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St. Pauli 1951: Jazzpianistin Martha Kiesler, einst das Idol der von den Nazis verfemten Swing-Jugend, kommt in ihre alte Heimat zurück. Ihre Karriere in New York ist nicht so verlaufen, wie sie es sich erträumt hatte. Aber in der vom Krieg gezeichneten Stadt Fuß zu fassen ist schwer, jeder kämpft ums nackte Überleben, und die Nazis sind längst nicht verschwunden. Zunächst schlägt sie sich als Pianistin in einer Hotelbar durch. Als sie einen alten Freund wiedertrifft, der einen Jazzklub eröffnen will, schöpft sie Hoffnung, und in dem geheimnisvollen GI Paul meint sie, ihren Traum-Bassisten gefunden zu haben. Doch er verkehrt mit zwielichtigen Gestalten und muss immer wieder seinen Bass verpfänden. Zum Glück lernt sie auch die patente Blondie kennen, angehende Modedesignerin und unerwarteter weiblicher Beistand. Aber auch Grundstücksspekulanten, Drogenhändler und Rotlicht-Gangster kommen ihr in die Quere, alte Widersacher tauchen auf. Und die Erinnerung an einen mysteriösen Todesfall …
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Seitenzahl: 271
Veröffentlichungsjahr: 2026
ROBERT BRACK, Jahrgang 1959, lebt als Autor und Übersetzer in Hamburg. Er wurde mit dem »Marlowe« der Raymond-Chandler-Gesellschaft und mit dem Deutschen Krimipreis ausgezeichnet. Bei Edition Nautilus erschien zuletzt Schwarzer Oktober (2023), der vierte historische Kriminalroman um Klara Schindler.
Edition Nautilus GmbH
Schützenstraße 49a
22761 Hamburg
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© Edition Nautilus 2026
Erstausgabe Februar 2026
Umschlaggestaltung: Maja Bechert
www.majabechert.de
Satz: Corinna Theis-Hammad
www.cth-buchdesign.de
Porträt des Autors auf Seite 2:
© Charlotte Gutberlet
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NACHBEMERKUNG
In memoriam Jutta Hipp, auch wenn siediesen Blues nicht gespielt hat.
»So sind unsere Mädchen: wie Jazz. Und so sind die Nächte, die mädchenklirrenden Nächte: wie Jazz: heiß und hektisch. Erregt.«
Wolfgang Borchert, Manifest
»After all, she thought, there wasn’t anything in the world like great music, real jazz, to take the crimps out of you when you got to feeling rotten.«
Maritta Wolff, Nightfall
Übrig blieb ein eisiger Schauer, der sie jäh überfiel. Zumeist am frühen Morgen, wenn das kalte Licht des nahenden Tages durch die schmalen Fenster eines Souterrainlokals fiel und ihre Hände einem Zwang gehorchend das Stück spielten, das sie ihm gewidmet hatte. Ihm und seinem Kumpel natürlich. Taumelnde Noten, eine schwankende Melodie. Und sofort tauchten die Schreckensbilder wieder auf: zwei Tote, eine gefesselte Frau in der Badewanne, ein Revolver, eine Pistole, schwarze Rauchwolken, die kleine Madonna aus dem Konzentrationslager … Sie spielte weiter, vergaß, und war irgendwann, ohne nachzudenken, beim letzten Stück angekommen: »Some Day My Prince Will Come«. Wo ist er jetzt? Seine Spur verliert sich in Hamburg, Germany. Die U. S. Army gibt keine Auskunft über Deserteure.
Aber wir sollten die Geschichte am Anfang beginnen, der eigentlich ein Ende war.
Das erste Mal hatte sie Paul nach dem Gespräch mit dem künstlerischen Leiter im »Jungbrunnen« bemerkt, als sie nur einen kurzen Blick auf das turbulente Geschehen rund um den Kampfplatz werfen wollte. Sozusagen um sich zu vergewissern, dass wirklich ein Kelch an ihr vorübergegangen war. Denn das Kabarett Jungbrunnen in der Großen Freiheit war alles andere als ein Kabarett. Eher eine schmuddelige Jahrmarktsbude.
Trotzdem gab es einen »künstlerischen Leiter«: ein langer dünner Kerl im hellen Zweireiher mit Schnauzbart und Pomade im spärlichen Haupthaar. Er hatte ihre Bewerbung zunächst mit süffisantem Grinsen zur Kenntnis genommen. Als sie ihm dann die Schallplatte auf den Tisch legte, die sie im letzten Jahr in den USA aufgenommen hatte, bei dem
renommierten Half-Note-Label, verschwand das Grinsen und wurde von einem Hauch Achtung und Respekt abgelöst.
»Polka Dots and Moonbeams«, las er in ungelenkem Englisch vor. »Kommt mir bekannt vor.«
»Frank Sinatra hatte einen Hit damit, begleitet vom Orchester Jimmy Dorsey.«
»Ah, daher …« Er drehte die Scheibe um. »Dear Old Stockholm, das klingt nach einem Volkslied.« Er grinste wieder.
»Ist es auch, ein schwedisches. Eigentlich heißt es Ack Värmeland, du sköna. Ich habe das Lied bei den Kollegen in New York bekannt gemacht. Jetzt spielen es sogar Stan Getz und Miles Davis.«
Die Namen sagten ihm nichts. Er schaute sie forschend an. »Sie sprechen Schwedisch?«
»Nein«, sie lachte, »ich kann nur diesen Titel aussprechen.«
Das schien ihn zu beruhigen. Er nickte. Dann drehte er sich auf seinem Bürostuhl um, der genauso aussah wie der Schreibtischsessel, auf dem der Inhaber des Half-Note-Labels seine Künstler empfangen hatte, um sie ihre Verträge unterschreiben zu lassen, mit denen sie alle Rechte an ihren Stücken oder Interpretationen auf ihn übertrugen. Selbst heute, Anfang der 50er Jahre, war das noch gang und gäbe. Vorsicht vor Männern in Drehstühlen, sie wollen dich reinlegen und schaffen es auch.
Er unterbrach ihre Gedanken: »Ich lege mal auf, ja?«
»Gern.« Komisch, dass er fragte. Aber als sie sah, was für eine Kiste er als Plattenspieler hatte, wurde ihr doch mulmig. Das Ding sah aus wie eine Töpferscheibe. Ein Draht verband das Gerät mit einem Grundig-Radio, das wirkte, als würde es eher Zigarrenrauch als Musik von sich geben.
Er zog die Scheibe aus der Hülle, mit grabschenden langen Fingern, und hinterließ Abdrücke darauf.
Beinahe hätte sie lautstark protestiert. Dies war ihr letztes Exemplar! Alle anderen hatte der amerikanische Zoll konfisziert, warum auch immer.
Er rammte die Nadel in die Rille und grinste wieder süffisant. Natürlich will er, dass es für mich blamabel klingt. Eine Frau, die eine Jazz-Schallplatte aufgenommen hat, noch dazu in Amerika! Ein Witz. Nicht wenige hatten über sie gelacht, wenn sie damit kam, auf ihrer Arbeitssuche. Und verkniffen zugehört, wenn sie spielte, weil sie es nicht glauben wollten.
Der hier hörte ernsthaft zu und nickte bewundernd, als ihr Solo zu Ende war. Sie fand, dass es zickig klang. Zu viel Bach, zu wenig Blues. Aber er war beeindruckt.
»Donnerwetter«, sagte er und schaute sich die Rückseite der Hülle an. Dort war ein Bild von ihr zu sehen, am Piano, im Abendkleid, mit wallenden Haaren. Darüber in fetten Buchstaben: MARTHA KIESLER TRIO. Manche Klubs hatten ihren Namen auf den Plakaten falsch geschrieben: Keeslar. Ihr Bassist, ein Brite, hatte gern Witze darüber gemacht: Cheese-lar, ha-ha. Sonst war er ganz okay gewesen.
Der Impresario nahm die Schallplatte von der Töpferscheibe, jetzt mit etwas mehr Fingerspitzengefühl, und steckte sie zurück in die Hülle. Dann schüttelte er den Kopf. »Nein, wirklich, das geht nicht. Tut mir leid.«
»Warum?« Sie musste sich bremsen, um nicht den Kopf zurückzuwerfen und die Mähne zu schütteln wie ein störrisches Pferd.
»Zu anspruchsvoll. Das wollen unsere Gäste nicht. Die singen gerne mit.«
»Ich kann auch ein paar Seemannslieder einflechten.«
Er schaute sie an, mit dem Anflug eines wehmütigen Lächelns. Sein Blick glitt über ihre roten Haare, ihren Oberkörper – als würde er bereuen, was ihm da entging. Ihre linke Hand spannte sich an. Sie hatte inzwischen einige Übung im Ohrfeigen.
Da legte er die Stirn in Falten, geradezu theatralisch und schaute nachdenklich an ihr vorbei, suchte nach einem Wort. »Also, nehmen wir mal an, so einer wie … äh … Mozart würde hier zwischen den biertrinkenden Gästen ein Seemannslied anstimmen – würde er so spielen, dass alle mitgrölen wollen?«
Was sollte sie darauf erwidern?
»Mit einem Akkordeon eventuell. Netzstrümpfe, möglichst wenig oben rum und so …«
Sie schüttelte den Kopf. »Nach Mitternacht vielleicht?«, fragte sie mutlos.
»Da wird’s erst richtig laut.«
»Na dann …« Sie stand auf.
Jetzt galt sein Interesse wieder der Frau, nicht der Künstlerin. »Bleiben Sie noch, ich gebe einen aus. An der Bar.«
»Nein, danke.«
Immerhin war er höflich genug, sich ebenfalls zu erheben. Auf halbem Weg blieb er gebückt stehen und legte zwei Finger an die Stirn. »Bar-Pianistin«, sagte er und riss die Augen auf, als hätte er eine Erleuchtung. »Manne Höfling sucht eine, also eigentlich einen. Aber wieso keine Frau? So eine wie Sie … da fährt er doppelt gut. Er will das Abendgeschäft beleben.«
»Wie bitte?«
Der Impresario schaute sie geduldig an, als wäre sie übermäßig begriffsstutzig: »Er hat einen Steinway-Flügel ge- … na, sagen wir mal geerbt. Der steht jetzt im Foyer seines Hotels. Bestes Haus in einer kleinen Seitenstraße der Reeperbahn. Hotel König-Royal. Heißt so nach dem früheren Besitzer, König. Manne hat den Flügel, aber keinen, der darauf spielen kann. Fragen Sie mal! Empfehlung von mir.« Er deutete auf ihre Handtasche. »Die Scheibe da wird ihm imponieren.«
»Ist das eine Absteige?«
»Aber nein! Das einzige seriöse Etablissement am Platze. Ernsthaft. Also, im Rahmen der hiesigen Verhältnisse. Wir sind hier auf St. Pauli!«
»Ist mir bekannt.« Wieso klang sie so verkniffen? Sie war in Harlem aufgetreten. Das St. Pauli von heute wirkte armselig dagegen. Wenige Straßen, zur Hälfte zerbombt, mit ein paar Lichterketten dazwischen und Bildern von halbnackten Frauen in Schaukästen. Also ehrlich, früher war das ganz anders gewesen …
»Hotel König-Royal, Manne Höfling. Gehen Sie hin. Mit den besten Empfehlungen von Samy aus dem Jungbrunnen.«
»Danke.«
Er baute sich vor ihr auf, jovial, und hielt ihr zu allem Überfluss auch noch die Hand hin. »Viel Glück, Fräulein Kiesler.«
Die Tür knarrte. Die Dielen im Flur ebenso. Die Treppe bestimmt auch, aber das hörte sie nicht, weil von unten der Lärm dieser Amüsierbude heraufschallte.
Sie wollte so schnell wie möglich raus.
Und dann blieb sie doch am Tresen hängen, den Blick auf die Tür mit dem Schild »Ausgang« geheftet, aber plötzlich gelähmt. Als würde sie festhängen in dieser muffigen, rauchigen Atmosphäre, dem Bierdunst. Geschrei und Gelächter und dumme Stimmungsmusik verdichteten sich. Sie hatte das Gefühl, in einer gallertartigen Substanz steckenzubleiben. Mit Mühe konnte sie eine Hand heben und Whisky bestellen. Sie bekam einen Weinbrand und ließ ihn zurückgehen, sehr zum Ärger des Barmanns: »Das ist ein Dujardin Imperial!«
Sie verlangte Scotch mit Wasser.
»Der ist sehr teuer, Gnädigste.«
»Trotzdem.«
Verwunderter Blick, aber er bückte sich und förderte eine Flasche Johnnie Walker zutage.
»Bitte doppelt.«
Und noch einen und noch einen. Irgendwann stand ein ganzer Trupp leerer Tumbler und gefüllter Wassergläser in Reih und Glied vor ihr. Diese Situation kennen wir doch. Sie salutierte lässig.
Und da bemerkte sie ihn.
Ein großer Kerl. Er überragte fast alle. Kam ihr bekannt vor, dabei hatte sie ihn noch nie gesehen. Vielleicht in New York? Er würde in eine Jazzkneipe passen. Warum? Ja, warum? Weil er so ein Gesicht hatte, bei dem man nicht sofort einordnen konnte, welcher »Race« er angehörte, wie die Amerikaner sagten. Bei ihr selbst war die Sache klar: Blasse Haut, fast schon bläulich, Sommersprossen, grüne Augen und fuchsrote Haare, eigentlich rotbraun – seien wir ehrlich, es hängt vom Licht ab. Im Tageslicht eher braun, im Scheinwerferlicht eher rot. Jedenfalls eindeutig »caucasian«. Was für ein verrücktes Wort. Welches Scheinwerferlicht übrigens? Dafür müsstest du dich schon dort drüben hinsetzen, wo das grelle Licht der Lampen, die auf den Ring gerichtet sind, sich besonders kalt und eisig bemerkbar macht.
Es sollte einen Ringkampf geben. Die Leute drängten nach vorn. Der große Kerl schien guter Dinge zu sein. Trank Bier. Lächelte. Nettes Lächeln, aber sehr zurückhaltend. Wenn er sich bewegt, hat er etwas Schlafwandlerisches. Er ist nicht ganz in dieser Welt, könnte auch woanders zuhause sein. Wenn er den Kopf neigt, die melancholische Noblesse eines ägyptischen Pharaos. Ich träume.
Sie lächelte in seine Richtung. Er sah sie nicht. Zu viel Licht.
Auch zu viele Leute. Sie standen um die Grube herum. Die Zuschauer in den hinteren Reihen waren auf die Bänke geklettert. Erwartungsvolle Heiterkeit. Hin und wieder ein Jauchzen: Na los doch, herein mit den Gladiatorinnen!
Der große Kerl, der hübsche krause Haare hatte, nette kleine Ohren und eine leichte Stupsnase, gestikulierte mit seinem leeren Bierglas. Wundervolle geschwungene Lippen. »A pug-nosed dream?« Sie zwinkerte der Tumbler-Truppe zu.
Neben ihm ein Mann im hellen Anzug und Strohhut (zu dieser Jahreszeit, um Himmels willen, es war Februar!), mit dem er redete. Der hörte kaum zu, schaute sich ständig um, mit stechendem Blick. Sah so aus, wie sie sich einen Spanier vorstellte.
Jetzt huschte er weg, ohne ein Wort zu sagen, verschwand irgendwo weiter oben im Gedränge auf der Empore, wo die Gäste an Geländern lehnten oder in diskret beschirmten Logen saßen und gespannt nach unten glotzten.
Der Pharao ließ sich von einem umherschweifenden Kellner ein neues Bier geben.
Apropos. Noch einen Scotch bitte.
Es war eine Schlammgrube. Das fiel ihr erst auf, als die Gladiatorinnen über eine Art Gangway hereinstolzierten. Sie hatte sich nichts dabei gedacht, als zwei »Bühnenarbeiter« die Bretter wegnahmen, auf denen eben noch ein paar Shanty-Musiker gelärmt hatten.
Sie versuchte, dem großen Kerl zuzuprosten, aber das gelang nicht. Zu viele wogende Körper im Weg. Und was erlaubst du dir eigentlich? Du bist völlig hinüber. Hör auf Whisky zu trinken!
Der Kellner räumte ein Wasserglas nach dem anderen ab.
»Stopp! Ich habe Durst.«
Sie trank die letzten drei verbliebenen Wassergläser aus. Bestellte eine Coca. Wenn ich so weitermache, lande ich im Armenhaus. Besser ich sage, meine Zeche geht auf Kosten des Hauses. Wie hieß der Impresario noch? Samy.
»He! Das geht auf Samys Rechnung …« Keiner hörte zu.
Die zwei Frauen im Ring waren wuchtige Erscheinungen. Sie trugen ausgeleierte Ringeranzüge und Badekappen, dazu Turnschuhe. Fettwulste hier und da, aber auch Muckis. Stiernacken. Stämmige Arme. Baumdicke Schenkel. Brüste wie Punchingbälle. Sie schnitten Grimassen, grinsten großspurig, warfen sich Beleidigungen zu, taten so, als würden sie sich streiten.
Dann gingen sie aufeinander los.
Ringen, klammern, boxen, heben, werfen, rempeln, stoßen, ziehen, zerren, ächzen, stöhnen, schreien, brüllen … immer weiter.
Der Schlamm spritzte. Sie wurden immer schmutziger. Die Menge teilte sich auf in Anhängerschaften. Die Kämpferinnen rissen sich gegenseitig die Kappe vom Kopf. Irgendwann landete die Erste auf dem Hintern im Schlamm und rächte sich mit einer Handvoll Matsch. Erst geworfen, dann ins Gesicht der Gegnerin geschmiert. Noch war keine reif für den Bodenkampf. Erstmal mussten die Anzüge zerrissen werden. Bei jedem Stückchen nacktem wulstigen Fleisch, das entblößt wurde, johlte die Menge.
Der große Kerl aber blieb stumm. Wie abwesend schaute er dem Kampf zu, als würde er von etwas ganz anderem träumen. (»Ich habe nicht geträumt, ich habe komponiert«, wird er später zu ihr sagen.)
Nur noch wenige Fetzen waren von den Ringeranzügen übrig, dafür waren die Gladiatorinnen jetzt von oben bis unten mit Schlamm bedeckt. Schließlich konnte die eine die andere bezwingen. Wurde auch Zeit, denn die Sache begann zu langweilen.
Der Ringrichter in Gummistiefeln, der die Kämpferinnen nur gelegentlich getrennt hatte, peinlich darauf bedacht, seinen Ringelpulli und die weiße Hose nicht zu beschmutzen, zog sich theatralisch einen Gummihandschuh über und fasste mit der geschützten Hand den Arm der Gewinnerin und hob ihn hoch.
Tosender Beifall, Gejohle, Pfiffe. Dann rhythmisches Klatschen. Erwartungsvolles Raunen der Menge. Vereinzelte auffordernde Schreie, die von anderen aufgegriffen wurden.
»Säubern, säubern, säubern, säubern …«
Der Ringrichter reichte der Siegerin einen Wasserschlauch. Sie richtete den Strahl auf ihre Kontrahentin, die mit gesenktem Kopf so lange still stehen blieb, bis sie sauber war, nur notdürftig bekleidet mit verrutschtem Schlüpfer und ausgeleiertem Büstenhalter. Mit gesenktem Kopf trottete sie über die Gangway in die Garderobe.
Gaffende Neugier.
Der Gewinnerin wurde eine Decke umgeworfen und sie stapfte dreckig, aber mit gereckter Brust davon.
Der Ringrichter rutschte aus und fiel in den Schlamm. Große Heiterkeit. Noch größerer Durst. Alle strömten zu den Theken oder fielen über die Kellner her. Auch Martha ließ sich jetzt ein Bier geben. Es war unerträglich heiß. Ihre Kehle war ausgedörrt. Sie trank in gierigen Zügen. Zwei Männer schleppten hastig die Bohlen an, mit denen die Schlammgrube wieder abgedeckt wurde.
Der große Kerl war weg.
Die wogende Menge, die aufgerissenen Münder, das schrille Lachen, das ohrenbetäubende Raunen, irgendeine blödsinnige Blaskapelle, das Stupsen und Stoßen und Rempeln, alles wurde immer schlimmer. Ein Meer aus Menschen brandete in Wellen gegen sie, schwappte ihr ins Gesicht, schubste sie hin und her, vor und zurück. Sie klammerte sich an den Tresen wie an einen Felsen, schnappte nach Luft. Ruhig atmen!
Ich werde ertrinken in diesem Sturm, ersticken in diesen Ausdünstungen nach Schweiß und Bier, nach faulen Eiern.
Martha spähte durch den Dunst. Wo ist mein Leuchtturm?
Da sah sie ihn. Er ging gebeugt, bahnte sich den Weg durch die Menge wie ein Pflug. Wurde geschoben von dem Mann mit dem Strohhut, dem dieses Ding wundersamerweise nicht vom Kopf fiel. Sie passierten eine Tür mit der Aufschrift »Zu den Toiletten«.
Martha stieß sich vom Tresen ab, drängte durch die Menge zur Tür und folgte den beiden durch einen langgestreckten Korridor, vorbei am Spuckbecken zwischen den Türen H und D.
Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, dass der große Kerl eine Bedeutung für sie hatte. Im Übrigen war es immer verdächtig, wenn zwei Männer »nach hinten« gehen, ganz im Gegensatz zur gleichen Situation bei Frauen.
Es gab eine Hintertür. Durch die schubste der Kleine den großen Kerl. Raus in die Nacht.
Ohne nachzudenken, schlich sie hinterher und stand mit einem Mal im Dunkeln. Nur ein schmaler Lichtstreifen fiel durch den Türspalt. Sie drückte sich an die Wand. Schwankend. Sie war sturzbetrunken. Das Bier hatte ihr den Rest gegeben.
Leises Schlurfen, Zischeln, ein unterdrücktes Stöhnen. Ein Licht ging an. Eine Taschenlampe beleuchtete das Gesicht des großen Kerls. Der hatte Angst, das war deutlich zu sehen. Kein Wunder, der Lichtkegel ließ eine Messerklinge aufblitzen, die der Kleinere mit dem Strohhut ihm unter die Nase hielt. Hinter dem großen Kerl konnte sie die Umrisse eines anderen großen Kerls erkennen, der ihn festhielt.
Der Kleine zischelte höhnisch: »Kohle, Zaster, Mäuse, Kies, Kröten, Piepen, Schotter, Moos, Moneten – das verstehst du doch, oder? Money! You unnerstand? Wo hast du die Knete? Where is da money?«
Der große Kerl stöhnte, sagte aber nichts. Der Kleine ließ die Messerspitze über seine Wange gleiten, stach sie ganz leicht in den Hals seines Opfers.
Sie sah der gruseligen Vision des Albtraums eines anderen zu. Entfernte sich sogar davon. Als würde sie davonschweben. In die Vergangenheit, als nächtliche Überfälle an der Tagesordnung waren. Und da fiel ihr wieder ein, an wen der Leuchtturm sie erinnerte … an Willy … der sanfte Mechaniker, der bei jeder Maschine den entscheidenden Punkt ertasten konnte, die Mulde, die Delle, die leichte Unwucht, die es zu korrigieren galt, damit alles rund lief … Der Raum weitete sich. Die Konturen verwischten. Sie sah wieder seinen Rücken vor sich, die knarzende Lederjacke, den flatternden Schal … die Blutstropfen im Treppenhaus … das Motorrad im Wasser … der Helm, aus dem das Blut quillt … wenn ich nur schreien könnte …
Die Stimmen holten sie zurück in die Wirklichkeit.
»No Money.«
»Du bist verrückt!«
»No …«
»Understand? Dead! Now!«
»Yes.«
Sie war so weit entfernt von dem, was sie sah, dass sie nicht mal schreien konnte.
Die Tür wurde weit aufgestoßen. Die beiden Ringkämpferinnen traten in den Hinterhof, mit wiegenden Schritten. Sie standen auf dem langgestreckten Lichtstreifen, der sich nun aus dem erleuchteten Korridor wie ein Laufsteg in den Hof erstreckte. Ihre sauberen, feisten Gesichter schimmerten weiß und rund wie zwei Vollmonde. Die eine trug ein gestreiftes Kleid, ein zierliches Jäckchen, und ein Haarreif hielt ihre Lockenpracht zusammen. Die andere steckte in einem knapp bemessenen Overall und hatte eine Schirmmütze auf dem Kopf.
Die im Kleid rief: »He, ihr Mistkerle, lasst ihn los!«
»Auf der Stelle!«, betonte die im Overall.
Die Taschenlampe ging aus.
Zwei Sekunden später flammten bunte Glühbirnen auf, und ein Scheinwerfer tauchte den Hinterhof in gleißendes Licht.
Ohne weitere Ansage stürzten sich die Ringkämpferinnen auf die überraschten Männer. Der mit dem Strohhut konnte gerade noch »He, mal langsam …« ausrufen, da flog er auch schon gegen einen Stapel zusammengeklappter Biertische in einem Unterstand und wurde dort von der Frau im Overall mit Fußtritten traktiert.
Der andere glaubte, sein Opfer als Schutzschild benutzen zu können, aber ein gezielter Faustschlag machte ihn zu einem taumelnden Sparringpartner, der von der Frau im Kleid wie ein mobiler Sandsack durch den Hof getrieben wurde, um schließlich seufzend vor der Hauswand zusammenzubrechen.
Der Leuchtturm hockte währenddessen in der Mitte des Hinterhofs unter den Girlanden und betrachtete verdutzt das Geschehen.
Die Ringkämpferinnen traten zu ihm und halfen ihm auf die Beine. Er fing leise an zu lachen, aber es klang nicht sehr fröhlich. Er zitterte. Man hat nicht alle Tage ein Messer an der Kehle.
»Die waren längst fällig«, sagte die Frau im Overall.
Der Leuchtturm schüttelte den Kopf, als wollte er die Erinnerung an das, was eben passiert war, loswerden. Er stolperte beim ersten Schritt. Die beiden hakten ihn unter. Er überragte sie um einen halben Kopf, wirkte aber zwischen ihnen eher schmächtig.
Sie führten ihn zur Tür. Die im Kleid löschte das Licht und sagte grinsend zu Martha: »Geh rein, Kleines, und pudere dir das blasse Näschen.«
Später sah sie das Trio in einer Ecke sitzen. Die im Overall hatte eine Hand unter dem Kleid ihrer Kollegin, die andere lag auf dem Oberschenkel des Leuchtturms. Sie sahen aus, als würden sie gemeinsam träumen. Es war nur ein flüchtiges Bild, bevor in Marthas Kopf ein Faden riss.
Am nächsten Morgen konnte sie sich nicht mehr erinnern, wie sie nach Hause gekommen war.
Vom »Trichter«, dem Gebäudekomplex am Millerntor, der einst eine ganze Reihe von Vergnügungslokalen, Kabaretts und Restaurants beherbergt hatte, war nicht viel übriggeblieben. Aber wen die triste Atmosphäre nicht störte, der fand irgendwo eine Tür mit einem Schild, das »Tanzvergnügen« versprach, oder einen anderen Eingang, der in eine Bierkneipe führte. Über einer Doppeltür prangte sogar eine bunte Leuchtreklame und lockte in ein »Nachtcafé«. Verführerisch, aber die Schrift strahlte in kaltem Blau. Rotes Licht war anderen Orten vorbehalten.
Hinter einer Glastür beleuchteten ein paar müde Funzeln eine Treppe, die in den Keller führte. Martha hatte schon am ersten Tag, als sie mit zögernden Schritten durch St. Pauli gelaufen war, davon gehört, aber eine merkwürdige Scheu empfunden hinzugehen. In einem Radio- und Schallplattengeschäft in der Seilerstraße hatte der Verkäufer ihr vorgeschwärmt, dies wäre das Lokal für »heißen Jazz«.
»Manchmal spielen dort sogar Kapellen aus England«, hatte er mit leuchtenden Augen hinzugefügt.
Aus England? Sie hatte nicht gewagt nachzufragen. Später kam ihr der Gedanke, dass die Engländer sich mit den Amerikanern vielleicht nicht nur militärisch, sondern auch musikalisch verbündet hatten. Trotzdem fiel es ihr schwer, sich englischen Jazz vorzustellen. Aber hatte es nicht auch mal »deutschen Jazz« gegeben, sogar noch unter den Nazis? Und war sie nicht Teil dieser höchst seltsamen Tendenz gewesen, die zuerst in die Heimlichkeit und dann in die Gefängnisse und KZs gezwungen worden war? Ihr war die Flucht nach Amerika gelungen. Schön, wenn deine Familie ein bisschen Geld hat. Schön, wenn sie dir ein Dampfer-Billett dritter Klasse verschafft. Selbst eine Kabine mit acht Betten ist angenehmer als eine Zelle in Fuhlsbüttel! Hast du Gewissensbisse, weil es andere schlimmer getroffen hat? Hast du mal nachgefragt, was aus ihnen geworden ist? Jemandem deine Adresse genannt? Nein? Hättest du nicht jemandem helfen können, der dir nachfolgen wollte? Hast du das versäumt, weil du so frei warst, im Land der Freien eine Karriere im Music Business zu verfolgen? Schämst du dich deswegen? Geisterst du deshalb in diesem Viertel herum – wo eine kleine Gefolgschaft dich einmal als »Stern« verehrte –, weil du jemanden suchst?
Schau, dort drüben war mal das Café Heinze. Weißt du noch, wie sie dir zugejubelt haben? Das war dein größter Auftritt. Nicht weil besonders viel Publikum gekommen wäre, nein, weil es auf St. Pauli war. Nicht im bürgerlichen Alsterpavillon oder im Stadtparkcafé. Auf St. Pauli spielte die Swing-Musik! Leider bald nur noch trötende Blasmusik und krumme Walzer. Bis die Alliierten die Regie übernahmen und Feuer legten im zerstörerischen Rhythmus ihrer Bomben. Aber da warst du schon weg. Deine Hände glitten über die Tasten der Pianos in der 52nd Street, und eines Tages konntest du sogar deinen Namen in großen Lettern über dem Eingang des Downbeat Club bewundern. Es war die Fortsetzung deiner Glückssträhne, die auf St. Pauli begonnen hatte. Und war die 52nd nicht die Fortsetzung der Reeperbahn mit amerikanischen Mitteln? Es hatte sich angefühlt wie ein zweites Zuhause – und irgendwann nicht mehr.
Martha stand immer noch zögernd vor dem Eingang zum Jazzkeller. Ja, sie würde gern jemanden von früher treffen. Nein, sie wollte auf keinen Fall auf ein bekanntes Gesicht stoßen! Was denn nun? Ohne Musik kannst du doch gar nicht leben! Stell dich nicht so an! Was soll schon passieren? Duke Ellington wird dir nicht den Kopf abreißen. Bud Powell wird dich nicht erschießen. Niemand wird dich in betrunkenem Zustand auf die Bühne zerren und boshaft auffordern, dieses eine Stück zu spielen, das du nie beherrscht hast – und dann auch noch in einem rasenden Tempo – wie dieser blöde Bandleader, der widerrechtlich das Wort Kunst als Vornamen trug. »Artie, du bist nur ein beschissener Angeber!« Hätte sie das bloß gesagt.
Nein, hier ist Jazz romantisch und kein Contest wie drüben.
»Außerdem kennt dich keiner mehr«, flüsterte sie und stieg die Treppe hinab.
Rauchiger Dunst schlug ihr entgegen. Es roch nicht wie in den Bars der 52nd Street. Anderer Tabak, anderer Alkohol.
Auch andere Musik.
Eine Garderobiere wachte über vereinzelte Mäntel und nickte ihr knapp zu.
»Guten Abend.«
Sie trat durch eine Schwingtür in den Kellerraum, der aussah, als hätten Privatpersonen ihn notdürftig für eine Familienfeier eingerichtet. Aber es gab einen Tresen und ein Podium, Tische in verschiedenen Formen, Stühle und Hocker, die nicht gerade bequem aussahen, ein paar Nischen hinter den Bänken, die die Tanzfläche einrahmten.
Das Lokal war zur Hälfte gefüllt. Niemand tanzte. Wie, bitte, soll man auch zu Dixieland-Jazz tanzen, wenn man nicht aus dem Grand Old South stammt?
Tja, das hast du nicht erwartet, was? Die Musikszene hat sich zurückentwickelt. Wir haben Swing gespielt! In Manhattan ist Bebop der letzte Schrei. Und hier spielt eine Band mit Banjo, Tuba und Waschbrett? Das also hatte der Radio-Verkäufer gemeint, als er den »heißen Jazz« anpries.
Sie ging zum Tresen und bestellte einen Whisky.
»Ich kann Ihnen einen Weinbrand anbieten – Dujardin Imperial«, sagte der Mann hinter der Bar, der einen in dieser Umgebung völlig unpassenden Frack trug.
»Meinetwegen, und ein Glas Wasser, bitte.«
Vom Barhocker hatte sie einen guten Blick in die Runde. Männer jeden Alters, manche in Anzügen, manche mit Pullovern, aber denen für sonntags und Hemdkragen drüber. Frauen unter dreißig bis knapp unter zwanzig. Hübsche Kleider mit weiten Röcken, verschiedenste Muster, zumeist geometrisch, keine Blümchen. Hier und da ein Petticoat. Ausgestreckte Beine in Nylons, von denen man gern ein bisschen mehr zeigte. Oh, da waren auch Netzstrümpfe. Sogar nackte Arme, nachdem die Strickjacke über die Lehne gehängt worden war. Haben die schon Shimmy getanzt?
Auf dem Podium ganz hinten stand ein Piano. Lasst es dort stehen.
Keine bekannten Gesichter. Zum Glück. Oder doch: schade. Frage: Was willst du eigentlich? Antwort: Wenn ich das wüsste, wäre ich nicht hier. Logische Nachfrage: Wo denn sonst? Schulterzucken. Erstmal eine Zigarette. Der Dujardin ist ausgetrunken.
»Bitte noch einen!«
Der Blick des Kellners fiel auf ihre Zigarettenpackung: Pall Mall. Er hob eine Augenbraue.
»Nehmen Sie eine!« Sie hatte ein paar Stangen aus Amerika mitgebracht. Und ehrlich gesagt war ihr die Marke völlig egal.
Der dritte Weinbrand war dann großzügig bemessen. Sie revanchierte sich mit einer zweiten Zigarette.
Nach »Down By the Riverside« spielte die Band den »Tiger Rag« und kühlte den Enthusiasmus des Publikums mit »St. James Infirmary« ab.
Streichhölzer flammten auf. Rauch wurde inhaliert. Getränke bestellt. Krawatten gelockert. Gespräche begonnen. Männer eilten zum Tresen. Einige Damen suchten die Toilette auf. Eine Wasserstoffblondine in einem hinreißenden Rüschenkleid mit übertrieben viel Lippenstift schnorrte eine Pall Mall von Martha und sagte: »Sie sind auch wegen der Stars gekommen, nicht?«
»Nein, das heißt, weiß ich nicht«, sagte Martha. »Wer sind die Stars?«
Die Blondine setzte eine bedeutungsvolle Miene auf. »Die Swinging Stars, von den Fans auch Swingsters genannt.«
»Aha, und die machen Swing?«
»Aber hallo!«
»Na, ein Glück.«
»Dixieland ist die Pest«, hauchte die Blondine. »Aber mein Begleiter liebt dieses Getröte.« Sie deutete auf einen Mann, der energisch durch die Schwingtür trat. Er war doppelt so alt wie sie und führte eine in diesen Zeiten erstaunliche Wampe spazieren. Schütteres Haar, glänzendes Gesicht, gerötete Wangen, Bügelfalten. Jetzt winkte er dem Kellner. »Noch einen Humpen und ein Piccolöchen!«
»Wenn ich ihn bei Laune halte«, flüsterte die Blondine, »bleiben wir vielleicht bis zum Ende. Ich liebe die Swingsters!« Sie senkte die Lider und schaute schelmisch wieder auf. »Du willst dich nicht vielleicht zu uns setzen?«
»Nein, vielen Dank, das ist nichts für mich.«
Die Blondine warf einen beziehungsreichen Blick auf die Pall-Mall-Packung. »Wenn du Anschluss suchst, da ist ein Ami, ganz allein.« Sie deutete mit dem Kopf zu einem Tisch am Rand. »Der unterhält sich bestimmt gern, wenn du Englisch kannst.«
Martha schaute nur kurz hin, sagte aber: »Danke für den Tipp.«
»Gern. Viel Glück und bis bald hoffentlich.«
»See you later, Honey Pie«, sagte Martha mit rauchiger Stimme.
Die Blondine ging lachend davon.
Das Piano wurde nun doch nach vorn gerückt.
»Noch einen Weinbrand, bitte!«
Ein Mann in kariertem Anzug und Hornbrille trat an den Bühnenrand und sagte lapidar: »Meine Damen und Herren, die Swinging Stars, heute wie jeden Donnerstagabend in unserem Spätprogramm. Ich wünsche viel Vergnügen. Der Tanzboden ist freigegeben. Applaus bitte für unsere Swingsters, die Swinging Stars!«
»Ich hasse Hornbrillen«, flüsterte Martha.
Dann durchzuckte es sie wie ein elektrischer Schlag: Der große Kerl, der Leuchtturm aus dem Jungbrunnen, schlurfte auf die Bühne, im Arm einen Kontrabass, der so riesige Ausmaße hatte, dass man mindestens eins neunzig messen und sehr große Hände haben musste, um ihn zu spielen.
»Bravo, hey, bravo!«, rief der einsame Amerikaner und klatschte.
Vereinzelt stimmte jemand ein.
Der Trompeter trat vor. Es war derselbe wie der von der Dixie-Band. Das verhieß nichts Gutes.
Martha bemerkte, dass der Bassist so weit wie möglich vom Schlagzeuger entfernt stehen wollte. Wahrscheinlich übertreibt der Drummer die Arbeit mit den Becken und übertönt ihn sonst.
Der Pianist ließ die Hände über die Tasten gleiten. Jelly Roll, leicht staksig. Na schön, vielleicht verstehen die unter Swing ja Chicago Jazz.
Der Saxophonist war ein kleiner agiler Kerl, der Schlagzeuger ein Zappelphilipp.
Ohne auf ein Kommando zu achten, begann der Bass mit einem Blues Walk. Um seiner Chaotentruppe den Weg zu weisen, vermutlich. Er schaute niemanden an, aber sie hörten auf ihn.
Der Pianist, ein schlaksiger Blondschopf vom Typ Frauenschwarm, wusste so ungefähr, worauf es ankam, und zog mit. Ich würde das Stück »Zieh den Karren aus dem Dreck« nennen, dachte Martha. Aber so nach und nach schafften sie das halbwegs. Ohne den Bassisten hätte man das Ganze allerdings nicht als Swing bezeichnen können.
»Ain’t Misbehavin’«, »Basin Street Blues«, »On the Sunny Side of the Street« – sie grasten alles ab. Leider fühlte der Trompeter sich hin und wieder bemüßigt zu singen. Klar war Satchmo sein Vorbild. Der Saxophonist hätte besser in einem Tanzorchester angeheuert, er posierte gern fürs Publikum.
Ab und zu durfte der Bassist ein Solo spielen. Dann hielt sie die Luft an. Er hatte einen surrenden, wuchtigen, ungeheuer tiefgründigen Klang. Sogar die hohen Töne summten, sie zirpten oder klimperten nicht. Sein Instrument schien die Töne auszuatmen. Trotz seiner großen Hände war er flink auf dem Griffbrett, aber er nahm sich Zeit, wenn er in die Tiefe ging, wo sich jede Note regelrecht im Raum manifestierte. Seine breiten Hände tänzelten über die Saiten.
Er swingte und er hatte Gefühl.
Kein Solo war wie das andere. Sie lauschte fasziniert.
Der Amerikaner brach nach jeder Bass-Einlage enthusiastisch in lautes Klatschen und Johlen aus. Er war einer von diesen Fans, über die man sich nur beim ersten Mal freut. Irgendwann schaute Martha doch zu ihm hin. Er hatte Striemen im Gesicht und ein blaues Auge. Kenne ich den?
Der Bassist hielt den Blick gesenkt. Schau doch mal her, Mensch! Er tat es nicht. Na, egal. Sie feierte seine Genialität mit einem weiteren Weinbrand. Bald ist mein Geld alle.
Dann spielten sie den »Savoy Stomp«. He! Das ist doch mein Stück! Sie hatte eine spezielle, sehr langsame Version im Repertoire gehabt, die niemand gut fand, außer ihr.
Die Swingsters vergeigten es total. Der Schlagzeuger, der sowieso dazu neigte, knapp hinter dem Beat zu spielen, und den Bass ausbremste, entfernte sich nicht nur sehr weit vom Rhythmus, sondern haute mit seinen Becken alles kaputt. Er hätte die Bezeichnung Schießbuden-Kapitän verdient.
Der Bass brach ab. Das Stück fiel zusammen wie ein Kartenhaus. Der Pianist schaute überrascht auf, er hatte gerade ein Solo begonnen. Der Trompeter blickte panisch zum Schlagzeuger. Der Saxophonist wollte schon wieder einzählen.
Da sagte der Schlagzeuger etwas. Der Bassist knurrte Unverständliches. Der Pianist machte grinsend einen Witz und signalisierte dem Trompeter: Weiter geht’s.
Aber der Schlagzeuger sprang auf und warf dabei ein Becken und die Snare-Drum um. Jetzt brüllten sie sich an, beschimpften sich. Der Drummer auf Deutsch, der Bassist auf Englisch. Man hörte unten im Publikum nur Bruchstücke. Es ging um das Timing, na klar.
Martha musste an den Inhaber ihres – ehemaligen – Labels in New York denken, einem aus Berlin stammenden jüdischen Auswanderer, der gern zwischen seinen Musikern im Studio herumtigerte und ausrief: »It must shwing! It must shwing!« Mehr gibt’s nicht zu sagen, wenn’s um Jazz geht.
Der einsame Amerikaner war aufgesprungen und blickte sorgenvoll zum Podium. Rechnete er mit einer Schlägerei? Martha musste lächeln. Amerikaner rechnen immer mit einer Schlägerei.
Aber dazu kam es nicht. Der Bassist zuckte resigniert mit den Schultern und zog die Schutzhülle über sein Instrument. Seine Mitmusiker schauten ihn entsetzt an. Selbst der coole Pianist war blass geworden.
»Holt euch doch eine besoffene Tuba«, murmelte der Bassist mit einem knappen Kopfnicken Richtung Drummer, »die passt zu ihm.«
Er kletterte von der Bühne, im Arm seinen Kontrabass, den er so hielt, als würde er einer Dame über schwieriges Gelände helfen. So gingen sie zwischen den Tischen hindurch zum Ausgang.
»He, Moment mal!«, rief der Barmann ratlos.
