Keine Angst zu lieben. Seth & Greyson - Jessica Sorensen - E-Book

Keine Angst zu lieben. Seth & Greyson E-Book

Jessica Sorensen

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Beschreibung

Seth wurde verraten. Von jemanden, den er sehr liebte. Am College will er das alles hinter sich lassen, aber so leicht ist das nicht. Dann trifft er Greyson, der charmant und fürsorglich ist, und sofort fühlt er sich zu ihm hingezogen. Doch er zögert, sich der Liebe öffnen. Wird es ihm gelingen, Greyson zu zeigen, wie er wirklich für ihn empfindet?

Keine Angst zu lieben erscheint exklusiv als eBook Only und umfasst ca. 150 Buchseiten.

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Seitenzahl: 201

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ZUM BUCH

Seth wurde verraten. Von jemanden, den er sehr liebte. Am College will er das alles hinter sich lassen, aber so leicht ist das nicht. Dann trifft er Greyson, der charmant und fürsorglich ist, und sofort fühlt er sich zu ihm hingezogen. Doch er zögert, sich der Liebe öffnen. Wird es ihm gelingen, Greyson zu zeigen, wie er wirklich für ihn empfindet?

ZUR AUTORIN

Die Bestsellerautorin Jessica Sorensen hat bereits zahlreiche Romane verfasst. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern in den Bergen von Wyoming. Wenn sie nicht schreibt, liest sie oder verbringt Zeit mit ihrer Familie.

LIEFERBARETITEL

Das Geheimnis von Ella und Micha

Für immer Ella und Micha

Die Sache mit Callie und Kayden

Die Liebe von Callie und Kayden

Verführt. Lila und Ethan

Füreinander bestimmt. Violet und Luke

Nova & Quinton. True Love

Nova & Quinton. Second Chance

Nova & Quinton. No Regrets

Einander verfallen. Violet & Luke

Für immer verbunden. Violet & Luke

Das Versprechen von Callie & Kayden

JESSICA SORENSEN

KEINE ANGST ZU LIEBEN

SETH & GREYSON

Roman

Aus dem Amerikanischen

von Sabine Schilasky

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Die Originalausg,abe erschien unter dem Titel

NEVER BE AFRAID TO LOVE

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Der Verlag weist ausdrücklich darauf hin, dass im Text enthaltene externe Links vom Verlag nur bis zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung eingesehen werden konnten. Auf spätere Veränderungen hat der Verlag keinerlei Einfluss. Eine Haftung des Verlags ist daher ausgeschlossen.

Vollständige deutsche Erstausgabe 03/2016

Copyright © 2015 by Jessica Sorensen

Copyright © 2016 der deutschen Ausgabe

by Wilhelm Heyne Verlag, München

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Anita Hirtreiter

Umschlaggestaltung: t. mutzenbach design,

München unter Verwendung einer Abbildung

von © plainpicture/Cultura

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-17910-6V001

www.heyne.de

Kapitel 1

SETH

Ich bin nie gerne zur Schule gegangen, und trotzdem bin ich hier und komme verfrüht zu meinem ersten Studienjahr an der University of Wyoming. Aber ich hatte die Wahl, entweder mit den Vorkursen im Sommersemester anzufangen oder bis zum Herbst zu Hause zu bleiben. Und unter dem Dach meiner Mutter nach ihren Regeln zu leben – zum Beispiel keine Dates in der Öffentlichkeit – machte mir die Entscheidung richtig leicht. Meine Mutter denkt, dass die Meinung der Leute in Mapleville tatsächlich eine Rolle spielt, dabei habe ich noch nie verstanden, warum eigentlich. Mapleville ist ein winziges Nest mitten in der Pampa mit maximal tausend Einwohnern. Es ist ein Fliegenschiss auf der Karte, von dem die meisten Leute nicht mal wissen, dass er existiert, und ich hoffe, dass ich es schnellstens vergesse. Das will ich hauptsächlich, weil ich dort zu meinem Gipsarm gekommen bin.

Der Gipsarm. Noch ein Grund, weshalb meine Mutter nicht wollte, dass ich mich verabrede, und wieso sie so froh war, dass ich schon im Sommer am College anfange.

Doch der Gips ist nicht der einzige Grund, aus dem ich vor einem langweiligen Sommer in Mapleville floh. Ich habe sowieso nie in ein Dorf gepasst, in dem man in halbwegs anständigen Klamotten angegafft wird, als würde man in der Unterhose herumlaufen.

Obwohl ich mehr als bereit bin, meiner Vergangenheit zu entfliehen und etwas völlig Neues zu wagen, stehe ich nun vor dem historischen Haupteingang zum Campus, sehe die Studenten rein- und rauslaufen, als wüssten sie genau, wo sie hinwollen, und bin komplett überwältigt. Ich fühle mich so … verloren.

Dann erinnere ich mich daran, dass dies mein Neuanfang ist und ich es Schritt für Schritt angehen werde. Also hänge ich mir meinen Rucksack über die Schulter und gehe die Stufen hinauf zu den Glastüren. Die Sonne scheint bei strahlend blauem Himmel, und die Temperaturen dürften gen vierzig Grad gehen, weshalb ich meine Designer-Jeans, die Stiefel und das Hemd mit den aufgekrempelten Ärmeln infrage stelle. Aber ich sehe so fantastisch aus, dass ich es unmöglich bereuen kann.

Ich wandere durch den Flur und lese die Raumnummern, bis ich die Tür zu meinem Vorkurs in Mathe gefunden habe. Als ich hineingehe, lächle ich vor mich hin und bemühe mich, die schillernde Persönlichkeit zu sein, die ich vor dem Zwischenfall war. Mit einer positiven Ausstrahlung, so hoffe ich zumindest, findet man schneller Freunde.

Wie ich sofort feststelle, sind die Sommerkurse nicht sonderlich gut besucht, denn ich bin schon fast zu spät, und es sind gerade mal zehn Leute in dem Raum. Nachdem ich kurz über meine Optionen nachgedacht habe, wähle ich einen Platz hinten neben einem farblosen Mädchen mit kurzen braunen Haaren und den traurigsten Augen, die ich je gesehen habe.

Nach dem, was ich an meiner alten Schule durchgemacht habe, bin ich vorsichtig, mit welchen Leuten ich mich umgebe. Ich will ja nicht wieder in der Situation enden, die mir den verfluchten Gipsarm eingebracht hat. Mir bleibt nur noch ein heiler Arm, und ich denke nicht, dass ich noch mehr Knochenbrüche ertrage.

Als der Professor hereinkommt, benutze ich meinen intakten Arm, um den Reißverschluss meines Rucksacks aufzuziehen und mein Lehrbuch herauszuholen. Dann lehne ich mich auf dem Stuhl zurück und starre aus dem Fenster, während der Professor die Einführung herunterleiert und anschließend das Unterrichtsprogramm verteilt.

Schließlich bemerke ich, wie ein Mädchen in meine Richtung sieht, und lächle ihm zu. Die Kleine reißt die Augen weit auf und sieht wieder auf das Blatt, auf dem sie kritzelt. Ich kann nicht genau sagen warum, aber irgendwie ist sie mir sympathisch. Da ist etwas an ihr, das mich an mich selbst erinnert, als würde sie versuchen, sich hinter ihren weiten Sachen und der unfassbar hässlichen Frisur zu verstecken. Garantiert würde ich nie, niemals etwas derart Fieses tragen, ich verstehe allerdings diese ganze Nicht-zeigen-wer-ich-bin-Nummer. Die habe ich jahrelang durchgezogen, bis ich mir sagte: Scheiß drauf! Wenige Monate später wurde ich zusammengeschlagen, aber deshalb nehme ich die Entscheidung nicht zurück. Sich etwas vorzumachen war kein bisschen leichter.

Ich beuge mich zur Seite und flüstere der Kleinen zu: »Ist okay, ich beiße nicht.« Dann reiche ich ihr die Hand. »Ich bin Seth.«

»I-ich bin Callie«, stottert sie und streckt ihre Hand vor, zieht sie jedoch in letzter Sekunde zurück und legt beide Hände in den Schoß.

»Freut mich, Callie.« Neugierig mustere ich sie und versuche zu ergründen, warum sie vor mir oder Leuten generell Angst hat. Als ich in den Raum kam, saß sie so weit wie möglich von allen anderen weg, und ich frage mich, ob das Absicht gewesen war. »Kannst du mir einen Stift leihen?«

Sie nickt, angelt einen aus ihrer Tasche und schleudert ihn mir beinahe zu, bevor sie sich die Hände in der Jeans abwischt und sich wieder auf ihre Notizen konzentriert.

An dem Tag lerne ich nichts, und als ich das Programm durchlese, bezweifle ich, dass ich den qualvollen Mathegrundkurs durchstehe. Von den Zahlen und Formeln wird mir jetzt schon schwindlig, und meine Gedanken driften von der Aufgabe zu der Frage ab, welches Outfit ich morgen tragen soll.

Wie benommen packe ich meine Sachen nach dem Kurs zusammen und will aus dem Raum, als ich sehe, wie das Mädchen buchstäblich hinausstürmt. In der Tür rennt Callie fast in einen Typen hinein und flippt völlig aus. Zitternd vor Angst stammelt sie eine Entschuldigung und flitzt den Flur hinunter. Für so eine winzige Person ist sie verblüffend schnell.

Interessant. Ich will auf jeden Fall wissen, was mit ihr los ist.

Heute habe ich noch einen anderen Kurs, was sich zunächst nicht tierisch viel anfühlt, trotzdem bin ich erledigt, als ich in mein Wohnheim zurückkomme. Mein Mitbewohner ist nicht da, doch das schockt mich nicht weiter. Ich glaube, ihm ist in meiner Gegenwart unwohl, seit ich ihm am ersten Tag ein Kompliment über sein Haar gemacht habe. Seither glänzt er meistens durch Abwesenheit.

Halbherzig mache ich mich an einige Aufgaben, schlafe aber gegen neun Uhr ein. Die nächsten sieben Tage stecke ich in einem eintönigen Rhythmus fest, gehe zu den Kursen, mache meine Hausaufgaben, sehe mich nach einem Job um und penne früh ein. Ich bin achtzehn, komme mir aber so alt wie meine Großeltern vor, für die der Tag mit dem Sonnenuntergang endet. Ernsthaft, so wie die sich benehmen, sollte man meinen, dass sie an Vampire glauben.

Am achten Tag werde ich unruhig und angeödet. Falls ich am College eine tolle Zeit und Spaß haben will – und das hatte ich mir fest vorgenommen –, muss ich mehr Leute kennenlernen. Leute, mit denen man sich amüsieren kann und die mich so nehmen, wie ich bin. Denen ich vertrauen kann und die mich genauso sehr brauchen wie ich sie, damit ich nicht allzu verzweifelt rüberkomme.

Das Problem ist, dass ich außer dem stillen Mädchen neben mir im Mathekurs noch mit keinem geredet habe, seit ich in Laramie bin. Und unsere Unterhaltungen sehen meistens so aus, dass ich herumjammere und Callie nickt.

Heute im Kurs trommle ich mit den Fingern auf den Tisch, während ich überlege, wie ich es schaffe, dass sich das nervöse Mädchen mir öffnet. Ich weiß nicht, warum ich so wild entschlossen bin, mich mit der Kleinen anzufreunden. Sie dürfte der schwierigste Kandidat überhaupt für ein nettes Gespräch sein. Vielleicht ist das der Grund. Vielleicht bin ich derart gelangweilt, dass ich dringend eine Herausforderung will.

»Kapierst du irgendwas von dem, worüber der Prof redet?«, frage ich sie gegen Ende der Stunde.

Sie starrt hinunter zu dem Buch und umklammert ihren Stift mit einer Hand. »Nicht so richtig.«

»Ich auch nicht. Mathe ist irre öde, oder?«

Sie nickt, bleibt aber stumm, und ich zermartere mir das Hirn, was ich noch sagen könnte.

»Bist du auch neu am College?«, frage ich nach dem Unterricht.

Sie stopft ihr Buch in die Tasche, nickt und eilt zur Tür.

»Warte mal!«, rufe ich und laufe ihr nach. »Hast du heute noch mehr Kurse?«

Sie bleibt an der Tür stehen und schüttelt den Kopf, ohne mich anzusehen. »Nein. I-ich gehe zurück ins Wohnheim.«

Inzwischen bin ich neben ihr. »Und was machst du da?«

Sie linst zu mir auf, und ich erkenne an ihren Augen, dass sie schreckliche Angst hat. »Lernen.«

Ich fahre mir mit den Fingern durchs Haar. »Das hört sich … na ja, extrem langweilig an. Hast du Lust, irgendwas zu unternehmen, ich weiß nicht, was Spannenderes?«

»Eigentlich nicht. Und Lernen passt zu mir, weil ich ein ziemlich langweiliger Mensch bin.« Für einen flüchtigen Moment blitzen ihre Augen.

Hm … unter der zu großen Jeans und dem riesigen T-Shirt könnte tatsächlich ein Funken Humor stecken.

»Tja, ich bin nicht langweilig. Versprochen.« Ich lege eine Hand aufs Herz. »Ich bin sogar ganz schön fabelhaft und witzig, aber die letzte Woche war ich total schlaff. Ich schätze, es liegt an der Kombi von Studium und Sommer. Die ist wie Socken zu Sandalen – sie gehören schlicht nicht zusammen.«

Ihr Blick huscht über meine schwarze Jeans und das graue T-Shirt unter dem offenen karierten Hemd, bevor sie die Arme um sich schlingt, als wäre ihr plötzlich peinlich, wie sie angezogen ist. »Okay. War nett, mit dir zu reden, aber ich muss los.« Sie will aus der Tür gehen.

»Hey, wie wäre es mit einem Kaffee?« Ich gehe neben ihr den Flur hinunter. »Ich will schon die ganze Zeit mal das kleine Café an der Ecke ausprobieren.«

Sie schüttelt den Kopf. »Geht nicht.«

»Warum nicht?«

»Weil ich zu tun habe.«

»Deine Hausaufgaben?«, frage ich ein bisschen amüsiert.

»Ja, meine Hausaufgaben.« Sie klingt nicht sauer, nur nervös.

Als wir am Ende des Flurs sind, schiebt sie die Tür auf, und wir gehen hinaus auf den sonnigen und ziemlich hübschen Campus. Sofort schwenkt sie nach links in Richtung der Bäume neben dem Haupteingang.

»Komm schon, nur einen Kaffee.« Ich folge ihr. »Ich bin super angeödet, und ich will echt nicht zurück in mein Wohnheimzimmer. Mein Mitbewohner lässt überall halb volle Chipstüten und Coladosen herumfliegen, zwischen seiner dreckigen Unterwäsche. Außerdem stinkt es im Zimmer nach Käse.«

Sie rümpft die Nase. »Wieso nach Käse?«

»Keine Ahnung, woher der Geruch kommt«, antworte ich achselzuckend. »Und das ist an sich schon ein Problem.«

Sie zieht eine angewiderte Grimasse, und da ist ein ganz leichtes Lächeln.

»Also, was sagst du?« Ich lächle. »Hilfst du mir, dem mysteriösen Geruch noch eine Stunde zu entkommen?«

Sie bleibt auf dem Gehweg stehen und sieht mich zum allerersten Mal richtig an. »Aber wir trinken nur einen Kaffee zusammen, ja?«

Ich zucke wieder mit den Schultern. »Kann sein. Obwohl ich dich warnen muss. Wenn ich mich langweile, kann ich ein richtiger Spacko werden. Und inzwischen langweile ich mich schon seit einer Woche.«

Sie verlagert ihr Gewicht von einem Fuß auf den anderen. »Okay …« Nervös nagt sie an ihrer Unterlippe. »Aber das ist nicht wie … ein Date, oder?«

Ein schnaubendes Lachen entfährt mir, und rasch halte ich mir eine Hand vor den Mund, denn sie wirkt betroffen und wird rot. Das kam richtig mies rüber.

»So habe ich das nicht gemeint«, erkläre ich hastig. »Unter all diesen gruseligen Klamotten bist du sicher ein hübsches Mädchen.« Ich frage mich, wie weit ich gehen soll. Seit dem Zwischenfall habe ich mich niemandem mehr geöffnet, früher oder später müsste ich es allerdings sowieso, wenn ich möchte, dass wir Freunde werden. »Aber du bist nicht mein Typ, da du offensichtlich kein Junge bist.«

Sie braucht einen Moment, um zu begreifen. »Oh.« Auf einmal entspannt sie sich sichtlich. »Das ist gut. Ich meine, dass du Jungen magst«, sagt sie, wobei sie sich ein bisschen verhaspelt und die Augen verdreht. »Entschuldige, ich bin bloß echt froh, dass du mich nicht aufreißen willst.« Sie lächelt. »Wir können einen Kaffee trinken gehen.«

»Fantastisch!« Ich grinse und hoffe, dass ich bald herausfinde, was hinter ihrem schreckhaften Benehmen steckt. »Darf ich dich fragen, wieso du so ausgetickt bist, als du dachtest, dass ich dich anbaggern will?«

Sie zuckt mit einer Schulter, bleibt aber stumm.

Okaaay. Diese Freundschaft könnte schwieriger werden als gedacht. Was für ein Segen, dass ich Herausforderungen liebe!

»Also, Callie, abgesehen vom Fliehen vor potenziellen Dates, was macht dir sonst noch Spaß?«, frage ich, als wir den Gehweg entlang zu dem Café an der Ecke gehen.

»Nichts eigentlich.« Sie zieht den Riemen ihrer Tasche höher über die Schulter. »Außer Schreiben. Und dir?«

»Tja, ich mag eine Menge Sachen – Tanzen, Feiern, ins Kino gehen. Aber meine wahre Leidenschaft sind Klamotten, wie dir schon aufgefallen sein dürfte.«

Unsicher sieht sie an sich hinab. »Anscheinend sind wir sehr unterschiedlich.«

»Was eine fabelhafte Basis für eine Freundschaft sein kann«, sage ich. Als sie mich misstrauisch ansieht, füge ich sicherheitshalber hinzu: »Noch nie davon gehört, dass sich Gegensätze anziehen?« Ich bleibe an der Straßenecke stehen und hämmere mit dem Daumen auf den Ampelknopf. »Aber ich kann nicht anders, als dich zu fragen: Was sollen diese Schlabberklamotten?«

Sie starrt zu dem niedlichen kleinen Café gegenüber. »Ich mag einfach nicht auffallen.«

»Okay … Ich will ja nicht unverschämt sein oder so, aber dieser Look hätte in den Neunzigern garantiert gerockt, nur haben wir inzwischen die Grunge-Ära mitsamt ihren Schlabberhosen längst hinter uns, also fällst du in den Sachen auf wie eine Diskokugel in einem Goth-Club.«

Sie streicht sich eine Haarsträhne hinters Ohr und sieht mich an. »Ich ziehe mich schon immer so an … und habe meine Gründe.« Wieder schlingt sie die Arme um sich. »So fühle ich mich wohl, und ich fürchte, wenn ich mir etwas anderes anziehe, fühle ich mich unsicher.«

Bei dem Wort unsicher schrillen die Alarmglocken in meinem Kopf. Ich erinnere mich, wie sicher ich mich mit meinem Exfreund Braiden fühlte, bis er mir das nahm. Ich bemühe mich sehr weiterzumachen, ich selbst zu sein und mir jene Sicherheit wieder zu erkämpfen, aber manchmal ist es hart, vor allem nachts, wenn ich die Augen schließe und träume.

»Warum würdest du dich unsicher fühlen?«, frage ich und lehne mich an den Ampelpfahl.

Sie beißt die Zähne zusammen. »Hat eine Menge Gründe.«

Ich frage mich, ob diese Gründe etwas mit der Panik zu tun haben, als sie dachte, ich will mit ihr ausgehen.

Nun sehe ich hinunter zu dem vollgekritzelten leuchtend blauen Gips an meinem Arm. »Manchmal fühle ich mich in meiner Haut auch unwohl, aber dann denke ich, dass es unfair ist, wenn ich tun soll, als sei ich jemand anders, und wie unsagbar langweilig es ist, nicht ich zu sein«, sage ich grinsend.

Sie kichert leise und erschrickt selbst so sehr darüber, dass ich mich frage, wie lange sie schon nicht mehr gelacht hat.

»Weißt du was?«, fragt sie, als wir über die Straße gehen. »Ich glaube, du hast recht, dass Gegensätze sich anziehen. Ich denke …« Sie überlegt, wie sie es sagen soll. »Ich denke, du könntest ein guter Freund für mich sein.«

»Ach, Schätzchen, ich werde der fantastischste Freund sein, den du je hattest«, sage ich und hüpfe auf den Kantstein.

»Aber ich muss dich warnen. Ich hatte noch nicht viele Freunde.« Sie tritt mit mir auf den Gehweg. »Also dürfte der Titel fantastischster Freund recht leicht zu gewinnen sein.«

»Ehrlich gesagt hatte ich auch noch nicht viele«, verrate ich ihr, als wir den Parkplatz überqueren. »Und die habe ich praktisch alle verloren, als ich …« Ich sehe wieder zu meinem Arm, als meine Gedanken in die Vergangenheit abschweifen.

»Was ist passiert?«, fragt sie, während sie die Tür zum Café aufzieht.

»Das ist eine lange, schmerzliche Geschichte«, antworte ich und gehe hinein. Der Geruch von frischem Kaffee und Gebäck weht mir entgegen, und ich atme tief ein.

»Meine auch«, sagt sie, als wir zum Tresen gehen. »Ich meine, die Geschichte, weshalb ich mich so anziehe.«

Ich sehe hinauf zur Tafel, um mich zu entscheiden, was ich bestellen will, blicke allerdings gleich wieder zu Callie, weil ich eine Idee habe.

»Wie wäre es damit: Ich erzähle dir meine, wenn du mir deine erzählst.«

Nachdenklich neigt sie den Kopf zur Seite. »Es könnte einige Zeit dauern, bis ich dir alles erzähle, aber wenn du bereit bist, Geduld zu haben, abgemacht.«

Geduld ist nicht gerade meine Stärke, doch mir gefällt die Vorstellung, jemandem meine Geschichte zu erzählen. Ich hoffe nur, dass ich ihr vertrauen kann.

Ich reiche ihr die Hand, und sie nimmt sie zögerlich. »In Ordnung, Callie, du hast einen Deal. Und einen neuen besten Freund.«

Kapitel 2

Drei Monate später …

SETH

»Oh Mann, was für eine Freakshow«, sage ich zu Callie und rümpfe die Nase über all die Studienanfänger, die auf dem Campushof umherirren. Eigentlich warte ich, dass sie mitlästert, aber Callie ist mal wieder ganz woanders. »Bist du schon wieder weggetreten?«

Sie blinzelt einige Male und knufft mich leicht in die Schulter. »Jetzt sei nicht so arrogant. Bloß weil wir das Sommersemester mitgemacht haben und wissen, was wo ist, sind wir nicht gleich besser als die.«

»Oh doch, irgendwie schon«, erwidere ich und verdrehe die Augen. »Wir sind so was wie die fortgeschrittenen Erstsemester.«

Sie nippt an ihrem Kaffee, um ihr Grinsen zu verbergen, das bisher nur ich ihr entlocken zu können scheine. »Dir ist hoffentlich klar, dass fortgeschritten und Erstsemester einander widersprechen.«

Seufzend fahre ich mir mit den Fingern durch mein leicht zerzaustes Haar. »Ja, ich weiß. Vor allem für Leute wie dich und mich. Wir sind wie zwei schwarze Schafe.«

Was die realistischste Feststellung sein dürfte, die ich je ausgesprochen habe. In den letzten drei Monaten habe ich viel über Callie erfahren und wie traumatisch ihre Vergangenheit war. Mit zwölf wurde sie vom Freund ihres großen Bruders vergewaltigt, und in den Jahren danach vergrub sie in sich, was geschehen war, und baute einen Schutzpanzer um sich herum auf, indem sie sich in hässlichen, übergroßen Sachen versteckte und sich von ihren Freunden abschottete, bis keine mehr übrig waren. Ich habe es mir daher zur Aufgabe gemacht, sie aus ihrer Isolation zu locken.

Ja, noch ist sie ein Projekt, das einiges an Arbeit erfordert. Ich habe es bislang nicht geschafft, sie mal in ein Kleid, Shorts oder irgendwas auch nur entfernt Engeres zu bekommen, das ihre zierliche Figur betont. Aber wie gesagt, ich arbeite daran.

»Es gibt viel mehr schwarze Schafe als dich und mich«, widerspricht sie mir wie üblich. »Und ich habe es abgemildert. Ich trage sogar ein rotes T-Shirt, wie es auf der Liste steht.«

Ich muss grinsen. »Was noch besser aussehen würde, wenn du mal deine hübschen Locken runterlassen würdest, statt sie dauernd in diesem Zopf zu verstecken.«

»Eines nach dem anderen. Es war schon schwer genug, mein Haar wieder wachsen zu lassen. Ich komme mir komisch vor. Außerdem ist es egal, weil das noch nicht auf der Liste steht.«

Ach, diese berühmte Liste war eine meiner brillantesten Vollsuff-Ideen. Eines Abends nach zu viel Wodka gestanden wir uns unsere dunkelsten Geheimnisse, und da beschloss ich, dass wir eine Liste mit den Dingen aufstellen sollten, vor denen wir uns am meisten fürchten. Über die letzten paar Monate haben wir uns Schritt für Schritt bemüht, Punkte von der Liste streichen zu können.

»Tja, sollte es aber. Ja, ich schreibe es gleich drauf, wenn ich in meinem Zimmer bin. Und du hast nach wie vor diese scheußliche Kapuzenjacke an«, sage ich und zupfe am Saum ihrer ausgeblichenen grauen Jacke. »Ich dachte, wir wären uns über das Teil einig. Du bist schön und musst dich nicht verhüllen. Außerdem sind draußen ungefähr vierzig Grad.«

Sie wickelt die Jacke fester um sich. »Themenwechsel bitte.«

Seufzend lege ich einen Arm um sie, gebe ihr aber genau das, was sie möchte. »Meinetwegen, aber irgendwann reden wir über ein total neues Styling, und bei dem habe ich das Sagen.«

Sie seufzt tief. »Mal sehen.«

Ihre Depri-Haltung versaut mir die Stimmung, doch als ihr bester Freund ist es mein Job, sie aufzuheitern.

Abrupt bleibe ich stehen und mache eine halbe Drehung, sodass ich vor ihr stehe. »Ich sage nur noch eines«, erkläre ich und lege einen Finger an ihren Augenwinkel. »Der braune Eyeliner gefällt mir sehr viel besser als der pechschwarze.«

»Na, wenigstens gefällt dir das an mir.« Sie legt übertrieben dramatisch eine Hand auf ihr Herz, was sie sich von mir abgeguckt hat. »Ich bin ja so froh! Das lag mir schon den ganzen Vormittag auf der Seele.«

Ich verdrehe die Augen, grinse aber. »Ja, du bist wirklich toll. Es wäre nur so klasse, wenn du mal ein Kleid oder Shorts oder irgendwas anziehen würdest, in dem diese Wahnsinnsbeine besser zur Geltung kommen.«

Sofort wird sie wieder bedrückt. »Seth, du weißt, wieso … Ich meine, du weißt … Ich kann nicht …«

»Ich weiß. Ich will dir doch bloß Mut machen.«

»Ja, schon klar, und dafür liebe ich dich.«

Ich möchte sie drücken, weil sie das sagt. Es ist lange her, seit irgendwer gesagt hat, er würde mich lieben. Sogar meine Mutter ist bei unseren seltenen Telefongesprächen zu einem förmlichen »Freut mich, dass es dir gut geht. Bis dann. Bye« übergegangen.

»Du bist so viel glücklicher als bei unserer ersten Begegnung«, sage ich und streiche ihr eine Locke hinters Ohr. »Ich wünsche mir so, dass du bei jedem so sein kannst, Callie. Dass du aufhörst, dich vor allen zu verstecken. Es ist ein Jammer, dass keiner sieht, wie toll du bist.«

»Gleichfalls«, sagt sie, denn sie versteht mich besser als irgendwer jemals zuvor.

Um die Stimmung ein bisschen aufzulockern, frage ich grinsend: »Wie sieht es aus? Wollen wir uns einer der Führungen anschließen und uns über den Guide lustig machen?«

»Ach, du verstehst es, dich in mein Herz zu schleichen!«

Wir gehen im Schatten der Bäume zum Haupteingang. Alle um uns herum sind irgendwie panisch, weil sie nicht wissen, wohin sie sollen. Ich beobachte die hypernervösen Neulinge und amüsiere mich köstlich, wie sie über ihre eigenen Füße stolpern und total genervt sind, weil sie sich schon wieder verlaufen haben.