Die Schmetterlingsperle - Heike Schmid - E-Book

Die Schmetterlingsperle E-Book

Heike Schmid

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Beschreibung

Das zweite Kind sollte nach Hochzeit und Eigenheim das Familienglück perfekt machen. Doch es kommt anders. Die kleine Antonia kommt nach einer komplikationslosen Schwangerschaft mit einem akuten Knochenmarkversagen zur Welt. Nur durch großes Glück überlebt das kleine Mädchen die Geburt. Die Ärzte stehen allerdings vor einem Rätsel. Schon bald steht fest, nur eine Stammzelltransplantation kann Antonias Leben retten. Von nun an beginnt eine Zeit zwischen scheinbar normalem Familienleben und ständigen Klinikaufenthalten. Große Hoffnung und herbe Rückschläge wechseln sich immer wieder ab. Die Familie versucht, die Zeit selbst größter Entbehrungen kindgerecht, lebendig und mit viel Humor zu gestalten. Als die Transplantation erfolgreich und das Ziel damit in greifbarer Nähe zu sein scheint, infiziert sich Antonia mit einem harmlosen Magen-Darm-Virus und stirbt nur knapp sechs Wochen später an multiplem Organversagen.

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Die Autorin:

Heike Schmid wurde 1976 in Krumbach geboren und lebt heute mit ihrem Mann und den beiden Kindern in einem kleinen Vorort von Augsburg. Mit ihrem Erstlingswerk „Die Schmetterlingsperle“ hat sie ein Andenken an ihre verstorbene Tochter Antonia geschaffen, die mit nur 14 Monaten nach einer Stammzelltransplantation unerwartet gestorben ist.

HEIKE SCHMID

***

© 2019 Heike Schmid

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-7497-3522-8

Hardcover:

978-3-7497-3523-5

e-Book:

978-3-7497-3524-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Antonia

…und wenn die Kraft nicht reicht

wird dein Lachenfortan in unseren Herzen leben

und immer wenn die Schmetterlinge schweben

hat dein Lächeln uns im Hier erreicht

(Spruch auf Antonias Grabstein)

***

Ich sitze auf dem Badewannenrand und halte einen positiven Schwangerschaftstest in den Händen. Tränen fließen mir über die Wangen. Jetzt schon!, ist mein einziger Gedanke. Nicht, dass wir uns nach unserer mittlerweile zweijährigen Tochter nicht noch ein weiteres Kind gewünscht hätten. Im Gegenteil. Allerdings kommt mir die Schwangerschaft ein gutes halbes Jahr zu früh. Gerade vor einem halben Jahr bin ich wieder in meinen Beruf als Buchhalterin zurückgekehrt, bin praktisch gerade erst eingearbeitet. Ich würde wieder für sicherlich zwei Jahre ausfallen. Und ich wollte doch wieder ein Winterbaby. Habe ich doch alle Sachen von Johanna aufgehoben. Was soll ich denn mit dem putzigen Schneeanzug mit Plüschkragen in Größe 50/56, wenn das Baby im Sommer kommt? Und das zieht sich ja weiter. Die süßen Sommerkleidchen würden dann mitten im ersten Winter passen. So war das nicht geplant.

Es sind Gedanken und Tränen, derer ich mich heute noch schäme. Aber ich gehörte zu diesem Zeitpunkt nun mal zu den Schwangeren, deren Probleme und Sorgen sich auf solche Belanglosigkeiten beschränken, welche mir heute schrecklich oberflächlich erscheinen. Ich war damals schlichtweg noch der naiven Ansicht, die schlimmen Geschichten hört man immer nur von den anderen.

Glücklicherweise fange ich mich sehr schnell wieder. Genauer gesagt bereits in den nächsten zehn Minuten. Ich lege mich auf mein Bett und höre ganz tief in mich hinein. Und schon ist es da. Dieses bekannte Gefühl von: Schwanger! In Gedanken sage ich immer und immer wieder dieses eine Wort: Schwanger! Ich bin schwanger! Und beim ganz tief in mich Reinhören, da meine ich es auch schon zu spüren. Dieses Mutter-Kind-Band wird soeben geknüpft. In meinem Bauch wächst ein kleines neues Leben heran. Das Herz wird wahrscheinlich schon schlagen. Ich bin nicht mehr nur eins. Was ist ist und dann soll das wohl auch so sein.

Gleich beim Abendessen platze ich mit den Neuigkeiten raus. Thomas wünscht sich schon länger ein zweites Kind. Er freut sich, wenn auch etwas verhalten, auf seine ganz eigene Art. Johanna merkt gleich, dass das aufregend wird. Sie ist ganz hibbelig. Ein Geschwisterchen, toll. Aber wann kommt es und wie kommt es und Bruder oder Schwester, kann sie sich das aussuchen? Ganz viele Fragen einer Dreijährigen. Wir versuchen alles so gut wie möglich zu erklären. Johanna hört aufmerksam zu, hakt die Tatsache ab und widmet sich wieder ihrem Spielzeug.

Der erste Termin beim Frauenarzt dann in der neunten Schwangerschaftswoche. Die Schwangerschaft wird mir bestätigt, die erste Blutabnahme und der erste Eintrag in den Mutterpass erfolgt. Alles ganz normal. Lustig auch, dass ich im Verwandten- und Freundeskreis bereits die vierte Schwangere bin. Die Freude auf die Zeit als Zweifachmama wird immer größer. Die Familie fühlt sich damit irgendwie kompletter an.

Die Schwangerschaft verläuft völlig komplikationslos. Die ersten drei Monate plagt mich Müdigkeit und Übelkeit. Das lässt aber pünktlich zum vierten Monat nach und die schöne Phase beginnt. Mein Appetit macht mir mal wieder selber Angst und ich lege rasant an Gewicht und Bauchumfang zu. Habe ich in meiner ersten Schwangerschaft diese fürchterlichen Gummihosen erst ab dem fünften Monat benötigt, habe ich sie diesmal schon ab der zehnten Woche an. Ich genieße den Kugelbauch und Johanna freut sich auf ihr Geschwisterchen. Ich lese keine Schwangerenratgeber, aber ums Thema Baby kommt eine Schwangere einfach nicht rum. Es ist das Buch „Unter dem Herzen“ von Ildiko von Kürthy, das mir in dieser Zeit als Lesestoff dient. Die Autorin schreibt mit soviel Witz und Selbstironie. Jede Schwangere wird sich mit Sicherheit in der einen oder anderen Situation wiederfinden. Nur eine Passage lässt mich nicht mehr los. Die Autorin beschreibt, wie sie inmitten der Schwangerengymnastik sitzt und sich bewusst wird: Es wird vielleicht nicht bei allen gut ausgehen. Werde ich vielleicht sogar diejenige sein?

Dieser Gedanke lässt mich in den nächsten Tagen und Wochen nicht mehr los. Dieser Satz öffnet etwas in mir, ein Gefühl, das ich bisher nicht kannte, nicht zulassen wollte oder einfach nicht für akzeptabel hielt. Die schlimmen Dinge hört man einfach immer nur von den anderen. Das ist Fakt. Und doch lässt es mich nicht mehr los, dieses dumpfe Gefühl der Unsicherheit, eine schleichende Angst wird mich durch die ganze weitere Schwangerschaft begleiten. Es sind meine ganz eigenen Ängste, ich spreche sie nie aus. Nicht Thomas und auch nicht den Ärzten gegenüber, die mir schließlich immer wieder bestätigen, dass alles in Ordnung ist. Bald erfahren wir auch, dass wir wieder ein Mädchen bekommen werden. Ich freue mich riesig. Ich habe mir immer Mädchen gewünscht. Ich selbst bin mit drei Schwestern aufgewachsen und wir hatten eine ganz besondere Bindung. Ich freue mich, dass meine beiden Mädchen auch diesen ganz speziellen Zauber erleben dürfen.

Natürlich stellt sich auch sehr schnell die Frage, wie das Baby denn heißen soll. Der Name soll zu Johanna passen, darf gern klassisch anstatt modern sein. Favoriten sind: Karolina und Antonia. Wir sind gerade dabei, das Gästezimmer in einen rosa Babytraum zu verwandeln. Ich möchte Johanna zum Mittagessen holen und rufe die Treppe nach oben: „Johanna, wo bist du?“ Und als Johanna zurückruft „in Antonias Zimmer“, da muss ich schmunzeln. Johanna hat in dem Moment die Wahl getroffen.

Ich lege die Hand auf meinen Bauch und sage: „Hallo Antonia, wie findest du deinen Namen?“ Wie zur Bestätigung bekomme ich einen sanften Tritt gegen die Bauchdecke. Beim Mittagessen dann verkünde ich die Entscheidung und wie Johanna sie mir vorgelegt hat. Alle sind einverstanden. Es fühlt sich schön an. Ich bin zu hundert Prozent in meiner Schwangerschaft angekommen.

Etwa in der dreißigsten Schwangerschaftswoche dann der Schreck. Meine Frauenärztin meint beim Blick auf den Ultraschall ganz lapidar: „Ich glaube, das Kind hat eine Lippenspalte.“ Nach genauerem Hinsehen dann. „Oh ich glaube, doch nicht.“ Ich bin natürlich total verunsichert und spreche meine Beleghebamme beim nächsten Termin darauf an. Sie verschafft mir sofort einen Ultraschalltermin beim Spezialisten in der Klinik. Auf dem Weg dorthin drängt er wieder an die Oberfläche, dieser Gedanke: „Es wird nicht bei allen gut ausgehen. Werde ich diejenige sein?“ Aber jetzt habe ich wenigstens eine Erklärung für meine Ängste, denke ich zumindest zu der Zeit. Und eine Lippenspalte ist heutzutage nun wirklich nichts Dramatisches mehr. Der Arzt sagt mir allerdings, dass er keinerlei Anzeichen für eine Lippenspalte finden kann. Er kann das Gesicht wunderbar auf dem Ultraschall abzeichnen und gibt mir zur Bestätigung mit den Worten „sehen Sie selbst“ das Bild mit einem wunderschönen Schmollmündchen mit.

Mit Beginn der 35. Woche wird die Schwangerschaft so langsam beschwerlich. Mein doch massiver Bauchumfang gepaart mit Juni-Hitze und einer sehr aufgeweckten Dreijährigen fordern ihren Tribut. Alles ganz normal, da gibt es nix zu jammern oder zu klagen. An einem heißen Nachmittag im Juni bemalen wir noch meinen Bauch mit Fingerfarben. Johanna ist mit Freude dabei, mir riesige Kleckse aus viel zu viel Farbe auf den Bauch zu schmieren und unterhält sich währenddessen mit Antonia. Sie benutzt dazu meinen Bauchnabel wie eine Art Sprechanlage. Es ist urkomisch, wir lachen viel an diesem Nachmittag und nachdem wir das Portrait fotografiert haben, bekommt mein Bauch eine erfrischende Dusche mit dem Gartenschlauch.

In der 36. Woche dann wieder eine Kontrolluntersuchung. So langsam ähnelt mein Gang dem einer watschelnden Ente und ich habe das starke Gefühl „irgendetwas tut sich da“. Ich glaube, die Geburt lässt nicht mehr allzu lange auf sich warten. Meine Frauenärztin nimmt mir allerdings wieder äußerst einfühlsam den Wind aus den Segeln. Beim Ultraschall entfährt ihr ein: „Oh mein Gott.“ Sie zeigt mir auf dem Bildschirm ganz eindeutig, dass da, wo jetzt eigentlich der Kopf des Babys liegen sollte, ein Fuß ist. So ein Mist, Antonia hat sich vier Wochen vor der Geburt nochmals vollständig gedreht und steht mir mit einem Beinchen im Becken. „Tja, das wird dann wohl ein Kaiserschnitt.“ Bei dem Wort läuten bei mir alle Alarmglocken. War es doch genau das, was ich unter allen Umständen vermeiden wollte.

Erinnerungen an meinen ersten Kaiserschnitt tauchen in mir auf. Ich wollte Johanna damals unbedingt spontan entbinden. Stattdessen fand ich mich in einem OP-Saal wieder, mit einem Arm festgeschnallt, bewegungsunfähig und voll panischer Angst vor dem, was da folgen würde. Ich hatte damals sehr viel Blut verloren, hatte während der Geburt dann hyperventiliert und war die ersten beiden Tage so schwach, dass ich nicht aufstehen konnte. Das Gefühl der Hilflosigkeit, das eigene Kind noch nicht mal aus dem Bettchen nehmen zu können, weil man selbst nicht aufstehen kann, war furchtbar. Und das alles nochmal. Eine Horrorvorstellung.

Mein Belegarzt, der mich durch die Geburt begleiten wird, versucht mir alle Ängste zu nehmen. Er verspricht mir, ich bekomme keine Blutdrainagen, die aus der Wunde hängen. Die habe ich mit am unangenehmsten in Erinnerung. Vor allem aber haben wir noch ein paar Wochen Zeit, in der sich Antonia nochmal drehen könnte. Nur ein Stück weit beruhigt gehe ich nach Hause und warte der Dinge, die da kommen.

Am nächsten Tag dann, es ist ein Freitag, stellt es sich ein. Das seltsame Gefühl von „irgendwas stimmt nicht“. Es ist der Tag nach dem Feststellen der Fußlage. Zuerst traue ich mich es zu Hause gar nicht auszusprechen. Die Vermutung liegt nahe, dass mir jetzt aufgrund der aktuellen Situation und des eventuell bevorstehenden Kaiserschnitts schlicht und einfach die Nerven durchgehen. Und doch lässt es mich nicht los. Dieses Gefühl von „irgendetwas stimmt nicht mit Antonia“. Ich bilde mir ein, sie nicht mehr so oft zu spüren, meine, dass sie nicht mehr so aktiv ist wie sonst. Aber ist das nicht auch ganz normal, wenn es zum Schluss einfach eng wird im Bauch? Und wo ist ihr Schluckauf? Dieses herrliche Gefühl, als würde sie immer an meine Bauchdecke klopfen. Die Vorstellung, dass sie in diesen Momenten einfach durch ihren „Hicks“ anklopft, fand ich immer wunderschön. Aber wo ist der Schluckauf geblieben? Vielleicht liegt es ja daran, dass der Kopf jetzt nicht mehr unten liegt und ich daher den „Hicks“ nicht mehr spüren kann. Ich zergrüble mir den Kopf und bin an diesem Tag äußerst in mich gekehrt, sehr nachdenklich und ruhig. Auch Thomas bemerkt diese Veränderung. Am nächsten Tag dann, es ist Samstag, ist dieses seltsame Gefühl von „irgendetwas stimmt nicht“ immer noch da. Ich kann nicht mehr aus, beschreibe Thomas meine Sorgen und bin gegen Mittag soweit, dass ich mich entschließe, jetzt einfach mal ins Krankenhaus zu fahren um nachsehen zu lassen. Wenn nichts ist, kann ich ja wieder heimfahren. Ich bin mit Sicherheit nicht die erste und auch sicher nicht die letzte Schwangere, die voreilig in die Klinik fährt. Ich gehe fest von falschem Alarm aus und nehme noch nicht mal meine Kliniktasche mit. Ich fahre allein und bin ganz optimistisch, dass ich in ein bis zwei Stunden ganz beruhigt wieder zu Hause bin und das Ganze unter „Nerven durchgegangen“ abstemple.

Leider kommt es doch anders. In der Klinik schildere ich meine Bedenken und Sorgen: „Ich spüre sie nicht mehr so häufig und der Schluckauf ist auch weg.“ Das haben die Ärzte und Hebammen sicherlich schon tausendmal gehört. Meine Sorgen werden aber ernst genommen, das ist schön. Die Schwester schließt mich ans CTG an, will Antonias Herztöne etwa eine halbe Stunde abhören, um dann zu entscheiden, ob alles in Ordnung ist. Fast habe ich die Erwartung, dass da nichts zu hören sein wird, als sie mir den Gurt mit den Elektroden um den Bauch legt. Und doch ist es sehr schnell da, das wunderschöne galoppierende Geräusch des schlagenden Babyherzchens. Das wahrscheinlich schönste Geräusch für Schwangere. Bei den CTGs, die in den letzten Wochen vor der Geburt routinemäßig immer eine halbe Stunde geschrieben werden, wurde ich immer gefragt, ob ich in der Zeit etwas lesen möchte. Ich habe immer dankend abgelehnt und wollte mich einfach zurücklehnen, die Augen schließen und zuhören. Auf mich hat dieses CTG immer eine herrlich beruhigende Wirkung gehabt. Und tatsächlich überkommt mich auch jetzt wieder eine tiefe Ruhe. Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und sehe mich in einer halben Stunde lächelnd die Klinik verlassen.

Nach der halben Stunde allerdings kommt eine Schwester mit einer Flasche Wasser. „Haben Sie auch genügend getrunken den Tag über? Es ist ja doch sehr heiß heute.“ Eigentlich ist trinken bei mir kein Problem, ich komme immer auf zirka zwei Liter Wasser am Tag, auch nicht schwanger. Ich verspreche, brav die Flasche innerhalb der nächsten halben Stunde auszutrinken. Komischerweise beunruhigt mich das noch gar nicht. Als dann allerdings eine weitere halbe Stunde später ein Arzt mit Infusionsständer einrollt, ändert sich dies. Jetzt gibt es Flüssigkeit intravenös und ich wage doch mal zu fragen, ob denn irgendetwas nicht stimmt. Noch kein Grund zur Sorge, das Baby sei einfach etwas träge und schläfrig, die Ärzte möchten das CTG aber in einem fitteren Zustand schreiben. Eine weitere halbe Stunde später betritt dann mein Belegarzt den Raum. Ok, jetzt ist es doch ernst. Wenn der Belegarzt gerufen wird, dann steht die Geburt eigentlich unmittelbar bevor. Vielleicht ist er ja zufällig gerade wegen einer anderen Geburt hier, versuche ich mir selber noch einzureden. Aber schnell wird klar, er wurde gerufen, um das weitere Vorgehen zu entscheiden. Antonia ist auch nach zwei Stunden CTG nicht fitter. Die Herztöne deuten auf eine Unterversorgung hin. Die Ärzte erwähnen zum ersten Mal, dass es gut war, mit meinem unguten Gefühl zu kommen. Hier sei ich in den besten Händen und sollte sich das CTG nicht bessern oder sogar verschlechtern, würde innerhalb kürzester Zeit ein Kaiserschnitt vorgenommen werden können. Nicht den Funken einer Ahnung haben sowohl die Ärzte als auch ich, was mit meinem Kind in dieser Zeit tatsächlich passiert. Mein Belegarzt kontrolliert nochmal die Lage von Antonia und entscheidet, das CTG wird über Nacht weiter beobachtet und wenn sich bis zum nächsten Morgen keine Besserung einstellt, wird gleich in der Früh operiert. Antonia liegt immer noch falschherum im Bauch, somit würde in einer Woche sowieso ein Kaiserschnitt bevorstehen. Und ob der jetzt oder in einer Woche gemacht wird, ist laut Arzt dann auch schon egal. Irgendwie einleuchtend, denke ich mir. Und die Geburt würde genau bei Schwangerschaftswoche 37+1 stattfinden. Das heißt, Antonia würde nicht mehr als Frühgeburt gelten und wenn sie fit wäre, dürfte sie gleich bei mir bleiben und müsste nicht auf der Frühchenstation nachversorgt werden müssen.

Ich rufe zu Hause bei Thomas an und erkläre ihm die Situation. Er muss mir jetzt doch hinterherfahren, weil ich ja meine Kliniktasche nicht mitgenommen habe. Gott sei Dank habe ich meine Tasche bereits seit mehr als zwei Wochen vollständig gepackt im Schlafzimmer stehen. Nur ein Fresspaket wollte ich noch kurz vor dem Aufbruch zusammenstellen, nun muss es halt ohne gehen.

Auch meine Schwester wird informiert. Sie ist eigentlich als Notfallnummer für mitten in der Nacht eingesetzt, damit sie innerhalb einer halben Stunde nachts da sein könnte, um bei Johanna zu bleiben, wenn wir los müssen. Ich hatte die Wunschvorstellung einfach nicht aufgeben wollen, dass meine Geburt diesmal wie im Film mitten in der Nacht mit den Worten „Schatz, ich glaube, es geht los“ startet. Sie kann es erstmal gar nicht glauben. Dachte sie eigentlich, ich würde wenn überhaupt nachts anrufen und sie aus dem Schlaf holen, rufe ich am späten Nachmittag an und hole sie von einem Fußballspiel im Fernseher weg. Sie ist natürlich freudig aufgeregt und verspricht, innerhalb der nächsten halben Stunde bei Johanna zu sein, damit Thomas zu mir in die Klinik kommen kann. Nachdem Thomas mir meine Tasche gebracht hat, bekomme ich ein Zimmer auf Station. Thomas bleibt eine Weile, aber es stellt sich schnell Langeweile ein. Ich habe die Anweisung, alle zwei Stunden zum CTG zu erscheinen oder eben wenn irgendetwas sein sollte. Ich schicke Thomas nach Hause, wir müssen uns nun wirklich nicht zu zweit hier langweilen. So schleiche ich also alle zwei Stunden über den nächtlich beleuchteten Krankenhausflur. Ein Ort, der nie wirklich schläft. Das CTG bleibt unverändert und ich stelle mich schon mal auf einen Kaiserschnitt am nächsten Sonntagmorgen ein. Die Bestätigung hierfür liefert die Entscheidung des Arztes dann am Morgen. CTG nach wie vor nicht optimal. Eine Ursache dafür ist nicht erkennbar und daher entscheidet der Arzt auf die vermeintlich sichere Beendigung der Schwangerschaft. Ich werde aufs Zimmer geschickt, solle nochmal duschen, Thomas verständigen und dann warten, bis ich abgeholt werde. Thomas verspricht so schnell wie möglich loszufahren, um es noch rechtzeitig zu schaffen. Ich werde ihn allerdings vor der Geburt nicht mehr sehen, denn bereits kurz nach dem Telefonat kommen zwei Schwestern, die mich mitsamt meinem Bett in den OP abholen. „Schatz, es geht los.“

***

So ein Kaiserschnitt ist heutzutage für Mediziner und das komplette Klinikpersonal mit Sicherheit nichts Besonderes mehr. Ein routinemäßiger Eingriff, geschätzte Dauer: 30 bis 45 Minuten. In großen Geburtskliniken läuft so ein Kaiserschnitttag durchaus ab wie am Fließband.

Wenn es sich allerdings um den eigenen Kaiserschnitt handelt und man wie ich erfahrungsgemäß bereits mit dem Legen des Zugangs einer Ohnmacht nahe kommt, dazu noch traumatisiert ist vom ersten, wirklich unschönen Kaiserschnitt, sieht das schon wieder anders aus.

Ich habe zum Glück einen wirklich phänomenalen Arzt. Er versteht einfach, mir die Angst zu nehmen vor dem, was kommt. Auf dem Weg in den OP ist bereits klar, Thomas wird es nicht pünktlich schaffen. Gerade mal 15 Minuten ist es her, seit wir telefoniert haben und ich klettere bereits auf den Operationstisch.

Nach einem kurzen Aufklärungsgespräch wird mir im Sitzen die Narkose in den Wirbelkanal im unteren Rücken gelegt. Das ist zwar unangenehm, aber auszuhalten. Trotzdem bin ich froh, als ich mich wieder flach hinlegen darf. Ziemlich schnell setzt dann auch die Wirkung ein in Form eines dumpfen, schwammigen Gefühls, das sich die Beine aufwärts schleicht. Während die Betäubung ihre volle Wirkung entfaltet, werde ich im OP eingerichtet. Es wird ein großes grünes Laken vor meinem Kopf aufgehängt. Zusehen sollte ich glücklicherweise nicht müssen.

Der Eisspray-Test zur Prüfung der Betäubung verunsichert mich auch diesmal. Ist es an dieser Stelle kälter als an der anderen? Oder hier, und wie ist es dort?

So unmittelbar vor Beginn des Eingriffs bin ich so nervös, dass ich überhaupt nicht mehr weiß, ob das nun kalt oder nicht kalt ist. Es könnte doch sein, dass ich die Kälte noch spüre und wenn ich es jetzt verneine, dann fangen die Ärzte an und ich bin noch gar nicht vollständig betäubt.

Der Arzt beginnt und ich erwarte einen höllischen Schmerz. Aber nichts. Wirklich unglaublich, man erlebt die Operation bei komplettem Bewusstsein mit und spürt tatsächlich keinerlei Schmerz. Es ruckelt zwar ziemlich hin und her, da der Arzt ja irgendwie zu seinem Ziel vordringen muss und dazu braucht es tatsächlich eine gewisse Kraft. Ich habe Angst, wieder wie bei Johannas Geburt zu hyperventilieren und beginne tief ein- und auszuatmen. So wie man es im Vorbereitungskurs lernt. Mein Arzt fragt mich, warum ich so schnaufe und ich antworte ihm nur: „Ich habe das gelernt und jetzt werde ich es auch anwenden, soll ja nicht ganz umsonst gewesen sein, der Geburtsvorbereitungskurs.“ Wir lachen alle gemeinsam. Ja, es ist wirklich eine angenehm heitere Stimmung im OP. Ein Kaiserschnitt wird nicht umsonst die schönste aller Operationen genannt.

Die Spannung erreicht ihren Höhepunkt, als der Arzt erwähnt, dass da aber jemand viele schwarze Haare hat. Er kann Antonia also schon sehen, es kann sich jetzt nur noch um ganz wenige Minuten handeln. Und im nächsten Moment spüre ich auch schon, wie Antonia aus mir herausgehoben wird. Obwohl ich betäubt bin, spüre ich es. Nicht als Schmerz, eher als das Gefühl, wenn es einem in der Achterbahn bergab in die Magengrube fährt, nur irgendwie andersrum.

Ein wohliger Schauer überkommt mich. Im nächsten Moment wird mein Körper mit Glückshormonen geflutet. Ich warte gespannt auf den ersten Schrei. Der erste Schrei ist etwas ganz Besonderes für jede Mutter. Neun Monate warten. Dafür erträgt man es, jeden Morgen anstelle des Kaffeetrinkens die Zeit auf der Toilette zu verbringen, um sich des Mageninhalts vom Vortag zu entledigen. Man nimmt Wassereinlagerungen, Rückenschmerzen und sogar Konfektionsgröße 44 in Kauf, alles mit dem Ziel dieses ersten Schreis.

Ich liege auf dem OP-Tisch und warte. Kein Schrei, ich meine, ein leises Wimmern wahrzunehmen. Und ich sehe nur, wie die Hebamme mit einem Bündel in den Armen an mir vorbeirennt. Sie versucht zwar noch, mir einen Blick auf Antonia zu erlauben, aber ist sich wohl selber nicht sicher, ob überhaupt Zeit dafür ist. Wieder ist es mein Arzt, der die Situation rettet. „Alles gut“, meint er. „Kein Grund zur Sorge. Als Erstes werden die Vitalfunktionen des Babys gecheckt, dann kommt es zurück und wird Ihnen an die Wange gelegt.“

Doch dem ist leider nicht so. Kurze Zeit später kommt meine Hebamme zurück in den OP, ich bin schon fast wieder fertig vernäht, als sie mir erklärt: „Antonia musste leider sofort auf die Neugeborenenstation gebracht werden. Sie hat eine ausgeprägte Blässe und viele Hämatome. Ihr Gesamtzustand ist sehr kraftlos.“ Sie seufzt. „So etwas habe ich in 20 Dienstjahren noch nicht gesehen. Ich weiß jetzt auch nicht genau, wie ich das einordnen muss. Die Ärzte haben aber alles soweit im Griff und wenn Sie sich einigermaßen erholt haben, werden Sie sofort zu ihr gebracht.“

Und da ist es wieder, dieses Gefühl, das ich bereits in der Schwangerschaft hatte. Warum entsetzt mich das jetzt nicht? Warum ist es fast so, als hätte ich damit gerechnet? Fast so, als würde ich nur noch auf eine Erklärung für das warten, was mir bereits vorher klar war. Bis heute kann ich mir dieses Gefühl nicht erklären.

Nachdem ich fertig versorgt bin, werde ich in mein Bett gelegt und kann zurück in den Kreissaal. Hier wartet Thomas bereits auf mich. Er wundert sich, wie entspannt ich wirke. Ja, der Kaiserschnitt war echt easy, diesmal sollte das Drama erst nach der Geburt beginnen.

Die Hebamme kommt mit einer Ärztin im Schlepptau und sie erklären mir erneut die Situation. Antonia wurde mit einer ausgeprägten Anämie, schlechten Vitalwerten und vielen blauen Flecken und Blutergüssen geboren. Der Grund dafür müsste jetzt erst herausgefunden werden. Sie hat direkt nach der Geburt eine Bluttransfusion erhalten, dadurch wurde ihr Zustand erstmal stabilisiert. Erste Untersuchungen müssten jetzt ergeben, ob es neben den Einblutungen in der Haut auch zu Einblutungen in den Organen oder gar im Gehirn gekommen ist. Auch ist die Gefahr in den ersten Stunden und Tagen groß, dass es noch zu einer Hirnblutung kommen kann. Sicherheit werden hier aber erst die Untersuchungen der nächsten Tage bringen.

Was mir die Ärzte aber absolut bestätigen können ist, dass ich mit meinem unguten Gefühl keine Stunde zu früh gekommen bin, dass die Geburt nicht weiter hinausgezögert hätte werden dürfen und was für mich am allerschlimmsten zu hören war, dass Antonia eine spontane Geburt mit ziemlicher Sicherheit mit diesen Blutwerten und einer Nabelschnur von nicht einmal 20 cm Länge nicht überlebt hätte.

Es ist gegen Mittag, drei Stunden nach der Geburt, die Betäubung hat nachgelassen und ich kann meine Beine wieder spüren und bewegen. Ich fühle mich gut und möchte zu Antonia gebracht werden. Das erste Mal nach einem Kaiserschnitt das Bett zu verlassen, nur drei Stunden nach dem Eingriff, ist eine Herausforderung. Mit Hilfe von Thomas und einer Schwester schaffe ich es vom Bett in den Rollstuhl. Einer zieht, einer schiebt. Oh Gott, was geben wir wohl für ein Bild ab. Wir werden an der Tür der Intensivstation mit der Bemerkung empfangen, dass man mit mir so früh noch gar nicht gerechnet hat.

Leider ist das Zimmer der Neugeborenenstation zu klein, die Brutkästen stehen zu eng aneinander, um im Rollstuhl durchzufahren. Also heißt es für mich raus aus dem Rollstuhl, um den Rest zu Fuß auf Thomas gestützt zurückzulegen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht setze ich langsam einen Fuß vor den anderen, um endlich den lang ersehnten Blick auf Antonia zu werfen.

Das Bild, das mich erwartet, erschreckt mich allerdings zutiefst. So groß die Freude und so tief die Liebe beim ersten Blick auf das eigene Kind nach der Geburt ist, soll ich hier das erste Mal erleben, wie es sich anfühlt, unsagbar große Sorge und schmerzhafte Ungewissheit zu empfinden.

Antonia liegt in ihrem Brutkasten, in das Stück, das vom durchtrennten Nabel übrig ist, wurde ein Zugang gelegt, so musste sie zumindest nicht in eine Vene gestochen werden. Sie trägt eine Sauerstoffunterstützung sowie eine Magensonde für die Nahrung. Die Schläuche sind mit den typischen Herzpflastern auf den Backen fixiert. Auf dem Kopf trägt Antonia eine Art schwarze Mütze, aus der viele bunte Kabel heraushängen. Wie die Ärzte mir erklären, werden hier die Gehirnströme überwacht, um eine Hirnblutung schnellstmöglich erkennen zu können. Bis jetzt ist es glücklicherweise noch zu keiner Blutung gekommen und das Risiko schwindet von Stunde zu Stunde, die Antonia geboren ist.

Was mich allerdings am allermeisten erschreckt ist das, was die Ärzte mir als einige Hämatome beschrieben haben. Antonias Körper ist blass und übersät von Blutergüssen und auch einigen Schürfwunden. Zahlreiche Flecken an beiden Beinchen, riesige Blutergüsse auf dem Bauch, an den Ärmchen, einfach überall. Die Lippe ist an der einen Seite leicht angeschwollen und tief blau, und auch ein blaues Auge bleibt ihr im Alter von gerade mal wenigen Stunden nicht erspart. Es ist der Moment, an dem zum ersten Mal Tränen fließen. Es sollen die ersten aus einem Meer von Tränen werden. Meine Gedanken überschlagen sich. Was haben sie mit ihr gemacht? Sie sieht aus, als wäre sie mindestens einmal vom Tisch gefallen. In diesem Moment trifft mich die Realität mit voller Wucht. War der erste Blick aufs Baby das ersehnte Ziel, wird mir klar, dass dieser Moment für meine ganze Familie der Beginn eines langen Kampfes wird mit einem neu gesteckten Ziel: Antonia soll leben.

Ich bekomme jetzt doch endlich einen Stuhl angeboten. Oder besser gesagt, einen Arzthocker, ein vernünftiger Stuhl ist im Moment nicht verfügbar. Ich setze mich neben den Brutkasten und stecke ganz vorsichtig meine Hand durch die seitliche Öffnung. Ich wage es kaum, sie anzufassen und doch ist die Sehnsucht, ihre Haut zu spüren, so groß. Ganz vorsichtig streichle ich Antonias Ärmchen, während meine Tränen unaufhaltsam fließen.

Ich frage mich tatsächlich hier und jetzt, ob ich dieses Kind überhaupt lieben darf oder ob ich mich auf diese Liebe erst gar nicht einlassen sollte. Das hört sich jetzt sicherlich hart und grausam an und ist nicht das, was man sich unter einer guten Mutter vorstellt. Und doch sind es diese Gedanken, die mir durch den Kopf strömen.

Ich spüre bereits in diesen ersten Momenten, dass es ein langer, steiniger Weg mit ungewissem Ende werden wird. Und ich bin mir in diesem Moment nicht sicher, ob ich stark genug für ein solches Kind bin.

Ich bleibe etwa eine halbe Stunde bei Antonia sitzen. Das Sitzen auf diesem improvisierten Stuhl schmerzt. Ich darf Antonia noch nicht mal in die Arme nehmen, viel zu groß ist die Gefahr, dass es irgendwo zu einer Blutung kommt. Sie lebt und sie hat keine Schmerzen, das ist das einzig Positive, das ich mit zurück nehme. Und auch hier, zurück im Zimmer, suchen sich die Tränen unaufhörlich den Weg nach draußen.

Wie sehr hatte ich mich darauf gefreut, die frohe Botschaft über die Geburt von Antonia zu verkünden. Habe ich doch selbst in den letzten Wochen immer wieder erfreut Nachrichten lesen dürfen wie: „Hallo, hier bin ich, ich heiße soundso, bin soundso schwer und wurde heute um soundso viel Uhr geboren. Wir sind wohlauf und überglücklich.“ Wie bereits erwähnt war ich ja nicht die einzige Schwangere im Familien- und Freundeskreis. Was soll ich denn jetzt schreiben? Nur durch großes Glück konnte unsere Antonia heute lebend geboren werden. Sollte ich schreiben: Sie sieht aus wie verprügelt, die nächsten Tage sind kritisch, was die Zukunft bringt ist ungewiss?

Ich sehe wieder die Buchstaben vor meinem geistigen Auge auftauchen. Diesmal fett, kursiv und unterstrichen:

Es wird nicht bei allen gutgehen, werde ich vielleicht diejenige sein ?

Ich schicke an alle Freunde die einfache Nachricht: Johanna hat jetzt eine kleine Schwester. Sie heißt Antonia und wurde heute Morgen geboren.

Zu mehr bin ich in diesem Moment einfach nicht fähig. Ich will mich dieser Situation nicht aussetzen. Diese unangenehme Aufgabe, sich den ganzen Fragen zu stellen, auf die noch nicht mal die Ärzte im Moment eine Antwort wissen, wälze ich ganz egoistisch auf Thomas ab. Außerdem bitte ich ihn, mir bis auf meine Mama und meine Schwestern jeglichen Besuch fernzuhalten. Ich sitze allein in meinem Zimmer, Gott sei Dank habe ich mir bereits im Vorfeld ein Einzelzimmer geben lassen. Allein der Gedanke, neben mir würde eine glückliche Frau mit ihrem Neugeborenen liegen, treibt mir mal wieder das Wasser in die Augen.

Ich mache den Fernseher an in der Hoffnung, er wird mich auf andere Gedanken bringen. Doch es gelingt mir nicht, mich aus dem tiefen Tal der Tränen zu befreien.

***

Am nächsten Morgen kommt, wie auch jeden darauffolgenden Tag, mein Arzt. Er versucht mich wieder mal zu beruhigen, allerdings soll es ihm nun nicht mehr wirklich gelingen.

Er hat sich an diesem Morgen bereits nach Antonias Zustand erkundigt und erklärt mir: „Die Ärzte sind zuversichtlich, sie vermuten, dass ein Virus während der Schwangerschaft die Anämie ausgelöst hat. Das war ganz schön knapp, aber Sie werden sehen, ab jetzt geht es nur noch bergauf.“

Ich wage die Frage, die mich schon die ganze letzte Nacht beschäftigt hat, auszusprechen. „Was ist, wenn Antonias Körper einfach nicht fähig ist, Blutzellen zu bilden?“ Er bekommt riesige Augen. „Denken Sie doch nicht an so etwas. Das wäre ja eine schlimme Form von Leukämie, so etwas gibt es gar nicht.“ Wie kam ich nur auf einen solchen Gedanken? Ich würde sagen: Mutterinstinkt

Ich möchte wieder zu Antonia gebracht werden. Es ist Montagmorgen und alles sehr geschäftig auf Station. Eine Schwesternschülerin kommt und erklärt mir, der einzige Rollstuhl der Station sei im Moment leider nicht verfügbar. Sie bringt mir einen Toilettenstuhl und meint: „Damit geht’s bestimmt genauso.“ Also geht’s auf dem Klostuhl durch die Gänge. Als wir über die Schwelle des Aufzugs poltern, entscheide ich spontan, Laufen kann auch nicht viel schmerzhafter sein und ab diesem Zeitpunkt werde ich den Weg zur Neugeborenenstation mehrmals täglich zwar im Schneckentempo, aber allein bewältigen.

Antonia geht es den Umständen entsprechend gut. Durch die Bluttransfusion hat sich eine offensichtliche Gelbsucht entwickelt. Laut den Ärzten war das zu erwarten und ist in den Griff zu bekommen. Antonias erster Besuch mit Augenmaske unterm Babysolarium steht also an. Die diensthabende Ärztin bittet mich zum Gespräch über Antonias Zustand. Es ist das erste Gespräch dieser Art. Zum ersten Mal spüre ich diese Art von Angst. Meine Hände werden schweißnass, mein Hals ist plötzlich furchtbar trocken. Es fühlt sich fast an, als hätte ich Sand im Mund. Das ist wohl gemeint, wenn es einem vor Angst die Kehle zuschnürt. Zukünftig wird es noch weitere dieser Gespräche geben. Einige davon werden sehr unangenehm werden und wie auch bei diesem ersten, werde ich immer schweißnass und mit zugeschnürter Kehle Antonias Zukunftsprognose ertragen müssen.

Heute allerdings sind alle ganz zuversichtlich. Was kann bei einem Kind im Mutterleib eine Anämie auslösen? Verschiedene Ursachen sollen untersucht werden. Nachdem die Rhesusfaktor-Unverträglichkeit nochmals ausgeschlossen wurde und auch eine Infektion mit Ringelröteln in der Schwangerschaft aufgrund vorhandener Antikörper nicht in Frage kommt, gibt es wohl noch einen Virus, der das Blut des Kindes im Mutterleib angreift. Kann dieser Virus in Antonias Blut nachgewiesen werden, bekommt sie Antikörper gegen diesen und muss dann nur noch aufgepäppelt werden.

Und wenn da kein Virus ist? Wieso zum Teufel kann ich nicht optimistisch sein, wo es doch selbst die Ärzte sind. Meine Frage lässt zum ersten Mal das große imaginäre Fragezeichen über der Stirn der Ärztin auftauchen. Sie braucht nichts zu sagen, es ist auch so klar, sie hat keine Ahnung, was dann.

Die Laborergebnisse dauern bis Donnerstag. Heute ist Montag. Wie soll ich diese Spannung bis Donnerstag nur aushalten?