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In der Unterwelt Berlins lauert das Böse Ein Ermittler, gefangen zwischen Loyalität und Gewissen. Ein geheimer Krieg in den Straßen Berlins. Und eine Entscheidung, die ihn alles kosten könnte. Tauchen Sie ein in das gefährliche Berlin der 1940er Jahre. Inspektor Schenke kämpft gegen skrupellose Gangster und seine eigenen Dämonen, um seine Geliebte zu retten. Ein packender Krimi voller Intrigen und Spannung. Berlin, Mai 1940: Während der Krieg an den Grenzen tobt, herrscht in der Hauptstadt ein erbarmungsloser Machtkampf zwischen zwei rivalisierenden Banden. Als der Besitzer eines zwielichtigen Nachtclubs erschossen wird, eskaliert der Konflikt. Kriminalinspektor Horst Schenke übernimmt die Ermittlungen und gerät zwischen die Fronten der mächtigsten Berliner Syndikate. Je tiefer er in das Netz aus Korruption und den Kampf um die Vorherrschaft auf dem Schwarzmarkt vordringt, desto näher rückt die Gefahr. Denn jemand kennt Schenkes bestgehütetes Geheimnis und bedroht damit nicht nur sein Leben ... Simon Scarrow zeigt Berlin im düsteren Licht des Nazi-Regimes – ein packender Thriller für Fans von Robert Harris und Philip Kerr. »Scarrows Berlin ist präzise gezeichnet, mit sorgfältig beobachteten Details, ein Ort, der nach Bedrohung und Angst riecht – und das nicht nur vor der Gestapo.« Financial Times »Ein Außenseiter in Bedrängnis, eine Welt voller lauernder Gefahren und eine erschreckend glaubwürdige Auflösung.« Owen Matthews »Ein knallharter Pageturner, der ein eisiges Berlin der 1940er Jahre heraufbeschwört, das immer weiter auf moralische Abwege gerät, während die Schrecken des Nazi-Regimes immer schwerer zu ignorieren sind.« S.G. MacLean »Ein fesselnder, atmosphärischer Pageturner.« Steve Cavanagh Band 3 der Reihe "Dunkles Berlin" von Simon Scarrow. Alle Bände der Reihe: - Verdunkelung - Nachtkommando - Schattenmacht
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Veröffentlichungsjahr: 2026
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Übersetzung aus dem Englischen von Kristof Kurz
© Simon Scarrow 2025
Titel der englischen Originalausgabe: »A Death in Berlin«, Headline, London 2025
© Piper Verlag GmbH, München 2026
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Historische Nachbemerkung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Für Luigi Bonomi,»Fargli un’offerta irrifiutabile …«
Einen Roman über das Leben in Deutschland während des Dritten Reichs zu verfassen, bedeutet zwangsläufig, mit den tiefsten Abgründen der menschlichen Natur konfrontiert zu werden. Redlich über diese Zeit zu schreiben, ohne auf die Ideologie und Terminologie des herrschenden Regimes zurückzugreifen, ist unmöglich. Ich hoffe, dass ich diesen Aspekt des Romans mit dem nötigen Feingefühl behandelt habe.
Berlin, 4. Mai 1940
Otto Bachmann nahm einen Schluck Bier und beobachtete das vor ihm sitzende Publikum, das sich im Scheinwerferlicht nur als dunkle Schemen wahrnehmen ließ, sodass er Mühe hatte, Männer und Frauen zu unterscheiden – was zusätzlich dadurch erschwert wurde, dass einige die Kleidung des anderen Geschlechts trugen. Vor der Machtübernahme durch die Nazis wäre dies nicht weiter ungewöhnlich gewesen. Viele hatten in den Nachtlokalen und Kabaretts der Stadt mit ihrer Garderobe und ihrem Aussehen experimentiert. Doch nach den sieben Jahren, die der Führer und sein Regime nun schon mit harter Hand regierten, gab es nur noch wenige Orte, an denen so etwas möglich war.
Das Herz-Ass war eines dieser raren, noch verbliebenen Etablissements, wo sich die Gäste nach Belieben kleiden und miteinander verkehren konnten. Darunter waren auch Männer in Anzügen und NSDAP-Uniformen, die mit ihren Geliebten oder Freundinnen die verbotenen Aufführungen und Erfrischungen genossen, die allen anderen Berlinern versagt blieben. Es war, als gäbe es zwei Welten: die ernste, steife und selbstverständlich patriotische Welt des öffentlichen Lebens und eine geheime innere, in die sich die meisten heimlich zurückzogen, um zumindest etwas Abstand zum prunksüchtigen Pomp des Dritten Reiches zu gewinnen. Das Herz-Ass befand sich irgendwo zwischen diesen beiden Welten: Wer durch die Pforten des Nachtlokals trat, erklärte sich damit einverstanden, nichts nach außen zu tragen, was dahinter geschah, und durfte dafür die gesellschaftlichen Zwänge – wenigstens bis zu einem gewissen Grad – ablegen und sich freier und ungezwungener bewegen.
Max Remer, der Besitzer des Lokals, war sich dessen natürlich bewusst. Er hatte bereits in den Jahren vor der Machtübernahme die Freundschaft mehrerer einflussreicher NSDAP-Mitglieder gewonnen, auch wenn er damals die Nähe zu Politikern jeglicher Couleur gesucht hatte. Nach 1933 hingegen hatte er konsequent den Kontakt zu jedem abgebrochen, der von den Nazis zur unerwünschten Person erklärt worden war – und das noch bevor die Nazis angefangen hatten, ihre Gegner zu eliminieren und jegliche politische Opposition zu verbieten. Indem er seine Beziehungen zu den Nazibonzen weiterhin hegte und pflegte, war sein Lokal sicher vor Polizei und Spitzeln. Remer war sogar so schlau gewesen, der Partei kurz vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler beizutreten. So entging er der Verachtung, die den Opportunisten entgegenschlug, die nach der Machtergreifung ganz plötzlich hatten Mitglied werden wollen.
Remer saß an einem für ihn reservierten Tisch vor der einfachen Bühne. Bachmann sah zu ihm hinüber, woraufhin ihm der Lokalbesitzer mit einem ungeduldigen Schütteln des Handgelenks zu verstehen gab, dass er zum Ende kommen solle. Bachmann räusperte sich, zwinkerte dem Publikum zu und bereitete sich auf das große Finale vor. Er hatte sich bereits über die Juden, die verweichlichten, zügellosen Franzosen, die geistlosen, weibischen Engländer und andere dankbare Opfer lustig gemacht. Jetzt wollten die Gäste etwas Gewagteres, das sie in der Welt jenseits des Herz-Ass nicht zu hören bekamen. Etwas, das sie spontan in Gelächter ausbrechen ließ, bevor sie mit einem überraschten Luftschnappen innehielten und dann erneut lachten – diesmal über sich selbst, weil sie sogar in einer so sicheren Umgebung derart schreckhaft waren.
»Also, manchmal muss ich mich schon über die Übermenschen wundern, die unsere glorreiche Rasse zum Sieg über unsere Feinde führen …«
»Auf den Sieg!«, rief ein lallender junger Offizier und stieß eine halb leere Champagnerflasche in die Luft, wobei sich ihr Inhalt teilweise über seine Begleiterin ergoss. Diese sah ihn daraufhin grimmig an, machte jedoch schnell wieder eine fröhliche Miene, bevor er ihre Empörung bemerken konnte. »Deutschland über alles!«
»Sie sagen es, mein Herr!« Bachmann grinste. »Mit so heroischen Gestalten wie dem fetten Hermann und dem kleinen Joseph an der Spitze können wir gar nicht verlieren.«
Das Publikum lachte. Bachmann hatte seine Opfer weise gewählt. Ein ihm bekannter Kabarettist hatte sich vor etwa einem Jahr erdreistet, einen Witz über Himmler zu machen, und war kurz darauf verschwunden. Spurlos. Himmlers Zuträger hatten ihre Augen und Ohren überall. Witze über andere Politiker ließen sie durchgehen, doch sich über den Reichsführer SS oder den Führer lustig zu machen, war Selbstmord.
»Apropos Joseph«, fuhr Bachmann fort. »Haben Sie sich auch schon mal gefragt, wie es so ein Kümmerling so weit bringen konnte?« Er spitzte die Lippen. »Ja, darüber wundern sich viele. Wie konnte der kleine Joseph mit dem Klumpfuß zum Anführer der Herrenrasse werden, wollen sie wissen. Dann will ich Ihnen mal ein Geheimnis verraten, meine Herrschaften. Unser Joseph war nicht immer so eine halbe Portion. Als man ihn damals nach Berlin geschickt hat, um die Partei hier zu leiten, war er noch ein großer, strammer Bursche. Was? Glauben Sie mir etwa nicht? Doch, so ist es, ich war dabei und habe es mit eigenen Augen gesehen. Er war einen Kopf größer als unser geliebter Führer, und alle Männer haben ihn beneidet.« Er nickte und nahm noch einen Schluck Bier. »Leider hatte unser Joseph ein Problem … und zwar ein sehr kleines Problem.« Mit einem anzüglichen Grinsen hob er die Hand und streckte den kleinen Finger aus.
Aus dem Publikum waren Gekicher und mehrere derbe Zwischenrufe zu hören.
»Jede Frau hat ihn ausgelacht, sobald er ihn herausholte. Und wenn er es einmal mit einer ins Bett geschafft hat, so konnte die arme Frau beim besten Willen nicht sagen, ob er sie jetzt penetrierte oder nicht.«
Bachmann warf Remer einen kurzen Blick zu. Zu seiner Erleichterung grinste der Lokalbesitzer finster. Neben Remer saß seine momentane Geliebte, eine hochgewachsene Blondine, die ihren eher prosaischen Taufnamen abgelegt hatte und sich Kitty nannte. Für sie war Remers Grinsen das Stichwort, um eilfertig zu kichern.
»Nun, Joseph war in seiner Ehre schwer gekränkt«, fuhr Bachmann fort, »und da er damals noch ein guter katholischer Junge war, kniete er sich eines Abends hin und fing an zu beten.« Bachmann stellte das Glas ab, legte die Hände zusammen und sah zur Decke auf. »›Allmächtiger Gott‹, sagte er. ›O Herr, ich bin ein guter Mensch. Ein rechtschaffener Mann. Ein treuer Diener der Partei und unseres von der göttlichen Vorsehung erwählten Führers. Warum hast du mich mit einem Schwanz von der Größe einer Erdnuss gestraft? Ich flehe dich an, belohne mich für die Opfer, die ich Jahr um Jahr erbracht habe.‹ Mit einem Mal erfüllt eine Stimme wie Donnerhall Josephs Schlafzimmer: ›Was willst du von mir? Sprich, und es sei dir gewährt.‹ – ›Ich will den größten Schwanz aller Zeiten!‹, ruft Goebbels, wie aus der Pistole geschossen. ›Ich will einen so großen Schwanz, dass er den Boden berührt‹ – ›Na schön‹, sagt Gott. ›Leg dich zur Ruhe, mein Sohn. Wenn du morgen aufwachst, wird alles so sein, wie du es dir gewünscht hast. Sei gesegnet.‹ Joseph schlüpft unter die Decke, schließt die Augen und zählt Schafe, bis er einschläft …« Bachmann kaute einen Augenblick auf der Unterlippe. »Und als er aufwacht, springt er aus dem Bett – und sieht, dass seine Beine einen Meter kürzer sind als vorher!«
Der Großteil des Publikums brüllte vor Lachen, nur einige wenige, die entweder zu betrunken oder schwer von Begriff waren, blickten verwirrt um sich. Bachmann sah Remer lachen und stieß ein erleichtertes Seufzen aus. Solange sich der Besitzer amüsierte, hatte er nichts zu befürchten. Er strahlte das Publikum an und hob die Hände, bis das Lachen verstummt war. »Das war’s für heute! Herzlichen Dank, meine Damen und Herren!«
Unter Jubelrufen und Applaus hob Bachmann sein Glas, bevor er die Bühne verließ. Der immer noch grinsende Remer winkte ihn zu sich und deutete auf die mit rotem Leder bezogene Sitzbank gegenüber. Bachmanns Herz schlug vor Aufregung schneller. Eigentlich hatte er sich unverzüglich zur Theke begeben, ein wenig mit dem Publikum plaudern, vielleicht ein paar Freigetränke herausschlagen und dann nach Hause gehen wollen. Doch stattdessen musste er sich zu seinem Chef setzen und die spitzen Bemerkungen über sich ergehen lassen, mit denen dieser ihn schon so oft gequält hatte.
Als Nächstes schleppte ein dünner Mann im Frack ein großes Akkordeon auf die Bühne und setzte sich auf den Hocker, den Bachmann soeben verlassen hatte. Während er das Instrument stimmte, nahm Bachmann Remer gegenüber Platz und nickte ihm zum Gruß zu.
»Dein Glas ist ja fast leer.« Remer deutete mit einem Finger darauf, an dem ein edelsteinbesetzter Ring funkelte. »Du hast sicher Durst. Was willst du trinken?«
»Nichts, vielen Dank, Chef.«
Remer sah sich nach einem Kellner um, woraufhin sofort einer auf ihn zugeeilt kam. »Eine Flasche Dom Pérignon, und zwar gut gekühlt!«
Der Kellner nickte ergeben und verschwand im Schummerlicht.
Bachmann zwang sich zu einem Lächeln. »Danke. Meine Kehle ist nach einem Auftritt immer wie ausgedörrt.«
»Das kann ich mir vorstellen. Würde mir genauso gehen, wenn ich gerade einen Witz über den Reichspropagandaleiter gemacht hätte. Man weiß ja nie, wer gerade zuhört.« Remer starrte ihn mit Augen wie poliertes Ebenholz einige lange Sekunden unverwandt an, dann verzogen sich seine Mundwinkel zu einem leichten Lächeln. »Keine Sorge, Otto, dir passiert schon nichts … zumindest, solange ich es mir nicht anders überlege.«
Bachmann stieß ein kurzes Lachen aus. »Chef, jetzt hätten Sie mich aber beinahe drangekriegt«, sagte er kopfschüttelnd und bemühte sich dabei, das Zittern in seiner Stimme zu verbergen.
Kitty warf ihm einen kurzen Blick zu und zupfte in gespielter Empörung an Remers Ärmel. »Du grausamer Mensch!«
Remer öffnete die Lippen noch ein Stück weiter und entblößte seine Zähne, groß, gerade und weiß wie Klaviertasten. »Das war ein ziemlich gewagter Witz, Otto. Ich würde es mir gut überlegen, bevor ich ihn noch mal anbringe.«
Bachmann deutete auf die an den anderen Tischen sitzenden Gäste. »Ist aber doch gut angekommen, Chef. Das Publikum hat gelacht.«
»Ja, das stimmt. Bei solchen Scherzen kam man früher ungeschoren davon, Otto. Aber jetzt ist Deutschland im Krieg und unsere politische Führung wird auf jede noch so unschuldige Kritik empfindlich reagieren.« Plötzlich streckte er den Arm aus, nahm Bachmanns Hand und schloss seine kräftigen Finger fest darum. »Stell dir nur vor, einer meiner Gäste ist so indiskret und erzählt den Witz außerhalb meines Lokals weiter. Du weißt doch, wie es ist, Otto. Der Scherz macht die Runde, und irgendwann wird jemand von ganz oben – jemand, der unseren Sinn für Humor nicht teilt – wissen wollen, woher er kommt. Und schon treten dir die Jungs in den schwarzen Ledermänteln die Tür ein, lassen dich verschwinden, und – noch schlimmer – sehen sich mein Nachtlokal und meine anderen Geschäfte genauer an. Das kann ich nicht zulassen, das verstehst du doch?«
Bachmann nickte. »Klar, Chef.« Er verzog das Gesicht, als Remer seinen Griff verstärkte.
»Du tust ihm doch weh«, sagte Kitty. »Max … du tust ihm weh. Hör auf.«
Remer warf ihr einen eisigen Blick zu, ließ Bachmanns Hand los und holte ein silbernes Zigarettenetui aus dem schwarzen Samtjackett. Er nahm sich eine, bot Kitty eine an und ließ das Etui wieder zuschnappen. Dann zündete er sich die Zigarette mit einem in einer Schale auf dem Tisch bereitliegenden Streichholz an. Die grelle rote Flamme erhellte seine finstere Miene. Er nahm einen Zug und blies Bachmann den Rauch ins Gesicht.
Der Kabarettist unterdrückte ein Husten und versuchte, sich seine Beunruhigung nicht anmerken zu lassen. Gerade hatte er noch im Scheinwerferlicht geschwitzt, und jetzt stand ihm schon wieder der Schweiß auf der Stirn. Bachmann war groß und kräftig gebaut, hatte aber ein rundes, jungenhaftes Gesicht, das bei den Frauen das Bedürfnis auslöste, ihn zu bemuttern – ein Umstand, den er des Öfteren zu ihrer Verführung ausnutzte. Doch ganz im Gegensatz zu dem schlanken, schmalgesichtigen Lokalbesitzer bestand seine nicht unbeträchtliche Körperfülle mehr aus Fett denn aus Muskeln.
Bei der Neujahrsfeier hatte Bachmann miterlebt, wie zwei Betrunkene Remer und Kitty vor dem Herz-Ass belästigt hatten. Remer hatte die beiden niedergeschlagen und so lange auf sie eingetreten, bis sie das Bewusstsein verloren. Dann hatte er seine Krawatte und den Mantel zurechtgerückt, den Arm um Kitty gelegt, als wäre nichts geschehen, und war in aller Seelenruhe in sein Lokal gegangen. Die Betrunkenen hatten noch Glück gehabt. Dass Remer schon für weniger getötet hatte, war nicht nur ein Gerücht, sondern die Wahrheit, wie Bachmann von einem erfahren hatte, der es wissen musste.
Remer deutete mit der glühenden Zigarettenspitze auf Bachmann. »Das war eine gute Vorstellung, Otto. Wenn das Publikum lacht, bin ich zufrieden. Aber du solltest an deinen Witzen arbeiten. Lass die da oben zufrieden und such dir eine leichtere Beute: die Franzosen, die Briten, die Kommunisten, die Juden und so weiter. Meine Gäste kommen wegen der billigen Witze und der teuren Getränke, nicht weil sie aufgefordert werden wollen, Deutschlands Führung zu hinterfragen. Dafür ist es zu spät. Die Weimarer Republik ist schon lange passé. Anbruch einer neuen Zeit und so weiter. Wer sich nicht anpasst, der geht unter. Klar?«
»Wie Kloßbrühe, Chef.«
Remer kicherte. »Na schön. Du bist entlassen.«
Bachmann zögerte. »Und der Champagner?«
»Treib’s nicht zu weit, Otto. Und nimm vorsichtshalber den Seiteneingang, falls einem von Josephs Bewunderern dein Scherz nicht gefallen hat.«
Bachmann stand auf. Der Akkordeonspieler stimmte die Anfangstakte eines Trinklieds an. Die Menge jubelte und grölte von der ersten Strophe an mit. Bachmann schlich sich an der Wand entlang zur Künstlergarderobe und schloss die Tür mit einem erleichterten Seufzen hinter sich.
Remer wartete einen Augenblick. »Es hat dir wohl nicht gefallen, wie ich mit ihm umgesprungen bin?«, fragte er Kitty mit leiser Stimme.
»Das habe ich nicht gesagt.«
»War auch nicht nötig. Dein Schweigen spricht Bände.«
Sie wandte sich ihm zu. »Also gut, ja. Es hat mir nicht gefallen. Otto ist ein guter Kabarettist. Vergraul ihn nicht.«
Remer lachte trocken. »Das wird so schnell nicht passieren. Wo soll er denn hin? Es gibt sonst keine Bühnen mehr, auf denen er solche Witze machen darf. Er kann mir dankbar sein, dass ich ihn weiter hier auftreten lasse. Und deswegen wird er auch tun, was ich sage.«
»Noch jemand, den du unter deiner Fuchtel hast«, bemerkte sie und streifte die Asche von ihrer Zigarette.
Der Kellner kam mit einem Eiskübel, in dem die bereits entkorkte Champagnerflasche und drei Sektflöten steckten.
»Das dritte Glas kannst du wieder mitnehmen«, sagte Remer. »Der Herr von eben ist schon gegangen.«
Der Kellner nickte, schenkte ein und begab sich wieder zur Theke. Kitty hob das Glas und nahm einen tiefen Schluck. »Das war höchste Zeit.«
»Genieß ihn, solange es noch welchen gibt. Wir haben nur noch ein paar Dutzend Flaschen im Keller. Bis Frankreich erobert ist, werden wir uns wohl einschränken müssen.«
Kitty hob eine Augenbraue. »Ich dachte, der Führer bemüht sich um einen Friedensvertrag?«
»Nicht unbedingt …«
»Wieso? Was hast du von deinen Parteifreunden gehört?«
»Geht dich nichts an. Aber es wird bald spannend werden, so viel kann ich dir verraten. Wenn alles nach Plan läuft, werden wir den Führer und seine Freunde noch länger an der Backe haben. Sehr viel länger. Und deshalb dürfen wir es uns mit ihnen nicht verscherzen, meine Liebe. Genau wie jede andere Verbrecherbande auch halten sie sich nicht an die Regeln, also muss man zusehen, dass man ihnen nach Möglichkeit in den Arsch kriecht.«
Sie nickte und starrte in ihr so gut wie leeres Glas. »Hast du Angst vor ihnen?«
»Wie jeder, der noch bei Verstand ist. Aber momentan habe ich drängendere Sorgen. Die Nazis sind nicht die Einzigen, vor denen ich mich in Acht nehmen muss.«
Drei Männer mit Mänteln und Hüten betraten durch den Haupteingang am gegenüberliegenden Ende das Lokal. Sie hatten einen vierten in der Mitte, der einen Anzug und eine tief ins Gesicht geschobene Kappe trug. Einer der Männer deutete nach oben und führte seine Begleiter an der Garderobe vorbei, wo eine Frau mit gelangweiltem Blick hinter ihrem Tresen saß, die Treppe zu Remers Büro hinauf.
Remer stellte das Glas auf den Tisch und legte die Zigarette im Aschenbecher ab. »Kitty, ich muss mich um ein paar Gäste kümmern. Lass dir den Champagner schmecken.«
Er verließ die Sitznische und schlenderte mit den Händen in den Taschen seines Jacketts um die Tische herum zur Treppe. Kitty sah ihm hinterher, dann lehnte sie sich mit dem Kopf voll düsterer Vorahnungen zurück und lauschte dem Akkordeonspieler.
Remer schloss die Bürotür und dämpfte so das Gegröle der Betrunkenen. Der Raum war mit Teppich ausgelegt, über der Eichenholzverkleidung hingen gerahmte Plakate und Fotografien der Berühmtheiten, die dem Herz-Ass in den fünfzehn Jahren seines Bestehens einen Besuch abgestattet hatten. Ein großer Lederschreibtisch stand über Eck vor einem Fenster, durch das man den Gastraum überblicken konnte, daneben befanden sich ein Tresor und mehrere Aktenschränke. Die Männer hatten sich in der anderen Ecke hinter dem etwas derangierten Mann aufgebaut. Sie hatten ihn an den Schultern gepackt und drückten ihn auf einen einfachen Holzstuhl.
»Wohler! Wo hast du unseren Freund denn gefunden?«, fragte Remer.
Der breitschultrige Anführer des kleinen Trupps nahm den Hut ab. »Im Augsburger Keller. Wir haben gewartet, bis er rausgekommen ist, und ihn dann in der nächsten Gasse geschnappt.«
»Bist du sicher, dass euch niemand gesehen hat?«
»Ziemlich sicher, Chef. Es war dunkel, und außerdem war niemand in der Nähe. Wir haben ihn gleich in den Lieferwagen verfrachtet.«
»Gute Arbeit.« Remer wandte sich dem Mann auf dem Stuhl zu. Er war Anfang zwanzig und trug das blonde Haar, der momentanen Mode entsprechend, an den Seiten rasiert, doch oben etwas länger. Remer fühlte sich an sich selbst in jungen Jahren erinnert, gut aussehend, schneidig, ehrgeizig. Nur dass dieser Mann hier törichterweise geglaubt hatte, seinen Arbeitgeber bestehlen und ungeschoren davonkommen zu können. Remer selbst war seinem Boss immer treu gewesen, bis eine feindliche Verbrecherbande diesen vor dem Herz-Ass niedergeschossen hatte. Danach hatte Remer die Organisation übernommen und verlangte nun von seinen Männern dieselbe bedingungslose Treue, die auch er damals an den Tag gelegt hatte.
»Wilhelm Feldmayer«, sagte er mit müder Stimme. »Du hast mich schwer enttäuscht. Wie lange kennen wir uns jetzt schon?«
»Max, hör zu, es ist nicht so, wie es aussieht …«
»Fünf Jahre«, fiel ihm Remer ins Wort. »Fünf Jahre … Damals warst du ein Junge aus der Gosse, ein Taschendieb. Ich habe dein Potenzial erkannt, dich unter meine Fittiche genommen und dir sogar die Leitung des Herz-Ass anvertraut. Ich habe dich in der Organisation aufsteigen lassen. Du warst ein gemachter Mann, mit eigener Wohnung, schönen Anzügen, stets gut bei Kasse. Und noch dazu mit einem so hübschen Gesicht gesegnet.«
Wohler gab ein amüsiert-verächtliches Schnauben von sich.
»Das hast du alles mir zu verdanken, Wilhelm.«
»Ich bin dir auch sehr dankbar dafür …«
»Solltest du auch.« Remer hob die Hand und bemerkte mit einem Stirnrunzeln, dass er seine Zigarette unten im Aschenbecher hatte liegen lassen. Er warf einen Blick durch das Fenster – Kitty saß immer noch am Tisch und starrte gedankenverloren vor sich hin. Er nahm eine weitere Zigarette aus dem Etui und zündete sie sich mit einem schweren Messingfeuerzeug an, das auf dem Schreibtisch stand.
»Wilhelm, ich kann es nicht ausstehen, wenn mir jemand meinen Großmut vergilt, indem er mir in den Rücken fällt. Ich nehme es nicht persönlich, aber es ist schlecht fürs Geschäft. Es lässt mich schwach aussehen. Als hätte ich meine Leute nicht im Griff, und das kann in unserer Branche gefährlich werden. Also raus mit der Sprache, seit wann verkaufst du Paul Guttmann meine Essensmarken?«
Der junge Mann bemühte sich um eine ratlose Miene. »Ich weiß nicht, wovon du sprichst …«
»Das weißt du sehr wohl.« Remer lächelte. »Aber vielleicht müssen wir deinem Gedächtnis ein bisschen auf die Sprünge helfen.«
Er nickte. Wohler öffnete die Faust und versetzte dem jungen Mann eine heftige Ohrfeige. Feldmayer blinzelte und schüttelte den Kopf. Blut lief ihm in einem Rinnsal das Kinn hinunter und tropfte zwischen seine Schuhe.
»Immer halblang, Wohler. Du ruinierst mir ja noch den Teppich. Das nächste Mal bitte in den Magen oder in die Rippen.«
»Tut mir leid, Chef.«
»Wilhelm, ich frage dich noch einmal: Seit wann?«
»Ich schwöre bei Gott, ich weiß nicht …«
Wohler rammte die Faust in den Bauch des jungen Mannes, woraufhin sich dieser mit einem lauten Keuchen zusammenkrümmte. Die Männer zu beiden Seiten richteten ihn wieder auf.
Remer nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. »Du beleidigst meine Intelligenz. Ich weiß genau, wie viele Markenbögen wir gedruckt und wem wir sie verkauft haben. Deine Aufgabe war es, sie den Kunden zu bringen. Den Kunden und niemandem sonst. Wie kommt es also, dass der fette Paul unsere Marken in die Finger bekommen hat?«
Feldmayer antwortete nicht. Remer schnalzte mit der Zunge. »Du wärst vielleicht sogar damit durchgekommen, weißt du, wenn Guttmann nicht vor Kurzem versucht hätte, die Marken unseren Kunden zu verkaufen. Das ist mir natürlich nicht verborgen geblieben. Was hattest du denn vor, Wilhelm? Wolltest du ein kleines Vermögen anhäufen und dich dann nach Hamburg oder sonst wohin verziehen? Ein neues Leben anfangen? Glaubst du etwa, ich hätte dich nicht überall gefunden? Du Trottel …«
Er nahm noch einen Zug von seiner Zigarette. Die Spitze glühte hellrot auf. »Haltet seinen Kopf fest.«
Wohler legte den Arm um den Hals des jungen Mannes und ergriff ein blondes Haarbüschel. Die anderen packten seine Arme, sodass sich ihr Gefangener kaum bewegen konnte, sosehr er es auch versuchte.
»Wilhelm, du bist nicht länger Mitglied in unserer Organisation«, sagte Remer. »Geh zurück in die Gosse, in der ich dich gefunden habe. Allerdings will ich dich auch nicht ohne Abschiedsgeschenk ziehen lassen. Damit du dich immer an mich erinnerst und alle anderen sehen, was passiert, wenn man mich zu hintergehen versucht.«
»Max … bitte nicht!«, zischte Feldmayer zwischen zusammengebissenen Zähnen.
Remers Lippen verzogen sich zu einem höhnischen Lächeln, als er die Zigarette auf das Gesicht des jungen Mannes zubewegte. Feldmayer kniff beide Augen zusammen. Remer zwang die Lider des linken Auges mit seiner freien Hand auf und entblößte so Augapfel und Iris. Dann stach er die Zigarettenglut hinein. Es zischte leise, und beißender Rauch stieg auf. Sein Opfer stieß einen durchdringenden Schmerzensschrei aus, jeder Muskel in seinem Körper verkrampfte sich.
Remer drückte die Zigarette auf Feldmayers Wange aus. »Werft ihn zum Hintereingang raus und verpasst ihm eine ordentliche Abreibung. Sollte er hier noch mal auftauchen, dann lasst ihn für immer verschwinden. Und jetzt schafft mir diesen erbärmlichen Scheißkerl aus den Augen, bevor er mir noch den Teppich vollpisst.«
Als Remer zu ihrem Tisch zurückkehrte, blickte Kitty auf und bemerkte seine finstere Miene.
»Ärger?«
»Jetzt nicht mehr. Ich habe alles geregelt.«
»Was denn geregelt?«
»Wenn es dich etwas anginge, hätte ich es dir erzählt«, sagte er in leicht gereiztem Tonfall. »Du sollst mir doch keine Fragen übers Geschäft stellen, das hab ich dir schon mal gesagt.«
»Glaubst du denn, ich weiß nicht, was du da treibst? Was du für einer bist? Ich habe hier schon genug gesehen, und dumm bin ich auch nicht. Ich habe Augen im Kopf, weißt du?«
»Weiß ich. Das ist einer der Gründe, warum ich dich so begehrenswert finde.« Remer hob sein Glas, nahm einen Schluck und stellte es mit angewiderter Miene wieder ab. Der Champagner war längst schal geworden. »Ich mag dich, Kitty. Wirklich. Aber du darfst eines nicht vergessen: Wer zu viel weiß, lebt gefährlich. Am besten kümmerst du dich nicht darum, was hier vor sich geht. Und wenn du etwas mitbekommst, behalt’s für dich. Dasselbe gilt für das, was du über mich und meine Geschäfte zu wissen glaubst. Damit diesen schönen Augen nichts passiert.«
Sie sah ihn an und wandte sich dann mit einem Schaudern ab.
Sie blieben im Herz-Ass, bis der Akkordeonspieler nach einer weiteren Stunde von einer exotischen Tänzerin abgelöst wurde, die ihren Körper mit künstlichen Straußenfedern streichelte und mit einem wissenden Blick dem betrunkenen, jubelnden Publikum immer mehr Haut präsentierte. Remer und Kitty sprachen kaum miteinander und tranken nur wenig von dem frischen Champagner, den er bestellt hatte.
»Mir reicht’s«, sagte er kurz nach Mitternacht. »Fahren wir nach Hause.«
Er winkte einem Kellner und befahl, den Wagen vorfahren zu lassen, dann half er Kitty aus der Sitznische. Sie holten ihre Mäntel und Kopfbedeckungen von der Garderobe neben der Treppe, dann ging er noch einmal in sein Büro hinauf und kehrte wenig später mit einem glänzenden Aktenkoffer aus Leder zurück, in dem sich die Einnahmen des vergangenen Monats befanden. Ein Bediensteter am Eingang öffnete ihnen die Doppeltür, und sie traten in die Nacht hinaus.
Auch hier, nicht weit vom Zentrum Berlins entfernt, galt die Verdunkelungsverordnung, die nachts auch alle anderen größeren und kleineren deutschen Städte in Finsternis hüllte. Vor den Fenstern hingen dicke Vorhänge, die Straßen waren nicht beleuchtet und die Autoscheinwerfer mit Schlitzblenden versehen, durch die nur ein winziger Lichtstrahl drang, um dem Fahrer bei der Orientierung zu helfen. Selbst die Fahrradlampen waren derart ausgestattet. Das einzige Zugeständnis an die Sicherheit der Bevölkerung war die Leuchtfarbe auf den Bordsteinen, die dabei half, Gehweg von Fahrbahn zu unterscheiden. Trotzdem war die Zahl der Verkehrstoten seit Beginn der Verdunkelung ebenso sprunghaft angestiegen wie die der Raubüberfälle, Vergewaltigungen, Morde, Prostitutionsdelikte und Schwarzmarktaktivitäten. Zu Remers großer Freude eröffnete der Krieg dem Verbrechen ungeahnte Möglichkeiten.
Während sie warteten, legte er schützend den Arm um Kitty. Die Nacht war kühl, aber nicht kalt. Trotzdem spürte er, dass sie zitterte.
»Der Wagen kommt gleich«, sagte er leise, und schon war der sich nähernde Motor des auf Hochglanz polierten schwarzen Daimler-Zwölfzylinders mit vier Türen, breiten Trittbrettern und elegant geschwungenen Kotflügeln zu hören. Obwohl die Partei alle Zivilfahrzeuge zur militärischen Nutzung eingezogen hatte, waren immer noch viele davon auf Berlins Straßen zu sehen. Als »für die Kriegsanstrengung unentbehrliches Parteimitglied« besaß Remer die entsprechende Erlaubnis, erteilt von einem hohen Beamten im Propagandaministerium, der dafür regelmäßig Geld oder einen Teil der Waren erhielt, mit denen Remer auf dem Schwarzmarkt handelte. Man hatte ihm sogar einen SA-Mann als Fahrer gestellt, dessen braune Uniform die Streifenpolizisten davon abhielt, bei einer Kontrolle allzu neugierige Fragen zu stellen.
Der Wagen kam vor dem Herz-Ass zum Stehen. Der Fahrer zog mit einem Knarren die Handbremse, stieg aus, lief um das Auto herum und beeilte sich, die Tür zum Schlag zu öffnen. Remer half Kitty hinein, dann erst sah er das vom Armaturenbrett schwach beleuchtete Gesicht des Fahrers. Es war ihm völlig unbekannt.
»Wer sind Sie? Wo ist Kurtz?«
»Der ist krank, Herr Remer. Ich bin die Vertretung.«
»Wie heißen Sie?«
»Sturm-Mann Schlemminger, Herr Remer.«
»Schlemminger, ja?« Remer musterte den bulligen Mann, die ordentlich an der Uniform angebrachten Rangabzeichen und die Litzen an der Mütze. »Na schön, fahren Sie uns zu mir nach Hause.« Er machte eine abwartende Pause.
»In die Hangelstraße in Pankow, Herr Remer. Kurtz hat mir Ihre Adresse mitgeteilt. Da finde ich sogar im Dunklen hin.«
»Also gut.« Remer nahm neben Kitty auf der Rückbank Platz, und der Wagen setzte sich in nördlicher Richtung nach Pankow in Bewegung.
»Ich weiß nicht, ob er auch wirklich der ist, der er zu sein behauptet«, flüsterte Remer Kitty ins Ohr.
»Warum denn nicht?«
»Weil Kurtz noch nicht einen Tag gefehlt hat, seit er in meinen Diensten steht.« Remer beugte sich vor. »Wer hat Ihnen die Order gegeben, für Kurtz einzuspringen?«, fragte er den Fahrer.
»Befehl von ganz oben, Herr Remer«, sagte Schlemminger, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. »Ich bin eigentlich Bote im Propagandaministerium und war zufällig zur Stelle, als sich Kurtz telefonisch krankgemeldet hat.«
»Telefonisch? Kurtz hat doch gar kein Telefon.«
»Nein, Herr Remer. Aber er hat den Apparat seines Blockwarts benutzt.«
»Verstehe … Aber wer genau hat Ihnen den Befehl gegeben, für Kurtz einzuspringen?«
»Schlachter, Herr Remer.«
Remer erinnerte sich dunkel an den Namen, einen Augenblick später fiel ihm auch ein Gesicht dazu ein. Der blasse, glatzköpfige Schlachter war Universitätsdozent gewesen, bevor ihn Goebbels ins Propagandaministerium geholt hatte. Damit gab sich Remer zufrieden und lehnte sich zurück. Kitty nahm seine Hand, drückte sie leicht und sah ihn fragend an.
»Keine Sorge. Außerdem …« Er tätschelte die Stelle, wo sein Totschläger – ein Relikt aus den Kampftagen der Partei – den Mantel ausbeulte.
Der Daimler fuhr unter einem mondlosen Himmel durch die dunklen Straßen. Nur die hellsten Sterne waren durch den Dunst zu erkennen, der über Berlin hing. Nach etwa fünf Minuten Fahrt – Remers Rechnung zufolge hatten sie ungefähr die Hälfte der Strecke zurückgelegt – wurde der Wagen langsamer, und der Fahrer murmelte verärgert irgendetwas vor sich hin.
»Was ist?«, fragte Remer.
»Anscheinend eine Umleitung.« Schlemminger deutete auf eine im schwachen Licht der Scheinwerfer kaum zu erkennende Gestalt, die Mantel und Mütze der Ordnungspolizei trug. Der Beamte schaltete die Taschenlampe ein und deutete damit auf eine enge Gasse zu seiner Rechten. Der Fahrer folgte der Anweisung, bog ab und fuhr weiter, bis das Licht der Scheinwerfer auf eine vor Schmutz starrende Wand am Ende der zu beiden Seiten von Lagerhäusern und Mietskasernen gesäumten schmalen Straße fiel.
Remer beugte sich vor. »Was zum Teufel soll das? Ihr Schweine! Runter, Kitty!«
Der Wagen hielt abrupt an. Der Polizist kam von hinten auf den Wagen zu.
Auf der Hauptstraße war zunächst alles still, dann zuckten mehrere schwache Lichtblitze in der Gasse auf, gefolgt von Schüssen, deren Knall von den Wänden widerhallte. Schnelle Schritte verloren sich in der Entfernung, dann schrie eine Frau vor Schmerz auf und rief um Hilfe.
Kriminalpolizeiabteilung Pankow, 5. Mai
»Mein Name ist Oberführer Radinsky.« Der Dienststellenkommandant blickte von dem schmalen Podium auf seine Untergebenen herab, die sich anlässlich der monatlichen Veranstaltung zur politischen Bildung in der Kantine versammelt hatten. Ihr Gemurmel verstummte sofort, und ihre Aufmerksamkeit galt ganz ihrem neuen Kommandanten, der den Posten vor zehn Tagen, nach dem Suizid seines Vorgängers, von einem Interimsbefehlshaber übernommen hatte. Da dies die ruhigste Zeit des Tages in der Polizeibehörde war, sprach er nun zum ersten Mal vor der gesamten Belegschaft – abgesehen von den sich momentan auf Streife befindlichen Beamten natürlich.
Radinsky verschränkte die Hände hinter dem Rücken und hob das Kinn. Der Mittdreißiger war groß, schlank, hatte wache Augen und ein jugendliches Gesicht, sein Haar war jedoch bis auf eine dunklere Stelle am Scheitel bereits vollständig ergraut. Vom ersten Tag an war er in SS-Uniform erschienen, was nicht wenige skeptische Blicke zur Folge gehabt hatte. Obwohl in der Dienststelle mehrere Beamte zusätzlich zu ihrem Polizei- auch einen SS-Rang bekleideten, kam doch niemand in entsprechender Uniform zur Arbeit.
Radinsky räusperte sich. »Sicher fragen sich einige von Ihnen, weshalb man mir das Kommando über die Dienststelle Pankow übertragen hat. Tatsache ist, dass diese Abteilung beim Reichssicherheitshauptamt einen gewissen Ruf genießt, und zwar den, es bei der Durchsetzung von Recht und Gesetz nicht allzu genau zu nehmen. Außerdem den Ruf, bestechlich zu sein. Den Ruf, dass ein beträchtlicher Teil der Belegschaft nicht mit der Ideologie des Reichs einverstanden zu sein scheint. Ich wurde auf direkten Befehl von Gruppenführer Heydrich hierher entsandt, um den Faulen, Korrupten und Undeutschen unter Ihnen Beine zu machen. Ich bin hier, um den guten Ruf der Dienststelle und die Ehre unserer Polizeibeamten wiederherzustellen. Wer sich mir in den Weg stellt, darf nicht auf Nachsicht hoffen. Ich werde jeden, der nicht dem Standard entspricht, den das deutsche Volk von Ihnen verlangt, in hohem Bogen hinauswerfen lassen. Wer käuflich ist oder undeutschen Werten anhängt, wird strengstens bestraft.« Seine kalten grauen Augen glitten über die in der Kantine Versammelten. »Ich hoffe, ich habe mich klar und deutlich ausgedrückt.«
Er wandte sich einem weiteren Mann in SS-Uniform zu, der am Rande des Podiums stand. Man hatte ihn aus dem Hauptquartier in der Wilhelmstraße hierhergeschickt, um den Vortrag zur politischen Bildung zu halten.
»Weitermachen.«
Radinsky trat beiseite. Der jüngere Offizier trug ein Stehpult in die Mitte des Podiums und legte das maschinengeschriebene Manuskript, das er unter den Arm geklemmt hatte, darauf ab. Dann schluckte er nervös. »Volksgenossen!«, rief er mit lauter, tonloser Stimme. »Sie alle sind sich der Herausforderungen bewusst, die uns bei unserem heiligen Auftrag begegnen, den nötigen Lebensraum für die deutsche Rasse zu erringen, diesen zum Wohle der Menschheit urbar zu machen und zu zivilisieren. Sie haben von den Bedingungen gelesen, die unsere siegreichen Soldaten in Polen vorgefunden haben. Durch Filmaufnahmen haben Sie von der barbarischen Natur des Polacken und den elenden Verhältnissen, in denen er lebt, erfahren. Abstoßender und widerwärtiger ist nur noch Wesen und Betragen der polnischen Juden.« Er schaute zum gegenüberliegenden Ende der Kantine. »Vorhänge, bitte. Film ab.«
Während mehrere Männer die Verdunklungsvorhänge vor die Fenster zogen, schaltete ein weiterer den Filmprojektor an. Ein heller Lichtstrahl erschien über den Köpfen der Polizisten, und sobald das Tageslicht ausgesperrt war, spielte der Vorführer den Propagandafilm ab. Eine grelle Trompetenfanfare ertönte aus dem an den Projektor angeschlossenen Lautsprecher, und der vertraute Vorspann der Deutschen Wochenschau erschien auf der Leinwand. Dann fasste der sich vor Begeisterung fast überschlagende Sprecher die glorreiche Eroberung Polens zusammen, während Bilder von polnischen Soldaten gezeigt wurden, die ihre Gewehre vor ihren grinsenden deutschen Gegnern zu Boden warfen, von Hakenkreuzfahnen, die unter dem Blick der unterworfenen Bevölkerung von den Balkonen öffentlicher Gebäude entrollt wurden.
Am hinteren Ende der Kantine stand eine kleine, von ihren uniformierten Kollegen etwas abgesonderte, aus zehn Männern und zwei Frauen bestehende Gruppe – die Kripoabteilung des Reviers, eine kriminologische Eliteeinheit, angeführt von Inspektor Schenke, einem drahtigen Mann, der sein welliges braunes Haar etwas länger trug als die meisten anderen deutschen Männer. Trotz aller Anstrengungen des Regimes hatten die meisten Berliner noch einen aufmüpfigen Zug behalten. Schenke verfolgte den Film mit verschränkten Armen auf einer Tischkante sitzend.
»Meine Güte, wie oft wollen sie uns das denn noch zeigen?«, murrte der Mann neben ihm. »Man könnte ja meinen, wir hätten Polen erst gestern erobert … dabei ist das schon ein halbes Jahr her.«
Schenke warf dem stämmigen Mann mit dem kurz geschorenen Haar einen Blick zu. Kriminalassistent Hauser, sein Stellvertreter und seine rechte Hand, verfügte über zwanzig Jahre Diensterfahrung und hatte davor mit der kaiserlichen Armee an der Westfront gekämpft. Er war Parteimitglied, nahm es aber mit der zugehörigen Ideologie nicht allzu genau.
»Seien Sie bloß froh, dass die Führung weiterhin diesen Sieg bejubelt, anstatt einen neuen Konflikt vom Zaun zu brechen«, flüsterte Schenke.
»Wir sind nach wie vor mit Frankreich und England im Krieg«, gab Hauser zu bedenken.
»Stimmt, aber wie lange noch? Um Polen zu retten, ist es zu spät, und außerdem hat man ihnen in Norwegen eine empfindliche Niederlage beigebracht. Sie haben also nichts mehr davon, den Krieg noch weiterzuführen«, sagte Schenke mit trockenem Sarkasmus. »Wie der Führer nicht müde wird zu betonen.«
Dieses Argument war allgegenwärtig. Schenke hatte es oft gehört und in Zeitungsartikeln gelesen, in denen Hitler als Mann des Friedens dargestellt wurde, der den Kampfhandlungen so schnell wie möglich ein Ende bereiten wollte. In Berlin jedoch wuchs die Angst davor, dass sich der Krieg zu einem weitaus gefährlicheren Flächenbrand ausbreiten könnte. Auch Schenke hatte diese Befürchtung, auch wenn er sie nur mit einigen wenigen Personen teilte, die er gut genug kannte, um auf ihre Diskretion vertrauen zu können.
Nun flimmerte der Titel des nächsten Beitrags über die Leinwand: Was tun mit den niederen Rassen? Nach einer weiteren Fanfare wurde die Begleitmusik düster und unheilvoll. Man sah mehrere Bauern neben ihren einfachen Behausungen, danach Juden in heruntergekommenen Stadtvierteln. Schenke richtete den Blick auf die abgenutzten Bodendielen und dachte an die Jüdin, mit der er sich illegalerweise eingelassen hatte. Er hatte Ruth mehrere Wochen lang in seiner Wohnung versteckt. Solange er außer Haus gewesen war, hatte sie sich absolut still verhalten müssen, damit die Nachbarn ihre Anwesenheit nicht bemerkten. Beide waren erleichtert gewesen, als der bitterkalte Winter dem Frühling gewichen war und sie eine Unterkunft in der Nähe der Siemenswerke gefunden hatte, in denen sie in langen Schichten für einen Hungerlohn schuftete. Nun hatte er seit fast einem Monat nichts von ihr gehört und machte sich große Sorgen.
Als er wieder aufblickte, erfüllte ein neuer Schriftzug die Leinwand: Recht und Zivilisation für den Osten! Der Sprecher pries den Mut und die Entschlossenheit der Polizeibataillone, die die verbliebenen polnischen Partisanen bekämpften und den Juden ihre Bauernhöfe und ihre Stadtimmobilien nahmen, um Platz für deutsche Siedler zu schaffen. Der Inspektor schenkte dem Ganzen kaum Beachtung. Schließlich endete die Vorführung mit einer weiteren Fanfare.
»Vorhänge öffnen!«, befahl der Propagandaoffizier. Der Filmprojektor wurde abgeschaltet, die Vorhänge ratterten über die Schienen, dann erfüllte wieder Licht die Kantine. Der Offizier warf einen Blick auf seine Notizen, bevor er sich erneut seinem Publikum zuwandte.
»Besonders der letzte Beitrag dürfte für Sie, die Kameraden im Polizeidienst, von höchster Bedeutung sein. Recht und Ordnung in den neu gewonnenen Ostgebieten durchzusetzen stellt uns vor große Herausforderungen. Die dort bereits stationierten Bataillone leisten hervorragende Arbeit, sind ihrer gewaltigen Aufgabe zahlenmäßig jedoch nicht gewachsen. Daher werden zu ihrer Unterstützung neue Bataillone aufgestellt. Ich darf mit Stolz verkünden, dass dies auch hier in Berlin geschieht. Auch erfahrene Polizeibeamte sind aufgefordert, dem Beispiel der vielen begeisterten jungen Männer zu folgen, die sich freiwillig gemeldet haben …«
»Kein Wunder«, knurrte Hauser. »Diese feige Bande macht es sich lieber auf einem sicheren Posten bequem, anstatt eingezogen zu werden und am Ende noch einem Feind gegenüberzutreten, der sich wehrt.«
Da hatte er nicht unrecht, dachte Schenke. Seines Wissens waren unter den in Polen eingesetzten Polizisten bisher keine Verluste zu beklagen. Die eroberten Gebiete zu überwachen war ganz eindeutig sicherer, als in dem großen Konflikt zu kämpfen, in den Deutschland verstrickt zu werden drohte. Er ließ den Blick über die Männer seiner Einheit wandern. Persinger hatte die vierzig bereits überschritten und war verheiratet, weshalb Schenke bezweifelte, dass er sich freiwillig melden würde. Baumer hingegen, der erst letztes Jahr geheiratet hatte, war jünger und ehrgeiziger – bei ihm war es nicht ausgeschlossen, dass er sich eine Beförderung verdienen und seine Frau beeindrucken wollte. Das wäre bedauerlich, war er doch ein Ermittler mit Potenzial. Dann war da noch Liebwitz, den die Gestapo ihnen zugeteilt hatte. Schenke hatte keine Ahnung, wie der Scharführer darüber dachte. Den Vortrag jedenfalls hatte er mit völlig ausdrucksloser Miene auf dem schmalen Gesicht verfolgt. Die beiden Damen der Abteilung – Frieda Echs, eine ältere Frau mit kurzem dunklem Haar, sowie die hochgewachsene, junge und blonde Rosa Mayer – kamen für einen Einsatz im Feld nicht infrage. Besonders Rosa mit ihrer Vorliebe für teure Kleidung und Parfüm wäre wohl kaum bereit, auf derlei Luxus zu verzichten. Der Polizeidienst war einer der wenigen Berufe, die die Partei den Frauen, die in erster Linie Gattin und Mutter zu sein hatten, auszuüben gestattete. Den übrigen Mitgliedern seiner Abteilung war der Vortrag erspart geblieben, da sie das Glück hatten, momentan nicht im Dienst zu sein.
Schenke spürte einen allzu vertrauten Gewissensbiss und legte unbewusst die Hand auf das linke Bein. Seit einem Unfall bei einem Autorennen vor mehreren Jahren hinkte er und war deshalb wehruntauglich – und das zu einer Zeit, wo doch jeder Mann zur Verteidigung des Vaterlands gebraucht wurde. Er hoffte, dass der Krieg bald vorbei sein würde. Die feindlichen Armeen waren bis dato nur in Norwegen zusammengetroffen, andernorts beschränkte sich der Konflikt auf gelegentliche Scharmützel zur See oder in der Luft, ansonsten standen die Gegner sich einander belauernd am Rande des Niemandslandes zwischen Deutschland und der schwer befestigten französischen Grenze gegenüber und taten nicht viel mehr, als über die plumpen Propagandaflugblätter zu lachen, die der Feind jeweils über ihren Reihen abwarf. Ganz offensichtlich scheuten die Regierungen beider Länder eine Wiederholung des letzten Konflikts, der sich schnell in einem schrecklichen Grabenkrieg festgefahren hatte.
Der Propagandaoffizier sprach mit getragener Stimme sein Schlusswort. »Volksgenossen! Wer sich freiwillig für den Polizeidienst im Osten meldet, leistet einen entscheidenden Beitrag zur Mission des deutschen Volkes, den Juden, diesen Erzfeind unserer Rasse, aus Europa zu vertreiben. Die Juden verführen arglistig unsere anständigen arischen Frauen, unterwandern unsere Gesellschaft, unsere Berufsstände, unsere Wirtschaft und unser Bildungswesen und verbreiten überall ihr Gift. Und gleichzeitig schließen sie die Reihen gegen uns. Anstatt sich dem Herrenvolk zu unterwerfen, von dem sie sich gleich Parasiten ernähren, bleiben sie unter sich, damit sie im Geheimen die Vernichtung der arischen Rasse planen können.«
Schenke sah, wie Liebwitz mit verwunderter Miene auf dem knochigen Gesicht die Hand hob. Das durch das Fenster einfallende Licht spiegelte sich in seinen runden Brillengläsern.
»O Gott, das war ja klar«, seufzte Hauser. »Natürlich muss auch unser kleiner Gestapopimpf seinen Senf dazugeben.«
Der Propagandaoffizier ließ den Blick durch die Kantine schweifen und bemerkte Liebwitz’ erhobenen Arm am anderen Ende, was ihn leicht aus dem Konzept zu bringen schien. »Oh, also eigentlich ist es üblich, Fragen erst nach dem Vortrag zu stellen. Ich, äh …«
Er wandte sich zu Radinsky um, der ihm knapp zunickte.
»Also gut. Ihre Frage?«
»Herr Propagandaoffizier, Sie haben gesagt, dass die Juden unsere Frauen verführen.« Wie üblich war Liebwitz’ Stimme völlig tonlos.
»Ja. Das ist allgemein bekannt.«
Liebwitz nickte. »Ich habe darüber im Schwarzen Korps gelesen. Wie ist das aber möglich, wenn sie sich doch weigern, sich mit Nichtjuden zu mischen? Beide Aktivitäten schließen sich doch gegenseitig aus.«
Die Anwesenden drehten sich zu ihm um, manche kicherten. Liebwitz war vor ein paar Monaten im Rahmen einer politisch heiklen Mordermittlung Schenkes Kripoabteilung zugewiesen worden. Es hatte sich schnell herausgestellt, dass der wahre Grund für die Versetzung in Liebwitz’ merkwürdigem Verhalten und seinem kompromisslos zum Ausdruck gebrachten Scharfsinn gelegen hatte, was bei seinen Gestapokameraden nicht auf Gegenliebe gestoßen war. Allerdings hatte er sich als gewissenhafter Ermittler erwiesen, sodass Schenke seinem Gesuch, dauerhaft der Kriminalpolizei zugeteilt zu werden, nur zu gerne stattgegeben hatte.
Der Propagandaoffizier warf verdattert einen Blick auf seine Notizen und hustete, bevor er antwortete. »Ja, das ist typisch für die Verschlagenheit der Juden.«
Liebwitz runzelte die Stirn. »Aber das erklärt doch noch nicht …«
Radinsky trat in die Mitte des Podiums. »Die Veranstaltung ist hiermit beendet. Es gibt viel zu tun, und der Kamerad von der Propagandakompanie hat sicherlich noch andere dringende Verpflichtungen, die seine Anwesenheit erfordern.«
Der Propagandaoffizier nickte knapp. Radinsky holte tief Luft. »Heil Hitler!«, rief er seinen Untergebenen entgegen.
Die Mehrzahl der Anwesenden ließ den rechten Arm vorschnellen und wiederholte den Gruß. Andere, darunter auch Schenke und seine Abteilung, wirkten etwas überrumpelt, da dies unter dem vorherigen Kommandanten nicht üblich gewesen war. Sie zögerten zu lange und hatten die Arme immer noch nicht gehoben, als Radinsky und die anderen sie wieder herunternahmen.
»Wegtreten!«
Die Polizisten verließen die Kantine durch die Tür hinter dem Filmvorführer, der bereits die Rollen aus dem Projektor nahm und einpackte.
»Unser neuer Kommandant hat einen Stock im Arsch, scheint mir«, sagte Hauser zu Schenke, als die Kripobeamten zu ihrem Büro im ersten Stock hinaufgingen.
Schenke nickte. »Das stimmt, muss aber nicht zwangsläufig zu unserem Nachteil sein, insbesondere, was die Orpo angeht. Sie wissen ja, was da los ist. Soll er sich ruhig die Kollegen vorknöpfen, die sich von den Verbrecherbanden schmieren lassen.«
»Von mir aus, solange er uns in Ruhe unsere Arbeit machen lässt. Er ist hier ja nicht bei der verdammten Armee. Wir sind Spezialisten und keine Affen in Uniform.«
Schenke grinste. Er wusste, wie sehr sein Untergebener die uniformierten Kollegen verachtete. »Sagen Sie das doch etwas lauter, vielleicht gibt es im Keller noch jemanden, der Ihre Meinung unsere Kameraden betreffend nicht mitbekommen hat.«
»Oje, mit so langen Sätzen verwirren Sie die nur.« Hauser drehte sich zu dem ein paar Stufen unter ihm gehenden Liebwitz um. »Was wollten Sie eigentlich vorhin mit Ihrer Frage bewirken, Scharführer?«
Liebwitz zuckte mit den schmalen Schultern. »Er hat sich ganz offensichtlich selbst widersprochen. Ich wollte ihn lediglich auf diesen Umstand hinweisen und ihm Gelegenheit geben, seine Aussage zu berichtigen. Ein mit Fehlern behafteter Vortrag zur Weiterbildung ist schließlich wertlos.«
»Aber der Vortrag war nicht fehlerhaft.«
Liebwitz hob die Augenbrauen. »Nicht?«
Hauser wartete, bis der Jüngere zu ihm aufgeschlossen hatte, und klopfte ihm auf die Schulter. »Sie sollten sich lieber mal daran gewöhnen, zwei sich widersprechende Gedanken gleichzeitig im Kopf zu haben, wenn Sie ein gutes Parteimitglied sein und irgendwann mal befördert werden wollen.«
Nun ging Schenke dazwischen. »Das reicht, Hauser.« Er hatte es satt, dass sein Assistent den Gestapo-Mann ständig provozierte. Da Liebwitz aufgrund eines gewissen charakterlichen Defizits nicht in der Lage war zu erkennen, wann Hauser es ernst meinte oder eben nicht, war dies ein ständiger Quell der Unruhe. Liebwitz brauchte mehr Zeit, um sich an die abgebrühten Kripokollegen und ihre raue Art zu gewöhnen – eine Reaktion auf die schrecklichen Verbrechen, mit denen sie es zu tun hatten.
Schenkes Leute kehrten an ihre Schreibtische in dem großen, grau gestrichenen Raum zurück, den man der Kripoabteilung zugewiesen hatte. Der Inspektor winkte Hauser zu sich in das Chefbüro, einen kleinen, durch Holzwände abgetrennten Bereich. Schenke und Hauser setzten sich um den Schreibtisch, auf dem eine dicke Akte lag. Der Inspektor deutete darauf, und Hauser musste sich den Kopf verrenken, um lesen zu können, was darauf stand.
Er verzog das Gesicht. »Die gefälschten Lebensmittelmarken? Wir werden diesen verfluchten Fall einfach nicht los.«
Schenke nickte. »Sieht ganz so aus. Bis jetzt hat noch keiner auf der Straße oder hier beim Verhör irgendetwas ausgespuckt, was uns auf die Spur der Fälscher geführt hätte. Die kleinen Fische, die die Marken auf der Straße verkaufen, erwischen wir zwar massenhaft, aber sie alle sind lieber nach Sachsenhausen gegangen, als ihre Lieferanten zu verraten. Und aus den wenigen, die geplaudert haben, konnten wir lediglich die Namen der Mittelsmänner herausholen.«
»Die haben Angst. Die haben alle Angst.«
»Und wie! Aber ich glaube, wir stehen vor einem Durchbruch.« Er schlug die Akte auf und reichte Hauser das oberste Blatt. »Das ist die Kopie eines Berichts der Kripoabteilung Tempelhof. Sie haben bezüglich der gefälschten Marken eine Spur verfolgt, die zu einer von einem gewissen Paul Guttmann angeführten kriminellen Vereinigung führt. Haben Sie den Namen schon mal gehört?«
Hauser nickte. »Bevor die Nazis an die Macht gekommen sind, hat er in Mitte Schutzgelder erpresst. Danach hat er sich auf Tanzbars und Puffs spezialisiert. Der liebe Paul ist für seine Brutalität bekannt. Man hat schon einige Leichen mit seinem Markenzeichen auf der Haut aus der Spree gefischt.«
»Markenzeichen?«
Hauser nickte. »Er hat ihnen seine Initialen in die Brust geritzt. Als Warnung an jeden, der es wagt, ihn zu hintergehen. Das war aber vor Ihrer Zeit, noch in der Republik damals, bevor Adolf und seine Kumpels die meisten Verbrecher in den Untergrund oder zumindest von den Titelseiten der Zeitungen gedrängt haben. Sie wissen ja: Wenn nicht darüber berichtet wird, existiert das Problem für die Regierung auch nicht.«
Schenke sagte nichts dazu. Er vertraute Hauser, aber ihm war generell nicht wohl dabei, die Partei in Gegenwart eines Mitglieds offen zu kritisieren.
Er deutete auf die Akte. »Anscheinend hat Guttmann seit Kriegsanfang wie viele andere Verbrecher in den Schwarzmarkt expandiert. Man hat mehrere seiner Leute dabei erwischt, wie sie mit gefälschten Marken gehandelt haben, und bei ihnen zu Hause wurden dann noch weitere Marken gefunden.«
Hauser grinste. »Sieht ganz so aus, als hätten wir endlich aufgedeckt, woher die Fälschungen kommen.«
»Ja, vielleicht … aber ich bin mir da nicht so sicher. Die gefälschten Marken sind in ganz Berlin in Umlauf. Glauben Sie, dass Guttmanns Organisation ihren Einflussbereich so schnell derart ausdehnen konnte?«
»Möglich wäre es«, gab Hauser zu bedenken. »Seit Kriegsbeginn wurden Hunderte Polizisten eingezogen und in den Osten geschickt. Und die Verdunkelung tut ein Übriges. Sobald es Nacht wird, verlieren wir praktisch die Kontrolle über die Straßen, und alle – vom Kleinkriminellen bis zur Verbrecherorganisation – feiern fröhliche Urständ.«
»Trotzdem werden die anderen ihr Territorium verteidigen. Und dass Guttmann jetzt plötzlich zu den Verbrecherkönigen Berlins gehört, wage ich zu bezweifeln.«
»Aber vielleicht hat er ja diesbezüglich Ambitionen, und sein erster Schritt zur Macht hat darin bestanden, den Markt für gefälschte Essensmarken an sich zu reißen. Damit kann man ein Vermögen machen, auch wenn das Ganze ziemlich risikoreich ist. Wenn Guttmann dahintersteckt, wird er früher oder später Ärger mit den anderen Organisationen bekommen. Die werden auch ein Stück vom Kuchen haben wollen, und wenn er nicht klein beigibt, wird Blut fließen. Dann werden wir noch mehr Leichen aus der Spree fischen.«
»Oder wir finden heraus, woher die Marken kommen, nehmen die Fälscher hoch und vernichten ihre Druckerpressen.«
Hauser lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. »Und wie wollen wir irgendwelche anderen Ganoven davon abhalten, ebenfalls Essensmarken zu fälschen?«
