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In "Vorurtheile" gelingt es August Schrader, ein facettenreiches Bild der menschlichen Natur und der gesellschaftlichen Strukturen zu zeichnen, die das individuelle Verhalten prägen. Durch einen klaren, analytischen Stil und eine prägnante Prosa beleuchtet der Autor die Dynamik von Vorurteilen – angefangen bei den alltäglichen Unterschieden zwischen den Menschen bis hin zu den gesellschaftlichen Rollen, die aus tief verwurzelten Stereotypen resultieren. Schrader verbindet philosophische Überlegungen mit einem realistischen Blick auf die sozialen Gegebenheiten seiner Zeit und ordnet die Vorurteile in einen zeitgenössischen Kontext ein, der für Leser der heutigen Gesellschaft von Bedeutung bleibt. August Schrader, ein bedeutender Denker und Schriftsteller der späten 19. bis frühen 20. Jahrhunderts, hat sich in seinem Werk intensiv mit den Themen Identität und gesellschaftlicher Konformität auseinandergesetzt. Sein Interesse an Psychologie und Sozialwissenschaften, gepaart mit einer kritischen Haltung gegenüber seiner eigenen Gesellschaft, treibt die Argumentation in "Vorurtheile" voran. Schrader verfolgt das Ziel, die Leser zum Nachdenken über ihre eigenen Vorurteile und deren Auswirkungen auf zwischenmenschliche Beziehungen zu animieren. Dieses Buch ist eine fesselnde und lehrreiche Lektüre für alle, die sich mit den Themen Vorurteile und soziale Gerechtigkeit auseinandersetzen möchten. Schrader regt dazu an, eigene Sichtweisen zu hinterfragen und die eigene Rolle in einem komplexen gesellschaftlichen Gefüge zu erkennen. "Vorurtheile" ist somit nicht nur ein Zeitdokument, sondern bietet auch zeitlose Einsichten in die menschliche Psyche.
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Veröffentlichungsjahr: 2024
Im Jahre 1850 schien die Saison in dem Bade P. eben nicht glänzend werden zu wollen. Es war schon um die Mitte des Monats Juli, und die Kurliste wies nur erst fünfhundert und einige Namen auf, während sie in den Jahren zuvor eben so viel tausend enthalten hatte. Aber was der Badegesellschaft in diesem Jahre an der Quantität abging, ward ihr durch die Qualität ersetzt; so meinte wenigstens der Baron von Masset, einer der Tonangeber in der feinen Gesellschaft, die fast nur aus den adeligen Familien der nähern und fernern Umgegend des Bades bestand. Die reiche Bourgeoisie aus Hamburg, Bremen und den größeren Städten des nördlichen Deutschlands war gering vertreten, man schrieb diesen Umstand den Folgen der Revolution von 1848 zu, das heißt dem immer noch stockenden Verkehre. Die Hausbesitzer des Dorfes harrten vergebens auf ihre sonst so regelmäßig wiederkehrenden Kurgäste, ihre freundlich und bequem eingerichteten Zimmer blieben größtentheils ohne Miethsbewohner. Der reiche Adel bewohnte die zahlreichen Hotels des Orts.
Gegen zehn Uhr Morgens betrat ein junger Mann seine Wohnung in einem freundlichen, unweit der großen Allee gelegenen Hause. Er hatte einen Spaziergang durch die Berge gemacht, und warf sich ermüdet in den Sopha.
Werfen wir einen Blick auf den Bewohner des mit einfacher Eleganz ausgestatteten Zimmers. Er war von schlanker Gestalt und mochte sieben bis achtundzwanzig Jahre zählen. Sein Gesicht war stärker von der Sonne gebräunt, als es sich nach der Mode für einen Kurgast schickt; trotzdem aber war es schön, und man hätte sagen können, daß der bräunliche Teint seine Schönheit männlicher machte, die bei einem zarten Weiß weiblich zu nennen gewesen wäre. Das sorgfältig frisirte Haar war glänzend schwarz, ebenso auch der zwar nicht starke, aber natürlich gekräuselte Bart, der das interessante ovale Gesicht einrahmte. Ueber seinen schwellenden Lippen, durch die schneeweiße Zähne schimmerten, zeigte sich ein geschweifter Schnurrbart. Das dunkelbraune Auge war groß und lebhaft. Die Stirn, die schöne dunkele Brauen begrenzten, war hoch und frei. Die Toilette des jungen Mannes war elegant und gewählt. An seinem feinen Brusthemde glänzten kostbare Diamantknöpfe und an den Fingern nicht minder kostbare Ringe.
Still und nachdenkend saß er in seinem Sopha; seine kleine aristokratische Hand spielte mit der goldenen Uhrkette, die über die weiße Weste hinabhing.
Da klopfte es leise an die Thür. Der junge Mann schrak ein wenig zusammen, aber ohne Zögern forderte er mit lauter, wohlklingender Stimme zum Eintreten auf. Die Thür öffnete sich, und die Wirthin des Hauses, eine Frau von vielleicht vierzig Jahren, trat ein.
„Madame Bühl!“ sagte der Bewohner des Zimmers, als ob er eine andere Person erwartet hätte.
„Ich bin es, Herr Ludwig!“ sagte die freundliche und elegant gekleidete Frau mit der Artigkeit und Gewandtheit, die sie sich durch den langen Umgang mit Kurgästen erworben hatte. „Verzeihung, wenn ich störe.“
„Was bringen Sie mir?“
Madame Bühl zog lächelnd einen Brief aus der Tasche ihrer kleinen Taffetschürze.
„Ein Briefchen, Herr Ludwig!“
„An mich?“
„An Sie!“ antwortete die artige Frau, indem sie mit einer zierlichen Verbeugung das Papier überreichte. „Als die Ueberbringerin, eine Art Kammerzofe, hörte, daß Sie nicht zu Hause seien, band sie mir auf die Seele, den Brief Ihnen selbst zu überreichen. Ich verfehle nicht, meine Pflicht zu erfüllen.“
Der junge Mann hatte hastig den Brief erbrochen, und las ihn mit großer Begierde, ohne sich um Madame Bühl zu kümmern, die zu dem Fenster getreten war, und eine Marquise herabließ, um das Zimmer vor der Sonne zu schützen. Dabei aber warf sie einen neugierigen Blick auf den Leser, dessen Gesicht eine freudige Ueberraschung verrieth. Die braunen Wangen desselben errötheten, und Madame Bühl glaubte sogar zu bemerken, daß seine Hände ein wenig zitterten.
„Vielleicht bin ich dem Geheimnisse auf der Spur, das mein Gast so sorgfältig und hartnäckig zu bewahren sucht!“ dachte die kleine Frau, indem sie eine Blumenvase ordnete. „Ich bleibe dabei, er hat ein Geheimniß, und wenn mich nicht Alles täuscht, ein zartes Geheimniß.“
Der junge Mann hatte indeß das Billet sorgfältig zusammengelegt, und in die Brusttasche seines Rockes gesteckt. In einer frohen Bewegung, die unzweifelhaft der Brief erzeugt, ging er einige Mal im Zimmer auf und ab. Madame Bühl unterbrach das Schweigen, als sie sah, daß ihr Gast keine Neigung zum Reden zeigte.
„Mein Herr, ich erlaube mir eine Bitte an Sie zu richten aber ich setze dabei voraus,“ fügte sie sehr artig hinzu, „daß mein verehrter Gast mich nicht mißverstehen wird.“
„Was wünschen Sie, Madame?“ fragte der junge Mann, der seine Promenade unterbrochen hatte. „Sprechen Sie offen, und zweifeln Sie nicht an meiner Bereitwilligkeit, jeden Ihrer Wünsche zu erfüllen. Sie sind mir eine so liebenswürdige und freundliche Wirthin, daß ich trostlos wäre, wenn es nicht in meiner Macht stehen sollte – –“
„O, es ist nicht viel!“ sagte Madame Bühl, die vor Entzücken über dieses Kompliment hoch erröthete. „Ich erlaube mir, Sie an eine kleine Förmlichkeit zu erinnern, die Sie ohne Zweifel vergessen haben.“
„O mein Gott, ist die Rechnung von voriger Woche nicht bezahlt?“
„Nein, nein, das ist es nicht! Sie sind ja so pünktlich –“
„Soll ich Ihnen auf zwei, drei Wochen pränumeriren? Sprechen Sie es ohne Scheu aus, und ich zahle mit Vergnügen. Ich kenne die Förmlichkeiten dieses Bades nicht, das ich zum ersten Male besuche.“
„Verzeihung, es handelt sich um eine geringfügige Förmlichkeit.“
„Nun, was ist es?“
„Ich habe ein Schema auf Ihren Schreibtisch gelegt, das jeder Fremde ausfüllen muß. Ist dieses Schema mit Ihrem Namen und der Angabe Ihres Standes versehen, so sende ich es in das Polizeibureau, das es nur zur Anfertigung der Brunnenliste verwendet. Sie haben das Blättchen übersehen – wäre nicht mein Mann Polizeicommissar, der die Ordnung in dieser Beziehung zu überwachen hat, man würde mich längst in Strafe genommen haben. Opfern Sie mir eine Minute und füllen Sie die Spalten aus.“
Madame Bühl deutete auf ein Papier, das auf dem eleganten Schreibtische lag.
Dem jungen Kurgaste schien diese Forderung nicht gelegen zu kommen. Die Heiterkeit, die der Brief hervorgerufen, verschwand von seinem schönen Gesichte, und unmuthig warf er einen Blick nach dem Schreibtische.
„Es ist wahr, ich habe es vergessen!“ sagte er kalt. „Mir liegt Nichts daran, in der Brunnenliste zu prangen, und wenn es nicht unumgänglich nöthig ist – –“
„Wäre es nicht, ich hätte sicher die Erinnerung nicht auszusprechen gewagt. Sie haben vielleicht Gründe, incognito hier zu sein.“
„Ja, ich habe Gründe, Madame! Es wäre mir lieb, wenn ich noch einige Tage jenes Papier unberücksichtigt lassen könnte. Bis dahin entscheidet es sich, ob ich bleibe oder abreise. Sie werden übrigens keinen Schaden erleiden,“ fügte er lächelnd hinzu; „die Saison ist schlecht, und auf Zuwachs von Gästen läßt sich nicht hoffen – ob ich nun bleibe oder reise, ich habe dieses Zimmer für den Sommer gemiethet, und werde es bezahlen. Nehmen Sie diese Börse, Madame, sie enthält den Miethzins.“
Mit freundlicher Gewalt drückte er der verlegenen Frau eine volle Börse in die Hand, die er aus der Tasche gezogen hatte.
„Mein Herr,“ stammelte sie, „mich hat nicht Mißtrauen geleitet – ich wollte Sie nicht verletzen!“
„Davon bin ich überzeugt, Madame; aber halten auch Sie sich überzeugt, daß Sie keinen Abenteurer unter Ihrem Dache beherbergen.“
„O, dessen ist Gott mein Zeuge!“ antwortete rasch Madame Bühl, die durch die Maschen der Stahlbörse die Goldstücke hatte blinken gesehen.
„Gut, Madame, so unterstützen Sie mich bei der kleinen Intrigue, oder wenn Sie es lieber wollen, bei dem kleinen Herzensromane, in dem ich wider meinen Willen eine Rolle übernommen habe.“
„Das habe ich mir gedacht!“ rief lächelnd die kleine Frau, indem sie die Börse in die Tasche ihrer Schürze gleiten ließ. „Nun, so bleiben Sie denn noch für einige Zeit Herr Ludwig, ich werde in diesem Jahre so nachlässig sein, daß mein Kurgast nicht in der Brunnenliste steht.“
„Aber der Polizeicomissar?“
„Ist mein Mann, und ich bin die Besitzerin dieses Hauses. Ich werde Ihr Incognito zu ehren wissen.“
Madame Bühl wollte sich entfernen; aber Ludwig hielt sie durch die anscheinend gleichgültig hingeworfene Frage zurück: „Uebermorgen ist Ball bei dem Fürsten?“
„Ja, mein Herr, er ist der erste, der diesen Sommer im Schlosse stattfindet. Serenissimus giebt vier Bälle während der Kurzeit. Man sagt, unser Landesherr wolle dadurch den Flor des Bades aufrecht erhalten; aber ich bin der Meinung, und habe sie auch oft gegen meinen Mann ausgesprochen, daß er ein ganz verkehrtes Mittel dazu gewählt hat.“
„Warum, Madame?“ fragte Ludwig gespannt.
Die Frau des Polizeicommissars war in ihr bestes Fahrwasser gerathen und sie ließ auch lustig das leichte Schifflein ihrer Redseligkeit dahinschießen.
„O, die Sache ist sehr einfach, mein Herr,“ fuhr sie fort. „Glänzende Bälle sind in einem Bade allerdings nothwendig, denn sie dienen dazu, die Gäste mit einander bekannt zu machen. Serenissimus aber trennt sie, er theilt sie in gewisse Kasten. Der Kaufmann, und wenn er ein Millionär ist, wird nicht zu den Bällen im Schlosse geladen, wohingegen jeder lahme und kranke Edelmann, der kaum die nothwendigen Kosten seiner Kur bestreiten kann, sehr höflich durch einen Kammerlakai invitirt wird. Nichts als das Wörtchen „von“ kann dem Kurgaste die Thür des fürstlichen Ballsaales öffnen. Seit der unglücklichen Revolution vor zwei Jahren scheint der Adel sich fester zusammenzuziehen und den Bürgerstand demüthigen zu wollen, denn schon in der vorigen Saison ging man bei der Wahl der Gäste sehr difficil zu Werke. Aber wer hebt denn unser Bad? Wer bringt das mehrste Geld hierher? Der reiche Kaufmann aus Hamburg und Bremen, und Leute, die über Hunderttausende zu kommandiren haben, lassen sich von einem kleinen Fürsten nicht zurücksetzen, der den größten Theil seiner Revenüen aus diesem Bade zieht. Ich behaupte, daß sich der reiche Kaufmannsstand ein anderes Bad aussucht, wo man ihn nicht so augenscheinlich zurücksetzt. Sie sehen, daß meine Ansicht begründet ist.“
Ludwig hatte mit großer Spannung zugehört.
„Wer entscheidet über die Einladungen?“ fragte er.
„Das kann ich Ihnen ganz genau sagen, lieber Herr, denn meine Schwester ist Kammermädchen bei der Hofmarschallin. Der Herr Hofmarschall nimmt die Brunnenliste zur Hand, zieht die Namen mit dem Wörtchen „von“ heraus, und besorgt die Einladungen. Das ist die ganze Procedur. Ob diese Herren nun dem Bade Nutzen bringen oder nicht, ist gleich. Doch ja,“ fügte Madame Bühl höhnisch lächelnd hinzu, „einen Nutzen hat es gebracht: wir haben dieses Jahr viel Adlige hier, und Alle kommen auf die Bälle im Schlosse. Nun, wir wollen sehen, ob Serenissimus auf diese Weise den Flor seines Bades erhalten wird.“
„Und es giebt kein anderes Mittel, um Zutritt zu diesen Bällen zu erhalten?“ fragte der junge Mann wie ängstlich.
„Kein anderes; die Brunnenliste ist der Empfehlungsbrief. Wer nicht von Geburt ist, wird ohne Gnade ausgeschlossen, und wenn er eine Million besitzt. Doch, dort kommt mein Mann schon zurück,“ sagte Madame Bühl, indem sie durch das offene Fenster sah. „Verzeihung, ich ziehe mich zurück, denn ich muß ihm das Frühstück bringen.“
Sie verneigte sich und schlüpfte durch die Thür.
Als Herr Ludwig allein war, begann er seine Promenade wieder, aber unruhiger als zuvor. Er durchmaß das Zimmer mit großen Schritten. Plötzlich blieb er stehen, zog den Brief aus der Tasche und las ihn noch einmal. Folgende Zeilen, von einer zierlichen Frauenhand geschrieben, standen auf dem duftenden Papiere:
