Die Sache mit Callie und Kayden - Jessica Sorensen - E-Book

Die Sache mit Callie und Kayden E-Book

Jessica Sorensen

4,7
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Beschreibung

Wenn eine kurze Begegnung das Herz zum Rasen bringt

Callie glaubt nicht an das große Glück. Nicht seit ihrem zwölften Geburtstag, als ihr Schreckliches zustieß. Damals beschloss sie, ihre Gefühle für immer wegzusperren, und auch sechs Jahre später kämpft sie noch gegen ihr dunkles Geheimnis an. Dann trifft sie auf Kayden und rettet ihn vor seinem ärgsten Feind. Er setzt es sich in den Kopf, die schöne Callie zu erobern. Und je näher er ihr kommt, desto klarer wird ihm, dass es nun Callie ist, die Hilfe braucht…

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Seitenzahl: 450

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JESSICA SORENSEN
Die Sache mitCallie und Kayden

Band 1

Roman

Aus dem Amerikanischenvon Sabine Schilasky

WILHELM HEYNE VERLAGMÜNCHEN

ZUM BUCH

»Schaffst du das?« Kaydens Atem streichelt meinen Nacken, als seine Stimme mein Trommelfell erreicht.

Ich drehe mich um, worauf sich unsere Lippen fast berühren. Die abrupte Nähe schockt ihn genauso wie mich, und wir weichen gleichzeitig einen Schritt zurück.

Er hat eine weit sitzende Jeans an, Stiefel und ein langärmliges schwarzes T-Shirt. Sein dunkles Haar wirkt feucht, als hätte er gerade noch geduscht.

Er sieht echt gut aus, gestehe ich mir ein. Es ist das erste Mal seit sehr langer Zeit, dass ich das über einen Jungen denken kann.

ZUR AUTORIN

Die Bestsellerautorin Jessica Sorensen hat bereits zahlreiche Romane verfasst. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in den Bergen von Wyoming. Wenn sie nicht schreibt, liest sie oder verbringt Zeit mit ihrer Familie.

jessicasorensensblog.blogspot.com

jessica-sorensen.de

Vollständige deutsche Erstausgabe 04/2014

Copyright © 2013 by Jessica Sorensen

Copyright © 2014 der deutschsprachigen Ausgabe by

Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Redaktion: Sabine Thiele

Umschlaggestaltung: t. mutzenbach design, München

Umschlagabbildung: © Regina Wamba, maeidesign

Datenkonvertierung E-Book: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ePub-ISBN: 978-3-641-12859-3

www.heyne.de

Für alle, die nicht gerettet wurden.

Prolog

Callie

So vieles im Leben ist Glückssache: welches Blatt einem ausgeteilt wird, ob man zur richtigen Zeit am richtigen Ort ist. Manche Leute haben Glück, bekommen eine zweite Chance, bleiben unbeschädigt. Entweder sind sie heldenhaft, oder es ist purer Zufall. Und dann gibt es die, denen das Glück nicht auf einem Silbertablett serviert wird, die zur falschen Zeit am falschen Ort sind, die nicht gerettet werden.

»Callie, hörst du mir überhaupt zu?«, fragt meine Mom, als sie den Wagen in der Einfahrt anhält.

Ich antworte nicht, weil ich dem Laub zusehe, das vom Wind über den Rasen geweht wird, über die Kühlerhaube, wild durch die Luft. Die Blätter bestimmen nicht, welche Richtung ihr Leben nimmt. Ich will hinspringen, sie alle einsammeln und festhalten, aber dafür müsste ich aus dem Wagen steigen.

»Was ist denn heute Abend mit dir los?«, fragt meine Mom gereizt, während sie die Nachrichten auf ihrem Handy durchsieht. »Geh rein, und hol deinen Bruder.«

Ich sehe von den Blättern zu ihr. »Muss ich wirklich, Mom?« Mit meiner verschwitzten Hand fasse ich nach dem Metalltürgriff, und ein riesiger Kloß steigt mir in den Hals. »Kannst du nicht schnell gehen?«

»Oh nein, ich will ganz sicher nicht in eine Party voller Highschool-Teenies platzen, und noch viel weniger Lust habe ich, mit Maci zu reden. Die will doch nur wieder damit angeben, dass Kayden ein Stipendium bekommen hat«, antwortet meine Mutter und bedeutet mir mit ihrer manikürten Hand, dass ich aussteigen soll. »Jetzt geh schon, und sag deinem Bruder, dass wir fahren.«

Ich ziehe den Kopf ein, als ich die Tür aufstoße und den Kiesweg hinauf zur zweigeschossigen Villa mit den grünen Fensterläden und dem spitzen Giebeldach laufe. »Zwei Tage noch. Noch zwei Tage«, murmle ich vor mich hin und dränge mich mit geballten Fäusten zwischen den parkenden Wagen durch. »Nur noch zwei Tage, dann bin ich im College, und das alles hier ist völlig egal.«

Unter dem grauen Himmel wirken die Lichter in den Fenstern gelblich. Auf der Veranda hängt ein »Glückwunsch«-Banner, und das Geländer ist mit Luftballons geschmückt. Die Owens machen gerne viel Theater um alles Mögliche – Geburtstage, Feiertage, Abschlüsse. Sie scheinen die perfekte Familie zu sein; aber ich glaube nicht, dass es etwas Perfektes gibt.

Mit der Party heute feiern sie den Abschluss von Kayden, dem jüngsten Sohn, und sein Football-Stipendium für die University of Wyoming. Ich habe nichts gegen die Owens. Meine Familie war schon ab und zu bei ihnen zum Essen eingeladen und sie hin und wieder bei uns zum Grillen. Was ich nicht mag, sind Partys, und ich war auch zu keiner mehr eingeladen, jedenfalls nicht seit der sechsten Klasse.

Als ich fast auf der Veranda bin, kommt Daisy Miller mit einem Glas in der Hand herausgetänzelt. Ihre blonden Locken schimmern im Verandalicht. Kaum sieht sie mich, verziehen sich ihre Lippen zu einem boshaften Grinsen.

Ich weiche vor der Treppe nach rechts aus und laufe zur Hausseite, ehe Daisy mich wie immer beleidigen kann. Die Sonne versinkt bereits hinter den Bergen, von denen die Stadt eingerahmt ist, und Sterne glitzern am Himmel wie funkelnde Libellen. Hier ist es dunkel, und ich stoße mit einem Fuß gegen etwas Scharfkantiges. Ich falle hin und schürfe mir die Handflächen am Kies auf. Äußerliche Wunden sind leicht zu verkraften, und ich stehe sofort wieder auf.

Ich klopfe mir die Steinchen von den Händen, verziehe das Gesicht, weil die Kratzer brennen, und laufe weiter nach hinten in den Garten.

»Mir ist scheißegal, was du versucht hast«, ertönt eine schneidende Männerstimme aus der Dunkelheit. »Du bist so ein Versager! So eine beschissene Enttäuschung!«

Ich bleibe am Rasenrand stehen. Hinten am Zaun ist ein gemauertes Pool-Haus, und dort stehen zwei Gestalten unter einem dämmrigen Außenlicht. Die eine ist größer, hat den Kopf gesenkt und die Schultern vorgebeugt. Die kleinere Gestalt hat einen Bierbauch und eine kahle Stelle am Hinterkopf; sie steht der anderen mit erhobenen Fäusten gegenüber. Blinzelnd erkenne ich, dass der Kleinere von beiden Mr. Owens ist und der Größere sein Sohn Kayden. Die Szene erstaunt mich, denn in der Schule ist er sehr selbstsicher, und keiner würde es wagen, ihn anzugreifen.

»Tut mir leid«, sagt Kayden leise. Seine Stimme zittert, und er hält sich eine Hand an die Brust. »Es war ein Unfall, Sir. Es wird nicht wieder vorkommen.«

Ich sehe zur Hintertür, wo die Lichter brennen, die Musik laut ist und Leute tanzen, rufen und lachen. Gläser stoßen klirrend aneinander, und ich kann die aufgestaute sexuelle Spannung bis nach hier draußen fühlen. Solche Orte meide ich um jeden Preis, weil ich da keine Luft bekomme. Zögernd betrete ich die unterste Stufe. Ich hoffe, dass ich unbemerkt in der Menge verschwinden, meinen Bruder finden und nichts wie weg von hier kann.

»Erzähl mir nicht, dass es ein beschissener Unfall war!« Die Stimme wird lauter, donnert vor Wut. Es gibt einen lauten Knall, dann ein Knacken wie von splitternden Knochen. Unwillkürlich drehe ich mich um und sehe gerade noch, wie Mr. Owens Kayden seine Faust ins Gesicht rammt. Bei dem Knacken wird mir übel. Er schlägt wieder und wieder zu, hört nicht mal auf, als sein Sohn sich auf dem Boden krümmt. »Lügner werden bestraft, Kayden.«

Ich warte, dass Kayden wieder aufsteht, doch er bleibt einfach liegen, hält sich nicht mal schützend die Arme vors Gesicht. Sein Vater tritt ihm in den Bauch, ins Gesicht, immer fester, und es scheint kein Ende in Sicht.

Ich reagiere, ohne nachzudenken, will so dringend helfen, dass in meinem Kopf kein Platz mehr für Zweifel ist. Ohne nachzudenken, laufe ich über den Rasen, durch das wirbelnde Laub. Als ich bei ihnen bin, begreife ich zitternd und schockiert, dass die Situation viel übler ist, als ich gedacht hatte.

Mr. Owens’ Handknöchel sind aufgerissen, und Blut tropft auf den Zement vorm Pool-Haus. Kayden liegt am Boden. Auf seinem Wangenknochen ist eine Platzwunde, ähnlich einem Riss in einer Baumrinde. Ein Auge ist zugeschwollen, seine Lippen sind aufgeplatzt, und sein Gesicht ist blutverschmiert.

Mr. Owens sieht mich an, und ich zeige mit einem zitternden Finger über meine Schulter. »In der Küche fragt jemand nach Ihnen«, sage ich und bin froh, dass meine Stimme ausnahmsweise ruhig bleibt. »Die brauchen bei irgendwas Hilfe … Ich weiß nicht mehr genau, wobei.«

Sein Blick bohrt sich in mich, und ich weiche vor dem Zorn und der Ohnmacht zurück. Seine Wut scheint ihn völlig zu beherrschen. »Wer zur Hölle bist du?«

»Callie Lawrence«, antworte ich leise. Mir fällt auf, dass er eine Fahne hat.

Sein Blick wandert von meinen ausgelatschten Schuhen zu der schweren schwarzen Jacke mit den Schnallen und landet schließlich auf meinem knapp kinnlangen Haar. Ich sehe wie eine Obdachlose aus, aber das ist Absicht. Ich will ja, dass mich keiner beachtet. »Ach ja, du bist die Tochter von Coach Lawrence. Im Dunkeln habe ich dich gar nicht erkannt.« Er sieht hinab zu dem Blut an seinen Händen, dann wieder zu mir. »Hör zu, Callie, ich wollte nicht, dass das passiert. Es war ein Unfall.«

Unter Druck funktioniere ich nicht besonders, deshalb bleibe ich stocksteif stehen und horche auf mein lautes Herzklopfen. »Okay.«

»Ich muss mich saubermachen«, murmelt er. Für einen kurzen Moment sieht er mich wieder mit diesem eindringlichen Blick an, bevor er über den Rasen zur Hintertür stapft, seine verletzte Hand angewinkelt.

Ich konzentriere mich wieder auf Kayden und atme langsam aus. »Bist du okay?«

Er hält sich eine Hand über sein Auge, starrt auf seine Schuhe und hält die andere Hand weiter vor die Brust. Er wirkt hilflos, schwach und verwirrt. Eine Sekunde lang stelle ich mir vor, ich läge da am Boden, mit Schnitten und Blutergüssen, die man nur von innen sieht.

»Mir geht’s gut«, antwortet er schroff, und ich drehe mich zum Haus, um wegzulaufen.

»Wieso hast du das gemacht?«, ruft er durch die Dunkelheit.

Ich bleibe am Rand des Rasens stehen und wende mich wieder zu ihm um. »Das hätte jeder getan.«

Er zieht die Braue über dem heilen Auge nach unten. »Stimmt nicht.«

Kayden und ich sind schon seit der Vorschule in einem Jahrgang. Traurigerweise ist dies die längste Unterhaltung, die wir seit der Sechsten führen – seit ich zum Klassenfreak erklärt wurde. Mitten im Schuljahr kam ich mit kurzen Haaren und Klamotten in die Schule, die mich fast verschluckten. Danach verlor ich sämtliche Freunde. Selbst bei den gemeinsamen Essen unserer Familien tut Kayden, als würde er mich nicht kennen.

»Das hätte so gut wie keiner getan.« Langsam nimmt er die Hand vom Auge und steht unsicher auf. Er überragt mich. Kayden ist einer der Jungs, in die sich Mädchen verlieben, mich eingeschlossen, als Jungs für mich noch keine Bedrohung waren. Sein braunes Haar steht an den Ohren und im Nacken ein bisschen ab, und sein sonst vollkommenes Lächeln ist eklig blutig. Nur eines seiner strahlend grünen Augen ist zu sehen. »Ich verstehe nicht, wieso du das getan hast.«

Ich kratze mich an der Stirn. Das ist eine nervöse Angewohnheit von mir, wenn mich jemand direkt ansieht. »Na ja, ich konnte ja nicht einfach weggehen. Das würde ich mir nie verzeihen.«

Im Licht, das vom Haus her scheint, erkennt man erst, wie schlimm seine Verletzungen sind und dass sein T-Shirt voller Blut ist. »Du darfst keinem etwas erzählen, klar? Er ist betrunken … und er hat es gerade nicht leicht. So wie heute ist er sonst nicht.«

Ich beiße mir auf die Unterlippe und bin nicht sicher, ob ich ihm glaube. »Vielleicht solltest du es trotzdem jemandem sagen, also, deiner Mom zum Beispiel.«

Er starrt mich an, als wäre ich ein dummes kleines Kind. »Da gibt es nichts zu erzählen!«

Ich betrachte sein angeschwollenes Gesicht, seine eigentlich so perfekten Züge, die jetzt entstellt aussehen. »Na gut, wenn du meinst.«

»Ja, meine ich«, sagt er gereizt, und ich will weggehen. »Hey, Callie! Du heißt doch Callie, nicht? Kannst du mir einen Gefallen tun?«

Ich sehe über die Schulter zu ihm. »Klar. Was?«

»Unten im Badezimmer ist ein Erste-Hilfe-Kasten, und im Gefrierschrank ist ein Kühlkissen. Kannst du mir die bringen? Ich will so nicht nach drinnen.«

Lieber würde ich so schnell wie möglich verschwinden, lasse mich aber von seinem flehenden Tonfall überreden. »Ja, kann ich machen.« Ich gehe ins Haus, wo ein beklemmendes Gedränge herrscht. Ich ziehe die Ellbogen ein, hoffe, dass mich niemand berührt, und schlängele mich zwischen den Leuten durch.

Maci Owens, Kaydens Mutter, sitzt mit einigen anderen Müttern an einem Tisch und winkt mir zu, sodass ihre goldenen und silbernen Armreifen klimpern. »Ah, Callie, ist deine Mom hier, Süße?« Sie redet ein bisschen schleppend, und vor ihr steht eine leere Weinflasche.

»Sie wartet draußen im Wagen«, rufe ich über die laute Musik hinweg. Jemand stößt gegen meine Schulter, und ich verkrampfe mich. »Sie hat mit meinem Dad telefoniert und mich reingeschickt, meinen Bruder holen. Haben Sie ihn gesehen?«

»Nein, tut mir leid, Süße.« Sie schwenkt einen Arm. »Hier sind so viele!«

Ich winke ihr verhalten zu. »Macht nichts, ich gehe ihn suchen.« Als ich weggehe, frage ich mich, ob sie ihren Mann gesehen hat und ihn nach seiner verletzten Hand fragen wird.

Im Wohnzimmer sitzt mein Bruder Jackson auf dem Sofa und redet mit seinem besten Freund, Caleb Miller. Ich erstarre an der Schwelle, gerade außer Sichtweite von ihnen. Die beiden lachen und trinken Bier, als wäre alles egal. Ich hasse meinen Bruder dafür, dass er lacht, dass er hier ist, dass er es mir so schwer macht, zu ihm zu gehen und ihm zu sagen, dass Mom draußen im Wagen auf ihn wartet.

Als ich auf ihn zugehen will, bewegen meine Füße sich nicht. Ich muss das hinter mich bringen, aber in den Ecken knutschen Leute, andere tanzen mitten im Zimmer, und ich fühle mich schrecklich. Ich kriege keine Luft. Ich kann nicht atmen. Bewegt euch, Füße, na los!

Jemand rempelt so heftig gegen mich, dass ich fast hinfalle.

»’tschuldigung«, sagt eine tiefe Stimme.

Ich fange mich am Türrahmen ab. Immerhin weckt mich das aus meiner Trance. Ich renne den Flur hinunter, ohne mich umzusehen, wer mich angerempelt hat, denn ich muss hier raus und Luft holen.

Nachdem ich den Erste-Hilfe-Kasten aus dem Schrank und das Kühlkissen aus dem Gefrierschrank geholt habe, schleiche ich mich unbemerkt durch die Seitentür aus dem Haus. Kayden ist nicht mehr draußen, doch im Pool-Haus brennt Licht.

Vorsichtig öffne ich die Tür und sehe hinein. »Hallo?«

Kayden kommt aus einem Hinterzimmer. Sein Oberkörper ist nackt, und er drückt sich ein Handtuch aufs Gesicht, das leuchtend rot und feucht ist. »Hey, hast du die Sachen?«

Ich gehe hinein und schließe die Tür hinter mir. Dann halte ich ihm mit abgewandtem Kopf den Erste-Hilfe-Kasten und das Kühlkissen hin, damit ich ihn nicht ansehen muss. Sein nackter Oberkörper und seine tiefsitzende Jeans sind mir so unheimlich, dass ich wie gelähmt bin.

»Ich beiße nicht, Callie.« Sein Tonfall ist neutral, als er mir die Sachen abnimmt. »Du musst nicht an die Wand starren.«

Ich zwinge mich, ihn anzusehen, und es fällt mir schwer, nicht auf die Narben zu starren, die im Zickzack über seinen Bauch und seine Brust verlaufen. Die vertikalen Linien an seinen Unterarmen sind am verstörendsten: dick und scharf, als hätte ihn jemand mit einer Rasierklinge bearbeitet. Gerne würde ich mit den Fingern darüberstreichen, den Schmerz wegnehmen und die Erinnerungen, die an diesen Narben hängen.

Hastig hält er sich das Handtuch vor den Oberkörper, und sein unversehrtes Auge sieht mich verwirrt an. Mein Herz pocht wie verrückt, während ein Moment vergeht – kurz wie ein Fingerschnippen, und doch fühlt er sich wie eine Ewigkeit an.

Kayden blinzelt und drückt das Kühlkissen auf sein geschwollenes Auge. Gleichzeitig balanciert er den Verbandskasten auf dem Rand des Pooltisches. Seine Finger zittern, als er die Hand zurückzieht, sämtliche Knöchel sind blutig geschürft. »Kannst du den Verband für mich rausholen? Meine Hand tut ein bisschen weh.«

Ich mühe mich mit dem strammen Verschluss ab, da verfängt sich mein Daumennagel in dem Deckelspalt und reißt tief ein. Blut quillt hervor, als ich den Deckel öffne, um den Verbandmull herauszunehmen. »Die Wunde unter dem Auge muss vielleicht genäht werden. Die sieht schlimm aus.«

Er tupft sie mit dem Handtuch ab und verzieht das Gesicht. »Geht schon. Ich muss sie bloß saubermachen und ein Pflaster draufkleben.«

Das dampfend heiße Wasser rinnt über meinen Körper, verbrüht mir die Haut, färbt sie feuerrot. Ich will mich doch nur wieder sauber fühlen. Ich nehme ihm das feuchte Handtuch ab, passe auf, dass sich unsere Finger nicht berühren, und neige mich ein bisschen vor. In der klaffenden Wunde kann man Muskelgewebe sehen.

»Die musst du wirklich nähen lassen.« Ich sauge das Blut von meinem Daumen. »Oder du behältst eine Narbe.«

Seine Mundwinkel biegen sich zu einem traurigen Lächeln. »Mit Narben komme ich klar. Vor allem mit solchen, die außen sind.«

Ich verstehe nur zu gut, was er meint. »Ich finde wirklich, dass du dich von deiner Mom zu einem Arzt bringen lassen solltest und ihr erzählen, was passiert ist.«

Er fängt an, ein kleines Stück Verbandmull abzuwickeln, doch es fällt ihm herunter. »Das wird nie passieren, und selbst wenn, würde es nichts ändern. Nichts ändert sich.«

Unsicher hebe ich den Verband auf und wickele ihn auf. Dann reiße ich das Ende ab und nehme das Klebeband aus dem Kasten. Nachdem ich jeden beängstigenden Gedanken aus meinem Kopf verbannt habe, strecke ich beide Hände nach Kaydens Wange aus. Er steht still, hat seine verletzte Hand wieder vor die Brust gedrückt und lässt sich von mir den Verband auf die Wunde kleben. Dabei sieht er mich mit zusammengezogenen Brauen an und hält den Atem an.

Erst als ich fertig bin und einen Schritt zurückweiche, hole ich wieder Luft. Er ist der erste Mensch außerhalb meiner Familie, den ich in den letzten sechs Jahren freiwillig berührt habe. »Ich würde trotzdem mal über Nähen nachdenken.«

Er klappt den Verbandskasten zu und wischt einen Tropfen Blut vom Deckel. »Hast du meinen Vater drinnen gesehen?«

»Nein.« Das Handy in meiner Tasche piept, und ich lese die SMS, die gekommen ist. »Ich muss los. Meine Mom wartet im Wagen. Bist du sicher, dass du klarkommst?«

»Ja, alles bestens.« Er sieht mich nicht an, nimmt das Handtuch auf und geht wieder ins hintere Zimmer. »Tja, bis später dann.«

Nein, es gibt kein später. Ich stecke mein Handy wieder ein und drehe mich zur Tür. »Ja, bis dann.«

»Danke«, sagt er sofort.

Mit der Hand auf dem Türknauf erstarre ich. Es kommt mir furchtbar vor, ihn allein zu lassen, aber ich bin auch viel zu feige, um zu bleiben. »Wofür?«

Zunächst schweigt er lange, dann seufzt er. »Dass du mir den Verbandskasten und das Kühlkissen geholt hast.«

»Gern geschehen.« Beim Rausgehen fühlt sich mein Herz bleiern an. Jetzt ist es mit noch einem Geheimnis beladen.

Ich bin schon beinahe bei der Einfahrt, als mein Handy wieder piept. »Ich bin so wie gut da«, melde ich mich.

»Dein Bruder ist hier und muss nach Hause. Er soll in acht Stunden am Flughafen sein.« Meine Mutter klingt nervös.

Ich laufe schneller. »Tut mir leid. Ich wurde aufgehalten … aber du hast mich reingeschickt, um ihn zu holen.«

»Tja, und er antwortet auf seine SMS. Jetzt komm schon«, sagt sie hektisch. »Er braucht seinen Schlaf!«

»Ich bin in dreißig Sekunden da, Mom.« Ich lege auf, als ich den Vorgarten erreiche.

Daisy, Kaydens Freundin, ist draußen auf der Veranda, isst ein Stück Kuchen und quatscht mit Caleb Miller. Prompt habe ich einen Knoten im Bauch, ziehe die Schultern ein und halte mich im Schatten der Bäume, wo sie mich hoffentlich nicht sehen.

»Oh mein Gott, ist das nicht Callie Lawrence?«, ruft Daisy, schirmt die Augen mit einer Hand ab und sieht in meine Richtung. »Was machst du denn hier? Müsstest du nicht auf dem Friedhof abhängen oder so?«

Ich ziehe das Kinn ein und laufe schneller, wobei ich über einen großen Stein stolpere. Einen Fuß vor den anderen.

»Oder rennst du nur vor dem Kuchen weg, den ich habe?«, brüllt sie mir lachend nach. »Was von beidem, Callie? Komm schon, verrat’s mir!«

»Lass es gut sein«, warnt Caleb sie mit einem hämischen Grinsen und beugt sich über die Verandabrüstung. Seine Augen sind so schwarz wie die Nacht. »Sicher hat Callie ihre Gründe wegzulaufen.«

Die versteckte Andeutung in seinen Worten macht mich erst recht schneller, und mein Herz rast. Ich renne über die dunkle Einfahrt, während mich ihr Lachen in den Rücken trifft.

»Was hast du denn für ein Problem?«, fragt mein Bruder, als ich die Autotür zuschlage und den Gurt anlege. Japsend wische ich mir mein kurzes Haar nach hinten. »Wieso rast du so?«

»Mom hat gesagt, dass ich mich beeilen soll.« Ich sehe nach unten auf meinen Schoß.

»Echt, manchmal verstehe ich dich nicht, Callie.« Er richtet sein dunkelbraunes Haar und lässt sich gegen die Sitzlehne fallen. »Du gibst dir wirklich ganz schön viel Mühe, alle Welt denken zu lassen, dass du irre bist.«

»Immerhin hänge ich nicht mit vierundzwanzig auf einer Highschool-Party rum«, erinnere ich ihn.

Meine Mom sieht mich streng an. »Callie, fang ja nicht so an. Du weißt genau, dass Mr. Owens deinen Bruder zu der Party eingeladen hat, so wie dich auch.«

Ich muss wieder an Kayden mit seinem zerschlagenen und geschwollenen Gesicht denken. Mir ist gar nicht wohl dabei, dass ich ihn allein gelassen habe, und beinahe will ich meiner Mom erzählen, was passiert ist, aber dann sehe ich wieder Caleb und Daisy auf der Veranda, die zu uns herschauen. Manche Geheimnisse müssen mit ins Grab genommen werden. Außerdem war meine Mom schon immer jemand, der von den hässlichen Dingen auf dieser Welt nichts hören wollte.

»Ich bin erst dreiundzwanzig. Vierundzwanzig werde ich nächsten Monat«, unterbricht Jackson meine Gedanken. »Und die sind nicht mehr auf der Highschool, also halt die Klappe.«

»Ich weiß, wie alt du bist«, sage ich. »Und ich bin auch nicht mehr auf der Highschool.«

»Was dich nicht sonderlich froh zu machen scheint.« Meine Mom zieht eine Grimasse, als sie das Lenkrad weit einschlägt, um auf die Straße zu biegen. Falten graben sich um ihre braunen Augen, denn sie versucht, nicht zu weinen. »Du wirst uns fehlen, und ich wünschte wirklich, du würdest bis zum Herbst warten, ehe du weggehst. Nach Laramie fährt man Stunden! Mir graut davor, dass du so weit weg sein wirst.«

Ich sehe hinaus auf die Straße, die sich zwischen den Bäumen hindurch über die flachen Hügel zieht. »Bedaure, Mom, aber ich bin schon eingeschrieben. Und es wäre doch auch Quatsch, den Sommer hierzubleiben und nur in meinem Zimmer herumzusitzen.«

»Du könntest dir einen Job suchen«, schlägt sie vor. »So wie dein Bruder das auch jeden Sommer macht. Dann kannst du Zeit mit ihm verbringen, und Caleb wohnt auch bei uns.«

Jeder Muskel in mir wird zu einem knotigen Seil, und ich muss mich zwingen weiterzuatmen. »Sei nicht böse, Mom, aber ich bin so weit, dass ich alleine zurechtkommen möchte.«

Ich war mehr als bereit. Die traurigen Blicke, die sie mir dauernd zuwirft, weil sie nichts von dem versteht, was ich mache, bin ich gründlich leid. Ich habe es satt, ihr sagen zu wollen, was geschehen ist, und zu wissen, dass ich es nicht kann. Ich will für mich sein, weg von den Albträumen, die in meinem Zimmer, meinem Leben, meiner ganzen Welt lauern.

1

#4 Trag etwas Farbiges

4 Monate später …

Callie

Ich frage mich oft, was die Leute dazu treibt, Dinge zu tun. Ob es ihnen bei der Geburt eingegeben wurde oder sie es gelernt haben, als sie aufwuchsen. Vielleicht wird es ihnen sogar durch die Umstände aufgezwungen und liegt gar nicht in ihrer Hand. Hat irgendwer die Kontrolle über sein Leben, oder sind wir alle machtlos?

»Oh Mann, was für eine Freakshow«, bemerkt Seth und rümpft die Nase über all die Erstsemester, die über den Campus irren. Dann wedelt er mit der Hand vor meinem Gesicht. »Bist du schon wieder weggetreten?«

Ich zwinkere einige Male, um meine Gedanken zu verscheuchen. »Jetzt sei nicht so arrogant.« Ich stoße ihn im Spaß mit der Schulter an. »Bloß weil wir das Sommersemester mitgemacht haben und wissen, was wo ist, sind wir nicht gleich besser als die.«

»Oh doch, irgendwie schon.« Er verdreht seine honigbraunen Augen. »Wir sind so was wie die fortgeschrittenen Erstsemester.«

Ich verkneife mir ein Grinsen und nippe an meinem Latte. »Dir ist hoffentlich klar, dass fortgeschritten und Erstsemester einander widersprechen.«

Seufzend fährt er sich durch seine goldblonden Locken, die aussehen, als würde er sie beim Friseur strähnen lassen, obwohl sie echt sind. »Ja, ich weiß. Vor allem für Leute wie dich und mich. Wir sind wie zwei schwarze Schafe.«

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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