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»Ein einmaliges Zeugnis eines Jahrhunderts, seiner Größe, seines Größenwahns, seiner Niedrigkeit.« Fritz J. Raddatz.
Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Gottfried Benn, Pablo Picasso, Max Ernst und André Gide. Mit Hellsicht und scharfem Sinn beobachtete Zeitläufte und politische Katastrophen. Der Kampf um Selbständigkeit und die Suche nach geistiger Orientierung: All das bietet das Tagebuch, das Thea Sternheim über einen Zeitraum von 65 Jahren geführt hat. Es ist das Dokument eines wachen und freien Geistes, für den Ästhetik, Moral und Politik stets eine Einheit bildeten. Thomas Ehrsam hat aus der Fülle der Aufzeichnungen eine Auswahl aus ihrer Pariser Zeit zusammengestellt. Sie zeigt Thea Sternheim in der Emigration, der drückenden Vorkriegszeit, als Häftling im Lager Gurs, unter deutscher Besatzung und schließlich in den auch in Frankreich schwierigen Jahren nach dem Krieg. Thea Sternheim, die unbestechliche Chronistin des 20. Jahrhunderts, wird damit einem breiten Publikum zugänglich gemacht.
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Seitenzahl: 721
Veröffentlichungsjahr: 2024
Die unbestechliche Chronistin der Welt des blutigen 20. Jahrhunderts
Begegnungen mit Persönlichkeiten wie Gottfried Benn, Pablo Picasso, Max Ernst und André Gide. Mit Hellsicht und scharfem Sinn beobachtete Zeitläufte und politische Katastrophen. Der Kampf um Selbstständigkeit und die Suche nach geistiger Orientierung: All das bietet das Tagebuch, das Thea Sternheim über einen Zeitraum von 65 Jahren geführt hat. Es ist das Dokument eines wachen und freien Geistes, für den Ästhetik, Moral und Politik stets eine Einheit bildeten. Thomas Ehrsam hat aus der Fülle der Aufzeichnungen eine Auswahl aus ihrer Pariser Zeit zusammengestellt. Sie zeigt Thea Sternheim in der Emigration, der drückenden Vorkriegszeit, als Häftling im Lager Gurs, unter deutscher Besatzung und schließlich in den auch in Frankreich schwierigen fünfziger Jahren. Thea Sternheim wird damit einem breiten Publikum zugänglich gemacht.
Thea Sternheim wurde am 25. November 1883 unter dem Namen Thea Bauer in Neuß als Tochter des Kaufmanns Georg Bauer, Inhaber der Rheinischen Schrauben- und Mutternfabrik Bauer & Schaurte, geboren. Zwanzig Jahre, von 1907 bis 1927, war sie die Ehefrau des Dramatikers Carl Sternheim. Bereits ein Jahr vor dem Machtantritt Hitlers ging Thea Sternheim ins Exil nach Paris und blieb dort dreißig Jahre lang. Sie starb am 5. Juli 1971 in Basel. Ihr literarisches Werk umfasst den 1952 erschienenen Roman »Sackgassen« und ihr umfangreiches Tagebuch, das sie von 1903 bis zu ihrem Tod führte.
Thomas Ehrsam ist Germanist und war bis 2014 Leiter der Bibliothek der Museumsgesellschaft Zürich. Er promovierte über Gottfried Benn und hat mit Regula Wyss die Tagebücher Thea Sternheims in fünf Bänden herausgegeben (Wallstein, 2002) sowie ihren Briefwechsel mit Gottfried Benn und die Briefe Friedo Lampes.
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Thea Sternheim
Die Pariser Jahre
Aus den Tagebüchern 1932–1949
Herausgegeben von Thomas Ehrsam
Cover
Titel
Inhaltsverzeichnis
Impressum
Titelinformationen
Informationen zum Buch
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Einleitung: Thea Sternheim vor ihrer Pariser Zeit
Die Pariser Jahre 1932–1949 — Thea Sternheim
Epilog: Die späten Jahre
Kommentar
Verzeichnis der Siglen, Abkürzungen und diakritischen Zeichen
Kommentar Pariser Jahre
Nachwort
Zu dieser Auswahl
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Thea Sternheim, 1920er Jahre, Fotograf unbekannt
Am 30. März 1932 verlässt Thea Sternheim Berlin. Sie, die von Familie und Freunden durchweg Stoisy genannt wird, ist achtundvierzig Jahre alt und zieht nach Paris, oder besser: sie emigriert. Hauptgrund für den Wechsel des Landes ist ihr Abscheu vor den aufkommenden Nationalsozialisten und dem immer aggressiveren Antisemitismus. In Deutschland will sie nicht mehr leben. Sie ist weder jüdisch noch politisch bedroht. Sie gehört damit zu den wenigen, die ihr Land aus politischen Gründen freiwillig verlassen haben – und das bereits ein Jahr vor der Machtergreifung Hitlers. Erleichtert wird ihr der Entschluss zur Emigration durch ihre große Liebe zur französischen Kultur und Sprache, durch französische Freunde und nicht zuletzt dadurch, dass sie sich den Neuanfang (noch) leisten kann. Zwei ihrer drei Kinder sind bereits dauerhaft oder immer wieder in Paris.
Thea Sternheim hat über fünfundsechzig Jahre meist täglich und ausführlich Tagebuch geführt. Es ist so umfangreich, dass eine einbändige Auswahl zur Beschränkung auf eine Epoche ihres Lebens zwingt. Wir haben die ersten achtzehn Jahre ihrer Pariser Zeit gewählt, 1932 bis 1949, und auch hier musste ausgewählt und gekürzt werden. Das Vorliegende ist nur ein sehr kleiner Teil dessen, was Thea Sternheim in dieser Zeit notiert hat, aber doch so viel, dass sich ein facettenreiches Bild der Autorin und ihrer Zeit ergibt.
Wer war Thea Sternheim und was hat sie in den achtundvierzig Jahren ihres Lebens vor Paris gemacht, erlebt, gesehen und gedacht? In Jahren, die nicht weniger reich an guten und schlimmen Erfahrungen waren als die nun folgenden.
Am 25. November 1883 wird Thea Sternheim in Neuss als drittes Kind von Agnes und Georg Bauer geboren. Der Vater ist Industrieller und Mitinhaber der Rheinischen Schrauben- und Mutternfabrik Bauer und Schaurte. Das Familienleben im katholisch-konservativen und großbürgerlichen Elternhaus in Köln ist von Spannungen geprägt und lässt das Kind schon früh am Bild der bürgerlich-anständigen Familie zweifeln. Bald beginnt Thea leidenschaftlich zu lesen, zuerst die Bibel, Heiligenlegenden und die griechische Mythologie. Mit etwa neun oder zehn Jahren bekommt Thea von der geliebten Großmutter mütterlicherseits drei gebundene Bände mit Dramen von Schiller, Goethe und Lessing – sie ist so fasziniert, dass sie selbst Dramen zu schreiben beginnt. Mit dreizehn – sie ist nun in einem Bonner Pensionat – schreibt sie ein fünfaktiges Drama ›Johannes Hus‹, in dem Papst und Kaiser als Rosstäuscher und der Ketzer Hus als Märtyrer dargestellt werden. Im späten Rückblick hat sie ihre Kindheit auf die Formel »Anarchie und Frommsein« gebracht (Tagebuch, 31.8.1960): Widerspruchsgeist gegen das Vorgegebene und die Autoritäten einerseits, starkes religiöses Erleben andererseits.
Zwei Jahre später kommt Thea in ein Mädchenpensionat nach Brüssel, das sie als Befreiung vom engen Elternhaus und dem ebenso engen Bonner Pensionat erlebt. Hier ist sie in internationaler und kulturell offener, interessierter Umgebung weitgehend frei, und hier beginnt ihre Liebe zur französischen Kultur. Sie versteht sich nun und künftig nicht mehr als Deutsche, sondern als Europäerin.
In den Sommerferien, mit fünfzehn Jahren, lernt sie den zehn Jahre älteren jüdischen Rechtsanwalt Arthur Löwenstein kennen und verlobt sich heimlich mit ihm. Als Löwenstein beim Vater um Theas Hand anhält, wird er schroff abgewiesen, was den Widerstand der Tochter gegen den Vater und seinen Antisemitismus weckt. Sie führt den heimlichen Briefwechsel mit Löwenstein weiter und beide beschließen zu heiraten. Thea schreibt einen schonungslosen Brief und bricht mit den Eltern. Am 9. November 1901 flieht sie nach London und heiratet Arthur. Es ist, wie sie später erkennt, eine Heirat aus Trotz. Die beiden ziehen nach Düsseldorf-Oberkassel und gründen einen eigenen Hausstand. Doch schon bald ist Thea von der Ehe enttäuscht, die verschiedenen Interessen führen zur Entfremdung. Ein halbes Jahr nach dem Bruch mit den Eltern kommt es zu einer tränenreichen Versöhnung, und am 3. Dezember 1902 wird die erste Tochter Thea Sternheims geboren: Agnes, die Nucki gerufen wird.
Wenige Monate später lernt sie den fünf Jahre älteren, noch ganz unbekannten Schriftsteller Carl Sternheim kennen, der mit einer Mitschülerin Theas aus dem Bonner Pensionat verheiratet ist. Obwohl sie sich vom großsprecherischen, mit seinen Erfolgen bei Frauen renommierenden Sternheim zunächst abgestoßen fühlt, entwickelt sich langsam eine große, leidenschaftliche Liebe, die auf Theas Seite wesentlich eine Liebe zu seiner dramatischen Arbeit ist, an der sie teilnehmen kann. Das Schöpferische ist und bleibt die Grundlage ihrer Beziehung und wird auch später das sein, was Thea Sternheim an Menschen beeindruckt und anzieht. Die beiden beginnen sich heimlich zu treffen, was, als es aufgedeckt wird, zu schweren Auseinandersetzungen mit ihrem Mann führt.
Am 10. Januar 1905 bringt Thea Sternheim ihre zweite Tochter zur Welt, Elisabeth Dorothea, die Moiby, Mippchen, später durchweg Mopsa gerufen wird. Der Vater ist Carl Sternheim; Löwenstein weiß das, erkennt Mopsa aber als ehelich an und hält fest, dass er im Fall einer Trennung oder Scheidung das Sorgerecht über beide Kinder behalten wolle. Thea kann Carl in dieser Zeit kaum sehen, er ist auf Reisen und lebt mit einer anderen Frau zusammen. Das schmerzt Thea, aber wichtiger ist ihr, an seinem neuen Werk ›Don Juan‹ mitwirken zu dürfen.
Schon vor der Geburt Mopsas hat Carl auf eine Heirat gedrängt, aus Liebe und auch in der Hoffnung, eine gesicherte materielle Grundlage für sein Schreiben zu finden. Am 31. Oktober 1904 hatte sie ihm noch ablehnend geschrieben: »Mein Feiertag sollst Du sein, mein Bestes. Aber keine Ehe – niemals eine Ehe mit Dir, damit der Traum zerbräche!« Als sie zwei Jahre später doch heiraten, dauert es nicht sehr lange, bis der Traum zerbricht. Vor der Heirat waren die Mutter und kurz darauf, im Mai 1906, der Vater Theas gestorben. Sie erbt zwei Millionen und ist plötzlich unfassbar reich – und frei. Im Dezember 1907 verlässt Thea ihren Mann und die beiden Kinder.
Nach einer furchtbaren Nacht war mir klar, dass ich nun gehen muss. Fort von meinen Kindern, von Moibylein. Als mein Wagen abfährt, winkt Wilhelmine mit den Kindern weinend am Fenster. Gott stehe mir bei!
Ich habe dann nichts mehr gefühlt, mir keine Rechenschaft mehr gegeben, nichts nichts! Aber ich habe unsagbar gelitten. […]
Kein Mensch ist mir beigestanden, kein Mensch, kein Mensch. Da habe ich des Lebens Jammer bis zum letzten erfahren, als ich so allein war. So allein. (1.2.1907)
In dieser Nacht, schreibt sie später, sei ihr Flauberts ›Madame Bovary‹ Trost gewesen, ja mehr: »Offenbarung wurde mir. Ein Mass. In meiner Entwicklung ein Wendepunkt. Was hätte sich in jener Nacht ohne Flauberts Eingriff mit mir zugetragen?« (1.8.1911)
Mit Carl begibt sie sich auf eine große Reise nach Wien, Budapest, Bukarest, Konstantinopel und Athen. In Bukarest nimmt sie »bedenkliche Nachrichten über Judenhetzen« wahr (23.3.1907) und schlägt damit ein Thema an, das sie ihr ganzes Leben beschäftigen und bedrücken wird. Auf der Rückreise über Italien besuchen sie Assisi, die Heimat ihres liebsten Heiligen: Franziskus. Assisi wird Thea noch mehrmals besuchen, und immer wird es ein Sehnsuchtsort und Ort der Befriedung und der Stärkung bleiben.
Im April 1907 wird die Ehe mit Löwenstein geschieden. Der Preis dafür ist hoch: Sie muss die beiden Kinder bei Löwenstein lassen und ihm eine halbe Million für ihre Erziehung zahlen. Thea und Carl heiraten im Juli und wohnen zunächst in Pullach bei München, wo das dritte Kind Theas geboren wird: Klaus, genannt Kloisy, Piggy, Schmonzes. Ihn liebt die Mutter wegen seines sonnigen Gemüts und seiner Schönheit über alles.
Im benachbarten Höllriegelskreuth lassen sich Sternheims eine schlossartige Villa mit zweiunddreißig Zimmern im Louis-Seize-Stil bauen: Bellemaison. Ganz nach dem Geschmack des gerne groß auftretenden Carl, viel weniger nach dem Theas, die Bellemaison bezahlt. Sie hatte sich nach einem einfachen Haus für intime Zweisamkeit gesehnt und findet sich nun, im Sommer 1908, in einem riesigen Anwesen, das eine ganze Schar von Dienstleuten erfordert. Hier wird nun die Prominenz nicht nur Münchens empfangen. Max Reinhardt, Harry Graf Kessler, Hugo von Hofmannsthal, Franz Blei, Walther Rathenau, Gustav Klimt, Alfred Flechtheim, Julius Meier-Graefe und viele andere werden gastlich aufgenommen und lassen sich auf Kosten Theas verwöhnen. Für Thea ist das bald zuviel, nicht nur, weil sie bemerkt, dass es hauptsächlich der Reichtum und Luxus ist, der die Gäste anzieht. Sie möchte vor allem allein sein, zu sich kommen.
In dieser Zeit kauft sie sich einen Fotoapparat und beginnt mit Leidenschaft zu fotografieren; sie entwickelt die Fotos – meist Porträts ihrer Freunde oder Bekannten – selbst in der eigenen Dunkelkammer. Die Ergebnisse sind oft vorzüglich und werden noch heute gerne reproduziert. Zusammen mit Carl baut sie eine hochkarätige Bildersammlung auf. Van Goghs ›Arlésienne‹, die heute prominent im Pariser Musée d’Orsay hängt, macht den Anfang, weitere elf van Goghs kommen hinzu. Sternheims gehören zu den ersten privaten Sammlern dieses Malers in Deutschland und besitzen bald die größte deutsche Privatsammlung seiner Bilder. Zu van Gogh kommen Bilder von Renoir, Gauguin, Matisse und Picasso. Das Bekenntnis zur französischen Moderne steht in schroffem und bewusstem Gegensatz zur national-konservativen Kunstpolitik des Kaiserreichs. Auch die Schriftsteller, die Thea von früh an beeinflusst haben und ihre Leitsterne bleiben werden, sind Franzosen: Stendhal, Flaubert, Baudelaire, Pascal, Voltaire und für einige Zeit auch Huysmans. Dazu kommen die großen Russen: Gogol, Dostojewski und Tolstoi. Der einzige Deutsche: Goethe.
In Bellemaison schreibt Carl seine bedeutendsten Dramen, mit denen er sich, angefeuert von Thea, von der Neuromantik seines Frühwerks verabschiedet. Mit den Komödien ›aus dem bürgerlichen Heldenleben‹ gelingt ihm der von aufsehenerregenden Skandalen begleitete Durchbruch. Das größte und schließlich einzige Glück ihres Ehelebens ist für Thea die Mitarbeit an Carls Werk. Carl bespricht seine Pläne regelmäßig mit ihr. Sie nimmt nicht nur beratend teil, sie steuert auch eigene Ideen bei, so jene zum schlechthin genialen Schluss des ›Snob‹.
Sonst ist die Ehe von Anfang an wenig glücklich, denn der Erotomane Sternheim ist notorisch untreu. Thea weiß das längst, aber als sie 1915 eine Leporelloliste findet, die fast alle ihre weiblichen Bekannten, vom Dienstmädchen bis zur Gräfin, mit der Anzahl der sexuellen Begegnungen umfasst, ist das doch ein schwerer Schlag. Dazu kommen seine Egozentrik, die sich mit der Zeit zum manifesten Größenwahn steigert, der ihn zwingt, immer im Mittelpunkt zu stehen, und seine extreme Beeinflussbarkeit durch Begegnungen mit anderen. Momente großer Vertrautheit und erfüllende Liebesnächte gibt es auch, aber sie werden immer seltener. Schon 1911 notiert sie: »in mir der unbändige Wunsch, von diesem Mann frei zu werden. Irgendwo mit meinem Jungen allein leben, von morgens bis abends arbeiten, in kleinsten Verhältnissen. Ohne Lüge! Ohne Lüge! Ohne Lüge!« (13.8.1911)
Bellemaison mit dem dazugehörigen Gesellschaftsleben wird bald zu teuer – selbst für Theas Reichtum, der durch die Misswirtschaft des Schwiegervaters, ein Bankier, arg dezimiert wird. Sie hatte ihm einen Teil ihres Vermögens anvertraut, der nun verloren ist, und muss ihm, um den ehrlichen Namen ihres Sohns zu retten, zusätzlich Geld einschießen. Im Mai 1912 wird Bellemaison verkauft. Sternheims verlassen nach nur vier Jahren das Haus, ohne noch zu wissen, wohin. Schließlich ziehen sie nach Belgien und kommen vorübergehend in einer Villa in Westende, dann in verschiedenen Hotels in Belgien und Deutschland unter. Sie kaufen ein Grundstück in La Hulpe, einem Vorort Brüssels, und bauen hier ein neues, bescheideneres, aber immer noch großes Haus. Im Juli 1913 können sie es – noch unfertig – endlich beziehen. Thea liebt Gegend und Haus sofort.
Seit ihrer Trennung von Löwenstein hat Thea ihre Töchter immer nur kurze Zeit und in Gegenwart der Gouvernante sehen können. Jetzt hat ihr Anwalt erreicht, dass Mopsa ganz zu ihr ziehen darf, Nucki aber muss bei Löwenstein bleiben. Thea verkehrt nun in Brüsseler Künstlerkreisen und befreundet sich mit dem Malerpaar William und Juliette Degouve de Nuncques, dem Schriftsteller Emile Verhaeren und dem jungen deutschen Expressionisten Ernst Stadler, dessen Gedichtband ›Der Aufbruch‹ sie als ein »Ereignis an Form und Inhalt!« begrüßt (30.12.1913). Stadler wird schon im November 1914 an der Front fallen.
Das Leben in La Hulpe ist mit Arbeit ausgefüllt. Thea leitet den Hausstand, unterrichtet die Kinder selbst und beginnt zu übersetzen. Dahinein fällt der Kriegsausbruch, der Sternheims zur überstürzten Flucht zwingt: Sie sind nun feindliche Deutsche. Im Herbst und Winter 1914/15 wohnen sie im Hotel in Bad Harzburg, danach in einer Villa in Königstein im Taunus.
Der Kriegsausbruch bedeutet für Thea über den Umzug hinaus eine Zäsur: Sie hatte sich bisher im Kosmos von Literatur, Kunst, Religion und eigenem Erleben als Mutter und Partnerin in einer schwierigen Ehe bewegt und für Politik kaum interessiert. Unter dem Eindruck der Verheerungen, der Opfer und nicht zuletzt des aufbrandenden Patriotismus wird sie schlagartig politisiert. Anders als die allermeisten, Künstler und Schriftsteller nicht ausgenommen, ist sie keine Sekunde kriegsbegeistert, nicht einmal patriotisch. Im Patriotismus erkennt sie vielmehr das Grundübel. Am 27. August 1914 notiert sie:
Militärkonzert: Die Wacht am Rhein. Deutschland über alles. Das fehlt mir noch. Ich bin in dem schrecklichsten Nervenzustand. Ich möchte losschreien! Ich verstehe die Welt nicht mehr. Nur hier fort. In grosse Einsamkeit. Wo ich von alledem nichts höre, nichts sehe. Ich liebe weder Deutsche, noch Russen noch Franzosen noch Belgier noch Engländer als solche: aber ich liebe Beethoven, Schubert, Goethe, Flaubert, Tolstoi, Stendhal, Brueghel und Beardsley. Nur diese Menschen konnten mir die Nationen als solche erträglich machen. Jetzt sind sie vergessen und der Pöbel aller Länder macht sich breit. Der heilige Geist ist aus dem Weltall geschwunden, die sanfte Taube ist davongeflohen. Maschinengewehre und Luftschiffe, Kriegslieder und schwülstige Zeitungsberichte – Gott sei mit uns! Käm doch der Heiland die Menschen zu erlösen von ihrem Vaterland.
Sie liest Tolstois kleine Schrift ›Christentum und Vaterlandsliebe‹, in der der Autor in scharfen, schlagkräftigen Worten die Unvereinbarkeit der beiden Begriffe darlegt: Man könne die Menschen nicht zu Christen erziehen und dann zu Soldaten machen. Thea ist hingerissen: »Was ich vag empfand, mich auch nicht auszusprechen getraute, ist mit eindeutiger Klarheit von Tolstoi dargelegt. O Süssigkeit der Verständigung! O Freude im Weltenall! O heiliger Mann Gottes!« (20.11.1914). Sie schickt die kleine Schrift an Bekannte und Menschen, denen sie Einfluss zutraut, so dem ihr persönlich noch unbekannten Heinrich Mann. Und sie schreibt einen enthusiastischen Aufsatz darüber für Franz Pfemferts linksradikale pazifistische Zeitschrift ›Die Aktion‹, die zugleich ein wichtiges Organ der Expressionisten ist. Pfemfert kann ihn wegen der Kriegszensur nicht veröffentlichen; erst 1917 erscheint er im ›Aktionsbuch‹. Der Aufsatz endet folgendermaßen:
Es ist ein Unsinn da Christen zu erziehen, wo nur Soldaten gefordert werden.
Wenn aber der Hass, wie uns die fortwährenden Kriege beweisen, gleichsam die Existenz der Nationen garantiert, so mögen die Leiter derselben endlich den Mut haben, die Maskerade der Liebe von sich zu werfen und für ihre Ansprüche die gemäße religiöse Basis zu finden […].
Nur Wahrheit! Wahrheit! Endlich Wahrheit!
Auf dass der unzerstörbare reine Christ aller Nationen sich seiner vollen Verantwortung bewusst werde; die Leiden und Verfolgungen ins Auge fasst, die er seinen Kindern dadurch, dass er sie in den Lehren der Bergpredigt erzieht, aufbürdet. Denn sie werden wie er selbst rechtlos, aussätzig, Steine des Anstosses sein der Gesellschaft, in der sie leben.
Diese Haltung wird Thea Sternheim zeitlebens beibehalten und im Zweiten Weltkrieg die Broschüre an Freunde verschicken. Auf einer Reise nach Genf 1915 besucht sie mit Annette Kolb, die kurz zuvor mit einem leidenschaftlichen öffentlichen Plädoyer für Völkerverständigung in Dresden Tumulte ausgelöst hat, den Pazifisten Romain Rolland, der ihr großen Eindruck macht.
Anderthalb Jahre leben Sternheims in Deutschland und fühlen sich vom Nationalismus und Militarismus ihrer Umgebung so angewidert, dass sie im März 1916 nach Belgien zurückkehren, wo alte Freundschaften erneuert werden, andere zerbrechen, so die zu Emile Verhaeren, der zum glühenden Patrioten mutiert und hasserfüllte Gedichte schreibt.
Immer wieder ist in Theas Tagebuch vom Schrecken des Krieges die Rede, vom Mitleid mit den Opfern, vom Abscheu der Militärkaste und von der Sehnsucht nach Frieden. Sie hat ein waches Gespür für die Diskrepanz zwischen ihrem relativ ruhigen Leben in der Etappe und dem Krieg, dem Morden, das nicht allzu weit von ihr unvermindert weitergeht: »das künstlich übertünchte Elend dieses Krieges. Zwei Stunden von mir wütet der Krieg und ich schreite guten Mutes unbekümmert dahin!« (5.10.1917)
Es gelingt Sternheims, der Bevölkerung ihre pazifistische Haltung klarzumachen und mit Geld oder durch ihre Beziehungen zu Vertretern des deutschen Civilgouvernements wie Hermann von Wedderkop (Zivilkommissar, der später den ›Querschnitt‹ herausgeben wird) und Carl Einstein (Zivilverwaltung, Abteilung Kolonien) in vielen Fällen zu helfen. Sie setzen sich für den belgischen Physiker Georges Hostelet ein, der im Zusammenhang mit dem Spionageprozess gegen die Engländerin Edith Cavell zu Zwangsarbeit verurteilt worden ist, und erreichen im April 1917 seine Freilassung. Die Krankenschwester Cavell hatte alliierten Soldaten zur Flucht verholfen und wurde dafür mit dem Tod bestraft, ein Urteil, das international Aufsehen erregte, weil es sich um eine Frau handelte. Darum geht es auch im Bericht Theas über den ersten Besuch Gottfried Benns, der in Brüssel als Militärarzt an einem Prostituiertenkrankenhaus arbeitete, in La Hulpe. Wir zitieren ihn in voller Länge, als Beispiel ihrer Beobachtungsgabe:
Abends (der Zug hatte mehr als eine Stunde Verspätung) kommt Karl mit dem Arzt und Schriftsteller Gottfried Benn. Ein blonder schlanker, typisch preussisch aussehender Mensch, in der Art der jungen Bredows und Unruhs. Er macht Verbeugungen beim Herein- und Hinausgehn[,] Verbeugungen[,] reicht man ihm eine Hand.
Man spricht über Literatur. Ohne besondere Relation zu den Jungen schätzt er einiges von Werfel, einiges von [Heinrich] Mann, Sternheim. Vorliebe für Hölderlin. Geringe Beziehung zum Westen, scheint mir. Entwicklung auf naturwissenschaftlicher Basis aufgebaut. Wie kommt sein Wortschatz so ins Blühen?
Der Sohn eines protestantischen Pastors in der Mark, seine Mutter Genferin, Calvinistin. Unter Begriffen wie Gottes Zorn, Vaterland, Bereitschaft für den Staat zu sterben aufgewachsen, fragt er nicht: Wie konnte dieser schreckliche Krieg möglich werden, sondern antwortet: Da er einmal da ist, muss er ausgekämpft werden. Milde ist in keiner Hinsicht am Platze.
Unter anderen war Benn einer jener Leute, die den Verhandlungen des Cavellschen Prozesses, der Erschiessung der Cavell und des Ingenieurs Boog beiwohnten. Er entsinnt sich Hostelets als [eines] aufrechten Menschen. »Er hatte einen schwarzen Bart, trug eine Brille und versuchte beim Verhör in keiner Weise zu kneifen.«
Die zwei zum Tode Verurteilten wurden auf einen Schiessstand geführt. Jeder wurde von einem Geistlichen begleitet. Man verband ihnen die Augen. Die Cavell sprach nicht mehr. Boog aber rief: »Devant la mort nous sommes tous des camarades.« Da schrie ihn der Kriegsgerichtsrat Stoeber an, die Gewehre der ganz nahstehenden Soldaten gingen los: mit zerrissener Brust fielen die Erschossenen zur Erde.
Benn erzählt diesen Vorfall mit der erschreckenden Sachlichkeit eines Arztes, der einen Leichnam seziert. Alles andere, die Vorkommnisse in Louvain, in Dinant, die Fortführung und Misshandlung der Chomeurs findet er ebenfalls richtig. Auf meine Erklärung hin, wie wir uns für die Befreiung Hostelets bemühen, antwortet er: Ist es nicht ganz richtig, dass man Leute, die einem schaden wollen, einsperrt? Jede Verständigung ist aussichtslos. Man rennt mit dem Kopf gegen eine Mauer. (3.2.1917)
Nach diesem Bericht würde man nicht vermuten, dass diese Begegnung am Anfang einer engen Freundschaft steht, wäre da nicht der entscheidende Satz: »Wie kommt sein Wortschatz so ins Blühen?«. Er verrät nicht nur die Kenntnis seines Werks, sondern auch Theas außergewöhnliche ästhetische Empfänglichkeit, die schon in der ›Morgue‹, den Leichenhausgedichten, das Blühen entdeckt.
Thea schreibt eine Erzählung mit dem Titel ›Anna‹, liest sie Carl »mit rotem Kopf und bebender Stimme« (2.2.1916) vor – und ist beglückt über die volle Zustimmung und das Lob Carls. Er veröffentlicht sie mit dem Einverständnis Theas unter seinem Namen mit zwei eigenen Erzählungen im Band ›Mädchen‹ von 1917. Kritiker loben gerade diese ›Anna‹ besonders.
Die russische Revolution, die zu einem Frieden zwischen Deutschland und Russland führt, begrüßt Thea freudig.
Nach der Niederlage Deutschlands ist in Belgien für Deutsche, wie auch immer sie sich verhalten haben, kein Platz mehr. Ende Oktober 1918 flieht Carl mit den Kindern nach Holland, Thea bleibt vorerst, um den Verkauf ihres Hauses und den endgültigen Wegzug zu organisieren. Ihr Hab und Gut und ein Teil ihres Vermögens wird von den Behörden Belgiens sequestriert. Die Niederlage Deutschlands bedauert sie nicht, im Gegenteil, sie hat das Gefühl »lebhafter Befriedigung zu einer vollkommen geschlagenen Nation zu gehören«, weil diese sie davor bewahrt, den patriotischen Taumel noch einmal zu erleben. Sie erwartet »Einschränkungen aller Art. Bis aufs Blut wird man uns schinden; umso besser.« (4.12.1918)
In Januar 1919 verlässt auch sie Belgien und trifft ihre Familie in Scheveningen. Auch dort werden sie vertrieben, weil Carl wegen einer Artikelserie bolschewistischer Tendenzen verdächtigt wird. Nach Deutschland wollen Sternheims nicht, sie entscheiden sich für die Schweiz. Über Stationen in Thun und St. Moritz kommen sie im Februar 1920 nach Uttwil am Bodensee, wo sich bereits René Schickele, Schriftsteller und Herausgeber der expressionistischen Zeitschrift ›Die weissen Blätter‹, und der Architekt und Designer Henry van de Velde mit Familie niedergelassen haben. Thea fühlt sich sofort zu Hause. Sternheims mieten das Haus Schickeles, kaufen ein Grundstück am See und bauen ihr drittes Haus, diesmal nach den Plänen von Thea selbst. Es ist sehr viel kleiner als die vorigen, im Unterhalt viel weniger aufwendig – und sehr schön und behaglich.
Das Zusammenleben mit Carl wird immer schwieriger, durch seinen Größenwahn, seine Nervosität und physischen Leiden zunehmend unerträglich. Er entwickelt sich zum (notorisch untreuen) Haustyrannen, der sich immer nur um sich selbst dreht: »Nur von Karl fort! Ich atme nicht mehr in seinem Schatten.« (23.4.1920) Auch die in die Pubertät gekommene Mopsa erleichtert das familiäre Leben nicht. Im Oktober 1920 unternimmt Thea einen Suizidversuch mit Schlaftabletten. Nach tagelangem Dämmer erwacht sie und fährt mit Mopsa nach Genf, wo sie den russischen Bibliophilen und Tolstoi-Vertrauten Nikolai Alexandrowitsch Rubakin besucht, von dessen Menschlichkeit sie tief beeindruckt ist. Was den belgischen Freunden nicht gelang, gelingt ihm: die Freigabe der in Belgien beschlagnahmten Bibliothek.
Die Vorgänge in dem von Nachkriegswirren geschüttelten Deutschland verfolgt Thea weiterhin genau und besorgt. Bei einem Besuch Münchens erschreckt sie
der Anblick bodenlosen Elends […] Das ist nur noch mühsam sich dahinschleppende Anklage. Dazwischen aufreizende Anpreisungen der Wahlplakate, die größtenteils zum Judenpogrom herausfordern. In den Juwelierläden Hakenkreuze en gros, Hakenkreuze auf Briefbögen, Männerbrüsten und Damenblusen. Hakenkreuze an den zur gestrigen Frohleichnamsprozession geschmückten Häusern!!!« (5.6.1920)
Frans Masereels pazifistische Holzschnittfolge ›Mein Stundenbuch‹ erschüttert sie zutiefst. Sie nimmt Kontakt zu ihm auf, er besucht Sternheims in Uttwil. Es entsteht eine leidenschaftliche Liebe zwischen Thea und dem Besucher, die platonisch bleibt, weil beide verheiratet sind. Schließlich wird daraus eine lebenslange Freundschaft, die auch Theas Enttäuschung über die Entwicklung seines Werks überdauert. In dieser Zeit nimmt der Plan Form an, ›Anna‹ fortzusetzen und daraus ein Büchlein zu machen. Es wird ein großer Roman, an dem Thea mit langen Pausen jahrzehntelang arbeitet, bis er 1952 unter dem Titel ›Sackgassen‹ erscheinen kann. Er ist neben dem Tagebuch ihr zweites Lebenswerk.
Die Inflation zwingt die Familie, vorübergehend nach Deutschland zu ziehen. Sie entscheiden sich für Dresden und erwerben 1922 das Anwesen Waldhof. Am Tag ihres Einzugs wird Walther Rathenau ermordet, den Thea seit der Zeit in Bellemaison hoch geschätzt hat. Sie freundet sich mit dem Maler Conrad Felixmüller und dem kommunistischen Arbeiterführer Otto Rühle und seiner Frau Alice Rühle-Gerstel an. Auch die Bekanntschaft mit Franz Pfemfert entwickelt sich bei seinem Besuch im Waldhof zu einer engen Freundschaft, die auch seine Frau und Mitarbeiterin Anja einschließt. Ihr wird Thea bei der Übersetzung von Trotzkis Büchern beistehen. Pfemfert bringt sie das Handwerk des Fotografierens bei; in der Emigration wird er davon kümmerlich leben.
Dass sich Thea angesichts des Elends der Arbeiter in der Hyperinflation ihrer Privilegierung schämt, hat neben mitmenschlichen und politischen auch religiöse Gründe: Schon vor dem Einzug in Waldhof hatte sie sich vorgeworfen, dass ihr komfortables Leben mit den Grundsätzen Tolstois und der Lehre Christi nicht zusammenpasst: »Warum baue ich wieder auf, wo Gott will, dass ich abbaue?« (26.2.1922)
1924 verlassen Klaus und Mopsa das Elternhaus. Klaus geht nach England, um Englisch zu lernen, das Zusammenleben mit dem Vater ist unmöglich geworden. Mopsa lässt sich in Köln zur Bühnenbildnerin ausbilden, und noch im selben Jahr gestaltet sie Bühnenbild und Kostüme für die Uraufführung von Sternheims Stück ›1913‹; Regie führt der Autor selbst. Zur Erstgeborenen Agnes alias Nucki, die Thea jahrelang kaum sehen konnte, entwickelt sich in dieser Zeit eine enge Bindung, während Mopsa der Mutter fremd wird.
Im selben Jahr 1924 verkaufen Sternheims den Waldhof. »Abgesehen davon, dass Karl hier nie zur Arbeit kommen wird, spitzt sich die politische Situation unbedingt zum Faszismus zu.« (6.4.1924) Im Oktober 1924 ziehen sie zurück nach Uttwil, in das nun fertig gebaute Haus am See. »Nie war mir eine Bevölkerung sympathischer als die hiesige. Mein unüberwindlicher Gêne bröckelt ab. Ich grüsse, plaudere, lache. Jeder ist dienstbereit.« (27.3.1925)
Die Beziehung Theas zu Gottfried Benn, der ihr schon mehrfach seine Bücher mit Widmung geschickt hat und dessen Werk sie sehr verehrt, wird zu einer engen Freundschaft. »Dieser Mann«, notiert sie einmal, »gehört zu den wenigen Menschen, die ein inneres Leben führen.« (5.7.1928) Er erweist sich zudem als fürsorglicher Arzt Carls, der offenbar an einer alten Syphilis leidet, und hat auch Kontakt zu Klaus und Mopsa. Thea schreibt ihm einmal: »In Briefen der Kinder, Gesprächen des Chefs [Sternheim] heisst es stehts: ›Der rührende Benn!‹ Das ist schon Begriff wie der Mysanthrop, Geizige, der eingebildete Kranke.« (Thea an Benn, 23.6.1926) »Der rührende Benn« – das entspricht nicht dem gängigen Bild des Dichters.
Im Sommer 1926 verliebt sich Mopsa in Benn, und es kommt zu einer kurzen, leidenschaftlichen Affäre, die mit einem Selbstmordversuch Mopsas endet – oberflächlich endet, denn Benn wird für Mopsa lebenslang die große Liebe bleiben. Noch kurz vor ihrem Krebstod im September 1954 wird sie ihrem langen Abschiedsbrief an die Mutter den Satz anfügen:
Sage Gottfried dem Grossen einmal, wie sehr ich, dreissig Jahre lang – etc. – – ja sag es ihm doch einmal. Immerhin hat er EINE grosse, von allen äusseren Belangen unabhängige Passion hervorgerufen. Weiss er das wohl – vielleicht ist’s ihm egal? (Brief vom 16.7.1954)
Sowohl Mopsa als auch Klaus fällt der Einstieg in eine einigermaßen geregelte Arbeit schwer. Klaus gibt jede Beschäftigung kurz nach der Einstellung wieder auf, Mopsa ist haltlos und kann oder mag sich im Theaterbetrieb trotz bester Verbindungen durch die Eltern nicht durchsetzen. Benn nennt das später gegenüber Thea »die kosmisch unkausale Arbeitsaversion« (26.2.1931). Die Kinder verkehren lieber im Kreis der ›Dichterkinder‹ (Klaus und Erika Mann, Pamela Wedekind) und der ›Jeunesse dorée‹, leben meist in Berlin. Insbesondere Mopsas Widerstandslosigkeit gegenüber Einflüssen beklagt Thea immer wieder.
1927 übersetzt Thea André Gides frühes Stück ›Saul‹ und lernt den Autor in Paris kennen; eine enge, lebenslange Freundschaft entwickelt sich.
Nicht nur Carls Größenwahn und Egozentrik lassen Theas Bedürfnis nach Loslösung von ihm unabweisbar werden, auch das, was sie so lange bei ihm hielt, ihre Liebe zu seinem Werk, seiner Schöpferkraft, zerbricht. Sie kann seine letzten Werke nicht mehr achten, findet in ihnen nichts mehr von dem, was sie so liebte: Schlagkraft und Präzision. Als sich Carl – »ein unbeschreiblich widerlicher Anblick, in den Knieen knickend, Ränder unter den Augen, grüngelb« – an ihrem vierundvierzigsten Geburtstag im Berliner Hotel Adlon weigert, ihr zu gratulieren, er habe Wichtigeres zu denken, sagt sie ihm vor den Kindern brutal, was sie denkt – und entschließt sich zu Scheidung: »Ich fühle: Ich bin über die Grenze! La bastille est prise!« (25.11.1927) Wenige Tage später ist sie geschieden und zieht nach Berlin. Carl schreibt ihr am Vorabend der Scheidung einen Brief:
Am Vorabend des Tages, da durch Deinen Entschluss unsere zwanzigjährige Ehe nach drei Jahren eines überirdischen jungen Liebesglücks geschieden wird, habe ich das Recht, Dir zu sagen, wie Du mir ein Vierteljahrhundert Start, Weg und Ziel eines nicht gewöhnlichen Lebens unvergesslich und unvergleichlich nicht nur für mich gewesen bist. Carl Sternheims Werk ist ohne Deine Existenz undenkbar und Deine frauliche Ergebenheit und menschliche Güte waren in diesem Jahrhundert ohne Beispiel gross und seltsam produktiv. […] [U]nd vergiss bitte nicht, dass ich, als Mensch nicht angenehm, auch Dir auf meine Weise Freude bereitete. Du bist in diesem Augenblick, da ich mich zu einem völlig einsamen Leben im Sinn eines genialen Fossils entschliesse, in Uttwil eine exemplarische Einsamkeit antrete, nicht weniger mein Idol, als Du es in der tiefsten Tiefe meines Herzens immer gewesen bist […]. (15.12.1927)
Thea ist tief bewegt, aber »mein Vertrauen ist fort. Ich wittere Täuschung, Karls Selbsttäuschung.«
Ganz so einsam war Carl in Uttwil nun nicht. So ramponiert er war, zog doch die junge Pamela Wedekind, Tochter des Dramatikers und Freundin Mopsas, als Geliebte zu ihm.
Die nun folgenden Jahre in Berlin bedeuten für Thea eine große Befreiung – und neue Katastrophen. Sie wohnt mehr als ein Jahr in einer Pension, um dann eine Wohnung an der Düsseldorfer Straße zu beziehen. Auf den Trümmern ihres bisherigen Lebens muss sie ein neues beginnen. Auf der Suche nach geistiger Orientierung findet sie Halt beim Dominikanerpater Franziskus Stratmann, dem Mitbegründer des Friedensbundes deutscher Katholiken, der ersten katholischen Friedensbewegung. Im Umkreis Stratmanns findet sie neue Freunde wie den Journalisten Paul Adams, den Theaterintendanten Herbert Kuchenbuch, die Cembalistin Eta Harich-Schneider und die Theologen Theodor Eschmann und Karl Eschweiler. Der Versuch, in den Schoß der Kirche zurückzufinden, bleibt aber letztlich vergeblich. Nicht nur Glaubenszweifel hindern sie, sondern auch die Kirche selbst, die sich nach ihrem Empfinden zu weit von der Bergpredigt entfernt hat.
Die Auseinandersetzungen um die Teilung des Vermögens mit Carl ziehen sich lange hin. Um sich finanziell zu sichern, verkauft Thea über Alfred Flechtheim Van Goghs ›Der Postmeister Roulin‹, kauft mit einem kleinen Teil des Erlöses Klaus ein Auto und reist mit ihm zwei Monate lang durch Belgien, Frankreich und Spanien.
In Berlin hat sie viel Kontakt zu Klaus und Mopsa und lernt deren Freunde kennen, darunter Mopsas engsten Freund, den surrealistischen Schriftsteller René Crevel, und auf Seiten Klaus’ Antonio de Gandarillas. Dass dieser Klaus dazu bringt, Opium zu rauchen, von dem er zeitlebens nicht mehr loskommen wird, ahnt sie noch nicht.
Am 11. Dezember 1928, ein Jahr nach der Scheidung, erreicht sie die Meldung, dass Carl in Uttwil völlig zusammengebrochen ist und in die Binswangersche Klinik in Kreuzlingen gebracht werden musste. Er sei, heißt es bald, unheilbar geisteskrank. Als Thea Carl im März besucht, erwartet sie ein Bild des Jammers. Er hat Anfälle des Irrsinns und beschmiert das Zimmer mit Kot, hat dazwischen aber klare Momente. Sie notiert: »Ich möchte aufschreien! Dieser Leib, der mir einst so süss war, in solcher Vernichtung zu sehen! Dieser Geist, der mich so oft entzückte, verliert sich ins Chaos!« (16.3.1929)
Im Juni wird Carl nach Berlin in das Westend-Sanatorium gebracht, denn Thea ist die Einzige, die einen beruhigenden Einfluss auf den Kranken hat. Sie unterzieht sich der Fron um Carl, lässt ihn immer wieder in ihre Wohnung bringen und mietet schließlich sogar eine Nachbarwohnung für ihn, wo sich sein Zustand langsam bessert, ohne dass von Heilung gesprochen werden kann.
Die Freundschaft mit Benn bewährt sich wieder. »Vertrauen um Vertrauen. Ich erzähle ihm alles von Karl.« (9.3.1929) Im Juli heißt es im Tagebuch: »Abend kommt Benn. Gott segne ihn für die Zartheit, wie er mit Sternheim umgeht, ruhig dessen Krankheit bespricht, ihn tröstet, ihm hilft.« Als es Carl besser geht, beschwört sie Benn, ihm zuzureden, Pamela Wedekind zu heiraten. Am 17. April 1930 ist es endlich so weit, die beiden heiraten, ziehen nach Brüssel, und Thea ist endlich frei.
In einer Ausstellung lernt sie den Maler Max Ernst kennen, mit dem sie in der Folge eine den Krieg überdauernde Freundschaft verbinden wird. Am 22. Oktober 1929 steht ein junger Mann mit einem Empfehlungsschreiben André Gides vor der Tür. Ein zweiundzwanzigjähriger Belgier, der Schriftsteller werden will und dann Maler wird: Herman de Cunsel. Er ist der erste einer langen Reihe von jungen homosexuellen Männern, die über Gide oder seine Adlaten zu Thea kommen und sich mit ihr befreunden. Herman de Cunsel wird bis zum Tod Theas ihr nächster Freund sein. »Tatsächlich«, schreibt sie ein gutes Jahr später,
hat sich mein Leben durch den Eintritt des sensiblen Kindes von Grund auf geändert. In das mich umgebende Schweigen ist plötzlich eine von Zartheit und Zärtlichkeit zitternde Antwort gefallen. Ich bin weniger verliebt als dass ich noch einmal, aber in sublimierter Weise Mutter geworden zu sein glaube. Meine Natur ist noch einmal fruchtbar geworden, meine Quellen strömen. Ich möchte das Kind mit der Milch meiner Erfahrung nähren, in den Mantel meiner Fürsorge hüllen. (24.1.1931)
Daneben kündigt sich eine neue Katastrophe an: Mopsa heiratet Ende 1929 den Maler, Graphiker und Abenteurer Carl Rudolf von Ripper, der Thea von Anfang an zutiefst zuwider ist. Nicht ganz zu Unrecht, denn kaum sind die beiden zusammen, verfallen sie der Droge. Es kommt zu Zusammenbrüchen, erfolglosen Entziehungskuren, Lügen, dunklen Machenschaften für die Geldbeschaffung und in der Folge zu einem ernsthaften Zerwürfnis mit Thea.
Klaus verliebt sich in die Marquise Mahaut de Chabannes, die so alt ist wie seine Mutter und wie Klaus opiumsüchtig. Mit ihr, einer rassigen, eleganten Erscheinung, freundet sich Thea an, eine Freundschaft, die bis zum Tod der Marquise 1965 hält.
Gide und Thea treffen sich in diesen Jahren mehrfach in Paris und Berlin, einmal kommt er mehrere Tage nach Berlin und arbeitet mit ihr an ihrer Übersetzung seines ›Saul‹:
Diese gemeinsam mit Gide unternommene Arbeit bedeutet mir ein mich geradezu umwerfendes Glück. Er selbst scheint zufrieden, sagt mir allerlei Graziöses, stellt den Reiz unseres unter vier Augen eingenommenen Mittagessens, die Bedeutung des Serviettenrings als Symbol der Hingehörigkeit fest. (8.7.1931)
Neben diesem Glück steht der wachsende Schrecken vor den Nazis, ihren Wahlergebnissen und den Angriffen auf Juden, die sie, mit Flechtheim spazierend, direkt erlebt. Mit Abscheu vermerkt sie auch die immer unverhohleneren Sympathien ihrer katholischen Freunde wie Paul Adams für den Nationalsozialismus:
Ist denn unser ganzes Leben nur noch Abwehrmaassnahme gegen ein national tollwütiges Geschlecht? Im Augenblick aber, wo Adams und Knörring ihre düsteren Bluträusche mit Citaten der Kirchenväter pfeffern, Dschingis Chan mit Jesus veramalgamieren, fahre ich hoch. In diesem Lande meine Hütten abbauen! (8.11.1931)
Thea Sternheim
1932
Berlin, 23. Januar 1932
Ich schreibe an André Gide: »[...] Nach sechs Monaten in der vergifteten Atmosphäre des Nazismus und der Notverordnungen, ohne Möglichkeit, sich zu bewegen, hatte ich plötzlich das vehemente Bedürfnis, von Ihnen einen menschlichen Ordnungsruf zu hören. Ich war begeistert von meinem Aufenthalt in Paris und Brüssel. Dieser Aufenthalt hat mir große Lust gemacht, meine Berliner Schiffe hinter mir zu verbrennen und ab dem April irgendwo zu leben, vielleicht sogar in Spanien, wenn man mir nur nicht mehr die Idiotien zumutet, die man uns hier serviert. Totale Ablehnung jedes Wotanismus meinerseits.[«][1]
Berlin, 7. Februar 1932
Ich suche in mir meine augenblickliche Lage festzustellen. Möchte ich dies Leben, wie ich es hier in Berlin führe, weiterführen? Um keinen Preis! Ich kenne jeden Gedankenblitz der mich Umgebenden im Voraus. Ich verachte die Wichtigkeit, mit der sie ihre Kenntnisse in Rechnung stellen, die Leichtfertigkeit, mit der ein Adams über künstlerische Dinge urteilt. Er zieht Memling Roger [Rogier van der Weyden] vor, reicht Bosch die Palme, nachdem er aus den Umständen seines Lebens heraus weder den einen noch den anderen je sah, also keine ernsthaften Vergleiche zu ziehen imstande war. Wie sehr verachte ich ihre Methode sich mit ihren literarischen, musikalischen oder malerischen Vorlieben ein Air zu geben, sich sozusagen die Leistungen der Verehrten als Mehrwert anzurechnen. War Herr Massek in dieser Wohnung nicht bereits Mozart, Anja Pfemfert Trotzki, ist Adams nicht je nach Gelegenheit Gregor der Grosse, Vergil, Bosch oder Veracini?
Dies alles um keinen Preis weiter mit machen! Zieht es mich andererseits mit Klaus in Paris zu sein?
Berlin, 16. Februar 1932
Welch ein seltsames Land, in dem die Möglichkeit einer Präsidentschaft zwischen Thälmann, Hitler oder Hindenburg gesucht werden muss. Hindenburg als Schoosskind der demokratisch Gesinnten. Als ich vor Jahren seine Wahl in Uttwil erfuhr, erbrach ich vor Schrecken, vor Entrüstung. Heute zittert in Anbetracht des drohenden Fazismus der Republikaner für Hindenburgs Erhaltung.
Paris, Hôtel Atala, 31. März 1932
Fahrt durch Belgien. Näher bei Herman!
Ankunft in Paris um ein Uhr.
Ich wohne im Hôtel Atala – das mir von Mahaut empfohlene, komfortable und gleichzeitig preiswerte Hôtel ihrer Freundin Serbat.
Hermans Brief zum Empfang.
Mahaut kommt mich begrüssen.
Abendessen mit Mahaut und Klaus bei Moscou.
Paris, Hôtel Atala, 3. April 1932
Hermans Expressbrief, seine Ankunft zum Abend ankündigend. […]die Grobheit der französischen, im Vergleich zu den deutschen Packern. Immerhin bleibts verwunderlich, dass sich der Umzug in diesen fieberhaften Zeitläufen überhaupt noch bewerkstell[ig]en liess.
Paris, Hôtel Attila, 7. April 1932
Gute Tage, die mit Herman beginnen und mit Herman enden.
[…] Um acht Uhr erscheint René Crevel, der mir als Begrüssung seitens Violette Murats eine Cigarre mitbringt. Aufrichtige Freude Crevel wiederzusehen.
Er sieht im Vergleich zu dem, was vor vier Jahren war, prachtvoll aus, wenn auch inzwischen sein armer Körper von aufeinanderfolgenden Operationen vollkommen durchlöchert scheint. Erschreckend die Aushöhlung in seinen Schulterblättern. Erinnerungen werden aufgefrischt – irgendwie bleibt es bedauerlich, dass dies trotz Krankheit vitale Wesen nicht Mopsens Mann geworden ist. Wie viel besser als Ripper hätte er in unsere Familie gepasst.
Die plötzliche Absage Mopsens. Man hätte soeben Ripper ins Hospital transportiert …
[…] Mops behaupte, er habe einen Blutsturz erlitten. Dass das Delirium andere Ursachen haben wird, steht für mich fest.
Gleich rückt das Grauen schon wieder nah. […] Mops, vom Schrecken und einer voraussichtlich zur Beruhigung genommenen Droge entstellt, macht wie die meisten Drogierten mechanische Gesten. Wohin man sich wendet, stösst man auf Abgründe. Die individuelle Versuchung ist ebenso blutig wie die kollektive. Wachen, beten, diesen armen versuchten Wesen liebevoller beistehen. Manchmal ist es, als ob über Herman ein Engel wache. In ihm eine Gelassenheit, die nicht von dieser Welt ist.
Paris, Hôtel Atala, 29. April 1932
Regenströme. Man lebt dadurch wie unter der Glocke einer sanften, subtilen Melancholie. Ich richte mein Herz. Die Verkrampfung der letzten Monate löst sich. Die Stadt um mich her beginnt ihr Werk. Wo haben sich in Europa die Werte wie in Paris gesichtet? Die Hochblüte des Mittelalters, die Krise der grossen Revolution. Man glaube doch nicht, dass eine einzige Träne unnütz geweint, ein Tropfen Blut unnütz vergossen werden könnte! Diese Stadt ist wirklich mit grossem Schicksal gedüngt, durch Akkumulation der Intensitäten gezeichnet, wahrhaftes Zentrum geworden.
Paris, Hôtel Atala, 6. Mai 1932
In einem von Agnes aus Maria Laach geschriebenen Brief dieser Passus: »… Am Abend war in Maria Laach zufällig eine Riesenversammlung – etwa 150 prominente Katholiken (Akademiker) und Naziführer der Wirtschaft, z.B. Fritz Thyssen u. der hessische Naziminister, sowie der katholische Zentrumsfinanzminister etc. etc. Alles dies sass mit dem Klerus vereinigt bei riesigem Festessen und hielt Reden, die, besonders in besoffenem Zustand, einem harmlosen Zuhörer wie mir doch grösste Zweifel aufkommen liessen, ob unter diesen Führern wirklich auch nur einer aus anderen als persönlichsten, privatesten Gewinngründen anwesend war. Das Ganze brutal und banal und im letzten in alle Ewigkeit unverständlich u. wieder unverständlich für mich …
[…] Die Tage vor der Wahl waren beispiellos. Goldschmidt an meiner Seite wurde etwa 10 Mal auf dem Kurfürstendamm angepöbelt. Sonderbarerweise hielten meine Antworten die Leute manchmal in Schach; sie halten mich alle restlos für eine Arierin. […]«
Paris, Hôtel Atala, 23. Mai 1932
Die heute in den Zeitungen erscheinenden neuen Notverordnungen machen schon wieder neue Entschliessungen notwendig.
Josef Breitbach zum Mittagessen. Dem steht wie uns die Angst über die nie endenwollenden Hiobsbotschaften aus Deutschland bis zum Hals. Unsere Nerven streiken. Der letzte Funken Freiheit ist nunmehr der Generalskamarilla, dem Gutdünken des tollgewordenen Anstreichers anheimgestellt.
Paris, Hôtel Atala, 25. Mai 1932
Ich besuche Paul Rosenberg, sitze über Stunden bei ihm. Er sagt: »Ich lebe nicht mehr. Bin ich reich oder arm? Was bin ich? Was soll man tun? Alles, was man tut, ist falsch. Wenn wir keine Kinder hätten, wäre mir alles ganz egal. All das, glauben Sie, liebe Freundin, wird zum blutigsten, zum abscheulichsten Krieg führen …«
Paris, Hôtel Atala, 30. Mai 1932
Abdankung des Kanzlers Brüning in Berlin. Der Fusstritt Hindenburgs. Also war ihnen auch dieser Notverordnungslieferant, dieser Zerschmetterer jeder individuellen Freizügigkeit, dieser Westphale mit grossdeutschen Instinkten noch immer nicht reaktionär genug!
Abends zwei Stunden bei Masereels. Weiss Gott man muss sich wieder enger zusammenschliessen!
Paris, Hôtel Atala, 2. Juni 1932
Dann essen Gide, Klaus und ich gemeinsam in der Rue d’Artois. Nichts ist in meinem Alter süsser als Recht gehabt, meine Liebe, meinen Elan nicht ins Nichts vergeudet zu haben. Meine Liebe zu Gide hat in jeder Hinsicht recht behalten. Dieser alternde Mann kennt keine Stagnation, drängt mit Vehemenz vorwärts. Welch ein Elan zur Feststellung in ihm, dass er nicht sterben will bevor er Russland gesehen, sich über den Kommunismus sein Urteil gebildet hat.
In meinem Zimmer betrachtet er aufmerksam die von Herman gemalten Bilder.
[…] So kommt der Abend dieses wahrhaft glücklichen Tags.
Ich begrüsse Hans Feist, bleibe dann mit Mops. Wir essen miserabel im Café Select. Sitzen später bis zum Morgen im Café Berry. Mops klagt: »Für was lebt unsere Generation? Wir leben ins Nichts, hoffen, glauben, lieben nichts, tanzen auf einem Pulverfass. Kann man so leben?!«
Paris, Hôtel Atala, 3. Juni 1932
Spontan schreibe ich an Herman, wiege ihn in meinem Brief wie man ein verängstetes Kind wiegt.
Dieser zweite Brief Hermans: »Brüssel, den 2. Juni. Meine liebe Freundin, ich benutze den freien Augenblick, um Dir zu schreiben. […]
Siehst Du, ich glaube nicht, dass man ein Doppelleben führen kann. Das geistige Umfeld, in dem ich lebe, hinterlässt zu tiefe Spuren in mir. Man kann aus seinem Blut nicht einen Roman destillieren und gleichzeitig einen Industriebetrieb leiten. Das eine tötet das andere, und ich kann das Gefühl nicht loswerden, dass ich im Moment das bessere von beidem töte. Ich verhehle Dir nicht, dass der Todeskampf schrecklich ist.
Ich glaube, dass man sich weniger kaputt macht, wenn man auf den Strich geht, als wenn man den Beruf eines Geschäftsmanns ausübt. Diese Überzeugung beherrscht mich mehr und mehr und macht mich ganz wahnsinnig. Jenseits moralischer Skrupel gibt es eine Art undefinierbarer Feigheit; wenn man sie in sich spürt, ist das Wort Tortur nicht zu stark …
Das Leben eines Strichjungen erscheint mir neben meinem heroisch. Lache nicht.
Ich werde jeden Tag mehr links. Woher nehme ich die Kraft, unter dieser Maske des kapitalistischen Patrons zu atmen? […]«
Tours, Hôtel Moderne, 20. Juni 1932
Die Picassoausstellung bei Georges Petit wirft mich um. Aus jedem dieser so total verschiedenen Bilder rührt einen peremptorisch das Genie an. Der zweifellos grösste zeitgenössische Maler, brennende Bejahung in die fürchterliche Verneinung dieser Zeit. Plötzlich fühle ich mich wie manchmal in Gides stärkender Gegenwart von allen Angstvorstellungen befreit, in eine andere Wahrnehmungssphäre gestellt.
Bezaubernd die beiden Porträts seines Söhnchens! Einzig die von Flechtheim bevorzugte Epoche ist grau, stumpf und verkrampft. Mit mathematischer Sicherheit wird dieser Kunsthändler mit blinden Augen bei jedem Künstler auf das malerisch Abwegige tippen, den Versuch als Glanzleistung propagieren. Tatsächlich beweist Flechtheims Auswahl seine eklatante Stumpfheit in malerischen Dingen.
Der Hauptsaal ein Farbenrausch: Um die fünf klassischen Stillleben, die Paul Rosenberg gehören[,] einige Bilder jüngeren Datums vor denen ich schmerzlich meine finanzielle
Hilflosigkeit empfinde. Das mit zurückgeworfenem Kopf sitzende Mädchen mit der Vision einer zwiefachen Bewegung, ein Stillleben, beide Picasso gehörend, lösen den bekannten, nie täuschenden Stich ins Herz, den ich beim ersten Anblick der ›Arlesienne‹, der ›Kaffeekanne‹ spürte, in mir aus. Meine Bereitschaft für den Besitz dieser beiden Bilder noch einmal alles aufs Spiel zu setzen.
Abschied von Mops.
Ich fahre mit Klaus ab.
Bis Orleans.
Estoril, Hôtel do Parque, 26. Juli 1932
Gegen Abend nach Sintra eine dort wohnende adelige Dame besuchen. Ich stelle bei diesem Ausflug fest, dass der begüterte Mensch auf seinen Reisen vor lauter Bequemlichkeit meistens nichts mehr zu sehen bekommt. Wäre der heutige Besuch in Sintra der einzige gewesen, würde ich keine Ahnung von diesem paradiesischen Orte haben. Immer wieder fällt mir die unbeschreibliche Borniertheit der herrschenden Klasse auf. Mit Sehnsucht denke ich an André Gides wahrhaft königliche Subtilität, an Benns Klugheit. Die grossen Brennpunkte dieser Welt, die weissglühenden Feuerräder des Geistes und der Gefühlsintensität drehen in grandioser Selbsterregung unbemerkt von den Massen, in erlauchter Einsamkeit.
Estoril, Hôtel do Parque, 29. Juli 1932
Zum letztenmal mit dem Omnibus nach Sintra. Diesmal lässt mich das mitfahrende deutsche Ehepaar ahnen, welche Hölle zur Zeit Deutschland sein muss. Die Tatsache, dass ich in meiner Ecke still das Berliner Tageblatt lese, gibt den Entmenschten Anlass, die gemeinsten Schimpfreden vom Stapel zu lassen. »Judengeschmeiss und Scheissfrauenzimmer« sind noch die mildesten Bezeichnungen. Bedenkt man, dass sich so nicht Tausende aber Millionen in Deutschland austoben, dass diese Anbiederungsversuche nur eine magere Probe der allgemeinen Geisteslage in meinem Vaterland darstellen, bedauert man nur, nicht als Kongoneger geboren zu sein.
Madrid, Hôtel Savoy, 3. August 1932
Hinter Naralmoral biegen wir in Richtung Escorial ab. Das unschätzbare Kleinod, der Pfeil ins Herz, der Brennpunkt dieser Reise überhaupt die im Schloss von Escorial aufbewahrte Kreuzabnahme des van der Weyden. Unbeschreiblich die hostienhafte Schönheit des Gekreuzigten, die Hände der Mutter. Das verschlägt selbst Klaus das Wort. Die sieben Todsünden des Bosch, ein apokalyptisches Allegro in Rosa, Hellblau und Kanariengelb. Unwillkürlich kommt ein Lächeln zustande. Die Sünde scheint von einem anderen Standpunkt aus gesehen, wie Orcagna, wie Dante, ja selbst wie Breughel sie sah. Die Sünde bei Bosch ist nicht nur nackt und beulenbefleckt, sondern auch komisch, ein gegen die Vernunft bockendes und mit Fioretturen ausgestattetes Element. Gott sieht eher einen Narrentanz an, als dass er Gericht hält. Die Gruft der spanischen Könige.
Paris, Hôtel Atala, 23. August 1932
Sonst grosse Einsamkeit. Aber auch Augenblicke einer lüciden Klarheit. Die Angst vor den Ereignissen in Deutschland nimmt schon wieder die Dimension einer Psychose an. Man stürzt sich auf jede frischgedruckte Zeitung um auf dem Laufenden zu bleiben mit welcher Stirn der giftsäende Adolf die bestialischsten Exzesse seiner bluttriefenden Horden deckt.
Paris, Hôtel Atala, 1. September 1932
Ich lese das Manuskript meiner ›Anna‹ durch und bleibe immer gleich sehnsüchtig dies nicht ausgetragene Schmerzenskind vor meinem Tod auf die Beine zu stellen. Hätte ich nicht noch viel, unsagbar viel mitzuteilen? Gibt es nicht Augenblicke, wo es mir sogar wesentlich scheint, dass ich das, was mein Herz weissglüht, auch aufzuzeigen vermöchte? Würde ohne diese Aufzeigung mein Leben im letzten Sinne nicht steril gewesen sein? Aber welch ein Abgrund dröhnenden Depits gähnt andererseits in mir! Die grauen Chimären hocken auf dem Dach meines Hauses und speien mir ihr höhnisches Gelächter entgegen.
Paris, Hôtel Atala, 4. September 1932
Mops sagt: »Wie Du Dich verändert hast! In meiner Erinnerung lebst Du als das Non plus ultra an Sanftmut. Deine Sanftmut war unbeschreiblich. Jetzt machst Du einen entschlossenen, harten, hin und wieder reichlich maskulinen Eindruck.«
Meine Gedanken antworten: »Lass es gut sein; auch die mir eingeborene Sanftmut ist noch vorhanden. Nur mag sie sich nicht mehr sinnlos an die Vergewaltigungswahnsinnigen verschleudern. [ca. 3 Zeilen geschwärzt][«]
Paris, Hôtel Atala, 11. September 1932
An Herman: »[…] Wenn ich sage: Van der Weyden, mein liebes Kind, spreche ich nicht von einem rein ästhetischen Erlebnis; es handelt sich um einen ganzen Komplex von Gnaden und Bejahung, um das Erbe des evangelischen Goldregens, der sich über mich ergiesst. Absolute Einstellung auf Christus. Ich finde in dem Bild den Stil der Bergpredigt sehr präzis wieder, der von den griechischen und hebräischen Pastoralen kommt. […]
Aber abgesehen von alledem, kannst Du Dir die Ausdruckskraft dieses Bildes nicht vorstellen. Seine Farben sind so frisch, dass man glaubt, das Bild sei erst gestern fertiggemalt worden. Das in unseren Museen immer noch zu direkte Licht verschluckt den ursprünglichen Glanz. Die dunkle Halle von El Escorial hat es so bewahrt, wie es den zauberhaften Händen Van der Weydens entsprungen war, denn auch der phantastische Bosch, der in der Nähe hängt, ist gleich rosa, himmelblau, frühlingshaft grün, klar gelb und in einem Zustand absoluter Frische. Ich dankte der Vorsehung mit einer tiefen Verbeugung. […]
Erinnere Dich – ich flehe Dich heute abend an als einfache Mutter, die Dich liebt – bei jedem Schritt Deines Lebens, das Dir seit einigen Monaten unerträglich scheint, erinnere Dich an das Wort Christi, der uns versichert, dass kein Vogel vom Dach und kein Haar vom Kopf fällt, ohne dass Gott es so gewollt hat. Natürlich hast Du in Deinem Alter viel zu wenig Erfahrung, um diese trostreichen Worte a posteriori zu akzeptieren. Nun – ich versichere Dir, dass Gott, indem er Dich den Weg gehen lässt, den Du gehst, die Absicht hat, Dein Urteilsvermögen zu schärfen, in Dir vielleicht die Stimme zu bilden, die eines Tages ruft: Halt! zu diesem verhängnisvollen marxistisch-materialistischen Bekenntnis, das unsere Epoche vergiftet. Wir müssen nur die Augen öffnen, feststellen, Material sammeln.
Du wirst mir antworten: ›Der Bourgeois stinkt zu sehr.‹ Und ich antworte: Wenn er stinkt, so übersetze diesen Gestank den anderen, deren Geruchssinn noch verstopft ist, damit sie ihn mit Dir wahrnehmen. Gehe dieser stinkenden Angelegenheit tief auf den Grund. Dein Buch wird in fünf Jahren umso besser sein, als Du heute in ungeduldiger Erwartung dafür opfern musstest. Denn Du wirst dieses Buch schreiben. Auch andere. Ich schreibe meines ebenfalls. Wir sind zu sehr als Autoren zur Welt gekommen, um es nicht beide zu schaffen.«
Paris, Hôtel Atala, 16. September 1932
Ich schreibe an Herman […] »[…] Lass uns jedenfalls aus vollen Lungen über jene bornierten Bourgeois lachen, die sich über einen jungen Typ aufregen, der Arm in Arm mit einer Frau spazieren geht, die seine Mutter sein könnte.
– Ich habe mit Dir über die Großmutter und Deinen Onkel richtig gelacht. Er ist viel weniger interessant als die Großmutter. Sie mag ich ganz besonders für ihre leidenschaftlichen Stellungnahmen.
– Schwerer und beängstigender der Fall René [Michelet]. Ich habe das Duplikat in meinem Leben: Mopsa. Eine Diskussion mit Mopsa über irgendein Thema macht mich für drei Tage unproduktiv. Sie ist davon besessen, mich für ihre Fehlschläge und ihre Schwierigkeiten verantwortlich zu machen. Sie wie René auf der Suche nach dem Sündenbock. Ich habe mehr davon, der herbstlichen Paarung zweier Fliegen an meinem Fenster zuzuschauen, als die Liebkosungen dieses Kindes zu ertragen, das aus allen Ritzen seines Charmes nach dem Nichts stinkt. […«]
Paris, Hôtel Atala, 25. September 1932
Agnes schreibmaschinengeschriebener Brief, der mir als Beweis ihres aufmerksam gelebten Lebens Freude macht. Natürlich möchte ich in meinen Kindern – und wenn ich von meinen Kindern spreche rechne ich selbstverständlich Herman dazu – eine gutgeschulte Kampftruppe hinterlassen, die das von mir Errungene und Zusammengetragene nicht noch einmal durchkauen müsste, sondern darüber bereits als Erbgut verfügend zu neuen, geistreicheren Kombinationen Musse fände.
München, Hôtel Exelsior, 7. Oktober 1932
Ich schreibe an Herman: […]
»Aber beim Gang durch die Strassen und beim Erforschen der Physiognomien fragt man sich mit Angst, wohin das, was unter der Oberfläche kocht, noch führen wird. Unbeschreibliche Frechheit der Hitlerianer und der führenden Klassen, Niedergeschlagenheit der Arbeiterklassen. Vor diesen apokalyptischen Folgen einer Doktrin (denn das Desaster ist nicht das Resultat der Wirtschaftskrise; es ist der geistige Bankrott), beginne ich Nietzsche zu hassen, und gleichzeitig bin ich ausser mir vor Freude, keine Spur mehr von dem in mir zu fühlen, was man ›Wille zur Macht‹ nennen könnte. Mein Gott, wie strahlt Christus in diesem Land, wo alles sich bereit macht, ihn wieder zu kreuzigen. Ich erlebe ein richtiges christliches Glücksgefühl; – mein christliches Blut bis in meine Fingerspitzen fliessen zu spüren. Nichts hat sich geändert und nichts wird sich je ändern! Man wird immer Barabas bevorzugen. […]«
Berlin, Pension Savigny, 9. Oktober 1932
Auf der Strassen begrüssen sich auch die Antifaschisten mit erhobener Hand. Alles ist überhaupt vertrustet, bewegt sich herdenweis, schreitet marschmässig aus, trägt ein Abzeichen. Aber ich müsste lügen, behauptete ich, die Atmosphäre dieser Stadt wäre mir widrig. Es ist eine wohltuende Enthemmtheit, eine Bereitschaft zur Umstellung in den entschlosseneren Schichten dieses Volkes, die mich jedesmal rührt, stosse ich darauf. Wie nur den düsteren Mächten, die die Pläne der Aufrechten mit Terror kontrekarrieren, beikommen?
Berlin, Pension Savigny, 15. Oktober 1932
Herman schreibt und Herman hat recht:
