Die Rothschilds - Egon Caesar Conte Corti - E-Book

Die Rothschilds E-Book

Egon Caesar Conte Corti

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Beschreibung

Eine beeindruckende Chronik über eines der bedeutendsten Familienunternehmen der Welt Um das Haus Rothschild ranken sich unzählige Mythen und Legenden. Doch selbst wenn man alle Gerüchte abzieht, so bleibt unverrückbar: der einzigartige Aufstieg einer jüdischen Großfamilie aus der Frankfurter Judengasse zur ersten Finanzmacht Europas. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelang es Meyer Amschel Rothschild, dem Gründer der Rothschild-Dynastie, ein florierendes Geschäft als Münz- und Wechselhändler aufzubauen. Bereits früh knüpfte er Kontakte zu den deutschen Adelshäusern und führte schließlich deren Finanztransaktionen in ganz Europa durch. Parallel mit dem wachsenden Einkommen wuchs auch die Familie und so nahm er 1810 seine Söhne als Teilhaber in das Familiengeschäft auf und gründete das Bankhaus »Meyer Amschel Rothschild & Söhne«. Nach seinem Tod bauten seine fünf Söhne von Frankfurt, London, Paris, Wien und Neapel aus das Geschäft weiter aus. Bis zum Ersten Weltkrieg waren die Rothschilds nicht nur die weltweit bedeutendste Privatbank mit einer dominierenden Stellung bei der Finanzierung der europäischen Staaten, sie schufen auch einen in zahlreichen Ländern operierenden Unternehmenskomplex. Egon Caesar Conte Cortis Erzählung ist der Klassiker über die berühmteste Bankiers-Dynastie der Welt. Mit Bravour gelingt es ihm, das Geschäft mit Staatsanleihen und der Vermögensverwaltung ebenso zu beleuchten wie die familiären Verflechtungen und die Kontakte zu den mächtigsten Politikern und Monarchen ihrer Zeit – eine einzigartige Familienchronik, die zugleich offenlegt, wie Reichtum unmittelbar Einfluss auf die Politik nehmen kann.

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Seitenzahl: 743

Veröffentlichungsjahr: 2021

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EGON CAESAR CONTE CORTI

DIE ROTHSCHILDS

Des Hauses Aufstieg, Blütezeit und Erbe

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

[email protected]

2. Auflage 2022

Das Buch ist ursprünglich in zwei Bänden erschienen: »Der Aufstieg des Hauses Rothschild. 1770–1830« ist im Jahr 1927 erschienen, »Das Haus Rothschild in der Zeit seiner Blüte. 1830– 1871« ist im Jahr 1928 erschienen. Die vorliegende Ausgabe stützt sich auf die Ausgabe aus dem Jahr 1974, die um den Schlussteil »Bis heute, das große R« von Walter Gong erweitert wurde.

© 2021 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

Türkenstraße 89

80799 München

Tel.: 089 651285-0

Fax: 089 652096

Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Korrektorat: Anja Hilgarth

Umschlaggestaltung: Karina Braun

Umschlagabbildung:

Das Foto auf dem Cover zeigt Albert Baron von Rothschild (1844–1911).

© gettyimages/Hulton Archive

Die Fotos auf der vorderen Klappe zeigen:

Vater Meyer Amschel Rothschild, © Shutterstock/Everett Collection

Die fünf Rothschild-Söhne: © akg-images

Satz: inpunkt[w]o, Haiger (www.inpunktwo.de)

eBook: ePUBoo.com

ISBN Print 978-3-95972-484-5

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-918-5

ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-96092-919-2

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

Beachten Sie auch unsere weiteren Verlage unter www.m-vg.de.

Inhalt

ERSTER TEIL Egon Caesar Conte Corti Der Aufstieg des Hauses Rothschild Die Blütezeit des Hauses Rothschild

Erstes KapitelDer Ursprung

Zweites KapitelDie Zeit der napoleonischen Machtfülle

Drittes KapitelMeyer Amschels letzte Jahre

Viertes KapitelDie große napoleonische Krise

Fünftes KapitelDie Adelserhebung

Sechstes KapitelIm Zeitalter der Kongresse 1818–1822

Siebtes KapitelRothschild’sche Geschäfte in aller Welt 1820–1825

Achtes KapitelDer großen Krise entgegen 1825–1830

Neuntes KapitelDie Überwindung der Krise von 1830

Zehntes KapitelDie Wechselwirkung Rothschild’scher Anleihen 1832–1835

Elftes KapitelDie Rolle der Rothschilds beim ersten Aufkommen der Eisenbahn in Europa 1826–1836

Zwölftes KapitelDer Zwiespalt der fünf Brüder Rothschild in Spanien 1835–1836

Dreizehntes KapitelKampf der Rothschilds um den Weltfrieden in der Krise von 1840

Vierzehntes KapitelVor und während der Revolution des Jahres 1848

Fünfzehntes KapitelKampf mit Napoleon, Cavour und Bismarck 1848–1853

Sechzehntes KapitelVom Krimkrieg zum Italienischen Krieg 1853–1859

Siebzehntes KapitelDie Krisenjahre 1866 und 1870/1871

ZWEITER TEIL Walter Gong – Bis heute: Das große R Die Rothschilds im zweiten Jahrhundert nach dem Ghetto

Eine neue ZeitDie Rothschilds im Ausklang des 19. Jahrhunderts

WienDas Ende eines Gentleman

ParisArme, reiche Rothschild-Frères

LondonDie Lords

1962Die Partner

ANHANG

Zeittafel

Stammtafel der Familie Rothschild bis in die sechste Generation

Meyer Amschels Brief an Großherzog Karl Theodor

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

VORBEMERKUNG

Die Erzählung von Egon Caesar Conte Corti ist ursprünglich in zwei Bänden erschienen: »Der Aufstieg des Hauses Rothschild. 1770–1830« im Jahr 1927, »Das Haus Rothschild in der Zeit seiner Blüte. 1830–1871« im Jahr 1928. Die vorliegende Ausgabe stützt sich auf die Ausgabe aus dem Jahr 1974, die um den Schlussteil »Bis heute, das große R« von Walter Gong erweitert wurde.

Der FinanzBuch Verlag hat sich entschlossen, diesen historischen Text nicht durch Modernisierungen zu verändern, ist sich aber bewusst, dass die Ausführungen Cortis sehr zeitbezogen sind. Aus diesem Grund wurden einige erklärende Anmerkungen eingefügt.

ERSTER TEIL

EGON CAESAR CONTE CORTI

Der Aufstieg des Hauses Rothschild

Die Blütezeit des Hauses Rothschild

Erstes Kapitel

Der Ursprung

Das freie Frankfurt am Main nahm in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine überragende Stellung unter Deutschlands großen Städten ein. In den letzten Jahrzehnten vor der Französischen Revolution mächtig aufgeblüht, zählt es zu seiner Zeit etwa 35 000 Einwohner, davon ein Zehntel Juden. Die Lage der Stadt, so nahe der großen Wasserstraße des Rheins, hat sie zum Durchgangstor für den Handel Deutschlands mit den westlichen Staaten gemacht.

Es ist nur begreiflich, dass Angehörige des von Natur aus für Handel und Geldgeschäfte besonders begabten jüdischen Stammes gerade diese Stadt mit Vorliebe zu ihrem Wohnsitz gewählt hatten. Doch 1349 tat sich die zahlenmäßig weit überlegene christliche Bürgerschaft zusammen und erkaufte sich in aller Form das Eigentumsrecht über die Israeliten. Von da ab begann eine Zeit harten Druckes für die jüdischen Einwohner. Um sie aus der Nähe des vornehmsten Gotteshauses, des St.-Bartholomäus-Domes, zu entfernen, erließ man im Jahre 1462 das Gebot, sie hätten alle ihre bisherigen Wohnungen zu verlassen und sich in einem eigens hierzu bestimmten Viertel, der sogenannten Judenstadt, anzusiedeln. Diese bestand jedoch eigentlich nur aus einer einzigen finsteren, etwa zwölf Fuß breiten Gasse und lag, wie Goethe sie schildert, zwischen Stadtmauer und Graben eingeklemmt.

Durch mehr als dreihundert Jahre blieb dies der alleinige Wohnort der Frankfurter Juden, deren Aufenthalt in der Stadt der Bürgerschaft immer missliebiger wurde. Schon im zweiten Jahrzehnt des 17. Jahrhunderts war eines der Ziele des in Frankfurt ausgebrochenen Aufstandes die Vertreibung der Juden, die unter Mord und Plünderung auch tatsächlich gelang. Sie kehrten allerdings bald in die Stadt zurück, mussten sich jedoch zahlreichen Beschränkungen unterwerfen und als fremde Elemente den »Schutz« ihrer Person und ihres Eigentums erkaufen. Sie hießen demzufolge »Schutzjuden«.

Die Anzahl der Familien war auf höchstens fünfhundert beschränkt, jährlich waren nur zwölf Ehen zugelassen, weitere nur dann möglich, wenn eine andere Familie gestorben war. Grund und Boden durfte von Juden nicht erworben werden. Handwerk und Landwirtschaft blieben ihnen verschlossen und auch der Handel mit vielen Waren, wie Frucht, Waffen und Seide, untersagt. Dazu war ihnen überhaupt verboten, außer zur Messezeit, Handelsartikel irgendwo anders als in der Judengasse feilzubieten. Der durch die Ghettomauer abgegrenzte Raum durfte weder bei Nacht noch an Sonn- und Feiertagen verlassen werden. Betraten die Juden eine Brücke, so mussten sie für das Überschreiten zahlen. Vom Besuch öffentlicher Wirtsstätten waren sie ausgeschlossen und durften auch die schönen Promenaden in der Stadt nicht betreten. Die drückende Lage der Juden, der Hang mancher von ihnen zu Wucher und Ausbeutung, die angeborene Abneigung der Christen sowie deren Gefühl, geschäftlich weniger pfiffig zu sein, schuf eine Atmosphäre gegenseitigen Hasses, die kaum irgendwo anders unleidlicher war als in Frankfurt.

In dem Ghetto dieser Stadt hausten auch die Vorfahren der jüdischen Familie, die späterhin den Namen Rothschild trug.

Die ersten bekannten Ahnen Meyer[1] Amschels, der den Grundstein zur späteren Größe des Hauses legte, lebten in der Mitte des 16. Jahrhunderts. Ursprünglich waren die Gebäude in der Judengasse nicht nummeriert und unterschieden sich nur dadurch voneinander, dass jedes Haus über dem Tore ein Schild in bestimmter Farbe oder mit besonderem Wahrzeichen aufwies. So zeigte das von den Mitgliedern der Familie Rothschild bewohnte Gebäude ein kleines rotes Schild. Von diesem leitet sich ohne Zweifel der Name der Familie her.1

In der Zeit bis zum Mannbarwerden des fünf Jahre vor Goethe 1744 geborenen Meyer Amschel Rothschild beschäftigten sich die Mitglieder der Familie als ortsansässige Schutzjuden zunächst mit Kleinwarenhandel und zu Beginn des 18. Jahrhunderts auch schon in mäßigem Umfange mit Geldwechsel. Nach ihren Steuerleistungen gehörten sie nicht zu den armen Juden, ihr Vermögen erhob sich aber auch nicht über ein gutes Mittelmaß.

Immerhin stand Meyer Amschel, der schon 1755, also im zwölften Lebensjahr, als ältester Sohn Vater und Mutter verlor, ein kleines Vermögen zur Verfügung, das ihn bei seinem in frühester Jugend im Elternhaus eingepflanzten Fleiß und Eifer befähigte, den Lebenskampf aufzunehmen. Freilich war dieser für einen jungen Juden damaliger Zeit unter den herrschenden Verhältnissen ungleich schwerer als für einen glücklicheren Christenspross. Doch schon als zehnjähriger Knabe war Meyer Amschel von seinem Vater dazu beauftragt worden, Münzen aller Art umzuwechseln. Bei der damaligen Zerrissenheit Deutschlands in zahllose kleine Fürstentümer, Städte und geistliche Gebiete, alle mit eigenem Münzregal, bot das Wechselgeschäft vortreffliche Gewinnmöglichkeiten, denn jedermann war selbst vor der kleinsten Reise gezwungen, die Hilfe der Wechsler in Anspruch zu nehmen. Aus dieser Beschäftigung des Knaben würde später für den gereiften Mann eine ernste Anregung entstehen.

Von einer jüdischen Schule kommt der jung Meyer Amschel nach Hannover ins Oppenheim’sche Handlungshaus. Dort tritt er durch Zufall mit einem General von Estorff in Verbindung, einem eifrigen Münzensammler, der sich durch den jungen Rothschild manch wertvolles Stück für seine Sammlung vermitteln lässt. Meyer Amschel beschäftigt sich nun neben seinen täglichen Pflichten immer häufiger mit der Numismatik und wird mit der Zeit ein ausgezeichneter Fachmann auf diesem Gebiet, obwohl seine übrige Bildung so ziemlich alles zu wünschen übrig lässt. Als noch ganz junger Mensch kehrt er in seine Heimatstadt Frankfurt zurück, denn dort erwartet ihn sein Erbe und damit die Grundlage für die Führung eines selbstständigen Geschäftes.

Ungefähr um die gleiche Zeit verlässt auch der General von Estorff Hannover und begibt sich an den Hof des Prinzen Wilhelm von Hessen, nach dem unweit Frankfurt gelegenen Städtchen Hanau. Des Prinzen Vater, Friedrich II., hatte eine Tochter des Königs Georg III. von England aus dem Hause Hannover geheiratet, und die beiden Fürsten nützen ihre verwandtschaftlichen Beziehungen, um sich wechselseitig in ihrer Politik zu unterstützen. Dabei spielt der von zahlreichen deutschen Fürsten betriebene Verkauf von Soldaten für fremden Kriegsdienst eine große Rolle. Insbesondere England, von jeher gewohnt, seine Kriege mit Söldnern fremder Nationalität zu führen, ist ein gut zahlender Abnehmer. Eben jetzt, im Jahre 1775, als die amerikanischen Kolonien sich gegen das Mutterland erheben, bedarf es wieder zahlreicher Mannschaften, was dem hessischen Schatz ein beträchtliches Stück Geld einbringt.

Im Jahre 1760 stirbt der alte Landgraf Wilhelm VIII., und Friedrich tritt in Kassel die Regierung an; Wilhelm wird Erbprinz und übernimmt im Alter von zwanzig Jahren und als Bräutigam der Tochter König Friedrichs V. von Dänemark die selbstständige Regierung der kleinen, 50 000 Einwohner zählenden Grafschaft Hanau, deren Verwaltung er sich mit höchstem Eifer widmet. Wilhelm ist eine durch und durch aktive Persönlichkeit, er bleibt keinen Augenblick untätig, liest sehr viel, schreibt selbst kleine geschichtliche Abhandlungen und hat einen ausgesprochenen Sammelsinn. General Estorff scheint nun bei seinem Herrn die Neigung wachgerufen zu haben, Münzen zu sammeln, eine Beschäftigung, die Wilhelm seit dem Jahre 1763 mit Eifer betreibt und die ihm Freude und Vergnügen bereitet. Dabei empfiehlt ihm Estorff gelegentlich einmal Meyer Amschel Rothschild, seinen alten Münzenlieferanten von Hannover. So eingeführt, wählt dieser eines Tages einige seiner schönsten Medaillen und seltensten Münzen aus und begibt sich nach Hanau, um sie dem jugendlichen Prinzen anzubieten. Er dringt zwar nicht bis zu diesem persönlich vor, doch gelingt es ihm, sie der Umgebung des Fürsten zur Vorlage einzuhändigen. Dieses Kaufangebot ist der Ausgangspunkt für eine ständige, zunächst freilich nur ganz lose und unpersönliche Geschäftsverbindung.

Frankfurt wird alljährlich im Frühjahr von vielen Fremden besucht. Die Messen dieser Stadt sind weithin berühmt. Man kann dort die neuesten Erzeugnisse der ganzen Welt in Augenschein nehmen, und auch der junge Wilhelm von Hanau, von Haus aus ein kaufmännisch begabter Kopf, zeigt ein besonderes Interesse an diesen Messen und ist deren ständiger Besucher. Solche Fahrten des Prinzen, die Meyer Amschel durch Vertraute unter der Dienerschaft stets rechtzeitig erfährt, nutzt er klug, um Wilhelm in Frankfurt nicht nur seltene Münzen, sondern auch schöne Steine und Antiquitäten anzupreisen und so in regelmäßige Geschäftsverbindung mit ihm zu gelangen. Dabei kommt ihm zugute, dass der Prinz die sonst allgemeine Abneigung gegen Juden nicht teilt und Leute zu schätzen weiß, die ihm klug und geschäftstüchtig erscheinen und die er für sein eigenes Interesse nützen zu können glaubt.

Meyer Amschel Rothschild, der für seine nun fünfundzwanzig Jahre eine bemerkenswerte Menschenkenntnis besitzt, strebt vor allem danach, seine Verbindung mit dem Prinzen von Hanau zur Erwerbung des Hoftitels auszunützen, weil ein Adels- oder Amtstitel von besonders großem Vorteil ist. Er erhofft davon nicht nur eine allgemeine Hebung seines Ansehens, sondern insbesondere auch eine Förderung seiner Beziehungen zu anderen Fürstlichkeiten, die sich für Münzen interessieren. In einem untertänigsten Schreiben aus dem Jahre 1769 bittet er unter Hinweis auf verschiedene Lieferungen an den Prinzen von Hanau, die zu »Höchstdessen gnädigstem Wohlgefallen« gereicht hätten, um den Vorzug, ihn zum »hochfürstlichen Hoffaktoren zu begnadigen«. Seine Bitte wird gewährt, und nun prangt hinter dem Namen Rothschild der schmückende Titel: »Fürstlich Hessen-Hanauscher Hoffaktor«. Meyer Amschel bereitet dieser erste Erfolg große Freude, denn sein Handlungshaus ist nun vor aller Welt im Ansehen erhöht, da auch die kleinste Fürstenkrone allen, die sich ihr nahen, etwas von ihrem Glanz verleiht. Denn der Prinz von Hanau ist ja dazu auch der Enkel des Königs von England, Gemahl der dänischen Königstochter und dereinst zur Regierung in Hessen-Kassel berufen.

Meyer Amschel ist ein großer stattlicher Mann von ausgesprochen hebräischem Gepräge, mit einem ein wenig schlauen, doch gutmütigen Ausdruck im Gesicht. Er trägt nach damaliger Sitte eine Perücke, die er als Jude freilich ungepudert lassen muss, und ein kleines schwarzes Spitzbärtchen. Wenn er sein Geschäft und sein kleines Vermögen betrachtet, so kann er sich sagen, dass er das ererbte Gut nicht nur verständig verwaltet, sondern auch erheblich vermehrt hat. Zwar kann man ihn noch längst nicht zu den reichen Männern Frankfurts, ja nicht einmal zu den vermögenden Juden dieser Stadt zählen, aber er ist immerhin wohlhabend zu nennen und kann daran denken, eine Familie zu gründen.

Schon seit Langem gefällt ihm die blutjunge Tochter eines nicht weit entfernt vom Rothschild’schen Wohnhause in der Judengasse angesiedelten Handelsmannes namens Wolf Salomon Schnapper. Sie ist siebzehn Jahre alt, als Meyer Amschel um sie wirbt, außerordentlich häuslich erzogen, einfach und bescheiden, dabei sehr fleißig und bringt überdies ein wenn auch kleines Heiratsgut in klingender Münze in die Ehe mit. Am 29. August 1770 findet die Vermählung statt, und 1771 schon wird dem jungen Paar das erste Kind, eine Tochter, geboren. Dann folgen in den nächsten Jahren drei Knaben, die die Namen Amschel, Salomon und Nathan erhalten.

Während die Hausfrau mit der Erziehung der Kinderschar und mit dem Haushalt vollauf beschäftigt ist, baut der Gatte sein Unternehmen weiter aus. Er kauft, ohne das normale Wechslergeschäft zu vernachlässigen, von geldbedürftigen Adeligen der Umgebung ganze Sammlungen auf und lässt bereits einen eigenen Münzen-und Antikenkatalog drucken, den er überallhin versendet. Solche Verzeichnisse gehen natürlich auch an seinen Gönner, den Prinzen Wilhelm, der schon sechs Jahre vor Meyer Amschels Eheschließung die Prinzessin Karoline von Dänemark geheiratet hatte. Vom ersten Augenblick ihrer Verbindung an waren die beiden zu der Erkenntnis gekommen, dass sie nicht zueinander passten. Ja, diese Ehe kann geradezu eine Strafe für die beiden physisch und geistig nicht harmonierenden Ehegatten genannt werden. Dies führt endlich dazu, dass Wilhelm seine Gemahlin gänzlich vernachlässigt, mit zahlreichen Geliebten lebt und mit ihnen Kinder zeugt. Die Geschlechter Haynau, Heimrod, Hessenstein und andere stammen aus solchen Verbindungen und erhielten ihren Adel dadurch, dass Wilhelm meist als Entgelt für dem Kaiser von Österreich gewährte Darlehen Adelstitel für seine zahllosen unehelichen Kinder eintauschte. Die vielfach genannten phantastischen Ziffern,2 deren Gesamtzahl zwischen siebzig und neunzig schwankt, sind schwer nachzuprüfen; dass die Zahl seiner Kinder indessen außerordentlich hoch ist, darüber besteht kein Zweifel.

Als Wilhelm die Zügel der Regierung seines kleinen Ländchens ergreift, kann er sich in Hanau als unumschränkter Herrscher aufspielen, und sofort zeigt sich sein stark ausgeprägtes Selbstgefühl. Höchst misstrauisch, von guter und schneller Auffassung, kann er leicht in Zorn geraten, insbesondere dann, wenn man sein Gottesgnadentum antastet. Im Übrigen ist er ein Freigeist, der es mit den Freimaurern hält und auf religiösem Gebiet volle Toleranz übt. Die Juden genießen unter seiner Regierung allerlei Begünstigungen, sie brauchen zum Beispiel auf dem Markt die Unterscheidungszeichen gegenüber den christlichen Handelsleuten nicht aufzurichten; Wilhelm hat im Gegenteil Gefallen an dem ausgeprägten Geschäftssinn der Israeliten, weil er in diesem Punkte ähnlich geartet ist wie sie. Materielle Ziele leiten ihn sogar, wenn er seinen Soldaten besondere Fürsorge zuwendet. Er strebt danach, dass seine Truppen sich äußerlich besonders schmuck zeigen, denn Wilhelm kann einen hohen Gewinn erzielen, wenn er das Beispiel seiner Vorfahren nachahmt und seine Mannschaften gegen gutes Geld nach England verkauft. Sein Vater, Landgraf Friedrich, hatte auf diese Weise das Vermögen ganz ungeheuer vermehrt. Wilhelm verkauft 1776 das eben aufgestellte kleine Hanauer Regiment gleichfalls nach England. Die Bedingungen dieses »Subsidienvertrages« sind für den englischen Käufer sogar noch drückender, da für jeden Toten und Verwundeten Ersatzgeld gezahlt werden muss. Auf diesem Wege vermehrt auch der Erbprinz sein Vermögen beträchtlich.

So häufen sich die Kapitalien bei Vater und Sohn, und beide lassen bedeutende Teile der britischen Hilfsgelder gar nicht erst auf das Festland kommen, sondern legen sie in England selbst an. Dieses zahlt aber häufig in Wechseln, die erst zu Geld gemacht werden müssen, und dazu bedürfen der Fürst und seine Beamten geeigneter Mittelsleute, die zwar selbst wieder Gewinn daraus ziehen, aber zurzeit unentbehrlich sind. Rothschild wird beim Erbprinzen in Hanau vorerst neben vielen anderen in bescheidenem Maße dazu verwendet. Die persönlichen Beziehungen sind zunächst nur sehr lose; ein Prinz, und gar ein regierender, gibt sich bei aller Aufgeklärtheit doch nicht so leicht mit einem Juden ab, und erst langjährige nutzbringende Erfahrungen und nur eine Gesinnung wie die Wilhelms werden diese Hemmungen überwinden können.

Zu den maßgebendsten unter den Beamten des Erbprinzen gehört ein Mann von einfacher Herkunft namens Karl Friedrich Buderus, der eine besondere Neigung zum Beruf eines Finanzbeamten zeigt. Sein Vater war Schreib- und Musiklehrer bei den Kindern einer Mätresse des Erbprinzen und fand dabei Gelegenheit, diesem einen Plan seines Sohnes zur Steigerung des Ertrages einer fürstlichen Meierei zur Kenntnis zu bringen, worin nachgewiesen wird, dass sich der jährliche Gewinn um 120 Taler steigern lasse, wenn man von der Gepflogenheit abgehe, die Hellerbrüche zu vernachlässigen.[2] Das leuchtete dem geizigen, mit jedem Taler rechnenden Erbprinzen ein und gefiel ihm so sehr, dass er Buderus die Vermögensverwaltung und die Agenden der Privatschatulle übertrug. Da zwischen dieser und der Staatskasse kein Unterschied besteht, kann man sich von der Größe des Einflusses dieses Mannes leicht eine Vorstellung machen.

Die Beamten sind zurzeit überdies an den Geschäften, die sie in ihrer amtlichen Eigenschaft durchführen, stets in einem bestimmten Verhältnis beteiligt und können es unschwer so einrichten, dass ihre persönlichen Interessen bei einem geschickteren Vertreter besser gewahrt erscheinen. Meyer Amschel Rothschild arbeitet mit einem gewissen natürlichen Einfühlungsvermögen in das Wesen der Menschen und im Bestreben, sich überall möglichst viele persönliche Beziehungen zu verschaffen. Er lässt es sich daher besonders angelegen sein, mit den Hanauer Kassenbeamten, speziell mit Buderus, möglichst gut zu stehen. Noch aber haben diese nicht das genügende Vertrauen in die finanzielle Kraft des Frankfurter jüdischen Handelsmannes, um ihm andere als kleine Geschäfte und Kredite bescheidener Höhe zu übertragen.

Da bringt der während der Mittagstafel eingetretene plötzliche Tod des Landgrafen Friedrich den Erbprinzen mit einem Schlage in den Besitz der Krone Hessen-Kassels. Als Wilhelm das Testament seines Vaters öffnet, findet er zu seiner Freude, dass das Land schuldenfrei ist und ihm ein ungeheures Vermögen zufällt. Die Angaben über die Höhe des Erbes schwanken zwischen 20 und 60 Millionen Talern, für jene Zeit ganz unerhörte Beträge. Der junge Landgraf sieht sich nun im Besitz einer Geldmenge, die ihm noch weit mehr Macht verleiht als seine neue Würde. Die Residenz wird aus Hanau in das viel weiter nördlich gelegene Kassel verlegt, und die natürliche Folge davon ist, dass die Beziehungen des Frankfurter Hoffaktors Meyer Amschel Rothschild zum hessischen Hofe zunächst unter der räumlichen Entfernung leiden. Um sich wieder in Erinnerung zu bringen, begibt er sich 1787 erneut mit einer schönen Auswahl von Münzen, Medaillen und edelsteinbesetzten Goldketten nach Kassel und bietet dem Landgrafen die Dinge zu äußerst billigen Preisen an. Der Fürst erkennt sofort den tatsächlich höheren Wert der Gegenstände und beeilt sich, das Geschäft abzuschließen. Meyer Amschel aber benutzt die Gelegenheit, die ergebenste Bitte anzubringen, ihn bei etwaigen künftigen Einlösungen von Wechseln nicht zu vergessen. Er nimmt das mindere Geschäft in Kauf, um damit einen viel wertvolleren Wechsel für die Zukunft einzuhandeln. Man kargt nicht mit Versprechungen, aber doch vergehen zwei Jahre, ohne dass man seine Dienste in Anspruch nimmt.

Endlich beschließt Rothschild, sich von Neuem zu melden. Im Sommer des Jahres 1789 wendet er sich an den Landgrafen, pocht auf seine langjährigen, als hessen-hanauischer Hoffaktor geleisteten Dienste und erbittet Berücksichtigung bei den Wechselgeschäften mit gleichzeitiger Anlehensgewährung. Um seinen Mitbewerbern gleichzustehen, versichert er, zumindest immer den höchsten Preis zu halten, den irgendein Kasseler Bankier böte. Wilhelm findet es jedoch für nötig, die Einziehung näherer Auskünfte über das Handelshaus Rothschild anzuordnen. Diese fallen im Allgemeinen günstig aus. Man bezeichnet Meyer Amschel als einen pünktlichen Zahler, einen eifrigen und rechtschaffenen Mann, der daher durchaus kreditwürdig sei, wenn man auch die Höhe seines Vermögens nicht ziffernmäßig feststellen könne. Dennoch erhält Rothschild daraufhin nur einen verhältnismäßig unbedeutenden Auftrag. Immerhin ist es ein bescheidener Anfang.

Buderus, der inzwischen zu immer höheren Würden aufgerückt ist, muss in Geldgeschäften häufig von Kassel nach Frankfurt reisen. Er steht schon 1790 in geschäftlicher Beziehung mit Rothschilds Schwiegervater, und dieser ist es, der ihn mit Meyer Amschel zusammenbringt. Der hessische Hofbeamte hört auch anderweitig von dem wachsenden Ansehen des geschickten Juden und wie er seine eingegangenen Verpflichtungen stets auf das Genaueste und Pünktlichste eingehalten habe. Auch lässt er sich allmählich von dessen Überredungskünsten beeinflussen. Dank Buderus’ Fürsprache gelingt es schließlich, den Widerwillen des Landgrafen zu besiegen, und so wird von nun an auch Rothschild in steigendem Maße zu Wechselrealisierungen und sonstigen Geschäften herangezogen.

Der junge Haushalt braucht auch einen guten Gang des Geschäftes, denn 1788 kommt wieder ein Sohn, Carl Meyer, und 1792 ein fünfter, Jakob, genannt James, zur Welt, und außerdem ist die Ehe Meyer Amschels noch mit fünf Töchtern gesegnet. Man muss also schon eine stattliche Familie von zwölf Köpfen ernähren. Das aufblühende Geschäft vermag aber nicht nur die Erfordernisse für deren Unterhalt zu finanzieren, sondern wirft so viel ab, dass von dem steigenden Einkommen stets wachsende Rücklagen zur Vermehrung des Geschäftskapitals gemacht werden können. Nach außen hin tritt das Wachstum des Rothschild’schen Vermögens dadurch in Erscheinung, dass er im Jahre 1785 ein stattlicheres Wohngebäude, das sogenannte Haus »zum grünen Schild«, erwirbt.[3] Doch auch da zeigt sich auf Schritt und Tritt die drangvolle Enge, in der die Juden der damaligen Zeit zusammengepfercht leben müssen, ist ihnen doch einzig und allein die kleine schmale Judengasse zugewiesen. Jeder Raum des Hauses ist bis zum Letzten ausgenützt. Ein schmaler Gang führt zu einem winzig kleinen Dachgarten mit etwas Grün. Da den Juden das Betreten der öffentlichen Gärten verwehrt ist, bildet der Dachgarten bescheidenen Ersatz dafür und ist die Erholungsstätte des Hauses. Rückwärts über dem engen Hof liegt ein etwa drei Quadratmeter messender Raum – das erste eigentliche Bankhaus Rothschild. Darin steht als wichtigstes Einrichtungsstück eine größere eisenbeschlagene Truhe mit einem mächtigen Vorhängeschloss, das aber nur durch einen besonderen Trick zu öffnen ist. Hier befinden sich auch auf das Geschickteste in der Mauer verborgene Geheimfächer. Sehr bescheiden ist die Küche des Hauses mit einem winzigen Herd, an dem nur ein einziger Kochtopf ins Feuer herabgelassen werden kann. Das ist der Schauplatz, an dem Meyer Amschel und seine Söhne durch ihre eifrige Tätigkeit den Grundstein für die gewaltige Entwicklung ihres Hauses legen sollten.

Das Jahreseinkommen des Hauses Rothschild kann vor der Kriegszeit der neunziger Jahre des 18. Jahrhunderts auf die Summe von 2 000 bis 3 000 Gulden[4] geschätzt werden, ein Betrag, der mehr Farbe gewinnt, wenn man hört, dass die angesehene Goethe’sche Familie für den gesamten Haushalt ungefähr 2 400 Gulden im Jahre verbrauchte. Mit solchem Einkommen ließ es sich in Frankfurt also schon ganz gut leben, obwohl sich auch hier die auflebenden politischen Stürme bald empfindlich fühlbar machten. Denn inzwischen spielten sich gewaltige Ereignisse ab.

Die Französische Revolution ist über Europa hinweggebraust und hat jeden Einzelnen irgendwie in Mitleidenschaft gezogen. Der Wille allseitiger Ausdehnung und Verbreitung ihrer Errungenschaften führt die neuen Machthaber bald auf die Bahn des Strebens nach Weltherrschaft. Das bedeutet vor allem für die deutschen Fürsten, deren Gebiete an Frankreich grenzen, eine gefährliche Bedrohung. Landgraf Wilhelm hat Gelegenheit, schaudernd den grauenvollen Erzählungen der Emigranten zu lauschen, die ihre nächsten Verwandten unter der Guillotine verloren haben und als bettelarme Flüchtlinge in die Fremde ziehen mussten. Die Kunde von der drohenden Aburteilung des französischen Königspaares und von den Grausamkeiten gegen alle, die fürstliche oder adelige Vorrechte besitzen, lassen ihn, wie alle anderen Fürsten Europas, um die Krone zittern. Er fürchtet aber auch für seinen ungeheuren Reichtum, der unter solchen Umständen eine besondere Gefahr bedeutet. So braucht er nicht erst lange umworben zu werden, um an der großen Fürstenkoalition gegen das revolutionäre Frankreich unter Führung Kaiser Franz II. teilzunehmen.

Aber die vereinten Monarchen haben sich den Marsch nach Paris allzu leicht vorgestellt. Die schlecht geführten und uneinigen Verbündeten werden der fanatisch freiheitsbegeisterten und national fühlenden Revolutionsheere nicht Herr. Hessen und Preußen müssen den Rückzug antreten. Ja, der französische General de Custine dringt 1793 sogar über den Rhein bis Frankfurt vor, was den panisch erschrockenen Wilhelm zu schleuniger Rückkehr nach Kassel und Vorsorge für die Sicherheit seines Kronschatzes veranlasst. Wutentbrannt muss er die Kundmachung der Franzosen an die hessischen Soldaten lesen, die die Aufforderung enthält, sie sollen den »Tyrannen und Tiger«, der »ihr Blut verkaufe, um seine Schatzkammern zu füllen«, im Stich lassen. Es gelingt dem Kurfürsten schließlich, die schwachen französischen Truppen wieder aus Frankfurt zu vertreiben. Das kostet zwar sehr viel Geld, aber ein neuer Hilfsvertrag mit dem dem Bündnis gegen Frankreich beigetretenen England und die Lieferung von achttausend hessischen Soldaten gleichen den Verlust wieder aus. Meyer Amschel Rothschild und seine Konkurrenten haben mit dem Zu-Geld-Machen der von England hierfür angelieferten Wechsel alle Hände voll zu tun.

Der Koalitionskrieg geht weiter, und Frankfurt hat wieder unter den Kriegswirren zu leiden. Die Stadt wird am 13. Juli 1796 sogar von den Franzosen bombardiert, wobei diese einen Teil der aus meist schlecht erbauten, kleinen Holzhäusern bestehenden Judengasse in Brand schießen. Das Rothschild’sche, als eines der bestgebauten dieser Gasse, erleidet nur geringen Schaden. Da man nicht imstande ist, die Häuser so schnell wieder aufzubauen, muss wohl oder übel von dem Grundsatz des Ghettos abgegangen und den Juden das Wohnen und Handeltreiben auch außerhalb der strengen Absperrung gestattet werden. Die Rothschilds nutzen diese günstige Gelegenheit und verlegen ihren Warenhandel weiter in die Stadt hinein.

Die Ereignisse des ersten Koalitionskrieges, in die Meyer Amschel mit wechselndem Glück verstrickt ist, bedeuten eine gewaltige Steigerung der Tätigkeit der verschiedenen Hoffaktoren, die in des Landgrafen Diensten stehen. Denn hat der Krieg Frankfurt auch erheblichen Schaden gebracht, indirekt ist er der Stadt wieder zugutegekommen. Meyer Amschel Rothschilds mit den kriegerischen Ereignissen zusammenhängende Geld- und Lieferungsgeschäfte nehmen lawinenartig zu. In den damaligen Kriegsgewinnen liegt der eigentliche Kern des späteren ungeheuren Vermögens des Hauses Rothschild. Freilich kann man so große Einnahmen nicht mehr völlig verbergen. Bis 1794 ist steueramtlich das Vermögen der Familie zwanzig Jahre hindurch unverändert auf nur 2 000 Gulden geschätzt worden, und sie haben nach dieser »Schatzung« auch Steuer, zuletzt 13 Gulden, gezahlt. Nun wird Rothschild jedoch unter jene eingereiht, die nach der höchsten Schatzung auf mehr als 15 000 Gulden Vermögen Steuer zahlen müssen.

Indes sind die drei ältesten Söhne herangewachsen und werden von ihrem Vater in steigendem Maße in das Geschäft einbezogen. Die große Kinderzahl, anderen eine Quelle von Sorgen aller Art, ist hier, wo es Beschäftigung und Arbeit in Hülle und Fülle gibt, geradezu ein Segen. Sie erspart es Meyer Amschel, allzu viele Fremde in sein Geschäft aufnehmen und ihnen unerwünschten Einblick in die Art und Weise der Führung desselben gewähren zu müssen. Da mit zunehmendem Umfang des Unternehmens vorteilhafterweise auch die Zahl der schon zur Mitarbeit fähigen Kinder steigt, können die Vertrauensposten sozusagen ganz in der Familie bleiben. Der enge Zusammenhalt, der althergebrachte Familiensinn und die Verfolgung von außen, die die Juden zwingt, sich zur Abwehr innerhalb ihrer Gemeinde eng zusammenzuschließen, bewirken Wunder. Insbesondere die zwei ältesten Söhne arbeiten schon seit ihren Knabenjahren auf das Eifrigste in der Firma, und der Vater fördert dies in kluger Weise, indem er sie schon sehr früh über das allgemeine Interesse der Familie hinaus an dem Gedeihen der Unternehmung materiell teilhaben lässt.

Trotz der wachsenden Zahl von mitarbeitenden Familienmitgliedern muss Meyer Amschel noch Buchhalter anstellen, die Sprachkenntnisse besitzen, denn alle Mitglieder der Familie Rothschild sind in jener Beziehung noch höchst ungebildet, sprechen und schreiben außer Hebräisch nur ein schlechtes Frankfurter Jüdisch-Deutsch. Da sie bei ihren wachsenden Beziehungen zu hohen Herrschaften auch besonders auf die äußere Form ihrer Briefe achten müssen und sich hierzu nur eine geeignete christliche Kraft findet, stellt Rothschild diese ohne Bedenken ein. In diese Zeit fällt auch ein förmlicher Gesellschaftsvertrag, den Meyer Amschel mit seinen beiden ältesten Söhnen abschließt und nach dem Gewinn und Verlust nach einem bestimmten Schlüssel unter den drei Gesellschaftern verrechnet werden.

Die Beziehungen zum hessischen Landesfürsten werden durch die Kriegsläufe und die dadurch erwachsenden großen Anforderungen an die landgräfliche Kasse gefördert. Wilhelm von Hessen sieht nach dem Sonderfrieden von Basel des Jahres 1795 den Kriegsstürmen in Europa unbeteiligt zu und beschäftigt sich vornehmlich mit möglichst fruchtbringender Verwaltung seines großen Vermögens. Ihm bleibt die Freude an Geld und Gut, die so leicht zu Geiz führt, nicht fremd. So viel er auch besitzt, beherrscht ihn doch der Hunger nach mehr. Er spart und knausert, wo und wie er kann, und sinnt dabei auf Schliche und Wege, wie er die sich in seinen Kellergewölben anhäufenden Bargeldsammlungen nutzbringend anlegen kann. So beginnt er Gelder auf Zinsen auszuleihen. Der regierende Landgraf wird allmählich ein Allerweltsbankier, der Fürsten und Adeligen ebenso wie kleinen Kaufleuten und Juden, ja selbst Handwerkern, zu gleich hohen Zinsen leiht. Sein Riesenvermögen setzt sich schließlich aus Bargeld, Juwelen, Kunstgegenständen und Münzen wie aus Schuldscheinen und Verzeichnissen von als Deckung hinterlegten Wertpapieren zusammen.

Die 1795 erfolgte Aufgabe des Kampfes gegen Frankreich durch Preußen und Hessen hat eine vorübergehende Verstimmung zwischen dem Landgrafen und dem deutschen Kaiser Franz hervorgerufen. Aber sie finden sich bald wieder, denn jeder von beiden braucht den anderen. Wilhelm will Unterstützung bei Landerwerb und für die Erlangung der ersehnten Kurfürstenwürde, und der Kaiser ist durch die stetigen Kriege mit Frankreich in schwerer Geldnot. Bald dient Meyer Amschel als finanzieller Mittelsmann zwischen Landgraf und Monarch. Dies wird dadurch möglich, dass das Rothschild’sche Vermögen in den letzten Kriegsjahren sprunghaft gewachsen ist. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts ist es von der Million Gulden nicht mehr weit entfernt.

Die Wechselgeschäfte, Geldzahlungen und Warenbezüge aus England, dem Hauptlieferanten für den Frankfurter Platz, der wiederum ganz Deutschland versorgt, führen zum Bedürfnis, jenseits des Kanals einen Vertreter ansässig zu machen. Da dies ein unbedingter Vertrauensmann sein muss, liegt nichts näher, als einen der fünf Söhne dazu zu bestimmen. Die beiden ältesten, Amschel[5] und Salomon, sind in das Frankfurter Geschäft vollauf eingearbeitet. Der dritte, Nathan, nun einundzwanzig Jahre alt, höchst begabt, von unbändigem Selbstständigkeitsdrang und von Arbeitslust beseelt, fühlt sich in dem väterlichen Geschäft von den älteren Brüdern zu sehr zurückgesetzt. Auch er verfügt trotz seiner Jugend schon nach der klugen Maßnahme des Vaters über einen ihm persönlich gehörenden Vermögensbetrag und Geschäftsanteil. Da die festländischen Staaten infolge von Krieg und Revolution viel weniger erzeugen, gleichwohl aber viel mehr als in normalen Zeiten verbrauchen, überschwemmen englische Musterreisende das europäische Festland, und so kommt im Jahre 1798 ein solcher auch zum Handelshaus Rothschild, wo er von Nathan empfangen wird. Das hochfahrende Auftreten des Engländers empört den jungen Mann, und er stellt dessen Hochmut auch seinerseits Schroffheit entgegen, worauf der fremde Handelsherr weitere Beziehungen ablehnt. Dies ist der äußere Anstoß zum Entschluss, dem Vater vorzuschlagen, dass er, Nathan, selbst nach England gehen wolle, um dort sowohl auf eigene Faust Kaufmann zu werden wie auch die Vertretung der gemeinsamen Firma Rothschild zu übernehmen. Vater und Brüder setzen dem unternehmungslustigen jungen Mann keinen Widerstand entgegen und unterstützen seinen Entschluss in jeder Weise. Nathan nimmt so viel flüssiges Geld mit sich als möglich, anderes erhält er nachgesandt; alles in allem beträgt das von ihm nach England mitgebrachte Kapital etwa 20 000 Pfund, gleich einer Viertelmillion Gulden.

Ohne vorgefassten Plan und ohne auch nur im Entferntesten die Bedeutung zu erahnen, die dieser Schritt in späterer Zeit gewinnen soll, ist diese erste Abzweigung des Rothschild’schen Hauses folgerichtig aus den Familienverhältnissen und den Erfordernissen des Warenhandels mit England erwachsen.

Zweites Kapitel

Die Zeit der napoleonischen Machtfülle

Die Jahrhundertwende fällt mit einem wichtigen Abschnitt in den Kriegen gegen die aus der Revolution hervorgegangene Französische Republik zusammen. Der im Jahre 1801 geschlossene Frieden von Lunéville besiegelt des genialen Bonapartes Landsiege, schafft damit die Vormachtstellung Frankreichs zu Lande, bestätigt aber auch die Englands zur See. Das muss notwendigerweise zur Wiederaufnahme des Kampfes führen, bis einer der beiden großen Gegner blutend am Boden liegt.

Die Familie Rothschild hat nun schon so sehr an Bedeutung gewonnen, dass diese Weltereignisse tief in ihr Schicksal greifen. Der Vater Meyer Amschel ist um 1800 ungefähr der zehntreichste Jude in Frankfurt, und es handelt sich nur darum, wie der Chef des Handelshauses und seine Söhne sich in den stürmischen Kriegszeiten verhalten werden. Zahlreiche im Wettbewerb stehende Firmen sind reicher als sie, haben von früher her noch bessere Verbindungen und sind zum Teil christlich und unbeschwert von dem den Juden anhaftenden Makel; anderseits kommt den Rothschilds die gediegene, mit gutem Menschenverstand, dabei emsig und tatkräftig arbeitende Person des Firmenchefs zugute, den vier tüchtige, unter der Leitung dieses Vaters zu vorzüglichen Kaufleuten erwachsene Söhne unterstützen. Nathan, der unternehmendste der fünf jungen Rothschilds, weilt in England und kann in dem meergeschützten Insellager des großen Feindes Napoleons die Weltereignisse viel ruhiger verfolgen, beurteilen und ausnutzen als die Brüder auf dem Festland.

Eine der wichtigsten in Frankfurt erworbenen Verbindungen ist jene mit dem fürstlichen Hause Thurn und Taxis, dessen Chef, Fürst Karl Anselm, die wichtige Stelle eines Erb-Postmeisters im Heiligen Römischen Reich einnimmt. Diese Familie hatte zu Ende des 15. Jahrhunderts als erste eine reitende Botenpost eingeführt, gleichzeitig aber die beförderten Briefe als Nachrichtenquelle zu eigener Orientierung und auch zu jener der deutschen Kaiser benutzt. Auf diese nicht ganz einwandfreie Weise zu wichtigen Kenntnissen gelangt, hatten die Monarchen großes Interesse, dem Hause das Postmonopol zu erhalten. Wenn man sich also mit jener Familie gut stellte, so konnte man sich leicht und schnell Nachrichten verschaffen und solche ebenso auch versenden. Meyer Amschel Rothschild ist sich im Laufe der Zeit darüber klar geworden, dass richtiges und rasches Orientiertsein, insbesondere das Früherwissen von Nachrichten in Kriegszeiten, von größter Wichtigkeit für den Bankier und Handelsmann sind.

Da nun der Schwerpunkt dieses Post- und Nachrichtendienstes in seiner Vaterstadt liegt, so macht er sich in kluger Voraussicht an das Haus Thurn und Taxis heran und besorgt Geldgeschäfte aller Art zu dessen hoher Zufriedenheit. Darauf beruft sich Meyer Amschel, als er sich an die höchste Instanz des kaiserlichen Reichsoberpostamtes in Frankfurt, an des Kaisers Majestät selbst, wendet. Gerade das, wovon er am meisten Nutzen gezogen hat, nämlich die Geldund Lieferungsgeschäfte, dann die dem Hause Thurn und Taxis geleisteten Dienste, führt er in einem Majestätsbesuch um Verleihung eines Hoffaktortitels für sich und seine Söhne als Verdienste an. Redlich und pünktlich ist er ja auch wirklich in seinen Geschäften gewesen. Tatsächlich lässt sich der römisch-deutsche Monarch, dessen ganze Macht sich zu jener Zeit mehr oder weniger auf Ernennungen und Verleihungen beschränkt, dazu herbei, Meyer Amschel den Titel eines kaiserlichen Hoffaktors zu verleihen. Das hat für diesen nicht nur den Wert eines freien Passierscheines durch das ganze Römische Reich Deutscher Nation, sondern befreit ihn auch von mehreren, den Juden jener Zeit abverlangten Steuern und Leistungen. Außerdem klingt der neue Titel »kaiserlicher Hoffaktor« noch bedeutend besser als »landgräflich hessischer«.

Auch Amschels ältere Söhne suchen, wo sie können, Hoftitel zu erwerben, und beide werden 1801 bereits zu hessischen Kriegszahlagenten ernannt. Der Landgraf bleibt den Rothschilds gegenüber jedoch nach wie vor misstrauisch, und nur auf besondere Fürsprache seines Vermögensverwalters Buderus streckt er Amschel einen kleinen Anleihebetrag vor. Rothschild ist indes über die Vermögensverhältnisse des Hessenfürsten durch Buderus genau unterrichtet und entschlossen, die Konkurrenz aus dem Felde zu schlagen. Er fährt, während Frankfurter Firmen warten, bis man zu ihnen kommt, persönlich nach Kassel und bietet dem Fürsten sehr günstige Bedingungen. Wirklich gelingt es ihm mit Buderus’ Hilfe, Wilhelms Einwilligung zur Gewährung einer größeren Anleihe an Dänemark zu erlangen. Der günstige Verlauf dieses ersten selbstständig vermittelten großen Geschäftes trägt Meyer Amschel nicht nur Geldgewinn, sondern auch den Titel eines hessischen Oberhofagenten ein. Buderus tritt in steigendem Maße für Rothschild ein, und es kommen bis 1806 nicht weniger als sieben landgräfliche Anleihen zustande. Der erzielte Gewinn muss freilich mit erhöhtem Hass und der Feindschaft der Konkurrenzfirmen bezahlt werden, die Eingaben über Eingaben an den Landgrafen machen, um Rothschild zu schaden. Meyer Amschel zeigt bei diesen Unternehmungen größte Betriebsamkeit. Er scheut selbst die damals so beschwerliche Reise nach Hamburg nicht, um mit dem Bankier Lawaetz in Verbindung zu treten.

Die Ränke der anderen Bewerber verfehlen nicht ganz ihre Wirkung auf Wilhelm von Hessen. Er bleibt misstrauisch, verweigert mehrfach die Beteiligung an weiteren von Rothschild vorgeschlagenen Geschäften und lässt sich zu solchen erst wieder nach wiederholtem Bitten und Drängen bewegen. Bei den nun durch Vermittlung Rothschilds gewährten Anleihen handelt es sich durchwegs schon um bedeutende, in die Hunderttausende gehende Summen. Je größer sie sind, desto lieber ist es Meyer Amschel, denn umso höher sind die Vermittlerprozente, und die Verlustgefahr trägt nicht er, sondern der Landgraf, dessen Lieblingsbeschäftigung nach wie vor die Mehrung und Verwaltung seines großen Vermögens bleibt.

Der Friede von Lunéville, der Frankreichs Grenzen bis an den Rhein verschiebt, bringt Wilhelm von Hessen zwar in weiterer Folge die 1803 verkündete lang ersehnte Kurwürde, aber das meteorartige Emporsteigen Bonapartes und die Stellung des revolutionären Frankreich in der Welt scheinen ihm höchst unheimlich und gefahrdrohend. Dessen Friede mit England dauert nicht lange, bereits im Mai 1803 erklärt das Inselreich dem Machthaber in Paris neuerdings den Krieg. Die Stellungnahme zu dieser Weltlage bleibt Wilhelm von Hessen nicht lange erspart. Schon im Oktober 1803 versuchen die ins englische Hannover eingedrungenen Franzosen vom Kurfürsten Geld im Tausch für hannoversches Gebiet zu erlangen. Die Gefahr, England zu verletzen, lässt ihn diesen Antrag ablehnen, und der Kurfürst beleidigt so zum ersten Male den Korsen, von dessen Gefährlichkeit er sich noch kein richtiges Bild macht. Von nun an ist es mit den ruhigen Zeiten in Frankfurt und Hessen vorbei. Das durch Napoleons gewaltige Persönlichkeit aufgerührte Europa gerät aus einer Krise in die andere.

Die Verwaltung des riesigen kurfürstlichen Vermögens gestaltet sich unter diesen Umständen immer schwieriger, und Wilhelm benötigt Meyer Amschels Rat nun immer häufiger, sodass dessen Reisen nach Kassel nicht mehr abreißen. Sein ältester Sohn weilt schon Monate hindurch ständig in dieser Stadt. Die Bevorzugung des Frankfurter Hauses erregt bereits innerhalb der in Kassel selbst ansässigen Judenschaft Neid und Missgunst gegen den Fremdling. Meyer Amschel sieht sich genötigt, um einen Kasseler Schutzbrief für sich und seine Söhne zu bitten, wodurch er dieselben Rechte erhalten soll wie die Schutzjuden dieser Stadt. Er schreibt an den Kurfürsten:

»Da ich nun schon über vierzig Jahre den Characteur als Hof Factor gehabt und Ew. kurfürstlichen Durchlaucht schon in meiner Jugend deren huldreiche Gnade mir Angelegen gelaßt so Hoffe auch jetzo gnädigste Bewilligung ich ver Harre in tiefste Respect Ew Kur fürstliche Durchlaucht Meinem gnädigsten Kurfürsten und Herrn unterthänigster Knecht Meyer Amschel Rothschild.

Cassel, den 21. April 1805«3

Dieses in nicht sehr schönem Deutsch von dem Bittsteller persönlich abgefasste Gesuch erregt einige Heiterkeit am kurfürstlichen Hof. Man erwidert aber darauf, die Bitte könne nur gewährt werden, wenn Meyer Amschel mit seinem ganzen Vermögen nach Kassel ziehe, was dieser natürlich nicht will. Schließlich wird der Schutzbrief aber doch auf Amschel Meyer Rothschild, den ältesten Sohn, ausgestellt. Hat der Vater in Kassel um seine Stellung zu kämpfen, so steigt dagegen in Frankfurt sein Ansehen ob dieser Verbindung mit dem hessischen Herrscher, die nun jedermann offenbar wird und zu mancherlei Bevorzugung führt. In dieser Zeit hat Rothschild häufig mit Lawaetz zu tun, der sich der Familie gegenüber jedoch noch etwas zurückhaltend zeigt. Freunden gegenüber betont er, er habe den »Herrn Rothschild zwar immer ungemein reell, prompt und des vollen Vertrauens würdig gefunden«, meint aber doch, man müsse, da so bedeutende Summen auf dem Spiel stünden, auch ihm gegenüber sehr vorsichtig sein.

Ganz Frankreich widerhallt um die Wende des Sommers 1804 von dem Ruf »Vive l’Empereur!« Daneben verblasst das Ansehen des deutschen Kaisertums noch mehr, was sich äußerlich darin zeigt, dass sich am 10. August 1804 Franz II. zum Kaiser von Österreich erklärt. Im September 1804 erscheint Napoleon auf seiner Rundreise durch die neugewonnenen Rheinlande in Aachen und Mainz und tritt mit Glanz und Prunk gleichsam als Nachfolger Karls des Großen auf. Damit legt er die Grundlage zu jener Vereinigung deutscher Fürsten, die den Namen »Rheinbund« führen soll. Napoleon lädt auch Wilhelm von Hessen nach Mainz, eine Einladung, die einer zwangsweisen Aufforderung zur Huldigung sehr ähnlich sieht. Der Kurfürst entschuldigt sich mit einem plötzlichen Gichtanfall. Bonaparte antwortet sehr kühl. Diesmal ist er noch höflich geblieben, aber er schwört sich, dies Wilhelm bezahlen zu lassen. Drohend ruft der französische Gesandte in Kassel mit dem Hinweis auf das Fernbleiben des Fürsten von Mainz: »On n’oublie pas, on n’oublie rien!«

Dem Kurfürsten von Hessen ist nachträglich doch unheimlich zumute, und er sucht vorsichtig und geheim Verbindung mit England und Österreich, das sehr zu den Gegnern des Franzosenkaisers neigt. Im Mai 1805 tritt Kaiser Franz der Koalition gegen Napoleon endgültig bei. Der Korse lässt von seiner geplanten Landung auf den britischen Inseln ab und wendet sich gegen Österreich. Die Folge davon ist großer Geldbedarf, und nun beginnt man sowohl von Wien als auch von London aus um die Bundesgenossenschaft des Kurfürsten zu werben, was dieser sofort mit dem Verlangen nach Subsidien beantwortet. Dabei weiß er gar nicht mehr, wo er all seine verfügbaren flüssigen Vermögensteile anlegen soll. Während des Krieges werden die englischen Hilfsgelder in bar auf den schwierigsten Umwegen nach Österreich geschafft; noch kennt man nicht die Rothschild’sche Art und Weise der Überweisung großer Geldsummen und benutzt den so gefährlichen Wagentransport in natura. Eben als die Verbündeten am 2. Dezember 1805 bei Austerlitz geschlagen werden, ist eine solche Sendung auf dem Wege, und unter dem Eindruck der Niederlage ergeht Hals über Kopf ein Allerhöchster Befehl, wonach die Hilfsgelder in großem Bogen über Galizien und die Karpaten umgeleitet werden sollen.

Die Kriegswirren, die Europa heimsuchen, zwingen fast alle Staaten, ob sie wollen oder nicht, Stellung zu nehmen. Der Kurfürst von Hessen will sich seinem Charakter entsprechend einfach jener Partei zuwenden, bei der am meisten Gewinn zu erhoffen ist. Da nun auch Preußen mit Napoleon in Widerstreit gerät, versucht auch dieses, den Kurfürsten zu sich herüberzuziehen. Demgegenüber lässt der französische Hof ihn wissen, er wolle Kurhessen beträchtliche Zugeständnisse machen, falls es sich ganz vom preußischen Einfluss löse.

Da wird am 12. Juli 1806 die Rheinbundakte veröffentlicht, durch die Napoleon sechzehn deutsche Reichsstädte durch Versprechungen zum Abfall vom Deutschen Reich bewegt. Als Gegengewicht versucht Preußen eine Einigung der Fürsten des nördlichen Deutschlands zustande zu bringen, für die man auch den Kurfürsten von Hessen durch Aussicht auf Landerwerb und die erträumte Königswürde gewinnen will. Darauf folgen wieder Drohungen und Versprechungen von französischer Seite. Des Kurfürsten Haltung bleibt unklar. Er hält es nun für das Beste, den Schein der Neutralität bis zum wirklichen Ausbruch des Krieges beizubehalten und sich dann auf die Seite dessen zu schlagen, der im Kampfe das Übergewicht erlangt.

Am 14. Oktober 1806 wird Preußen durch blitzschnelles Vorrücken der Franzosen bei Jena und Auerstädt entscheidend geschlagen. Nun gibt Napoleon Befehl, Kassel und Hessen zu besetzen und, falls der Kurfürst und der Erbprinz dort bleiben sollten, beide als preußische Feldmarschälle kriegsgefangen zu setzen. Napoleon sagt kurz und bündig:

»Meine Absicht geht dahin, das Haus Hessen-Kassel von der Herrschaft zu entfernen und aus der Reihe der Mächte zu streichen.«4

Mit Schrecken hat Meyer Amschel Rothschild die sich überstürzende Entwicklung der Dinge mit angesehen, und er in Frankfurt wie sein Sohn Amschel in Kassel treffen alle möglichen Maßnahmen, um in ihren und des Kurfürsten Geldangelegenheiten nicht allzu schweren Schaden zu erleiden. Gerade jetzt sind die Geschäfte so gut im Gang, und sogar Lawaetz hat sich auf die Seite Rothschilds geschlagen. Er schreibt am 2. Juli 1806 an Buderus, er werde dem guten Rothschild beistehen, so viel er vermöchte.

»Ich hoffe, man soll am Ende überzeugt werden, dass er ein braver Mann ist, der Achtung verdient; der Neid mag sprechen wider ihn, was er wolle.«

Trotz allem, was Meyer Amschel bisher im Dienste Wilhelms von Hessen getan, hat er sich dessen Vertrauen doch noch nicht in solchem Maße gewonnen, dass man seine Hilfe bei der nun erfolgenden Bergung und dem Abtransport der ungeheuren Schätze des Kurfürsten in Anspruch nimmt. Eigenhändig entwirft Wilhelm, dessen Kriegskasse allein 21 Millionen Taler enthält, von denen 16 verliehen sind, Pläne zur Rettung seines Vermögens. Er bestimmt, dass in dreien seiner Schlösser die Hauptkostbarkeiten vergraben und eingemauert werden sollen. Da Staatskasse und Privatschatulle des Fürsten eins sind, muss man auch die Bücher der Finanzverwaltung auf Jahrzehnte zurück verschwinden lassen. 47 Kisten mit Kostbarkeiten will der Kurfürst auf dem Wasserweg des Rheins nach England bringen. Er kann sich jedoch mit dem Schiffer über 50 Taler Frachtkosten auf oder ab nicht einigen, und so unterbleibt der Transport, und auch diese Schätze werden vergraben. Derartige Maßnahmen können unmöglich geheim bleiben. Zu viele Personen müssen dabei ins Vertrauen gezogen werden, und in der ganzen Gegend spricht es sich lange vor dem Eindringen der Franzosen herum, es sei höchste Gefahr im Anzug, der Kurfürst berge alle seine Reichtümer.

Französische Truppen biwakieren, von Frankfurt kommend, in der Nacht vom 31. Oktober auf den 1. November bereits auf den Kassel umgebenden Anhöhen. Angstvoll blickt der Kurfürst aus den Fenstern seines Schlosses nach diesen leuchtenden Zeichen des Feindes. Da erscheint der französische Geschäftsträger und bringt Napoleons Ultimatum, das die vielsagende Adresse trägt: »An den Kurfürsten von Hessen-Kassel, Feldmarschall in preußischen Diensten.« In kurzen, harten Worten wird darin das Doppelspiel Wilhelms gegeißelt und die völlige Entwaffnung und Besetzung des Landes angekündigt. Da sieht Wilhelm von Hessen ein, dass ihm nur noch Flucht übrig bleibt. In den wenigen Stunden vor Einmarsch der Franzosen muss schnell noch möglichst viel beiseitegeschafft werden, und man hat auch die dringendsten Verfügungen über die ausstehenden Gelder zu erlassen. Wilhelm bevollmächtigt Buderus, die in Wien zahlbaren Zinsen der Kaiser Franz geliehenen Kapitalien beheben zu dürfen, und der Agent gibt die Vollmacht an Rothschild weiter, der diese Zinsen in der Folge durch einen Geschäftsfreund in Wien einzieht.

Mitten in der Nacht erscheint bei dem aus dem Schlaf geweckten bestürzten österreichischen Gesandten, dem Freiherrn von Wessenberg, ein Leiblakai mit fünf großen, Papiere im Wert von 1,5 Millionen Talern enthaltenden Brieftaschen und Juwelen und teilt ihm im Auftrage seines Herrn mit, der Gesandte möge darüber so verfügen, wie er es für einen Freund tun würde. Wessenberg ist davon auf das Peinlichste berührt, doch gelingt es ihm tatsächlich, Geld und Schmuck ohne weiteres Aufsehen zu retten. Wenige Minuten vor den einrückenden französischen Truppen verlässt der Kurfürst mit seinem Sohn in einem sechsspännigen Reisewagen die Stadt, wird bei einem Tor schon von den feindlichen Truppen aufgehalten, entkommt aber durch ein anderes. In ununterbrochener Reise flüchtet er nach Rendsburg in Schleswig. Auch Buderus fühlt den Boden unter seinen Füßen brennen und verlässt Kassel als Handwerksbursche verkleidet, um seinem Herrn in die Verbannung zu folgen. Der in Kassel einrückende Marschall Mortier beschlagnahmt alle Kassen und Besitztümer.

Während dies alles vor sich geht, sind weder Meyer Amschel noch einer seiner Söhne in Kassel anwesend. Sie haben die Haltung der Franzosen gegenüber dem Kurfürsten schon längst als kritisch erkannt und wittern wegen ihrer Verbindung mit ihm Unheil. Denn auch Frankfurt haben die Franzosen besetzt, und das ganze Hab und Gut der Rothschilds ist dem Zugriff des Feindes ausgesetzt. In seinem Innern bleibt Meyer Amschel dem hessischen Herrn treu und erwägt vermutlich ganz richtig, dass sein Fernbleiben in diesem kritischen Augenblick für den Kurfürsten, dessen Geschäfte er hinter dem Rücken der Franzosen weiterführen will, nur von Nutzen sein kann. Aber selbst wenn Meyer Amschel in Kassel gewesen wäre, so hätte er so hohe Geldsummen, wie sie dem kaiserlichen Gesandten anvertraut wurden, nicht zur Aufbewahrung bekommen, denn so weit ging das gewonnene Vertrauen damals noch lange nicht. Wessenberg meldet auch ausdrücklich nach Wien, der Kurfürst habe ihm die Sachen »aus Mangel an Zutrauen zu seinen Geschäftsleuten« gesandt.

Napoleon setzt indes Lagrange als Gouverneur des Landes ein, erlässt den Befehl, die gesamte Artillerie, den Inhalt aller Magazine, alle Möbel, Statuen und Effekten aus dem Palais des Hofes nach Mainz zu bringen, und erklärt einfach, dieser Landesherr dürfe nicht mehr herrschen. Der verzweifelte Kurfürst schickt Boten auf Boten und Brief auf Brief zu Bonaparte, aber der Kaiser gibt überhaupt keine Antwort. Wilhelm von Hessen ist indes am 1. November 1806 an seinem Zufluchtsort, dem Schloss seines Bruders in Gottorp bei Schleswig, angelangt. Eine ganze Schar vertriebener Herrscher deutscher Kleinstaaten ist dort versammelt. Alle sind plötzlich aus ihrem behaglichen, sorglosen Fürstendasein herausgerissen und vor allem materiell in größter Not.

Indessen besetzen die Franzosen Hamburg und kommen dem Zufluchtsort des Kurfürsten bedenklich nahe, sodass er schon fürchtet, mit dem geretteten Hab und Gut doch noch den Franzosen in die Hände zu fallen. In Kassel verfährt Lagrange rücksichtslos nach den scharfen Befehlen Napoleons. Nach und nach werden alle in den Schlössern verborgenen Schätze, das Gold- und Silbergeschirr, das gesamte Münzen- und Medaillenkabinett, für das Rothschild so wertvolle Beiträge geliefert hat, aber auch zahlreiche Kisten mit Schuldverschreibungen und Belegen aufgefunden. Jetzt rächt es sich, dass der Kurfürst nur der Ersparnis von 50 Talern wegen vieles nicht hatte verschiffen lassen. Geblendet von der Masse der aufgefundenen Reichtümer, meint Lagrange auch für seine eigene Tasche etwas tun zu können. Sein kaiserlicher Herr, der wohl weiß, dass der Kurfürst reich ist, kann trotzdem nicht auf ein so ungeheures Vermögen gefasst sein, wie es sich tatsächlich vorfindet. Gegen ein beträchtliches Bestechungsgeld stellt der Franzose den hessischen Beamten 42 der beschlagnahmten Kisten zurück. Im Zuge der Frühjahrsmesse 1807 kommen vier davon zu Meyer Amschel in sein Haus zum grünen Schild in der Judengasse. Nur so weit geht der Anteil des Hauses Rothschild an dem unmittelbaren Rettungswerk der kurfürstlichen Schätze. Meyer Amschel verbirgt diese Kisten im Hauskeller; nötigenfalls steht noch hinter dem Hause und unter dem Hof ein gesonderter Kellerraum zur Verfügung, dessen Zugang leicht zu verbergen ist.

Durch ein Machtwort Napoleons erhält nun Karl von Dalberg, der an dem Zustandekommen des Rheinbundes mitgearbeitet hat, die Stadt Frankfurt und ihr Gebiet als Residenz zugewiesen. Diese Änderung ist sowohl für den Kurfürsten als auch für seine ergebenen Diener, die Familie Rothschild, von hoher Bedeutung, denn einerseits ist Dalberg dem hessischen Herrn wegen finanzieller Geschäfte aus früherer Zeit besonders gewogen, dann aber ist er, obwohl Erzbischof und strenger Katholik, trotzdem als duldsam gegen Andersgläubige bekannt.

Das Leben in der großen Handelsstadt bekommt infolge dieser Neuordnung der Dinge ein ganz anderes Gesicht. Man muss sich auf französische Wünsche oder besser Befehle einrichten. Vollends, als Napoleon, um seinen Todfeind England ins Herz zu treffen, am 21. November 1806 die Kontinentalsperre verhängt, durch die er allen Handelsverkehr und Briefwechsel mit England verbietet. Da dieses Land fast der einzige Vermittler der unentbehrlichen Kolonialwaren ist, steigt der Preis für sie ins Ungeheure, und ein geschickter Handelsmann kann durch Aufkauf sowie durch Schmuggel über Holland und die Häfen Norddeutschlands großen Gewinn ziehen. Trotz französischer Überwachung des Frankfurter Handels gelingt es Meyer Amschel und seinen Söhnen, unterstützt von dem in England weilenden Nathan, damit ein hübsches Stück Geld zu verdienen. Mit der Zeit muss man freilich diese Geschäfte einschränken, denn mit der zunehmenden Macht Napoleons wird auch die Überwachung strenger.

Meyer Amschel weiß genau, dass der Kurfürst trotz der großen Vermögenseinbuße durch die französischen Maßnahmen immer noch über sehr große Kapitalien verfügt. Zudem ist ein plötzlicher Wechsel in Napoleons kaum fasslicher Laufbahn nicht ausgeschlossen. Darum bleibt er bei seiner Politik, sich zwar mit Frankfurts neuem Herrn von Napoleons Gnaden möglichst gut zu stellen, aber doch weiter dem Kurfürsten insgeheim treu zu dienen. Dazu ist es nötig, mit diesem in steter Verbindung zu bleiben. So übersendet Meyer Amschel Wilhelm von Hessen ein Schreiben, in dem er stolz meldet, er habe sich bei Dalberg für ihn verwendet und des nunmehrigen Herrn von Frankfurt Fürbitte bei Kaiser und Kaiserin der Franzosen erlangt. Mag in diesem Briefe auch tüchtig geprahlt sein, da es ja später tatsächlich nicht gelang, die Kontribution zu ermäßigen, so enthält das Schreiben doch einen wahren Kern. Es ist zumindest sehr auffällig, dass der Erzbischof und Herr des Rheinbundes dem Juden Meyer Amschel aus Frankfurt, der zwar schon reich ist, aber noch in keiner Weise einen Platz in gesellschaftlich geachteten Kreisen beanspruchen kann, ein solches Wohlwollen zuwendet. Das hat wohl in von Rothschild gegebenen Darlehen seine Wurzel.

Als sich der Kurfürst in seinem Zufluchtsort in Schleswig wieder halbwegs sicher fühlt, widmet er sich von Neuem seiner Lieblingsbeschäftigung, der Sorge um seine nunmehr in größte Unordnung geratene Vermögensverwaltung. Nach wie vor ist Buderus deren Chef. Er ist längst wieder nach Hanau zurückgekehrt und befasst sich damit, fällige Schuldforderungen des Kurfürsten einzutreiben, ehe sie noch den Franzosen zufließen. In seinen Berichten an den Kurfürsten hebt er, wo er kann, die tätige Mithilfe Rothschilds bei den Rettungsaktionen der kurfürstlichen Vermögensteile hervor. »Den Bemühungen des Oberhofagenten R.«, so heißt es einmal mit Rücksicht auf eine sehr gefährdete Forderung, »verdanke ich es allein, dass ich noch einige Hoffnung habe.« In steigendem Maße, ja fast schon ausschließlich, zieht Buderus die Familie Rothschild zu den Geschäften des Kurfürsten heran. Sie besorgt die Korrespondenz mit Kassel, mit dem Kurfürsten und mit Lawaetz in Hamburg, wobei Decknamen für die wichtigsten Personen und Geschäfte verwendet werden.

Meyer Amschel muss im Auftrag von Buderus häufig persönlich zum Kurfürsten. Diese wochenlangen Reisen in schlechten Postkutschen, auf holprigen Wegen, bei steter Gefahr, mit den ihm anvertrauten Briefschaften in Feindeshand zu fallen, sind dem alten Rothschild mit der Zeit äußerst beschwerlich. Er steht zwar erst im vierundsechzigsten Lebensjahr, aber seine Gesundheit hat in der letzten Zeit bei den außerordentlichen Anforderungen ziemlich gelitten. Er beauftragt fortan vornehmlich seinen Sohn Kallmann (oder Karl) mit diesen Reisen nach dem Norden. Sie müssen so häufig stattfinden, weil Napoleon inzwischen geradezu einen Sturmangriff gegen das kurfürstliche Vermögen eröffnet hat, der Gegenmaßnahmen aller Art seitens der Getreuen des Hessen erheischt. Auf Napoleons Befehl versuchen die Franzosen, die vom Kurfürsten im Land verliehenen Gelder mit dem Anreiz eines beträchtlichen Nachlasses an die französischen Kassen zurückzahlen zu lassen.

Man kann sich den Schrecken Wilhelms über diese Maßnahmen vorstellen. Auch seine letzte Hoffnung schlägt fehl: Ein Aufstand in Hessen wird im Nu niedergeworfen. In einem Edikt Lagranges an die Hessen vom 18. Februar 1807 heißt es:

»Toren, rechnet nicht mehr auf euren Fürsten; er und sein Haus haben aufgehört zu regieren. Wer sich widersetzt, wird sofort erschossen.«

Wilhelm ist indessen auf Schloss Itzehoe übergesiedelt. In herzbewegenden Schreiben wendet er sich an den König von Preußen sowie an den Kaiser von Österreich und bittet sie dringend um Schutz und Beistand. Diese Briefe werden geschrieben, da des Kurfürsten Bemühungen, Napoleon zu versöhnen, fehlschlugen. Die Gesinnung Wilhelms von Hessen bleibt jedoch für alle Teile fortgesetzt unzuverlässig und schwankend. Während er Napoleon mit Bitten bestürmt, verhandelt er gleichzeitig mit England über eine gemeinsame Landungsunternehmung gegen die Franzosen. Aber dort kennt man seine Annäherungsversuche an Napoleon, traut ihm auch nicht mehr und findet es zeitweise für gut, die in England angelegten kurfürstlichen Gelder zu sequestrieren, sodass er wohl die Zinsen erhält, aber über das Kapital nicht mehr verfügen kann.

Das alles hat die Laune des Kurfürsten nicht gebessert, und Buderus und Rothschild bekommen dies auch bald zu spüren. Meyer Amschel bezieht und verrechnet in der letzten Zeit die Zinsen der englischen und dänischen Anleihen für den Kurfürsten. Da dieser das nicht selbst angeordnet hat, findet er es tadelnswert. Sein Misstrauen erwacht wieder, und er verlangt plötzlich von Buderus, dass diese Gelder nicht mehr durch die Hände Rothschilds gehen, sondern, was bedeutend größere Schwierigkeiten macht, unmittelbar an die Reservekasse auf Schloss Itzehoe abgeliefert werden sollen. Das ist kränkend sowohl für Buderus wie für seinen Schützling, der sich gerade bemüht, das nach Paris verschleppte Medaillenkabinett des Kurfürsten durch Vermittlung Dalbergs so günstig wie möglich zurückzukaufen. Doch die folgenden Ereignisse tragen nicht gerade dazu bei, den Kurfürsten in bessere Stimmung zu versetzen.

Napoleon krönt indes seinen Feldzug gegen Preußen und Russland dadurch, dass er den Zaren am 9. Juli 1807 zum Frieden von Tilsit bestimmt. Die Folge ist, dass Hessen dem neugegründeten Königreich Westfalen angegliedert wird und Napoleons Bruder Jérôme seine Zelte in Wilhelms Residenz in Kassel aufschlägt. Bitterkeit und Zorn überwältigen den Kurfürsten an seinem Verbannungsort, sodass er schon gegen jedermann ungerecht wird. Als Buderus wieder einmal bei seinem Herrn in Itzehoe weilt und ihm von Rothschild und seinen Dienstleistungen erzählt, verfehlt der Kurfürst nicht, ihn fühlen zu lassen, dass die Bevorzugung jenes Handelsmannes ihm merkwürdig vorkomme; dieser wäre doch ein Jude dunkelster Herkunft, und er hege Besorgnisse, ihn, wie es in der letzten Zeit geschehen sei, fast ausschließlich und in den wichtigsten Geldgeschäften zu verwenden. Dieser Ansicht tritt Buderus aufs Schärfste entgegen. Er weist darauf hin, wie pünktlich Rothschild in allen Fällen gezahlt habe, und betont das Geschick, mit dem dieser seine englischen Geschäfte für den Kurfürsten vor dem Feind zu verbergen gewusst habe. Es seien sogar in Frankfurt in der Zwischenzeit französische Beamte beauftragt worden, bei Meyer Amschel nachzuforschen, ob er nicht englische Gelder für den Kurfürsten beziehe; er habe seine Bücher sofort vorgezeigt und man habe daraus nicht das Geringste darüber entnehmen können.

Dieser Vorgang beweist, dass Meyer Amschel damals schon doppelte Bücher führt, solche, die zur Vorlage an die Obrigkeiten aller Art und die Steuerbehörde bestimmt sind, und solche, die die geheimen und einträglichsten Geschäfte betreffen. Endlich gelingt es Buderus, die Vertrauenskrise seines Herrn dem Hause Rothschild gegenüber zu besänftigen, und Meyer Amschel wird nicht nur Hauptbankier, sondern auch Vertrauensmann in heiklen Angelegenheiten. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich der Kurfürst gegenüber verschiedenen Vorschlägen, die Nathan in London bezüglich Zinsenbehebung und Kapitalanlage machte, ablehnend verhalten. Er wies sogar noch im Juni 1807 seinen Londoner Geschäftsträger an, Nathan rundweg abzuweisen, wenn er es nochmals wagen sollte, nach des Kurfürsten Geldangelegenheiten zu fragen. Nun tritt auch da langsam und nicht zum Schaden des Kurfürsten ein völliger Wandel ein. Er braucht auch verlässliche Geldleute, denn nach wie vor leiht sich alles bei ihm Geld aus, die Monarchen Deutschlands und an ihrer Spitze der König von Preußen haben ja bei dem Eroberungszug Napoleons quer durch ihre Länder wegen der Kriegskosten und auferlegten Kontributionen bittersten Geldmangel zu leiden.

Drittes Kapitel

Meyer Amschels letzte Jahre

Auch Dänemark ist von Napoleon aus seiner Neutralität herausgezwungen worden. Franzosen rücken in die Herzogtümer ein, und das dänische Königshaus empfindet die Anwesenheit des Kurfürsten, der dem Korsen so sehr ein Dorn im Auge ist, als peinlich. In Hessen herrscht Jérôme, und es nützt Wilhelm wenig, dass Lagranges zweifelhafte Geschäfte ans Licht kommen und der General entlassen wird. Nach England will der Kurfürst trotz Einladung des Prinzen von Wales nicht gehen, denn das hieße, endgültig mit dem mächtigen Usurpator zu brechen. Immer noch hofft er unbegreiflicherweise auf Napoleons Verzeihung.

Kaiser Franz hat in seinem letzten Schreiben von dem Wunsch gesprochen, zur Änderung seiner gegenwärtigen Lage beitragen zu können. So bittet der Kurfürst um ein Asyl in den österreichischen Landen und entschließt sich zur weiteren Flucht nach Böhmen. Von seinen Schätzen trennt er sich nicht; mit einziger Ausnahme einer Kiste von Obligationen, die später Meyer Amschel von Hamburg wegbringen will, nimmt er die geretteten Wertsachen und Effekten aller Art mit sich. Die Reisenden sind sorgsam verkleidet.

Um ein Haar wären in einer ausgerechnet von französischen Truppen besetzten Ortschaft gerade die wertvollsten Gegenstände verlorengegangen, denn am Marktplatz brechen die Räder des Wagens, in dem sie verladen sind, und man sieht sich zum Umpacken genötigt. Zum Glück ahnt niemand, was die Ballen enthalten. Die weitere Fahrt geht ohne Zwischenfall vonstatten, und der Kurfürst kommt am 28. Juli 1808 in Karlsbad an.

In Frankfurt haben inzwischen Meyer Amschel und seine Söhne die Handlung weitergeführt. Der fünfte Sohn, Jakob, meist James genannt, ist indessen sechzehn Jahre alt geworden und gleich seinen älteren Brüdern ins Geschäft eingetreten. Dadurch ist es möglich geworden, dass auch der älteste Sohn Amschel die Stadt häufiger verlassen kann, um ebenso wie Carl zum Kurfürsten nach Böhmen zu fahren. Buderus hat es so einzurichten gewusst, dass Rothschild die Kasseneingänge der kurfürstlichen Gelder in Form einer Anleihe zu 4 Prozent zur Verfügung bekommt.