Die Nacht hat viele Augen - Shannon McKenna - E-Book

Die Nacht hat viele Augen E-Book

Shannon McKenna

4,6
8,99 €

Beschreibung

Der Sicherheitsexperte Seth Mackey weiß alles über die Frauen, mit denen sich sein Boss, der Millionär Victor Lazar, schmückt. Doch die junge Raine Cameron ist eindeutig etwas Besonderes. Nacht für Nacht beobachtet Seth sie auf einem Dutzend Videobildschirmen. Ihre verletzliche Schönheit weckt eine glühende Leidenschaft in ihm. Seth ermittelt im Geheimen gegen Victor, denn er ist überzeugt, dass dieser seinen Halbbruder ermordet hat. Und er fürchtet, Raine könnte sein nächstes Opfer sein. Doch Raine hat ihre eigenen Gründe, warum sie an Victor Rache nehmen will. Um ihren Plan in die Tat umzusetzen, braucht sie Seths Hilfe.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 707




Inhalt

Titel

Prolog

1

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3

4

5

6

7

8

9

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Impressum

Shannon McKenna

Roman

Ins Deutsche übertragen von Isabell Bauer

 

Prolog

Es war immer der gleiche Traum.

Das Segelboot ihres Vaters trieb langsam vom Ufer weg. Die Wolken wurden dunkler. Der Wind nahm zu und peitschte das Wasser zu weiß gekrönten Wellen auf, deren Schaum bis zu ihren Füßen spritzte. Die Furcht lag ihr so schwer im Bauch wie ein kalter Stein. Weiter und weiter trieb das Boot davon. Blitze zuckten, Donner grollte.

Dann stand sie mit ihrem Vater vor einem Obelisk aus schwarzem Marmor. Ihr Vater hatte seinen Arm um ihre Schultern gelegt, sein gut aussehendes Gesicht war blass und seine Miene düster. Er deutete auf den Obelisken. Sie erkannte, dass es ein Grabstein war.

Angst durchzuckte sie. Es war der Grabstein ihres Vaters. Sie beugte sich vor, um seinen Namen zu lesen und die Daten seiner Geburt und seines Todes. Die Einkerbungen im Marmor schienen feucht und dunkel zu sein. Mehr als feucht, sie troffen von einer dunklen Flüssigkeit. Sie quoll heraus und suchte sich über die blanke Oberfläche des Marmors in langen, gewundenen blutroten Strömen ihren Weg. Blut.

Entsetzt sah sie wieder zu ihrem Vater auf, aber er war nicht mehr ihr Vater. Er war zu ihrem Onkel Victor geworden, dessen Augen silbergrau leuchteten, und seine Zähne wirkten weiß und seltsam scharf. Jetzt lag sein muskulöser Arm um ihre Schultern, und er drückte sie an sich, bis sie glaubte, ihre Lungen müssten platzen.

Nach Atem ringend wachte sie auf, und ein Schrei steckte ihr noch in der Kehle. Mit großen Augen starrte sie in die Dunkelheit. Sie versuchte, zu Atem zu kommen, versuchte, ihr hämmerndes Herz zu beruhigen.

Sie fragte sich, wie lange es dauern würde, bis es dem Traum gelang, sie in den Wahnsinn zu treiben.

 

1

21:46 Uhr

Im Halbdunkel des Raums leuchtete der Monitor unheimlich blau, aber die verschiedenen Fenster auf dem Bildschirm blieben hartnäckig dunkel. Seth Mackey warf einen Blick auf seine Uhr und trommelte mit den Fingern auf die Schreibtischplatte. Ihr Tagesablauf veränderte sich nie. Sie musste jede Minute nach Hause kommen.

Er hatte wichtigere Dinge zu tun. Er musste Hunderte Stunden Audio- und Video-Aufzeichnungen durchsehen, aber selbst mit Kearns hochgetunten digitalen Signalprozessorfiltern brauchte es seine Zeit, die Analysen durchzuführen. Er sollte zumindest die Signaldisplays beobachten oder die anderen Überwachungssites überprüfen. Alles, nur nicht das hier.

Er starrte immer noch auf den Bildschirm und versuchte, die heiße Erregung, die seinen Körper durchflutete, mit dem Verstand in den Griff zu bekommen. Die unzähligen Stunden von digitalem Videomaterial, die er von ihr gesammelt hatte, reichten einfach nicht. Er brauchte sie live und in Echtzeit.

Wie ein Junkie seinen Schuss.

Er fluchte, als sich dieser Gedanke in seinem Kopf breitmachen wollte, und er verdrängte ihn schnell. Er brauchte nichts – nicht mehr. Nach Jesses Tod hatte er wieder ganz von vorn angefangen. Er war so cool und unabhängig wie ein Cyborg. Sein Herzschlag veränderte sich nicht, seine Handflächen schwitzten nicht. Sein Ziel war klar und eindeutig. Es leuchtete in der Dunkelheit seines Gehirns so strahlend wie ein leitender Stern. Der Plan, Victor Lazar und Kurt Novak zu vernichten, war das Erste, was Seths Interesse in den zehn Monaten überhaupt wieder erregt hatte, seit sein Bruder Jesse von ihnen ermordet worden war. Dadurch hatte er sich auf wunderbare Weise nur auf diese eine Sache konzentrieren können – bis vor drei Wochen.

Die Frau, die gleich die Räume betreten würde, die er auf seinen Monitoren überwachte, war die zweite Sache.

Die mit einem Licht- und Bewegungsmelder verbundene Kamera, die die Garage beobachtete, sprang an. Er versuchte zu ignorieren, wie sich sein Puls beschleunigte, und warf einen Blick auf seine Uhr. 21:51 Uhr. Sie war seit sieben Uhr heute Morgen im Büro gewesen. Er hatte sie über die Kameras beobachtet, die er im Büro von Lazar Import und Export versteckt hatte, aber das war natürlich nicht dasselbe. Er wollte sie ganz für sich allein haben.

Der Wagen kam herein, die Scheinwerfer verloschen. Sie saß so lange zusammengesunken in ihrem Wagen, dass die Kamera sich abschaltete und das Fenster auf dem Bildschirm dunkel wurde. Er stieß einen Fluch aus und nahm sich vor, den Vorlauf von drei auf zehn Minuten zu erhöhen, während er einen Befehl eintippte, damit die Kamera auf Infrarot umschaltete. Das Bild erschien erneut, in einem unwirklichen Grün. Sie saß noch weitere zwei Minuten im Wagen und starrte ausdruckslos in das Dunkel der Garage, bevor sie schließlich ausstieg.

Die beiden anderen Kameras sprangen pflichtbewusst an, als sie die Tür aufschloss und in die Küche ging. Sie goss sich ein Glas Wasser ein, nahm die Hornbrille ab und rieb sich die Augen, wobei sie sich an die Spüle lehnte. Sie legte den Kopf in den Nacken, während sie trank, und entblößte dabei ihren schlanken, zarten Hals.

Offenbar versuchte sie, ihr Äußeres mit der Brille etwas härter erscheinen zu lassen. Das gelang ihr allerdings in keiner Weise. Die Kamera, die er in der Backofentür versteckt hatte, zeigte ihr blasses Gesicht, ihr entschlossenes Kinn, die Schatten unter ihren Augen.

Er zoomte auf ihre Augen. Ihre geschwungenen Brauen und langen Wimpern hoben sich dramatisch dunkel gegen ihre blasse Haut ab. Er hätte sie für eine gefärbte Blondine gehalten, wenn er nicht verdammt gute Gründe dafür gehabt hätte, genau zu wissen, dass ihr Blond absolut echt war. Sie schloss die Augen. Ihre Wimpern warfen Schatten auf ihre feinen, hohen Wangenknochen. Ihre Mascara war verschmiert. Sie sah erschöpft aus.

Lazars neues Sexspielzeug zu sein, musste anstrengender sein, als sie es sich vorgestellt hatte. Er fragte sich, wie sie mit ihm zusammengekommen war. Und ob sie viel zu tief drinsteckte, um jemals wieder herauszukommen. Die meisten Leute, die sich mit Lazar einließen, merkten bald, dass seine Schlinge um ihren Hals lag. Und dann war es natürlich längst zu spät.

Es gab keinen objektiven Grund, sie weiterhin zu beobachten. Nachdem er sich in ihre Personalakte gehackt hatte, fand er heraus, dass Lazar Import und Export sie vor einem Monat als persönliche Assistentin eingestellt hatte. Und wenn sie nicht im Haus von Lazars Exgeliebter wohnen würde, wäre sie ihm vielleicht gar nicht aufgefallen. Lazars Besuche in diesem Haus mussten natürlich überwacht werden, und genau das taten sie nun auch schon seit Monaten.

Aber Lazar besuchte die Blondine nicht, zumindest hatte er es bisher noch nicht getan. Sie kam jeden Abend direkt vom Büro dorthin und hielt unterwegs nur an, um Lebensmittel einzukaufen oder ihre Wäsche aus der Wäscherei zu holen. Der Sender, der in ihrem Wagen installiert war, zeigte, dass sie niemals ihre Route wechselte. Aus den wöchentlichen Telefonaten mit ihrer Mutter war klar zu erkennen, dass die Frau nicht die geringste Ahnung von dem neuesten Karrieresprung ihrer Tochter hatte, was absolut verständlich war. Wenn eine junge Frau von einem ekelhaften, reichen Kriminellen zu seinem bloßen Vergnügen ausgehalten wurde, würde sie diese Tatsache natürlich vor ihrer Familie verbergen wollen. Sie kannte niemanden in Seattle, ging niemals aus und hatte auch sonst keine nennenswerten Kontakte.

Eigentlich genau wie er selbst.

Ihre großen, verschreckten Augen waren silbergrau, um die Iris lag ein indigoblauer Ring. Aufgewühlt betrachtete er das vergrößerte Bild. Sie sah so … Gott, süß war das einzige Wort, das ihm einfiel, obwohl er dabei innerlich zusammenzuckte. Noch nie hatte er moralisch ein Problem damit gehabt, Leute auszuspionieren. Schon als Kind hatte er sofort gewusst, wer sein ganz persönlicher Superheld in den Comics war, die er las. Und zwar eindeutig der Mann mit dem Röntgenblick. Die perfekte Mutation für ein paranoides Kind wie ihn. Wissen bedeutete Macht, und Macht war gut. Er hatte eine lukrative Karriere auf dieser Philosophie aufgebaut. Jesse hatte ihn immer damit aufgezogen.

Schnell schob er diesen Gedanken beiseite, bevor er ihn wieder aus der Bahn warf.

Er musste cool bleiben und unparteiisch. Cyborgman. Das war der Name für einen Comichelden. Er hatte diese Mutanten aus den alten Comics immer geliebt. Sie waren alle innerlich zerrissen, deprimiert und fremd in dieser Welt. Damit konnte er sich identifizieren. Er hatte Montserrat, Lazars frühere Geliebte, immer mit eiskaltem Abstand observiert. Ihr zuzusehen, wie sie sich mit Lazar im Bett rekelte, hatte ihn völlig unberührt gelassen, es hatte ihn sogar ein wenig angeekelt. Und ein schlechtes Gewissen hatte er niemals verspürt.

Aber schließlich war Montserrat auch eine Professionelle. Er sah es an ihrer geschmeidigen, kalkulierten Körpersprache. Sie hatte immer eine Maske getragen, ob sie es gerade mit Lazar trieb oder allein war.

Die Blonde besaß überhaupt keine Maske. Sie war weit offen und wehrlos und weich wie Schlagsahne … wie Butter … wie Seide.

Er kam sich schäbig vor, sie so zu beobachten. Ein Gefühl, das ihm so fremd war, dass er Tage gebraucht hatte, um es benennen zu können. Aber je schäbiger er sich fühlte, desto unmöglicher war es ihm, damit aufzuhören. Er wünschte, er könne den nagenden Gedanken einfach abschütteln, dass sie gerettet werden müsse. Zum einen war er nicht der Typ Weißer Ritter, und außerdem musste er Jesse rächen. Das reichte ihm schon an Verantwortung.

Aber er wünschte, sie wäre nicht so verdammt schön. Es war sehr verwirrend.

Ein Psychiater hätte seine Fixierung wahrscheinlich erklären können: Er projizierte unterdrückte Kindheitsfantasien auf sie, weil sie wie eine Märchenprinzessin aussah. Er hatte zu viele Comics gelesen. Er war gestresst, deprimiert, besessen, hatte eine verschobene Wahrnehmung der Wirklichkeit, bla, bla, bla. Und dann hatte der atemberaubende Körper dieser Frau seine Wirklichkeit einfach auf den Kopf gestellt. Seine längst verkümmerte Libido war abrupt wieder zum Leben erwacht.

In dem Moment betrat sie den Bildbereich der Farbkamera, die in die filigrane Schnitzerei einer Deckenlampe aus Ebenholz im Schlafzimmer eingebettet war. Die Lampe war von Montserrat zurückgelassen worden, die so abrupt ausgezogen war, dass sie sich noch nicht einmal die Zeit genommen hatte, ihre persönlichen Dinge, mit denen sie das Haus ausgestattet hatte, mitzunehmen. Die Blonde hatte keinerlei eigene Sachen mitgebracht und auch kein Interesse daran gezeigt, irgendetwas umzustellen – was gut war. Die Farbkamera in der Lampe lieferte ein exzellentes Bild von dem Spiegel im Kleiderschrank, ein Detail, für das er äußerst dankbar war.

Er vergrößerte das Bild, bis es den gesamten Schirm ausfüllte, und ignorierte den kleinen Stich, den ihm sein schlechtes Gewissen versetzte. Jetzt kam das, worauf er sich am meisten freute, und er würde es um nichts in der Welt versäumen.

Sie zog ihre Jacke aus, hängte den Rock auf den Bügel. Mit der unglaublich hohen Auflösung der neuesten Generation von Farbkameras konnte er jede einzelne Abstufung ihres Hauttons erkennen, von cremefarben zu pink zu rosé zu tiefrot. Es war die gewaltige Bandbreite, die das Bildsignal brauchte, allemal wert. Sie hängte das Kostüm weg, und ihre Bluse rutschte hoch und entblößte ein prüdes Baumwollhöschen, das sich eng um ihren runden Hintern spannte. Er kannte den ganzen Ablauf wie den Vorspann einer alten Fernsehshow, und trotzdem genoss er immer wieder jedes Detail. Es faszinierte ihn, wie unsicher sie war. Die meisten gut aussehenden Frauen, die er kannte, posierten ständig vor einer nicht vorhandenen Kamera. Sie warfen einen prüfenden Blick in jede spiegelnde Oberfläche, an der sie vorbeikamen, um sicherzugehen, dass sie immer noch gut aussahen. Und dieses Mädchen mit den verträumten Augen schien das überhaupt nicht wahrzunehmen, oder es war ihm egal.

Sie zog ihre Strumpfhose aus und warf sie in eine Ecke, dann begann sie, ihren allabendlichen, ach so unbeholfenen Striptease. Sie fummelte an ihren Manschetten herum, bis er sie am liebsten angeschrien hätte, sich gefälligst zu beeilen. Dann öffnete sie behutsam die Knöpfe ihrer hochgeschlossenen Bluse und sah dabei in den Spiegel, als würde sich dahinter eine völlig andere Welt befinden.

Er sog scharf die Luft ein, als sie schließlich die Bluse abstreifte. Ihre vollen Brüste wurden von einem weißen Bügel-BH fest umschlossen. Es war keine sexy Unterwäsche, wie sie die Geliebte eines reichen Mannes normalerweise trug. Der BH besaß glatte, breite Träger, war praktisch ohne jede Verzierung – und die Andeutung des Dekolletés, das er umrahmte, war das Erotischste, was Seth je gesehen hatte.

Sie schnupperte vorsichtig an den Achseln ihrer Bluse, und ein grimmiges Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. Es war schwer, sich vorzustellen, dass dieser graziöse, marmorweiße Körper tatsächlich schwitzte, obwohl Seth sicher war, sie dazu bringen zu können. Und wie sie in Schweiß ausbrechen würde, sobald sie erst einmal nackt unter ihm läge und ihre Hüften seinen Stößen entgegenhöbe. Oder wenn sie im Reitersitz auf ihm säße, während diese großen, weichen Titten auf und ab hüpfen und seine Hände ausfüllen würden und er von unten in sie hineinstieße. Er würde diese elfenbeinfarbene Haut mit einem Rosé überziehen, bis die Locken ihrer Haare an ihren Wangen und an ihrem Hals klebten. Er würde sie tropfend nass bekommen. Jeden einzelnen heißen, süßen, feuchten Zentimeter von ihr.

Er drückte seinen zuckenden Schwanz, der nicht mehr genug Platz in der Jeans hatte, zurecht und fuhr sich mit einem Stöhnen durch sein heißes Gesicht. Es stand ihm höchstens zu, beim Anblick von einem von Lazars Mädchen gelegentlich einen Steifen zu bekommen. Mehr nicht. Jeder weiter gehende Gedanke war tödlich dumm, und er musste damit aufhören.

Nur war jetzt ihr Haar an der Reihe. Gott, er liebte diesen Teil.

Eine Haarnadel nach der anderen warf sie auf das Chinatablett auf dem Schminktisch, dann wickelte sie den dicken, blonden Zopf ab, den sie zu einem Knoten aufgesteckt hatte. Sie entwirrte die einzelnen Strähnen und schüttelte das lose Haar, bis es ihr über den Rücken fiel und die glänzenden Spitzen sanft über die Rundung ihres Hinterns strichen. Er stöhnte hörbar auf, als sie nach hinten griff und ihren BH aufhakte. Seine Hände zitterten, während er auf ihre herrlichen vollen Brüste starrte, die von blassen pinkfarbenen Nippeln gekrönt wurden. Er stellte sie sich steif vor, rot und hart zwischen seinen Fingern, unter seinen kreisenden Handflächen, an seinem Gesicht, an seinem hungrigen, saugenden Mund.

Als sie ihr Unterhöschen auszog, begann sein Herz zu hämmern. Sie rollte die Schultern, ließ den Kopf kreisen, drückte den Rücken durch und genoss offensichtlich die Freiheit, nackt und allein zu sein. Unmaskiert. Der Flaum der blonden Locken in ihrem Schritt verbarg kaum die Spalte zwischen ihren wohlgeformten Schenkeln. Er wollte sein Gesicht so gern gegen diese Locken pressen, ihren warmen, weiblichen Duft einatmen und sie dann schmecken, ihre zarten rosa Lippen teilen, an ihnen lecken und saugen, bis sie vor Lust verging. Video und Audio waren nicht genug. Er brauchte viel mehr Daten. Haut, Geruch, Geschmack. Er verzehrte sich danach.

Und dann die Bewegung, die ihm immer den Rest gab. Sie beugte sich vor und warf ihr Haar nach vorn über den Kopf, drückte den Rücken durch und fuhr sich mit den Fingern durch die lockige Mähne. Die Platzierung der Kamera und der Spiegel garantierten ihm einen spektakulären Blick auf ihre weichen, runden Schenkel, die cremigen Rundungen ihres Hinterns und die verlockende Spalte dazwischen.

Der Anblick reichte aus, um einen Toten zu erwecken.

Jesse. Der Stich traf ihn völlig unvorbereitet.

Er wandte sich von dem Monitor ab und zwang sich, den brennenden Schmerz wegzuatmen. Gib nicht klein bei, ermahnte er sich. Er durfte sich von der Trauer nicht mitreißen lassen. Im Gegenteil, er musste sie nutzen, um seine Entschlossenheit zu verstärken, um sich in eine Vernichtungsmaschine mit einem einzigen Ziel zu verwandeln. Er senkte den Blick und strafte sich, indem er auf den Rest der Show verzichtete. Er war inzwischen sehr erfahren darin, schmerzhafte Gedanken und Erinnerungen beiseitezuschieben, bevor sie ihn überwältigen konnten, aber dieses blonde Geschöpf machte seine ganze Konzentration zunichte. Er zwang sich dazu, sich noch einmal den einzigen Grund seiner Existenz vor Augen zu führen: diesen verräterischen Bastard Lazar zu observieren, bis er Kontakt mit Novak aufnahm. Und dann war die Jagd eröffnet. Dann war Zahltag.

Als er es sich erlaubte, wieder auf den Bildschirm zu blicken, war die Blondine in einen bequemen Hausanzug aus Fleece geschlüpft und fuhr gerade ihren Computer hoch. Er rollte hinüber zu einer weiteren Reihe von Computern und Monitoren und schaltete die versteckte Antenne ein, die er aufgestellt hatte, um das Rauschen ihres Computers aufzufangen. Er ließ es durch seine spezielle Software laufen, die entzifferte und rekonstruierte, was auf ihrem Bildschirm zu sehen war. Er las ihre E-Mail. Sie war an einen Juan Carlos in Barcelona. Sie verschickte Nachrichten in einem halben Dutzend verschiedener Sprachen, aber diese war auf Spanisch, was er verstand, weil er in den Gettos von L.A. aufgewachsen war.

Der Inhalt war absolut unverfänglich: Wie geht es dir? Ich arbeite im Moment sehr viel. Wie geht es Marcelas und Francos Baby? Ist das Vorstellungsgespräch in Madrid gut gelaufen? Sie klang einsam. Er fragte sich, wie viel Juan Carlos ihr bedeutete. Vielleicht war er ein Exfreund. Sie schrieb ihm häufig.

Er spielte mit dem Gedanken, mal den Hintergrund des Typen zu überprüfen, als ein kühler Windhauch über seinen Nacken strich. Er packte die SIG Sauer P228, die auf dem Schreibtisch lag, und fuhr herum.

Es war Connor McCloud, Mitverschwörer und eine unglaubliche Nervensäge. Er war in der verdeckten Ermittlungsgruppe des FBI, die Jesse immer als »die Höhle« bezeichnet hatte, Jesses bester Kumpel und Partner gewesen. Kein Wunder, dass der Alarm nicht losgegangen war. Er hatte ihn überbrückt, der hinterhältige Hurensohn. Der Kerl bewegte sich wie ein Geist, trotz seiner Gehbehinderung und seiner Krücke.

Seth legte die Waffe wieder hin und atmete ruhig aus. »Schleich dich nicht an, McCloud. Das könnte mal dein Tod sein.«

Connors scharfe grüne Augen glitten durch den Raum und nahmen jede Einzelheit auf. »Hey, Mann. Bleib cool. Ich hab dir Kaffee mitgebracht, aber jetzt denke ich, du solltest ihn vielleicht besser nicht trinken.«

Seth sah den schmutzigen Raum vorübergehend durch Connors Augen; die Berge von Bierflaschen und alten Fast-Food-Kartons, die zwischen den verstaubten Kabelsträngen und dem elektronischen Equipment lagen. Die Wohnung verwahrloste täglich mehr, und sie roch auch nicht besonders gut.

Aber was ging ihn das an? Er war ja nur vorübergehend hier. Er griff nach dem Kaffee, nahm den Deckel ab und trank einen Schluck.

»Gern geschehen«, murmelte Connor trocken. »Nächstes Mal bringe ich Kamillentee mit. Und eine Valium.«

»Bist du sicher, dass dir niemand gefolgt ist?«, wollte Seth wissen.

Connor setzte sich und warf einen Blick auf den Monitor, ohne sich dazu herabzulassen, die Frage zu beantworten. »Na, wenn das nicht Barbies Traumhaus ist«, bemerkte er. »Um wie viel wetten wir, dass sie eine echte Blondine ist?«

»Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß«, fuhr Seth ihn an.

Connors schmales Gesicht verfinsterte sich. »Niemand in der Höhle weiß von dir, Mackey. Und das wird auch so bleiben. Und dein Scheiß ist mein Scheiß.«

Seth fiel keine Antwort auf diese Feststellung ein, die eigentlich nicht beleidigend war. Er hielt den Mund und wartete, wobei er hoffte, dass es dem anderen Mann unbequem wurde oder er sich genug langweilte, damit er wieder ging.

Aber er hatte kein Glück. Die Sekunden verrannen. Sie wurden zu Minuten. Connor McCloud betrachtete ihn und wartete geduldig.

Seth seufzte und gab nach. »Wolltest du irgendetwas Bestimmtes?«, fragte er widerwillig.

Connor hob eine Augenbraue. »Es ist eine Weile her, seit du dich bei mir gemeldet hast. Ich habe mich nur gefragt, was du so treibst. Außer dir einen runterzuholen, während du Lazars neue Geliebte beobachtest, meine ich.«

»Behalt deine schlauen Sprüche für dich, McCloud.« Seth drückte auf Print und wartete darauf, dass der Drucker Juan Carlos’ E-Mail ausspuckte. Er griff nach der Akte, aber Connor war schneller und schnappte sie sich vom Schreibtisch.

»Lass mal sehen. Lorraine Cameron, amerikanische Staatsbürgerin, Abschluss in Cornell, summa cum laude, hoho, kluges Köpfchen. Fließend in sechs Sprachen, bla, bla, bla, scheint bei ihrer Bewerbung in Bezug auf ihre berufliche Erfahrung gelogen zu haben. Hm. Wahrscheinlich war Lazar das egal, sobald sie ihm ihre Titten gezeigt hatte. Wie sind ihre Titten übrigens?«

»Hau ab«, knurrte Seth.

»Ein bisschen freundlicher, bitte«, erwiderte Connor. »Weißt du, als die Kleine zuerst aufgetaucht ist, dachte ich, es sei vielleicht ganz gut für dich, auch mal an etwas anderes denken zu können als an Jesse. Aber die Sache ist aus dem Ruder gelaufen. Du bist besessen von ihr.«

»Erspar mir bitte den Psychoscheiß.«

»Du bist eine tickende Zeitbombe. Nicht, dass es mich interessiert, aber ich möchte nicht, dass du mich und meine Brüder da mit reinreißt.« Connor schob sein zerzaustes blondes Haar zurück und rieb sich die Stirn. Er sah müde aus. »Du stehst unter Hochspannung, Mackey. Ich hab so was schon miterlebt. Man kriegt diesen komischen Gesichtsausdruck, wie du ihn jetzt hast, dann verbockt man alles und stirbt einen ganz erbärmlichen Tod.«

Seth ließ sein Gesicht wieder zu einer undurchdringlichen Maske erstarren. »Mach dir keine Sorgen«, presste er hervor. »Ich schwöre, ich halte durch, bis wir Novak aus seinem Loch gespült haben. Danach ist sowieso alles egal. Sperr mich in eine Gummizelle, wenn du willst. Das ist mir dann völlig schnurz.«

Connor verzog schmerzvoll das Gesicht. »Das ist eine sehr, sehr schlechte Einstellung, Mackey.«

»Die habe ich seit dem Tag meiner Geburt.« Seth entwand Connor die Akte der Blondine und schob die E-Mail von Juan Carlos hinein. »Nimm es nicht persönlich. Und komm mir einfach nicht zu nah.«

»Sei doch kein Arschloch«, erwiderte Connor. »Du brauchst mich, und das weißt du. Ich habe die Kontakte, die du brauchst, damit die Sache funktioniert.«

Wütend starrte Seth in Connors kalte, schmale Augen. Er hätte es gern abgestritten, aber es entsprach der Wahrheit. Seth besaß das technische Know-how und das Geld, um ihren privaten Rachefeldzug gegen Lazar und Novak zu starten, aber Connors Jahre bei verschiedenen Polizeibehörden hatten ihm zu einem beeindruckenden Netzwerk von Informanten verholfen. Das Problem war nur, dass Connor und er beide von Natur aus dominant, arrogant und daran gewöhnt waren, das Kommando zu haben: sowohl privat als auch beruflich. In einer Partnerschaft war das schwierig.

»Da wir gerade von Kontakten sprechen, ich war heute unten in der Höhle«, bemerkte Connor. »Ich habe ein bisschen über mein Bein gejammert. So getan, als wüsste ich nichts mit mir anzufangen, seit ich Versehrtenrente beziehe. Niemand außer Riggs hatte das Herz, mir zu sagen, dass ich jetzt ganz unten bin. Er meinte, ich solle meinen Arsch an irgendeinen tropischen Strand schwingen, ein paar Mai Tais trinken, mir ein paar hübsche Bikinihintern ansehen und mich flachlegen lassen, wenn es geht.«

»Hast du ihm gesagt, er soll sich zum Teufel scheren?«

»Nein«, erwiderte Connor milde. »Ich bin nicht so unvorsichtig wie du, wenn es darum geht, alle Brücken hinter mir abzubrechen. Nicht bevor alles erledigt ist.«

Riggs. Seth versuchte, sich an die Trauerfeier für Jesse zu erinnern. Er hatte mit einer Mini-Videokamera unter seinem Mantel irgendwo im hinteren Bereich gelauert und die Gesichter von Jesses Kollegen gefilmt, während er darüber spekulierte, wer der Bastard gewesen war, der seinen Bruder verkauft hatte. Er erinnerte sich an einen untersetzten Mann, dem die Haare ausgingen und der ein paar fade Worte vorgelesen hatte, über die Jesse vor Lachen gekotzt hätte. »War Riggs der Typ mit der Wampe und der Brille, der diese oberdämliche Rede über Jesses Verdienste gehalten hat?«

»Ich habe zu der Zeit im Koma gelegen, aber die oberdämliche Rede muss von Riggs gewesen sein«, erwiderte Connor und zog ein Päckchen Tabak aus der Tasche. »Planst du noch mehr von den Lagerhausüberfällen?« Er suchte nach seinem Zigarettenpapier, doch sein beiläufiger Ton konnte das hoffnungsvolle Glitzern in seinen Augen nicht verbergen.

Seth schnaubte. »Ihr McCloud-Jungs steht darauf, was?«

»Das geht richtig gut ab«, gab Connor zu. »Es ist besser als Sex oder Victor Lazar den Kopf von den Schultern zu blasen. Vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt. Eine kriminelle Karriere hat durchaus ihren Charme. Was für ein Adrenalinstoß.«

Seth zuckte die Schultern. »Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss, aber diese Phase der Operation ist vorbei.«

Connors Augen wurden schmal. »Hat Lazar angebissen?«

»Ja.« Seth erging sich nicht in weiteren Einzelheiten.

Connor wartete. Sekunden verstrichen. »Und?« Seine Stimme war kalt.

»Morgen früh gehe ich zu Lazars Firmenzentrale«, erklärte Seth. »Er hat mich eingeladen, damit ich ihm erkläre, warum Mackey Security Systems Design die Lösung für all seine Probleme ist. Seine Angestellten glauben, ich bin dort, um ein Funküberwachungssystem für seinen Warenbestand auf GPS-Basis zu entwickeln. Das Meeting morgen ist reines Theater. Übermorgen treffen Lazar und ich uns dann privat draußen bei den Lagerhäusern, um die Einzelheiten für eine komplette TSCM-Aktion zu besprechen.

»Ah.« Connor kniff die Augen zusammen. »TSCM. Sag es nicht, lass mich raten. Das steht für … Technical Surveillance …«

»Technical Surveillance Countermeasures«, beendete Seth ungeduldig den Satz. »Wanzenbeseitigung.«

Mit ausdruckslosem Gesicht nahm Connor eine Prise Tabak. »Wow. Was für ein glücklicher Zufall, dass er ausgerechnet dich angerufen hat, wie?«

»Kein Zufall«, erwiderte Seth. »So was nennt man Planung. Viele Leute in dem Bereich schulden mir noch was. Ich habe dafür gesorgt, dass der Name meiner Firma oft genug fällt, wenn er sich nach jemandem umhört, der ihm helfen kann, das Problem mit seinem Sicherheitsleck zu lösen.«

»Ich verstehe.« Connor starrte auf die Tabakfäden, die er in das Zigarettenpapier gedrückt hatte. »Und wann hattest du vor, mir gegenüber diese Entwicklung mal zu erwähnen?« Seine Stimme war leise und kalt.

»Sobald es notwendig gewesen wäre«, entgegnete Seth ruhig. »Du hast sicher nicht vor, die hier drin zu rauchen.«

Mit einer geschickten Bewegung seiner Finger rollte Connor die Zigarette zusammen, dann starrte er Seth wütend an. »Es regnet.«

»So ein Pech«, meinte Seth.

Connor seufzte und steckte die Zigarette in die Tasche seines Mantels. »Du gibst mir die Schuld an Jesses Tod, nicht wahr?«

Die brutalen Fakten, die zu Jesses Tod geführt hatten, standen zwischen ihnen – schwer und kalt. Irgendjemand in der Höhle hatte Lazar einen Tipp wegen der Ermittlungen gegeben und Jesses Tarnung auffliegen lassen. Seth hatte vor, denjenigen zu finden und ihn Stück für Stück in seine Einzelteile zu zerreißen. Nur Connor war es nicht, denn der war Jesses bester Freund und sein Partner gewesen. Connor war bei der Katastrophe beinah selbst gestorben. Die Narben würde er für den Rest seines Lebens behalten.

»Ich gebe dir nicht die Schuld«, erklärte Seth und fühlte sich plötzlich müde. »Ich will nicht den gleichen Fehler machen wie Jesse.«

»Und der wäre?«

Seth schüttelte den Kopf. »Zu viele Leute ins Vertrauen ziehen. Das hat er schon getan, als er noch ein kleiner Junge war. Und er hat es sich niemals abgewöhnen können.«

Connor schwieg eine Weile, sein Gesicht war düster. »Du vertraust niemandem, oder?«

Seth zuckte die Achseln. »Ich habe Jesse vertraut«, erwiderte er einfach.

Die beiden Männer beobachteten, wie die Blondine in die Küche schlenderte und eine Minute ausdruckslos in den Tiefkühlschrank starrte, als habe sie vollkommen vergessen, was sie eigentlich wollte. Irgendwann schüttelte sie ihre Trance ab, nahm ein tiefgefrorenes Fertiggericht heraus und schob es in den Ofen.

»Wir werden den Maulwurf finden, Seth«, sagte Connor schließlich.

Seth drehte sich auf seinem Stuhl herum. »Er gehört mir.«

Connors Augen waren genauso voller Geister wie die von Seth. »Zieh eine Nummer und stell dich hinten an, Mann«, sagte er leise. »Du bist nicht der Einzige, dem Jesse etwas bedeutet hat.«

Seth unterbrach den Blickkontakt. Er hatte klare Pläne für den Verräter und für Novak und Lazar ebenfalls, Pläne, die nichts mit einem fairen Prozess zu tun hatten. Und deswegen machte er sich auch keine großen Gedanken über die Legalität seiner Ermittlungen oder deren absolute Illegalität. Sobald er Novak in die Finger bekam, brauchte er nicht mehr die geringste Hilfe, ihn seiner gerechten Strafe zuzuführen. Genauso war es mit Lazar. Aber das ging außer ihm niemanden etwas an.

Ein Grinsen glitt über Connors Gesicht. »Sieh dir das an. Die kleine Gespielin macht ihre Fitnessübungen. Wow. Was Frauen angeht, hat der Typ einen guten Geschmack. Die da ist ja noch heißer als Montserrat.«

Seth warf mit aufgesetzter Gleichgültigkeit einen Blick auf den Bildschirm.

Sie saß auf dem Teppich, die Beine unglaublich weit gespreizt, den schmalen Rücken aufrecht. Sie warf ihr Haar nach hinten und beugte sich gerade vor, bis ihre Brüste den Boden berührten, so elegant und biegsam wie eine Tänzerin.

»Ich glaube nicht, dass sie ihn fickt«, sagte Seth plötzlich.

Connor warf ihm einen zweifelnden Blick zu. »Wie kommst du darauf?«

Seth zuckte die Schultern und bedauerte die spontane Bemerkung schon. Sie klang dumm und unwahrscheinlich, und er spürte Connors scharfen und nachdenklichen Blick. »Sie geht niemals irgendwohin. Sie schläft jede Nacht hier. Morgens fährt sie direkt ins Büro und kommt dann gleich wieder nach Hause. Und er hat sie noch nie hier besucht.«

Connor zuckte die Achseln. »Er ist ein viel beschäftigter Mann. Vielleicht knallt er sie in seinem Büro auf dem Schreibtisch.«

»Hat er noch nicht«, entgegnete Seth. »Ich überwache auch sein Büro. Sie ist noch nie in seinem Büro gewesen.«

»Ach, tatsächlich?« Connors Augen glitzerten mit leisem Amüsement. »So interessiert sind wir also?«

»Mich interessiert alles, was mit Lazar zu tun hat.« Er spie die Worte aus, klar und deutlich.

»Sehr lobenswert«, bemerkte Connor. »Eins ist aber trotzdem sicher. Wenn er Montserrat wegen ihr den Laufpass gegeben hat, muss sie mit ihrem Mund verdammt gut sein. Ruf mich an, wenn sie ihm einen bläst. Für die Vorstellung logg ich mich dann ein.«

Seth griff nach der Maus und schloss das Fenster. Die Blonde verschwand und wurde ersetzt von einem Icon in der Form einer Brille.

Angewidert schüttelte Connor den Kopf. Er fischte die Zigarette aus seiner Tasche, zündete sie an und nahm einen tiefen, trotzigen Zug. »Gut«, sagte er kalt. »Sie gehört dir, Mackey. Sieht so aus, als sei deine Fantasie so ziemlich das Einzige, was du noch hast, also lasse ich dich jetzt mit ihr allein.«

»Tu das.«

Sobald die Tür ins Schloss gefallen war, fuhr Seth auf seinem Stuhl herum und öffnete das Fenster wieder.

Sie bog ihre Wirbelsäule mit katzengleicher Grazie, während ihr die blonde Mähne über das Gesicht fiel. Dann ließ sie die Bewegung in die andere Richtung laufen, bis ihr Rücken durchgedrückt und der Hintern in die Luft gereckt war. Rauf … runter. Rauf … runter, in einem langsamen, pulsierenden Rhythmus, der ihm den Schweiß auf die Stirn trieb und ihn schwindelig werden ließ.

Gott, er war froh, dass Lazar sie nicht besucht hatte. Diesen widerlich gierigen Bastard grunzend und schwitzend auf der verträumten, sanftäugigen Blonden zu sehen, wäre nicht angenehm gewesen. Es hätte ihm den gesamten Tag versaut.

Er fluchte, aber er konnte den Blick nicht von ihr abwenden. Ihr zuzusehen gab ihm das Gefühl, wieder lebendig zu sein, auch wenn ihn das erneut aus dem Gleichgewicht brachte und er für Schmerzen empfänglich wurde, von denen er geglaubt hatte, sie unter Kontrolle zu haben. Und trotz der Tatsache, dass er Jesse in jedem einzelnen Moment, in dem er sie anstarrte, hinterging.

Noch vor drei Wochen war sein erster Gedanke jeden Morgen gewesen, wie er Lazar und Novak vernichten konnte. Das Risiko dabei hatte ihn nicht interessiert. Irgendwie hatte er sich nur wie eine leere Hülle gefühlt. In seinem Innern war nichts mehr übrig außer einem nie enden wollenden brennenden Durst nach Rache. Da Hank nun schon fünf Jahre tot war, und jetzt auch Jesse, gab es niemanden mehr, der ihm selbst nachtrauern würde. Oder ihn brauchte. Es wäre kein schlechter Abgang, wenn sie ihn in einer glorreichen Schlacht umnieten würden. Dann war das Kapitel geschlossen, und alle Überlebenden würden erleichtert aufatmen.

Aber seit die Blonde aufgetaucht war, spürte er, dass es doch noch ein paar Dinge gab, die er ganz gern getan hätte, bevor er diese Welt verließ. Wie zum Beispiel herauszufinden, ob sie mit diesen vollen, erotischen Lippen wirklich so gut war.

Er hatte die Bilder sofort im Kopf: Sie nackt auf ihren Knien vor ihm, seine Hände in ihrem Haar vergraben, während er seinen harten Schwanz zwischen ihre vollen rosa Lippen stieß. Gott, das wäre herrlich.

Jetzt machte sie eine Brücke, ihr Körper gespannt wie ein Bogen und zitternd vor Anstrengung. Ihr Haar lag wie ein schimmernder See unter ihrem Kopf. Ihr Sweatshirt war bis zu ihren Brüsten hochgerutscht und entblößte die sanfte Wölbung ihres Bauchs. Durch die kaum zu erkennenden weißblonden Härchen wirkte er samtig und verwundbar. Seth wollte seine Nase daran reiben, seine Wange, an dieser zarten, duftenden Wärme, sich an den Duft ihrer Seife und ihrer Bodylotion erinnern. Und morgen würde er in Lazars Büro fahren. Morgen würde er herausfinden, wie sie genau roch.

Die Erregung, die diesen Gedanken begleitete, überrollte ihn und trieb sein Verlangen in ungeahnte Höhen. Er knallte die flache Hand auf den Schreibtisch. Schmerz fuhr durch seinen Arm. Die Tastatur machte einen Satz. Leere Bierflaschen fielen um und kullerten über den dreckigen grauen Teppich, der den Boden bedeckte.

Beruhige dich, ermahnte er sich. Konzentrier dich. Morgen würde es nur darum gehen, Lazar tiefer in das Netz zu locken, das er so viele endlose Monate geduldig für ihn gesponnen hatte. Und heute Nacht ging es nur darum, sich auf morgen vorzubereiten. Jetzt würde er diese aufreizende Blondine einfach aus seinem Leben klicken und sich daranmachen, die neuesten Daten zu überarbeiten, die die Richtmikrofone aufgenommen hatten. Er würde fast die ganze Nacht brauchen, um die Gespräche zu filtern, und es wurde Zeit, dass er damit anfing. Jetzt sofort. In dieser Minute.

Er versuchte es, aber sein Finger wollte einfach nicht die Maustaste drücken.

Die Reihe von Übungen war lang, und sie machte sie langsam, aber langweilig wurde ihm dabei nie.

 

2

Noch immer hatte Raine die Bilder ihres Traums im Kopf, während sie sich ihren Weg durch den morgendlichen Verkehr bahnte. Die Traumbilder schienen sehr viel lebhafter und realer zu sein als das triste, einsame Leben, das sie hier in Seattle lebte. Sie war gut darin, Träume zu analysieren – sie hatte weiß Gott genug Übung darin –, aber so viel sie auch darüber nachgrübelte, für diesen einen fiel ihr keine plausible Begründung ein.

Sie war winzig und schwamm in einem gläsernen Aquarium. Das Licht funkelte auf den falschen bunten Steinen, die den Boden bedeckten. Langsam schwamm sie durch kleine Korallen, über ein Miniaturschloss aus Plastik und ein versunkenes Piratenschiff. Sie war nackt und sich dessen schrecklich bewusst. Sie versuchte, sich ihr langes Haar um den Körper zu schlingen, aber immer wieder trieb es als helle, wabernde Wolke zurück in ihr Gesicht. Eine schwarze Piratenflagge bewegte sich träge im Wasser. Der Schädel und die gekreuzten Knochen darauf waren das letzte Bild, das sie mitnahm, als der Wecker sie um 5:30 Uhr aus dem Schlaf riss.

Als ein Ford Explorer hinter ihr hupte, weil die Ampel inzwischen grün war, zuckte sie zusammen. Sie musste in der Realität bleiben und sich auf die regennassen Straßen konzentrieren.

Dieser Traum kehrte immer wieder, seit sie in dem Haus wohnte, das Lazar Import und Export ihr zur Verfügung gestellt hatte. Wohnte, nicht lebte, denn es gelang ihr einfach nicht, sich dort wohlzufühlen, obwohl es ein schönes Haus war, bereits vollständig möbliert und viel zu luxuriös für eine kleine Vorstandsassistentin. Es machte sie nervös. Sie hatte schon genug Probleme und wollte sich nicht auch noch in ihren eigenen vier Wänden unwohl fühlen. Sie hatte vor, sich eine eigene Wohnung zu suchen, sobald sie etwas Luft zum Atmen hatte. Zum Teufel mit den Extrakosten.

Davon zu träumen, dass sie nackt, gefangen und hilflos war, tat ihrem Selbstbewusstsein nicht gerade gut. Sie wünschte sich, dass sie mal einen Traum von sich hätte, in dem sie mutig und furchtlos war. Eine Piratenkönigin, die ein Entermesser schwang und ihren Kampfruf ausstieß. Aber sie konnte sich nicht beschweren. Der Aquariumtraum war um einiges weniger anstrengend als der Traum von dem blutenden Grabstein. Aus ihm wachte sie wenigstens nicht nach Luft ringend und mit vor Entsetzen aufgerissenen Augen auf, voller Trauer um ihren verstorbenen Vater.

Trotzdem, der Schädel und die gekreuzten Knochen beunruhigten sie. In ihren wiederkehrenden Träumen gab es immer irgendwelche Bilder, die für den Tod standen. Glückliches Mädchen, dachte sie mit grimmigem Vergnügen. So fängt man den Tag richtig an … mit einem bluttriefenden Dolch, einem Nest voller Schlangen oder einem Atompilz. Der tägliche Schrei, mit dem sie Adrenalin in ihren Körper pumpte, war besser als Kaffee.

Ihr Magen flatterte, als sie in die Parkgarage des Gebäudes fuhr, in dem sich die Firmenbüros befanden. Jeremy, der stets zu einem Flirt aufgelegte Parkwächter, zwinkerte ihr zu und winkte, während ihr nur ein mattes Lächeln gelang. Sie hatte ihren Job bei Lazar Import und Export unter falschen Voraussetzungen bekommen, und mit jedem Tag zahlte sie einen höheren Preis für diesen Betrug. Sie hatte die riesige Firma, die in vielen unterschiedlichen Bereichen tätig war, bis in den letzten Winkel durchleuchtet und ihren Lebenslauf so angepasst, dass er dem Personalchef gefallen musste. Sie beruhigte ihr schlechtes Gewissen, indem sie sich sagte, dass sie im Recht war und alles einer gerechten Sache diente. Trotzdem hatte Raine noch nie gut lügen können. Eine Kleinigkeit zum Frühstück würde jetzt helfen, aber dafür war keine Zeit, nicht mal für ein Stück Gebäck.

Bei Lazar Import und Export musste man weiß Gott schon hart genug arbeiten, auch wenn man nicht ständig lügen musste. Es war der mieseste und tückischste Arbeitsplatz, den sie je erlebt hatte. Jederzeit musste man damit rechnen, ein Messer in den Rücken gerammt zu bekommen. Zudem bestand nicht die geringste Chance, Freundschaften mit Kollegen zu knüpfen.

Kritisch betrachtete sie ihr Spiegelbild in den auf Hochglanz polierten Wänden des Fahrstuhls. Sie hatte abgenommen. Ihr Rock saß zu tief auf den Hüften. Aber wer hatte bei Lazar schon Zeit, etwas zu essen? Sie konnte schon von Glück sagen, wenn sie im Laufe des Tages eine Sekunde Zeit fand, um zu pinkeln.

Der Fahrstuhl hielt im Erdgeschoss und verkündete dies mit einem Ping, als sie gerade noch einmal ihre Lippen nachzog. Die Tür glitt auf, ein Mann kam herein, und die Tür schloss sich wieder hinter ihm. Die Kabine schien plötzlich sehr eng zu sein. Sie steckte den Lippenstift wieder in ihre Handtasche, und ein leichtes Kribbeln lief über ihre Haut, wie eine Brise, die durchs hohe Gras raschelte.

Sie achtete darauf, ihn nicht direkt anzusehen, wie es sich in einem Fahrstuhl gehörte, aber aus den Augenwinkeln konnte sie trotzdem einen flüchtigen Eindruck gewinnen. Er war groß, vielleicht etwas über eins achtzig. Schlank. Dunkel gebräunte Haut. Sie warf einen flüchtigen Blick auf seine großen Hände, die aus den weißen Manschetten seines Anzugs hervorschauten – seines sehr eleganten und teuren Anzugs. Wahrscheinlich Armani, dachte sie und warf einen Blick auf den Schnitt seiner Ärmel. Ein Sommer in Barcelona mit diesem schamlosen Modepüppchen Juan Carlos hatte sie eine Menge Feinheiten über Männermode gelehrt.

Der Mann sah sie an. Sie spürte den Druck und die Hitze seines Blicks auf der Seite ihres Gesichts. Sie hätte ihn direkt ansehen müssen, um sicher zu sein. Und zum ersten Mal war ihre Neugier stärker als ihre Furcht.

Vielleicht waren es der Totenschädel und die gekreuzten Knochen aus ihrem Traum, die sie überhaupt erst auf den Gedanken brachten, aber das Bild tauchte sofort vor ihrem geistigen Auge auf, als sie den Blick hob, um ihn anzusehen.

Er hatte das Gesicht eines Piraten.

Er war nicht im klassischen Sinne schön. Seine Züge waren zu grob und kantig, seine Nase uneben und schief. Das tiefschwarze Haar war kurz geschnitten. Es stand steil in die Luft wie eine schwarze Scheuerbürste aus Samt. Seine breiten Wangenknochen stachen hervor, und es lagen tiefe Höhlungen darunter. Die Augenbrauen waren dick, mit schwarzen Wimpern darunter, und sein Mund war sowohl grimmig als auch sinnlich. Aber es waren seine Augen, die ihr einen Schock versetzten. Sie waren schwarz, mit schweren Lidern, und wirkten ausgesprochen exotisch. Sie starrten sie mit brennender Intensität an.

Es waren die Augen eines Seeräubers auf Kaperfahrt.

Sein Blick glitt über ihren Körper, als könne er durch ihr klassisches graues Kostüm hindurchsehen, durch ihre Bluse, ihre Unterwäsche direkt bis zu ihrem bebenden Fleisch. Seine Musterung war frech und arrogant, als habe er jedes Recht, sie anzustarren. So wie ein Piratenkapitän vielleicht seine hilflose Gefangene betrachtete … bevor er sie zu weiteren Vergnügungen mit in seine Kabine zerrte.

Raine riss ihren Blick los. Ihre übersprudelnde Fantasie ging sofort mit ihr durch und tauschte den Armanianzug gegen ein Piratenoutfit: weite Bluse, enge Kniebundhosen, in denen sich deutlich sein … seine Ausstattung abzeichnete, ein Enterschwert, das in einer roten Schärpe steckte, und ein goldener Ring im Ohr. Es war lächerlich, aber Hitze stieg in ihr auf, und sie wurde nervös. Sie musste unbedingt aus diesem Fahrstuhl raus, bevor noch die spiegelnden Wände beschlugen.

Zu ihrer ungeheuren Erleichterung hielt der Lift im sechsundzwanzigsten Stock, und die Türen öffneten sich. Sie stürzte hinaus und prallte gegen den Mann, der draußen stand und einsteigen wollte. Sie murmelte eine zusammenhanglose Entschuldigung und eilte in Richtung des Treppenhauses. Wenn sie zu Fuß ging, würde sie zwar zu spät kommen, aber sie konnte sich unterwegs wieder etwas fangen.

Oh Gott, wie armselig und wie typisch. Ein heißer Typ starrte sie im Fahrstuhl an, und sie zerfloss gleich wie eine verängstigte Jungfrau. Sie hatte die einmalige Chance ihres Lebens verpasst, von einem Piraten geschändet zu werden. Kein Wunder, dass sie kein Liebesleben hatte. Sie sabotierte es ja schon, bevor es überhaupt anfangen konnte. Jedes verdammte Mal.

Der Arbeitstag begann Unheil verheißend. Harriet, die Büromanagerin, kam vorbeigefegt, während Raine ihren Mantel aufhängte. Harriets schmales Gesicht war ganz verkniffen vor lauter Missfallen. »Ich hatte Sie früher erwartet«, bemerkte sie schnippisch.

Raine warf einen Blick auf die Uhr. Es war 7:32 Uhr. »Aber ich … es ist nur …«

»Sie wissen genau, dass der aktualisierte Report über die Befolgung der OFAC-Richtlinien um zwölf Uhr fertig und mit FedEx aus dem Haus sein muss! Und wir haben immer noch keine Antwort von der Banque Intercontinentale Arabe über die eingefrorenen Subventionen für die Weinlieferungen. In Paris ist es bereits 16:30 Uhr, und unsere Lieferanten trommeln bereits mit den Fingern. Irgendjemand muss die Bestellung für die brasilianischen Espressobohnen verhandeln, und Sie sind im Moment die Einzige im Büro, die halbwegs vernünftig Portugiesisch spricht. Und gar nicht erwähnen will ich die Tatsache, dass die neuen Seiten der Website noch nicht fertig sind. Ich würde es sehr zu schätzen wissen, wenn Sie auch ein bisschen Verantwortung für Ihre Arbeit übernehmen, Raine. Ich kann mich nicht um alles kümmern.«

Mit zusammengebissenen Zähnen murmelte Raine eine Entschuldigung, setzte sich und tippte den Code ein, der die Voicemail an ihrem Telefon abschaltete.

»Und noch etwas. Mr Lazar möchte, dass Sie beim Morgenmeeting Kaffee, Tee und Gebäck servieren«, fuhr Harriet fort.

Entsetzt sprang Raine auf. »Ich?«

Harriet verzog die Lippen. »Ich habe mich nicht besonders darauf gefreut, ihm zu sagen, dass Sie zu spät sind.«

Raines Magen zog sich zusammen. »Aber er hat niemals … Stefania hat immer …«

»Er will Sie«, unterbrach Harriet. »Und was er will, das bekommt er. Der Kaffee kocht schon, was allerdings nicht Ihnen zu verdanken ist, und der Caterer hat gerade das Essen gebracht. Es steht in der Küche. Das Porzellan und das Silberbesteck befinden sich bereits auf dem Konferenztisch.«

Stefania steckte den Kopf in Raines Arbeitsnische. »Achte darauf, dass du die Choreografie des Geisha-Girls absolut perfekt bringst«, riet sie ihr. »Bei Lazar muss das ästhetisch perfekt sein. Ein Tropfen Kaffee daneben, und du bist erledigt.« Sie musterte Raine mit einem kritischen Blick. »Und frisch noch einmal dein Make-up auf. Dein linkes Auge ist verschmiert. Hier, komm, nimm meinen Lippenstift.«

Raine starrte auf den kleinen Stift, sprachlos vor Bestürzung. Es war das erste Mal, dass Victor Lazar öffentlich ihre Existenz anerkannt hatte. Sie hatte ihn natürlich schon gesehen. Es war auch unmöglich, ihn zu übersehen. Wie ein Sturm fegte er durch das Büro, trieb Leute vor sich her und zerrte andere hinterdrein. Er war so dynamisch und einschüchternd, wie sie ihn aus ihrer Kindheit in Erinnerung hatte, allerdings nicht so groß.

Als sie ihm das erste Mal nach all den Jahren wieder begegnet war, waren seine durchdringenden grauen Augen über sie hinweggeglitten, ohne sie zu beachten. Vor Erleichterung hatte sie weiche Knie bekommen. Offensichtlich sah er keine Verbindung zwischen der neuen Vorstandsassistentin und seiner kleinen, elf Jahre alten Nichte mit den weißblonden Zöpfen, die er seit siebzehn Jahren nicht mehr gesehen hatte. Gott sei Dank.

Sein plötzliches Interesse an ihr kam ihr jedoch unheimlich vor.

»Machen Sie schnell, Raine! Das Meeting war für 7:45 Uhr angesetzt!«

Harriets rasiermesserscharfer Ton riss sie aus ihren Gedanken. Mit klopfendem Herzen hastete sie in die Küche. Es war nichts Besonderes, versuchte sie sich einzureden, während sie das Essen auspackte. Sie servierte Kaffee, Croissants, Bagles, Mini-Muffins und Obst. Sie würde lächeln, hübsch aussehen und sich dann graziös zurückziehen, um Lazar und seine Klienten ihren Geschäften zu überlassen. Schließlich ging es nicht um eine mündliche Prüfung.

Natürlich nicht, meldete sich da die kleine sarkastische Stimme in ihrem Hinterkopf. Er ist nur der Mörder deines Vaters, höchstpersönlich und in deiner Reichweite. Also wirklich keine große Sache.

Sie goss sich eine Tasse von dem starken Kaffee ein, den es immer in der Personalküche gab, und trank ihn so schnell, dass sie sich Mund und Kehle verbrannte. Um das Ganze wirklich durchstehen zu können, würde sie sich ein Metallrückgrat einoperieren lassen müssen. Sie sollte froh sein, dass Victor sie bemerkt hatte. Sie musste nahe an ihn herankommen, wenn sie Nachforschungen zum Tod ihres Vaters anstellen wollte. Deswegen hatte sie diesen albtraumhaften Job überhaupt angenommen, deswegen lebte sie dieses surreale Leben. Der Traum von dem weinenden Grabstein hatte ihr keine andere Wahl gelassen.

Jahrelang hatte sie versucht, diesen teuflischen Traum zu enträtseln. Ein Dutzend logischer Erklärungen waren ihr eingefallen: Sie vermisste ihren Vater, trug verdrängten Groll über seinen Tod mit sich herum, brauchte einen Sündenbock et cetera. Sie hatte sich mit Traumpsychologie beschäftigt, eine Psychotherapie gemacht, kreative Visualisierung versucht, Hypnose, Yoga, jede Stress lösende Technik, die sie hatte auftreiben können, aber der Traum war geblieben. Er brannte in ihren Gedanken, drückte sie nieder und sabotierte jeden Versuch, ihr Leben wieder auf die Reihe zu bekommen.

Vor einem Jahr hatte sie ihn dann jede Nacht geträumt, sie war völlig daran verzweifelt. Sie hatte Angst gehabt, ins Bett zu gehen, obwohl sie hundemüde war. Sie hatte versucht, sich mit Schlaftabletten ins Koma zu versetzen, ertrug aber die Kopfschmerzen nicht, die am nächsten Tag folgten. Sie war mit ihrer Weisheit am Ende und merkte, dass ihr Leben vollkommen zum Stillstand gekommen war – bis zu ihrem siebenundzwanzigsten Geburtstag um drei Uhr morgens. Sie hatte plötzlich aufrecht im Bett gesessen, mit rasendem Herzen, und hatte mit verweinten, brennenden Augen in die Dunkelheit gestarrt, während sie immer noch die grausame Kraft von Victors Arm spürte, der sie um die Schultern gepackt hielt. Als das Licht der aufgehenden Sonne die Fenster ihres Schlafzimmers langsam in ein helles Grau getaucht hatte, war sie endlich bereit gewesen nachzugeben. Der Traum wollte sie dazu bringen, etwas zu tun, und sie würde sich nicht länger weigern. Denn wenn sie es tat, würde sie irgendwann daran zerbrechen.

Natürlich hatte sie keinerlei Beweise. Die Akte zu den Ereignissen war eindeutig und schlüssig. Ihr Vater war bei einem Segelbootunfall ums Leben gekommen. Victor war auf einer Geschäftsreise im Ausland gewesen, und Raines Mutter hatte behauptet, dass sie und Raine zu jener Zeit in Italien gewesen waren, und sich geweigert, weiter über die Sache zu sprechen. Als Raine sechzehn war, hatte sie ihre Mutter einmal gefragt, ob sie glaube, dass der Tod ihres ersten Mannes ein Unfall gewesen sei. Ihre Mutter hatte sie hart ins Gesicht geschlagen, war dann in einen lautstarken Weinkrampf ausgebrochen und hatte ihre erschrockene Tochter in die Arme gezogen und sie um Vergebung gebeten.

»Natürlich ist es ein Unfall gewesen, Honey. Natürlich war es das«, hatte sie mit gebrochener Stimme wiederholt. »Lass es gut sein. Vergangenheit bleibt Vergangenheit. Es tut mir so leid.«

Raine hatte das verbotene Thema niemals wieder angesprochen, aber dieses Schweigen über die Vergangenheit hatte ihr immer irgendwie den Atem genommen. Sie hatte so wenig in der Hand. Jahrelang auf der Flucht und immer in irgendwelchen Verstecken, eine endlose Folge von falschen Namen und falschen Pässen, die nackte Furcht in der Stimme ihrer Mutter, wenn ihr Onkel auch nur erwähnt wurde, eine bleibende Erinnerung an Panik und Angst, eng verbunden mit dem Gefühl tiefer Trauer. Und dann natürlich der Traum. Der Traum war erbarmungslos.

Und jetzt war sie also dort. In den drei Wochen, seit sie in der Firma arbeitete, hatte sie absolut nichts erfahren, außer einer schwindelerregenden Menge von Informationen über die Regeln des Office of Foreign Asset Control, über Finanzkalkulationsprogramme, Vorlagen für Containertransportverträge und Websitewerkzeuge. Sie war eine schreckliche Lügnerin und hatte niemals das geringste Talent besessen, andere zu täuschen, was sich gerade als Nachteil herausstellte. Sie musste sich, so gut sie konnte, durchkämpfen, während sie mit ihren Melonenstücken und Mini-Muffins herumbalancierte. Was für eine furchtlose, kühne Frau auf den Spuren der Wahrheit und Gerechtigkeit sie doch war.

Wieder spürte sie dieses Prickeln, das über ihre Haut lief, während sie die Frischhaltefolie von einer Schale mit Frischkäse für die Bagels abzog. Sie fuhr herum und ließ die Plastikschale fallen.

Der Mann, den sie im Fahrstuhl gesehen hatte, stand in der Küchentür.

Sie schluckte schwer. Sie musste Kaffee und Mini-Muffins servieren, ermahnte sie sich. Sie hatte keine Zeit, sich von einem gierigen Piraten schänden zu lassen, egal wie sexy und unwiderstehlich er auch sein mochte.

»Haben Sie sich verlaufen?«, fragte sie höflich. »Kann ich Sie irgendwohin bringen?«

Sie spürte den heißen Blick des Mannes überall auf ihrem Körper wie starke, besitzergreifende Hände. »Nein. Den Konferenzraum finde ich schon allein.« Seine tiefe Stimme strich sanft über ihre Nerven wie eine langsame, kribbelnde Berührung.

»Sie sind also … äh … wegen des Morgenmeetings hier«, stammelte sie.

»Ja.« Er betrat mit panthergleicher Grazie die Küche, bückte sich und nahm die Schale hoch. Dann richtete er sich auf – und immer weiter auf – und überragte ihre eins zweiundsechzig. Er nahm eine Serviette von dem Tresen hinter ihr, wischte einen Fussel vom Frischkäse ab und hielt ihn ihr hin. »Niemand wird es je erfahren«, versprach er sanft. »Das bleibt unser kleines Geheimnis.«

Sie nahm die Schale entgegen und wartete darauf, dass er einen Schritt zurücktrat. Doch das tat er nicht, bemerkte sie Sekunden später. Ganz im Gegenteil. Sie griff hinter sich, und irgendwie gelang es ihr, den Frischkäse dort ohne weitere Zwischenfälle auf dem Tablett zu platzieren. Ihr Herz hämmerte wild.

Sie konnte doch sonst auch lächeln, beschwor sie sich verzweifelt. Sie konnte auch flirten. Sie war schon ein großes Mädchen. Es war erlaubt. Aber er stand so dicht vor ihr, seine Augen waren so heiß und hungrig. Die Intensität seiner maskulinen Energie lähmte sie. Sie war sprachlos, konnte nicht einmal Luft holen.

»Es tut mir leid, wenn ich Sie im Fahrstuhl nervös gemacht habe.« Seine Stimme streichelte sie erneut so sanft wie Wildleder. »Sie haben mich überrascht, ich habe meine Manieren vergessen.«

Sie versuchte, sich am Küchentresen entlangzuschlängeln. »Sie sind immer noch nicht sehr höflich«, erklärte sie. »Und ich bin immer noch nervös.«

»Ach ja?« Er legte beide Hände auf den Tresen und fing sie in einem knisternden Kraftfeld männlicher Hitze ein. »Nun ja, und ich bin immer noch überrascht.«

Er beugte sich vor. Sie fragte sich in einem kurzen Anflug von Panik, ob er sie küssen würde, aber er hielt Millimeter vor ihrem Haar inne und holte tief Luft. »Sie duften wunderbar«, murmelte er.

Sie drückte sich gegen den Tresen. Im Rücken spürte sie die Gewürzschublade. »Ich benutze kein Parfum«, erwiderte sie tapfer.

Er roch noch einmal an ihr und seufzte, sein warmer, duftender Atem strich über ihren Hals. »Deswegen gefällt mir ihr Duft. Parfum überdeckt immer alles Gute. Ihr Haar, ihre Haut. Frisch und süß und heiß. Wie Blumen in der Sonne.«

Das konnte doch nicht tatsächlich passieren. Manchmal schien ihre Traumwelt wirklicher zu sein als die Realität, und dieser unaussprechlich kühne, gut aussehende Mann gehörte in eine ihrer eher unpassenden Traumszenarios, zusammen mit Einhörnern und Zentauren, Dämonen und Drachen. Unergründlichen Kreaturen, frei von Gesetzen und Grenzen der Sterblichen, umgeben von einem wilden Zauber. Und von tödlicher Gefahr.

Sie blinzelte. Er war immer noch da. Und zwar in einer überwältigenden Art und Weise. Auch der Griff der Schublade drückte sich immer noch unangenehm in ihren Rücken. Er war sehr real und keineswegs im Begriff, sich in eine Rauchwolke aufzulösen. Sie musste sich mit ihm auseinandersetzen.

»Das ist … unpassend«, sagte sie leise und atemlos. »Ich kenne Sie nicht einmal. Bitte treten Sie einen Schritt zurück und lassen Sie mir etwas Luft zum Atmen.«

Nur zögernd wich er zurück. »Tut mir leid«, sagte er, und es klang überhaupt nicht entschuldigend. »Ich musste ihn mir einfach einprägen.«

»Was einprägen?«

»Ihren Duft«, erwiderte er, als sei das völlig offensichtlich.

Raine starrte ihn mit offenem Mund an, und ihr war nur allzu bewusst, wie sich ihre Brustwarzen am Stoff ihres BHs rieben, wie die Seide ihrer Bluse über ihre Haut glitt, wenn sie atmete. Ihr Gesicht war heiß, ihre Lippen fühlten sich geschwollen an. Ihre Knie zitterten. Sein Blick schien irgendetwas, das tief in ihrem Innern saß, zu berühren, einen unerforschten, verborgenen Ort, der unter seinem Blick Knospen zu treiben und zu erblühen schien und der verbunden war mit einer schmerzenden, namenlosen Sehnsucht.

Nein. Diese Sehnsucht war nicht namenlos. Sie war geil, wurde ihr blitzartig klar, und sie schämte sich entsetzlich. Sexuell erregt von einem vollkommen Fremden, mitten in der Personalküche von Lazar Import und Export, und er hatte sie noch nicht einmal berührt. Das war genau der passende Zeitpunkt für ihre schlummernde Erotik, um sich mal wieder zu melden. Ihr Timing war schon immer beschissen gewesen.

»Ah. Mr Mackey nehme ich an.«

Beim Klang von Victor Lazars kühler, ironischer Stimme fuhr Raine herum. Er lehnte in der Küchentür und betrachtete die Szene mit seinen silbergrauen Augen, denen kein Detail entging.

Der Pirat nickte ihm höflich zu. »Mr Lazar. Freut mich, Sie kennenzulernen.« Die Worte und auch der Tonfall waren höflich, aber die raue Sanftheit, die seine Stimme ausgezeichnet hatte, war verschwunden. Sie klang jetzt klar und hart wie Glas.

Victor lächelte und musterte ihn kühl. »Sie kennen meine Assistentin?«

»Aus dem Fahrstuhl«, erwiderte der Pirat.

Victors Blick glitt von ihm zu Raine und blieb drei endlose Sekunden auf ihrem heißen Gesicht liegen. »Ich verstehe«, murmelte er. »Also gut. Da Sie nun hier sind … wollen wir dann? Die anderen warten.«

»Selbstverständlich.«

Spannung lag in der Luft. Die beiden Männer betrachteten einander und lächelten beide nichtssagend und undurchdringlich. Normalerweise sprangen alle sofort, wenn Lazar auch nur den leisesten Wunsch äußerte, aber dieser dunkle Fremde folgte seiner eigenen Erdanziehungskraft. Er würde sich nur bewegen, wenn es ihm gefiel und keine Sekunde früher. Raine war gefangen zwischen den beiden und wagte es nicht, einen Schritt zu tun.

Ein leicht amüsiertes Lächeln glitt über Victors Gesicht. »Hier entlang, Mr Mackey«, sagte er, als wolle er mit einem kleinen Kind scherzen. »Raine, bitte bringen Sie das Frühstück. Wir haben einen Menge zu besprechen.«

Der Pirat warf ihr einen letzten heißen und genießerischen Blick zu, während er Lazar aus der Küche folgte.

Nicht rot werden und nicht rumstottern, ermahnte sie sich streng, während sie die silbernen Kannen mit Kaffee und Tee füllte. Nicht über den Teppich stolpern und nicht gegen Türen laufen. Sie musste lernen, spielend mit solchen Situationen fertig zu werden. Und obwohl sie in das Szenario ihrer Mission keine knisternde Affäre eingeplant hatte, war das eigentlich gar keine so schlechte Idee.

Dieser wunderbare, rebellische Gedanke ließ ihr vor lauter Panik die Knie weich werden. Sie blieb auf dem Flur stehen und beruhigte sich erst einmal, während ihr die Arme zitterten, weil das Tablett so schwer war. Vielleicht konnte sie sich mit einer solchen für sie uncharakteristischen Kühnheit beweisen, dass sie tatsächlich den Mut hatte zu handeln, statt immer nur auf andere zu reagieren. Vielleicht wäre es gut, nicht nur für sie, sondern auch für ihr Vorhaben. Um diese unmögliche Aufgabe zu bewältigen, musste sie ohnehin zu einem völlig anderen Menschen werden. Kühn, furchtlos, skrupellos. Wo konnte sie besser damit anfangen als in ihrem Sexleben? Das musste sowieso mal gründlich überholt werden. Sie setzte ein Geisha-Lächeln auf und stieß mit dem Fuß die Tür zum Konferenzraum auf. Außer Victor und dem Piraten befanden sich noch mehrere Leute im Raum. Sie lächelte jeden von ihnen an, während sie Kaffee und Tee ausschenkte, aber sie achtete darauf, den Piraten nicht anzusehen, als sie ihm seine Tasse gab. Nur ein kurzer Blick auf seine langen, eleganten braunen Finger, als er ihr die Tasse abnahm, ließ ihr Herz bereits schneller schlagen.

Die Gespräche im Raum verschmolzen zu einem unverständlichen Hintergrundrauschen. Sie konzentrierte sich darauf, zumindest den Sinn zu erfassen. Jede noch so kleine Information konnte sich als nützlich für ihr Vorhaben erweisen. Der Pirat sprach über Transponder, die Identifizierung von Funkfrequenzen, das Sammeln von Daten, intelligente Labels und Datenschlüssel und Programmzyklen. GPS-Verfolgung, Daten-Streaming, kabellose Modems. Kalter technischer Kram, der sie noch nie interessiert hatte.

Aber seine Stimme war so tief und vibrierend und sexy. Ihr Nacken prickelte, als würde er ihn mit seinen Händen, mit seinen Lippen, mit seinem warmen Atem streicheln. Es war unglaublich schwer, sich zu konzentrieren. Ihr eigener Name ließ sie aufschrecken, sodass die Tasse, die sie hielt, auf der Untertasse klapperte.

»… nehme ich an, dass es passt, Raine. Bitte sagen Sie Harriet Bescheid«, erklärte Victor gerade.

Raine schluckte und stellte die Tasse behutsam neben Victors Ellbogen. »Ihr inwiefern … äh … Bescheid sagen?«

Ungeduld zeigte sich auf Victors breitem, gut aussehendem Gesicht. »Bitte passen Sie auf! Sie werden Mr Mackey und mich morgen auf eine Tour zu den Renton-Lagerhäusern begleiten. Halten Sie sich ab drei bereit.«

Sein Gesicht ähnelte von Nahem so sehr dem ihres Vaters, aber es war härter, kantiger. Sein kurzes Haar wirkte überraschend weiß gegen seine olivfarbene Haut.

Ihr Vater hatte nicht lange genug gelebt, dass sein Haar noch hätte weiß werden können.

»Ich?«, flüsterte sie.

»Ist das ein Problem?« Victors Stimme war seidenweich.

Schnell schüttelte sie den Kopf. »Ah … nein. Selbstverständlich nicht.«

Victor lächelte, und ein Schauder der Furcht lief ihr über den Rücken. »Ausgezeichnet«, sagte er leise.

Sie murmelte etwas Zustimmendes und floh, stolperte zwischen den Arbeitsplätzen hindurch bis auf die Damentoilette. Sie versteckte sich in der hintersten Kabine, presste ihr heißes Gesicht gegen die Knie und umfasste ihre Beine, während sie versuchte, das heftige Zittern unter Kontrolle zu bekommen.

Sie sah das Gesicht ihres Vaters so klar vor sich, als wären nicht schon siebzehn Jahre seit seinem Tod vergangen. So sanft, ein Mann der leisen Töne. Der Gedichte las, ihr Geschichten erzählte. Der ihr wunderschöne Bilder in seinen Monografien über die Kunst der Renaissance zeigte. Der ihr beibrachte, Bäume und Wildblumen zu erkennen. Manchmal besuchte er sie in ihren Träumen, und wenn er das tat, wachte sie auf und vermisste ihn so sehr, dass sie glaubte, ihr Herz würde unter dem Druck wie Glas zersplittern.

Jetzt krieg dich endlich in den Griff, ermahnte sie sich wütend. Sie sollte feiern und keinen Nervenzusammenbruch auf der Toilette bekommen. Dies war die Chance für die Piratenkönigin zu zeigen, was sie konnte.

Aber mehr und mehr fühlte sie sich wie das hilflose Wesen in ihrem Traum. Sie schwamm nackt und gefangen in endlosen Kreisen durch ihre durchsichtige begrenzte Welt. Blind gegenüber möglichen Konsequenzen, aber immer verfolgt vom Schatten des nahenden Untergangs.

 

3

»Sir? Entschuldigen Sie, ich habe einen Mr Crowe am Apparat, der um Erlaubnis bittet, zur Insel kommen zu dürfen.«

Victor wandte seinen Blick nicht von den Wellen ab, die den weißen Strand unterhalb der Veranda emporliefen. Er nahm einen Schluck von seinem Whiskey und genoss den rauchigen Geschmack. »Was will er?«

Die junge Assistentin räusperte sich dezent. »Er sagt, es ginge um das … ähm … Herz der Dunkelheit.«

Ein zufriedenes Lächeln spielte um Victors Lippen. Das perfekte Ende eines anregenden Tages. Wer hätte gedacht, das Crowe eine poetische Seite hatte? Herz der Dunkelheit, in der Tat. »Sagen Sie ihm, er soll kommen«, befahl Victor.

»Danke, Sir.« Die junge Frau zog sich leise durch die Glastüren ins Haus zurück.