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Longway ist eine tote Stadt. Doch nicht allein der merkwürdige Frank Caspary, auch andere Leute erfahren wenig später, wie gefährlich Longway für Neugierige sein kann. Bill Alamo, der Texas-Ranger, ist einer von ihnen. Er soll diesen Fall bearbeiten und herausfinden, wer die skrupellosen Schmuggler sind, die jedem Aufgebot trotzen. Doch damit hat er noch nicht die Hintermänner, zu deren Geschäft auch Mord zu gehören scheint. Das jedenfalls lassen die vielen Opfer vermuten, zu denen bald auch schon Bill Alamo zählen soll ...
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Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Inhalt
Eine Kugel ist schneller
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Von Frank Wells
El Paso.
Mitternacht.
Es ist einer der seltenen Abende im Jahr, an denen es hier regnet.
Der kleine dicke Mann hat die Melone tief in die Stirn gezogen und den Kragen des Ölumhangs hochgestellt. Auf viel zu kurzen Beinen trippelt er um schillernde Pfützen herum und will in eine Seitengasse einbiegen.
Genau in diesem Augenblick kommt ein zweiter Mann so schnell aus der engen dunklen Gasse herausgeschossen, dass er dem kleinen Dicken vor den Bauch prallt. Ohne ein Wort der Entschuldigung hastet er weiter.
Kopfschüttelnd blickt der Dicke ihm nach und murmelt: »Wenn das nicht Melburn ist ...«
Weiter kommt er nicht, denn noch ein Mann eilt aus der Gasse, rennt den Dicken beinahe über den Haufen und drückt sich an der düsteren Häuserfassade entlang.
Frank Caspary – so heißt der kleine dicke Mann – geht nur einen Schritt in die Gasse hinein. Er überlegt einen Augenblick, dann macht er entschlossen kehrt und folgt den beiden kaum noch zu sehenden Figuren nach. Erst am Rande der Plaza macht er halt und späht vorsichtig durch die Regenschleier.
Schräg gegenüber stehen unter einer Pinie zwei Männer. Der eine ist unzweifelhaft Dick Melburn. Im Schein einer trüben Lampe erkennt Frank Caspary ihn. Und dann auch den anderen.
»Das ist doch US-Marshal Barry Lowe. Was, zum Teufel, hat Dick mit dem Gesetz zu schaffen? Ist aus dem Saulus ein Paulus geworden?«
Was Frank Caspary damit meint, weiß jeder, der Dick Melburn näher kennt. Dick hat nämlich einige Jährchen in Staatspension zugebracht. Er soll sogar einer mexikanischen Bande angehört haben.
Caspary drückt sich in eine Hausnische und bedauert, dass er nichts von den Worten verstehen kann, die dort drüben gewechselt werden.
US-Marshal Barry Lowe ist ein Mann, der wenig Worte macht. Vor allem aber ist er ein Mann mit gesundem Misstrauen. Er steht schon fünf Minuten reglos unter der Pinie, als Dick Melburn angehetzt kommt. Er rührt sich auch nicht, als Dick keucht: »Hallo, Marshal! Ich ... ich konnte nicht eher weg. Und ich fürchte ...«
Lowes Stimme klingt rau und ohne eine Spur von Herzlichkeit: »Was ist los? Nehmen Sie sich zusammen, Mann!«
»Gut, ich bin schon wieder fit, Marshal. Es ist nur ... ich glaube, Pitcairn hat etwas gewittert. Ich muss schnell wieder zurück und ...«
»Wenn Sie noch lange schwatzen, kommen Sie nicht vor morgen früh zurück. Ich weiß überhaupt nicht, warum ich Ihnen zuhöre.«
Dick Melburn blickt sich scheu nach allen Seiten um und zieht den Kopf zwischen die Schultern. »Sie glauben mir nicht. Aber Sie können es selbst feststellen, gerade vor einer Stunde ist neue Ware angekommen. Ein ganzer Schrankkoffer voll. Ich wette, es ist das Zeug, nach dem Sie suchen.«
»In Pitcairns Bar?«
»Mit eigenen Augen habe ich gesehen ...«
»Was? Nur einen Schrankkoffer?«
»Ja, aber ...«
»Das reicht nicht. In einem Koffer können tausend Dinge sein, die nichts mit Marihuana zu tun haben.«
»Ich weiß noch mehr, Marshal«, flüstert Dick Melburn. »Ich weiß, woher das Zeug kommt. Kennen Sie einen Ort namens Longway? Er muss in der Nähe von Bisbee liegen. Hier habe ich's aufgeschrieben.«
Dick zieht einen Zettel aus einer Tasche – und da geschieht es. Ohne jede Vorwarnung krachen Schüsse, zwei, drei rasch hintereinander.
Marshal Lowe macht einen Riesensatz zur Seite. Es ist sein Glück, dass er mit dem Rücken am Stamm der Pinie gelehnt hat. So reißt eine Kugel nur ein Stück Rinde von dem Baum. Und dann ist Marshal Lowe schon zehn Schritte weiter, lässt sich fallen und schießt dort hin, wo die Mündungsflammen aufgeblüht sind.
Stille.
Gleich darauf folgen schnelle Schritte in eine Gasse hinein.
Und Dick Melburn stöhnt laut, sinkt gegen die Pinie, klammert sich daran fest und rutscht langsam zu Boden.
Marshal Lowe jagt derweil in langen Sprüngen zur finsteren Gasse.
Eine Minute vergeht, eine zweite. Dann huscht der kleine dicke Frank Caspary durch die Regenschleier heran und blickt kurz auf Dick Melburn. Er bückt sich, als er den fahlen Fleck in Dicks Hand sieht, einen Zettel.
Er hebt ihn auf und geht zunächst langsam, dann schneller und schneller weiter. Unter der Lampe wirft er einen kurzen Blick auf den Zettel und liest: »Bisbee – Longway.«
Nun pfeift er leise durch die Zähne und umrundet die Plaza. Fünf Minuten später betritt er die Bar in der Nähe des Flusses, die einem gewissen Josuah Pitcairn gehört. Und in eben dieser Bar ist Dick Melburn bis vor wenigen Minuten angestellt gewesen. Als Barkeeper.
Pitcairn hat der Bar den schönen Namen »Gondel« gegeben. Der Neid muss ihm lassen, dass er nicht mit Geld gespart hat, um für die Begriffe einer Grenzstadt das Lokal luxuriös auszustatten. Und jeder muss zugeben, dass Josuah Pitcairn ein würdevoller Geschäftsmann ist. Er scheint im Gehrock zur Welt gekommen zu sein, und nie ist auch nur ein Stäubchen auf seiner Kleidung zu sehen.
Frank Caspary segelt zur Bartheke, blinzelt eine brünette Schönheit an und sagt: »Hallo, Süße, einen Drink für den lieben Onkel Frank, wenn's sich machen lässt.«
»Natürlich, Mister Caspary.«
Während die üppige Schönheit nach Flasche und Glas greift, blickt Caspary zwinkernd in die Runde und fragt: »Ist Dick Melburn heute nicht im Land?«
»Er hat frei.«
Plötzlich steht ein Mann im Gehrock, mit grauer Weste und dem makellos weißen Vatermörder schräg hinter Caspary. Mit asthmatischer Stimme sagt er: »Es ist mir eine Ehre, Sie bei uns begrüßen zu können, Sir!«
Der dicke Frank ruckt herum und lächelt. »Ihnen gehört dieser feine Laden, richtig? Das finde ich wundervoll.« Dann holt er sein Zigarettenetui hervor, stellt fest, dass es leer ist und wiegt den Kopf. »Verdammt, mein Stoff ist alle. Sie können mir nicht aushelfen, Mister Pitcairn, oder?«
»Selbstverständlich führe ich auch Zigaretten.«
»Zigaretten!« Caspary verzieht abfällig den Mund. »Ich meine nicht das Zeug, das jeder Hanswurst raucht. Sie verstehen, Pitcairn, Dick Melburn ...«
Pitcairns Gesicht ist ohne Regung. »Tut mir leid, Sir. Heute ist nichts zu machen.«
»Wo gibt es das denn? Bei Ihrem Keeper habe ich zu jeder Zeit das Zeug bekommen.«
»Ich bin informiert. Leider muss ich noch einige Zeit um Geduld bitten.«
Caspary klappt nun das Etui zu und greift zu seinem Glas. Er leert es auf einen Zug, rutscht vom Hocker und schlängelt sich durch die Tischreihen hinüber zur Tanzdiele. Dort angekommen setzt er sich zu einem Mann, dessen Äußeres ganz und gar nicht in die feudale Aufmachung der Bar passt.
»Gestatten?«, fragt er kurz.
»Von mir aus!«, brummt der andere.
»Caspary – Frank Caspary«, stellt der Dicke sich vor.
»Auch das ist kein Hinderungsgrund«, sagt der andere, ein Mann wie ein Baum. Er mag Mitte zwanzig sein, hat ein braungebranntes kühnes Gesicht mit Raubvogelnase und eckigem Kinn.
»Zwei scharfe Sachen«, bestellt Caspary grinsend, als der junge Mann sein Glas geleert hat. Dann schaut er herum, bis sein Blick auf eine Frau fällt. »Donnerwetter!«, murmelt er entzückt. »Das ist eine Frau. Wie kommt das magere Gerippe zu einer solchen Schönheit?«
Mit dem »Gerippe« meint er einen hageren, lang aufgeschossenen Mann, der sich täppisch mit der Schönheit beim Tanz dreht.
Der fremde Mann beugt sich ein Stück vor. »Sie kennen ihn, Mister?«
»Wen?«, fragt Caspary.
»Den Mann, mit dem Ramona Alcantara tanzt.«
Caspary nickt. »Natürlich. Wer kennt Harry Allenby in dieser Stadt denn nicht?«
»So berühmt ist er?«
»Sein Vater soll Millionär sein. Zumindest hat er mehr auf der hohen Kante, als Sie und ich jemals im ganzen Leben verdienen werden. Ist es da ein Kunststück, berühmt zu sein?«
Der junge Mann nickt düster. »Verstehe. Immer das verdammte Geld!«
Caspary wirft jetzt einen lauernden Blick auf das offene Gesicht des Jungen, in dessen Augen eine düstere Flamme brennt. »Sie kennen die Lady gut?«
»Ja.«
Immer noch starrt der junge Mann die Frau an. Schwarzgelocktes Haar umgibt das feingeschnittene Gesicht. Eine dreifach geschlungene Perlenkette liegt um ihren Hals. Ihre Augen scheinen unergründlich: Sie können locken und abweisen zugleich, sie verraten Leidenschaft, aber auch Kälte. Sie sind ein Rätsel, diese Augen.
»Ramona Alcantara heißt sie?«, fragt Caspary.
»Stimmt«, sagt der Cowboy.
Der Dicke nippt an seinem Glas. »Schade, dass man schon zum alten Eisen gehört.«
»Alter schützt vor Torheit nicht. Aber an einem Feuer kann man sich nicht nur wärmen, sondern auch verbrennen.«
»Wie weise. Haben Sie sich schon verbrannt?«
»Kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten, Mister.«
Caspary zieht den Kopf ein. »Einen Ton schlagen Sie an ...«
»Nichts für ungut. Es ist nicht so gemeint. Ich passe wohl nicht recht in diesen feinen Laden. Bei uns draußen in der Wildnis herrscht nun mal ein rauer Ton.«
»Ich habe mir gleich gedacht, dass Sie nicht von hier sind, Mister ...«
»Terry Fatton heiße ich. Keine zehn Pferde könnten mich in der Stadt halten. Sie können sich darauf verlassen, dass ich auf dem schnellsten Weg wieder abpresche.«
»Haben Sie einen weiten Weg?«
»Hm. Bei uns sagen sich Coyoten und Präriehasen, Pumas und Bergschafe gute Nacht.«
»Himmel, das wäre nichts für mich. Oh ... jetzt geht es los!«
Der letzte unterdrückte Ausruf des dicken Mannes gilt einer Reihe von Männern, die in der Bar auftauchen. Männern mit Sternen auf den Westen. Es ist der Marshal dieser schönen Stadt mit seinen Hilfsmarshals. Aber das Kommando führt der US-Marshal Barry Lowe, der vorhin das Rendezvous mit Dick Melburn gehabt hat.
Im Augenblick sieht Barry Lowe aus wie eine Bulldogge oder auch wie ein Bluthund auf der Schweißfährte. Seine Stimme dröhnt über die Köpfe der Gäste hinweg. Die Drei-Mann-Kapelle bricht mit einem schrillen Ton ihr Spiel ab.
»Behalten Sie bitte Platz!«, ruft Barry Lowe. »Die Bar ist umstellt. Wir sind gezwungen, eine polizeiliche Untersuchung vorzunehmen.«
Daraufhin werden ein paar hysterische Aufschreie laut, dann herrscht Stille.
Nun kommt Josuah Pitcairn im Gehrock herbeigeeilt und kreischt: »Ich protestiere! Das ist unerhört! Das ist ein Eingriff in die persönliche Freiheit und ...«
Eine knappe Handbewegung Barry Lowes bringt ihn zum Schweigen. »Ich bin US-Marshal Barry Lowe. Kennen Sie Dick Melburn?«
»Weshalb sollte ich meinen Barkeeper nicht kennen? Hat er etwa ...«
»Er ist tot. Er wurde umgebracht.«
Pitcairn scheint einer Ohnmacht nahe. »Umgebracht? Das ist doch nicht möglich. Dick hatte so ein sonniges Gemüt.«
Lowe lacht grimmig. »So sonnig, dass er einige Male ins Gefängnis gewandert ist.«
»Sie scherzen, Marshal. Davon weiß ich ja gar nichts.«
»Natürlich nicht. Ein Unschuldsengel wie Sie kann das auch nicht wissen. Wer hat Dick Melburn ermordet, Pitcairn?«
Das klingt scharf und hart wie ein Revolverschuss. Der Barmann wischt sich mit zitternder Hand über die Stirn, dann schreit er: »Das ist eine Unverschämtheit, Marshal! Wie soll ich das wissen?«
»Na schön, wir werden es herausfinden. Hier ist ein richterlicher Durchsuchungsbefehl. Sie sind dringend verdächtig, mit Rauschgiften zu handeln. Besonders mit Zigaretten, die mit Marihuana präpariert sind.«
»Marihuana ... Sie sind verrückt, Marshal«, sagt Pitcairn. »Bitte, suchen Sie. In meinem Haus werden Sie etwas Derartiges nicht finden.«
»Gerade heute haben Sie eine neue Sendung bekommen, in einem Schrankkoffer. Wollen Sie das leugnen? Dick Melburn hat es mir Sekunden vor seinem Tod offenbart. Und darum musste er sterben, Pitcairn.«
Der Barmann lächelt kalt. »Dann hat Dick Melburn fantasiert. Wenn er erschossen worden ist, dann bestimmt nicht meinetwegen.«
Barry Lowe stößt mit dem Zeigefinger auf Pitcairns graue Weste. »Woher wissen Sie, dass Dick erschossen wurde?«
»Das haben Sie selbst gesagt.«
»Irrtum. Von mir wissen Sie nur, dass er tot ist. Zur Todesart habe ich keinen Ton gesagt. Sie sind wohl Hellseher, was?«
Barry Lowe lässt den schwitzenden Mann einfach stehen und beginnt mit der Durchsuchung. Mehrere Hilfsmarshals haben inzwischen schon einige Gäste kontrolliert. Einer tritt gerade zu Frank Caspary.
»Verzeihung, Mister!«, brummt er. »Ich muss Sie durchsuchen.«
»Tun Sie nur Ihre Pflicht.«
Der Hilfsmarshal tastet den Dicken ab und schüttelt verblüfft den Kopf. »Sie führen einen Revolver mit sich?«
Caspary grinst breit. »Wer trägt den nicht in dieser Gegend? Ich bin doch nicht lebensmüde.«
Der Hilfsmarshal wendet sich schon Terry Fatton zu, der ohne ein Zeichen von Erregung oder Interesse die Vorgänge verfolgt. Er findet ein Zigarettenpäckchen und zerbröckelt eine nach der anderen, nachdem er sie berochen hat.
»Sagen Sie«, murmelt Terry plötzlich, »ist Marihuana oder wie das Zeug heißt, tatsächlich so gefährlich?«
»Und ob, Junge!«, knurrt der Marshal. »Wenn Sie von dem Gift zu viel mitkriegen, können Sie den Verstand verlieren. Ich bin kein Arzt, aber ich habe schon Leute gesehen, die mit ihren Nerven am Ende waren.«
Die Durchsuchung nimmt ihren Lauf. Im ganzen weitläufigen Gebäude flitzen die Gesetzeshüter herum, lassen keinen Winkel aus und finden trotzdem nichts. Nicht einmal vor den Frauen machen sie halt, und vergeblich legt sich Josuah Pitcairn ins Zeug, um wenigstens sie davor zu bewahren.
Als US-Marshal Lowe mit seinen Leuten die Bar verlässt, ist sein Gesicht noch düsterer als gewöhnlich. Er knurrt dem Town-Marshal zu: »Ich hätte es mir denken können. Die Bande hat gewusst, dass Dick Melburn mit mir in Verbindung stand und gesungen hat. Sie haben ihr Nest schnell ausgeräumt. Aber es ist noch nicht aller Tage Abend.«
Der Bahnbeamte am Schalter hat in dieser Nacht viele Gründe, um sich zu wundern. Zunächst kommt ein kleiner dicker Mann an die Barriere und erkundigt sich: »Können Sie mir verraten, ob es eine Stadt namens Bisbee gibt? Und dann, wie man zweitens dorthin gelangt, ohne sich großen Strapazen auszusetzen?«
Der Beamte ist es gewohnt, mit schrulligen Menschen zu tun zu haben. Dennoch schüttelt er sein Haupt. »Bisbee? Sind Sie lebensmüde?«
»Im Gegenteil. Ich fühle mich so gut, dass ich hundert Jahre alt werden könnte.«
»Sie müssen's wissen. Bisbee ist ein Ort für Lebensmüde, sage ich Ihnen. Aber wenn Sie unbedingt hinwollen ... der Zug fährt in zwei Stunden.«
»Das nenne ich Service. Verkaufen Sie mir eine Fahrkarte.«
»Bitte, Sir, wie Sie wünschen.«
Caspary nimmt das Billett, zahlt und verschwindet.
Ehe der Beamte sich einer anderen Beschäftigung zuwenden kann, tauchen zwei weitere Leute auf, die unbedingt nach Bisbee wollen. Ein Paar; sie ein Gedicht von einer Frau, er ein langer, magerer Bursche. Kaum sind die beiden auf dem Bahnsteig verschwunden, wo der Zug schon unter Dampf gehalten wird, kommt der kleine Dicke zurück und fragt schmunzelnd: »Nun, wohin will denn das Liebespaar?«
»Sie werden lachen, nach Bisbee.«
»Wie sich das trifft!«
»Sonst fährt im Jahr kaum jemand nach Bisbee, und nun ...«
Aber Mr. Caspary ist schon wieder verschwunden. Dafür treten zwei Männer an den Schalter, der eine groß wie ein Baum, der andere wesentlich kleiner, aber mit einem Rattengesicht, das man nicht leicht vergisst.
»Zweimal Bisbee«, verlangt der Große.
Der Beamte ist nicht mehr weit davon entfernt, das alles für einen verspäteten Aprilscherz zu halten. Seufzend verkauft er die Fahrkarten und schaut den beiden ungleichen Männern nach. Der Kleinere wuchtet sich einen mächtigen Schrankkoffer auf die Schulter – und schon steht der kleine Dicke wieder da, wie aus dem Erdboden gewachsen.
»Wollen die etwa auch nach Bisbee?«
»Warum fragen Sie?«, faucht der Beamte. »Sie wissen es doch besser als ich.«
»Eben nicht, mein Freund. Ich kann nur gut raten.« Und weg ist er.
Jetzt tritt der nächste und letzte Passagier an den Schalter, ein Mann, der wie eine Bulldogge aussieht. »Bisbee!«
»Natürlich«, sagt der Beamte ergeben.
»Wieso natürlich? Ich finde das gar nicht natürlich.«
»Natürlich nicht, Sir. Erster Klasse, Sir?«
»Natürlich.«
An seinem Verstand zweifelnd, blickt der Beamte der Bulldogge nach. Soll er sich noch wundern, dass der kleine Dicke zehn Sekunden später abermals vor ihm steht?
»Die Karten nach Bisbee gehen heute aber gut weg, was?«, merkt er grinsend an.
»Sicher. Aber das sage ich Ihnen, wenn jetzt noch ein einziger auf die Idee kommt, dorthin zu fahren, mache ich zu und gehe zum Arzt.«
Derweil betritt ein Mädchen den Raum, blickt sich suchend um und geht auf den Schalter zu. Diesmal reißt der kleine Dicke nicht aus.
»Verzeihung«, sagt das Mädchen, »haben Sie soeben einem großen schlanken Gent eine Fahrkarte verkauft?«
»Hm. Ich kann mich nicht entsinnen, Madam.«
»Er war vermutlich in Begleitung einer schwarzhaarigen Frau ...«
Mr. Caspary schaltet sich ein. »Tatsächlich. Ich habe das Paar gesehen. Wenn ich mich nicht irre, haben sie Fahrkarten nach Bisbee gelöst.«
Der Schalterbeamte greift sich an den Kopf und stöhnt.
»Dieser Halunke!«, sagt das Mädchen. »Aber den Zahn werde ich ihm ziehen. Wann fährt der nächste Zug nach Bisbee?«
»Er steht schon auf dem Gleis, Madam.« Caspary lächelt höflich und so sonnig wie ein Frühlingstag.
»Fein«, sagt das temperamentvolle blonde Mädchen. »Einmal bitte in der Ersten Klasse nach Bisbee.«
Der Beamte sagt nichts mehr. Aber als der kleine Dicke mit dem Köfferchen des Mädchens in der Hand und fröhlich auf die Lady einschwatzend auf dem Bahnsteig verschwindet, murmelt er resignierend: »Die Welt ist ein Irrenhaus.«
Von seinem Standpunkt aus hat er nicht unrecht.
Wer ahnungslos nach Bisbee fährt, glaubt sich ans Ende der Welt versetzt. Das Einzige, was ihn mit der Zivilisation verbindet, ist der gleißende Schienenstrang, der sich nach Norden hin durch düsteres Land und karge Felsentäler windet.
Westlich der Stadt geht die Prärie bald in vegetationslosen Sand über. Im Osten und Süden dagegen recken die Ausläufer der Sierra ihre kahlen, abweisenden Felsenhäupter zum Himmel.
