Die Nicht-Heimat - Ilse Gottschall - E-Book

Die Nicht-Heimat E-Book

Ilse Gottschall

0,0

Beschreibung

Der Text befasst sich mit dem Thema "Heimat" und versucht über Beobachtungen und Erfahrungen auf einer Reise in das Geburtsland sowie durch Kindheitserinnerungen, die an Vokabeln anknüpfen, die den damaligen Alltag widerspiegeln, zu einer persönlichen Deutung des Begriffs zu kommen. Für die im Mittelpunkt stehende Person ist die einstige Heimat durch die prägenden äußeren Umstände in der Kindheit zur "Nicht-Heimat" geworden, sowohl biografisch als auch geografisch und politisch. Am Ende der Reise stehen Wertschätzung und eine vage Ahnung, was Heimat sein könnte. Gewählt wurde die Form des Reisetagebuchs.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 211

Veröffentlichungsjahr: 2022

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



„Heimat ist ein Ort nicht als der, der er ist, sondern als der, der er nicht ist.“

(Bernhard Schlink)

Inhaltsverzeichnis

Samstag, 14. Juni

Sonntag, 15. Juni

Montag, 16. Juni

Dienstag, der 17. Juni

Mittwoch, 18. Juni

Donnerstag, 19. Juni

Freitag, 20. Juni

Samstag, 21. Juni

Nachwort

Samstag, 14. Juni

Nun also ist es so weit. Es gibt kein Zurück mehr. Die Maschine ist auf dem Flug nach Warschau. Jahrzehnte stand eine solche Reise für mich außerhalb jeder Überlegung. Ostpreußen? Königsberg? Wozu soll ich dorthin fahren? Weil ich dort geboren bin? Weil dort meine Wurzeln sind? Was heißt das schon. Es regt sich nichts in mir, wenn ich daran denke, vielmehr sehe ich mich wie am Ufer eines breiten Flusses stehen, auf der anderen Seite eine verschwommene Silhouette, die mir nichts sagt. Dass ich dort drüben geboren bin, die ersten Kindheitsjahre verbrachte, steht wie eine auswendig gelernte Formel nur in meinem Kopf. Geboren in Königsberg, du musst in Klammern Pr dahinter setzen, so ist es korrekt. Immer wieder darauf hingewiesen von den Eltern.

Pr steht für Preußen, ein Begriff, der nach 1945 wie ein Makel erschien. Aus dem historischen Bezug gelöst, gleichgesetzt mit Militarismus, Kriegslüsternheit und Expansionswut, speziell nach Osten, dorthin, woher am Ende der schwerste Vergeltungsschlag kam, der weite, über Jahrhunderte deutsch besiedelte Gebiete abtrennte, die dort Ansässigen vertrieb oder ermordete, die von ihnen entwickelte Kultur vernichtete. Das vom Krieg verwüstete Land wurde aufgeteilt, der größere Teil bis zur sogenannten Oder-Neiße-Linie in der Potsdamer Konferenz von den Alliierten Polen zugesprochen, als Ersatz für seine von Russland beanspruchten Gebiete im Osten. Das Herzstück, der einstige Stolz Preußens, Königsberg, die Krönungsstadt der preußischen Könige, mit dem Zugang zur Ostsee und dem eisfreien Hafen Pillau wurde Territorium der UDSSR, Militärsperrbezirk, Bollwerk der Sowjets gegen den Westen, mit dem die Stalin-Diktatur sehr schnell nach dem gemeinsamen Sieg über Hitlerdeutschland im „Kalten Krieg“ stand. Die deutschen Namen wurden ausgelöscht. Königsberg hieß ab 1946 Kaliningrad, nach dem sowjetischen Politiker Michail Iwanowitsch Kalinin, dem formellen Staatsoberhaupt der UDSSR, der zwar nichts mit der Stadt zu tun hatte, aber kurz vor der Umbenennung Königsbergs verstorben war.

Namen sind schnell vergessen. Erstaunlich, dass damit verbundene historische Fakten auch innerhalb weniger Jahre nicht mehr gegenwärtig sind. Ich erinnere mich an eine kleine Geschichte, die ich etwa 1969 erlebt habe. Ich wohnte zu diesem Zeitpunkt in München. Was ich und aus welchem Grund vom Einwohnermeldeamt benötigte, ist mir entfallen, auf jeden Fall musste ich zu diesem Zweck das Polizeipräsidium in der Ettstraße aufsuchen.

Eine Angestellte etwa in meinem Alter prüfte meine Daten und meinte dann, sie sei nicht zuständig, ich müsse zur Fremdenpolizei gehen, da ich in Russland geboren sei. Ich war auf eine derartige Auskunft nicht gefasst und so perplex, dass ich widerstandslos ging. Erst auf dem Weg dorthin wurde mir die Ungeheuerlichkeit der Behauptung bewusst: Fast 700 Jahre war Königsberg eine deutsche Stadt, erst nach dem Zweiten Weltkrieg, achteinhalb Jahre nachdem ich dort geboren wurde, annektierte Russland das Gebiet. Was mich noch heute erstaunt, ich spürte keine Empörung über die Ignoranz der bayerischen Beamtin, sondern begann mich zu amüsieren. Damals war die für Ausländer zuständige Stelle in München eine kleine Behörde am Ende der Löwengrube, dort wo der Frauenplatz ansetzt. Ich erinnere mich an ein altes Haus, schräg vis-à-vis vom Eingang zur Frauenkirche. Ich betrat also das Büro der Fremdenpolizei und geriet an einen Beamten, dem ich mein Anliegen vortrug und auch dass mich seine Kollegin aus der Ettstraße zu ihm schicke, weil ich nach ihrem Dafürhalten in Russland geboren sei. Der Mann sah mich, meinen Pass in der Hand, entsetzt an, ich erinnere mich sogar, dass er blass wurde. Er entschuldigte sich für seine Kollegin und bat mich, diese unglaubliche Geschichte für mich zu behalten. – Zu dem Zeitpunkt waren erst gerade einmal dreizehn Jahre vergangen, seit der deutsche Name der Stadt ausgelöscht wurde!

Ostpreußen – Königsberg – Namen also nur noch. Wenn auch mit historischem Klang. Aber nicht mehr für alle. Keine Orte mehr wie vordem, als ich noch Kind war. Ein fremdes Land jetzt. Ich fühle mich unsicher, bin zwiespältig zwischen dem Wunsch, diese Nicht-Heimat endlich wahrzunehmen und der früh schon gefassten Abwehr gegen Erinnerungen, gegen den Argwohn, dass die Bilder im Kopf trügen könnten, oder vielleicht die Angst, sie durch das, was ich sehen werde, endgültig zu verlieren. Habe ich mich deshalb so viele Jahre dagegen gesträubt, die Orte meiner frühen Kindheit noch einmal aufzusuchen? Und ist es denn wirklich von Bedeutung, nach seinen Wurzeln zu suchen, wie mir immer wieder versichert wurde? Was kann es unter den gegebenen Bedingungen, wo doch alles zerstört wurde, schon bringen - außer Enttäuschung, Ratlosigkeit - oder schlimmer noch - tief empfundener Leere?

Die Maschine hat von Wien nach Warschau nur eine gute Stunde gebraucht. Wir landen pünktlich auf einem großzügig angelegten, modern und sehr gepflegt wirkenden Flughafen. Dass ich hier solche Selbstverständlichkeiten erstaunt registriere! Wie fest verwurzelt doch die alten Vorurteile von der „polnischen Wirtschaft“ sind, Synonym für Schlamperei, in der Kindheit angelernte Vorstellung von den Polen: unordentlich und schmutzig sind sie, so wie wir Deutsche nicht sind und nicht zu sein haben! – Es herrscht eine angenehme Atmosphäre auf dem Flughafen, viele Passagiere, aber alles geht sehr gesittet zu, niemand, der unappetitlich wirkt, sich ungebührlich oder laut aufführt, wie ich es im Westen, besonders unter Touristen, schon oft erlebt habe. Bis zu unserem Weiterflug nach Danzig müssen wir zweieinhalb Stunden warten. Uns kommt gar nicht die Idee, den Flughafen zu verlassen, ein Taxi zu nehmen und eine kleine Fahrt in die Innenstadt von Warschau zu unternehmen. Erst als uns ein paar Tage später zwei ältere Damen aus der Reisegruppe davon erzählen, dass sie das gemacht haben, wird mir bewusst, wie befangen ich auf dieser Reise bin.

Wir wandeln also die endlos lange Transit-Halle auf und nieder, halten Ausschau nach einem Imbiss, sehen nur in Cellophan eingewickelte Sandwiches und überdimensionierte Muffins, Fast-food-Angebote wie überall, die uns nicht locken, finden am Ende ein kleines Restaurant mit weißer Clubsessel-Gruppe vor dem Eingang und verzehren dort eine Portion Salat mit Hühnerstreifen und gehobeltem Parmesan, trinken Eistee dazu und zum Abschluss einen Espresso – nichts speziell Polnisches, internationale Kost wie heute überall. Wir zahlen mit Kreditkarte, weil wir uns über den schlechten Kurs in der Wechselstube des Flughafens geärgert haben, stellen fest, dass auch die Preise wie überall sind.

Ein drittes Mal schlendern wir die Halle entlang, bis zum hintersten Ende, wo jetzt das Gate angezeigt ist, von dem wir in der nächsten halben Stunde nach Danzig weiterfliegen werden. Im Flugzeug merken wir erst, wie müde wir sind. Beide haben wir in der letzten Nacht nicht gut und viel zu wenig geschlafen, waren ab halb fünf Uhr wach, der Wecker läutete erst um Viertel nach sechs. Was mich betrifft, erkläre ich mir diese Schlafstörung mit einer nicht voll eingestandenen inneren Anspannung. Aber wahrscheinlich überträgt sich die Unruhe auch auf den eng verbundenen Partner, zumal er meinen inneren Zwiespalt kennt, mein Zögern im Hinblick auf diese Reise, meine Unsicherheit, was die Berührung mit dem weit in der Vergangenheit Liegenden angeht. Außerdem hat er immer wieder behutsam die Idee gefördert, eine solche Reise zu unternehmen. Den letzten Anstoß gab schließlich eine Radiosendung; unter dem Titel „Ambiente“ wurde eine Kultur- und Studienreise nach Ostpreußen vorgestellt, die nicht ganz dem üblichen Touristik-Programm entsprach. Mir kam es darauf an, dass Königsberg dabei war. Und das war der Fall. Also buchten wir kurz entschlossen.

In Danzig am Gepäckband wird deutlich, wer zu unserer Reisegruppe gehört, lauter ältere Paare und allein oder zu zweit reisende ältere Damen. Welchen Bezug mögen sie zu diesem Land haben? Oder haben sie das Reiseziel nur gewählt, weil sie sonst schon alles kennen?

In der Vorhalle des Flughafens empfängt uns die polnische Reiseleiterin, Jelana, wie sie sich vorstellt. Sie ist schätzungsweise Mitte Fünfzig, also geboren, als der Ausgang des Krieges bereits das heutige Staatsgebiet Polens geschaffen hatte, Ost- und Westpreußen polnische Provinzen waren. Mittelgroß und schlank, dabei wohlproportioniert, dunkle Haare, ist Jelana eine angenehme Erscheinung, kultiviert und sicher im Auftreten, eine moderne, emanzipierte Frau. Über eine dunkelbraune Lederjacke hat sie ein petrolfarbenes Wolltuch geschlungen und macht gleich darauf aufmerksam, dass es kalt geworden sei, heute nur 13° habe, während das Thermometer gestern noch 30° angezeigt habe. Außerdem gehe ein unangenehmer Wind. Deshalb schlägt sie auch eine Programmänderung vor: statt wie vorgesehen über die Strandpromenade in Zoppot, einen kurzen Spaziergang durch die historisch rekonstruierte Innenstadt Danzigs zu machen. Und so gewinnen wir, bei in der Tat als sehr kühl empfundenen Temperaturen und regenträchtigem Himmel, unseren ersten Eindruck von „Gdansk“, dem ehemaligen Danzig.

Mit Danzig verbindet mich persönlich nichts. Aber auf Anhieb taucht bei der Germanistin der Name Günter Grass auf, sein durchschlagender erster Romanerfolg „Die Blechtrommel“ sowie die beiden anderen Werke der Danziger Trilogie „Katz und Maus“ und „Hundejahre“. Grass war ein Kind dieser Stadt, 1927 in eine Familie geboren, die die bis 1945 typische Bevölkerungsstruktur dieser Region repräsentiert: Vater protestantischer Deutscher, Mutter katholisch mit kaschubischen Wurzeln, polnische Verwandte. Ethnisch wie auch politisch war Danzig im Verlauf seiner Geschichte immer sowohl polnisch als auch deutsch. Grass fasst in „Die Blechtrommel“ die Geschichte seiner Heimatstadt kurz und lakonisch etwa so zusammen: „Zuerst kamen die Rugier, dann kamen die Goten und Gepiden, sodann die Kaschuben, von denen Oskar in direkter Linie abstammt. Bald darauf schickten die Polen den Adalbert von Prag. Der kam mit dem Kreuz und wurde von Kaschuben oder Pruzzen mit der Axt erschlagen. […] Das geschah in einem Fischerdorf und das Dorf hieß Gyddanyzc. Aus Gydannyzc machte man Danczik, aus Danczik wurde Dantzig, das sich später Danzig schrieb, und heute heißt Danzig Gdańsk.“

Danzigs Geschichte reicht also weit zurück. Seine günstige Lage an der Weichselmündung prädestinierte es zum Handelsplatz, nicht zuletzt führte hier eine der ältesten europäischen Handelsstraßen vorbei, die Bernsteinstraße, und so besaß der Handelsplatz seit dem frühen 13. Jahrhundert schon das Stadtrecht.

Wenn zwei sich streiten, sagt man, freut sich der Dritte. So auch hier. Erbschaftsstreitigkeiten unter den polnischen Fürsten zu Beginn des 14. Jahrhundert führten dazu, dass die eine Partei den Deutschen Ritterorden zu Hilfe rief, der am Ende Stadt und Umland in Besitz nahm. Es scheint aber Danzig zu jener Zeit wirtschaftlich nicht so schlecht gegangen zu sein, denn es wurde, wie auch andere Städte an der Ostsee, Mitglied der Hanse.

Der weitere geschichtliche Verlauf ist wechselhaft. Meist standen Danzig und das Hinterland unter dem Schutz der polnischen Krone, wobei die Hansestadt weitgehend politisch, wirtschaftlich und kulturell autonom blieb. Selbst bei zahlreichen Konflikten in der Reformationszeit konnte die Stadt ihre Autonomie behaupten, so dass sie um die Mitte des 17. Jahrhunderts mit grob geschätzten 100 000 Einwohnern eine der volkreichsten Stadtrepubliken Europas war. Mit der 2. Polnischen Teilung am Ende desselben Jahrhunderts gingen allerdings Autonomie wie auch Städtische Freiheit verloren, denn Danzig wurde dem Königreich Preußen zugeschlagen. Abgesehen von den 20 Jahren unter napoleonischer Herrschaft, in denen die Stadt zumindest formal frei war, blieb sie bis zum Ende des Ersten Weltkriegs unter preußischer Herrschaft und wurde als Hauptstadt der Provinz Westpreußen bezeichnet. Im Rahmen der Industrialisierung profitierte sie sogar vom Ausbau des preußischen Eisenbahnnetzes, wurde zum Zentrum des modernen Schiffsbaues und verzeichnete einen starken Bevölkerungsanstieg. Erstmals gab es im 19. Jahrhundert unter preußischer Verwaltung auch eine Erhebung über die Muttersprache der Einwohner; danach waren damals nur 24% der Bewohner polnisch - beziehungsweise kaschubisch - und 76% deutschsprachig.

Neuerliche Änderungen der politischen Verhältnisse brachte das Ende des Ersten Weltkrieges für Danzig. Mit dem Vertrag von Versailles wurde die Stadt mit ihren umliegenden Gebieten vom Deutschen Reich abgetrennt und zur Freien Stadt Danzig erklärt sowie unter die Aufsicht des Völkerbundes gestellt. Polnische und britische Truppen gewährleisteten den neuen Status. Nach anfänglichem wirtschaftlichem Aufschwung wuchsen auch hier, bedingt durch die Zollgrenzen zum Deutschen Reich und die weltweite Wirtschaftskrise, die wirtschaftlichen Probleme und führten zu Spannungen zwischen Deutschen und Polen. Hafen, Zoll und Eisenbahn standen unter polnischer Verwaltung, außerdem legte die Republik Polen im Danziger Hafen, auf der Westerplatte, ein Munitionslager an und stationierte dort Militär. Die polnische Bevölkerung wurde von der deutschen mit Missgunst betrachtet, das Ressentiment wuchs, ein idealer Boden für die Nationalsozialisten, deren Partei unter den Deutschen Danzigs großen Zuspruch fand.

Meine Mutter hat in den letzten Jahren ihres Lebens ein paar Aufzeichnungen über ihre Erlebnisse gemacht, die sie mir hinterlassen hat. Darin finden sich auch Eindrücke und Erfahrungen, die sie, die Königsbergerin, in der Zwischenkriegszeit gemacht hat, als sie dem damals noch „freiwilligen“ Arbeitsdienst für Frauen beigetreten war. Sie schreibt:

„Wir hörten dann, dass ein freiwilliger Arbeitsdienst aufgestellt werden sollte, um die arbeitslose – und ich muss schon sagen – auch disziplinlose Jugend wieder in Ordnung zu bringen. So hieß es damals. Die Männer machten zunächst Kulturarbeiten, legten Moore trocken etc. (…) Auch für die Mädchen hatte man so etwas geplant. Es war da an Sozialhilfe für arme Familien gedacht, an Betreuung von alten Menschen, an Hilfe für die Bauern usw. usw. Ich habe mich dann auch, mit Einverständnis meiner Angehörigen, beworben(..…). Ich kam zum Lager Marienburg, einem riesigen Barackenlager. Wir erhielten freie Unterkunft, Wäsche und Kleidung und am Tag 20 Pfennige Bargeld. Also Idealismus gehörte dazu, aber ich hatte Lust.“

Nach den Jahren des politischen und wirtschaftlichen Chaos in der vom Reich abgeschnittenen Provinz Ostpreußen entfachten die Maßnahmen des NS-Staates in der Tat Begeisterung bei vielen. Denn kraft der Möglichkeiten des totalitären Regimes wurden Arbeitslose zu Diensten verpflichtet, die der Kultivierung von landwirtschaftlichen Flächen zugutekamen, was zu einem kurzfristigen ökonomischen Aufschwung führte und vielen das Gefühl der Aufwertung ihrer Heimat durch die neuen Machthaber vermittelte. Bekanntermaßen verstand die NS-Propaganda sehr geschickt, sich die Ängste der Menschen zunutze zu machen und eine Aufbruchsstimmung zu vermitteln. -

Ein Vorkriegserlebnis meiner Mutter, das sich speziell mit Danzig verbindet:

„So kam ich zu einer Familie, die in zwei ausrangierten Eisenbahnwagen lebte. Alle Sitze waren entfernt und mit doppelstöckigen Betten zu einem richtigen Schlafzimmer der eine Wagen umfunktioniert, der andere enthielt Kochherd, Bänke, Schränke, die einer Wohnküche ähnelten. ‚Meine Familie‘ hatte eine Polin zur Mutter, der Vater war Deutscher, und sieben Kinder. Die Frau lag gerade mit dem siebten Kind im Wochenbett. Mit Unterstützung der Gemeindeschwester hatte ich sauber zu machen, die Kinder zu waschen bzw. zu baden und natürlich das Essen zu kochen und einzukaufen. Danzig war damals noch Freistaat und alles halb so teuer wie in Deutschland. Also gingen wir rank und schlank nach Danzig, kauften für unsere Familien ein und kamen meist etwas füllig zurück. Die Zöllner drückten beide Augen zu, und wir freuten uns wie die Schneekönige, wenn wir wieder etwas Preiswertes ergattert hatten. Die Menschen haben uns mit ihren leuchtenden Blicken ein so schönes Dankeschön gesagt, was Worte gar nicht fertiggebracht hätten.“

An anderer Stelle beschreibt sie auch die Situation, die sich für die Deutschen durch den sogenannten „polnischen Korridor“ ergeben hatte, also durch die Schaffung des Freistaates Danzig, der jetzt Ostpreußen vom übrigen Deutschland trennte:

„Wenn wir von Königsberg nach Berlin fuhren oder umgekehrt, mussten die Fenster des Abteils mit den befestigten Vorhängen zugezogen werden, etwa von Marienburg bis Schneidemühl. Entlang der Bahnstrecke standen in kurzen Abständen polnische Soldaten, das Gewehr im Anschlag, und zog ein Reisender mal die Vorhänge zurück, wurde sofort auf den Zug geschossen. Wir waren total vom Reich abgetrennt.“

Der Überfall auf Polen, mit dem Hitler am 1. September 1939 den Zweiten Weltkrieg auslöste, hat maßgeblich mit Danzig zu tun, mit dem Angriff auf die vorher erwähnte Westerplatte. In der Folge wurden Stadt und Provinz erneut zum reichsdeutschen Gebiet geschlagen und die nichtdeutschen Minderheiten verfolgt.

Das Blatt wendete sich, als Ende März 1945 Danzig von der Roten Armee und polnischen Militäreinheiten eingeschlossen und erobert wurde. Die deutsche Bevölkerung wurde gänzlich enteignet und vertrieben. Was die historische Stadt anging, so betrug der Bausubstanzverlust am Ende 90%! Nicht nur die Kampfhandlungen hatten große Teile der Innenstadt zerstört, was an Häusern stehen geblieben war, wurde von sowjetischen Soldaten geplündert und in Brand gesteckt.

Im Goldenen Tor der Stadt, zu dem Jelana uns geführt hat, hängen zwei große Fotos vom zerstörten Danzig 1945. Erschütternd, aber kaum zu glauben, wenn man die Stadt heute sieht!

Die Polen haben sehr früh damit begonnen, ihre Stadt nach dem historischen Vorbild wieder aufzubauen. Dank der bekannt hoch entwickelten Handwerkskunst ist ihnen das vorzüglich gelungen. Der kleine Rundgang an diesem kühlen ersten Nachmittag lässt uns nicht nur staunen, sondern auch bewundern: die künstlerisch vollendeten Barockfassaden der Häuser an der Langen Gasse, das spätgotische gewaltige Gotteshaus, die Marienkirche – trotz jetzt aufgespanntem Schirm, den man immer wieder gegen den Wind drehen muss, bringt jeder Blick neue Überraschungen.

Zur Abrundung kehren wir für einen kleinen kulinarischen Höhepunkt in einer traditionsreichen Konditorei ein, gönnen uns einen süßen Genuss, wobei die Wahl bei der exzellenten Vielfalt schwer fällt.

Wir verlassen die Innenstadt über gepflegte breite Straßen in Richtung Danziger Bucht, wo das Hotel liegt, in dem wir heute übernachten werden. Das „Poseidon“ ist ein modernes, weiträumig angelegtes Hotel, das überall stehen könnte. Das Meer sieht man von dort nicht, man müsste die breite Allee gegenüber kreuzen und etwa fünf Minuten über den mit Kiefern bestandenen Strand hinuntergehen. Das sparen wir uns bei dem unwirtlichen Wetter und gehen lieber früh zu Bett, um für den nächsten Tag aufnahmefähig zu sein.

Sonntag, 15. Juni

Die eigentliche Besichtigung Danzigs ist zum Abschluss der Reise vorgesehen, deshalb führt unser Weg nach dem Frühstück hinaus aus der Stadt, nach Südosten. Wir überqueren die Weichsel und gelangen innerhalb kurzer Zeit zu der nur etwa 60 km entfernten Marienburg, an der Nogat, einem Mündungsarm der Weichsel, gelegen. In ihrer Weiträumigkeit gilt die Burg als der größte Backsteinbau Europas, wir nähern uns ihr über das andere Flussufer.

Die fast 800 Jahre alte Ordensburg erfuhr lange, nachdem sie historisch bedeutungslos geworden war, eine fatale Mythologisierung, sowohl von Seiten der Deutschen als auch von Seiten der Polen. Über viele Jahrzehnte, von der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis weit hinein ins 20. Jahrhundert, wurde die Ordensburg auf beiden Seiten zum Sinnbild für einen dauerhaften deutsch-polnischen Gegensatz hochstilisiert. In Deutschland fand nach 1945 aufgrund des Verlustes der deutschen Ostgebiete keine Glorifizierung mehr statt, das Thema war sogar gesellschaftlich tabuisiert. In Polen dagegen machte die kontroverse Bewertung der historischen Bedeutung des Deutschen Ordens erst nach der politischen Wende, also Ende der 1980er Jahre, einer differenzierteren Betrachtung Platz.

Doch was lässt sich aus den Geschichtsbüchern erfahren? - Burgen wurden gebaut, um eroberte Gebiete abzusichern. So auch die Marienburg, die im Zuge der Ostexpansion des Deutschen Ordens zwischen 1270 und 1300 am Ufer der Nogat errichtet wurde und ihren Namen nach der Schutzpatronin des Ordens erhielt. Der polnische Herzog Konrad I. von Masowien hatte im Jahr 1226 die Ritter zu Hilfe gerufen, ihn bei der Abwehr der Angriffe heidnischer Pruzzen aus dem Osten zu unterstützen. Als Gegenleistung übertrug er dem Deutschen Orden das Kulmer Land sowie alle künftig vom Orden eroberten Gebiete in Preußen, was sich der Orden von Kaiser und Papst bestätigen ließ.

Der Auftrag kam den Ordensrittern nicht ungelegen, denn nach dem Verlust ihrer Festungen im Gebiet um Jerusalem, bot sich Preußen als alternatives Betätigungsfeld an, vor allem als sich immer deutlicher abzeichnete, dass an eine Rückeroberung Palästinas nicht mehr zu denken war. Im Gegensatz zu anderen Kreuzritterorden fand der Deutsche Orden so rechtzeitig eine neue Aufgabe für sich, die dem Schwur, die Heiden zu bekämpfen, entsprach, weshalb ihm bei der Christianisierung und Kolonisierung Nordosteuropas auch die Hauptrolle nicht abzusprechen ist.

Als Ende des 13. Jahrhunderts die Christianisierung der baltischen Bevölkerung abgeschlossen war, erstreckte sich der Einflussbereich des Deutschen Ordensstaates von dem als Alt-Preußen bekannten Gebiet über Livland, Estland bis nach Lettland, woraufhin der Orden dann auch im Jahr 1309 seinen Hauptsitz in Venedig aufgab und auf die Marienburg verlegte.

Entstanden war eine bedeutende Wirtschaftsmacht im Ostseeraum, aber natürlich auch eine eigenständige Militärmacht, die sicher mit Recht als zunehmende Gefahr von den Fürsten der nördlichen Gebiete Polens gesehen wurde, wofür ihnen die vertragswidrige Besetzung Pommerellens mit Danzig im Jahr 1308 eine Bestätigung war.

Im Verlauf des 14. Jahrhunderts kam es wiederholt zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit dem Großfürstentum Litauen und dem Königreich Polen, die seit 1385 eine Personalunion bildeten. Der Konflikt gipfelte 1410 in der Schlacht von Tannenberg, die mit einer verheerenden Niederlage für den Orden endete.

Danach verringerte sich der Einfluss des Deutschen Ordens mehr und mehr. Städte und Stände des Ordensstaates verbündeten sich mit Polen gegen ihn, und im Anschluss an den „Dreizehnjährigen Krieg“ musste sich der Orden im 2. Thorner Frieden (1466) endgültig der polnischen Krone beugen. Er verlor außer Pommerellen die Westhälfte Preußens mit der Marienburg, Danzig, Elbing und Thorn. Etwa 60 Jahre später, im Jahr 1525, leistete der letzte Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von Hohenzollern, auf den Rat Martin Luthers dem polnischen König den Lehnseid als weltlicher Fürst und wandelte so im Zuge der Reformation den Ordensstaat in ein erbliches, weltliches Herzogtum um, das 1618 an Brandenburg fiel.

Die Geschichte der Marienburg ist natürlich eng mit der Geschichte des Ordens verknüpft. In seiner Hochblüte wurde die Burg zum Schloss ausgebaut, da sie für die Repräsentationszwecke eines so mächtigen Ordens nicht ausreichte. Nach der Niederlage in der Schlacht von Tannenberg kam es erstmals zu einer Belagerung der Burg, wobei es aber gelang, die Festung zu halten. In dem bereits erwähnten „Dreizehnjährigen Krieg“ konnte die Marienburg zunächst gegen den polnischen König verteidigt werden; da der Hochmeister jedoch mit den Soldzahlungen in Rückstand geriet, musste er die Burg 1455 an seine rebellierenden Söldner verpfänden. Diese verkauften die Festung kurzerhand an den polnischen König. Der Hochmeister verlegte seinen Sitz nach Königsberg, und in die Marienburg zog 1457 der König von Polen ein.

Während des Dreißigjährigen Krieges und ein weiteres Mal im selben Jahrhundert während des Schwedisch-Polnischen Krieges besetzten die Schweden für einige Jahre die Burg, bis dann mit der 1. Polnischen Teilung (1772) die Marienburg zum Königreich Preußen kam und ab 1773 zur neugeschaffenen Provinz Westpreußen gehörte. Als Festung brauchte man die Marienburg nicht mehr, weshalb sie zur Kaserne umfunktioniert wurde, wodurch viele Elemente der mittelalterlichen Architektur verloren gingen. Man plante sogar den Abriss des Hochschlosses zugunsten eines Magazinbaus. Das verhinderte ein 1799 veröffentlichter Bildband, der in Preußen öffentliches Interesse für die Marienburg weckte und schließlich knapp 20 Jahre später zum Beginn der Restaurierungsarbeiten an der Burg führte, die bis zum Ersten Weltkrieg andauerten. Wie bereits erwähnt, führten im 19. Jahrhundert die Romantisierung des Mittelalters und der starke preußische Nationalismus des Deutschen Kaiserreiches mit seinen Germanisierungsbestrebungen zu einer Übersteigerung der einstigen historischen Bedeutung des Deutschritterordens, die man offiziell in der Marienburg symbolisiert sah. Die Nationalsozialisten ideologisierten die Ordensburg vollends, nutzten sie ausgiebig für parteipolitische Repräsentationen und erklärten sie 1944 zur Festung. Die Verteidigung gegen die Rote Armee Ende Januar 1945 hatte zur Folge, dass innerhalb von zwei Tagen zum großen Teil zerstört wurde, was ehemals in 130 Jahren erbaut worden war; 50 Prozent, andere sagen 60 Prozent, der Bausubstanz der alten Marienburg wurden vernichtet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte die Burg wieder zu Polen. Polnische Restauratoren begannen 1961 die wichtigsten Teile historisch getreu wieder aufzubauen.

Seit 1997 steht die Marienburg auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO und ist heute einer der wichtigsten Anziehungspunkte für Touristen in Polen. Was für uns nicht zu übersehen ist! Die vielen Souvenirstände sprechen eine deutliche Sprache: Schwerter, Rüstungen, Banner, Pfeil und Bogen, mittelalterliche Gewänder - Ritter-Nostalgie allenthalben!

Hier bin ich sicher zuvor nie gewesen. Im Krieg hatte man keine Zeit für Ausflüge. Abgesehen davon, war man auch nicht so mobil wie heute. Nur wenige Privatpersonen besaßen ein Auto, wir jedenfalls hatten keines. Trotzdem hat der Name „Marienburg“ für mich vertrauten Klang, aus der Kindheit oder den frühen Jugendjahren, vermittelt durch meine Großmutter, nicht durch die Schule. Was sie erzählt hat, habe ich vergessen. Nur das unbestimmte Gefühl, dass dies eine besondere Stätte sei, hat sich erhalten und mit späterem historischem Wissen verbunden.

Bevor wir unsere etwa zweistündige Führung im Innern der Burg antreten, schlendern wir an den Außenanlagen entlang und bestaunen den Verteidigungsring, ein kompliziertes Mauer-Graben-Zwinger-System, das Mitte des 15. Jahrhunderts ausgeklügelt und angelegt wurde, auf einer Fläche von beachtlichen 20 Hektar. Es lässt sich gut nachvollziehen, dass die Burg im Mittelalter als uneinnehmbar galt.

Wir betreten die Marienburg durch eine relativ niedrige Pforte und gelangen in das sogenannte Mittelschloss. Es wurde wohl ab dem Zeitpunkt errichtet, als der Orden seine Verwaltung von Venedig auf die Marienburg verlegte, denn hier befand sich die Residenz des Hochmeisters mit den Repräsentationsräumen. So ist denn auch der bedeutendste Gebäudeteil des Mittelschlosses der Hochmeisterpalast, der in seiner Form dem Typus eines Wohnturmes entspricht. Am stärksten beeindruckt mich der Große Rempter mit seinen filigranen gotischen Gewölberippen und der raffinierten Fußbodenheizung! Durch Öffnungen in den Fußböden strömte warme Luft. Restauratoren des 19. Jahrhunderts sollen die Wirtschaftlichkeit der Heizung, als sie die Einrichtung entdeckten, getestet haben. Dabei konnten sie im Großen Rempter durch Verbrennen von zehn Klafter Holz (etwa dreißig Kubikmeter) in den vierunddreißig Öfen eine Raumtemperatur von 22°C erreichen.

Es gibt einen Sommer- und einen Winterrempter, zwei große Säle, die in ihrer Architektur zu den bewundernswertesten Innenräumen des späten Mittelalters gehören: jeweils nur eine schlanke Granitsäule in der Mitte trägt das Sterngewölbe der lichtdurchfluteten Säle! In der Wand über dem Kamin im Sommerrempter steckt eine Steinkugel. Nach der Legende ließ der polnische König Wladyslaw II Jagiello die Kanonenkugel abfeuern, als er die Marienburg 1410 belagerte. Sie sollte eben jene tragende Säule treffen und