3,00 €
"Die Rätselhafte" erzählt die wahre Geschichte der russischen Psychoanalytikerin Sabina Spielrein - einer Frau zwischen Genie, Liebe und Ideologie. Inmitten der geistigen Aufbruchzeit des frühen 20. Jahrhunderts wird sie zur Wegbereiterin moderner Psychologie und zur Projektionsfläche bedeutender Männer wie Freud und Jung. Der Roman zeichnet das bewegende Porträt einer außergewöhnlichen Persönlichkeit, deren Leben zwischen Erkenntnisdrang, gesellschaftlichen Zwängen und politischen Katastrophen zerrieben wird. Ein eindringlicher Blick in die Abgründe der menschlichen Natur und das fragile Gleichgewicht zwischen Vernunft und Leidenschaft.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 170
Veröffentlichungsjahr: 2025
Der Autor
Eberhard Knippel wurde 1947 in Berlin geboren. Er ist Naturwissenschaftler und arbeitete lange Zeit in der medizinischen Forschung. Nun hat er sich als freier Autor der Belletristik zugewendet. Von ihm erschienen bereits die Romane Amina, Der blonde Todesgott, Der Fluch der bösen Gene, Das Geheimnis der trügerischen Schatten, Die Jahrtausendwette, Der Rabbi, der die Wahrheit suchte und Der Blick in die Unendlichkeit.
Außerdem liegen die Erzählung Der Tempel, der historische Erzählband Die Märtyrerin und die Kurzgeschichten Chronik der Liebe vor. Letztere erschienen mit dem Roman Der Fluch der bösen Gene in einem Band.
Der Mensch ist der einzige Primat, der seine Artgenossen ohne biologischen und ökonomischen Grund tötet und quält und der damit Befriedigung empfindet.
Erich Fromm
Eberhard Knippel
Die Rätselhafte
Impressum
© 2025 Eberhard Knippel
Satz & Layout: Andreas Grohn
Covergrafik von ChatGPT, OpenAI
Druck und Distribution im Auftrag des Autors:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
ISBN Softcover:
978-3-384-72334-5
ISBN Hardcover:
978-3-384-72335-2
ISBN E-Book:
978-3-384-72336-9
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.
Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter:
tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.
Kontaktadresse (EU-Produktsicherheitsverordnung): [email protected]
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort
Die Widerspenstige
Ein kühnes Projekt
Teuflische Pläne
Der angekündigte Tod
Das rätselhafte Ende
Literaturverzeichnis
Dramatis personae
Russen:
Österreicher, Schweizer und Franzosen:
Deutsche:
Mexikaner:
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Vorwort
Dramatis personae
Cover
1
2
3
4
5
6
7
8
9
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
31
32
33
34
35
36
37
38
39
40
41
42
43
44
45
46
47
48
49
50
51
52
53
54
55
56
57
58
59
60
61
62
63
64
65
66
67
68
69
70
71
72
73
74
75
76
77
78
79
80
81
82
83
84
85
86
87
88
89
90
91
92
93
94
95
96
97
98
99
100
101
102
103
104
105
106
107
108
109
110
111
112
113
114
115
116
117
118
119
120
121
122
123
124
125
126
127
128
129
130
131
132
133
134
135
136
137
Vorwort
Dieser biographische Roman bemüht sich, gefasst über Unmenschlichkeit zu reden. Es geht um ein bewegendes, ja tragisches Menschenschicksal. Nicht um ein göttliches, das einen plötzlich überkommt wie eine tödliche Erkrankung und an dem wir nichts ändern können, sondern um ein von Menschen zu verantwortendes Schicksal, dessen Ursache gleichsam ein Fehler im System Mensch ist.
Manche Leser werden einwenden, dieses Schicksal sei ein sehr dramatisches und viele Menschen führten abseits solcher Dramatik ein friedliches und beschauliches, wenn auch oft unerfülltes Leben. Das mag sein. Doch nur die genauere Betrachtung von Extremen gestattet uns, tiefer in das Geheimnis der menschlichen Schöpfung einzudringen.
Die „Gutmenschen“ reden uns ein, man solle sich ihnen nur anschließen und ihrer Wahrheit folgen, um die bösen und uneinsichtigen, vor allem aber unmoralischen Zeitgenossen, die das nicht einsehen wollten, zu bekämpfen. Vorausgesetzt natürlich, man habe die richtige Meinung. Hier die Guten, dort die Bösen, die Welt sei doch eigentlich ganz einfach.
Folgen wir den selbsternannten „Guten“, müsste unter deren Herrschaft die Welt im Großen und Ganzen gut sein. Das ist sie offensichtlich aber nicht, denn es gibt diese von ihnen verkündete eindimensionale Welt nicht. Die Schöpfung des Menschen ist kein fehlerloser, genialer Entwurf, sondern nur eine fehlerbehaftete Möglichkeit, die darüber hinaus noch in einer chaotischen, für den Menschen gefährlichen Welt stattfindet. Um dieses Chaos, wie es die Existenz inmitten eines lebensfeindlichen Universums darstellt, zu überleben, hat die Evolution dem Menschen ein paar Werkzeuge an die Hand gegeben, die er je nach der Ausprägung seines Verstandes und seiner Vernunft benutzen oder auch ignorieren kann.
Um ein erfülltes Leben führen zu können, bieten der potentielle Verstand und die Vernunft die Möglichkeit, den Mitmenschen als gleichwertigen und einmaligen Wurf der Natur so zu akzeptieren, wie er ist, sich an der Realität zu orientieren und somit kooperativ in einer gemeinsamen Wirklichkeit zu leben. Das setzt ein ausgewogenes Urteil voraus, die Relativität der Natur anzuerkennen, das heißt die Tatsache, dass alles in ein Umfeld eingebettet ist, welches es zu berücksichtigen gilt, sowie das leidige Schwarz-Weiß-Denken abzulehnen.
Reichen Verstand und Vernunft nicht aus, diese Entwicklungsstufe zu erreichen, hilft sich die Natur selbst, Zufriedenheit und Ausgeglichenheit herzustellen, allerdings über einen gänzlich anderen Mechanismus. Sie verhindert unter anderem, widersprechende Fakten in das eigene, meist eindimensionale Weltbild einzubauen (Kognitive Dissonanzvermeidung), bewirkt eine oft die eigenen Wahrnehmungen ignorierende maximale Anpassung an die Gesellschaft (massiver Herdentrieb), stattet jemanden mit einem übersteigerten Selbstbewusstsein aus, das sich umgekehrt proportional zu den eigenen Fähigkeiten verhält (Dunning-Kruger-Effekt) oder produziert einen moralischen Überlegenheitskomplex (nach Alfred Adler), der im extremen Falle im Exzeptionalismus mündet, der eingebildeten Einzigartigkeit einer Elite oder eines ganzen Volkes. Die reale Welt und damit andere Sichtweisen auf sie sind unter diesen Umständen ausgeblendet und erschweren ein friedliches Zusammenleben.
Sind also zu wenig Verstand und Vernunft in der Welt, gewinnt die letztere Variante die Oberhand, die Gesellschaft wird zusätzlich gespalten und die Menschen leben in Parallelwelten, verstehen sich nicht mehr und bekämpfen einander mangels der Fähigkeit zu Kompromissen. Dieser Zustand ist deshalb so gefährlich und nimmt in Zukunft an Gefährlichkeit noch zu, weil durch die fortschreitende Entwicklung neuer Technologien wie der Künstlichen Intelligenz der Manipulation und Beeinflussung des menschlichen Gehirns durch die herrschenden Eliten kaum mehr Grenzen gesetzt sind. Der Mensch nimmt am Ende dieser Entwicklung die Stelle des ursprünglichen Gottes ein.
Ein besonderes Problem stellt das Wesen des Menschen dar, so wie es von der Natur geschaffen wurde. Je mehr im Laufe der Evolution die Instinkte ihre Wirkkraft verloren und Verstand und Kreativität an Bedeutung gewannen, umso deutlicher offenbarte sich die Kehrseite der Zivilisation, nämlich das unbedingte Streben des Menschen nach Macht über andere und das ausufernde, destruktive Potential der menschlichen Seele. Dies wiederum waren im realen Leben die Voraussetzungen für unbeschränkte Gewalt gegen andere, was sich bis zum heutigen Tage an einer nicht abreißenden Folge von Kriegen zeigt.
Und so entwickelte sich schon in den Anfängen der Zivilisation die Erkenntnis, dass die destruktive Seite der menschlichen Natur imstande war, ein gedeihliches Zusammenleben der Menschen zu verhindern und deshalb von der Gesellschaft gebändigt werden musste. Die Versuche dieser Einhegung des Gewalt- und Machtmissbrauchs durch einzelne Mächtige und Eliten begannen in der Urgesellschaft, setzten sich in den frühen Zivilisationen fort und fanden einen vorläufigen Höhepunkt in der griechischen Antike durch die Entwicklung des Demokratiegedankens.
Doch praktisch durchgesetzt haben sich diese Vorstellungen bis heute nur rudimentär. Im Gegenteil, wo in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Westeuropa und vereinzelt schon früher in den USA wenigstens einige bemerkenswerte und vernünftige Ansätze von Demokratie geschaffen und der Kapitalismus durch die soziale Marktwirtschaft eingehegt wurde, entwickeln sich diese Staaten seit Beginn des 21. Jahrhunderts immer mehr in Richtung autokratischer Überwachungsgesellschaften, die dem Grundgedanken einer echten Demokratie zunehmend widersprechen. Schon heute sorgt der Einsatz von Algorithmen für unsere massenhafte Manipulation.
Durch die zu erwartenden weiteren Fortschritte der Neurowissenschaften, Künstlichen Intelligenz, Kognitiven Psychologie und Hirnforschung wird sich diese Entwicklung weiter beschleunigen, und es besteht die reale Gefahr, dass Menschen zukünftig zu bloßen Anhängseln digitaler Systeme und deren Betreiber werden. Dieser globale Vorgang wird noch durch die Beobachtung verschärft, dass sich die Menschen in zunehmendem Maße solcher destruktiver Entwicklungen gar nicht mehr bewusst sind und dieser „Schönen neuen Welt“ kritiklos zustimmen. Ob die in der Demokratie unerfahrenen Länder des Globalen Südens im Zuge des westlichen Machtverlustes zukünftig demokratische Strukturen entwickeln werden, die diesen Namen auch verdienen, bleibt abzuwarten.
Angesichts dieser Ausgangslage der zukünftigen Entwicklung ist es umso wichtiger, die tragischen Schicksale von Menschen inmitten von Kriegen und ungerechten und gewalttätigen gesellschaftlichen Strukturen im Auge zu behalten. In der vagen Hoffnung, die humane, konstruktive Seite der menschlichen Natur, die es zweifellos auch gibt, könnte eines Tages wider aller Wahrscheinlichkeit wenn auch nicht über das Böse im Menschen triumphieren, so es doch zumindest auf ein erträgliches Maß reduzieren.
Doch dazu bedarf es des festen Willens, diese oft verborgenen Schicksale dem Vergessen zu entreißen. Manchmal hilft dabei, wie im vorliegenden Fall, auch der Zufall. Im Jahre 1977 fand man im Keller des Palais Wilson in Genf, dem ehemaligen Psychologischen Institut „Jean Jacques Russeau“, einen Koffer mit Tagebüchern und Briefen der russischen Psychoanalytikerin Sabina Spielrein, die außerhalb von Fachkreisen weitgehend unbekannt geblieben ist. Die Korrespondenz warf ein neues Licht auf ihre Rolle in der frühen Zeit der Psychoanalyse und ihre Beziehungen zu den führenden Vertretern dieser Fachrichtung Sigmund Freud und Carl Gustav Jung, mit dem sie eine amouröse Beziehung pflegte. Dies warf damals die grundsätzliche Frage auf, wie weit die persönlichen Beziehungen zwischen Analytiker und Patientin gehen dürften und umgaben Sabina Spielrein mit dem Hauch eines Skandals.
Im vorliegenden Buch geht es allerdings um einen anderen Aspekt ihres Lebens. Es folgt den Spuren einer hochbegabten Frau, deren kreative wissenschaftliche Entfaltung durch zwei destruktive Herrschaftsstrukturen zunächst verhindert und schließlich ausgelöscht wurde: durch die Stalin-Ära und den deutschen Nationalsozialismus.
Wie konnte das alles geschehen? Wovon wurden die Täter angetrieben, die anderen so etwas antaten und massenweise menschliches Leben auslöschten? Haben sie nicht die Not der leidenden Kreatur verspürt, das kaum zu ertragende Grauen ihrer Opfer vor der ewigen Finsternis? Obwohl sich einige Erklärungsversuche finden lassen und man davon ausgehen kann, dass für die monströsen Gewaltexzesse des 20. Jahrhunderts in Europa ein komplexes Ursachengeflecht verantwortlich ist, steht man als mitfühlender Mensch fassungslos vor dem Geschehen.
Im Russland der Revolution, der Gegenrevolution und des Bürgerkrieges war ein offener, unkontrollierter Gewaltraum entstanden, in dem ein einmal an die Macht gekommener psychopathischer Gewalttäter wie Josef Stalin seine sadistischen, paranoiden Phantasien ideologisch verbrämt in die Tat umsetzen konnte. Was in diesem Zusammenhang besonders verstört ist die Tatsache, dass so viele Menschen die Gewalt mittrugen, wobei sie oftmals im Gegensatz zur Handhabung in Deutschland selbst zu Opfern wurden, was die Moskauer Schauprozesse eindrucksvoll illustrieren.
In Deutschland war, abgesehen von den weitgehend isolierten Maßnahmen in den Konzentrationslagern, ein ganzes Netzwerk von Tätern in den besetzten Ostgebieten am Werk, bestehend aus SS- und Polizeiapparat, Wehrmacht, deutscher Zivilverwaltung und Kollaborateuren aus den besetzten Ländern. Die Radikalisierung der Vernichtungsmaßnahmen erfolgte keineswegs nur durch Himmler und die Führung des Sicherheitsapparates, sondern auch aus der Wechselwirkung mit dem praktischen Geschehen vor Ort. Die Hauptverantwortung Hitlers für die Massenverbrechen an Slawen und Juden bleibt davon unberührt.
Der vergleichsweise unproblematisch verlaufende Zivilisationsbruch durch die systematischen Massentötungen ist wahrscheinlich dem Zusammenwirken mehrerer Faktoren geschuldet, nämlich der Sozialisierung und weltanschaulichen Prägung der späteren Täter einschließlich der Erziehung zum Rassenhass und dem Aufbau von Feindbildern, dem Zusammenhalt durch gemeinsam verübte Gewalt wie überhaupt der „Kameradschaft“, das heißt dem Gruppendruck einer militärischen Formation, der das physische Überleben überhaupt erst ermöglichte. Schließlich kamen noch der Gewöhnungseffekt, die oft ungewöhnlichen Karrierechancen und das starke Gefühl hinzu, dass ein Widerstand gegen das Massentöten von der Gruppe stark sanktioniert wurde und in der Regel zur Isolation führte, abgesehen von dem Eingeständnis, etwas in seinem Leben grundlegend falsch gemacht zu haben. Dadurch verschwand die Selbstverantwortung für das, was die Täter anrichteten. Zumindest solange, wie sie nur das taten, was alle tun.
Je tiefer man in die Seele des Menschen blickt, umso hilfloser bleibt man am Ende zurück. Im menschlichen Wesen scheint alles möglich zu sein, im Guten wie im Bösen, und das Gleichgewicht dauerhaft zum Guten zu verschieben, bleibt Illusion. Nur der weise Spruch des Dichters Hermann Hesse bleibt uns als Hoffnung: Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.
Die Widerspenstige
Am Hause Thomasiusstraße 2 in Berlin-Moabit hängt, vom eiligen Passanten kaum beachtet, eine Gedenktafel für die russische Psychoanalytikerin Sabina Naftulowna Spielrein, die hier von 1912 bis 1914 wohnte. Von einigen Fachkollegen abgesehen kennt diese bemerkenswerte Frau kaum jemand, und wenn nicht durch Zufall im Jahre 1977 im ehemaligen Psychologischen Institut Jean Jacques Russeau in Genf ein Koffer mit ihren hinterlassenen Briefen und Tagebüchern entdeckt worden wäre, hätten sich ihre Spuren in den Fußnoten der wissenschaftlichen Abhandlungen ihrer berühmten Berufskollegen Sigmund Freud und Carl Gustav Jung verloren.
Es ist aber zweifellos so, dass der Mensch ganz unabhängig von seinem Bekanntheitsgrad in seinem Leben Spuren hinterlässt, die zu verfolgen sich oft lohnt. Auch wenn diese Spuren sich manchmal infolge tragischer Schicksale verlieren wie im vorliegenden Fall, wo ein erfolgreich verlaufendes, erfülltes Leben willkürlich unterbunden und schließlich ganz ausgelöscht wurde. Folgen wir also den Spuren dieser Ärztin und Wissenschaftlerin, die die Wirren einer bewegten Aufbruchzeit mit ihrem Leben bezahlen musste und gerade deshalb im kollektiven Gedächtnis ein ehrendes Andenken verdient. Nicht nur als Vorkämpferin der modernen Wissenschaften, sondern auch und vor allem als Mensch.
Professor Aldo Carotenuto, Angehöriger des Psychologischen Instituts der Universität Rom und Lehranalytiker der Associazione Internationale di Psicologica Analitica, lässt seinen Blick über das ausgebreitete Material auf seinem Schreibtisch gleiten. Ein zufriedenes Lächeln überzieht sein Gesicht. Endlich haben alle Spekulationen ein Ende, die sich um den berühmten Psychoanalytiker Carl Gustav Jung und dessen geheimnisvolle russische Patientin ranken. Ein interessanter klinischer Fall, den dieser in seinem Briefwechsel mit dem Vater der Psychoanalyse, Sigmund Freud, erwähnt hatte.
Es schien sich hier um ein Phänomen zu handeln, das später als Gegenübertragung bekannt wurde. Der Professor erinnert sich, wie ihm schon vor Jahren klar geworden war, dass hier ein stark emotionales, beide betreffendes Ereignis zwischen dem Therapeuten und der Patientin Sabina Spielrein vorgelegen haben musste, vielleicht sogar eine echte Liebesbeziehung, die auch Jungs Theorie von Animus und Anima, den im Unbewussten angelegten Archetypen des jeweils anderen Geschlechts, mit hoher Wahrscheinlichkeit beeinflusst hat.
Und nun die plötzliche Auflösung dieses Rätsels. Es waren nämlich ein Teil der Tagebücher Spielreins und ihr Briefwechsel mit Jung und Freud zufällig in Genf entdeckt worden, was nach der Auswertung der Dokumente direkte Schlussfolgerungen zu dieser frühen Phase der Psychoanalyse und den speziellen Fall Spielrein zuließ. Ein Fall, der vor mehr als sechzig Jahren zu einer Reihe von Gerüchten geführt und einen Skandal ausgelöst hatte, der in der bis heute umstrittenen Frage mündete, wie weit die emotionalen Beziehungen zwischen Psychoanalytiker und Patientin gehen dürfen.
Jetzt würde man sozusagen aus dem Munde der drei Betroffenen, insbesondere aber aus dem Sabina Spielreins, den authentischen Ablauf dieser Aufsehen erregenden Therapie erfahren und nicht nur auf die Zeugnisse Dritter oder sogar Unbeteiligter angewiesen sein, wie es bislang der Fall war.
Zufrieden lehnte sich Carotenuto in seinen Stuhl zurück. In Genf hatte die Spielrein gearbeitet, ehe sie 1923 nach Russland ging. Dass sie in die Schweiz zurückkehren wollte, davon legt der dort deponierte und nun entdeckte Koffer mit ihren Papieren beredtes Zeugnis ab. Ob sie aber schon damals geahnt hat, dass sie Genf nicht wiedersehen würde, bleibt ihr ewiges Geheimnis.
Wenn er, Carotenuto, die Dokumente ausgewertet hat, wird er sich der Frage stellen müssen, was mit den daraus gewonnenen Erkenntnissen geschehen solle. Haben die Beteiligten ein Recht darauf, ihr intimes Geheimnis bewahrt zu wissen, höchstens gewürdigt in einem wissenschaftlichen Artikel für die Fachwelt, oder sollte er damit an die breite Öffentlichkeit gehen, um den Protagonisten Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.Insbesondere der Sabina Spielrein, die weitgehend unbekannt geblieben war und deren wissenschaftliches Werk gerade einmal in wenigen Fußnoten der beiden Berühmtheiten ihres Fachs gewürdigt wurde.
Nachdem er diese Gedanken sorgsam abgewogen hat, kommt der Professor zu dem Schluss, dass die Gerechtigkeit bei dieser Entscheidung den Ausschlag geben müsse. Ein Mensch, der auf seinem Fachgebiet wie hier der Psychoanalyse durchaus bemerkenswerte Leistungen vollbracht und zudem noch ein solch tragisches Ende gefunden hatte, sollte dem Vergessen entrissen werden. Sein Entschluss steht nun fest: Er wird die Tagebücher und den Briefwechsel Dr. Sabina Spielreins mit Jung und Freud einem breiten Publikum zugänglich machen.
Im Sommer des Jahres 1923 sitzt die Psychoanalytikerin Dr. Sabina Spielrein im Psychologischen Institut in Genf vor einem Koffer, den sie gerade mit Papieren aller Art gefüllt hat: Briefe, wissenschaftliche Schriften, Notizen und Tagebücher. Sie wird diesen Koffer hier im Hause abstellen, weil sie in den nächsten Tagen mit ihrer neunjährigen Tochter Irma Renata nach Russland zurückkehren will. Dorthin, wo sie geboren wurde und wo sie der Bitte ihres Ehemannes, des russischen Arztes Pawel Scheftel, nachkommen wird, wieder mit ihm zusammenzuleben.
Obwohl sie sich jetzt, wo die Entscheidung gefallen ist, nicht weiter damit beschäftigen wollte, kommt sie doch nicht umhin, von der Einzigartigkeit dieses Augenblicks ergriffen zu sein. Sie ist siebenunddreißig Jahre alt, und vor ihr liegen all die Papiere, die ihr Dasein ausmachen, sozusagen die Quintessenz ihres Lebens. Und so bringt sie es nicht übers Herz, den Koffer zu schließen. Es wäre ihr gewesen, als sei nun alles am Ende, als schlösse sie damit ihr ganzes Leben ab. Etwas in ihrem Unbewussten drängt sie dazu, es noch einmal Revue passieren zu lassen, es irgendwie zu würdigen, dieses geliebte und gehasste und manchmal so schwer zu ertragende Leben. All die Höhen und Tiefen, die ihr Dasein bestimmt hatten, und die wichtigste Frage zu beantworten, ob es ihr gelungen war, ihm einen Sinn zu geben.
Ihr ist diese Entscheidung nicht leicht gefallen, es war eine schwierige Abwägung gewesen. Sicher, sie hatte nach dieser langen, fast zehnjährigen Trennung von Pawel Sehnsucht nach ihm, vor allem aber nach der Geborgenheit einer kleinen Familie, obwohl er doch nach ihrem Empfinden eher Mittelmaß war und deshalb ihrem Naturell widersprach. Und doch, das fühlte sie nun ganz deutlich, gab es sie, diese Bindung zu Pawel in ihrem Inneren.
Trotz aller wissenschaftlichen Erfolge, trotz der fruchtbaren Kontakte zu den Koryphäen der Psychoanalyse, Freud und Jung, und zahlreicher anerkannter eigener Publikationen war das Leben allein mit ihrer kränklichen Tochter hier im Westen, in Zürich, Wien, Berlin, Lausanne und Genf, und nicht zu vergessen in München, wo sie Vorlesungen in Musik, Kunstgeschichte und Kompositionslehre besucht hatte, doch sehr beschwerlich und voller Sorgen um die physische Existenz gewesen.
Gewiss, ihr fehlte das Schweizer Staatsexamen der Medizin, sie besaß nur das Doktorexamen, das ihr nicht erlaubte, eine eigene Praxis zu eröffnen. So war sie gezwungen gewesen, kurzfristige Anstellungen zu suchen, die im allgemeinen wenig Geld einbrachten. Trotz ihrer wissenschaftlichen Erfolge konnte sie mit ihrer psychoanalytischen Tätigkeit allein den Lebensunterhalt für sich und ihre Tochter nicht bestreiten. Auch einige Geldzuwendungen ihres Vaters konnten daran nichts ändern, so dass sie sich mit Näharbeiten über Wasser halten musste. Erst in den letzten Jahren in Genf verbesserte sich ihre finanzielle Lage, als sie am dortigen Psychologischen Institut Lehraufträge übernahm und sich mit der Entwicklung des kindlichen Denkens beschäftigte.
Doch auf der anderen Seite dieser Mühsal standen ihre wissenschaftlichen Erfolge, ihre Dissertation über Dementia praecox, die erste Dissertation einer Frau auf dem Gebiet der Psychoanalyse überhaupt. Darauf war sie bei aller Bescheidenheit noch heute stolz. Diese Leistung diente sicher auch als Schlüssel zur Mitgliedschaft in der Wiener Psychoanalytischen Gesellschaft, also ganz oben in dem neuen Fachgebiet und nah am Gott der Psychoanalyse Sigmund Freud.
Selbst ihre ein Jahr später erschienene Schrift Die Destruktion als Ursache des Werdens, in der sie postulierte, dass der Sexualtrieb aus zwei Komponenten bestehe, nämlich dem Selbsterhaltungstrieb und dem Arterhaltungstrieb, und letzterer sowohl einen Lebensinstinkt als auch einen Todestrieb enthalte,war ein voller Erfolg. Freud hatte diesen Gedanken später bei der Entwicklung der Todestrieb-Hypothese in seiner Arbeit Jenseits des Lustprinzips sogar übernommen.
