Die Socke - Hage Becker - E-Book

Die Socke E-Book

Hage Becker

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Beschreibung

Beim Anblick einer roten Socke fällt dem Autor ein aufregender Tag aus seiner Kindheit ein und er beschließt, das Ereignis zu Papier zu bringen. Im stillen Kämmerlein, unbemerkt von seiner Frau und dem Rest der Welt, lässt er delikate Jugenderinnerungen aus den 50er- und 60er-Jahren wieder auferstehen, erinnert sich an sein erwachendes Interesse am weiblichen Geschlecht, die derbe Umgangssprache auf dem Dorf, die rustikalen Sitten und den Umstand, dass er und seine Kumpane damals selber herausfinden mussten, dass der Klapperstorch ein Weihnachtsmann ist. Irgendwo zwischen Günther Grass' »Blechtrommel« und Rosemarie Nitribitt, der legendären Prostituierten aus Frankfurt, werden erste Erfahrungen gemacht und Erkenntnisse gewonnen, die aufgeregt in die reale Welt einsortiert werden müssen. Dies alles zwischen dem traditionell geordneten Familienleben der Adenauer-Epoche - mit Oma, einer Kriegerwitwe, dem jüngeren Bruder und dem neuen Wasserklosett im Flur, dem kriegsversehrten Onkel (der von anderen Dingen erzählt als der Pfarrer), Konfirmation, Politik und Schule: 15 Jahre Dorfstudium, das Streben in eine Zukunft, die weit hinter dem Mond zu liegen schien. Es geht um den besten Freund, Arschlöcher, kluge Mädchen, Großmutters Leidenschaft für den schönen J. F. K., Papisten und Protestanten, Klaus (dem fast der Finger abgebissen wurde), Ilse mit den Fusseln zwischen den Zehen, Frauen mit Hinterbacken wie Kutschenpferde, die Frage, ob Wichsen dumm macht oder gar die Anzahl an »Schüssen« limitiert ist, Haarbüschel wie Handfeger in Achselhöhlen und all die »uralten Menschen«, die damals noch jünger waren als der Autor heute.

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Seitenzahl: 571

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Hage Becker

Die Socke

Wie Dorfkinder denKlapperstorch beerdigten

Copyright: © 2018: Hage Becker

Lektorat: Erik Kinting – www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Titelbild unter Verwendung eines Fotos von Terence Mendoza

Verlag und Druck:

tredition GmbH

Halenreie 40-44

22359 Hamburg

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Das Buch

Am Vorabend meiner Konfirmation nahm mich mein Vater zur Seite und führte mich, seinen Arm um meine Schulter gelegt, in die gute Stube, wie das Zimmer genannt wurde: »Peter, morgen nach deiner Konfirmation wirst du auch Wein trinken.« Ich schaute wohl irritiert, denn er ergänzte: »Das ist immer so.« Er lächelte mich an. »Dazu musst du wissen – und das ist ein Gespräch unter Männern, Peter –, dass nach vier Gläsern Wein jede Frau schön ist. Merke dir das gut, wenn du nun ins Erwachsenenleben eintrittst. Verstehst du, was ich meine?« Er hatte seine Augenbrauen hochgezogen und schaute mich – so empfand ich es – verschwörerisch an.

»Ja«, antwortete ich, weil er dies wohl so erwartete.

Es war die richtige Antwort, denn er nickte leicht. »Gut, mein Sohn, dann hätten wir diese wichtige Angelegenheit geklärt.« In seinen Augen erschien wieder ein Lächeln. Er legte mir nun seine rechte Hand auf meine linke Schulter, sein linker Arm umfasste mich immer noch; er schien erleichtert.

Als wir zum Abendessen am Tisch saßen, bemerkte ich, wie meine Mutter ihm einen fragenden Blick zuwarf. Vater nickte verhalten.

»Gut«, sagte meine Mutter. Sie schien auch erleichtert.

Beide sahen nun mich an.

»Gut«, sagte ich, »prima Nudelsalat.«

»Mir schmeckt er nicht«, nörgelte mein Bruder.

Keiner ging darauf ein, nicht einmal Oma, die sich kommentarlos einen weiteren Löffel nachlegte.

»Papa sagte, morgen ist mir erlaubt, auch Wein zu trinken.«

»Klar«, lächelte Mutter, »aber nicht zu viel, du bist daran nicht gewöhnt.« Sie seufzte.

»Er wird es lernen«, beendete Vater das Gespräch.

Das war meine Aufklärung zum Geschlechterthema.

Der Autor

Als ich geboren wurde, war der Zweite Weltkrieg bereits einige Jahre beendet. Ich erlebte in meiner Kindheit drei Hunsrückdörfer: Im ersten wurde ich geboren, krabbelte dort unter den Tischen, Treppen und Röcken herum, immer den Blick nach oben. Im zweiten Dorf schlief ich das erste Mal neben einer fremden Frau und sah genau hin. Im dritten Dorf wuchs ich in die Pubertät und verstand mehr und mehr, was ich in den beiden anderen Dörfern unter Tischen und Röcken bereits gesehen und gehört hatte. Meine Erinnerungen wurden präsent, wurden zur Gegenwart.

Im dritten Dorf wurde ich der, der ich nun bin. Fünfzehn Jahre aufmerksam erlebte Dorfsozialisierung sind dreißig Semester autodidaktisches Studium. Das mit den vier Gläsern Wein ist tatsächlich mehr als eine Bauernweisheit.

In den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts haben wir als Dorfkinder selbst herausfinden müssen, dass der Klapperstorch ein Weihnachtsmann ist.

Dies ist kein autobiografischer Roman, obwohl man glaubt, lebende und verstorbene Personen aus der Umgebung des Autors in diesem Buch wiederzuerkennen – Personen und Handlungen in diesem Buch sind jedoch frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit einer konkreten lebenden oder verstorbenen Person wäre rein zufällig.

Bis auf den Lehrer, den Pfarrer und gegebenenfalls noch den Förster – wenn denn ein Forstsitz im Dorf ansässig war – haben alle anderen die Dinge derb formuliert, was nicht gleichzusetzen ist mit primitiv. Die derben Formulierungen und die geschilderten Verhaltensweisen sind wegen der angestrebten Originalität deshalb als authentisches Stilelement unvermeidlich. Das Buch muss auf sprachliche Eleganz verzichten.

Zu jeder Zeit erwacht bei heranwachsenden Kindern das heftige Verlangen zu erfahren, warum Jungen einen Zipfel unter dem Bauch haben und die Mädchen keinen. In den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts wurden auf Fragen keine vernünftigen Antworten gegeben. Trotzdem erahnten wir instinktiv, dass die Antworten zu diesem Unterschied nicht der Wahrheit entsprachen und schon gar nicht die Antworten auf die Frage, wo denn die Kinder herkommen. Sei es drum, im Nachhinein bemerkt war es spannend, auf welchem Wege diese Fragen Antworten gefunden wurden.

Wie heißt es in 1. Korinther 10, 23: Alles ist erlaubt, aber nicht alles dient dem Guten. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut auf. Mag sein, aber wenn die Erwachsenen blockieren – was bleibt dann?

Prolog

Donnerstag, 10. April 2014

Die ZEIT raschelt leise, als ich umblättere. Ein leichtes Kribbeln huscht über meine Kopfhaut. Dieses Zeitungsrascheln liebe ich, seit ich meine erste Zeitung las – nein, schon seit ich meinen Zeitung lesenden Vater beobachten konnte. Zeitung lesen war seit dieser Zeit immer mit einem angenehmen Gänsehautgefühl verbunden.

Nachdem ich die Zeitung glatt gestrichen hatte, fing mich die Schlagzeile Schwesig will Erlaubnispflicht für Bordelle ein. Für jede Pommesbude gelten strengere Regelungen als für Bordelle, klagte sie. Sie plane härtere Regelungen, etwa bei Bordellneueröffnungen.

Ein Grinsen macht sich bei mir breit. Härter ist in diesem Zusammenhang gut formuliert, finde ich. »Ohne Härte kein Leben«, hörte ich meinen Onkel vor mehr als fünfzig Jahren sagen. Warum fällt mir das jetzt ein? Weiß nicht, ohnehin ist heute ein Weiß-nicht-Tag. Bordellbetreiber müssen nach den Plänen dieser gut aussehenden blonden Ministerin in Zukunft eine Erlaubnis beantragen, wenn sie eine Prostitutionsstätte eröffnen wollen. Prostitutionsstätte? Ein Wort, das mich berührt. Tolle Formulierung ohne Zweifel. Alle Achtung, junge Frau, denke ich. »Mit Verlaub«, verehrte Frau Ministerin, »mir fällt dazu spontan ein«, spreche ich in Richtung Zeitung, »Familienbildungsstätte, Frau Familienministerin, oder Produktionsstätte.« Besser Gewerbestätte für das älteste Gewerbe der Welt. Ob sie auch Vorschriften erlassen wird über den Härtegrad der Matratzen, oder ob dafür Brüssel zuständig ist? Puff. Puff ist kurz und klar, das versteht jeder, aber Prostitutionsstätte? Ich schüttele leicht den Kopf. Ein altes und stets aktuelles Thema ohne Zweifel.

Ich lasse die Zeitung auf meinen Schoß sinken und versuche im Kopf einen Gedanken einzufangen. Wann wurde ich zum ersten Mal mit der Sache konfrontiert? Da war doch was, ganz weit hinten in meinem Kopf. Ja, es drängt sich in mein Bewusstsein: der Vater, ein Wurstbrot und Senf.

»Was ist eine Nitribit?« Meine Frage führte damals am Tisch zu einem Bewegungsstillstand. Vater bremste sein Wurstbrot kurz vor dem bereits weit geöffneten Mund ab und schaute die Mutter an. »Wir essen«, sagte diese. Vater nickte und biss nun herzhaft in sein Brot. Während er kaute, betrachtete er eine Fliege, die am Fliegenfänger zappelte, der an der Lampe über dem Tisch hing. Bald würde sie Ruhe geben. Wieder einmal so eine Frage, die weder während des Essens noch danach eine Antwort erhalten würde. Das wusste ich sofort, als meine Mutter sagte: »Wir essen.« Also biss auch ich in mein Wurstbrot, das ebenfalls dünn mit Senf bestrichen war.

Eine Ewigkeit her, diese Frage zu der Nitribit. Jetzt, mehr als fünfzig Jahre später, sitze ich auf der Terrasse meines Hauses mit einer Grußkarte in der Hand – oder ist es eine Glückwunschkarte, gar nur eine Abschiedskarte? Vor zwei Tagen wurde ich verabschiedet. Mein Berufsleben war innerhalb weniger Augenblicke geschrumpelt wie ein ausgemergelter Penis. Noch fünf Zentimeter schlaffes Leben, so empfand ich meine neue Situation. Leeres Leben, leerer Sack, schlaffer Schwanz. Hoher PSA-Wert.

Ich schaue wieder auf meine Zeitung. Die ZEIT wird nun wohl wöchentlich Teil meiner Zeit werden. Ein Gähnen reißt mir den Mund auf.

»Wie schmeckt der Ruhestand?« Die fröhliche Stimme der Nachbarin erreicht mein Bewusstsein.

»Weiß es noch nicht«, rufe ich zurück, »heute Abend werde ich etwas davon kosten. Meine Frau hat ihn als Auflauf im Backofen. Ich sage dir Bescheid.«

Rosemarie, meine Nachbarin, lacht und ruft: »Guten Appetit, Peter. Knusprige Oberfläche ist das Geheimnis eines guten Auflaufs.«

Ich schaue ihr nach, wie sie dynamisch in Richtung Geräteschuppen stolzierte. Ihre Pobacken scheinen sie zu verfolgen, als ob sie Rosemarie überholen wollen. Rosemarie, die Fröhliche, so präsentiert sie sich, seit ich sie kenne. War sie aber nicht. Als Nachbar kriegt man eben so Manches mit. Eine Nitribit war sie aber auch nicht. Nitribit – hieß die nicht auch Rosemarie? Natürlich, jetzt fällt es mir ein. Diese Rosemarie Nitribit war tot. Ich überlege, wann das gewesen sein könnte. Ende der Fünfzigerjahre? 1957 oder war es 1958? Ich überlege. Es war 1957, da bin ich mir plötzlich sicher.

Egal, die Nachbarin Rosemarie lebt – und wie sie lebt. Fünfzig plus, also gut zehn Jahre jünger als ich. Ihr Gewicht? Ich versuche, es einzuschätzen. Achtzig Kilo plus? Gut möglich, davon aber mindestens zwanzig Kilo an Brüsten und Hinterbacken.

Rosemarie verschwindet im Geräteschuppen und ich widme mich nun wieder meiner Karte, auf der in lila Buchstaben zu lesen ist: Zum Abschied. – Mein Blick schweift über den Garten. Was war das denn? Ich schaue noch einmal: Wie eine in Stein gemeißelte Statue steht der Vogel auf dem First des Gartenhauses. Er hält seinen Kopf leicht geneigt; ich kann erkennen, dass er den Gartenteich im Visier hat. Ich lasse nun meinen Blick ebenfalls zum Teich wandern und beobachte, dass die Fische weiterhin gelassen ihre Runden drehen, die existenzielle Gefahr ist ihnen nicht bewusst. Sollte ich eingreifen? Fressen und gefressen werden, so war das doch. Also nein, nicht eingreifen. Der Kormoran bewegt sich keinen Deut. Katja … oder ist es ein Karl, der gelblich-weiß gefärbte Koi, der so menschlich schmatzt, wenn meine Frau mit dem Futtereimer am Teichrand auftaucht? Sollte ich nicht einen Warnruf aussenden? Bin ich nicht dazu verpflichtet? Der Koi und ich sind so etwas wie Freunde geworden.

Im gleichen Augenblick höre ich meine Frau brüllen: »Du Mistvieh!«

Knapp an meinem Kopf vorbei fliegt der neben der Terrassentür liegende Handfeger in Richtung Gartenhaus. Er trifft den Vogel nicht, aber der Kormoran erhebt sich in die Luft, dreht noch eine Ehrenrunde und ist weg. Der Handfeger landet im Gartenteich direkt neben dem Koi, der nicht einmal wegtaucht. Cool, cool, staune ich.

»Verdammt«, stöhnt meine Frau. »Entschuldigung, Leben retten ist mit Risiko verbunden. Hoffentlich habe ich dich nicht verletzt.«

»Nein«, beruhige ich meine Frau.

Karl hatte sich inzwischen abgesenkt, wohl weil der Handfeger auf der Wasseroberfläche heftig hin und her schaukelte.

»Du hättest eingreifen müssen«, entrüstet sich meine Frau.

»Ich hatte ernsthaft darüber nachgedacht«, entgegne ich, »aber da kam bereits dein Handfeger aus dem Hinterhalt.«

»Den du nun bitte aus dem Teich holen solltest«, beauftragt sie mich und fügt hinzu: »Meine Fische sind keine Fresspakete für Kormorane.«

Ein leichter Blubb lässt uns beide in Richtung Gartenteich blicken. »Nein«, stöhnt meine Frau.

Wir sehen, dass sich Kater Arthur einen Goldfisch aus dem Wasser geschlagen hat und dabei ist, ihn mit Appetit zu fressen; er hat ihm gerade eben den Kopf abgebissen.

»Arthur!«, schreit meine Frau.

Arthur macht einen Buckel, faucht und stellt den Schwanz auf.

»Wenigstens nicht der Koi«, seufzt meine Frau. »Im Übrigen, zu deiner Information: Ich koche heute Fisch. Eine Flasche Wein sollte von dir beigesteuert werden.« Sie grinst mich an. »Heute ist Freitag, also Fischtag.«

Hat wohl der Kormoran auch gedacht, geht es mir durch den Kopf. »Seelachs?«

»Nein, Kabeljau.« Sie geht zurück ins Haus.

Ob Goldfische essbar sind? Alles ist essbar, denke ich. Wie oft hatte ich als Kind gehört: Im Krieg frisst du alles.

Die Karte ist zu Boden gefallen. Ich nehme sie wieder zur Hand. Zum Abschied … Ich lese zum wiederholten Mal die lila Buchstaben. Lila – bin ich etwa so einer? So kommt mir wieder mein Onkel in den Sinn. »Jeder«, sagte er, »ist ein bisschen lila. In der Kriegsgefangenschaft bekam ich einmal eine Erektion, als ich einen rosigen Arsch durch eine Hecke blitzen sah. Ich dachte: Ob ich jemals wieder einen nackten Frauenarsch zu sehen bekomme? Ja, das dachte ich, mein Lieber, als ich diesen weißen Arsch sah und meine Erektion genoss. Die fiel aber sofort wieder in sich zusammen, als ich unter den Backen den ausgemergelten Hodensack baumeln sah. Nein«, sagte er, »seit der Zeit bin ich mir absolut sicher, dass ich nicht lila bin.« Mein Onkel, der Geschichtenerzähler. Nun ist er schon eine Ewigkeit unter der Erde. Die Karte mit den lila Buchstaben hätte ihn amüsiert.

Ich schlage die Karte auf und buchstabiere jedes Wort, so als wäre es der erste eigene Versuch, einen kleinen Text zu lesen und zu verstehen: Lieber Peter, willkommen im neuen Lebensabschnitt. Ab heute wird die Zeit neu gezählt. Ab vorgestern, korrigiere ich in Gedanken. Es beginnen die Tage ohne Arbeitsstress. Dein Geld wird von einer anonymen Kasse überwiesen und deine einzige Verpflichtung besteht darin, jährlich eine Bescheinigung an diese Kasse zu senden, in der amtlich bestätigt ist, dass du noch nicht tot bist. Das mit dem Tod solltest du konsequent hinausschieben, und zwar täglich neu. Gib dir Mühe, halte durch. Das gibt den Menschen, die in der Kasse nun deine Pension zur Auszahlung bringen, einmal im Jahr Gelegenheit, deine Akte aufzuschlagen. Die Bescheinigung wird für den Ordner bereits vorgelocht sein. Alles andere von dir ist in dieser Akte gespeichert oder in einem elektronischen Gehirn. Der Ordner ist nun dein Rückgrat im System der Kasse. Kerzengerade mit steifem Rücken steht er in einem Aktenschrank oder einem Regal oder pendelt in einem Hängeregister. Alles Gute im wohlverdienten Ruhestand. Sorry, oute mich später. Die Karte ist nicht unterschrieben, kein Absender, der Text Gott sei Dank nicht in Lila.

Ich schaue in den Garten: »Ist wohl mein zukünftiger Hauptbeschäftigungsort.« Der Mirabellenbaum ist verwachsen, die Rinde des Stammes aufgerissen; knotige Äste mit Moos überzogen und fauligen Schnittstellen, dort wo ich die Äste, die über den Gartenteich ragten, abgesägt hatte. Ich schaue in die Baumkrone und betrachtete kritisch die dürren Äste. Wird wohl eingehen, der Baum. Obwohl … im letzten Jahr trug er noch gute Früchte. Mein Blick wandert nach rechts. Die Wäschespinne könnte durch eine neue ersetzt werden. Erste Amtshandlung im Ruhestand. Wird erledigt, spricht meine innere Stimme.

Ich lege die Grußkarte auf den blank geschrubbten Terrassentisch und begebe mich über die drei Stufen springend auf den Rasen, um das Fabrikat der Wäschespinne festzustellen. Als ich vor ihr stehe, nehme ich wahr, dass noch ein Wäscheteil angeklammert ist: eine Socke, eine Socke meiner Frau – eine rote Socke. Verblüfft schaue ich auf den Strumpf. Wieso ist die hängengeblieben? Eine Socke. Rot ist doch eine Signalfarbe. Wieso ist sie hängengeblieben? In meinem Kopf drehen sich Räder. Was war mit der Socke? Wieso reagiere ich plötzlich so aufgeregt?

»Bring die Socke mit ins Haus«, höre ich die Stimme meiner Frau in meine Gedanken eindringen.

»Ja«, rufe ich zurück und löse die Wäscheklammer. Die Socke fällt so schnell herab, dass ich sie nicht zu fassen bekomme. Sie fällt direkt in einen halb mit Regenwasser gefüllten Sandeimer meiner Enkelin. »Mist«, stöhne ich, fasse in den Eimer und fische die nasse Socke heraus. »Verdammt«, höre ich mich zischen.

Die Socke, das neue Dorf. Hilde steht vor meinem inneren Auge. Die Hilde, die damals rief: »Gib‘s ihm, Klaus, er ist blöd.« Hilde, das neue Dorf, die neue Schule, die Prügelei, fünfzig, nein sogar siebenundfünfzig Jahre vergangen, letztes Jahrhundert, letztes Jahrtausend.

Ich schaue auf die nasse Socke in meiner Hand. Wasser tropft zwischen den Fingern auf meinen linken Schuh. Ich spüre einen leichten Impuls im Schritt. Hilde! Meine Erinnerung beamt mich in die Fünfzigerjahre zurück. In das Dorf, in welchem ich vor mehr als fünfzig Jahren eine nasse rote Socke aus dem Dorfbrunnen fischte, eine Mädchensocke.

»Kommst du?« Meine Frau ruft. »Bist du im Stehen eingeschlafen?«

»Bin unterwegs. Ist eine Gardena-Wäschespinne.«

»Gardena?«, echot meine Frau, schüttelt den Kopf und betritt wieder das Haus.

Was wohl aus denen geworden ist, all den Mädchen und Jungen aus dem Dorf? Ja, das würde ich vielleicht recherchieren. Die Zeit von Bruno, dem Ochsen, Hugo, dem Hund, und dem heimlichen Erforschen des erwachenden Lebens zwischen den Beinen, das Erlebte in den Ställen und in den dunklen Ecken der Höfe und Hecken. Die Zeit des Erwachens als Dorfkind.

Mein Blick fixiert den Fischteich. Goldfische, achtzehn Stück. Der von einer Pumpe bediente Bachlauf plätschert munter. Ich sehe den angestauten Dorfbach vor mir und sehe Wilfried, Franz und Frieder, den Hund von Conrad, und ich sehe mich selbst in herabgelassenen kurzen Lederhosen, wie wir um die Wette pissen.

»Peter, was schaust du so konzentriert in den Gartenteich? Ist etwas nicht in Ordnung?« Meine Frau steht neben mir.

»Nein, nein, alles okay. Ich war komplett in der Vergangenheit.«

Sie streicht mir über den Kopf und wuselt in meinen noch dichten Haaren. »Grau, aber dicht«, lacht sie. »Wenn ich die Augen schließe, bist du, was dein Haar angeht, noch wie damals, als wir uns zum ersten Mal geliebt haben.«

»Ja, was das Haar angeht, mag es stimmen«, seufze ich, lege den Arm um sie und füge hinzu: »Und dicht bin ich Gott sei Dank auch noch, aber wer weiß wie lange.«

»Nicht melancholisch werden. Wir leben noch, auch wenn ich nun seit zwei Tagen deine Vorgesetzte bin«, frotzelt sie.

Ich schaue sie an, meine Frau, die Frau, die mir drei Kinder geschenkt hat. Ich grinse innerlich. So wurde es damals formuliert. Ein bisschen gefickt haben wir aber auch, geht es mir durch den Kopf, nicht nur ein bisschen, wie die Irren.

»Was grinst du so lüstern?«, wispert sie und stößt mir in die Seite. »Keine dummen Gedanken, mein Lieber. Ich habe meine Periode.«

»Was?«, stoße ich überrascht hervor, »hast du wieder?«

»Ein Witz, mein Alterchen«, flötet sie mit gespitzten Lippen, »aber noch nicht ausgetrocknet. Komm jetzt aber endlich zum Essen. Neue Pünktlichkeit ist angesagt.« Sie hakt mich unter und führt mich zum Haus.

»Du hast keinen BH an«, flüstere ich ihr ins Ohr.

»Na endlich«, lacht sie, »ich dachte schon, du wärst blind.« Sie löst sich aus meinem Arm und fasst unter ihre fülligen Birnenbrüste, hebt sie in der Bluse an, um sie sogleich wieder loszulassen. Auf halber Höhe pendeln sie sich ein. »Siehst du, fallen noch nicht bis zu den Knien, mein Lieber.« Ihre Augen bekommen dabei die unergründliche Tiefe, die ich bereits vor ewigen Zeiten an ihr so faszinierend fand.

Die Augen sind achtzehn Jahre alt geblieben, denke ich. Ich küsse sie leicht und grapsche ihr an den Hintern.

»Hui«, ruft sie aus, »ein lüsterner Pensionär. Ob ich die Sittenpolizei alarmieren sollte?« Ihre Augen haben nun die Tiefe des Marianengrabens – elftausend Meter tiefes schwarzes Meer. Damals hatte ich mich in diese Tiefe verliebt. Auch heute noch tauche ich gerne hinein. Vielleicht nur noch achttausend Meter, aber was soll‘s. Wer kann das so genau wissen?

»Ja, gehen wir essen«, antworte ich auf ihre erneute Aufforderung.

Sie steigt vor mir die Treppen zur Terrasse hinauf. Affektiert stolziert sie weiter in Richtung Terrassentür. »Wie ist es mit meinem Arsch? Ist der für einen Pensionär noch eine Aufgabe?«, will sie wissen. Sie verharrt einen Moment auf der obersten Stufe des Hauseinganges und schaut über die linke Schulter zurück. Dann betritt sie energisch das Haus.

Ich blicke auf die ausladenden Hüften, die durch die engen Jeans modellierten auf und ab wippenden Backen, die wie kleine pralle Sofakissen aussehen. Ich fasse mir in den Schritt: leichte Wölbung. »Sehr okay«, schmettere ich deshalb in ihre Richtung, »sehr okay.«

Ich höre sie kichern. Aber verdammt, ich sehe plötzlich einen anderen Arsch vor mir: kleiner, fester. Die Popobacken von Rita leben in meiner Erinnerung auf. Damals – im Schwimmbad. Vor tausend Jahren? Nein, vor fünfzig Jahren. Auf und ab, ab und auf, fest und elastisch wie zwei halbe Gummibälle. Schon ein Unterschied – damals, das war ein Po, heute schaue ich zweifelsohne auf einen Arsch, auf einen vertrauten Arsch. Vom Po zum Arsch, vom Mädchen zur Frau, vom Dorfjungen zum Mann – na und? Ich stand auf diesen Arsch, der soeben vor mir im Haus verschwunden ist. Ja, das muss ich mir eingestehen.

»Sehr okay«, rufe ich noch einmal und rechne mir das Ergebnis an: »Meine regelmäßige Massage hat zu einem fantastischen Ergebnis geführt, mein Schatz«, setzte ich hinzu.

Rita und die anderen … Ich werde versuchen, alles zu recherchieren. Ist nicht in zwei Jahren goldene Konfirmation? Ja, doch. Einige werden sicher kommen. Auf jeden Fall will ich einer davon sein. Bis dahin … Ach ja, Franz, der ist ja katholisch. Sei‘s drum, alle können nie.

Wo soll ich beginnen? Egal, signalisiert ein Impuls meines Gehirns, es geht nicht um Chronologie. Gut so, bestätige ich diesen Impuls. Ich werde es einfach laufen lassen. Ja, genau so werde ich es machen. So, wie es mir einfällt, werde ich es dokumentieren.

Im Jahre des Herrn 1961

Ein sonniger Augusttag, der erste Tag der Sommerferien. Wir lagen im Ufergras, der Bach schnorchelte – wir hatten ihn bis zum anderen Ufer mit Steinen und Ästen angestaut. Durch eine eingebaute leere Blechdose hörten wir, wie er gurgelte. Direkt vor unserer Staumauer reichte das Wasser bereits an unsere Oberschenkel, bis kurz unter den Umschlag der Lederhosen. Bevor es weiter anstieg, zogen wir unsere Hosen aus – bis auf Conrad, der behielt seine Hose an. Wir lagen im Gras und wichsten, was das Zeug hielt. Unsere Hosen baumelten an den Trägern über uns an Ästen der uns Schatten spendenden Weide. Daneben flatterten unsere Hemden im leichten Wind zum Trocknen.

»Es sieht aus wie an einem Waschtag bei meiner Mutter«, grummelte Conrad.

»So könnte das Wetter die Ferien über bleiben«, stellte Norbert fest, ohne die Bemerkung von Conrad zu kommentieren, »es ist schon toll so.«

»Reiß dir den Schwanz nicht ab. Schön langsam«, mahnte Conrad wie ein Wichstrainer.

»Es fehlen nur noch ein paar Mädchen, so haben wir als Animateur nur deinen Köter vor uns liegen«, blubberte es aus dem Mund von Franz, der schmatzend einen Kaugummi im Takt seiner Wichsgeschwindigkeit bearbeitete.

»Quatsch keine Opern«, blaffte Conrad, »Frieder ist mein Hund, und wenn du noch einmal Köter sagst, scheiße ich dir in deine Unterhose. Sei dankbar, dass du bei guten evangelischen Jungs geduldet bist«, fauchte er böse. »Warst du schon brav beichten? Bei den schmutzigen Gedanken, die ich von dir höre, wäre es dringend geboten.«

Franz zuckte zusammen. »Ist ja schon gut«, versuchte ich, die gute Stimmung wieder herzustellen, ohne mit dem Pumpen aufzuhören.

»Ach was«, knurrte Conrad, »was will der schon mit Mädchen anfangen? Schau auf katholische Mädchen, nicht auf unsere, Franz.« Conrad schaute in unsere Gesichter und dann auf die wichsenden Hände. »Haben katholische Jungs überhaupt einen Lümmel zwischen den Beinen? Lass sehen. Na ja, wenigstens mit Vorhaut.«

»Verdammt«, maulte Wilfried, »Conrad, du bist heute ja wieder mal ein richtiges Arschloch. Es ist unser erster Ferientag. Warum bist du denn mitgekommen, wenn du schlecht gelaunt bist und keine Lust auf Wichsen hast?«

»Halt bloß deine Klappe«, schrie Conrad los, »ich bin schließlich kein Schüler mehr, ich bin Maurer und ficke, was mir in die Quere kommt. Wichsen, das war letztes Jahr.«

»Maurerlehrling«, berichtigte Franz, der seine Sprache wiedergefunden hatte. »Schau lieber auf deinen Frieder, diesen Lüstling, der lässt wohl wichsen. Hat er wohl bei dir abgeschaut.«

Wir schauten nun alle auf den Hund. Er lag auf dem Rücken, bewegungslos wie ein Plüschtier, seine Hinterbeinchen hatte er weit gespreizt. Aus dem struppigen Fell schaute sein Hundepimmel nach oben wie ein abgebrochenes Hölzchen. Genauso regungslos schauten wir nun auf ihn hinab.

»So ein Lustmolch«, wiederholte Conrad nun die Worte von Franz, »tatsächlich, ganz wie sein Herrchen.« Er grinste stolz in die Runde. Wir hatten unser Rudelwichsen eingestellt. Direkt auf dem spitzen Hundepimmel saß eine fette Mücke. Es sah schon komisch aus. Sie summte geschäftig und wuselte hin und her. Frieder zitterte zart.

»Muss ein super Gefühl sein«, grinste ich kurzatmig.

»Frieder ist mehr als ein Lustmolch, er ist ein Genießer«, frotzelte Wilfried. »Muss wirklich ein tolles Gefühl sein, wenn eine fette Mücke die Nuss massiert.«

Conrad stierte auf den Hundepimmel und wir hörten, wie er laut die Luft einzog. »Will ich wissen«, grinste er und öffnete den Latz seiner Lederhose. Ein Griff in die Unterhose und schon lag sein Schwanz auf der Hosenklappe.

Wir schauten hin. Er hatte schon einen Männerschwanz. Wir konnten die Adern, die hervortraten, gut erkennen.

»Komm her, du Mistvieh, komm auf diesen Maurerschwanz, das ist ein besserer Landeplatz für eine fette Mücke. Weg von diesem stinkenden Hundepimmel.« Er grinste Zustimmung heischend in die Runde.

Ich war zu einer Wachsfigur erstarrt. Was sollte das denn werden? War Conrad irre? Ich sah Speichel aus seinem linken Mundwinkel laufen.

Norbert schaute Peter an und legte dabei den Zeigefinger vor seine Lippen. »Nichts sagen«, wisperte er, »auf keinen Fall. Conrad ist neben der Kapp‘.«

»Komm schon, du Mistvieh«, knurrte Conrad, »blöde Summse.«

Die Mücke saß weiter unbeirrt auf dem Hundepimmel und Frieder lag weiter unbeweglich im Gras. Nur seine Augen rollten.

»Du Sauhund«, brüllte nun Conrad und sprang hinüber zu seinem Hund. Sein Schwanz hing in Halbachtstellung über dem offenen Hosenlatz.

Frieder war ebenfalls aufgesprungen und schaute Conrad erwartungsvoll entgegen.

Was nun geschah, war der blanke Horror. Ich stöhnte auf und stellte das Wichsen ein. Wilfried stieß heftig Atem aus, hustete und hatte seinen Schwanz auch losgelassen. Conrad stand hinter seinem Hund und trat ihm mit voller Wucht zwischen seine kurzen Hinterbeine. Der Hund flog jaulend zwei Meter durch die Luft, blieb mit seinem Kopf in einer Astgabel der Weide hängen, strampelte noch einmal mit den Beinen, dann hing er leblos in der Weide. Aus seinem Pimmel lief Urin und einige Brocken Hundescheiße fielen ins Gras. Tot. Erhängt.

Norbert schien nicht überrascht. Er nahm einen Stock und stieß Frieder an. Frieder schaukelte hin und her, sonst keine Bewegung. »Eine sauber Flanke, Conrad«, verkündete Norbert wie ein Schiedsrichter.

Ich war entsetzt und zugleich fasziniert.

»Blöder Köter«, keuchte Conrad. Er ging zu der Weide, fasste den toten Hund im Genick und schleuderte ihn wie ein Hammerwerfer in den Bach. »Bastard!«, blaffte er ihm nach.

Wir waren fassungslos, zugleich aber irre erregt von der ungezügelten Brutalität.

»Was guckt ihr so blöd, ihr kleinschwänzigen Wichser?«, fluchte Conrad mit sich überschlagender Stimme. Sein Schwanz klopfte wippend auf seinen Hosenlatz. Geschwollen hart. Die rote Nuss schaute wie ein Zyklopenauge aus der zurückgewichenen Vorhaut. »Dieser dreckige Köter«, wiederholte Conrad, »lässt sich von einer Mücke den Schwanz lecken. Wer bist du denn, du kläffende Ratte, dass du dir von einer fetten Mücke einen blasen lässt?« Conrad stampfte mit dem rechten Fuß auf das matschige Bachufer. Tränen liefen über sein verzerrtes Gesicht. Oder war es aufspritzendes Bachwasser?

Er bückte sich, ergriff einen faustgroßen Stein aus dem Bach und warf ihn in Richtung des Hundekadavers, der an der von uns errichteten Staustufe hängengeblieben war und hin und her schaukelte, ohne das Hindernis überwinden zu können. Der Stein traf punktgenau den Rücken des Hundes und trieb den Kadaver mit Schwung über das Hindernis hinweg.

»Ja, hau ab!«, schrie Conrad ihm nach.

Wir verfolgten die Hundeleiche, bis sie bachabwärts schlingernd aus dem Blickfeld entschwunden war.

»Wow«, schnappte Norbert nach Atem, »was war das denn, Conrad?«

Conrad federte herum, hob seine Faust und fauchte: »Halt doch endlich deine Klappe!«

Er riss Brennnesseln aus und schlug sie Norbert auf die nackten Oberschenkel. Sein Maurerschwanz pendelte jetzt schlaff über dem Latz.

»Steck dein schlaffes Ding weg, Conrad«, schlug Norbert vor, »und lass uns wieder Froschschenkel abschneiden oder Frösche aufblasen.« Er sagte es ohne Emotion, obwohl die Brennnesseln rote Flecken auf seiner Haut aufblühen ließen.

Ich war erstaunt, wie ruhig Norbert mit Conrad umging.

»Nein«, sagte Conrad, »keine Lust, Frösche aufzublasen oder ihnen die Schenkel abzuschneiden. Das ist mir zu grausam.« Er grinste bei diesen Worten und wischte sich seinen fließenden Rotz mit dem Handrücken von der Oberlippe.

Ich betrachtete die Szene und hörte Conrad sagen: »Irgendwann fliege ich zu meinem Vater nach Amerika.« Er fixierte unsere Gesichter und fügte hinzu: »Da hätte ich Frieder ohnehin nicht mitnehmen können, Norbert, die Amis lassen keine Hunde ins Land, haben Angst vor irgendwelchen Krankheiten.«

»Ist schon gut, Conrad, wirst du schon machen. Lass uns eine Kippe rauchen. Hast du noch welche?«

Conrad fasste in seine Hosentasche und als die Hand wieder zum Vorschein kam, lag eine Schachtel Ernte 23 darin. Er klopfte eine Fluppe heraus. Sein Schwanz hing immer noch vor der Hose, jetzt eingeschrumpelt, aber immer noch länger als unsere steifen Stängel. Er musterte seinen Schwanz und sagte: »Hinein mit dir, bevor du einen Sonnenbrand bekommst.«

Wir lachten pflichtgemäß.

Dann stopfte er ihn mit der linken Hand durch den Eingriff seiner Unterhose zurück und reichte zeitgleich Franz die Zigaretten.

»Hab‘s nicht so gemeint, Franz.«

Franz nickte. »Schon gut, Conrad, ist vergessen.«

Conrad nickte zur Bestätigung, dass er es akzeptierte. »Ich gehe, man sieht sich, Männer. Übt weiter, damit die Kleinen groß und stark werden.« Er drehte sich um und entfernte sich.

»Mannomann«, flüsterte Wilfried, »so brutal habe ich Conrad lange nicht mehr erlebt. Weißt du noch, wie er letztes Jahr den Stallhasen an den Pfosten schlug?«

»Was heißt lange?«, wagte ich eine Frage in die Runde. »Wieso Stallhasen und wieso zu seinem Vater nach Amerika? Ich dachte, sein Vater wäre tot oder so was.«

»Nee, nee«, wandte sich Norbert mir zu, »sein Vater ist Amerikaner. Conrad ist auch ein halber Amerikaner. Er hat sogar einen amerikanischen Pass. Ich habe ihn selbst gesehen. In dem Pass heißt er auch nicht Conrad, sondern Kenneth Miller, also Müller in Englisch.«

»So ist es«, bestätigte Wilfried. »Ich habe den Pass auch gesehen und ich kenne seinen Vater. Ein Riese! Hatte immer Kaugummi für uns, war aber unberechenbar. Wie Conrad ein brutaler Hund. Ich habe gesehen, wie er Conrad einmal so gewaltig in den Hintern getreten hat, dass Conrad mit Schmackes gegen die Haustür geschleudert wurde. Es krachte und ich dachte, es ist zu Ende mit Conrad. Dann hörte ich Conrad stöhnen. Seine Mutter brüllte Conrads Vater an: Du Tier! Der Vater murmelte damals nur etwas in seinen Bart und ich glaube, er sagte: Fuck yourself! Irgendwann war dann der Vater weg, einfach so. Conrad denkt, er ist nach Amerika. Er sitzt aber in Hamburg im Gefängnis, sagte meine Mutter zu meiner Oma.«

»Da ist er raus«, fügte Franz hinzu. »Er wurde nach Korea versetzt, wie auch immer. Das war, bevor du in unser Dorf gekommen bist«, sagte er zu mir.

»Wollen wir nun zuerst fertig wichsen oder rauchen?«, fragte Franz und ließ durch einen eleganten Hüftschwung seinen Lümmel in Halb-Acht-Stellung pendeln.

»Wir Evangelischen sollten schon einmal beginnen«, grinste Wilfried, »also Schwänze in die Faust, Männer, und du, Franz, verteilst derweil die Stäbchen.«

So wichsten wir mit Handwechsel auf Ansage von Franz und rauchten dazu. Franz war der schnellste Wichser. Nach zehnmal Pumpen spritzten seine Tropfen ins Gras und wir sahen, wie er damit zufällig eine Ameise ertränkte.

»Fertig«, stöhnte er und atmete keuchend wie ein Hundertmeterläufer, der am Ziel angekommen ist. Dann räusperte er sich und spukte aus. Das war Rekord.

»Fertig ist nicht gut«, hechelte Wilfried, »vorher ist besser.«

Schwupp, schon entlud auch er. Einige fette Tropfen blieben an seiner Faust hängen. »Was für ein Rotz«, kicherte er.

Norbert und ich waren noch bei der Arbeit.

Norbert legte nun einen Zahn zu. Dann fiel ihm die Fluppe aus dem Mund. »Scheiße«, stöhnte er auf und brüllte.

»Gut einen Meter«, kommentierte Franz wie ein Sportreporter.

Ich sah sie an und steckte dann meinen Schwanz in die Hose. »Weiter heute Abend«, lächelte ich. »Wichsus interuptus, wie der Lateiner sagt«, setzte ich nach. »Das mit dem Conrad war schon ein Knaller. Warum will der eigentlich zu seinem Vater, wenn der doch so brutal ist?«, fragte ich in die Runde.

»Er will sich rächen, sagte er zu mir«, beantwortete Wilfried meine Frage.

»Er will ihm in die Vaterfresse schlagen und in seinen Arsch einen deutschen Eichenknüppel reinjagen«, ergänzte Franz. »Na ja, später hat er das vor, wenn er Maurergeselle ist und nicht mehr Lehrling, fügte er hinzu. »Manchmal jedenfalls sagt er das.«

Ich schaute in den Bach. Alles ist fließend, wurde mir bewusst. Mein Blick erfasste die ausgetrockneten Frösche, die wir totgeschlagen und denen wir die Schenkel abgeschnitten hatten. Ich würde keinen von diesen Froschschenkeln essen. So viel war mir jetzt klar. Scheiß Franzosenfraß, fielen mir die Worte von Ernst ein. Ich sah hoch in die Weide. Eine Amsel sprang herum und Spinnenfäden glitzerten in der Sonne.

Wilfried schob ruckartig seinen Arsch nach hinten und zog durch diese Bewegung, ohne die Hände zu benutzen, seinen Pimmel in die Hose zurück und schloss dann die Klappe seiner Lederhose mit den Worten: »Nun, mein Freund, jetzt wird geschlafen. Noch einmal gut pissen am Abend, dann ist Ruhe im Karton.«

»Morgen fällt Rudelwichsen aus, zumindest für mich«, stellte Franz fest und spukte einen Rotzklumpen, der gelb vom Nikotin war, in den Bach. »Wer nimmt die Froschschenkel mit?«

Keine Meldung.

»Ich werde sie wohl dem Jules geben. Als Franzose liebt er diese Strampeln.«

Wir anderen nickten.

»Nur weg damit«, meinte ich.

»Also machts gut, ihr Schwanzquäler«, lachte Wilfried. Wie immer wollte er das letzte Wort haben.

Wir antworteten nicht, sonst würde Wilfried wieder etwas nachsetzen. Wilfried schien enttäuscht. Franz nickte nur. Ich hob die Hand.

Wilfried verfrachtete die Froschschenkel in eine Dose, die er auf dem Gepäckträger seines Fahrrades einklemmte, und strampelte auf den Uferpfad zu. In wenigen Augenblicken war er durch die scharfe Linkskurve aus dem Blickfeld.

Franz und ich setzten uns wieder.

»Wo Frieder nun schon sein wird?« Franz rührte mit der linken Hand in seinem noch offenen Latz herum.

»Du bist Linkshänder?«, fragte ich.

»Wieso, Peter?«

»Du hast mit der linken Hand gewichst.«

Franz kicherte. »Beim Wichsen bin ich beidhändig. Allerdings« – er überlegte – »kurz vor der Entladung wichse ich tatsächlich mit der linken Hand, obwohl ich Rechtshänder bin. Vielleicht habe ich es geerbt.« Er schaute auf seine Hand und spreizte die Finger. »Links ist dem Herzen näher. Wichsen ist doch eine Herzensangelegenheit.«

»Weißt du, dass in Afrika, also im Busch, die linke Hand für die Erledigung der unreinen Sachen benutzt wird, also zum Beispiel Hintern abwischen, und deshalb das Abhacken der rechten Hand als Strafe gleichbedeutend ist, wie aus der sauberen Gemeinschaft ausgestoßen zu sein? Denk an das gemeinsame Essen aus einer Schüssel oder Berührungen anderer Menschen.«

»Was du alles so in dir sammelst, Peter … Ich wusste es nicht.«

Ich schaute in den Himmel und fragte Franz: »Meinst du, Gott hat uns beim Wichsen gesehen?«

»Verdammt, Peter, was erschreckst du mich? Wieso soll er uns gesehen haben?«

»Gott sieht alles, Franz.«

»Dann sieht er uns und alle anderen auch beim Kacken, oder? Den Pfarrer sogar beim Poppen oder meinen Pastor im Bett der Haushälterin«, kicherte Franz.

»Er weiß alles von uns, bevor wir es überhaupt gedacht haben, Franz. Zumindest von den Katholischen«, grinste ich.

»Das ist doch Hühnerkacke«, stammelte Franz.

Ich spürte, dass er nervös war; denn er schaute intensiv auf seine Hände, die noch vor wenigen Augenblicken um seinen steifen Schwanz gepresst waren und seine Eiersahne herausschießen ließen. Am Zeigefinger klebte noch getrockneter Saft.

Franz bemerkte es und schnüffelte daran. »Riecht fremd. Bisher habe ich noch nie daran gerochen.« Er schaute nun auch in den Himmel, dann mir ins Gesicht. »Du mit deinem Alles-Sehen von Gott, macht mich total kirre.« Angestrengt, mit zusammengekniffenen Augen schaute er noch mal hinauf in den Himmel.

Ich folgte seinem Blick. Nur weiße Wölkchen tummelten sich wie Schafe bis zum Horizont.

»Sehe ihn nicht, heute ist er wohl an einer anderen Stelle im Himmel. Vielleicht in Afrika. Da soll ja, wie man hört, gewichst werden, bis die Pimmel schwarz sind.« Franz lachte wie irre über seinen eigenen Gedanken, und ich fiel ein. »Verdammt!«, brüllte er spontan. »Schau, Peter, unsere Pimmel sind noch weiß, allenfalls gerötet, aber noch nicht grau und schon gar nicht schwarz.« Er lachte wieder wie irre und verschluckte sich dabei an der eigenen Spucke.

Sein Husten führte dazu, dass sein schlaffer Schwanz, den er wieder aus der Hose herausgezogen hatte, hin und her schwang wie das Pendel unserer Uhr im Wohnzimmer. Dabei löste sich noch ein kleiner Tropfen, der sich in den Falten der Vorhaut angesammelt hatte, und tropfte auf seinen Fuß.

»Ob er auch auf die Mohammedaner schaut oder die Buddhisten? Was meinst du, Peter? Die gehen Gott doch eigentlich gar nichts an. Gehören nicht zu seinem Klub. Wichsen oder kacken die unbeobachtet? Da schaut wohl Allah oder der fette Buddha hin. Sag was dazu, Peter. Was lernt Ihr Evangelischen im Konfirmandenunterricht zu dem Sachverhalt?«

»Nichts, Franz, wir haben den Psalm hundertneununddreißig gelesen und aus Sprüche fünfzehn den Vers drei. Deshalb kam ich überhaupt auf das Thema. Da steht: Die Augen des Herrn sind an allen Orten und schauen auf Böse und Gute. Und in Psalm dreiunddreißig, Vers drei kannst du lesen: Der Herr schaut vom Himmel und sieht alle Menschenkinder von seinem festen Thron sicher auf alle, die auf Erden wohnen. Da steht auf alle, Franz.«

»Mensch, Peter, wie mich das beruhigt. Das sind Gott sei Dank nur Sprüche und gut tut es immer, das Wichsen, also kann es nichts Böses sein.« Dabei schaute Franz mich treuherzig und dankbar an. »Du hast es drauf, Peter. Ich bin nun wieder die Ruhe selbst. Gott hält ja sicher auch Mittagsschlaf.« Er lachte zaghaft und mit dem Blick auf seinen erschöpften Pimmel formulierte er den Gedanken: »Peter, was meinst du, ob Gott, der ja wohl ein Mann ist, nicht auch scharfe Gedanken hat, wenn er sieht, wie die Mädchen sich zwischen den Beinen wichsen? Ob das die Mädchen überhaupt tun?«

»Denke schon«, antwortete ich, »ich würde es jedenfalls tun, wenn ich ein Mädchen wäre. Bietet sich doch an.«

Wir lachten und gingen zum Bach, um den vertrockneten verkrusteten Wichssaft von den Händen abzuwaschen.

»Die Ferien beginnen wunderbar«, stellte Franz fest, »ob nun Gott alles sieht oder nicht. Hauptsache, meine Mutter sieht mich nicht wichsen.«

Als wir zu unseren Fahrrädern schlenderten, zeigte Franz auf die Hundeleine von Frieder, die im Gras lag. Die Sonne ließ von der Metallschnalle einen Lichtblitz wie ein Signal hoch funken. »Ob er bis in die Nordsee getrieben wird, Peter?«

Ich zuckte mit den Schultern und dachte an Conrad. »Ob Conrad irgendwann nach Amerika fährt und seinen Vater umbringen oder ihm den Eichenknüppel in den Arsch schieben wird? Morgen ist jedenfalls kein Konfirmandenunterricht. Ferien sind tatsächlich wunderbar, mit oder ohne Conrad, auf jeden Fall ohne den Pfarrer.«

Da Franz nichts sagte, wechselte ich das Thema. »Das mit dem Kennedy ist ja wohl ein Hammer. Einfach abgeknallt.«

»Wieso jetzt Kennedy, Peter?«

»Weiß nicht, ist mir eben eingefallen. Weißt du, für was das F bei John F. Kennedy steht?«

»Nö.« Dann kichert er. »Vielleicht für ficken. John Ficker Kennedy, hört sich doch logisch an, oder? Hört sich an nach: Fick dich selbst, Mister President.«

»Mal ernsthaft, Franz, weißt du es oder weißt du es nicht?«

»Ich weiß es nicht. Ist doch wohl egal, dafür weiß ich, warum unser Pimmel steht.«

»Sag‘s mir, Franz!«

»Weil ich an das Christkind denke. Ist ja wohl ein schönes Mädchen.«

»Wieso das?«

»Na hör mal, das Christkind ist doch wie das Schneewittchen oder das Rotkäppchen.«

»Quatsch. Der Artikel bezieht sich auf Kind und nicht auf Christ. Wir sagen ja auch das Rumpelstilzchen.«

»Ist schon gut. Nach deiner Aussage bezieht sich der Artikel wohl auf das Stilzchen und nicht auf Rumpel.« Er lachte erneut laut auf und fragte: »Also, für was steht nun das F bei Kennedy? Nun möchte ich es doch wissen.«

»Es steht für Fitzgerald.«

»Gut, das wäre ja nun geklärt. Meine Oma bekommt immer feuchte Augen, wenn von John Fitzgerald die Rede ist. So ein schöner Mann, seufzt sie dann, und tot durch Kopfschuss. Ich schäme mich für alle, die Oswald heißen. Dabei schaut sie stets auf das Bild ihres im Krieg vermissten Mannes – ihr Oswald. Warum musste man dir das antun? Damit meint sie aber wieder den Kennedy.«

»Ist deine Oma nicht mehr klar im Kopf?«

»Doch, nur bei Kennedy nicht. Bei unserem Alten wäre es nicht so schlimm gewesen, setzt sie meist hinzu.«

»Wer ist unser Alter denn?«

»Konrad natürlich, unser Adenauer.«

Ich schaute Franz fragend an.

»War doch nur Spaß«, sagte Franz.

Wir liefen stumm nebeneinander her.

Franz fischte eine Zigarette aus der Schachtel.

»Keine für mich.« Ich schüttelte den Kopf. »Wenn ich jetzt noch eine rauche, ist die Gefahr groß, dass es zu Hause meine Mutter riecht. Hoffentlich hast du noch ausreichend Saft in den Knochen, um deinen Hirsch nach Hause treten zu können«, frotzelte ich stattdessen.

»Mach dir darüber mal keine Gedanken« brummte Franz. Mit mächtigen Tritten in die Pedale trieb er sein Rad durch die tiefen Furchen der Wiese auf den befestigten Weg. »Weg bin ich, du Laumann«, rief er nach hinten und spuckte wieder einen gelben Schleimklumpen von der Größe eines Kieselsteines aus. »Scheiß Raucherei«, war sein Abschiedsgruß.

Ich stieg nun auch in die Pedale ließ es aber gemächlich angehen. Es spannte in den Leisten, ich hatte ja nicht entladen.

Verdammt, nun hatte ich einen Frosch überfahren. Es flatschte. Seine Eingeweide platzten und spritzten über den Weg. Die großen Glupschaugen quollen wie kleine Glasmurmeln aus dem Kopf. »War keine Absicht«, brummte ich, »tut mir leid, zur falschen Zeit am falschen Ort.«

»Es war, bevor du im Dorf warst«, hatte Wilfried gesagt. Ich erinnerte mich, wie ich in diesem fremden Dorf vor Jahren ankam, das nun auch mein Dorf war. Na, zumindest wurde ich bisher noch nicht überrollt wie der Frosch, in dessen Kadaver bereits zwei Vögel pickten, so als ob sie auf diesen Mord gehofft hätten.

So war der erste Ferientag in diesem Jahr schon toll. Wer hatte es bereits gesagt? Ach ja, der Norbert.

Samstag, 12. April 2014

Ein leichter Regen hat mich von der Terrasse vertrieben. Aus dem Fenster meines Arbeitszimmers beobachte ich, wie die Nachbarin Rosemarie wieder im Laufschritt zur Wäschespinne unterwegs ist, um zwei Teile abzuhängen. Meine Frau hat sich vor wenigen Minuten verabschiedet, um einzukaufen, das würde wohl zwei Stunden dauern.

Ich setze mich entspannt an meinen Schreibtisch und lasse meine Gedanken wieder in die Vergangenheit eintauchen. Das, was ich die letzten Tage niedergeschrieben habe, liegt ganz unten in der Schublade, zur Sicherheit noch einmal in einer Kassette verschlossen. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob die Erlebnisse am Bach dokumentiert werden sollten. Ich überlege hin und her.

»Nein, es bleibt dabei, ich mache weiter. Ich habe die Namen ausgetauscht und auch die Lokalität nicht konkretisiert. Dadurch ist es irgendwie ungefährlich.«

Ich schaue zum Fenster, sehe mein Gesicht schemenhaft gespiegelt, nehme wieder meinen Collegeblock und fahre fort. Also zurück, marsch, marsch!, wie Großvater gerne ausrief, wenn sein Max störrisch nach vorne gezogen hatte, ohne dass er dem Gaul ein Kommando gegeben hätte.

Nicht immer ist der Anfang einer Niederschrift zugleich Beginn einer Geschichte. Wo habe ich das gelesen? Egal. So kann ich den Prolog noch ein wenig fortsetzen, freue ich mich über die Idee.

Wie in mir das Dorf erwacht. So werde ich fortfahren.

Wie in mir das Dorf erwacht

Wer in den Fünfzigerjahren des letzten Jahrhunderts auf dem Dorf heranwuchs, dessen Welt war auf wenige Menschen begrenzt. Jedes Dorf erzieht anders. Es kommt darauf an, was das Dorf an Lehrmaterial vorhält, welche Berufe ausgeübt werden, welche Menschen sich im Dorf tummeln. Da wären die sogenannten Ureinwohner des Dorfes zu betrachten, dann die Einrichtungen und nicht zuletzt oder sogar insbesondere die zugezogenen Dorfbewohner – Menschen, die im Dorf so fremd waren wie die ersten Apfelsinen im kleinen Lebensmittelladen. Wer im Dorf heranwuchs, konnte als noch nicht sprachfähiges Kind bereits Kuhscheiße von Pferdeäpfeln unterscheiden, Hühnerkacke und Entenscheiße von Katzendreck und Hundestrollen. Frische Kuhfladen waren Muhbatsch, weil sie so toll spritzten, wenn sie herunterplatschten. Pferdeäpfel waren Ballas, weil so schön kugelig wie Bälle – dagegen zu treten war wunderbar. Die Erwachsenen riefen regelmäßig: »Bleib von der Scheiße weg.« Allerdings unterschieden alle, was gute und was schlechte Scheiße war.

Meine Tante, eigentlich war es nicht meine richtige Tante, es war die jüngste Schwester meine Oma, schaufelte regelmäßig die Pferdeäpfel auf und füllte damit ihren alten Putzeimer. Sie war bei dieser Tätigkeit wählerisch. Oft nahm sie einen Pferdeapfel in die Hand und zerdrückte ihn. »Pferdeäpfel sind keine Scheiße«, sagte sie, »ein Pferd scheißt nicht.« Was denn?, dachte ich. Sie prüfte sehr sorgfältig, ob das Pferd den Hafer komplett verdaut hatte, »denn«, so führte sie aus, »wenn noch unverdaute Haferähren im Pferdeapfel sind, dann wächst in meinem Blumenbeet, dem ich die Pferdeäpfel als Dung spendiere, Hafer.« Kluge Frau, meine Tante. Manchmal roch sie auch an den Pferdeäpfeln, allerdings nur, wenn sie noch dampften. Das erinnere sie an den Geruch ihres seligen Eduards, wenn er sich nachts im Bett wälzte, erklärte sie meiner Oma öfters. Natürlich habe ich den Sinn nicht verstanden. Oma wohl schon, denn sie blickte dann immer vorwurfsvoll zu meiner Tante auf.

Eduard war Knecht im größten Bauernhof des Dorfes. Der Bauer hatte vor dem Krieg sechs Pferde. Eduard war der Pferdeknecht. Als die Pferde beschlagnahmt wurden, ging Eduard mit. Die Pferde und Eduard wurden bei der Artillerie eingesetzt. »Ich kann meine Pferde nicht allein lassen«, sagte er zu dem Offizier, der die Pferde aus dem Stall führte. Eduard stammte aus einem Dorf im Schwarzwald. Dort hatte er mit seinem Vater und einem schweren belgischen Kaltblut Tannen aus dem Wald an die Straße gerückt.

»Pferde waren seine eigentliche Liebe«, seufzte meine Tante gerne. »Ich hatte oft den Eindruck, er dachte an ein Pferd, wenn er mit mir im Bett hü und hott machte. Ja, er sagte hü und hott im Bett.«

Eduard kam aus dem Krieg nicht mehr zurück. Jedes Mal, wenn meine Tante an den noch dampfenden Pferdeäpfeln schnupperte, verursachte sie Laute, die an eine schnaubende Stute erinnerten. »Der Eduard war wie ein Hengst«, flüsterten sich die Frauen der Nachbarhäuser dann zu. »Eher ein Wallach«, bemerkte eine ergänzend. Die anderen kicherten. Einige schnalzten aber auch leise mit den Zungen. Ich begriff den Sinn des Geräusches nicht. Na ja, heute weiß ich, was die Frauen damit zum Ausdruck bringen wollten. Muss ja nicht gleich Nachbarschaftsvögeln in der Scheune bedeuten, ging es mir durch den Kopf.

Es ist wahrscheinlicher, dass Eduard beim Pissen beobachtet wurde, denn er hatte, so sagte die Tante einmal zu meiner Oma, die Angewohnheit nie aufgegeben, sein Wasser gegen die Kletterrosen am Holzschuppen zu schlagen. »Und mein Eduard hatte einen starken Strahl«, setzte sie dabei lächelnd hinzu.

»Ja, das war eine Wucht«, lachte zu meiner Überraschung meine Oma dann jedes Mal laut. »Ja, dein Eduard pinkelte wie ein Gaul, oft auch an den Holzmast der Straßenlaterne. Natürlich schauten wir nicht weg, wenn er sein Ding wieder in die Hose bugsierte.«

Darauf meine Tante: »Ach, er war so stolz auf seinen Schwengel. Ich habe mich früher oft für ihn geschämt. Lass gut sein, sagte er dann zu mir, sollen die Weiber doch sehen, was du im Bett hast. Zicken, die sind so. Ich sah ihn dann nur an. Komm, las ich dann in seinen Augen und bin mit ihm gegangen – in die Scheune oder in die Küche. Liegen war nicht seins. Eben wie die Pferde es tun. Aber ein Kind entstand nie.« Das war wohl der traurigste Moment in der Geschichte, denn die Tante hatte dabei immer feuchte Augen.

»Sammelst du deshalb die Pferdeäpfel für die Kletterrose am Holzschuppen?«, höre ich in meiner Erinnerung meine Oma fragen.

»Vielleicht«, murmelte meine Tante, »vielleicht. Es erinnert mich an meinen Eduard. Die Kletterrose ist mir mehr wert als sein Name auf dem Kriegerdenkmal. In der Kletterrose fließt Saft von meinem Eduard. Du weißt, gefallen 1944 in der Danziger Bucht, er wäre gestern sechsundvierzig Jahre geworden; schon zwölf Jahre liegt er irgendwo unter der Erde.« Ich höre heute noch, wie sie nach diesen Worten wieder das Geräusch einer schnaubenden Stute ausstieß. Ihre Oberlippe vibrierte dabei.

»Ich weiß, Adele«, sagte meine Oma teilnahmsvoll. Dann gingen wir über die Straße nach Hause.

Damals wohnte ich noch mit meinen Eltern im Bauernhaus der Großeltern, der Eltern meiner Mutter. Alles um mich herum war … heute sage ich Sex, weil das verstanden wird: der Hahn auf den Hühnern, der Hofhund auf der Hündin, der Rammler auf der Häsin, der Stier auf der Kuh. Damals hatte das keinen Namen, jedenfalls keinen, den ich gehört habe. Es war etwas Alltägliches, Öffentliches, auch ohne ein Wort dafür.

Im Dorf wurde, wenn sich die Frauen unterhielten, viel geflüstert, aber nie so leise, dass wir es als Kinder nicht hören konnten. Das Flüstern, so habe ich später oft überlegt, war insbesondere für uns Kinder gedacht, damit wir aufmerksam wurden. Wir sollten das Gesprächsthema in irgendeiner Weise mitkriegen. Es war ein traditioneller Teil unserer Erziehung; eine Vermittlung von Wissen, das wir benötigen würden, um uns zu entwickeln, denn erstaunlicherweise wurden wir nie weggeschickt. Im Gegenteil: unsere Anwesenheit wurde einfach ignoriert; hier und da ein kontrollierender Blick, ob wir auch lauschten. Wir waren Luft im Raum, wenn die Erwachsenenthemen besprochen wurden. Wir waren dabei, waren aber nicht anwesend. Ganz selten wurden wir weggeschickt, hier und da auch unterstützt, so am Fenster des Stierstalles, um zu beobachten, wie eine Kuh gedeckt wurde. Das Fenster war sogar sauber gewischt und davor stand wie zufällig ein altes Fass, auf das wir klettern konnten, um den Stier bei seiner biologischen Arbeit zu beobachten. Nicht zu vergessen auch den Ziegenbock, der seinen Platz direkt an der Fensterwand hatte. Nur eins durften wir nicht: fragen. Das konnte zu rabiaten Reaktionen führen. Also lernten wir zu hören und zu beobachten und tauschten uns als Kinder untereinander aus. Die größeren trumpften mit derben Bezeichnungen auf.

So war das mit der Aufklärung auf dem Dorf. So war unser Sex-in-the-City-Dorf-Sex. Nie war es Pornografie, nie war es unzüchtig. Alles war normal. Es war allenfalls derb. Heute weiß ich, dass die Erwachsenen auch nur die Bezeichnungen kannten, die sie benutzten. Es war nicht schändlich, derbe Worte zu benutzen, weil es Umgangsworte waren. Sie verstießen nicht gegen die guten Sitten.

In diese Tradition kamen nun die Fremden, die neuen Mitbewohner ins Spiel. Spannungen waren unvermeidlich, weil Missverständnisse aufkamen. Im Dorf lebten nun Frauen, Männer und Kinder, die aus Ostpreußen, aus Pommern, aus Sachsen, aus Thüringen und Schlesien kamen. Aus Ostpreußen und Pommern kamen Frauen ins Dorf, die eine sehr einfache Struktur hatten. Sie hatten mehr Körperlichkeit. Sie waren dort einfache Mägde auf Gutshöfen. Der Bauer war der Herr. Sie waren nicht empört, wenn ein Mann schamlos gegen den Mist pisste. Einige Männer im Dorf hatten das schnell raus und haben es absichtlich getan, sich dabei noch gut ausgeschüttelt. Auch uns Buben war schnell klar, dass sie anders waren als die Frauen in unserem Dorf. Reden, das kannten wir, sehen, das kannten wir in dem Ausmaß nicht. Die Frauen aus dem Osten waren beim Pinkeln oder Bücken nicht so schamhaft. Wir suchten deshalb oft ihre Nähe. Es wurde schon mal eine Brust hinter dem Kittel zurechtgerückt und sich am Oberschenkel gekratzt. Sie sahen uns dabei an und kicherten. Wir spürten eine bisher so nicht gekannte Unruhe in uns, wenn sie von oben in ihre Blusen fassten, um die Brüste hinter dem Kittel hin und her zu schieben. »Jungchen«, hörten wir sie dann lachend sagen, »es schickt sich nicht, einer Dame auf die Memmen zu starren.« Oft hatte ich den Eindruck, sie haben sich bewusst nur oberflächlich versteckt, wenn sie ihre Kleider hochzogen, uns ihre Hinterbacken präsentierten und uns sehen ließen, wie sie in der Hocke ihr Wasser zwischen den gespreizten Beinen auf die Erde spritzen ließen. Manchmal hockten sie auch im Stall zwischen den Kühen.

Es kamen aber auch andere Menschen, Schlosser und Schmiede aus den Kohlenrevieren im Süden von Schlesien. Und es kamen Lehrer mit ihren Familien – die waren etwas Besonderes: sie sprachen anders, sie lehrten uns andere Dinge, nicht nur schreiben und rechnen, auch singen und denken. Ihre Kinder waren uns die erste Zeit unheimlich. Wir bezeichneten sie als Klugscheißer, weil sie eine feine Sprache hatten. Hochdeutsch sagten sie, wäre das. Auf jeden Fall waren sie selbstbewusster als wir. Die Mädchen waren schön und zugleich frech, rochen auch irgendwie anders – sie rochen besser. Ich war meist unsicher in ihrer Nähe. Sie hatten etwas in den Augen, das mich verlegen machte.

So sind wir herangewachsen. Hören, beobachten, wenig fragen. Das Fragen kam zaghaft, erst mit den fremden Lehrern und später auch durch einen neuen Pfarrer. Es war spannend, was ich damals allerdings so noch nicht empfunden habe. Damals war es nur Alltag.

Wann ich die Zeit als spannend empfand? Nun, als ich am ersten Tag meines Ruhestandes auf der Terrasse saß und meine Frau mich zur Wäscheleine schickte, um Kleidungsstücke mit ins Haus zu bringen. Da fiel mir nach und nach all das ein, was ich nun erzählen möchte.

Ich versuche, die Geschichte in der Ich-Form zu strukturieren, das macht es leichter, füge aber deutlich hinzu, dass es keine Biografie meiner Person ist, sondern eines Dorflebens. Die handelnden Personen gab es, die Namen sind zufällig und das Geschehen ist nicht den ursprünglich lebenden Personen zugeordnet, sondern es wird in der Geschichte vermischt, damit kein Erkennen möglich ist. Sicher ist sicher. Wenn Sie das Buch lesen, wird Ihnen nachvollziehbar, warum es klug ist, so zu verfahren. In der Geschichte bin ich Peter. Das ist meine Wahl. Vieles ist derb geschildert. So will ich es auch beibehalten, weil es nicht intellektuell erlebt wurde, sondern schlicht. Wie es geschildert ist, so war es. Das ist auf jeden Fall original. Ich selbst oute mich, wenn überhaupt, erst später.

Der Handlungsort ist ein fiktives Dorf im Hunsrück, also kein konkretes Dorf. Nein, das wäre mir ebenfalls ein zu hohes Risiko; denn Rechtsanwälte gibt es heute so viele wie Fichten im Hochwald zwischen Simmern und Thalfang. Mein Berufsleben hat mich in dieser Einschätzung geprägt.

Die Geschichte kann nun aufleben. Ich beginne mit einem Kampf, so wie es im Leben oft beginnt, wenn eine Veränderung ansteht …

»Kampf und Tod, das ist das Los der Männer«, höre ich hinter meinem Rücken die Stimme von Onkel Paul.

Erstarrt verharre ich, drehe mich um. Niemand steht hinter mir. Onkel Paul ist bereits zwanzig Jahre tot. Wieso habe ich ihn jetzt so deutlich gehört? Beginnt meine Geschichte mit der Stimme eines Toten?

Ich entspanne mich. Warum nicht?

»Halte dich an die Regeln, alles andere kann unangenehme Folgen haben, mit Sicherheit aber auf einem Dorf. Ich sage dir, dazu gehört: Komm nie zu spät zu einer Beerdigung und trage den Sarg zum Grab, wenn du aufgefordert bist. Im Dorfleben ist niemand so heimisch und zugleich so vertraut wie der Tod. Geh mit ihm um wie mit einem Freud, zeige keine Angst, doch suche nie freiwillig seine Gesellschaft. Er kommt ohnehin. Er findet dich. Schau bei der Trauerfeier auf die Lebenden, nicht ins Grab. Wenn du kannst, lass einen Furz leise, ganz leise entweichen. Die Gerüche auf einem Friedhof lassen uns oft erschaudern. Es ist nicht das Grab, das uns erschaudern lässt. Der Geruch kommt nicht von den Toten. Es sind die leisen Fürze der Trauergäste, die in ihrer Vielfalt das Grab umnebeln. Unsichtbar aber wahrnehmbar. Wir kennen keinen Weihrauch wie die Papisten. Wenn dich Ergriffenheit erfasst, dann schau auf den Hintern einer vor dir stehenden Frau und denke an den leisen Furz, der von dort zu dir kommen könnte. Versuche das Fürzchen zu erriechen, dann kannst du den Grad ihrer Trauer einschätzen.« Ich höre ihn lachen, als er hinzufügt: »Ein Furz ist immer auch ein kleiner Protest. Deshalb nennen uns die anderen auch Protestanten, auch wegen der Fürzchen am Grab. Solltest du einen Furz hören, dann überhöre ihn. Der Tod lädt den Darm wie der Landsknecht seine Flinte. Es ist nicht der Furz, der riecht, es ist die Angst, als Nächster in der Grube zu liegen. Alle haben diesen Gedanken, Peter, wenn sie an einem offenen Grab stehen. Deshalb entweichen uns allen Fürze, trotz zusammengekniffenem Arschloch. Die Fürze sind eine Demonstration für das Leben, auch wenn es stinkt. Halte dich an die Regeln, denn wenn du nicht furzen kannst, bist du vielleicht der Nächste, der im Loch liegt. Also schäme dich bei Beerdigungen eines Furzes nicht.«

Nun drehe ich mich doch wieder um und sage: »Lieber Onkel Paul, was das Ganze nun mit meiner Geschichte zu tun hat, weiß ich nicht. Ich warte ab. Der Hinweis, dass ich mich an die Regeln halten soll, ist allerdings sehr hilfreich. Ich danke dir, Onkel Paul. Besuch mich öfter. Schön, dass du dich heute bei mir gemeldet hast.«

17. Mai 2014

Als ich das Geschäft verlasse, in jeder Hand eine Tüte – in der einen eine Fleischwurst und in der anderen zwei frische Brötchen –, sehe ich auf der anderen Straßenseite eine Gruppe Kinder, die nicht freundlich miteinander umgehen. Zuerst denke ich, es sind nur Jungen, dann bemerkte ich auch ein Mädchen. Sie steht etwas abseits und an ihrer Gestik kann ich erkennen, dass sie einen der Jungs anfeuert, einen anderen zu schütteln.

Als ich die Straße überquert habe, höre ich, was sie ruft: »Gib‘s ihm. Er hätte bleiben sollen, wo er herkam.«

Ich überlege, ob ich eingreifen soll.

Bevor ich den Gedanken zu Ende denken kann, hat sich der Junge losgerissen und läuft weg. Auch gut, denke ich.

Hätte da bleiben sollen, wo er hergekommen ist. Dieser Satz bleibt zwischen meinen Ohren kleben, als ich den Heimweg antrete. Ein Brötchen mit frischer Fleischwurst, darauf freue ich mich und diese Freude will ich nicht beeinträchtigen. Vielleicht werde ich mir noch ein Bier dazu genehmigen.

Meine Frau hat sich heute Morgen verabschiedet, um bis zum späten Nachmittag ihre Mutter zu besuchen. Ich setze mich auf die Terrasse, esse meine Fleischwurst und beiße dreimal ins Brötchen. »In der allergrößten Not schmeckt die Wurst auch ohne Brot«, lächele ich eine Amsel an, die sich auf die Brüstung gesetzt hat, wohl in der Hoffnung, noch einiges von meinem Brötchen picken zu können. Gut, denke ich, ich die Wurst, du das Brötchen. Ein Schluck Bier und ich nehme meine Erinnerung wieder in den Fokus. Die Keilerei der Kinder öffnete eine neue Schublade in meinem Kopf. Ich hole das Diktiergerät aus meinem Büro und fange an:

Das neue Dorf

Der Junge lag auf dem Rücken, die Knie angewinkelt. Zwischen der kurzen Hose und den Strümpfen spannten die Halter seines Leibchens. Ein Halter hatte sich gelöst und baumelte am Oberschenkel herab. Der Strumpf war verrutscht und gab den Blick frei auf zwei Kratzwunden am Oberschenkel. Die derben Schuhe hatte er fest auf die Erde gesetzt. Aus seiner Nase lief Blut, am Mundwinkel vorbei über das Kinn, und tropfte von dort auf den Kragen seines karierten Hemdes. Helles leuchtendes Kinderblut. Er konnte nicht aufstehen, weil auf seiner Brust ein Junge saß, der ihm beide Arme nach hinten drückte. Die Gesichter waren dicht an dicht. Aus dem Mund des auf ihm sitzenden Jungen tropfte Spucke auf die Haare des Liegenden. Um beide herum standen drei Jungen und ein Mädchen.

Das Mädchen rief: »Gib‘s ihm, Klaus. Er ist blöd.«

Der auf dem Boden liegende Junge drehte den Kopf in ihre Richtung und sagte: »Mein Name ist Peter, einfach nur Peter, kein Name davor und keiner dahinter.«

Das Mädchen verstummte. Sie war irritiert, vielleicht erschrocken. Dann brüllte sie umso lauter mit sich überschlagender Stimme: »Hau ihm eine rein!« Es verunsicherte sie wohl, dass der fremde Junge nun nicht mehr anonym war – er hatte einen Namen.

Der Junge sah sie unverwandt an. Er suchte Blickkontakt. Obwohl er blutete und die Nase schmerzen musste, war keine Träne in seinen Augen. Dann drehte er seinen Kopf und sah in das Gesicht des auf ihm sitzenden Jungen. Das Nasenblut lief nun über die andere Gesichtshälfte nach unten und tropfte auf diese Seite seines Hemdkragens. Der Junge hatte schon die Hand erhoben, hielt aber in der Bewegung inne und schaute das Mädchen an, dann wieder auf den Jungen unter sich. Ob es ihn irritierte, dass er keine Träne sah? Das Blut aus der Nase kam zum Stillstand. Peter leckte gelassen über seine Oberlippe und reinigte mit der Zunge auch seine Mundwinkel. Dabei streckte er seine Zunge soweit es ihm möglich war heraus, um auch vom Kinn das Blut zu lecken. Auf der Kinnspitze blieb ein roter krustiger Fleck kleben. Klaus hatte noch immer nicht zugeschlagen. Die herumstehenden Jungen sagten nichts. Einer bohrte intensiv in der Nase, der andere scharrte mit den Füßen im Kies, das Mädchen hatte sich weggedreht. Peter schaute unbeirrt und ruhig in die Augen von Klaus, danach rechts zu den anderen Kindern.

»Schau mich nicht so blöd an!«, zischte Klaus.

Peter lächelte und sagte: »Meine Zeit kommt.«

Dieser kryptische Satz muss Klaus so verunsichert haben, dass er den nach hinten gedrückten linken Arm von Peter losließ und sich auf dem Körper von Peter aufrichtete. Er saß nun fest auf dessen Brustkorb. Peter hob nun seinen Arm im Zeitlupentempo hoch, packte dann blitzschnell die Hand seines Peinigers und biss, bevor dieser oder einer der anderen Anwesenden es überhaupt bemerkten, Klaus in den kleinen Finger. Alle hörten es knacken.