Die Queen - Inger Merete Hobbelstad - E-Book
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Die Queen E-Book

Inger Merete Hobbelstad

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Beschreibung

»Heißt das, dass du am Ende Königin werden wirst?«, hatte Margaret ihre ältere Schwester Elizabeth nach der Abdankung ihres Onkels Edward VIII. im Jahr 1936 gefragt. »Ja, ich denke schon«, soll die Zehnjährige erwidert haben. 1952 stirbt beider Vater George VI. – und Elizabeth wird mit 25 Jahren englische Königin. Fünfzehn Premierminister hat sie in den 70 Jahren ihrer Regentschaft ernannt, von Winston Churchill über Margaret Thatcher bis zu Boris Johnson sowie, zwei Tage vor ihrem Tod, Liz Truss – und dabei alle politischen Krisen überstanden. Sie hat familiäre Katastrophen moderiert – oder ausgesessen –, von Margarets Exzessen, Dianas Leid, Edwards Verfehlungen bis zu Harrys und Meghans Absetzbewegung.

Egal, was geschah – die ganze Welt war dabei, voller Anteilnahme.

Wer ist diese Ikone, die 70 Jahre lang in der Öffentlichkeit stand, die man lange für unsterblich hielt? Mit der umfassendsten Darstellung, die der »Firma« jemals gewidmet wurde, gibt die Autorin ebenso fesselnd wie gründlich Antwort. Viele Jahre lang hat sich die norwegische Autorin mit englischer Geschichte auseinandergesetzt, sich intensiv mit sämtlichen Mitgliedern der royalen Familie beschäftigt, Gespräche geführt, Notizen, Briefe und Tagebucheintragungen studiert. Im Mittelpunkt ihrer Erzählung steht natürlich Elizabeth II. – die Tochter, Schwester, Mutter, Ehefrau und Queen.

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Seitenzahl: 996

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Titel

Inger Merete Hobbelstad

Die Queen

Unsere Jahre mit Elizabeth II.

Aus dem Norwegischen von Ebba D. Drolshagen

Insel Verlag

Übersicht

Cover

Titel

Inhalt

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Inhalt

Cover

Titel

Inhalt

Vorwort

1 Eine behütete Kindheit

2 Edwards Abdankung und der Ausbruch des Krieges

3 Ehefrau und Königin

4 Prinzessin Margaret verzichtet

5 Die Ehrerbietung bekommt Risse

6 Szenen einer Ehe

7 Besuche aus der Downing Street

8 Fünfzig Jahre Witwe

9 Prinzessin Margarets Ehe

10 Der zögerliche Prinz

11 Prinzessinnen in Zeiten des Wandels

12 Aufstand gegen die Krone

13 Vernunft und Gefühl

14 Das Commonwealth

15 Eine Braut für den Thronfolger

16 Die turbulenten achtziger Jahre

17 »Wir waren zu dritt in dieser Ehe«

18 Elizabeth’ furchtbares Jahr

19 Die Sprache der royalen Kleider

20 Die Scheidung des Jahrhunderts

21 Der Tod im Tunnel

22 Das Ringen mit den Medien

23 »Ich werde eines Tages König sein«

24 Prinz wider Willen

25 Auf dem Weg in eine ungewisse Zukunft

Bildteil

Bibliographie

Personenregister

Informationen zum Buch

Impressum

Hinweise zum eBook

Vorwort

Im Sommer 1996,ich war fünfzehn Jahre alt, besuchte ich im südenglischen Berkshire, einer flachen Landschaft mit weitem Himmel, vier Wochen lang eine Sprachschule. Auf einem Ausflug kaufte ich Spielkarten mit Abbildungen englischer Könige und Königinnen, die Reihe begann mit Alfred dem Großen. Damals interessierte ich mich für die weit zurückliegende und dramatisch bewegte Geschichte, für Shakespeares Königsdramen, ElizabethI., Aufstände und die Rosenkriege. Der Herzdame des Kartenspiels schenkte ich wenig Aufmerksamkeit: Königin ElizabethII.

Dreiundzwanzig Jahre später fasziniert mich diese Herzdame mehr als alle anderen. Bilder ihres Lebens fügen sich zu einer Diashow aneinander, die einhundert Jahre umspannt, nahezu alle historisch bedeutenden Menschen tauchen früher oder später auf, sagen Guten Tag und verschwinden wieder. Die Herzdame aber bleibt, sie sitzt in der ersten Reihe und verfolgt all diese historischen Ereignisse. Sie ist so berühmt, dass man ihr Gesicht möglicherweise schneller erkennen würde als das eines engen Freundes. Sie ist Gegenstand zahlloser Zeitungsartikel, die Aufschluss darüber versprechen, was die Königin wirklich über ein Mitglied ihrer Familie oder über einen Staatsführer denkt, und es wurden viele Bücher über sie geschrieben, die ein persönliches und wahrhaftiges Porträt verheißen, einen Blick hinter die Kulissen, das Lüften von Geheimnissen. Und doch ist Königin ElizabethII. ein Rätsel geblieben. Seit der Zeit ihrer Thronbesteigung, als Angehörige des Königshauses vor allem ehrwürdig und distanziert auftraten, bis in unsere Tage, in denen von ihnen Nahbarkeit und Anteilnahme erwartet wird, hat sie ihre Integrität gewahrt, sich weder von Ruhm noch von Kritik verführen und selten erkennen lassen, was sie selbst möchte.

Seit neunundsechzig Jahren ist sie eine sehr hart arbeitende und pflichtbewusste Monarchin, kein anderer Regent hat je so lange mit dieser speziellen Verantwortung – und immer im Scheinwerferlicht – gelebt. In den Entscheidungen, die sie getroffen hat, und in den Erzählungen und Einschätzungen von Angehörigen ihres Stabs, von Freunden und Familienmitgliedern, wird ein Mensch erkennbar, der, wie alle Menschen, höchst vielschichtig ist, Talente, Vorlieben, blinde Flecken hat. Sie ist fraglos pragmatisch, frei von Neurosen und recht uneitel, sie fühlt sich der Natur und deren Rhythmus eng verbunden – gute Voraussetzungen für eine Frau, die sich ein Jahrzehnt nach dem anderen als Staatsoberhaupt und Symbol präsentieren muss.

Es gab immer wieder Situationen, in denen ihre Entscheidungen kritisiert wurden. Sie hat Stürme und Krisen überstanden und mehrfach erlebt, dass der Monarchie – die sie bewahren muss – vorgeworfen wurde, als Institution überholt, irrelevant und extravagant zu sein. Nun, da ihr Leben dem Ende entgegengeht, kann sie konstatieren, dass sich keine der düstersten Prophezeiungen erfüllt hat und sie dafür geschätzt wird, alles ausgehalten und nie aufgegeben zu haben, nicht ausgewichen oder zusammengebrochen zu sein. Zu erleben, wie sie einen völlig unmodernen Weg gewählt hat, wie sie ihr Leben ganz und gar in den Dienst einer Berufung und eines Auftrags stellte, hat mich nachdenklich gemacht, aber auch tief beeindruckt.

Mit diesem Buch möchte ich einen genaueren Blick auf die Geschichte von Königin ElizabethII. und ihrer Familie werfen, wollte sehen, wie diese Geschichte heute auf uns wirkt und wie sie gegen Ende des zweiten elisabethanischen Zeitalters interpretiert werden kann. Seit Elizabeth’ Geburt im Jahre 1926 hat Großbritannien sich dramatisch verändert, nicht nur die sozialen Hierarchien, die damals die Gesellschaft beherrschten, sondern auch die Stellung des Landes in der Welt und das damit verbundene Selbstbild befanden sich in fast unablässigem Wandel. Die Geschichte des Hauses Windsor ist eng verbunden mit der Geschichte Großbritanniens vom Empire bis zum Brexit. Und sie ist eng verbunden mit dem Volk, das seine Königsfamilie an immer neuen Kriterien misst und immer neue Erwartungen an sie hat. Der Blick der Briten auf ihr Königshaus, so vielfältig und unbeständig es sein mag, steht in enger Wechselwirkung dazu, wie die Briten auf sich selbst schauen.

Besonders hervorheben möchte ich Fiona MacCarthys Buch Last Curtsey. The End of the Debutantes über den letzten Debütantinnen-Jahrgang, Richard Davenport-Hines’ An English Affair über den Profumo-Skandal sowie Tom Quinns Backstairs Billy über das verborgene Leben homosexueller Männer am königlichen Hof im Allgemeinen und im Haushalt von Queen Mother im Besonderen. Diese Autoren und ihre Arbeit waren für mich sehr wichtig.

Während der Arbeit an dem Manuskript haben mich einige großartige Leserinnen und Leser begleitet, mein Dank geht an Marie Aubert, Sissel Gran, Mette Hobbelstad, Peder Kjøs, Cornelia Kristiansen, Ian Mucklejohn, Nina Ryland, Henriette Thommesen, Guri Vindegg und Andreas Økland für ihre Lektüre und ihre wichtigen und klugen Kommentare. Ein besonderer Dank gebührt meinem Lebensgefährten Eirik Vassenden, der nicht nur gelesen und zugehört, diskutiert und gescherzt, sondern auch laut geäußerte Autorenklagen und lange Vorträge über uralte Dynastien ertragen hat. Dank an den beratenden Historiker Trond Norén Isaksen und meinen Lektor Hans Petter Bakketeig für ihre unschätzbare Hilfe bei den vielen mühevollen, anstrengenden und peniblen Aspekten einer Autorenschaft. Ein großer Dank an Stilton Agency dafür, mein Buch in die Welt hinaus gebracht zu haben.

In dem Jahr, in dem ElizabethII. ihren fünfundneunzigsten Geburtstag feiert, reichen die Reaktionen auf das Haus Windsor immer noch von Ergebenheit bis Verärgerung, es sorgt weiterhin für Kontroversen. Noch weiß niemand, welche Konsequenzen Prinz Andrews Sturz, Prinz Harrys Rückzug aus der Familie oder gar der Tod ihres Gemahls Prinz Philip haben werden, noch ist nicht abzusehen, wohin die vergessen geglaubten, durch den immensen Erfolg der Netflix-Serie The Crown wieder aufgewühlten Gefühle führen werden. Aber was sehr viele Menschen tief bewegt, findet immer unser Interesse, denn es sagt etwas aus: nicht nur über die Briten, sondern über uns alle. Das rätselhafte Band zwischen dieser sehr speziellen Familie und allen, die ihren Weg mitverfolgen, wird uns noch lange faszinieren, auch, vielleicht vor allem in einer Zeit, in der alles im Wandel zu sein scheint.

1

Eine behütete Kindheit

Ende März 1945 standen in einem militärischen Trainingszentrum in Surrey zwölf junge Frauen in einer Reihe. Sie hatten sich zum Kriegseinsatz gemeldet, trugen Khaki-Uniformen und sollten in den kommenden drei Monaten lernen, Militärfahrzeuge zu steuern und zu warten, Räder zu wechseln und Zündkerzen zu reinigen. Ein Mädchen mit Locken, schüchtern und klein, wirkte anfangs mit den Fahrzeugen noch unvertrauter als die anderen. Sie war auch die Jüngste, während des Kurses wurde sie neunzehn. Wie alle salutierte auch »Second Subaltern Elizabeth Alexandra Mary Windsor« mit der Dienstnummer SGV230873 vor ihren Vorgesetzten. Aber vor ihrer Ankunft waren die Mitschülerinnen zu absolutem Stillschweigen darüber verpflichtet worden, dass auch Großbritanniens Prinzessin und Thronerbin an dem Kurs teilnehmen werde. Sie waren gespannt, wie sie war und wie sie aussah. »Sie benutzt Lippenstift!«, notierte eine Kursteilnehmerin in ihr Tagebuch.

Aber die Neuigkeit sickerte dennoch durch. Zeitungsbilder der über eine offene Motorhaube gebeugten Prinzessin sollten in der letzten Kriegsphase den Zusammenhalt und Einsatz der Nation stärken. Doch sie und die anderen Schülerinnen waren nicht gleich; im Unterricht saß sie, von zwei Sergeanten flankiert, in der ersten Reihe, die Mahlzeiten nahm sie im Offizierskasino ein, abends wurde sie nach Windsor zurückgefahren, während die anderen Frauen in Baracken übernachteten. Hin und wieder konnte sie ihren Aufpassern entkommen und sich mit den Mitschülerinnen beim Tee unterhalten. Die stellten fest, dass sie sicherer und gesprächiger wurde, als sie sich etwas an sie gewöhnt hatte. In dem erwähnten Tagebuch steht, sie habe jede aufmerksam angesehen und »sich sehr für uns interessiert«.

Keinen Monat nach dem Ende des Kurses war der Krieg vorbei, Junior Commander 230873 würde ihre Kenntnisse nicht mehr anwenden können. Aber sie war eine sichere Autofahrerin geworden und konnte kundig über Automechanik sprechen, was sie ihr Leben lang tun sollte, sobald sich die Gelegenheit bot. Über zwanzig Jahre später erzählte sie der Labour-Politikerin Barbara Castle, dass dieser Kurs die einzige Gelegenheit bleiben sollte, »meine Fähigkeiten im Vergleich mit anderen in meiner Altersgruppe messen« zu können.

Elizabeth musste sich diesen Kriegsbeitrag erbetteln, denn ihr ängstlicher, beschützender Vater war zunächst dagegen gewesen. Der Krieg zehrte an ihm, das Kettenrauchen belastete seine Gesundheit zusätzlich, er starb nur sieben Jahre später an Lungenkrebs. Seither ist das Mädchen mit den Locken und dem Lippenstift Königin ElizabethII., Oberhaupt der britischen – und berühmtesten – Königsfamilie der Welt. Sie ist seit neunundsechzig Jahren Regentin, länger als jeder andere Monarch vor ihr, auch länger als Königin Victoria, die im vierundsechzigsten Jahr ihrer Regentschaft starb. Bislang sind vierzehn Premierminister gekommen und dreizehn gegangen, die Queen blieb. Stehend absolvierte sie Stunde um Stunde zahllose Paraden und Repräsentationspflichten – ihre Standfestigkeit ist legendär –, eine monochrome Säule in Kostümen und Kleidern, die nie der letzte Schrei, aber aus den besten Stoffen gefertigt sind, die es gibt. Und über dem linken Arm immer eine viereckige schwarze Handtasche.

Sie hat ihre offiziellen Verpflichtungen erfüllt, Repräsentationsreisen gemacht, Staatsbesucher bewirtet, Orden, Medaillen, Ritterwürden und Auszeichnungen verliehen, zu Gartenfesten eingeladen, offizielle Dokumente verlesen, Gesetzen zugestimmt, das Parlament eröffnet und den jeweiligen Premier zu den wöchentlichen Audienzen empfangen. Sie ist Oberbefehlshaberin der britischen Streitkräfte und Schirmherrin zahlreicher karitativer Einrichtungen. Sie hat Räume betreten, in denen Menschen sie stehend erwarteten und mit gierigen Augen musterten, einige Meter hinter ihr, loyal, mitunter murrend, folgte Ehemann Prinz Philip. Sie ist um die Welt gereist, hat Staatsführer, Künstler und Friedenskämpfer getroffen. Sie hat etwa zweihundert Künstlern für offizielle Porträts Modell gesessen.

Pietro Annigoni, der sie mehrfach gemalt hat, erinnerte sich an ein Gespräch unmittelbar nach der Krönung. Die Sitzungen fanden in einem Salon des Buckingham Palace statt, den er als »goldenen Käfig voller chinesischer Kunstgegenstände« empfand. Sie unterhielten sich auf Französisch und die Königin erzählte, sie habe als Kind viele Stunden in diesem Raum verbracht, oft am Fenster gesessen und die Menschen und Autos auf der Mall, der vom Palast wegführenden Straße, betrachtet: »Sie schienen alle so beschäftigt. Ich fragte mich immer, was sie wohl taten, wohin sie wohl gingen und was sie da draußen über den Palast denken mochten.«

Als Prinzessin Elizabeth Alexandra Mary am 21. April 1926 durch Kaiserschnitt zur Welt kam, war es wenig wahrscheinlich, dass sie einmal in den Buckingham Palace umziehen und sich auf das Amt der Königin vorbereiten würde. Sie war das erstgeborene Kind von Albert Frederick Arthur George, Herzog von York, zweitältester Sohn von König GeorgeV., und seiner lebhaften Gemahlin, der Herzogin von York. Die hieß vor ihrer Heirat Lady Elizabeth Bowes-Lyon, das Haus im Londoner Stadtteil Mayfair, in dem sie Elizabeth zur Welt brachte, war die Londoner Stadtresidenz ihrer Eltern. Thronerbe war zu jener Zeit Alberts älterer Bruder, der schillernde und sehr populäre Prinz Edward, die Familie nannte ihn David, was einer seiner Taufnamen war. Onkel David sollte im Hause seines Bruders noch einige Jahre lang ein gern gesehener Gast sein, der Elizabeth immer Geschenke mitbrachte, unter anderem A.A. Milnes Pu der Bär-Bücher.

Elizabeth und ihre vier Jahre jüngere Schwester Margaret Rose erwartete ein ruhiges und beschütztes Leben. Sie würden einen Mann aus dem Hochadel heiraten und mit den Jahren auf den Gruppenaufnahmen der vielköpfigen Königsfamilie immer weiter an den Rand rücken. Aber sie waren Royals, und da der Prinz von Wales lange keine Neigung zur Gründung einer Familie erkennen ließ, begeisterten sich die Briten für die Töchter seines Bruders Albert, der in der Familie Bertie hieß. Wenn die Prinzessinnen im Garten ihres Elternhauses 145 Piccadilly, direkt am Hyde Park, spielten, drängten sich oft Schaulustige am Zaun und spähten durch das Gitter. Es entstand ein Mythos um sie, den die ergeben patriotische BBC ebenso förderte wie die Zeitungen, die aus Furcht vor verärgerten Lesern und sinkenden Auflagezahlen jede Andeutung einer antimonarchistischen Haltung mieden. Man berichtete sogar von Ausfahrten der Kinderwagen, Zeitungen und Illustrierte druckten Fotos der Schwestern in identischen, hellen Kleidchen und umgeben von Spielzeug und Stofftieren. Immer sah es aus, als lebten sie unter einer goldschimmernden Glocke, geschützt vor einer problematischen Außenwelt, wo es Arbeitslosigkeit, Armut und Unruhen gab. Solche Bilder der Prinzessinnen hatten etwas von hübschen, etwas klaustrophobisch anmutenden Kinderbuch-Illustrationen, in denen Kinder ihre Geheimnisse nur miteinander und nie mit Außenstehenden teilten. Die Schwestern wurden Gegenstand von Liedern, Gedichten und Erzählungen, Erwachsene meinten, sie zu kennen und Verantwortung für sie zu haben; Kinder schrieben ihnen Briefe.

Viele Briten fühlten sich persönlich stark mit ihrem Königshaus verbunden. Das lag im Wesentlichen daran, dass sich die Monarchie in den hundert Jahren vor Elizabeth’ Geburt dramatisch verändert hatte – selbst wenn sie als Institution noch immer auf der Suche nach sich selbst zu sein schien.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das britische Empire die bedeutendste Großmacht der Welt, von allen europäischen Königshäusern genoss das britische das größte Ansehen. Aber Königin Victoria hatte im Laufe ihrer Regentschaft ihre politische Macht als Monarchin nahezu völlig verloren, die »konstitutionelle Monarchie« war so stark ausgeweitet worden, dass der König beziehungsweise die Königin in allem den Anweisungen der Regierung folgen musste. 1867 veröffentlichte der Verfassungsrechtler und Zeitungsherausgeber Walter Bagehot das Standardwerk The English Constitution, das aber eigentlich nur beschrieb, was bereits Realität war. Doch in einem Land ohne geschriebenes Grundgesetz, in dem der Präzedenzfall von entscheidender Bedeutung ist, wird die Beschreibung dessen, wie es ist, schnell zu einer Beschreibung, wie es sein soll. Das Beschriebene wird normativ. Bagehot schrieb, dass sich der Einfluss des Monarchen auf drei Rechte beschränke: Er habe das Recht, von Politikern konsultiert zu werden, das Recht, zu ermuntern, und das Recht, zu warnen, und er fügte hinzu, ein König würde, sofern er über genug Gespür und Verstand verfügt, auch keine weiteren anstreben. Zunehmend wird von einem Monarchen völlige Neutralität in allen politischen Fragen erwartet. Die Politiker sollen Entscheidungen treffen, das Königshaus soll die erhabene und »ehrwürdige« Seite der Staatsmacht repräsentieren, ein einigendes Band sein, im Volk das Gefühl von Zusammenhalt und gemeinsamen Zielen stärken.

Ein Monarch hat also kaum Entscheidungsbefugnisse und keine formale Macht. Als diese Veränderungen sukzessive einsetzten, musste das Königshaus andere Wege finden, um sichtbar zu sein, und das geschah durch eine Verschiebung von der großen auf die kleine Bühne. Der Monarch als Heerführer und Staatsoberhaupt verschwand, an seine Stelle trat der Monarch als fürsorgliches Oberhaupt seiner eigenen Familie und seines Volkes. Die Fotografie wurde erfunden, Zeitungen fanden immer mehr Leser, Aufnahmen von Königin Victoria samt charmantem Gemahl und neun adrett arrangierten Kindern waren weit verbreitet und fanden in britischen Haushalten auf Kommoden und Kaminsimsen direkt neben Bildern der eigenen Angehörigen ihren Platz. Der Historiker David Cannadine nennt es paradox, dass sich eines der ältesten und glanzvollsten Königshäuser der Welt ein betont nicht-majestätisches, ja geradezu penetrant bürgerliches Image verpassen wollte. Die viktorianischen Grundwerte waren Schicklichkeit und Anstand, ihr Zentrum war die britische Kernfamilie. Die Königsfamilie wurde zur Verkörperung dieser Ideale.

Dabei war sie in Wahrheit keineswegs eine idyllische Familie. Königin Victoria war ihrem Mann, dem umtriebigen deutschen Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha, tatsächlich völlig ergeben, und ihr Nachfolger, König EdwardVII., wurde ein selbstsicherer, verantwortungsvoller und erfolgreicher König. Allerdings versagte der sich weder vor noch nach der Amtsübernahme irgendwelche Genüsse, wovon sein wachsender Leibesumfang ebenso zeugte wie seine zahlreichen Mätressen, meist attraktive Schauspielerinnen, die er insgeheim, aber auch gar nicht so insgeheim traf. Zu ihnen gehörte die adlige »society lady« Alice Keppel, deren Urenkelin Camilla Parker Bowles ebenfalls viele Jahre ein Verhältnis mit einem Prinzen von Wales hatte. Charles ist Edwards Ururenkel.

Edwards Gemahlin, die dänische Prinzessin Alexandra, fühlte sich durch das Verhalten ihres Mannes entehrt; nachdem sie aufgrund einer Krankheit fast gehörlos geworden war, zog sie sich immer mehr zurück, ließ den König sein Leben leben und kümmerte sich um die fünf Kinder, darunter Tochter Maud, die 1904 Königin von Norwegen wurde.

Diese nicht gerade mustergültige Familie war überdies nicht sehr englisch. Königin Victoria stammte von dem deutschen Adelsgeschlecht Hannover ab, das 1714 auf den englischen Thron gekommen war, nachdem Königin Anne, die letzte britische Königin des Hauses Stuart, ohne lebende Nachkommen gestorben war. Fast zweihundert Jahre lang waren Britanniens Monarchen mindestens ebenso sehr Deutsche wie Engländer, viele wählten deutsche Ehepartner. Sowohl Königin Victoria als auch König EdwardVII. sprachen Englisch mit deutschem Akzent, die Nachkommen von Victorias Gemahl Albert gehörten auch dem Haus Sachsen-Coburg und Gotha an. Sechs von Victorias neun Kindern heirateten deutsche Prinzen beziehungsweise Prinzessinnen, deren Kinder landeten nicht nur auf den Thronsesseln deutscher Herzogtümer und Kleinstaaten, sondern auch auf denen von Rumänien, Spanien und Norwegen, König EdwardVII. war der Onkel von Kaiser WilhelmII. Und da der Vater von Edwards Gemahlin Alexandra, König ChristianIX. von Dänemark, ein mindestens ebenso geschickter Heiratsdiplomat war wie Königin Victoria, war EdwardVII. auch noch mit den Königshäusern von Griechenland, Dänemark und der russischen Zarenfamilie verschwägert. Europas regierender Hochadel war, kurz gesagt, ein großer, internationaler Clan, dessen zahlreiche Mitglieder vertraut und loyal miteinander umgingen – nicht selten vertrauter und loyaler als mit den Untertanen des Landes, auf dessen Thron sie saßen. Doch als Anfang des 20. Jahrhunderts großpolitische Gewitterwolken aufzogen, waren die Tage der royalen Großfamilie gezählt.

Edwards älteste Kinder Albert Victor und George kamen 1864 und 1865 im Abstand von nur siebzehn Monaten zur Welt. Der Thronerbe Albert Victor, von allen Eddy genannt, gab schon früh Anlass zur Sorge. Sein soziales Verhalten war gestört, er quälte kleine Tiere, lernte nur mit Mühe lesen und schreiben. Bruder George, auch er konnte sein Leben lang nur schlecht schreiben, war schüchtern und hing sehr an der Mutter. Er war gern allein, konnte aber mit Menschen, die er mochte, durchaus lebhaft und redselig werden. Einer dieser Vertrauten war Großfürst Nikolaus, der spätere Zar von Russland. George und Nikolaus waren mütterlicherseits Vettern und sahen sich so ähnlich, dass die Dienerschaft sie nur mit Mühe auseinanderhalten konnte.

Prinz George ging zur Marine, Prinz Albert Victor wurde erst zur Marine, dann in ein Husarenregiment geschickt. Er schien außerstande, selbst einfachste Aufgaben auszuführen, handelte sich aber dank unbekümmerter Frauenkontakte nicht nur Gonorrhö, sondern auch einige Erpressungsversuche ein. 1889 führte die Polizei in einem Londoner Schwulen-Bordell eine Razzia durch, wo sie, so wurde kolportiert, auch den Prinzen antraf. Stichhaltige Beweise gibt es bis heute keine; sicher ist, dass seine Eltern und die Großmutter Königin Victoria kurz darauf meinten, er müsse dringend verheiratet werden.

Die Wahl fiel auf Maria von Teck, genannt May, Tochter eines deutschstämmigen Herzogs und einer britischen Prinzessin. May war alles andere als glamourös und entstammte zudem einer morganatischen Ehe. Diese Verbindung, auch Ehe der linken Hand genannt, war ein juristisches Konstrukt, das es einem Mann königlichen Geblüts erlaubte, eine Frau von niederem Rang zu heiraten, ohne dass diese und die gemeinsamen Kinder den Rang und die Privilegien des Mannes erbten. Mays königlich geborener Großvater hatte eine Frau gewählt, die nur Gräfin war, wodurch die Kinder des Paares einen niederen gesellschaftlichen Stand hatten. Das hätte Mays Heiratschancen sehr beinträchtigen können, denn mit dieser Abstammung war sie für einen königlichen Ehepartner nicht blaublütig genug, für jeden anderen hingegen zu blaublütig. Aber Königin Victoria mochte May, die junge Frau war realistisch und pflichtbewusst, belesen und gebildet, man hoffte, dass sie den flatterigen Prinzen erden würde. May sah das pragmatisch: Sie hatte eine unglückliche Liebe zu einem Mann hinter sich, den sie nicht hatte haben können, womit sich, wie man munkelte, ihre Liebesfähigkeit erschöpft hatte.

Sie und Eddy kannten sich seit gemeinsamen Kindertagen, als er ein berüchtigter Plagegeist gewesen war. Sie willigte ein, ihn zu heiraten und Königin von Großbritannien zu werden. Doch sechs Wochen nach der Verlobung starb der achtundzwanzigjährige Eddy an einer Lungenentzündung. Die Familie atmete erleichtert auf und trug May, die weiterhin als ausgezeichnetes Königinnenmaterial galt, die Ehe mit dem neuen Thronerben, dem schüchternen George, an. Wieder sagte sie ja.

Den Abend vor der Hochzeit verbrachte George mit seinem Vetter Nikolaus, der für die Feierlichkeiten aus Russland angereist war. Sie standen an der Schwelle zweier überaus unterschiedlicher Regentschaften; Nikolaus wurde ein autokratischer Herrscher, George Galionsfigur und Landesvater eines Staates, der immer demokratischer wurde. Aber sie verstanden sich weiterhin gut, beide trugen Bart und wurden auch weiterhin miteinander verwechselt.

Zu Beginn ihrer Ehe taten George und May sich schwer, überhaupt ein Gespräch miteinander zu führen. Aber im Gegensatz zu seinem Vater war George ein treuer Ehemann, das Paar bekam fünf Söhne und eine Tochter. George führte, wenn auch mit einigen Mühen, sein Leben lang ein Tagebuch, in dem er seine Hoffnungen und Befürchtungen in Hinblick auf die Kinder festhielt. Von diesen Notizen abgesehen, interessierte er sich allerdings wenig für sie. Selbst in einer Ära, in der blaublütige Mütter und Väter gewöhnlich die Kindheit und Jugend ihrer Kinder aus der Distanz zu verfolgen pflegten, galten George und May als furchtbare Eltern. May war nicht gern schwanger und mochte Säuglinge nicht, wenn eine Geburt überstanden war, wollte sie kein Wort mehr darüber hören. Überhaupt verabscheute sie Krankheit und Invalidität, von Freunden mit schwacher Gesundheit zog sie sich sofort zurück. Ihr jüngster Sohn John litt an Epilepsie, er wurde mit einer Gouvernante in ein Häuschen auf dem königlichen Landsitz Sandringham House verfrachtet, wo er, weit weg von der Familie, mit vierzehn Jahren starb. Seine Mutter sagte später traurig, er sei das schönste ihrer Kinder gewesen.

Es heißt, Prinz George habe seine Kinder wie der Marineoffizier behandelt, der er einmal war, und wie Rekruten herumkommandiert. Er schrie sie an; Thronerbe Edward wurde von einem Kindermädchen misshandelt, sie kniff ihn, bis er weinte, um ihn anschließend vor den Eltern zu trösten und ihnen zu zeigen, wie liebevoll sie sich um ihn kümmerte. Oft schlug sie die Kinder ohne erkennbaren Anlass mit einem Stock. Das wurde erst nach drei Jahren aufgedeckt, das Kindermädchen entlassen. Den zweitältesten Sohn Albert, der stotterte, brüllte der Vater an: »Krieg’s raus! Los, raus damit!« Albert, den die Familie Bertie nannte, war Linkshänder, musste aber mit der rechten Hand schreiben. Weil man befürchtete, er könne x-beinig werden, wurden ihm nachts metallene Beinschienen angelegt.

George wurde 1910 König, seine Gattin mischte sich in seine brutale Kindererziehung nicht ein, da sie, wie sie einmal sagte, niemals vergesse, dass der Vater der Kinder auch ihr König sei. Da sie wusste, dass bei Hofe viele wegen ihrer Herkunft auf sie herabsahen, wurde sie zum rigidesten Mitglied der Familie. Im hohen Alter wurde sie gefragt, ob es etwas gebe, das sie gern einmal gemacht hätte. Sie wünschte, sagte sie, sie wäre einmal im Leben über einen Zaun geklettert.

Die Söhne waren allesamt keine guten Schüler. Sie wurden von mittelmäßigen Hauslehrern unterrichtet und erhielten eine viel schlechtere Ausbildung als in ihrer Schicht üblich, sie wurden zu jungen Männern, die immer angespannt wirkten. Der drittälteste, der Herzog von Gloucester, erinnerte sich noch Jahrzehnte später an endlose, todlangweilige Mahlzeiten, bei denen sich die Erwachsenen unterhielten und die Kinder mucksmäuschenstill dabeisitzen mussten. Er selbst wurde ein trinkfreudiger Militär mit schlichten Neigungen, der nicht begriff, warum ihm seine Mutter ständig Bücher über jene Orte aufdrängen wollte, an die er reisen sollte: »Wenn ich so viel über die Orte lese, kann ich nicht mehr die dummen Fragen stellen, die ich den Leuten stellen muss, weil ich die Antworten schon kenne.« Am nächsten stand die Königin ihrem vierten Sohn George, Herzog von Kent. Er war der kultivierteste von ihnen, hatte einen betörenden Charme und wusste sich herausragend zu kleiden. Allerdings war er alkohol-, morphium- und kokainabhängig, er war bisexuell und hatte eine starke Libido – es hieß, wer sich, ob Frau oder Mann, mit ihm in ein Taxi setze, tue das auf eigene Verantwortung.

Der zweite Sohn Bertie kämpfte auch als Erwachsener noch mit seinem Stottern, er litt unter Depressionen und hatte, obwohl er im Grunde ein sanfter Mensch war, immer wieder furchterregende Wutausbrüche. Am schwersten aber hatte es der Erstgeborene, Edward, der 1910, als sein Vater den Thron bestieg, Prinz von Wales wurde. Er war körperlich wie mental ein Spätentwickler und wirkte mit seinen leuchtend blonden Haaren auch als Erwachsener noch bubenhaft. Er hatte seit frühester Kindheit Angst, abends zu Bett zu gehen, er trieb phasenweise wie unter Zwang übermäßig viel Sport und fastete; in seinem Tagebuch vermerkte er, dass dicke Menschen ihn anwiderten. Diese Tagebücher und auch seine Briefe strotzen schon früh vor Selbstverachtung, die sich vertiefte, sobald er als Thronfolger Repräsentationsaufgaben wahrnehmen musste, die ihm sinnlos erschienen. Aber die Menschen, die ihn in großer Zahl umdrängten und in Aktion erlebten, fanden ihn wunderbar. Sein engelgleiches, leicht androgynes Aussehen erinnerte an berühmte Stummfilmstars; da er das strenge Protokoll unerträglich fand, suchte er im Gegensatz zu anderen Royals die Nähe derer, die gekommen waren, um ihn zu sehen, und drückte unentwegt Hände. Er sprach auf eine ungekünstelte, bescheidene und etwas verlegene Art, die alle bezauberte. Er hatte ein starkes Charisma.

Der Erste Weltkrieg veränderte die Beziehung zwischen König und Thronfolger ebenso dramatisch wie das Verhältnis zwischen Königsfamilie und Volk. Großbritannien war mit Frankreich und Russland das als Triple Entente bekannte Bündnis eingegangen, um den Mittelmächten Deutschland und Österreich-Ungarn etwas entgegenzusetzen. Dadurch wurde das Land in die Ereignisse hineingezogen, die auf den Mord an dem österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand folgten und die den Konflikt zwischen Österreich-Ungarn und Russland verschärften. Großbritannien hatte Deutschland lange als Bedrohung wahrgenommen. Und als sich im August 1914 mit Deutschlands Einmarsch in Belgien und Luxemburg alle Befürchtungen bestätigten, meldeten sich junge Briten in Scharen zum Militär. Alle Seiten rechneten damit, dass der Krieg schnell vorbei sein werde. Prinz Albert zog als Marineoffizier in den Krieg und nahm unter anderem an der Seeschlacht vor dem Skagerrak teil. Sein Vater, der seinen Söhnen sonst kritisch und missgelaunt zu begegnen pflegte, schrieb in sein Tagebuch, er bete zu Gott, dass er Berties Leben verschonen möge.

Auch Edward wollte aktiv am Krieg teilnehmen und war wütend, als die Regierung ihm das untersagte; er durfte nur einige Schützengräben besuchen. Dass ihm dafür auch noch eine Tapferkeitsmedaille verliehen wurde, verstärkte seine Selbstverachtung. Er wollte sie nicht, sein Vater befahl ihm, sie zu tragen – der König achtete streng auf Kleiderordnung und Protokoll und scheute auch offene Kritik nicht, wenn Regierungsmitglieder, die in den Kriegsjahren rund um die Uhr arbeiteten, nicht korrekt gekleidet vor ihm erschienen.

Das Königspaar beteiligte sich am Kriegseinsatz, schränkte den eigenen Verbrauch ein, besuchte Krankenhäuser, Fabriken und die Soldaten an der Westfront. Aber der König war ein altmodischer Mann, Reisen und Unbekanntes interessierten ihn nicht, allem Neuen, seien es moderne Kunstwerke oder Frauen mit rotlackierten Fingernägeln, begegnete er mit Argwohn. Selbst Winston Churchill tat er als »Sozialisten« ab. Thronfolger Edward sagte, sein Vater befinde sich im permanenten Krieg mit dem 20. Jahrhundert.

Ausgerechnet dieser GeorgeV. aber nahm notwendige und einschneidende Neuerungen in Angriff, als sie ihm unumgänglich schienen. Alle wussten, wie eng der König durch Verwandtschaft mit deutschen Adelshäusern verbunden war, und gegen Deutschland und alles Deutsche herrschte tiefes Misstrauen. Aufgrund des Krieges stellte sich nun in bisher nie dagewesener Eindeutigkeit und Schärfe die Frage, ob die Mitglieder des Königshauses wirklich Großbritannien gegenüber loyal waren. Doch als der englische Schriftsteller H.G. Wells den König »fremd und einfallslos« nannte, konterte George mit der berühmt gewordenen Replik, er sei möglicherweise einfallslos, »aber der Teufel soll mich holen, wenn ich ein Fremder bin«.

Er begriff, dass die Königswürde nicht mehr zwangsläufig mit Respekt einherging. Er und Mary legten großen Wert auf das Bild einer makellosen Familie, die sich eher an den biederen Werten der Mittelschicht als an den Extravaganzen der Aristokratie orientierte. Und so änderte der König 1917 seinen Familiennamen Sachsen-Coburg und Gotha und erklärte, man sei künftig das Haus Windsor. Auch andere deutschstämmige Aristokraten tauschten ihre deutschen Adelstitel gegen britische und anglisierten ihre Namen. Die Eltern von Prinz Louis von Battenberg, der mit einer Cousine des Königs verheiratet und Oberbefehlshaber der Royal Navy war, stammten aus dem Hause Hessen, und so wurde er 1917 wegen seiner deutschen Abstammung zum Rücktritt gezwungen. Noch im selben Jahr änderte er, einer Aufforderung des Königs folgend, seinen Namen in Mountbatten, verzichtete auf den Prinzentitel und erhielt stattdessen den erblichen Adelstitel Marquess of Milford Haven. Sein Sohn, der energische Louis »Dickie« Mountbatten, war beim Rücktritt seines Vaters vierzehn Jahre alt. Die Demütigung dieses erzwungenen Rücktritts prägte den Jungen stark, er tat als Erwachsener alles, die Ehre seiner Familie wiederherzustellen – mit beträchtlichen Folgen für das Haus Windsor.

Bis dahin hatte sich die britische Königsfamilie, sobald für eines der Kinder ein protestantischer und königlicher Ehegatte gebraucht wurde, gern in Deutschland umgeschaut. Da das nun nahezu unmöglich geworden war, verfügte der König, dass seine Nachkommen künftig auch nicht-königliche Briten ehelichen durften. Das Königshaus, das sich bislang nach außen gewandt hatte, wandte sich nun nach innen. Man könnte sagen, dass es sich in gewisser Weise nationalisierte.

Mindestens so stark wie die Angst vor den Deutschen war die Angst vor dem Kommunismus. Der Sturz von Georges Vetter Nikolaus, Zar NikolausII., sorgte bei den europäischen Herrscherhäusern für Panik, im Frühjahr 1917 bat der Zar um Hilfe, um mit seiner Familie Russland verlassen zu können. Die britische Regierung war geneigt, dem stattzugeben, doch GeorgeV. befürchtete negative Folgen für seine Familie, falls er einen totalitär regierenden Verwandten in Großbritannien willkommen hieße, und empfahl, das Gesuch abzulehnen. Im Juli 1918 wurde die ganze Zarenfamilie hingerichtet, ein erschütterter George schrieb in sein Tagebuch: »Ein feiger Mord … Ich hatte Nicky gern, niemand war so freundlich wie er, ein Gentleman durch und durch.« Er hasste die Kommunisten sein Leben lang und musste mit der Gewissheit leben, dass es in seiner Hand gelegen hatte, das Leben seiner Verwandten zu retten und den Gang der Geschichte zu verändern.

Die beiden älteren Königssöhne standen sich nah, bei Kriegsende war jeder von ihnen in eine verheiratete Frau verliebt. Die Beziehung des Prinzen von Wales mit der unglücklich verheirateten Freda Dudley Ward sollte sechzehn Jahre dauern, Bertie verzichtete 1920 auf seine Liebe, als der Vater ihm im Tausch den Titel des Herzogs von York anbot. Wieder zeigte der barsche König seine Fürsorge schriftlich, hier in einem Brief an seinen Sohn: »Ich weiß, dass du in einer für einen jungen Mann schwierigen Situation richtig gehandelt hast. […] Ich hoffe, Du wirst mich immer als Deinen besten Freund sehen und spüren, dass Du mir alles sagen kannst, dass Du weißt, dass ich immer da bin, um Dir zu helfen und zu raten.« Die Historikerin Miranda Carter hat die Frage aufgeworfen, ob der Grund für diese hilflos wirkenden Ausbrüche von Vaterliebe eines oft so furchterregenden Mannes in der Kindheit mit einer gehörlosen Mutter liegen könnte. Wenn er ihr seine Gefühle schildern wollte, musste er schreiben.

Im selben Jahr, als er seine Geliebte aufgegeben und Herzog geworden war, besuchte Albert einen Ball. Er hatte immer noch kein Selbstvertrauen und galt als nicht besonders interessanter Mann, manchen fiel auf, dass er Gesprächen über abstraktere Themen nur schwer folgen konnte; aber er war freundlich, sportlich und »Londons bester Walzertänzer«. Auf dem erwähnten Ball tanzte er mit der neunzehnjährigen Elizabeth Bowes-Lyon, einer gesprächigen und lebhaften jungen Frau. Sie war das zweitjüngste von zehn Kindern des schottischen Earl of Strathmore and Kinghorne und unter anderem auf Schloss Glamis aufgewachsen, Macbeth’ Schloss in Shakespeares gleichnamigem Drama.

Während sie ihrem königlichen Tanzpartner keine besondere Beachtung schenkte, verliebte der sich Hals über Kopf in sie. Er besuchte sie in Schottland und begeisterte sich für den heiteren und informellen Ton der Strathmore-Familie, wo alle ungezwungen plauderten und scherzten. Das war so ganz anders als die düstere Stimmung seiner eigenen Kindheit. Elizabeth und er korrespondierten, Elizabeth’ Briefe waren warmherzig und hatten einen Witz, dem ihr königlicher Verehrer nicht ganz gewachsen war. Als Bertie ihr einen Heiratsantrag machte – sie hatte schon andere Anträge bekommen –, lehnte sie ab, entschuldigte sich aber in einem langen Brief, ihn damit traurig zu machen. Ihre Gedanken waren vermutlich bei einem anderen jungen Mann namens James Stuart; daraus wurde nichts, weil Stuart ein berufliches Angebot in den USA annahm. Stuart war zeitlebens überzeugt, dass Königin Mary sehr daran gelegen war, ihn außer Landes zu schaffen, weil sie wollte, dass Elizabeth und Bertie heirateten.

Außerdem schwärmte Elizabeth, wie so viele andere, für den Thronfolger. Der allerdings bevorzugte einen völlig anderen Frauentyp: urban, mondän, sehr schlank und sexuell erfahren. Und so entzückend Elizabeth sein mochte, sie verkörperte nichts davon.

Zwei Jahre später versuchte Bertie es noch einmal, wieder lehnte Elizabeth ab. Ein Leben als Royal lockte sie nicht, für eine junge Frau, die bereits alle Privilegien des Hochadels genoss, war ein streng reglementiertes Hofleben mit seinen zahllosen Einschränkungen nicht erstrebenswert. Der unglückliche Bertie sagte einem Freund, er habe die einzige Frau verloren, die er heiraten wolle, der Freund sagte, wenn es wahre Liebe sei, müsse er weiterkämpfen. Das tat er, beim dritten Antrag sagte Elizabeth ja.

Am 26. April 1923 heirateten Prinz Albert und Lady Elizabeth Bowes-Lyon in der Westminster Abbey. Bekannten fiel auf, dass es ihm nach der Heirat offenkundig viel besser ging, dass seine junge Frau beruhigend auf ihn einwirkte, wenn er nervös wurde oder auf einen seiner Wutausbrüche zusteuerte. Wenn er mitten in einer Rede plötzlich die Worte nicht mehr hervorbrachte, suchte er sie mit panischem Blick, auf den sie mit einem aufmunternden Kopfnicken reagierte. 1926 brachte sie ihn mit dem australischen Sprachtherapeuten Lionel Logue zusammen, zu dessen Behandlung unter anderem Atemübungen gehörten, die ihm das flüssige Sprechen erleichterten.

Einmal ging das Paar vor einer Zugreise auf einem Bahnsteig durch einen Pulk von Menschen, die gekommen waren, um sie zu verabschieden. Der schüchterne Herzog bestieg den Zug und begann, die Rollos hinunterzuziehen, Elizabeth zog sie sofort wieder hoch und sagte mit Nachdruck: »Bertie, du musst winken.« Sie war, wie sich schnell zeigte, bedingungslos loyal und sehr willensstark, es zeigte sich auch, dass man sich besser nicht gegen sie stellte, denn so etwas vergaß sie nie. Das galt auch für all jene, die einen ihrer empfindsamen Schützlinge attackierten, sei es ihren eigenen Ehemann oder, viele Jahre später, ihren Enkelsohn Charles. Sowohl Wallis Simpson als auch Diana bekamen die Unversöhnlichkeit der sonst so strahlenden und verbindlichen Elizabeth zu spüren. Der Fotograf Cecil Beaton nannte sie ein »mit dem Schweißgerät hergestelltes Marshmallow«.

König GeorgeV. war von seiner Schwiegertochter so bezaubert, dass er für sie, die immer zu spät erschien, sogar seine militärischen Pünktlichkeitserwartungen lockerte: »Käme sie pünktlich, sie wäre perfekt. Aber wäre das nicht schrecklich?« Von Prinzessin Elizabeth, seiner 1926 geborenen Enkelin, war der König völlig hingerissen Von ihm stammt der Kosenamen Lilibet, den sie in der Familie behalten sollte, sie nannte ihn »Grandpa England«. Als er sich nach einer Lungenoperation erholen musste, empfahlen ihm die Ärzte zur schnelleren Genesung die Gesellschaft seiner inzwischen dreijährigen Enkelin. Er reiste mit ihr ins südenglische Seebad Bognor und sah zu, wie sie im Sand spielte.

Nach dem gewonnenen Krieg konnten sich die Königsfamilie und Großbritanniens politische Institutionen – getragen von einer Welle neuen Patriotismus – gegenseitig ihres Einsatzes rühmen. Dass die britische Monarchie im Gegensatz zu den Monarchien der Kriegsteilnehmer Deutschland, Russland und Österreich-Ungarn diese Jahre überlebte, lag einerseits an Georges Modernisierungen, andererseits an der langen Erfahrung, die Königshaus und Aristokratie in der Zusammenarbeit mit einem parlamentarischen System hatten.

Auf den ersten Blick wirkte alles wie vorher: die Lebensweise der verschiedenen Gesellschaftsschichten schien sich nicht verändert zu haben, für den Adel und das Establishment war es immer noch selbstverständlich, dass Frauen sich dreimal am Tag umzogen, dass man im Frühjahr von den Landsitzen nach London kam, wo man Empfänge besuchte und dafür sorgte, dass sich die Kinder miteinander verlobten – man nannte das the season.

Doch in Wahrheit war die Aristokratie sehr geschwächt. Unverhältnismäßig viele der 750000 britischen Gefallenen stammten aus der Oberschicht. Der Einfluss des Adels schrumpfte, neue Steuergesetze erschwerten das Vererben der großen Landgüter an die nächste Generation. Angesichts ihres Kriegseinsatzes und ihrer großen Opfer war es unmöglich, volljährigen Briten weiterhin das Wahlrecht zu verweigern. 1918 erhielten zunächst alle Männer über einundzwanzig, Frauen unter gewissen Bedingungen das Wahlrecht, die Folge war, dass die Wählerschaft über Nacht von acht auf einundzwanzig Millionen anwuchs. Ab 1928 konnten auch alle Frauen über einundzwanzig wählen. Das adlige Oberhaus verlor an Einfluss, blaublütige Landbesitzer, die das Parlament kontrolliert hatten, sahen ihr bislang kaum beschnittenes politisches Machtmonopol in Gefahr. Neue, jüngere und weniger wohlhabende Gruppierungen betraten die politische Bühne und niemand wusste, wie sie die nutzen würden. Nun kamen achtzig Prozent der Wahlberechtigten aus der Arbeiterklasse, plötzlich war die Labour-Partei ein immenser Machtfaktor. Königshaus und Regierung sahen die Entwicklung mit Sorge.

Anfangs reagierte das Establishment entsetzt auf die urbane Party-Szene der 1920er Jahre. Viele Menschen wollten die Angst und die Ungewissheiten der vier Kriegsjahre vergessen, ihre Traumata abschütteln, nicht mehr an die zahllosen Kriegsinvaliden denken, die die Straßen bevölkerten. In London entstand vor allem in den Stadtteilen Chelsea und Mayfair eine Szene, die das schnelle Vergnügen suchte: Man wollte schlagfertig sein, über die Stränge schlagen, spielerisch Grenzen austesten. Junge Frauen rauchten und tranken in der Öffentlichkeit, trugen Haare und Röcke kurz, tanzten Charleston nach wildem Jazz – die älteren Generationen waren entsetzt. Die Musik trug so bezeichnende Titel wie »I Want to be Bad« und »Let’s Misbehave«, das angesagte Verhalten war ebenso weltgewandt wie kindlich, ausgelassen wie distanziert. Wer zur Stimmung beitragen konnte, war als »Bright Young Thing« willkommen, es spielte keine Rolle, ob es sich um die Söhne und Töchter des Hochadels, neureiche Lebemänner oder begabte Künstler aus der Mittelschicht handelte, die sich mitreißen ließen und oft über ihre Verhältnisse lebten.

Wichtig in Londons Zirkeln waren Schriftsteller wie Evelyn Waugh oder Noël Coward, doch der Mittelpunkt des dortigen Nachtclublebens war der Prinz von Wales. Edward rauchte und trank mehr als alle anderen, er trug karierte Anzüge und zweifarbige Schuhe, was ihn nicht nur zur unangefochtenen Modeikone machte, sondern auch, was ihm gut gefiel: seinen Vater ungeheuer aufbrachte. Als er mit modischen Hosenaufschlägen beim Vater auftauchte, fragte dieser spitz, ob die königlichen Gemächer unter Wasser stünden.

Zur Aura des Thronerben trug bei, dass er inzwischen auch global zum Star geworden war; als er 1919 und 1920 Kanada bzw. Australien besuchte, waren die großen Menschenmengen, die seinetwegen gekommen waren, kurz vor der Hysterie. In den Filmzeitschriften jener Jahre wurde er als Star gefeiert, die Kameras liebten sein hübsches, fast kindliches Gesicht. 1927 tanzte ganz London nach dem Lied, »I’ve danced with a man, who’s danced with a girl, who’s danced with the Prince of Wales.«

Wer ihn zu den offiziellen Terminen begleiten musste, war oft weniger begeistert. Seine einzige Aufgabe war es, das Königshaus zu repräsentieren und dessen Beliebtheit zu festigen, eine Betätigung, die er hohl und heuchlerisch fand. Er bezeichnete seine Auftritte als »Propaganda« oder »Princing«. Zugleich aber nahm er zu viele Termine wahr und wollte bei Fabrik- oder Krankenhausbesuchen mit möglichst vielen Menschen sprechen. Er fand, dass er die Begeisterung, die ihm entgegenschlug, nicht verdiente, den Kriegsveteranen, die er traf, fühlte er sich immer unterlegen.

Aber er war unstet; um Bücher oder offizielle Dokumente zu lesen, fehlte ihm die Konzentration. Er aß und schlief zu wenig, brach oft aus Erschöpfung oder Traurigkeit in Tränen aus und erlebte depressive Verstimmungen, die ihn mitunter tagelang handlungsunfähig machten. Seiner Geliebten Freda Dudley Ward schrieb er, er sehne den Tod herbei, das Beste wäre, er würde sich erschießen oder ertränken, um allem zu entkommen. In hektischen Briefen voller Schreibfehler und Ausrufezeichen bat er sie, streng und schlimm zu ihm zu sein. Manchmal schrieb er in einer gekünstelten Kleinkindersprache, nannte sie »Mama« und sich selbst ihren »little boy«. Er bettelte um Anerkennung und bekannte im nächsten Moment, wie sehr es ihn beschäme, dass er so viel Lob und Komplimente brauche: »Ich bin ein Fiasko im Leben, immer mache ich die idiotischsten Dinge.«

Bertie hatte seinen Bruder lange treu von einem Nachtclub zum nächsten begleitet, auch noch in den ersten Ehejahren mit Elizabeth. Doch das York-Paar zog sich immer mehr zurück, führte ein zunehmend häusliches Leben im Kreis von Familie und Kindern. Ihre traute und geborgene Viersamkeit – das Paar und die beiden Töchter – wurde fast zu einer Religion. Der Herzog von York liebte dieses Leben so sehr, dass er zu Nadel und Faden griff und für einen ihrer Salons zwölf Stuhlbezüge bestickte – Sticken hatte er von seiner Mutter gelernt.

Es war ihm sehr wichtig, dass seine Töchter anders aufwuchsen als er und seine Geschwister. Die Herzogin ließ Aspekte ihrer eigenen Kindheit und Jugend in die Erziehung einfließen, sie stammte aus einer eher altmodischen, religiösen Familie, sprach jeden Abend kniend ein Gebet und erzog ihre Töchter dazu, das auch zu tun. Sie war der Ansicht, dass eine Dame beim Sitzen niemals die Rückenlehne eines Stuhles berühren dürfe, mit der Folge, dass ihre ältere Tochter bei Veranstaltungen zur Verblüffung aller ewig lange kerzengerade auf einem Stuhl sitzen kann. Und sie schärfte den Mädchen ein: »Wenn dich etwas langweilt, liegt der Fehler bei dir« – eine Ermahnung, die sie selbst von ihrer Mutter bekommen hatte.

145 Piccadilly war ein prächtiges Stadthaus mit fünfundzwanzig Schlafzimmern, einem Ballsaal, einer Bibliothek und etwa zwanzig Angestellten. Dennoch wuchsen die Prinzessinnen, bedenkt man ihre königliche Herkunft, eher bescheiden auf. Sie trugen schlichte Kleider, gingen früh zu Bett und unternahmen selten etwas außerhalb der eigenen vier Wände. Ihre Gouvernante, die Schottin Marion Crawford, von den Kindern Crawfie genannt, erwähnte besonders, dass die Mädchen nicht einmal die jährliche Reise ans Meer machten, die für reiche britische Kinder üblich geworden war.

Crawfie erzog die Mädchen zusammen mit den Kinderfrauen Clara Knight, die Allah genannt wurde und schon das Kindermädchen ihrer Mutter gewesen war, sowie Margaret MacDonald, genannt Bobo. Großmutter Queen Mary schwebte als strenger Geist über den Kinderzimmern, sie brachte den Schwestern bei, in der Öffentlichkeit eine ernste Miene zu zeigen, und bereitete sie darauf vor, dass zum Leben eines Royal stundenlanges Stehen gehörte. Die Eltern hingegen waren nachsichtiger, immer wieder gab es gemeinsame Kissenschlachten. Elizabeth hatte die Schüchternheit des Vaters geerbt, Margaret hingegen war extrovertiert und künstlerisch begabt, trat gern auf und zeigte ihr komisches Talent. Sie suchte auch körperliche Nähe, kletterte Erwachsenen auf den Schoß und umarmte sie. Dem Herzog gefiel es, wie natürlich und selbstsicher die Kinder agierten, er und seine Geschwister seien in diesem Alter scheu und unsicher gewesen, wie er Crawfie einmal anvertraute. »Ich verstehe gar nicht, wie sie das hinbekommen.« Vor allem Margaret erfreute ihn. Mark Bonham-Carter, ein Freund, sagte, es habe Bertie geradezu überwältigt, dass er ein so strahlendes Kind hatte.

Das alles berichtete Marion Crawford in einem Buch über ihre Jahre in Elizabeth’ und Margarets Elternhaus. Es erschien 1950 und hieß Die kleinen Prinzessinnen. Crawford hatte den beiden Mädchen sechzehn Jahre lang gedient und mit achtunddreißig Jahren einen Mann geheiratet, der fand, sie sei dafür nicht angemessen entlohnt worden und könne mit dem, was sie gesehen und gehört hatte, Geld verdienen. Als Mutter Elizabeth von dem Plan erfuhr und das Manuskript zu lesen bekam, bat sie Crawfie dringend, es nicht zu veröffentlichen. Es ging weniger darum, dass nichts über die Kindheit ihrer Töchter bekannt werden sollte, schließlich hatte sie selbst bereits Artikel und Bücher über ihre Tochter Elizabeth autorisiert, als vielmehr darum, dass sie die absolute Kontrolle über alle Veröffentlichungen haben wollte. Möglicherweise missverstand Crawfie ihre Rückmeldung dahingehend, dass es ihrer früheren Arbeitgeberin nur um einige sachliche Fehler und nicht etwa um das Buch als solches ging. Jedenfalls brachte sie es heraus.

Das Buch zeichnet eine süßliche Puppenhaus-Idylle, die Prinzessinnen sind niedliche kleine Erwachsene, Margaret wird als ungestümer Gegenpart zur verantwortungsbewussten Elizabeth gezeichnet. Aber die bloße Existenz des Buches genügte dem Ehepaar York, um sofort und unwiderruflich mit Crawfie zu brechen. Danach verdiente sie ihren Lebensunterhalt, indem sie für Frauenzeitschriften über royale Themen schrieb. Das fand 1955 ein abruptes Ende, als sie berichtete, wie würdevoll die Königin bei der jährlichen Militärparade Trooping the Colour gewesen sei – die Veranstaltung war wegen eines Eisenbahnerstreiks abgesagt worden. Crawfie geriet in Verruf. Nach dem Tod ihres Mannes zog sie 1977 in ein kleines Cottage an der Straße, die vom schottischen Aberdeen zum königlichen Landsitz Balmoral führte, manchmal sah sie die Königsfamilie vorbeifahren. Nach ihrem Tod im Jahr 1988 stellte sich heraus, dass sie ihre unschätzbare Sammlung von Kinderzeichnungen und Briefen der Königsfamilie komplett Königin Elizabeth vermacht hatte.

Crawfie schilderte die kleine Elizabeth als ungewöhnlich ordentliches und pflichtbewusstes Kind, das ihre Schwester Margaret bemutterte. »Was sollen wir nur mit Margaret machen, Crawfie«, sagte sie, wenn diese etwas Verbotenes getan hatte. Elizabeth war extrem ordnungsliebend, Crawfie machte sich Sorgen, weil das Kind immer wieder nachts aufstand, um nachzuschauen, ob seine Schuhe ordentlich aufgestellt waren. Elizabeth, sagten Kindheitsfreundinnen später, war immer bewusst, dass für sie andere Verhaltensregeln galten; so habe sie nie geweint, wenn sie sich beim Spielen wehgetan hatte, weil es mit der königlichen Würde unvereinbar sei, Gefühle zu zeigen. Manchmal bat Crawfie die Freundinnen der Prinzessinnen, nur Elizabeth einzuladen: »Wir versuchten, sie hin und wieder zu trennen, Prinzessin Margaret zieht alle Aufmerksamkeit auf sich und Prinzessin Elizabeth lässt das zu.«

Elizabeth’ Ordnungssinn erstreckte sich auch auf ihre etwa dreißig Spielzeugpferde, die vor dem Schlafengehen alle abgesattelt und versorgt werden mussten. Bertie besaß Rennpferde und seine ältere Tochter konnte kaum laufen, als ihre lebenslange, innige Liebe zu Pferden begann. Zu ihrer Gouvernante sagte sie, wenn sie groß sei, wolle sie auf dem Land leben, mit einem Bauern verheiratet sein und »viele Kühe, Pferde und Kinder« haben. Manchmal war sie im Spiel selbst ein Pferd und wenn sie bei einem solchen Spiel auf Fragen nicht antwortete, erklärte sie danach: »Ich konnte ja nicht antworten, weil ich ein Pony war.« Am liebsten legte sie ihrer Gouvernante ein improvisiertes Zaumzeug an, erklärte, sie sei jetzt das Pferd, das ihre Kutsche ziehe, mit der sie Waren an ihre Kundschaft ausliefere. Die Gouvernante musste auch das ungeduldige Pferd mimen, das mit den Hufen scharrte, während sie selbst mit den imaginären Kunden lange Gespräche führte.

Aus Crawfords Buch entsteht das Bild eines Mädchens, das einerseits auf die Welt da draußen und die Menschen, die sich in ihr bewegen, ungeheuer neugierig ist, andererseits aber erlebt, dass zwischen ihnen und ihr selbst eine unüberwindbare Kluft lag. Sie hatte nur wenige Freundinnen. Wie viele Töchter der Oberschicht besuchte auch Elizabeth keine Schule, weil ihr Vater eine Beeinflussung durch »falsche Leute« fürchtete. Wenn Lilibet und Margaret unterwegs waren, schauten sie oft anderen Kindern nach, Crawfie machte kein Geheimnis daraus, dass man sie ihrer Ansicht nach stärker zu Kontakten mit anderen Kindern hätte ermuntern sollen.

2

Edwards Abdankung und der Ausbruch des Krieges

1931 hatte Elizabeth’ Onkel David, der Prinz von Wales, bei einem Empfang im Schloss ziemlich laut herumgetönt, die Beleuchtung mache »alle Frauen hässlich«. Am späteren Abend stand er vor einer dunkelhaarigen, eleganten Frau und machte ihr ein Kompliment für ihr Kleid. Sie sah ihn – wenig geschmeichelt – direkt an und sagte: »Sir, ich hatte es so verstanden, dass Sie uns alle hässlich finden.« Er zuckte zusammen und musterte diese Frau mit neuem Interesse. Es war Wallis Simpson.

Zu Zeiten, als Frauen kaum eine Chance auf eine berufliche Karriere hatten, konnte weibliche Schönheit als Stufe zum sozialen Aufstieg dienen. Wallis Simpson aber war im konventionellen Sinne nicht »schön«, was jeder erwähnt, der darüber staunt, welch umwälzende Veränderungen ihretwegen stattfanden.

Wallis wurde am 19. Juni 1896 geboren, gerade mal sieben Monate nach der Heirat ihrer Eltern. Die stammten aus angesehenen, allerdings praktisch mittellosen Südstaatenfamilien, der Vater starb an Auszehrung, als Wallis fünf Monate alt war. Sie wuchs in Baltimore auf, die Mutter wurde von einem Verwandten des Ehemanns unterstützt, aber die Höhe der Beträge variierte von Mal zu Mal, damit Mutter und Tochter nicht vergaßen, dass sie von ihm abhängig waren. Wallis hatte nie so schönes Spielzeug wie ihre gleichaltrigen Vettern und Cousinen und nie so hübsche Kleider wie die Töchter der Gesellschaftsschicht, der sie im Grunde angehörte. Aber sie hatte andere Qualitäten: Sie war schlagfertig, selbstbewusst und absolut stilsicher. Sie ließ sich angeblich als erstes junges Mädchen in Baltimore den hochmodernen, kurzen Bob schneiden und wagte es sogar, Krawatte, Monokel und Herrenhemd zu tragen.

Ihr Taufname war Bessie nach einer Tante, Wallis war der zweite Vorname ihres Vaters. Bessie strich sie früh mit der Begründung, so hießen Kühe, und es ist bemerkenswert, dass sich die junge Frau mit den großen Händen und der ausgeprägten Kinnpartie für den männlichen ihrer beiden Vornamen entschied.

Mit zwanzig heiratete sie – vielleicht aus Abenteuerlust, vielleicht, um den einfachen Verhältnissen zu entkommen, in denen sie lebte – Winfield Spencer, einen betont maskulin auftretenden Offizier des amerikanischen Marine-Fliegerkorps. Aber Spencer trank und war gewalttätig, er soll Wallis oft stundenlang im Badezimmer eingeschlossen haben. Sie gingen zunehmend getrennte Wege – er hatte seine Einsätze als Pilot, sie lebte meist in Washington, D.C., wo sie die Fassade ehelicher Treue schon bald aufgab. Aber weil sie die Unsicherheit ihrer sozialen Stellung belastete, fuhr sie 1924 zu ihrem Mann nach China, um die Ehe zu retten. Das misslang, aber sie reiste über ein Jahr lang durch das Land. Diese Reise führte zu Gerüchten, sie verdanke ihre starke Anziehungskraft gewissen exotischen Sexualpraktiken, die sie sich in dubiosen Etablissements des Fernen Ostens angeeignet habe.

Wallis ließ sich Anfang 1928 scheiden und vergeudete keine Zeit: Ein halbes Jahr später heiratete sie Ernest Simpson. Der konventionelle, britisch-amerikanische Schiffsmakler stammte aus einer wohlhabenden Reeder-Familie und hatte für Wallis seine Ehefrau verlassen. »Ich mag ihn, er ist, und das ist eine willkommene Abwechslung, ein lieber Mann«, schrieb sie an ihre Mutter. »Ich kann nicht ein Leben lang umherirren, es erschöpft mich so, immer allein und ohne Geld gegen die Welt zu kämpfen.«

Wallis und Ernest wollten sozial aufsteigen. Bald waren sie in London als Gastgeber ebenso beliebt wie als Gäste, wobei es von Vorteil war, dass sie immer ein wenig über ihre Verhältnisse lebten.

Als der Prinz von Wales Wallis an jenem Abend das zweifelhafte Kompliment machte, war das nicht die erste Begegnung zwischen den beiden. Diese hatte schon zwei Jahre früher stattgefunden. Er hatte damals gerade eine neue Geliebte, die verheiratete Thelma Furness. Die hatte Wallis bereits kennengelernt und weil sie ihr gefiel, lud sie Wallis zu einer Gesellschaft nach Leicestershire ein, wo auch der Prinz sein würde. Wallis hatte auf der Zugfahrt einen tiefen Hofknicks geübt, doch damals deutete nichts darauf hin, dass die Begegnung oder der Knicks bei Edward einen bleibenden Eindruck hinterlassen hätten.

Jetzt hatte der Prinz Mr. und Mrs. Simpson überraschend zu seinem Empfang eingeladen, bald gehörte das Paar zu seinem engeren Kreis. In seinen Memoiren schrieb Edward, Wallis habe als Einzige interessiert gewirkt, wenn er von seinen royalen Verpflichtungen erzählte – alle Männer, denen Wallis im Lauf ihres wechselvollen Lebens begegnete, fühlten sich von ihrer uneingeschränkten Aufmerksamkeit geschmeichelt. Edward war auch von ihrer Furchtlosigkeit fasziniert, die sich mitunter in einer Keckheit äußerte, die er nicht gewohnt war. Er rief sie immer häufiger an, sie verbrachten immer mehr Zeit miteinander, erste Gerüchte machten die Runde. In ihren Briefen bestreitet Wallis, dass sie ihn Thelma habe ausspannen wollen. »Ich glaube, ich amüsiere ihn«, schrieb sie. Als Thelma von einer langen USA-Reise zurückkehrte, sah sie bei einer Abendesseneinladung die beiden miteinander scherzen, als der Prinz mit den Fingern ein Salatblatt hochhob, klopfte Wallis ihm spielerisch auf die Hand. Thelma begriff sofort, dass sie ersetzt worden war. Bald sah man die neue Favoritin »rubinenbeladen« in der Stadt und im Theater.

Ein Freund des Prinzen spottete, er folge ihr wie ein Hündchen. Sie sagte ihm, er solle weniger trinken und weniger rauchen, und er gehorchte, als habe er, der sich selbst eher durch sein Aufbegehren gegen den Vater definierte, sich nur nach einem neuen Befehlshaber gesehnt. Wie schon bei Freda Dudley Ward, nahm er auch in Briefen an Wallis die Rolle eines Kindes oder kleinen Jungen ein. Er schien ihre Maßregelungen zu genießen, die an Erniedrigung grenzen konnten, so, wenn sie ihn im Beisein anderer dazu brachte, sie um eine Zigarette regelrecht anzuflehen.

In der Anfangszeit mit Wallis entwickelte Edward politische Neigungen, die sich als fatal erweisen sollten. Die Briten waren gegen Rechtsextremismus nicht immun, in den 1920er und 1930er Jahren gewann der Faschismus in Großbritannien ebenso viel Zulauf wie in anderen Ländern. Extrem rechtslastige Gedanken waren seit Jahrzehnten in der Oberschicht und vor allem unter Großgrundbesitzern an der Tagesordnung. Sie erlitten wegen eines freieren Handels und des Imports landwirtschaftlicher Produkte finanzielle Einbußen, waren einerseits mächtig, fühlten sich aber andererseits in der Minderzahl und unter Druck. Die Ausweitung des Wahlrechts ließ sie fürchten, dass die Politiker künftig mehr um die vielen Arbeiter als um die wenigen Landbesitzer buhlen würden. Nach dem Ersten Weltkrieg misstrauten viele Veteranen und Angehörige der unteren Schichten den Politikern, die das Land in den Krieg geführt hatten, und den Geistlichen, die die jungen Männer zum Fronteinsatz ermuntert hatten. Sie fühlten sich von der Arbeitslosigkeit ebenso bedroht wie von den emanzipierten Frauen, die wählen durften, in die Städte zogen und ein sexuell befreites Leben der Abhängigkeit von einem Mann offenbar vorzogen. In dieser Situation entwickelten mehrere Gruppierungen Sympathien für ein bestimmtes Weltbild und für faschistische Organisationen, deren wichtigste, die British Union of Fascists, wegen ihrer Kleidung auch Blackshirts (Schwarzhemden) genannt wurde. Ihr Anführer, der athletische und selbstsichere Oswald Mosley, Sohn eines Barons, war davor sowohl Tory- wie Labour-Politiker gewesen.

Die Unzufriedenen einte ihre Angst vor dem Fragmentierten, Degenerierten und Verwässerten, davor, dass die Nation von innen verfaulen könnte. Ihre besondere Ablehnung galt den jungen Menschen, die in London Charleston tanzten und Cocktails tranken, denn auch das war eine Art von Protest – gegen unflexible und überholte Institutionen. Sie begehrten mit Freiheitswünschen und Hedonismus auf, wofür sie von konservativen Zeitungen immer wieder gemaßregelt wurden. Man diskutierte, ob die Fortpflanzungsorgane junger Frauen nicht unter dem Charleston-Gehopse litten – ganz zu schweigen von den Folgen ihrer Bemühungen um eine moderne, schlanke und jungenhafte Figur durch Diät und Sport. Solche Frauen zählten bald ebenso selbstverständlich zu den Feindbildern der Rechten wie die »ausländische« Jazzmusik, nach der sie tanzten, und die Homosexuellen, in deren Gesellschaft sie sich wohl fühlten. Der allgemeine Verfall von Moral und Anstand sowie ein ungezügelter Individualismus, hieß es, bedrohten die Gesellschaft und den gesellschaftlichen Zusammenhalt, ohne den eine Nation der Unterwanderung durch Juden und Bolschewiken schutzlos preisgegeben war.

Die Faschisten fanden die parlamentarische Ordnung zu schwach, sie schürten die Sehnsucht nach einem feudalen System, in dem jeder seinen Platz kannte, und einem starken Führer, dem sie mit kultartiger Hingabe huldigen konnten. Das Königshaus wurde zum Ziel einer hoffnungsvollen Verehrung, weil sie in ihm die Bastion der Traditionswahrung sahen. Mehrere Aristokraten bei Hofe waren erklärte Faschisten. Königin Mary und König GeorgeV. misstrauten Bolschewiken, Ausländern und jungen Mädchen, die beim Tanzen Knie zeigten, und das so gründlich, dass sie extremen Gedanken nicht sehr fernstanden. Aber sie teilten nicht den Antisemitismus der Bewegung und standen loyal zum Parlamentarismus.

Als Labour 1924 eine Minderheitsregierung bildete, fanden es viele regelrecht schockierend, wie hervorragend sich der König mit dem Labour-Führer und Premierminister Ramsay MacDonald verstand. MacDonald war der uneheliche Sohn einer Näherin, die ihn allein großgezogen hatte. Er eignete sich unter anderem durch Abendkurse und Selbststudium eine solide Bildung an, machte die Labour-Partei zu einem Faktor im Parlament und schaffte es an die Spitze der politischen Welt. »Er imponiert mir sehr; er will das Richtige tun«, schrieb der König in sein Tagebuch.

Der Thronfolger gab den Faschisten mehr Grund zu Optimismus. Er interessierte sich zunächst kaum für Politik, engagierte sich aber für die Kriegsveteranen und war nach Besuchen in Gegenden, die von der Arbeitslosigkeit betroffen waren, tief berührt – deren Zahl wuchs nach der Finanzkrise von 1929 und der folgenden Depression, 1932 gab es drei Millionen Arbeitslose. Etwa um diese Zeit begann Edward, sich anerkennend über Hitler und die Methoden zu äußern, mit denen Nazi-Deutschland die Arbeitslosigkeit bekämpfte. 1933 sympathisierte er offen mit der deutschen Diktatur und meinte, auch Großbritannien brauche eine Diktatur, um die Gefahren des Kommunismus zu bannen.

In privaten Gesprächen ließ er eine Nähe zu den Blackshirts erkennen, auch wenn er den prahlerischen Oswald Mosley nicht mochte. Er teilte die Auffassung, dass Frankreich die Schuld am Großen Krieg von 1914/​18 trug und der Vertrag von Versailles ungerecht gegenüber Deutschland sei. Und er vertrat, wie viele Angehörige der britischen Oberschicht, eindeutig antisemitische Ansichten. Als die ersten Berichte über die Verfolgung der Juden aus Deutschland kamen, schloss er sich der Verurteilung nicht an, sondern tat sie als kommunistische Propaganda ab. Er äußerte sich nicht nur antisemitisch, sondern auch eindeutig rassistisch; über Schwarzafrikaner und australische Aborigines, die er auf seinen Reisen traf, sprach er mitunter äußerst herabsetzend. Er war grundsätzlich der Meinung, dass es Großbritannien nicht zustehe, sich in die inneren Angelegenheiten Deutschlands oder eines anderen Staates einzumischen. Als Mussolini 1935 völkerrechtswidrig Abessinien, das heutige Äthiopien, überfiel und besetzte, riet Prinz Edward dem Premierminister der Konservativen, dem besonnenen Stanley Baldwin, von Sanktionen gegen Italien abzusehen.

Man hatte den Mann, der so plötzlich und so eifrig Schurkenstaaten verteidigte, in seiner Kindheit und Jugend abwechselnd ausgeschimpft und ihm nach dem Mund geredet, er hatte immer unter dem Gefühl gelitten, in einem Morast aus Formalitäten und Hofprotokoll festzustecken. Er sehnte sich nach Handlungskraft und Führung, er wollte frei sein, aber auch beherrscht werden, er war ebenso empfindsam wie narzisstisch. Er hatte Elend aus der Nähe gesehen, aber ihm fehlte die Geduld, sich, in welchem Bereich auch immer, ein fundiertes Wissen anzueignen. Vielleicht sprach ihn gerade darum eine Regierungsform an, die ein Großreinemachen wollte, die die Jungen, Starken und Virilen feierte und ihnen versprach, dass sie ihren Weg gradlinig würden verfolgen können, ohne sich um die Rechte und Bedürfnisse anderer Menschen kümmern zu müssen.

Der Faschismus fasste in Großbritannien niemals auf gleiche Weise Fuß wie in anderen Ländern. Mosleys Faschisten bekamen keinen einzigen Abgeordneten ins Unterhaus, was wohl auch daran lag, dass die Inhalte der konservativen britischen Politik nicht so furchtbar weit von denen der Faschisten entfernt waren. Hinzu kam, dass das parlamentarische System nach zweihundert Jahren tief in der Gesellschaft verwurzelt und daher offenbar widerstandsfähiger war als in europäischen Ländern mit einer kürzeren parlamentarischen Tradition.

Die meisten politischen Schwergewichte Großbritanniens waren der Ansicht, dass sie ihre Anliegen durchaus auf parlamentarischem Wege erkämpfen konnten, zudem wirkte der wutschnaubende Grundton der faschistischen Rhetorik vermutlich eher abschreckend. Oswald Mosley wurde, wie Hitler, in den Zwischenkriegsjahren zum Gegenstand gnadenloser Parodien. Die berühmteste Parodie war wohl P.G. Wodehouse’ Romanfigur Sir Roderick Spode, ein apoplektischer Aristokrat und der Führer der Black Shorts, dessen geheimes Leben als Designer von Damenunterwäsche von Bertie Woosters Diener enthüllt wurde.

Die Stimmung im Großbritannien der Zwischenkriegsjahre und die Haltung der Oberschicht zum Faschismus wurde 2015 erneut Thema einer öffentlichen Debatte, nachdem eine kurze Filmsequenz aus dem königlichen Archiv an die Öffentlichkeit gelangt war. Die nur siebzehn Sekunden lange Aufnahme zeigt Edward, seine Schwägerin Elizabeth, Herzogin von York, und deren Töchter Elizabeth und Margaret, die auf einem Rasen spielen, bevor sie mit dem Hitlergruß in die Kamera salutieren. Gedreht hat die Aufnahme vermutlich der Vater der Kinder, der Herzog von York, sie stammt aus dem Jahr 1933, als die Prinzessinnen sieben und drei Jahre alt waren. Damals machte sich noch ganz Europa über Hitlers Marotten und seine Sprechweise lustig, aber die Sequenz wirft einen düsteren Schatten auf den Prinzen von Wales, der tatsächlich mit Deutschland sympathisierte.

Das taten die anderen Mitglieder seiner Familie nicht. GeorgeVI. mochte weder Kommunisten noch Faschisten. Seine Ehefrau, die Herzogin von York und spätere Königin Elizabeth, hatte im Krieg ihren Bruder Fergus verloren; streitbar, wie sie war, hegte sie noch Jahrzehnte lang eine Aversion gegen alle und alles, was mit Deutschland in Verbindung gebracht werden konnte. Aber als die Kriegsgefahr wuchs, befürwortete das