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Der Autor steht für einen unverwechselbaren Schreibstil. Er versteht es besonders plastisch spannende Revolverduelle zu schildern und den ewigen Kampf zwischen einem gesetzestreuen Sheriff und einem Outlaw zu gestalten. Er scheut sich nicht detailliert zu berichten, wenn das Blut fließt und die Fehde um Recht und Gesetz eskaliert. Diese Reihe präsentiert den perfekten Westernmix! Vom Bau der Eisenbahn über Siedlertrecks, die aufbrechen, um das Land für sich zu erobern, bis zu Revolverduellen - hier findet jeder Westernfan die richtige Mischung. Lust auf Prärieluft? Dann laden Sie noch heute die neueste Story herunter (und es kann losgehen). Die Heimstätte der Keenes liegt am hohen Ufer des Ute-Fork. Die Keenes sind vor zwei Jahren aus Oklahoma gekommen. Alan Keene hat für dieses Land gespart, gehungert, geschwitzt. Vor vier Wochen fanden sie ihn am Rande des Waldes. Erhängt. Sie hatten Alan Keene ein Blatt Papier in die Hände gedrückt. In die toten, starren Hände, die ein Leben lang nichts gekannt hatten als Arbeit. Was darauf stand? ER WAR EIN RINDERDIEB! Es ist Frühling. Die Arbeit des Tages ist getan, die letzte Scholle umgebrochen, das letzte Körnchen Mais gesät. Nun kann es wachsen. Für wen? Werden die Keenes die Saat noch aufgehen sehen? »Dan!« Das ist Mavis drinnen im Haus. Sie ruft ihren Bruder. Mavis ist achtzehn, Dans Zwillingsschwester. Shorty sagt immer, er hätte noch nie so ungleiche Zwillinge gesehen. Shorty ist nämlich von Haus aus Tramp, ein Vagabund.
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Seitenzahl: 160
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Die Heimstätte der Keenes liegt am hohen Ufer des Ute-Fork. Die Keenes sind vor zwei Jahren aus Oklahoma gekommen. Alan Keene hat für dieses Land gespart, gehungert, geschwitzt. Vor vier Wochen fanden sie ihn am Rande des Waldes. Erhängt. Sie hatten Alan Keene ein Blatt Papier in die Hände gedrückt. In die toten, starren Hände, die ein Leben lang nichts gekannt hatten als Arbeit. Was darauf stand? ER WAR EIN RINDERDIEB!
Es ist Frühling.
Die Arbeit des Tages ist getan, die letzte Scholle umgebrochen, das letzte Körnchen Mais gesät. Nun kann es wachsen. Für wen? Werden die Keenes die Saat noch aufgehen sehen?
»Dan!« Das ist Mavis drinnen im Haus. Sie ruft ihren Bruder. Mavis ist achtzehn, Dans Zwillingsschwester.
Shorty sagt immer, er hätte noch nie so ungleiche Zwillinge gesehen. Shorty ist nämlich von Haus aus Tramp, ein Vagabund. Wieso und warum er ausgerechnet bei den Keenes hängen geblieben ist, um sich das Arbeiten anzugewöhnen, weiß der Kuckuck.
Dan geht hinüber ins Haus.
Mavis ist in der Küche und rührt den Pfannkuchenteig an. Sie lächelt – wie immer in der letzten Zeit, wenn sie Dan sieht. Hinter diesem Lächeln verbergen sich alle Sorgen – und die Angst vor einer Zukunft, die im Dunkel liegt.
»Schau bitte nach Mam«, sagt sie leise. »Ich glaube, sie hat sich gerührt. Ich kann nicht gut weg.«
»Schon gut, Mavis.«
Dan geht ins Schlafzimmer der Eltern. Seine kleine Mutter sieht in dem großen Bett erschreckend aus. Das blasse, eingefallene Gesicht mit den übergroßen Augen, der zuckende Mund, der nie wieder sprechen wird … Dan setzt sich auf das Bett und nimmt ihre zuckenden Hände.
»Möchtest du schon essen, Mama?«
Sie schüttelt den Kopf. Sie versucht, Worte zu formen, ihr Gesicht bekommt von der Anstrengung rote Flecken.
An jenem Tag, als Shorty Alan Keene im Wald gefunden hat, ist die Mutter zusammengebrochen. Der Arzt hat die Achseln gezuckt, ein besorgtes Gesicht gemacht und allerlei Pülverchen und Wässerchen verschrieben. Die Mutter hat drei Tage und Nächte getobt und geschrien.
»Nervenfieber«, hat der Arzt gesagt. »Man kann nur warten und hoffen …«
Als sie erwachte, war sie das, was sie jetzt ist – ein Wrack.
Auch das kommt auf das Konto Slade Turnbulls!
*
Mavis steht am Herd und lässt das Fett aufzischen, ehe sie den ersten Löffel mit Teig in die Pfanne tut. Ihr Gesicht glüht. Wenn nicht die traurigen Augen wären.
»Ich habe Mam trinken lassen«, sagt Dan. »Sonst war nichts. Wo steckt Shorty?«
»Keine Ahnung, Dan. Du weißt doch, wie er ist. Er hat vor einer Stunde seine Lissy gesattelt und ist weg.«
»Hm. Wenn er so weitermacht, werden wir auch ihn eines Tages …«
Er hört mitten im Wort auf. Natürlich hat Mavis gemerkt, was er sagen wollte.
»Dan! Bitte sprich nicht immer so! Ich kann einfach nicht glauben, dass es Leute von Turnbull gewesen sind. Kap Grove sagt auch, dass wir uns von Hass und Angst verblenden lassen und …«
Dan bekommt ein zorniges Gesicht. »Schweig von Grove, hörst du! Er ist Turnbulls Vormann. Erwartest du von ihm, die Wahrheit zu hören? Wann hast du ihn überhaupt getroffen? Ich wünsche nicht …«
»Ich werde immer meinen eigenen Weg gehen, Dan! Einer von uns muss wenigstens den klaren Kopf behalten.«
»Sich den Kopf verdrehen lassen, meinst du wohl? Kap Grove ist auch bloß einer von den großmäuligen Lassoschwingern, für die wir Homesteader Dreck am Schuh sind. Dieser lackierte Affe …«
»Bitte, Dan! Du hast keinerlei Beweise! Gegen niemanden! Wer weiß, wer das teuflische Verbrechen begangen hat! Glaubst du, Mr. Turnbull hätte seine Nichte und seinen Sohn zur Beerdigung geschickt, wenn er den Mord befohlen hätte?«
Dan sieht sie wieder vor sich – Vince Turnbull und Corinna Hepburn. Er groß, vierschrötig und mit gewaltigen roten Fäusten. Sie schlank und rank, ein bisschen stubenblass und nervös wie ein rassiges Rennpferd.
»Wenn das ein Beweis wäre«, knurrt er, »brauchte nur jeder Mörder zur Beerdigung seines Opfers zu gehen und wäre von jedem Verdacht gereinigt. Aber lassen wir das Thema. Ich schaue mal zum Korral.«
»Bleib nicht so lange, Dan. Ich trage gleich das Essen auf.« Jedes Mal, wenn sie auf das Thema zu sprechen kommen, geraten sie ins kurze Gras. Allerdings hat Mavis recht – Spuren hat es keine gegeben. Zumindest keine, die zum Mörder des Vaters geführt hätten.
Aber wer sonst als Stade Turnbull hätte es tun sollen? Die Keenes sitzen wie alle Heimstättensiedler auf dem Land, das Turnbull bis vor zwei Jahren noch als freie Regierungsweide benutzen durfte. Dann hat die Regierung es für die Siedler freigegeben.
Zehn Siedler sind ins Land gekommen. Jetzt sind es nur noch fünf außer den Keenes.
Dan weiß nicht, ob sie es schaffen können, Mavis und er. Manchmal könnte er die Flinte ins Korn werfen und laufen, so weit seine Füße ihn tragen. Aber ein Keene läuft nicht weg!
Dan geht hinüber zum Korral und wirft den beiden Milchkühen noch etwas Heu hin, tätschelt seinem Bronco den feinen Kopf – da hört er Hufschlag.
Der Reiter kommt direkt aus der sinkenden Sonne auf das Haus zu.
Der Mann sitzt im Sattel wie einer, der sich selbst am Rockkragen gepackt hat und so aufrechthält. Er reitet schnurstracks auf das Haus zu. Er sieht Dan immer noch nicht, obwohl er nur zehn Schritte von ihm entfernt ist.
»Hallo, Fremder!«, sagt Dan, ohne den Blick von dem Mister wenden zu können.
Er weiß nicht, was es ist, aber irgendetwas an diesem kantigen Gesicht fasziniert ihn.
Der Reiter muss sich anstrengen, um seinen Kopf in Dans Richtung zu drehen. Seine Augen, ganz helle, durchdringende Augen, gleiten über den Jungen hin. Das starre, steinerne Gesicht mit den unzähligen Schweißtropfen darauf verändert sich nicht.
»Hallo«, murmelt er. »Sieht aus wie ein Haus, ja?«
Er spricht leise, kaum verständlich.
Dan sieht, dass die Lederhose an der rechten Hüfte abgeschabt ist – aber der Mann trägt kein Halfter und keinen Revolver.
Er sieht aus wie ein Cowboy, der Arbeit sucht. Vielleicht reitet er morgen schon für Slade Turnbull.
Eine Hand fährt langsam zum Gesicht hinauf und wischt den Schweiß aus den Augen. Sie steckt in einem Handschuh aus schwarzem weichem Leder. Cowboys tragen solche Handschuhe.
»Ja«, nickt Dan. »Sieht aus wie ein Haus. Kommen Sie etwa von drüben, von jenseits der Wüste?«
»Yupp!«, sagt der Mann.
Unwillkürlich muss Dan lächeln. Vater sagte auch immer »Yupp« statt Yes oder Yeah. Er hat es sich unten in Texas angewöhnt. Da soll es viele Boys geben, die sich so ausdrücken. Dan war noch nicht dort.
»Ein langer Weg«, sagt er. »Kommen Sie mit herein, Fremder. Schätze, dass es just Abendbrotzeit ist.«
Der Mann hebt das Bein über den Sattelkopf und lässt sich zur Erde gleiten. Er knickt in die Knie ein und taumelt gegen die Wand des Stalles.
Dan sieht, wie sein Gesicht sich vor Anstrengung rötet und verzerrt, wie immer mehr Schweißtropfen über seine Stirn perlen – dann steht er aufrecht. Er lächelt und nickt Dan zu.
Der Stranger tut genau drei Schritte, ehe er zusammenbricht. Mavis, die gerade an der Haustür erscheint, um Dan zum Essen zu rufen, schreit entsetzt auf. Sie ist schneller bei dem Mann als Dan. Er liegt mit dem Gesicht im Staub. Dan dreht ihn herum – und sieht den dunklen Fleck auf dem Hemd, dicht über der Gürtellinie. Ein großer dunkler Fleck. Rosarot, Blut.
»Ist er … ist er tot?«
Mavis hat es nur geflüstert. Sie kniet jetzt neben dem Fremden im Staub und sieht sehr hilflos und furchtsam aus. Dieses Land ist nichts für Mädchen.
Ein paar Knöpfe springen ab, als Dan das Hemd über der Brust des Fremden aufreißt. Sein Gesicht sieht unter der verbrannten Haut aus wie Asche. Tiefe Falten kerben sich um den Mund, die Augen scheinen in die Höhlen zurückgesunken.
»Fass an die Beine, Mavis«, sagt der Junge. »Der hier hat seine kleine Privathölle hinter sich.«
Er fasst ihn unter die Achsel. Und es ist gar nicht so leicht, als sie ihn langsam und behutsam ins Haus schleppen.
Die Wunde ist mehrere Tage alt. Das Ausschussloch sitzt vorn dicht über dem Hüftknochen und ist groß wie ein Kinderkopf. Mavis wird sehr blass, als sie es sieht. »Er hat die Kugel von hinten verpasst gekriegt«, sagt Dan und dreht den Fremden behutsam auf die Seite.
»Ja, Dan«, murmelt Mavis. »Du musst in die Stadt und Doc Benson holen, hierfür kann ich die Verantwortung nicht übernehmen.«
*
Dan isst zwei Pfannkuchen im Stehen, gewissermaßen zwischen Tür und Angel, und nimmt drei weitere mit auf den Weg.
Er sattelt »Dicky« und reitet los. Es wird schon schummerig, und drüben aus dem Wald am Knick des Ute-Fork treten die Rehe zur Äsung.
Dick Roth, der Nachbar zur Linken, tritt aus dem Haus, als er den Hufschlag hört. Auch Rose wird hinter ihm sichtbar. Sie ist siebzehn und ein paar Monde.
»In die Stadt, Dan?«, brummt Dick Roth. »Ich würde an deiner Stelle zu Hause bleiben. Turnbulls Mannschaft ist unterwegs.«
Dan zuckt mit den Achseln.
»Mit denen habe ich nichts zu schaffen. Ich brauche den Arzt.«
»Oh. Ist es schlimmer mit deiner Mutter? Rose, mach dich gleich fertig und …«
»Nein, nein, Mr. Roth. Es ist nicht für uns. Ein Fremder ist vor unserer Haustür aus dem Sattel gekippt, weiß nicht, ob ihm noch zu helfen ist. Sieht nicht gut aus mit ihm – soviel ich davon verstehe.«
Roth macht ein besorgtes Gesicht.
»Ein Fremder? Aus den Bergen? Dann ist es bestimmt ein Gesetzloser. Nimm dich in acht vor der Sorte, Dan!«
»Ich glaube, er ist durch die Wüste gekommen, Mr. Roth. Kann ich für Sie etwas erledigen? Oder für dich, Rose?«
»Danke, nein. Sei vorsichtig, Dan! Die Cowboys haben bestimmt schon einen getrunken. Lass dich nicht reizen – sie suchen bestimmt Streit. Wie neulich mit Will Hanley. Er ist heute noch nicht wieder in Ordnung.«
Willie Hanley ist mit Judd Tally zusammengerasselt, mit dem übelsten Schläger weit und breit. Wie es eigentlich passiert ist, weiß niemand, denn Willie war allein. Und als er nach ein paar Stunden aufwachte, wusste er von dem Kampf nicht allzu viel. Und dabei ist Willie Hanley bestimmt kein Schwächling.
Daran muss Dan denken, als er weiterreitet und die Lichter der Stadt vor sich sieht. Ihn soll keiner zum Kampf reizen!
*
Caravan besteht aus einem Dutzend Häusern und ebenso vielen Hundehütten. Die staubige Straße kommt aus der Prärie und führt auf der anderen Seite schnurstracks in die Wüste.
Links der Straße stehen fünf Häuser mit dem größten überhaupt in der Mitte: dem Hicks-House. Es ist Bar, Store, Hotel, Tanzlokal und wer weiß was sonst noch alles in einem. Avo Hicks verwaltet es. Manche halten ihn für einen Millionär, aber welcher Kaufmann kann schon von zwanzig Kunden reich werden? Noch dazu, wenn diese Kunden bis zum Hals in der Kreide stehen!
Vor der Schmiede steht ein Chuckwagen. Als Dan ihn näher betrachtet, erkennt er, dass er Ermanno Watts gehört. Ein paar Rollen Stacheldraht liegen im Kasten, eine Rolle Teerpappe dazu und noch ein paar Kleinigkeiten.
Gegenüber, vor dem Hicks-House, stehen vier Pferde an den Haltestangen. Natürlich Turnbulls Boys.
Dan steigt vor Doc Bensons Haus ab und geht hinein. Bis auf das Klaviergeklimper in der Bar ist es völlig still in der Stadt. Zu still.
*
Die Frau … nein, die feine Lady in Doc Bensons kärglich möbliertem Zimmer, hat Dan Keene nicht erwartet. Genauer genommen ist sie noch keine Dame, sondern will erst eine werden. Sie mag sechzehn sein, höchstens siebzehn, aber Dan weiß nicht mehr von ihr als den Namen: Corinna Hepburn. Die Nichte Stade Turnbulls.
Dan nimmt den Hut zwischen die Hände und brummt: »Hallo Doc! Wenn’s Ihnen nichts ausmacht, könnten wir Sie gebrauchen.«
Kein Wort sagt er zu Corinna, bloß ein Nicken gönnt er ihr, das genau so steif und kalt beantwortet wird.
»Die Mutter?«, fragt der Doc. »Doch nicht schlimmer?«
Dan schüttelt den Kopf.
»Nein, Doc. Ein Operationsbesteck müssten Sie wohl schon mitnehmen.«
Der Arzt fixiert den Jungen scharf und schüttelt den Kopf, stellt aber keine Fragen. »Hat es zehn Minuten Zeit, Dan? Und wie gehts deiner Mutter?«
»Unverändert, Doc. Ich warte unten auf der Straße. Soll ich Ihr Pferd schon satteln?«
»Tu das, Dan. Ich beeile mich und …«
Mitten im Wort bricht der Arzt ab. Dan richtet sich steil auf, und sein Herz setzt einen Takt aus. Sogar Corinna Hepburn springt auf und wird blass.
Drüben, jenseits der Straße, peitschen Schüsse. Einer‚ zwei, drei …
Alle aus derselben Waffe, aus einem 44er Revolver. Nur die Schüsse, kein Schrei, nichts sonst …
Doc Benson lässt den Zwicker von der Nase rutschen und flucht. Dan ist schon zur Tür hinaus und auf der Straße, ehe der Doc sich vom Fleck gerührt hat.
Die Straße ist leer. Das Klavier hat aufgehört zu spielen. Aber jetzt peitscht noch ein Schuss und noch einer. Dann brüllt eine grobe Stimme:
»Tanz, Amigo, tanz! Dir fehlt bloß ein Ring durch die Nase, dann kannst du als Tanzbär gehen.«
Und schon peitschen wieder Schüsse … einer, zwei … drei …
Ermanno Watts! Ermanno, dessen Wagen vor der Schmiede steht. Sicher ist er auf einen Drink in die Bar gegangen, und dort haben sie sich ihn jetzt vorgenommen. Die Stimme … ja, die Stimme gehört Judd Tally.
Der Staub auf der Straße ist knöcheltief.
Dan springt über die Veranda von Hicks-House und stößt die Schwingtür zur Bar auf.
»Ermanno!«, schreit er. »Kommen Sie raus! Schnell, verdammt!«
Die Szene sieht so aus, dass Ermanno Watt auf dem freien Platz vor der Theke von einem Bein auf das andere hüpft und Blut und Wasser schwitzt. Das Publikum johlt und lacht, denn Judd Tallys Kugeln sitzen immer nur zollbreit neben Ermannos Schuhen. Und wenn der Siedler nicht springt, werden seine Zehen getroffen.
Jetzt kommt er Dan entgegengesaust, stößt ihn mit irrem Blick beiseite und ist draußen. Die Tür knallt hinter ihm zu, und Dan taumelt gegen die Wand.
Natürlich macht er sofort kehrt und will auch zur Tür hinaus.
Da pfeift etwas durch die Luft. Keine Kugel. Eine Kugel zischt nicht so wie eine giftige Natter. So zischt nur eine Rinderpeitsche!
Sie knallt gegen Dans Bein, wickelt sich schnell um die Waden – der Mann auf der anderen Seite der Peitsche ruckt kurz an, und Dan liegt auf dem Gesicht.
*
In der Hand eines geübten Mannes ist die Rinderpeitsche so gut wie ein Revolver – nur noch gemeiner.
Er kann mit einer Peitsche so gut wie alles machen – wenn er es gelernt hat.
Dan Keene stürzt gegen die Tür, wirft sich herum und sitzt. Er sieht den Mann am anderen Ende der Peitsche – einen spöttisch lächelnden, elegant gekleideten Gent, der in der Linken eine Zigarre hält, während die Rechte mit kurzem Schwung die Peitsche von Dans Beinen wickelt und zu sich holt.
Der Mann heißt Vince Turnbull, ist fünfundzwanzig Jahre alt und Slade Turnbulls Sohn.
»Steh auf, Gelbschnabel!«, sagt er – und seine Boys brüllen vor Lachen.
Dan kommt auf die Knie. Er will hoch. Er will hinüber zu diesem grinsenden Satan …
Aber er kann nicht. Dort, wo die Peitsche getroffen hat, brennt höllischer Schmerz. Von dort hinunter zu den Füßen fehlt den Beinen jegliches Gefühl. Sie sind wie tot. Abgestorben.
»Er betet«, sagt Judd Tally und hält sich den Bauch vor Lachen.
»Hör zu, Gelbschnabel«, sagt die hochnäsige, arrogante Stimme Vince Turnbulls. »Pass genau auf, was ich dir zu sagen habe! Dies hier ist ein Lokal für feine Leute, nicht für dreckige Straßenköter. Wer von euch sich hier reinwagt …«
Das reicht. Es ist mehr als genug! Dan stößt sich von der Wand ab und marschiert los. Es sieht ziemlich komisch aus, wie er dahintrottet und schaukelt – wie ein Kamel im Wüstensand. Oder wie ein Mann, der über ein Fass Brandy geraten ist und nicht eher aufgehört hat, bis es leer war.
Hinter ihm sind Schritte, klappt die Tür. Er schaut nicht zurück. Ihn interessiert nur dieses arrogante, grinsende Gesicht. Und der Zorn rast in ihm.
Er sieht die Peitsche gar nicht, wie sie in Turnbulls Hand hochzuckt. Und als er sie sieht, ist es zu spät. Er kann nicht mehr weg, nicht mehr zur Seite – das geflochtene Leder trifft ihn mitten ins Gesicht.
Plötzlich ist es, als stände die ganze Bar in Flammen, als explodiere Dans Schädel. Feurige Räder stürzen von allen Seiten auf ihn zu. Dann ist die Erde dicht vor ihm. Er stürzt aufs Gesicht.
Der Schmerz jagt die feurigen Räder weg. Ein Schmerz, der sein Gesicht in zwei Teile trennt. Plötzlich kann er wieder sehen, hören, fühlen – viel besser sehen, hören und fühlen als je zuvor.
Er ist auf den Knien, als die Frau an ihm vorüberhuscht. Sie hat eine Peitsche in der Hand, keine Rinderpeitsche, nur eine Reitgerte. Corinna Hepburn.
»Du bist ein Satan, Vince!«, ruft sie.
Dann zuckt die Peitsche in ihrer Hand hoch und trifft ihn auf den Handrücken.
*
Der Schmerz und der Zorn treiben Dan Keene hoch.
Turnbulls Peitsche liegt vor der Theke auf der Erde.
Vince Turnbull ist so groß wie Dan, vielleicht ein bisschen breiter in den Schultern. Er hat Dan ja auch einige Jahre voraus. Sein Stiernacken verrät etwas von der Kraft, die in ihm schlummert.
Corinna Hepburn verschwindet aus Dans Blickfeld, weil er keine Zeit hat, nach ihr zu schauen. Er denkt daran, was Shorty Dan über die Kunst des Boxens erzählt hat. »Pass auf, Danny«, hat er gesagt, »das Boxen besteht nur zur Hälfte aus Handarbeit. Das andere müssen die Füße tun – und vor allem das Köpfchen. Mit Köpfchen muss man boxen!«
Also gleitet Dan zurück, als Turnbulls Schwinger kommt. Er wischt dicht an seiner Nase vorbei und reißt Vince Turnbull fast von den Füßen.
Er torkelt gegen die Theke und hält sich an der Messingstange fest. Noch einmal setzt Dan nach, dann ist der Kampf vorbei. Er wischt sich über die Stirn und dreht sich schwerfällig um.
Vor ihm steht ein Mann wie ein Schrank. Er rempelt Dan an und grinst. Judd Tally.
»Geh weg!«, sagt Dan heiser und völlig außer Atem. »Hilf lieber deinem Boss auf die Füße. Und dann …«
Tally lacht. »Hört ihn euch an, Boys! Wie er kräht. Jetzt will er auch noch mit mir anfangen!«
Seine Faust trifft Dan am Kinnwinkel. Er fliegt rückwärts über Vince Turnbull hinweg gegen die Theke – und Judd Tally ist schon wieder da, reißt ihn am Hemd hoch und schlägt zu.
»Aufhören!«, schreit eine Stimme. Sie scheint meilenweit entfernt. »Sofort aufhören!«
Irgendetwas in Dan ist stärker als er selbst. Irgendetwas zwingt ihn, auch jetzt noch zu kämpfen, obwohl er keine Chance hat. Noch einmal bringt er die Fäuste hoch.
Aber Tally dreht weg und lacht nur böse.
Dann weiß Dan nichts mehr. Alles um ihn herum ist plötzlich weich wie Watte und sanft wie taumelnder Schnee.
*
Der Wagen rumpelt durch den Staub. Die Wege im Cherokee-County sind nicht besonders gut. Ermanno Watts Wagen auch nicht, noch dazu, wenn man dicht neben Stacheldraht und stinkender Teerpappe liegt.
Dan Keene weiß kaum noch etwas von der Schlägerei. Er friert. Über ihm stehen in kalter Pracht die Sterne. Die Pferde prusten, die Geschirrketten klirren, und Räder knarren im Sand. Sein Kopf ist leer wie eine Trommel.
»He«, brummt Ermanno Watts auf dem Sitz über Dan. »Hast du es dir überlegt, Junge? Kannst du mich sehen?«
Dan sieht ihn – aber es ist nur ein winziger Spalt, durch den er ihn sehen kann. Offenbar haben seine Augen allerhand abgekriegt.
