schon lange hat Alex Menton nicht mehr so gut geschlafen. Keine Träume. Kein Schweiss. Keine bösen Vorahnungen. Seit sieben Uhr ist er hellwach.
Die unerwarteten Vorkommnisse der letzten Tage haben Alex aufgewühlt, verunsichert und ihn an eine Welt erinnert, die er für immer verlassen wollte. Fragen sind aufgetaucht, die er sich nie stellen wollte.
Nachdem er sich entschieden hat, nach Basel zurückzukeh ren, kommt es ihm vor, als hätte er all den Ballast über Bord geworfen, den er unverarbeitet die letzten drei Jahre mit sich herumgeschleppt hat. Eine ihm bisher unbekannte Melancholie übermannt ihn. Eine Traurigkeit, die ihm gleichzeitig ein angenehmes Glücksgefühl vermittelt.
Seitdem Alex gestern Abend mit Henning König telefo niert hatte, spürt er wieder die alte Vertrautheit, die jahrelang die Basis für eine gute Zusammenarbeit war. Sie hatten das weitere Vorgehen besprochen, und Henning war einverstanden, dass Alex für die Untersuchungen zwei eigene Mitarbeiter bekommt. Auch die Kompetenzen, die Alex forderte, bewilligte Henning sofort. Eine möblierte Wohnung wird Alex ebenso gestellt wie ein Büro für sein unabhängiges Team. Zum ersten Mal wurde ihm während des Telefonats wieder bewusst, dass er seine Arbeit als Polizist vermisste. Er erkannte, dass er das verdrängt hatte, was seinem Leben eigentlich immer einen Sinn gegeben hatte.
Mit seinem gewohnten Espresso in der Hand schaut Alex in sich gekehrt in den sorgfältig gepflegten Garten hinaus. Alex denkt an Martha. Nach langer Zeit zündet er sich wieder einmal eine Zigarette an und zieht den Rauch mit schlechtem Gewissen genüsslich in seine Lungen.
Wie ein Film im Schnelldurchlauf rollen drei Jahre Anda lusien vor seinem geistigen Auge ab. Mit Wehmut sieht er die Bilder vor sich. Seine Ankunft als Fremder in einer neuen Welt. Maria beim Vermieten des Hauses. Seine Geburtstagsparty. Pepe, sein Freund. Flamencotänze. Paella. Freudige Gesichter von Bekannten tauchen auf. Feste. Und ... Teresa Vargas. Wie auf einer Achterbahn rauschen die Stationen und Stimmungen immer rasanter an ihm vorbei. Seine Mimik wandelt sich von Freude über Staunen in ein dankbares Lächeln.
Das schrille Klingeln des Telefons reisst Alex aus seinen Gedanken, und beinahe hätte er vor Schreck seinen Espresso verschüttet.
»Hallo.«
»Wenn du denkst, du könntest einfach so abhauen, hast du dich aber gründlich getäuscht«, dröhnt es aus dem Hörer.
»Genau das habe ich vorgehabt«, kontert Alex spöttisch.
»Maria möchte, dass du um 13.00 Uhr zu einem Lunch bei uns vorbeikommst ... und Ausreden gelten nicht!«
»Ich kann nicht ...«
»Ich habe dir erklärt, dass es keine Ausreden gibt«, betont Pepe energisch.
»Ich wollte nur sagen: Ich kann nicht zu euch kommen, ohne dass wir beide uns vorher gesehen haben. Ein Abschied unter Freunden. Verstehst du?«
»Natürlich kapiere ich das, aber ich wäre ohnehin bei dir aufgekreuzt. Ich habe extra eine Flasche vom besten Sherry gekauft.«
»Damit ich wieder in den Pool springe?«
»Diesmal springen wir beide. Also, mein Freund, dann bis später.«
Ich werde dich sehr vermissen, denkt Alex, und macht sich für einen letzten Spaziergang bereit.
Im dunkelblauen Jogginganzug und in ausgelatschten Turnschuhen verlässt er das Haus in Richtung Meer. Um seinen Hals hat er einen leichten Baumwollschal gewickelt. Vorbei am inzwischen mit Wasser gefüllten Swimmingpool bewundert er seinen tropischen Kakteengarten. Habt keine Angst, ich komme wieder, denkt er lächelnd im Vorübergehen.
Die Dünen, in denen sich an heissen Tagen Menschen verschiedenster Herkunft, Berufe und Orientierungen aalen, sind leer. Vereinzelt sieht man noch hinter den Büschen Einbuchtungen im Sand, die zwei Silhouetten auf einem frisch gemachten Bett ähneln.
Über jeden Meter bis zum Meer könnte Alex eine brisante Geschichte erzählen. Eine leichte Brise von Westen her zieht über das ganze Strandgebiet vor Marbella. Alex zieht genüsslich die frische Morgenluft in seine Lungen. Wie eine Pumpe saugt er die Energie in seinen Körper.
Nun wird er nach Basel gehen, den Fall lösen und wie frisch gebügelt wieder zurückkommen – genau wie Pepe es prophezeit hat. Er muss lachen, wenn er an die Direktheit seines Freundes denkt. All seine Bedenken, seine Zweifel, seine Abneigungen und sein inneres Auflehnen sind verschwunden. Seine Gedanken verweilen jetzt schon bei den grässlichen Taten, und seine Wut hat sich in sachliches Denken verwandelt. Er fühlt sich verpflichtet. Sein Urtrieb hat sich zurückgemeldet.
