12,99 €
Die Legionen des Imperiums gegen die Keltenkönigin Boudica: ein Kampf auf Leben und Tod
61 n. Chr.: Britannien ist geteilt. Trotz eines ersten Sieges der Römer ist die Glut der Rebellion noch nicht erloschen. Die keltische Herrscherin Boudica und ihre verbliebenen Krieger durchstreifen partisanengleich das Land. Macro und Cato mussten einen hohen Preis in der Schlacht zahlen, unzählige Legionäre sind gefallen, große Städte liegen in Trümmern. Für die beiden kampferprobten Heerführer ist klar: Es kann keinen Frieden geben, solange sie Boudica nicht bezwungen haben. Doch diese ist noch immer eine äußerst gefährliche Gegnerin, die Teile des Volkes aufzuwiegeln versteht ...
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2026
DAS BUCH
Als sie die Stadt hinter sich ließen, ging Acker- und Weideland immer mehr in dichte Wälder über, die die Ufer säumten. Es gab jedoch auch vereinzelte Lichtungen mit den typischen Rundhütten, vor denen Einheimische in ihrer Arbeit innehielten, als sie das römische Schiff vorbeiziehen sahen, das von seinen Rudern angetrieben wurde. Es war schwer zu sagen, ob die Beobachter die Szene mit bloßer Neugier oder mit Feindseligkeit verfolgten. Cato war sich bewusst, dass sie sich in Bogenschussweite des Ufers befanden. Trotz der idyllischen Landschaft und der friedlichen Stimmung ließ er die Wachsamkeit des erfahrenen Soldaten walten. Wahrscheinlich würde es lange dauern, bis man als Römer ohne Angst vor einem feindlichen Überfall durch die Provinz reisen konnte. Er selbst konnte nur versuchen, seinen Teil dazu beizutragen, dass die Feindseligkeiten irgendwann ein Ende hatten. Er wusste jedoch auch, dass auf jeden, der so dachte wie er, zehn andere kamen, deren Hass das Blutvergießen verlängern würde – auf römischer Seite ebenso wie unter den Einheimischen. Es war eine Tragödie, denn dieses Land hatte selbst an einem nebligen Herbsttag einen besonderen Reiz.
DER AUTOR
Simon Scarrow wurde in Nigeria geboren und wuchs in England auf. Nach seinem Studium arbeitete er viele Jahre als Dozent für Geschichte an der Universität von Norfolk, bevor er mit dem Schreiben begann. Mittlerweile zählt er zu den wichtigsten Autoren historischer Romane. Mit seiner großen Rom-Serie und der vierbändigen Napoleon-Saga feiert Scarrow internationale Bestsellererfolge.
Besuchen Sie Simon Scarrow im Internet unter www.scarrow.co.uk
SIMON SCARROW
DIE RACHE ROMS
Roman
Aus dem Englischen von Norbert Jakober
WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN
Die Originalausgabe Revenge of Rome erschien
erstmals 2024 bei Headline Publishing Group, Hachette UK, London
Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.
Der Verlag behält sich die Verwertung der urheberrechtlich geschützten Inhalte dieses Werkes für Zwecke des Text- und Data-Minings nach § 44 b UrhG ausdrücklich vor. Jegliche unbefugte Nutzung ist hiermit ausgeschlossen.
Deutsche Erstausgabe 02/2025
Copyright © 2024 by Simon Scarrow
Copyright © 2025 der deutschsprachigen Ausgabe
by Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR)
Redaktion: Rainer Schöttle
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design,
unter Verwendung von Motiven von © Trevillion Images / CollaborationJS
Gestaltung der Karte: © Tim Peters
Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln
ISBN 978-3-641-33132-0V001
www.heyne.de
Pour mes bons amis Yannick, Véronique, Solène et Évrard Vermorel Merci pour tous les bons moments!
DIE RÖMISCHE PROVINZ BRITANNIEN IM JAHRE 61 N. CHR. TERRITORIUM DER REBELLEN
LYNGOMARA IM JAHRE 61 N. CHR.
BEFEHLSKETTE
PERSONEN
RÖMISCHE ARMEE IN BRITANNIEN
Präfekt Cato: Kommandant der Achten Illyrischen Kohorte
Gaius Suetonius Paulinus: Statthalter der römischen Provinz Britannien
Präfekt Thrasyllus: Kommandant der Zehnten Gallischen Hilfskohorte
Centurio Tubero: Kommandant des berittenen Kontingents der Achten Kohorte
Centurio Galerius: ranghöchster Centurio der Achten Kohorte
Centurio Macro: Veteran der römischen Armee und Präfekt Catos Stellvertreter
Tribun Helvius: Stabschef des Statthalters
Agricola: Tribun im Stab des Statthalters
Phrygenus: Wundarzt der Achten Kohorte
Trebonius: Catos Diener
Präfekt Quadrillus: Präfekt einer berittenen Kohorte
Julius Classicianus: aus Rom entsandter Prokurator, der über die Situation in Britannien berichten soll
Centurio Torcino: Kommandant der Cato zugeteilten Legionärskohorte
Präfekt Fulminus: Präfekt einer Infanteriekohorte
Schiffsführer Turpillius: Kommandant eines Marinegeschwaders der in Britannien stationierten Flotte
Legionär Gaius Bullo
Polyclitus
RÖMISCHE ZIVILISTEN
Claudia Acte: Catos Geliebte; ehemalige Geliebte von Kaiser Nero, der glaubt, sie wäre im Exil gestorben
Petronella: Macros Gemahlin
Lucius: Catos Sohn
Titus Besodius: Kapitän der Minerva, ein abenteuerlustiger Händler
KELTEN
Boudica: Königin der Icener; die stolze Anführerin der von den Römern unterdrückten keltischen Stämme
Syphodubnus: ein icenischer Adliger; Ratgeber von Boudica
Bardea und Merida: Boudicas Töchter
Tasciovanus: Häuptling der Siedlung von Combretovium
Vellocatus: Tasciovanus’ Sohn
Bladocus: Oberhaupt von Boudicas Druiden
Ganomenus: Häuptling der Siedlung von Branodunum
Hardrin: sein Enkelsohn
Garamagnus: ein Brigant
Varibagnus: Kommandant von Boudicas Leibwache
Pernocatus: ein Jäger
IN ROM
Kaiser Nero
Poppaea Sabina: Neros Geliebte
Burrus: Kommandant der Prätorianergarde
Seneca: ein redegewandter Senator
KAPITEL 1
Britannien, 61 n. Chr.
Die Königin der Icener schaute mit Entsetzen und Verzweiflung auf das Schlachtfeld hinunter. Auf dem Hang vor ihr wurden Zehntausende ihrer Krieger von den Römern zurückgedrängt. Mitten im Getümmel schnitt ein mächtiger Keil von Legionären eine Schneise der Verwüstung in ihre wankende Armee. An den Flanken rückten die römischen Hilfstruppen vor und zwangen die Rebellen, sich zu den Wagen zurückzuziehen, die sich in weitem Bogen über den Hügelkamm formiert hatten. Die Familien der Krieger und andere Stammesleute hatten von hier oben die Vernichtung der römischen Armee unter Statthalter Suetonius beobachten wollen, doch ihre siegesgewissen Anfeuerungsrufe waren längst betretener Stille gewichen.
Viermal war das Rebellenheer über den Bach hinweg den Hang hinaufgestürmt, um die zahlenmäßig bei Weitem unterlegene römische Armee anzugreifen, deren Flanken von dichtem Wald geschützt waren. Jedes Mal waren sie von einem Hagel von Speeren und den mit Ballisten abgefeuerten Bolzen empfangen worden, ehe es zum Kampf Mann gegen Mann kam. Und jedes Mal hatten die Angreifer sich zurückziehen und für einen neuen Ansturm sammeln müssen, während ihre gefallenen Kameraden auf dem Schlachtfeld liegen blieben. Die Römer hatten die entstandenen Lücken in ihren Reihen mit frischen Kräften aufgefüllt und die verschossenen Speere eingesammelt, um sie beim nächsten Angriff wieder einsetzen zu können. Obwohl die Reserven der Römer allmählich zur Neige gingen, hatten die Rebellen nur ein Mal die feindlichen Linien durchbrechen können. Es war den Römern jedoch sehr schnell gelungen, die Bedrohung durch Boudicas Krieger abzuwehren und ihre Reihen zu schließen.
Der vierte Angriff hatte dann mit einer Katastrophe geendet. Die Kampfmoral der Rebellenkrieger hatte bereits gelitten, als ihre Stammesführer ihnen befahlen, sich für den nächsten Angriff bereit zu machen. Der Anblick der vielen Kameraden, die tot oder schwer verwundet und nach Hilfe rufend auf dem gegenüberliegenden Hang liegen geblieben waren, hatte ihrem Mut und ihrer Zuversicht einen empfindlichen Dämpfer versetzt. Als hätten die Römer die Mutlosigkeit ihrer Gegner gespürt, waren sie diesmal zum Gegenangriff übergegangen und hatten die Rebellen den Hang hinunter, über den Bach und den Gegenhang hinaufgetrieben.
Der Regen, der schon Stunden zuvor eingesetzt hatte, war immer stärker geworden, Blitze erhellten das Schlachtfeld und ließen die Kämpfenden für einen Augenblick in gespenstischem Licht erstarren. In einem dieser Momente erkannte die Königin die bittere Wahrheit. Ihre Armee wurde nicht einfach nur besiegt – ihr drohte die völlige Vernichtung.
Die rechte Flanke wurde bereits zum Tross zurückgedrängt, die Zuschauer sprangen von den Wagen und ergriffen die Flucht. Bald übertönten ihre panischen Schreie den Schlachtenlärm.
Die Spitze des römischen Angriffskeils schnitt sich durch das Zentrum der Rebellenlinien und hielt direkt auf Boudica und ihr Gefolge zu, die von ihren Streitwagen aus das Geschehen verfolgten. Boudicas Töchter, Bardea und Merida, standen auf einem Streitwagen in der Nähe, ebenfalls geschockt von der drohenden Katastrophe. Einer der engsten Berater der Königin, Syphodubnus, trat zu ihrem Wagen.
»Die Schlacht ist verloren«, sagte er so leise, dass nur sie es hören konnte. »Du musst weg hier, solange noch Zeit ist.«
Boudica blickte mit einem bitteren Ausdruck auf ihn hinunter. »Ich kann nicht weg. Ich lasse meine Leute nicht im Stich. Ich werde sie nicht verraten.«
»Es gibt hier nichts mehr für dich zu tun. Wir haben die Schlacht verloren, aber der Aufstand lebt mit dir weiter. Wenn du heute stirbst oder den Römern in die Hände fällst, ist alles verloren. Dann gibt es keine Hoffnung mehr, dass wir die Römer je von unserem Land vertreiben können. Willst du das?«
Es war ein leicht durchschaubarer Versuch, sie zur Flucht zu überreden, doch sein Argument hatte etwas für sich. Die Rebellen hatten bereits bewiesen, dass die Römer besiegbar waren. Sie hatten die Neunte Legion vernichtet, hatten die römische Siedlung von Camulodunum ebenso dem Erdboden gleichgemacht wie die Städte Londinium und Verulamium und deren Bewohner massakriert. Die Stämme überall auf der Insel waren bereit, Boudica und ihren Kriegern nachzueifern. Die Frage war, wie tief der Schock der heutigen Niederlage sitzen würde. Würde sie den Kampfeswillen der Stämme brechen? Die Aufständischen waren nahe daran gewesen, die römischen Unterdrücker aus Britannien zu vertreiben. Deshalb durfte der Widerstandsgeist nicht erlöschen. Es war die Aufgabe der Anführer, die so viele Tausende zum Kampf ermutigt hatten, den Funken der Rebellion am Leben zu erhalten, daraus neues Feuer zu entfachen und den Kampf fortzusetzen.
»Boudica!« Ihr Ratgeber fasste die Seitenwand ihres Streitwagens und rüttelte daran. »Du musst weg! Schnell!«
Sie holte Atem, um sich zu sammeln, dann nickte sie. »Gut.«
Syphodubnus wartete nicht erst auf ihre Anweisungen. Er drehte sich um und rannte zum Hauptmann der königlichen Leibwache, die sich aus den besten Kriegern der Icener zusammensetzte. Er stand mit seinen Männern bei den Pferden. Der Ratgeber der Königin deutete auf die lange Wagenreihe hinter Boudica und ihrem Gefolge. »Macht den Weg frei für die Königin!«
Der Hauptmann zögerte und blickte zur Königin.
»Boudica hat es befohlen!«, blaffte Syphodubnus. »Schnell!«
Der Hauptmann legte die Hände trichterförmig an den Mund und gab den Befehl weiter. Seine Männer eilten zum nächststehenden Wagen, dessen Besitzer bereits das Weite gesucht hatte. Mehrere Krieger packten das Joch und zogen den Wagen aus dem Schlamm. Der Hauptmann nahm seine ganze Kraft zusammen, um mitzuhelfen, das schwere Fahrzeug zu bewegen. »Los, Männer!«, feuerte er seine Leute an. »Zieht den Dreckskarren zur Seite!«
Ein paar Herzschläge lang rührte sich der Wagen nicht von der Stelle, dann setzte er sich endlich in Bewegung und rollte ein Stück weit durch den aufgeweichten Boden, bis die Männer ihn neben einem anderen Wagen stehen ließen. Dann eilten sie zurück und nahmen sich das nächste Fahrzeug vor, während Boudica auf die anstürmenden Römer hinunterblickte, die höchstens noch fünfzig Schritte entfernt waren. Die Rebellen wichen immer weiter zurück – die hinterste Linie wurde bereits gegen die Reihen der Leibwache gedrängt. Die Königin wandte sich an den Lenker ihres Streitwagens. »Wende den Wagen und fahr durch die Lücke!«
Der Lenker trieb die beiden Pferde an, und der Wagen wandte sich vom Schlachtfeld ab und holperte den Hang hinauf. Die anderen Streitwagen folgten ihm, und die Formation rollte auf die immer breiter werdende Öffnung zwischen den Fahrzeugen zu. Im letzten Moment befahl Boudica ihrem Lenker, anzuhalten, und bedeutete den anderen, weiterzufahren. Ein Wagen nach dem anderen rumpelte im strömenden Regen zur Hügelkuppe hinauf und den Hang auf der anderen Seite hinunter.
Ihr Berater sah, dass Boudicas Fahrzeug stehen geblieben war, und eilte zu ihr.
»Worauf wartest du, meine Königin? Um Andrastes willen, fahr weiter! Schnell!«
Boudica war innerlich zerrissen zwischen dem Drang, das Schlachtfeld hinter sich zu lassen, und ihrem Ehrgefühl, das ihr gebot, an der Seite ihrer Krieger auszuharren und ihr Schicksal zu teilen. Wie dieses Schicksal aussah, daran bestand längst kein Zweifel mehr. Die rechte Flanke war bereits bis zur Wagenreihe zurückgedrängt worden und stand mit dem Rücken zur Wand. Die Männer waren so dicht zusammengequetscht, dass sie ihre Waffen nicht mehr einsetzen konnten. Sie starben unter den Hieben der römischen Soldaten, deren kurze Schwerter ideal für den Nahkampf waren. Während die Rebellen niedergemäht wurden, stiegen ihre Feinde über Tote und Verwundete hinweg. Das Stöhnen und Schreien der Schwerverletzten erfüllte die Luft.
Einige unter den Rebellen hatten bemerkt, dass Boudicas Gefolge sich vom Schlachtfeld entfernte, und rannten auf die Lücke zwischen den Wagenreihen zu. Erste wütende Rufe erhoben sich aus der Menge.
»Boudica flieht!«
»Sie lässt uns im Stich! Mögen die Götter uns gnädig sein!«
Die Rufe schnitten ihr tief ins Herz. Für die verbliebenen Krieger gab es wenig Aussicht auf Entkommen. Die Römer würden gnadenlos gegen die Rebellen vorgehen, deren Rückzug von den dicht stehenden Wagen behindert wurde. Im Zuge der Rebellion war so viel römisches Blut vergossen worden, dass die Soldaten die Gelegenheit nutzen würden, ihre früheren Niederlagen und die vielen abgeschlachteten römischen Soldaten und Zivilisten zu rächen.
Als sich die Nachricht von Boudicas Rückzug verbreitete, erhob sich ein vielstimmiger Aufschrei der Verzweiflung aus den Reihen der Rebellen, der ihr durch und durch ging. Es fühlte sich an wie das Ende einer großen Sache, die die verfeindeten Stämme vereint hatte. Im Laufe des Kampfes war zuerst die Hoffnung, dann die Zuversicht immer stärker geworden, dass die Völker Britanniens bald wieder frei sein würden. Der Nachhall des Jubels der einst siegreichen Rebellenarmee klang hohl und leer in ihren Ohren, nun, da sie die Bitterkeit einer vernichtenden Niederlage erleben musste.
Boudica wandte sich von der bedrückenden Szene ab und befahl dem Lenker, den Streitwagen wieder in Bewegung zu setzen. Die anderen Fahrzeuge warteten ein Stück den Hang hinunter. Als sie sich ihnen näherte, sah sie die versteinerten Gesichter ihrer engsten Gefolgsleute, während sich aus dunklen Wolken ein bleierner Regen über sie ergoss. Überall auf dem Hang und darüber hinaus suchten Alte, Frauen und Kinder das Weite, ließen ihre Wagen und Beute zurück und rannten um ihr Leben. Sie wussten, dass sie sich so schnell wie möglich vom Schlachtfeld entfernen und sich vor dem Feind verstecken mussten, der mit Sicherheit darauf aus war, alle zu jagen und niederzumachen, die in irgendeiner Weise mit dem Aufstand zu tun hatten. Unter den Flüchtenden waren auch Krieger, denen es gelungen war, über die aufgereihten Wagen zu klettern und dem Gemetzel zu entkommen. Für jene, die jetzt noch auf der anderen Seite waren, gab es keine Rettung mehr.
Der Boden, in dem schon am Vortag die Wagenräder tiefe Furchen hinterlassen hatten, war vom Regen in eine Schlammwüste verwandelt worden. Obwohl das Gelände leicht abfiel, hatten die Ponys alle Mühe, die schwere Last zu ziehen. Die Streitwagen, die sich auf festem Boden so leicht lenken ließen, waren nur noch totes Gewicht, das bedrohlich über das schlüpfrige Gelände schlitterte. Nicht viel leichter hatte es die berittene Leibwache, die der langsamen Prozession folgte. Viele saßen ab und führten ihre Pferde vorsichtig den Hang hinunter, um keinen Sturz zu riskieren.
Boudica und ihre verbliebenen Gefolgsleute blickten immer wieder zurück, um zu sehen, ob die Römer die letzte Barriere durchbrochen hatten und die Verfolgung aufnahmen. Ihnen war klar, dass der Feind nichts unversucht lassen würde, um die Königin an der Flucht zu hindern. Der römische Statthalter würde sie liebend gern in Ketten hinter sich hertrotten lassen, wenn er die Niederschlagung des Aufstands mit einem Triumphzug durch die Straßen Roms feierte. Boudica hatte sich geschworen, es nicht so weit kommen zu lassen. Noch in der Zeit, als die Rebellen von Sieg zu Sieg geeilt waren, hatte sie mit ihren beiden Töchtern vereinbart, dass sie sich unter keinen Umständen gefangen nehmen lassen würden. Falls der Aufstand scheiterte und sie dem Feind in die Hände zu fallen drohten, würden sie sich gegenseitig zum Tod verhelfen. Es durfte nicht passieren, dass sie zu Trophäen der verfluchten Römer und ihres Kaisers Nero wurden.
Als sie den Fuß des Hügels erreichten, kamen sie auf dem ebenen Gelände leichter voran. Die Leibwächter stiegen wieder auf ihre Pferde, und ihr Hauptmann wandte sich in Erwartung weiterer Befehle an Boudica. Es war ein kritischer Moment. Sollten sie nach Norden ziehen, die wenigen römischen Festungen umgehen und sich mit den Stämmen im Norden vereinigen, die noch nicht von den Römern unterjocht waren? Die Flüchtigen konnten sich der Gnade von Cartimandua ausliefern, der Königin der Briganten. Die Frage war, ob Cartimandua sich zum gemeinsamen Kampf gegen Rom bewegen ließe. Boudica erwog diese Möglichkeit, verwarf sie aber gleich wieder. In diesem Fall hätten sie vom Feind kontrolliertes Territorium durchqueren müssen, ohne zu wissen, ob der Plan aufgehen würde. Nach Süden zu ziehen kam ebenfalls nicht infrage. Dieses Gebiet hatten die Römer vor dem Aufstand beherrscht – und nach ihrem Triumph würde es ihnen nicht schwerfallen, ihre Macht aufs Neue zu konsolidieren.
Blieb nur noch der Osten. Zwei, höchstens drei Tagesmärsche entfernt erstreckten sich zur Küste hin weite Ebenen und sumpfiges Marschland, das bis weit in das Gebiet der Icener reichte. Sie kannte die Gegend gut und wusste, dass ihr Stamm dort vor dem Feind geschützt war. Für ihre Armee gab es keinen besseren Ort, um sich von der Niederlage zu erholen und zur alten Schlagkraft zurückzufinden. Von dort aus konnten sie nadelstichartige Angriffe auf römische Villen und Festungen durchführen, ebenso auf Patrouillen, die ausgesandt wurden, um nach Rebellen zu suchen. Das sumpfige Gelände würde sich für die römischen Legionen mit ihrem schweren Marschgepäck als unüberwindlich erweisen. Die römischen Kommandanten erinnerten sich bestimmt daran, wie es ihrem Kameraden Varus mit seinen drei Legionen in den Wäldern Germaniens ergangen war. Sie würden sich hüten, ihre besten Soldaten in eine mögliche Falle zu schicken. Sie hatten ohnehin schon schwere Verluste hinnehmen müssen und würden Mühe haben, die Ordnung auf der Insel wiederherzustellen.
Also nach Osten, entschied Boudica. Sie hob die Hand und deutete in die Richtung der Heimat ihres Stammes. »Diesen Weg.«
Der Wagenlenker trieb seine Ponys an, und der Wagen setzte sich mit einem Ruck in Bewegung. Ein Fahrzeug nach dem anderen folgte ihnen, und die Leibwache formierte sich zu einer Kolonne, um den Rückzug abzusichern. Die verzweifelten Schreie der überwältigten Rebellen verklangen in der Ferne. Links und rechts stapften Flüchtende, die ängstlich aufblickten, als sie die Streitwagen und Reiter vorbeiziehen sahen. Manche starrten Boudica mit unverhohlenem Hass an, machten sie für ihre missliche Lage verantwortlich. Die meisten jedoch betrachteten sie mit Angst und Scham angesichts der Niederlage, die sie unter ihrer Führung erlitten hatten. Nur wenige jubelten ihr zu und ermutigten sie, den Kampf fortzusetzen. Boudica nickte und winkte ihnen dankbar zu.
Sie hatten etwa zwei Meilen zurückgelegt, als in der Ferne die dunkle Wand eines Waldes zu erkennen war. Boudica deutete auf einen Weg zum Wald, und die Kolonne bewegte sich darauf zu. Eines der Ponys, die den Streitwagen mit ihren Töchtern zogen, lahmte und verlangsamte ihr Vorwärtskommen. Augenblicke später ertönte ein Alarmruf aus der Nachhut. Boudica richtete sich auf, schirmte die Augen gegen den Regen ab und blickte nach hinten. Dann sah sie Bewegung auf einer Hügelkuppe; eine Gruppe von Reitern erschien und preschte den Hang hinunter, um die Verfolgung aufzunehmen. Sie wandte sich an ihre Töchter auf dem Streitwagen hinter ihr.
»Zu mir. Schnell!« Die beiden Mädchen eilten zu ihr und kletterten auf ihren Wagen. Die jüngere, Merida, bewegte sich steif; Boudica spürte ihr Zittern, als sie den Arm um das Mädchen legte. »Sie werden uns nicht in ihre Hände bekommen. Denkt daran, was wir uns geschworen haben.«
Merida sah sie mit einem Ausdruck unendlicher Traurigkeit an – ein Bild der puren Verzweiflung. Ihre schönen Locken klebten ihr klatschnass auf dem Kopf und den Schultern ihrer Tunika. Sie tippte mit den Fingern auf den Griff des Dolchs an ihrer Hüfte. »Ich werde es tun, wenn es nötig ist. Wenn ich es nicht kann, dann …«
Boudica umarmte sie. »Wenn du es nicht kannst, werde ich es so schnell machen, dass du nichts spürst, mein Kind. Bardea und ich werden dir nachfolgen.«
Ein Streitwagen hielt neben ihrem, und Syphodubnus rief dem Lenker einen Befehl zu. »Führ sie in den Wald! Schnell!«
Der Streitwagen rumpelte weiter, und Syphodubnus befahl seinen Leuten, zu wenden und auf ihre Verfolger loszugehen. Der Hauptmann der Leibwache ließ seine Männer bereits in Kampfformation gehen. Mit ihren Schwertern konnten sie zu Pferd ebenso gut kämpfen wie zu Fuß. Auf den Kriegsstandarten der Icener war nicht von ungefähr ein blaues Pferd auf weißem Hintergrund dargestellt; sie gehörten zu den besten Reitern unter den Stämmen Britanniens und waren jedem römischen Reiterkontingent mehr als ebenbürtig.
Boudica beobachtete, wie die etwa vierhundert Mann starke Leibwache sich auf ihren Ponys in langsamem Tritt auf die Römer zubewegte. Der Feind hatte sie noch gar nicht bemerkt; die Soldaten jagten hinter den Flüchtenden her, metzelten Krieger, ältere Männer, Frauen und Kinder nieder, ohne Gnade, ohne irgendeinen Unterschied zu machen, nur von Blutdurst und Rachegefühlen getrieben. Zu spät reagierte ihr Kommandant auf die drohende Gefahr. Als die schmetternden Trompetentöne das Prasseln des Regens durchschnitten, trieben Boudicas Leibwächter ihre Pferde zum Galopp an. Die fliehenden Stammesleute wichen rasch zur Seite aus, doch einige waren zu langsam und wurden von den eigenen Leuten niedergetrampelt. Die feindliche Kavallerie hatte sich noch nicht formieren können, als die Reiter der Aufständischen auf die ungeordneten Hilfstruppen losstürmten und mit ihren Speeren zustießen. Da und dort wurden feindliche Soldaten aus dem Sattel geworfen; manche versuchten – obwohl verwundet – aus dem Kampfgetümmel zu entkommen. Der römische Kommandant hatte höchstens fünfzig Mann zur Verfügung, die rasch eingekreist waren.
Ein grimmiges Lächeln huschte über Boudicas Gesicht, als sie verfolgte, wie der Feind von ihren Kriegern niedergemacht wurde. Es war ein schwacher Trost angesichts des Desasters, das dieser Tag ihnen gebracht hatte. Dennoch fühlte es sich gut an, zu sehen, wie die leichtsinnige Arroganz der römischen Reiter bestraft wurde. Eine kleine Gruppe von Hilfssoldaten scharte sich um ihre Standarte und versuchte, sich aus dem Getümmel frei zu kämpfen. Einer nach dem anderen wurde getötet. Nur drei vermochten die Reihen der Rebellen zu durchbrechen, doch auch sie wurden rasch von icenischen Reitern eingeholt und niedergemacht.
Der Hauptmann der Leibwache gestattete seinen Männern noch, die verwundeten Römer zu töten und ihrer Wertsachen zu berauben, ehe er sie in Formation gehen und zu den Streitwagen zurückkehren ließ. Bald erreichte die Kolonne den Waldrand und folgte dem Weg, der sich zwischen den Bäumen hindurchschlängelte. Wenigstens war der Feind nach der erbitterten Schlacht nicht mehr in der Lage, die Verfolgung über eine längere Distanz fortzusetzen. Zudem würde es bald dunkel werden, und es wäre äußerst leichtsinnig von den Römern gewesen, sich in die Wälder zu wagen, wo sie jederzeit in einen Hinterhalt laufen konnten.
Auch wenn der Tag ihnen eine schwere Niederlage beschert hatte, genossen Boudicas Krieger den kleinen Triumph über die römische Reiterei. Einer alten keltischen Kriegertradition folgend, schwenkten einige die Köpfe feindlicher Soldaten, die sie als Trophäen erbeutet hatten. Als Boudica hörte, wie die Männer mit ihren Heldentaten prahlten, kamen Erinnerungen an ihre Kindheit in ihr hoch. Solche Szenen des Triumphs hatte sie des Öfteren erlebt, wenn icenische Krieger von Raubzügen gegen verfeindete Stämme heimgekehrt waren. Sie hatten die Köpfe ihrer Feinde an den Türen ihrer Hütten aufgehängt und ihren Göttern Opfer dargebracht, indem sie Waffen und Rüstungen in den Fluss warfen. Danach hatten sie ihren Sieg mit einem Festmahl gefeiert.
Diese Tage lagen in ferner Vergangenheit. Für die Krieger ihrer Leibwache war es keine Rückkehr im Triumph. Die Römer würden jede icenische Siedlung, die sie fanden, dem Erdboden gleichmachen – nicht ohne zuvor alles niederzumetzeln, was sich bewegte, bis hin zum letzten Hund und zur letzten Ziege. Auf diese Weise würden sie ein Exempel statuieren – als Warnung an andere Stämme, wie es allen erging, die sich Rom widersetzten. Boudica und die Überlebenden ihrer Streitmacht würden ebenso wie jene, die in den Siedlungen geblieben waren, ihre Hütten verlassen und sich in die Sümpfe zurückziehen müssen. Sie hatten eine Zeit der Entbehrungen und Gefahren vor sich, doch es gab keinen anderen Weg, zu überleben und die Flamme der Rebellion nicht erlöschen zu lassen. Es würde Jahre dauern, eine Armee aufzubauen, die stark genug war, um es erneut mit den Legionen aufnehmen zu können.
Der Hauptmann der Leibwache ritt voraus, bis er auf der Höhe von Boudicas Streitwagen war. Grinsend hielt er die erbeutete Standarte der römischen Einheit hoch.
»Für dich, meine Königin!«
Boudica betrachtete die Standarte voll Hass. Wie oft hatte sie die Fahnen des Feindes sehen müssen, wenn sie an Zeremonien in Londinium hatte teilnehmen müssen – und davor, als die Icener als Verbündete an der Seite der Römer gekämpft hatten. Das war lange bevor die Zumutungen der Römer ihren Stamm zum Aufstand getrieben hatten. Sie spürte die blanke Wut in ihren Adern pulsieren, als sie daran dachte, wie der römische Prokurator ihre Töchter vergewaltigen und sie selbst hatte auspeitschen lassen. Sie atmete tief durch, um sich zu beruhigen, ehe sie dem Hauptmann einen Befehl geben konnte. Gern hätte sie die Standarte als Kriegsbeute behalten, so wie die Adlerstandarte, die ihre Krieger der Neunten Legion abgenommen hatten, als sie sie in einen Hinterhalt gelockt und vernichtend geschlagen hatten. Doch der Adler der Legion musste als Beute genügen; für diese Standarte der Hilfskohorte hatte sie eine bessere Verwendung.
»Pflanzt die Standarte am Waldrand in den Boden, sodass die Römer sie leicht finden werden. Sag deinen Männern, sie sollen die Köpfe der Feinde um die Standarte stapeln. Die Römer sollen wissen, dass der Kampf noch längst nicht vorbei ist, auch wenn sie diese Schlacht gewonnen haben. Sie sollen wissen, was sie erwartet, wenn sie uns verfolgen. Wir werden sie aus den Tiefen der Wälder und Sümpfe bekämpfen. Wenn es dunkel wird, werden wir zuschlagen, das schwöre ich bei Andraste. Wir sind die Icener, die größten Krieger unserer Insel, und wir werden nicht ruhen, bis wir unsere Gefallenen gerächt haben, solange auch nur einer von uns atmet, um den Kampf fortzusetzen!«
Sie spürte eine Bewegung an ihrer Schulter, drehte sich um und sah, dass ihre Tochter auf dem Wagen niedergesunken war. Boudica ging neben ihr in die Hocke.
»Merida! Was ist mit dir?«
»Mein Bein.« Die junge Frau zog ihren Umhang nach hinten und entblößte die blutende Wunde unter der zerrissenen Hose. Boudicas Herz schnürte sich zusammen. »Wie ist das passiert?«
»Es war meine Schuld.« Merida lächelte schwach. »Ich hatte unserem Wagenlenker befohlen, den Hang hinunterzufahren, um unseren Kriegern Mut zu machen. Ich hab den römischen Speer erst gesehen, als es zu spät war, und …« Sie deutete hilflos auf die Wunde.
Boudica zog ihren Dolch und schnitt rasch einen Streifen vom Saum ihres Umhangs ab.
»Zieh ihr die Hose aus«, wies sie Bardea an. Als die Wunde entblößt war, musste Boudica das Schaudern unterdrücken, als sie das Blut aus der klaffenden Wunde hervorquellen sah. »Halt sie fest.«
Rasch legte sie ihrer Tochter einen behelfsmäßigen Verband an und band das lederne Stirnband oberhalb der Wunde um das Bein. Merida stöhnte vor Schmerz.
»Tut mir leid, Liebes. Wir müssen die Blutung stillen. Leg dich hin.« Sie wandte sich an Bardea. »Pass auf, dass es sich nicht lockert.«
»Ja, Mutter.«
Als Boudica aufstand, um dem Wagenlenker den Befehl zum Weiterfahren zu geben, sah sie das Blut an ihren Händen. Das Blut ihrer Tochter. Sie wurde blass vor Schreck und wischte das Blut an ihrem Umhang ab. »Bring uns hier weg. Los!«
KAPITEL 2
Rom, im Spätsommer 61 n. Chr.
Die Stimmen aus dem Speisesaal im Kaiserpalast drangen gedämpft bis in das private Audienzzimmer, von dem man auf das Forum hinunterblickte. Mehrere Sklaven brachten kleine Tabletts mit verschiedenen Köstlichkeiten und silberne Krüge mit gekühltem Wein, an denen Kondenswasser glitzerte, nachdem man sie aus dem Kühlraum im tiefsten Keller des Palasts geholt hatte. Unter der Aufsicht eines Kammerherrn stellten sie alles auf die Tische zwischen den bequemen Speisesofas und einem Podium, auf dem eine reich geschmückte Liege stand, deren Rahmen mit Blattgold verziert war. Die riesige Matratze war mit Decken aus feinster Wolle drapiert. Der Kammerherr schob einen Sklaven beiseite, um die Kissen für den Kaiser persönlich zu arrangieren. Er begutachtete die Seidenbezüge und strich jede noch so kleine Falte glatt, dann trat er einen Schritt zurück und ließ seinen prüfenden Blick über den Rest der Einrichtung und die bereitstehenden Speisen und Getränke schweifen.
»Das Sofa ganz rechts«, rief er den Sklaven zu. »Rückt das vordere Ende noch ein Stück nach vorn.«
Der am nächsten stehende Sklave beugte sich hinunter, um das schwere Möbelstück zurechtzurücken.
»Halt«, rief der Kammerherr. »So ist es recht.« Er bedeutete den Sklaven zurückzutreten und begutachtete die Anordnung erneut. Nero war sehr penibel, wenn es um solche Dinge ging. Die kleinste Unregelmäßigkeit bei der Einrichtung oder den servierten Speisen konnte einen Wutausbruch zur Folge haben. Der Kaiser beklagte sich häufig darüber, dass solche Disharmonien ihn in der Entfaltung seiner Kreativität behinderten und seine Konzentration auf wichtige Staatsgeschäfte störten. Ein so feiner Intellekt und ein so außergewöhnliches künstlerisches Feingefühl, wie er es für sich in Anspruch nahm, brauchte ein perfektes Umfeld, um wirken zu können. Umso ärgerlicher war es, wenn er durch die mangelnde Sorgfalt seiner Untertanen in der Entfaltung seiner Talente behindert wurde. Der Kammerherr hielt das alles für blanken Unsinn. Er hatte vor Nero schon zwei anderen Kaisern gedient, dem alten Wüstling Tiberius und dem von seiner Gemahlin betrogenen Narren Claudius, ehe der Adoptivsohn des Letzteren im zarten Alter von sechzehn Jahren auf den Thron gelangt war. Die Hoffnung, dass die jugendliche Unreife des Kaisers sich schnell legen würde, wenn er mit den Anforderungen konfrontiert war, die damit verbunden waren, die Geschicke des römischen Imperiums zu lenken, hatte sich nicht erfüllt. Nero war immer noch so launisch und ungeduldig wie ein verwöhntes Kind und richtete sich in seinem Handeln meist nach den Einflüsterungen jenes Ratgebers, der ihm am meisten schmeichelte.
Manchmal fragte sich der Kammerherr, ob irgendein anderes Reich einen solchen Herrscher akzeptieren würde. Er wunderte sich, dass Rom sich mit diesem Kaiser abfand. In den sechs Jahren seiner Regentschaft hatte er nichts von den Fähigkeiten erkennen lassen, die man vom Herrscher über das größte Reich der Welt erwarten würde. Vielleicht lag es daran, dass ihm in seinem Handeln keine Grenzen gesetzt waren. Er war zu mächtig, um sich darum zu scheren, was andere dachten. Alle um ihn herum fürchteten seine Launen zu sehr, um sich auch nur die leiseste Kritik zu erlauben. Der Kaiser nahm die Schmeicheleien als blanke Wahrheit. Wie konnte es sein, dass ein solcher Charakter mit einer so großen Verantwortung betraut wurde? Die Götter mussten verrückt sein – oder sehr boshaft –, dass sie Rom einen solchen Herrscher schickten.
Der Kammerherr tadelte sich selbst für seine unbotmäßigen Gedanken. Es stand ihm nicht zu, den Willen Jupiters anzuzweifeln. Regierungsgeschäfte überstiegen seine täglichen Pflichten bei Weitem, dennoch konnte er sich einen stillen Seufzer nicht verkneifen, wenn er an die Unzulänglichkeiten seines Herrn dachte. Er fragte sich, ob auch in anderen Reichen Diener in ähnlichen Positionen manchmal solche geheimen Gedanken hatten. Konnte es sein, dass im selben Augenblick irgendwo im fernen Partherreich ein Kammerherr alles für seinen ebenso unwürdigen Herrscher vorbereitete?
Er wurde in seinen unbotmäßigen Gedanken unterbrochen, als die Tür mit leisem Knarren geöffnet wurde. Ein Prätorianer in weißer Tunika trat ein und deutete mit einer Kopfbewegung über die Schulter zurück. »Sie kommen!«
»Verschwindet!«, befahl der Kammerherr den Sklaven. »Beeilt euch!«
Die Sklaven huschten durch den seidenen Vorhang des Eingangs, den die Bediensteten benutzten, um dem Kaiser in dessen bescheidenem Audienzzimmer aufzuwarten, in dem er sich mit seinen engsten Beratern absprach. Der Kammerherr rückte den Vorhang zurecht, sodass die Falten gleichmäßig fielen, ehe er mit gesenktem Kopf beim Eingang stehen blieb, um sicherzugehen, dass sein Blick nicht zufällig einen Angehörigen des kaiserlichen Gefolges streifte, oder – mögen die Götter es verhüten – den Kaiser selbst. Letzteres wäre ein Verstoß gegen die höfische Etikette gewesen, der strenge Konsequenzen nach sich gezogen hätte.
Zwei Prätorianer öffneten die Doppeltür und postierten sich links und rechts davon, während dahinter Stimmen durch den Korridor hallten. Nero schwatzte mit seiner markant hohen Stimme drauflos, begleitet vom Lob und Gelächter seiner Begleiter. Der junge Kaiser blieb an der Schwelle stehen und nahm den Arm von den Schultern der äußerst attraktiven Frau, die ihn zum Audienzzimmer begleitet hatte. Poppaea war einige Jahre älter als Nero, benahm sich aber, als wäre sie noch um einiges jünger als er. Sie fuhr sich mit der Zunge lasziv über die Lippen und kicherte.
»Rede nicht zu lang mit den alten Männern. Ich warte auf dich.« Sie hob den Kopf zu ihm, um ihn zu küssen, zog aber im letzten Moment zurück, kniff ihm ins Gesäß und rannte kichernd davon.
Der Kaiser sah ihr entzückt nach und schickte ihr eine Kusshand hinterher.
»Was hab ich ein Glück, eine so hingebungsvolle Partnerin an meiner Seite zu haben.«
Einige der Männer um ihn herum wechselten sarkastische Blicke. Poppaea Sabina hatte Nero überredet, seine Mutter ermorden zu lassen, die sie als Konkurrentin um seine Zuneigung empfunden hatte. Davor hatte sie einen seiner Freunde, Otho, verführt und geheiratet, um dem Kaiser auf diese Weise näherzukommen. Wenig später hatte sie auch Nero verführt, worauf Otho aus Rom weggeschickt worden war. Ihr Plan war klar: Sie würde sich von Otho scheiden lassen, um den Kaiser heiraten zu können.
Der Kaiser betrat als Erster das Audienzzimmer. Die kleine Gruppe seiner Berater wartete, bis Nero es sich auf seiner Liege bequem gemacht hatte, ehe der grauhaarige Senator Seneca mit einem diskreten Nicken signalisierte, dass sich auch die anderen auf ihren Sofas niederlassen durften.
Die Prätorianer schlossen leise die Tür und gingen hinter Nero in Stellung, um sofort eingreifen zu können, falls dem Kaiser Gefahr drohte. Drei der vier letzten Herrscher über das Römische Reich, Claudius, Tiberius und Augustus, waren mit hoher Wahrscheinlichkeit vergiftet worden, während Caligula von einer Gruppe innerhalb der Prätorianergarde ermordet worden war. Kein Amt im gesamten Imperium war gefährlicher als das des Mannes, der es regierte.
Der aktuelle Kommandant der Garde, Burrus, war einige Jahre jünger als Seneca, doch ebenfalls bereits ergraut und in langen Jahren des Dienstes hager geworden. Die Aufgabe, seinen Herrn zu beschützen und nebenbei sicherzustellen, dass Nero keinen Augenblick an seiner Loyalität zweifelte, war eine Herausforderung, die einem Mann alles abverlangte. Burrus’ Nachteil war, dass er nicht so wortgewandt war wie Seneca und bei Weitem nicht so einfallsreich darin, dem Kaiser Honig um den Bart zu schmieren. Burrus brauchte immer etwas länger, um seine Worte abzuwägen, wodurch er im Vergleich zum redegewandten Seneca dumpf und einsilbig wirkte. Die Folge war, dass Nero ihn bestenfalls tolerierte, ohne ihm etwas von dem Respekt und der Zuneigung zuteilwerden zu lassen, die er für den Senator übrig hatte. Dennoch diente jeder dem Kaiser auf seine Weise – solange Nero damit zufrieden war.
Der Kaiser blickte zum Kammerherrn und schnippte mit den Fingern. Der Diener eilte herbei, nahm den silbernen Krug mit dem edlen Falerner und füllte einen Kelch. Er nahm einen Schluck von dem Wein und wischte sorgfältig über die Stelle, an der seine Lippen den Rand berührt hatten, ehe er den Kelch abstellte.
»Jetzt das Essen«, befahl Nero und zögerte einen Augenblick, ehe er auf sein Lieblingsgebäck deutete. »Das da. Dann noch diese Trauben und … das Törtchen.«
Aufmerksam verfolgte er, wie der Kammerherr von den ausgewählten Speisen kostete, dann wartete er ab, ob sich irgendwelche Anzeichen einer Vergiftung einstellten, ehe er dem Mann mit einer Geste Einhalt gebot. »Das reicht.«
Während der Kammerherr mit gesenktem Kopf zur Seite trat, nahm Nero einen Bissen von dem Gebäck, kaute, schluckte und lächelte den anderen zu. »Bedient euch, meine Herren.«
Während die anderen der Aufforderung nachkamen, erläuterte Seneca den Zweck ihrer Zusammenkunft. Am frühen Abend war ein kaiserlicher Bote im Palast eingetroffen, um eine dringende Botschaft des Statthalters in Britannien zu überbringen. Die versiegelte Lederröhre war in der Palasthierarchie nach oben gewandert und schließlich in den Händen von Burrus gelandet. Der Kommandant der Prätorianer hatte das Siegel erbrochen, die Schriftrolle aus der Röhre genommen, den Inhalt überflogen und sie an Seneca weitergereicht. Dieser hatte die Nachricht ebenfalls gelesen, worauf die beiden Männer zu Nero gegangen waren, der mit seiner Geliebten auf einem Sofa lag. Sie hatten ihm den Inhalt der Nachricht erläutert und um eine private Audienz gebeten, um sich zusammen mit den engsten Beratern des Kaisers über die zukünftigen Pläne für die Provinz Britannien auszutauschen.
»Majestät«, begann Seneca. »Suetonius und seine Streitkräfte haben zwar einen großen Sieg errungen – dennoch ist die Lage in Britannien alles andere als zufriedenstellend.«
»Wann war sie das schon?«, seufzte Nero. »Diese von allen Göttern verlassene Barbareninsel ist uns ein Dorn im Auge, seit der schwachsinnige Claudius den Befehl gegeben hat, dort einzumarschieren. Ein Feldzug nach dem anderen – und jeder Statthalter verspricht uns, dass es diesmal ganz sicher der letzte sei und wir die Insel danach endgültig beherrschen würden. Dann setzt sich dieser Suetonius in den Kopf, irgendwelche Druiden am Arsch der Welt niederzumachen – und dieses vermaledeite Weib und ihre Bande von Wilden nutzen seine Abwesenheit und zetteln einen Aufstand an. Britannien war von Anfang an eine einzige Katastrophe, eine gigantische Verschwendung von Männern und Geld. Darauf hast du uns ja oft genug hingewiesen, Seneca.«
Burrus verkniff sich ein Grinsen, als er sah, wie unangenehm dem Senator die deutlichen Worte des Kaisers waren. Seneca war von Anfang an der Wortführer jener Fraktion im Senat gewesen, die sich gegen eine weitere Ausdehnung der neuen Provinz aussprach. Einige waren sogar dafür, sich ganz aus Britannien zurückzuziehen, auch wenn das für das Römische Reich einen Gesichtsverlust mit sich gebracht hätte. Aufgrund der Rebellion war dies für die nähere Zukunft keine Option mehr; ein Rückzug zum jetzigen Zeitpunkt würde den hart erkämpften Sieg in eine Niederlage verwandeln. Für den Pöbel in Rom und die Feinde des Reichs überall auf der Welt würde es so aussehen, als hätte Rom zwar eine Schlacht gewonnen, aber den Krieg verloren. Eine solche Demütigung konnte man nicht hinnehmen. Aus diesem Grund musste Seneca seinen jungen Herrn vom Gegenteil dessen überzeugen, was er ihm seit Jahren eingeredet hatte. Rom durfte sich nicht aus Britannien zurückziehen, sondern musste die Eroberung der Insel nun zu Ende bringen, koste es, was es wolle.
»Es war für die Sicherheit der Provinz unerlässlich, dass Suetonius dem Treiben der Druiden ein Ende gesetzt hat, Majestät«, begann Seneca. »In diesem Fall konnte er nicht anders handeln. Und er hat sein Ziel erreicht.«
»Und dabei die Garnisonen schutzlos zurückgelassen, indem er die besten Männer für seinen Feldzug rekrutiert hat«, hielt Nero dagegen und wedelte mit dem Gebäck in seiner Hand, um sein Argument zu bekräftigen. »Das war dumm und leichtsinnig von Suetonius. Ich erwarte mir etwas mehr von meinen Generälen. Er hat sich in den Feldzug gestürzt wie ein unerfahrener Tribun bei seinem ersten Einsatz. Selbst ich hätte es besser gemacht als er.« Er hielt inne, runzelte die Stirn und nickte entschieden. Wie so oft bei solchen Charakteren waren Arroganz und Ignoranz deutlich stärker ausgeprägt als Klugheit. »Natürlich hätte ich es besser gemacht. Schließlich bin ich der Kaiser. Nur einen Schritt von der Weisheit eines Gottes entfernt. Aus mir wäre bestimmt ein herausragender General geworden. Ein solcher Fehler wäre mir niemals unterlaufen.«
»Natürlich nicht, Majestät«, fuhr Seneca besänftigend fort. »Aber im Gegensatz zu dir ist Suetonius eben nur ein gewöhnlicher Mensch. In diesem Fall ist es ihm wenigstens gelungen, die Rebellen zu besiegen und den Aufstand niederzuwerfen.«
»Das muss sich erst erweisen«, gab Nero zu bedenken. »Diese Frau, die die Barbaren angeführt hat … wie heißt sie noch gleich? Bodicina … Bonducia …«
»Fast, Majestät.« Seneca nickte ehrerbietig, als er seinen Herrn korrigierte. »Boudica.«
»Ja, Boudica. In dem Bericht steht, dass ihre Leiche nicht auf dem Schlachtfeld gefunden wurde. Das heißt, sie konnte entkommen und wird den Kampf gegen meine Soldaten wahrscheinlich fortsetzen. Das heißt, wir haben weitere Verluste zu erwarten. Zweifellos glaubt Suetonius, dass sein Sieg öffentlich gefeiert wird. Das kann er vergessen. Einen Triumphzug wird es für ihn nicht geben. Keine Parade in den Straßen Roms mit seinen Kriegstrophäen und irgendwelchen gefangenen Barbaren. Mit seinem Leichtsinn hat er uns in diese missliche Lage gebracht. Ich habe gute Lust, ihn seines Amtes zu entheben und irgendwohin ins Exil zu schicken. Er hat nichts Besseres verdient.«
Seneca nickte und nahm einen nachdenklichen Ausdruck an. »Du hast natürlich völlig recht, Majestät. Nur sollte man in diesem Fall auch bedenken, wie das beim Pöbel ankäme.«
»Bei welchem Pöbel?«, spöttelte Nero. »Bei dem auf den Straßen oder dem im Senat?«
Seneca lachte pflichtschuldig. »Ist das wichtig? Wir müssen an beide Gruppen denken. Du hast gewiss recht – die Rebellion wird wahrscheinlich weitergehen, insbesondere wenn Boudica überlebt hat und sich wieder an die Spitze des Aufstands stellt. Suetonius hat zwar viele Fehler gemacht, aber er hat Rom immerhin einen Sieg beschert; das können wir nutzen, um den Pöbel von den Gründen abzulenken, warum diese Schlacht überhaupt geführt werden musste. Siege machen das Volk vergesslich – umso besser für uns. Wenn du Suetonius bestrafst, schwächst du damit die Wirkung des Sieges in den Augen des Volkes. Dann werden die Leute unangenehme Fragen stellen, die wir besser vermeiden sollten. Damit würden wir die Situation noch schlimmer machen, als sie ist. Daran können wir kein Interesse haben, Majestät.«
»Soll ich ihn auch noch belohnen? Ist es das, was du mir damit sagen willst?«, wandte Nero stirnrunzelnd ein. »Nein, das geht entschieden zu weit. Was für ein Bild würde das abgeben? Dann würden unsere Statthalter in den anderen Provinzen Aufstände provozieren, um sie dann niederschlagen zu können, weil sie sich davon öffentliche Würdigung und Auszeichnung erwarten können.«
Burrus seufzte innerlich. Was Nero da von sich gab, war eine dieser Übertreibungen, zu denen junge Leute neigten. Dieser junge Mann noch mehr als andere.
»Ganz genau, Majestät«, bestätigte Seneca. »Es kommt nicht infrage, Suetonius zu belohnen, zumal die Rebellion jederzeit wieder aufflammen kann.«
Nero schnaubte ungeduldig. »Ich kann ihn nicht belohnen, und ich kann ihn nicht bestrafen. Was im Namen von Jupiters dicken Eiern soll ich mit ihm machen?«
»Nichts.«
Nero beäugte ihn ungläubig. »Nichts? Na, du bist mir ja eine große Hilfe, Seneca«, spöttelte er. »Was würd ich bloß ohne deinen weisen Rat anfangen? Hast du jetzt das Alter erreicht, in dem der Mann seine Weisheit verliert? Vielleicht sollte ich mich von meinen Ratgebern trennen und sie durch jüngere Kräfte ersetzen, die im Vollbesitz ihrer geistigen Fähigkeiten sind.«
Seneca nahm die Kritik ungerührt zur Kenntnis. »Es ist immer klug, frische Kräfte zu Rate zu ziehen, Majestät. Genauso wie es ratsam ist, sich auf langjährige Erfahrung zu verlassen. Es ist mir eine Ehre, dir mit meinen Kenntnissen der Künste und der Politik dienen zu dürfen, so wie es meinem geschätzten Kollegen, Präfekt Burrus, eine Ehre ist, dir sein Wissen in militärischen Angelegenheiten zur Verfügung zu stellen, damit du es für deine weisen Entscheidungen nutzen kannst.«
Burrus richtete sich auf seinem Sofa auf und verfluchte Seneca im Stillen dafür, dass er ihn in diese heikle Angelegenheit hineinzog. Er hätte es bevorzugt, sich herauszuhalten und es dem klügeren Seneca zu überlassen, den Kaiser in die richtige Richtung zu lenken. Doch wie Seneca ihm des Öfteren erklärt hatte, war es wirkungsvoller, Nero von zwei Seiten zu bearbeiten und ihn glauben zu lassen, dass er einen von ihnen übertrumpfte, wenn er zu einer Entscheidung gelangte. In den meisten Fällen war es Burrus, der die Rolle des Verlierers übernehmen und die damit einhergehende Schmach über sich ergehen lassen musste.
Neros Aufmerksamkeit wandte sich kurz dem Kommandanten der Prätorianergarde zu, doch sein Blick schweifte gleich wieder zu Seneca zurück. »Es handelt sich hier doch wohl mehr um eine politische als eine militärische Angelegenheit. Welchen Sinn soll es haben, im Fall von Suetonius gar nichts zu unternehmen?«
»Wie du selbst richtig gesagt hast, kannst du ihn in dieser Situation weder belohnen noch bestrafen. Ich würde dazu raten, den Mann in seinem Amt zu belassen, fernab von den Augen der Öffentlichkeit. Er wird keine Probleme mehr machen – vorausgesetzt, er erleidet keine weiteren Niederlagen. Wenn es ihm gar gelingt, die letzten Reste des Widerstands auszulöschen und Boudica gefangen zu nehmen oder zu töten, dann könntest du ihm eine kleine Belohnung zuteilwerden lassen. Genug, um Suetonius und seine Verbündeten im Senat zu beschwichtigen. Ich würde vorschlagen, wir sagen dem Senat und dem römischen Volk, dass wir einen Sieg errungen haben und Suetonius alles daransetzen wird, den Frieden in Britannien zu sichern. Damit sollten alle Seiten zufrieden sein.«
Nero wog Senecas Rat ab und strich sich über den spärlichen Kinnbart. »Mag sein. Aber wie groß sind seine Aussichten, die Rebellion endgültig niederzuwerfen und Boudica unschädlich zu machen?«
Seneca zuckte die Achseln. »Ich bin leider kein Soldat, Majestät. In militärischen Angelegenheiten muss ich dich in aller Bescheidenheit an jemanden verweisen, der mehr Erfahrung darin hat als ich.«
Burrus warf ihm einen finsteren Blick zu, als Seneca sich zurücklehnte und nach den Weintrauben griff.
»Burrus? Wie ist die Einschätzung des Soldaten, dem ich von allen am meisten vertraue? Kann Suetonius mit diesen Rebellen fertigwerden? Oder soll ich einen fähigeren Mann entsenden, um die Sache zu Ende zu bringen?«
Burrus überlegte sich in aller Eile eine Antwort. »Suetonius zu ersetzen wäre riskant, Majestät. Manche würden fragen, warum das notwendig war. Wie Senator Seneca schon gesagt hat, wäre es besser, ihn im Moment in seinem Amt zu belassen. Die Frage, ob er in der Lage ist, die Rebellion ein für alle Mal zu beenden, lässt sich nicht so leicht beantworten. Ich habe seine jüngste Nachricht erst kurz vor unserer Besprechung gelesen …«
Nero bedeutete ihm mit einer Kreisbewegung der Hand, auf den Punkt zu kommen. Burrus nickte eifrig. »Der Aufstand hat uns bereits einen Großteil der Neunten Legion gekostet, außerdem alle Veteranen der Reserve in Camulodunum und die Hilfstruppen und Legionäre, die wir beim Rückzug aus Londinium und Verulamium verloren haben. Nicht zu vergessen die Opfer in der entscheidenden Schlacht gegen Boudicas Armee und jene, die in dem Feldzug gegen die Druiden gefallen sind. Der Rest der Garnison wird Mühe haben, mit den Briganten und dem eventuell anhaltenden Widerstand fertigzuwerden. Suetonius wird Verstärkung benötigen. Und er braucht Zeit, um die Ordnung wiederherzustellen, die Siedlungen wiederaufzubauen und die abgewanderten Händler und Siedler zu ermutigen, nach Britannien zurückzukehren.«
Nero seufzte. »Stell nie einem alten Soldaten eine einfache Frage. Ich will nur wissen, ob es ihm gelingen kann oder nicht. Also?«
Burrus wagte sich aus der Deckung. »Ja, Herr. Nach meiner Einschätzung kann es ihm gelingen.«
»Kann es? Das klingt mir nicht nach der Überzeugung, die ich hören wollte. Also gut.« Nero überlegte einen Augenblick, dann nickte er, als er zu einer Entscheidung gelangte. »Suetonius bleibt vorläufig im Amt. Wir sagen den Leuten, er hat einen großen Sieg errungen und versprochen, die Rebellion endgültig niederzuschlagen und die Rädelsführer in Ketten nach Rom zu bringen. Wir schicken ihm ausreichend Verstärkung, um sicherzustellen, dass diese Barbaren in Britannien uns nicht noch einmal beschämen werden. Wir geben ihm freie Hand, um Straffeldzüge gegen die Stämme zu unternehmen, die an dem Aufstand beteiligt waren.« Neros Stimme nahm einen kalten Ton an. »Dieser Abschaum soll nie vergessen, was mit allen passiert, die sich Rom widersetzen. Die sich mir widersetzen. Ich will Boudica in Ketten sehen. Ich will, dass der Adler der Neunten Legion zurückgeholt wird. Und wenn dafür jeder Bauernhof dem Erdboden gleichgemacht werden muss, mit allem, was sich darin bewegt, ob Männer, Frauen oder Kinder. Das ist die Botschaft, die wir an Suetonius senden. Ich gebe ihm zwei Jahre, keinen Tag mehr, um die Sache zu Ende zu bringen. Wenn es ihm nicht gelingt, wird er meinen Unmut zu spüren bekommen. In diesem Fall wäre es besser für ihn, nicht mehr am Leben zu sein.«
»Ja, Majestät.« Burrus wog bereits in Gedanken ab, welche frischen Kräfte nach Britannien versetzt werden sollten, um dem Befehl des Kaisers nachzukommen. In Anbetracht der Herausforderungen, die die römischen Soldaten bei der Verteidigung der endlos langen Grenzen des Reichs zu bewältigen hatten, würde es nicht leicht sein, Suetonius die nötigen Truppen zur Verfügung zu stellen. Umso schwieriger war die Aufgabe, die sich dem Statthalter stellte. Und nicht nur ihm.
Burrus’ Gedanken schweiften zu der Stelle in Suetonius’ Nachricht, in der er von der Streitmacht sprach, die er dafür ausersehen hatte, Boudica und ihre verbliebenen Krieger zu jagen. Derjenige, dem das Kommando über diese Mission übertragen wurde, hatte nicht gerade das leichteste Los. Ihm saß der Statthalter im Nacken, der von ihm die Erfüllung der Aufgabe erwartete, während Suetonius selbst den Druck des Kaisers spürte. Burrus hatte genügend Berichte über die Ereignisse in Britannien gelesen, um zu wissen, wie tückisch das Gelände im Osten der Provinz war. In die dichten Wälder und Sümpfe des Ostens hatte sich bisher nur selten eine römische Patrouille vorgewagt. Es war das ideale Gelände für Hinterhalte und nadelstichartige Angriffe, wie die keltischen Stämme sie auch in der Vergangenheit erfolgreich durchgeführt hatten.
Der Offizier, dem die Aufgabe zufiel, Boudica zu finden, hatte eine schwere Zeit vor sich und wenig Ruhm und Ehre zu gewinnen. Wenn es ihm gelang, die Mission auszuführen, würde Suetonius den Erfolg für sich reklamieren. Und wenn er scheiterte? Dann würde Suetonius ihn zum Schuldigen erklären. Der Betreffende hatte nicht viel mehr zu erhoffen, als sein eigenes Überleben zu sichern, wenn auch ohne Dank und Lohn. Doch das war immer noch besser als die andere Option: Tod und Schmach.
»Besser er als ich«, murmelte Burrus bei sich. »Armes Schwein.«
KAPITEL 3
Camulodunum
In diesem Augenblick saß der betreffende Offizier auf einem Schemel an seinem Feldschreibtisch, während der Regen auf das Dach des Ziegenfellzelts niederprasselte. Im gedämpften Licht einer Öllampe arbeitete Präfekt Cato an dem Bericht, den er für Statthalter Suetonius auf die Rückseite einer alten Schriftrolle schrieb. Als die Rebellen das Hauptquartier des Statthalters in Londinium niedergebrannt hatten, waren die Dokumente sowie die Vorräte an Schreibmaterial fast zur Gänze vernichtet worden. Aus diesem Grund mussten der Statthalter, sein Stab sowie die Schreiber und Offiziere mit dem vorliebnehmen, was in den Ruinen der Städte und Villen zu finden war, die von Boudicas Kriegern verwüstet worden waren. Irgendwann würde Nachschub in Londinium eintreffen und von dort an die verschiedenen Truppen gesandt werden, die die verbliebenen Rebellen zu bekämpfen hatten.
Cato sah sich gezwungen, für die meisten Dokumente Wachstafeln zu benutzen, die jedoch schwer und unhandlich waren. Glücklicherweise hatte heute einer seiner Männer in den Trümmern eines Hauses in Camulodunum mehrere Schriftrollen gefunden. Vielleicht hatten die Rebellen sie übersehen, vielleicht aber hatte das Schreibmaterial für Stammesleute, die weder lesen noch schreiben konnten, einfach keinen Wert. Cato war jedenfalls dankbar, wieder einmal auf Papyrus schreiben zu können.
Bis der Regen eingesetzt hatte. Durch eine Naht im Zelt war Wasser eingedrungen und auf den Tisch getropft. Cato hatte die Schriftrolle rasch in Sicherheit gebracht, um zu verhindern, dass die Tinte zerlief. Er hatte daran gedacht, den Tisch zu verrücken, doch das Zelt hatte noch mehr undichte Stellen; außerdem war er mit seinem Bericht so gut wie fertig. Er kam rasch zum Ende, legte die Feder beiseite und steckte den Pfropfen ins Tintenfass. Dann hielt er die Schriftrolle ans Licht, um noch einmal zu lesen, was er geschrieben hatte.
Er hatte sich bemüht, nicht zu fordernd zu klingen. Der Statthalter sah sich ohnehin mit den denkbar größten Herausforderungen konfrontiert – nun, da es galt, die Kontrolle über die verwüsteten Gebiete zurückzugewinnen. Sie hatten Boudicas Streitmacht zwar vernichtend geschlagen, doch ihre früheren Erfolge hatten andere ermutigt, ihrem Beispiel zu folgen. Der Kontrollverlust der Römer in vielen Teilen der Insel hatte außerdem dazu geführt, dass Banden von Briganten plündernd durchs Land zogen und über römische Siedler und loyale Stammesleute gleichermaßen herfielen. Die allzu spärlichen römischen Streitkräfte bemühten sich, die Ordnung wiederherzustellen; doch kaum hatten sie eine Bande vertrieben, schlug woanders die nächste zu. Ein schwerer Schlag war auch die Zerstörung der Hafenanlagen von Londinium sowie der Brücke über die Tamesis, was den Verkehr im Süden der Provinz ebenso behinderte wie den Nachschub aus Gallien. Es galt nicht nur, die Armee zu versorgen, sondern auch Zehntausende von Zivilisten. Diejenigen, die den Rebellen entkommen waren, kehrten in die Ruinen von Verulamium und Londinium zurück, doch es würde Jahre dauern, bis die Überlebenden die Trümmer beseitigt und ihre Häuser und Geschäfte wiederaufgebaut hatten.
All diesen Problemen, mit denen der Statthalter zu kämpfen hatte, würde Cato ein weiteres hinzufügen. Suetonius hatte ihm aufgetragen, eine Streitmacht zusammenzustellen, mit der er Boudica und ihre verbliebenen Anhänger ausfindig machen sollte, die sich mit hoher Wahrscheinlichkeit in das Stammesgebiet der Icener zurückgezogen hatten. Cato hatte nicht nur den Auftrag erhalten, die letzten Rebellenkräfte zu vernichten und Boudica in Gewahrsam zu nehmen – er sollte auch die Adlerstandarte der Neunten Legion zurückholen, die die Rebellen bei ihrem Überfall auf die Legion erbeutet hatten. Wahrlich keine leichte Aufgabe. Seine eigene Hilfseinheit, die Achte Illyrische Kohorte, bestand hauptsächlich aus Fußsoldaten, verfügte aber auch über ein größeres berittenes Kontingent. Die Kohorte hatte in der Schlacht gegen Boudicas Armee schwere Verluste erlitten, nachdem sie zuvor bereits bei dem Feldzug gegen die Druiden dezimiert worden war. Von den ursprünglich über achthundert Mann waren nur noch hundertfünfzig Infanteristen und fünfzig Berittene übrig. Suetonius wusste natürlich, dass das bei Weitem nicht ausreichte, um sich auf eine Verfolgung des Feindes bis tief in das sumpfige Marschland einzulassen. Er hatte Cato versprochen, Verstärkung zu schicken, sobald der Präfekt mit seiner Kohorte einen Stützpunkt in Camulodunum errichtet hatte und bereit war, nach Norden in das Territorium der Icener vorzustoßen. Die Verstärkung sollte aus einer Kohorte der Zweiten Legion und ausreichend Hilfssoldaten bestehen, um volle Truppenstärke zu erlangen. Bisher war jedoch noch kein einziger zusätzlicher Mann eingetroffen, sodass Cato sich mit seiner bescheidenen Einheit mitten im Land der Trinovanten äußerst verwundbar fühlte. Schließlich waren die Trinovanten der erste Stamm gewesen, der sich dem Aufstand von Boudicas Icenern angeschlossen hatte. In seinem Bericht über die Situation in Camulodunum betonte Cato zwar, wie wichtig die versprochenen Verstärkungstruppen für sein weiteres Vorgehen waren, bemühte sich jedoch, keine zu große Sorge um die Sicherheit seiner Männer und seiner eigenen Person zum Ausdruck zu bringen.
In seinem Bericht beschrieb er auch den Zustand der ehemaligen Veteranenkolonie von Camulodunum. Er hatte den Befehl erhalten, die Verteidigungsanlagen so weit wie möglich instand zu setzen, um die Siedlung als sichere Operationsbasis nutzen zu können. Der Statthalter schien das Ausmaß der Zerstörung nicht bedacht zu haben, das Cato und seine Männer vorfinden würden. Angesichts der Verwüstungen in Londinium hätte man vorhersehen können, dass die Lage in Camulodunum nicht besser sein würde. Die Wahrheit war, dass es keine Verteidigungsanlagen mehr gab, die man hätte instand setzen können. Camulodunum war die erste römische Siedlung, die Boudica mit ihrer Armee angegriffen hatte. In ihrer Wut hatten die Rebellen die Stadt völlig vernichtet. Fast alle Gebäude waren niedergebrannt, der äußere Graben war mit der Erde des Schutzwalls zugeschüttet worden. Außer verkohlten Ruinen waren nur noch die halb fertigen Säulen des Tempels übrig, den die Bewohner zu Ehren des ehemaligen Kaisers Claudius hatten errichten wollen. Die Kohorte hatte die Trümmer beseitigt und die Mauer so weit ausgebessert, dass der Tempel als einigermaßen sicheres Lager dienen konnte, während sie auf das Eintreffen der Verstärkungstruppen warteten. Der beißende Geruch der Feuersbrunst lag immer noch in der Luft.
So bedrückend das gesamte Ausmaß der Zerstörung war – es war der Anblick des rußgeschwärzten Tempels, der Cato am meisten erschütterte. Hier hatten die Verteidiger der Kolonie sich verschanzt, nachdem der Feind die äußeren Verteidigungsanlagen überwunden hatte. Hier war einer von Catos Kameraden, Apollonius, gefallen. Cato bedauerte vor allem, dass er dem Mann nie gesagt hatte, dass er ihn längst als Freund schätzte. Nun war es zu spät. Hier war auch der Adoptivsohn von Catos engstem Freund, Centurio Macro, gestorben. Parvus war ein stummer Junge, den Macro und seine Frau bei sich aufgenommen hatten, als Macro nach Britannien zurückkehrte, um seinen Ruhestand in Camulodunum zu verbringen. Parvus war ebenso in den Flammen umgekommen wie Catos Hund, der zwar nicht besonders ansehnlich, dafür aber allen, die ihn gut behandelten, ein unerschütterlich treuer Begleiter gewesen war. Wenigstens hatten die drei Menschen, die Cato und Macro am nächsten standen, sich retten können: Macros Frau, Catos Sohn und Claudia, die Catos Geliebte war, seit er sie vor Jahren bei einem Einsatz auf Sardinien vor Briganten gerettet hatte. Cato und Macro hatten noch dafür sorgen können, dass Petronella, Lucius und Claudia auf einem Schiff nach Gallien gelangten, bevor die Rebellen in Londinium eingefallen waren und die Stadt verwüstet hatten.
Jeder einzelne Verlust schmerzte Cato, doch er dankte den Göttern dafür, dass wenigstens sein alter Freund und Kamerad Macro aus der Gefangenschaft der Rebellen hatte fliehen können, bevor sie ihn ihrer Kriegsgöttin Andraste hatten opfern können. Cato lächelte grimmig. Macro war in der Tat ein Liebling der römischen Götter, die sich geradezu mit ihm zu amüsieren schienen, indem sie ihn in die allerschlimmsten Situationen brachten, um zu sehen, wie er mit Mut und List dem Tod entkam. Doch auch sein Glück kannte Grenzen; seine Mutter war in Londinium ums Leben gekommen. Sie hatte sich geweigert, das Gasthaus zu verlassen, das sie im Herzen der Stadt geführt hatte, und war in den Flammen umgekommen.
»So viel Tod und Zerstörung«, murmelte Cato, als er über den tragischen Verlauf der Rebellion nachdachte. Und es würden noch mehr blutige Auseinandersetzungen folgen, bis wieder Frieden und Ordnung in der jüngsten römischen Provinz einkehren konnten. Dazu sollte der Straffeldzug, den er anführte, seinen Teil beitragen. Mit einem Seufzer schrieb er mit dem letzten Rest Tinte seinen Namen unter den Bericht. Dann rollte er das Schriftstück zusammen, nahm eine Lederröhre aus der Truhe mit dem Schreibzeug und schob das Dokument vorsichtig hinein.
Dann lehnte er sich zurück, dehnte die Schultern, gähnte und schloss einen Moment lang die Augen. Im gleichmäßigen Prasseln des Regens hörte er die gedämpften Geräusche aus dem Lager: gemurmelte Unterhaltungen, von gelegentlichem Gelächter oder einem lauten Wortwechsel unter Kameraden unterbrochen. Trotz ihres isolierten Standorts mitten in feindlichem Territorium schienen die Männer guten Mutes zu sein. Immerhin hatten sie eine der erbittertsten Schlachten überlebt, die Cato je mitgemacht hatte. Das allein war immer ein Grund zur Freude, auch wenn die Männer um ihre gefallenen Kameraden trauerten. Manchmal hielt das Hochgefühl lange an. Selbst der ständige Regen konnte ihre Stimmung kaum trüben. Cato lächelte unwillkürlich. Das Wetter war tatsächlich etwas, über das die Männer sich immer beklagten – etwas, das wahrscheinlich alle Soldaten der Menschheitsgeschichte verband.
Er hörte, wie jemand die Zeltklappe öffnete, schlug die Augen auf und sah Macro hereinkommen. Der Centurio war einen Kopf kleiner als Cato, aber von kräftiger Statur. Obwohl er bereits über fünfzig und sein Haar ergraut war, hatte er kaum etwas von seiner Schlagkraft als Soldat verloren. Er schob die Kapuze seines Umhangs nach hinten und schüttelte sich die Regentropfen aus dem Gesicht.
»Scheißwetter. Irgendwann wird die verdammte Insel im Meer versinken bei dem vielen Regen.«
»Trotzdem willst du hier deinen Ruhestand verbringen …«
Macro verzog angewidert das Gesicht. Er hatte nach seinem Rückzug aus der Armee ein Stück Land nahe Camulodunum bekommen und war mit seiner Frau Petronella in ein Haus in der Stadt eingezogen. Von dem Haus waren nur noch Trümmer und Asche übrig, und das Gasthaus in Londinium, das er zusammen mit seiner Mutter besessen hatte, war ebenfalls niedergebrannt. Macro hatte fast alles verloren. Als der Aufstand begann, hatte man ihn und die anderen Reservisten in der Kolonie in die Armee eingezogen, wo er nun wieder als Catos Stellvertreter diente. Er würde einige Jahre sparen und Kriegsbeute erwerben müssen, um sich tatsächlich zur Ruhe setzen zu können. Das Schicksal behandelte oft die am härtesten, die es am wenigsten verdienten, dachte Cato. Und das, nachdem Macro dem Kaiser und Rom fast dreißig Jahre an vielen Orten des Reichs gedient und zahlreiche blutige Schlachten geschlagen hatte.
»Ruhestand?«, schnaubte Macro abfällig. »Damit ist es vorbei. Wie’s aussieht, werde ich noch die Uniform tragen, wenn ich irgendwann an Altersschwäche sterbe.«
»Irgendwie kann ich mir schwer vorstellen, dass du an Altersschwäche stirbst. Du bist dafür geboren, in der Schlacht zu sterben, oder an deiner Vorliebe für Wein.«
»Wäre mir beides recht.« Macro öffnete seinen Umhang und warf ihn auf Catos Feldbett, setzte sich hin und rieb sich mit zusammengepressten Lippen die Schulter.
»Hat dein Suchtrupp etwas gefunden?«, frage Cato. Der Centurio hatte die Ruinen der Kolonie nach Werkzeug, Waffen und Rüstungen abgesucht, die die Kohorte noch gebrauchen konnte.
»Nein, es ist nichts mehr da. Boudicas Jungs haben ganze Arbeit geleistet.«
»Hast du dein Haus gefunden?«
Macro nickte. »War nicht schwer zu finden. Nicht ganz so leicht ist es, sich durch den Trümmerhaufen zu wühlen. Ich konnte die Truhe nirgends finden, die ich unter der Küche vergraben hatte. Irgendein Rebellenbastard muss damit abgedampft sein. Die zehntausend Sesterzen seh ich nie wieder.«
Cato räusperte sich, ehe er das heikle Thema ansprach. »Ich helfe dir gern, bis du wieder auf die Beine kommst. Du kannst mir den Betrag zurückzahlen, wann du willst.«
Macro fixierte ihn einen Augenblick und nickte dann. »Das ist großzügig von dir, Junge. Aber wir kommen schon zurecht, Petronella und ich. Irgendwie wird es schon gehen.«
»Das Angebot steht«, bekräftigte Cato. »Du kannst jederzeit darauf zurückkommen.«
»Danke. Gut zu wissen.« Macro schwieg einen Augenblick, dann deutete er auf die Schriftrolle auf dem Tisch, um auf etwas weniger Persönliches zu sprechen zu kommen. »Ist das die Nachricht an den Statthalter, die du schreiben wolltest?«
Cato nickte.
