Die Spur der Bienen - Annabelle Wimmer Bakic - E-Book

Die Spur der Bienen E-Book

Annabelle Wimmer Bakic

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Beschreibung

Die Schamanin erzählt in ihrer spannenden Spurensuche, wie sich über die tiefe Verbindung zur Natur das heilige Wissen unserer Ahninnen und Ahnen offenbart. Als junge Frau macht sich Annabelle Wimmer Bakic auf die Suche nach dem schamanischen Wissen hier bei uns. In Grönland wurde sie zur Schamanin initiiert, doch wie kann sie dieses Wissen auch zu Hause lebendig halten? Eine Sammlung prähistorischer Steine ihres Großvaters öffnet ihr einen Raum. Sie taucht ein in die Welt der Kräuterheilerinnen und Weber, in die schamanische Pflanzenmagie. Die Bäume des Waldes übertragen ihr ihre heilende Medizin, und sie begegnet den durch alle Zeiten hindurch wirksamen Schicksalskräften, dem Gewebe, das hinter und in allem wirkt. Schließlich macht die Schamanin Bekanntschaft mit einem wilden Bienenstock. Die Spur der Bienen führt sie in eine universelle uralte Weisheit zur Heilung von Körper und Geist für die Zukunft der Erde. Ihr biografischer Erfahrungsbericht nimmt uns mit in die Wurzeln unserer eigenen Kultur, in das tiefe Verwobensein mit den Kräften der Natur. Das alte Wissen ist immer da und darf durch uns Menschen erfahrbar werden. »Unser Land und seine Kraftplätze sind der Zugang zum Wissen unserer Ahnen. Diese Orte finden wir überall. Sie sind wie eine Bibliothek, in der wir der Weisheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begegnen, in der wir Heilung finden, unsere Potenziale erfahren und in unsere Essenz eintauchen können.«

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Seitenzahl: 322

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Annabelle Wimmer Bakic

Die Spur der Bienen

Meine Suche nach den spirituellen Wurzeln unserer Kultur

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Die Schamanin erzählt in ihrer spannenden Spurensuche, wie sich über die tiefe Verbindung zur Natur das heilige Wissen unserer Ahninnen und Ahnen offenbart.

Als junge Frau macht sich Annabelle Wimmer Bakic auf die Suche nach dem schamanischen Wissen hier bei uns. In Grönland wurde sie zur Schamanin initiiert, doch wie kann sie dieses Wissen auch zu Hause lebendig halten?

Eine Sammlung prähistorischer Steine ihres Großvaters öffnet ihr einen Raum. Sie taucht ein in die Welt der Kräuterheilerinnen und Weber, in die schamanische Pflanzenmagie. Die Bäume des Waldes übertragen ihr ihre heilende Medizin, und sie begegnet den durch alle Zeiten hindurch wirksamen Schicksalskräften, dem Gewebe, das hinter und in allem wirkt.

Schließlich macht die Schamanin Bekanntschaft mit einem wilden Bienenstock. Die Spur der Bienen führt sie in eine universelle uralte Weisheit zur Heilung von Körper und Geist für die Zukunft der Erde.

Ihr biografischer Erfahrungsbericht nimmt uns mit in die Wurzeln unserer eigenen Kultur, in das tiefe Verwobensein mit den Kräften der Natur. Das alte Wissen ist immer da und darf durch uns Menschen erfahrbar werden.

 

Inhaltsübersicht

Widmung

Gedicht

Motto

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Heilende Rezepte aus der Bienenapotheke

Honig

Propolis

Bienenwachs

Für meinen Mann, meine Töchter und meine Mutter

Vor mir liegt das Land,

und es regt sich tief in mir.

Es gibt keine feste Grenze.

Denn wir sind eins.

 

Ich stehe hier, um mich zu erinnern,

um diesem Land seine Kraft zurückzugeben,

damit auch ich wieder kraftvoll, stolz und frei sein kann.

 

Ich öffne mein Herz, um seiner Weisheit zu lauschen,

damit ich selbst weise werden kann.

 

Denn wir sind eins.

In Liebe für uns und unsere Welt

 

Unser Land und seine Kraftplätze sind der Zugang zum Wissen unserer Ahnen. Diese Orte finden wir überall. Sie sind wie eine Bibliothek, in der wir der Weisheit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft begegnen, in der wir Heilung finden und unsere Potenziale erkennen können. Ich habe nach dem Vermächtnis unserer Vorfahren gesucht und meine Bestimmung gefunden. Das Tor zum europäischen Schamanismus dabei weit geöffnet, damit wir alle in die Weisheit unseres Landes und die Muster der Schöpfung zurückfinden können – für eine neue Zukunft.

Prolog

Die Furchen der Borke kratzen auf meiner Haut. Sie fühlen sich rau und spröde an. Dennoch gibt mir der Stamm der alten Linde Sicherheit und Halt.

Ich nehme die zarten Fließkräfte wahr, wie sie leise hinter der Rinde im Innern des Baumes verlaufen. Sie strömen durch seine Zellen, mäandern nach oben und nach unten. Der Fluss trägt mich bis in die Spitzen der Krone hinauf, und ich spüre Luft, Licht und Weite. Ich werde zu einem Blatt, das im Wind schwingt, sich nach der Verschmelzung mit der Sonne sehnt. Folge ich dem Fluss nach unten, zieht es mich durch die kraftvollen Wurzeln in den Waldboden bis in die Tiefe. Hier umfangen mich Erdreich und Mutterboden und die Kraft der Steine.

Krone und Wurzeln vermitteln mir ein Gefühl der Verbindung. Ich bin aufgespannt zwischen Himmel und Erde, ausgedehnt und vernetzt bis in alle Ebenen hinein. Es ist eine absolute Verbindung, und ich weiß: Alles ist immer da. So war es schon, bevor ich geboren wurde, und so wird es sein, wenn ich nicht mehr bin. Ich nehme die unterschiedlichen Zeiten wahr, meine Zeit, die des Baumes, die der Erde und die des Himmels. Die Zeiten durchdringen sich und verbinden sich in mir an diesem Punkt des Bewusstseins.

Eine Biene fliegt an mir vorbei und bringt mich zurück in die Realität. Dann noch eine. Ich beobachte ihren Flug, folge ihrer Spur, beobachte, wie sie in die blühende Landschaft ausschwärmen, um Nektar zu sammeln.

Jedes Wesen hat seinen Weg, seine Aufgabe und seine Bedeutung innerhalb der Schöpfung, denke ich. Leben heißt, diesen Weg zu gehen, dieser Spur zu folgen, dieser Linie, die immer weiterfließt.

Es ist Lindenblütenzeit. Der Duft der weit geöffneten Blüten steigt mir in die Nase, herb und süß zugleich, verheißungsvoll. Ich lasse mich von ihm einhüllen. Es ist ein Duft von hellem Gelb, der die Zeit der Sommerwende wie eine Lichtspur durchzieht. Dieser Duft lässt mich hellwach und mit geöffneten Sinnen die sommerlichen Tage durchleben. Aber er bringt auch einen ruhelosen Schlaf und dichte Träume mit sich.

Ich sitze im Schatten der alten Linde. Selbst hier im Chiemgau können die Frühsommer heiß und trocken sein. Alles flirrt und sirrt um mich herum, vor allem aber die Bienen. Ich blicke den Stamm hinauf und sehe, dass sich in einer Baumhöhle ein wilder Stock eingenistet hat. Seine aufgefächerten Waben sind von einer dunkelbraunen Färbung.

Das Brummen wird lauter. Die Klang- und Duftwolken um mich herum wiegen hin und her, und die Bienen sind im Taumel. Trunken von Pollen, Nektar und Sonnenlicht.

Auch ich werde trunken, aber vom Summen des Stocks. Meine Gefühle und Gedanken beginnen zu schwärmen, und ich tauche tiefer ein in diese Welt der Bienen. Meine Sinne passen sich an. Ich rieche Töne, fühle Klänge und höre Gerüche, bis schließlich alle Empfindungen verschmelzen.

Nun nehme ich multidimensional wahr. Und fühle, wie ich zu einem Teil ihrer Gemeinschaft werde. Ich lasse mein Alltagsdasein als Mensch hinter mir. Die Begrenzungen von Körper, Seele und Geist lösen sich auf, mein Herz erzittert, dann explodieren Farben und Töne, Gerüche und Empfindungen. Ich selbst werde zu Farbe und Licht, Duft und Nektar. Ambrosia, summt es in mir, alles ist Ambrosia! Es fließt in mein Bewusstsein, nährt es, heilt es und dehnt es aus. In eine neue Dimension. Ein neues Potenzial entsteht. In mir selbst und um mich herum.

Ich spüre, wie die Bienen mich umschwirren. Sie umkreisen, umschwärmen mich, es werden immer mehr. Ihre Aufmerksamkeit ist auf mich gerichtet. Das Brummen wird zu einer Klangfolge, einer Melodie, die mich an etwas erinnern soll.

Was summen sie? Was sprechen sie? Was wollen sie mir sagen?

Ich kann den Gesang nicht entschlüsseln. Doch ihre Sprache berührt mich tief. Sie ist ein Teil von mir. Auch ich habe sie einst gesprochen.

Ich spüre eine tiefe Sehnsucht in mir, in dieses Wissen einzutauchen. Es ist uralt und war fast verschüttet, doch nun beginnt es sich zu regen. Allein: Ich finde keinen Zugang. Mir fehlt der Schlüssel zum Tor in dieses Reich, das sich in den Weiten meines Bewusstseins verbirgt. Dort, wo die archaischen, kollektiven und universellen, die vergangenen und zukünftigen Erinnerungen sitzen. Sie sind tief in die Lagen der Zeiten eingeschrieben, verborgen und geschützt in der Dunkelheit eines unendlichen Raumes. Diese Lagen sind wie dichte, undurchdringliche, miteinander verwobene Gewebe, in denen sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander verknüpfen. Dort gibt es keine Linearität. Alles ist multidimensional.

Doch ich vermag dieses Gewebe nicht zu durchdringen, die Lagen nicht zu lüften, keinen roten Faden zu finden, dem ich folgen könnte, sosehr ich es mir auch wünsche. Nur das Summen der Bienen leitet mich. Ich werde ihrer Spur folgen, dann kann Licht ins Dunkel dringen. Sie kennen den Weg in eine Dimension, in der Raum und Zeit außer Kraft gesetzt sind.

Ich spüre, wie ich in einen unbegrenzten Zustand hineinwachse, wie ein absolutes Gewahrsein entsteht, in dem sich alle Sinne rundum strahlenförmig ausdehnen. Und doch nehme ich eine Art Raum wahr, offen, aus Äther und Licht, der um mich herum atmet und pulsiert. Elektrisierend greift er auf mich über. Ich atme und pulsiere mit, fühle, wie meine Energien nach oben ziehen und ich in die Unendlichkeit hineinwachse.

Überall sind Bienen. Sie leuchten und glitzern, erfüllen die Luft mit ihrem Flügelschlag, mit ihren Stimmen, die zu mir sprechen. Und ich erkenne: Ich bin das Zentrum ihrer Welt, ich bin ihr Zentrum. Ich bin der Nabel, um den sich alles dreht …

 

Ich fahre aus dem Schlaf hoch. Noch ist tiefe Nacht, und ich zittere. Aber nicht vor Kälte. Mein Körper steht unter Strom. Der Traum steckt mir in den Knochen. Ich fühle die kribbelige Energie der Bienen in jeder Zelle. Mir ist heiß.

Was will mir der Traum sagen? Warum bin ich das Zentrum der Bienen? Wer bin ich überhaupt in diesem Traum? Bin ich der Stock, bin ich die Königin?

Lange noch liege ich wach und kann nicht einschlafen. Doch dann, endlich, senkt sich der Schlaf über mich, und ich tauche wieder in die Dunkelheit der Nacht ein.

1

Zurück im Leben

Das späte Aufbäumen des Winters hat den Innenhof unseres Mietshauses in München in eine weiße Landschaft verwandelt. Es ist früh am Morgen. Ich sitze am Fenster des Schlafzimmers und schaue dem Treiben der Schneeflocken zu. Auch in mir bewegt sich etwas. Ich denke an meine Reise durch das arktische Grönland, von der ich erst vor ein paar Wochen zurückgekehrt bin. Der Schnee hat mich sofort dorthin zurückversetzt. Ich erinnere mich, wie ich auf dem Schlitten mit dem Schamanen Ankaara durch die Weiten der eisigen Wildnis fuhr, um die heiligen Plätze der Ahnen zu besuchen.

Wärme durchflutet mich bei der Erinnerung. Grönland war so wunderbar, so großartig. Genau wie das, was ich dort erfahren durfte. Hier, in der Stadtwohnung, zurück im alten Leben, erscheint mir alles wie ein Traum. Habe ich das wirklich erlebt? Diese Frau auf dem Schlitten – war das tatsächlich ich?

Aufgebrochen bin ich kurz nach der Geburt meiner zweiten Tochter, als mir bewusst wurde, wie unerfüllt mein Leben damals war. Nicht weil ich meinen Mann und meine Kinder nicht liebte, sondern weil tief in mir etwas Elementares unerfüllt blieb. Ich spürte eine tiefe Sehnsucht nach mir selbst und machte mich auf den Weg nach Grönland. Angeführt von einem Schamanen der Inuit, besuchten wir die heiligen Plätze seiner Ahnen, und ich, endlich in meinem Herzen angekommen, wurde zur Schamanin.

Alles in dieser Zeit war bedeutsam, voller Sinn. So wollte ich auch hier in München leben. Doch zurück im Alltag, ist alles dahin. Das Leben ist ohne tiefere Bedeutung, fühlt sich schal und leer an, und ich bin wieder wie abgeschnitten von mir selbst, von meinen Erlebnissen, von meinen spirituellen Sinnen und Gaben. Nichts spricht mehr, nichts zeigt sich. Ich bin nicht mehr verbunden.

Wie soll das auch zusammengehen? Ich als Schamanin, die auf dem Schlitten durch eine Wildnis aus ewigem Eis reiste, und dann diese andere Annabelle, die moderne Frau in Deutschland, mitten in der Stadt, in einer Wohnung ohne Garten und mit Blick auf die Mülltonnen im Innenhof. Das kann doch nicht klappen! Ich finde keine Form, der Schamanin in mir Ausdruck zu verleihen, keine passenden Gedanken und Gefühle, keine Sprache mehr dafür. Dort war ich eine Magierin, hier bin ich Ehefrau und Mutter.

Kein Wunder, dass die Spirits, wie ich die Ahnen nenne, die mir in Grönland den Weg wiesen, schweigen. Auch sie erkennen mich nicht mehr. Die geistige Welt ist verstummt, genau wie ich selbst. Alles ist still, alles ist tot. Nur der Lärm der Stadt ist allgegenwärtig.

Ich muss etwas tun. So kann es nicht weitergehen. Aber was? Wie kann ich in diese neue, ureigene Identität als Schamanin zurückfinden, wie sie in meinem Alltag leben? Nicht irgendwo da draußen, in der eisigen Einsamkeit, sondern hier?

Ich seufze. Seit Wochen zermartere ich mir das Gehirn über diese Fragen, ohne jemals Antworten zu erhalten. Irrlichternd bewege ich mich zwischen zwei Polen, meinem grönländischen Abenteuer und meinem »normalen« Leben. Es sind zwei Extreme, die unvereinbar scheinen. Das Alte und das Neue finden keine Verbindung zueinander. Sie sind wie zwei getrennte Welten. Ich weiß nicht, wie daraus ein Ganzes werden soll, und fühle mich zutiefst gespalten, in zwei Hälften geteilt. Ich spüre eine tiefe Kluft, eine bodenlose Leere, die mich von innen heraus aufzusaugen droht.

Ein Rumpeln vor dem Fenster lässt mich zusammenzucken und reißt mich aus den Gedanken. Ich beobachte, wie zwei Männer von der Müllabfuhr in den Hof kommen. Sie ergreifen die gefüllten Tonnen, ziehen sie über den unebenen Boden Richtung Tor. Die Mülltonnen sind übervoll – wie ich. Meine Sinne sind verschlossen und quellen gleichzeitig über, fühlen sich übersättigt von den Geräuschen, Gerüchen und Botschaften der Stadt. Den Gefühlen vieler Menschen. In Grönlands Wildnis ist alles klar, rein und leer, geöffnet für die Transzendenz. Kristallines Atmosphärenleuchten auf allen Sinnesebenen. Hier kommt mir alles dicht und schwer vor wie im Nebel.

Wie kann ich eine Verbindung herstellen?, frage ich mich erneut. Wie eine Brücke schlagen, um beide Welten, Alltag und Spiritualität, miteinander zu verbinden?

Ich muss an Ginnungagap, die Urschlucht aus der Edda, denken, in der sich Feuer und Eis, Hitze und Kälte, Muspelheim und Niflheim verbanden und neues Leben, eine neue Welt entstand. Ein magisches Gemisch, eine Ursubstanz, aus der der Weltenbaum Yggdrasil erwachsen konnte.

Feuer und Eis müssen auch in mir verbunden werden, für eine neue Welt, für ein neues Leben. Doch wie kann ich diese Gegensätze vereinen? Wie in beiden Welten leben, ohne orientierungslos hin und her zu gleiten? Ich habe nicht den Hauch einer Idee.

Ein Moment auf dem Schlitten kommt mir in den Sinn, als wir fast am Ende unserer Reise angelangt waren. Wir fuhren durch einen Schneesturm, und die Schneeflocken summten wie ein Schwarm wütender Bienen um uns herum. Plötzlich setzte sich ein Kristall auf meinen Arm, leuchtete auf, und ich hörte ihn flüstern: »In dir steckt die ganze Welt. Du selbst bist das Tor zu diesem Wissen.« Hitze und Kälte, Vergangenheit und Zukunft, Alltag und Potenzial wurden mit einem Mal eins. In diesem Moment schien alles möglich. Meine Zukunft wurde Teil meines Selbst, und ich lebte dieses zukünftige Ich vollkommen.

Wo ist diese Verbindung zu meinem Ich nun geblieben? Ich sitze hier, um fünf Uhr morgens, und schaue in das nächtliche Dunkel einer Hinterhoflandschaft ohne Atmosphäre. Alles ist anders. Ich fahre durch keine magische Landschaft, bin nicht mehr im Zwiegespräch mit den Kräften der Natur und lebe mich nicht als Schamanin. Ich bin nur noch Alltagsmensch, der sich mit langweiligen Aufgaben und Pflichten herumschlägt. Hier gibt es keine spirituellen Energien oder heiligen Orte, deren Geheimnisse es zu erforschen gilt. In meinem tagtäglichen Leben herrscht das dichte Gedränge gesellschaftlicher Konventionen und sozialer Codes, die mir die Luft zum Atmen nehmen. Der ständige Informationsfluss schüttet meine Wahrnehmung zu, vernebelt mir die Sicht. Die Fühler meiner spirituellen Sinne sind eingefahren. Sie wollen sich schützen vor dem überreizenden, überwältigenden Dasein.

Aber es muss doch einen Weg geben!, denke ich trotzig.

In diesem Moment kommt mein Mann herein, um mich zu wecken. Er hält mir eine Tasse Kaffee hin. »Oje, das war wohl eine heftige Nacht«, sagt er und mustert mich nachdenklich.

»Kann man wohl sagen«, antworte ich mürrisch. »Aber an den Kindern lag es nicht, die haben ausnahmsweise mal durchgeschlafen.«

»Na, das ist doch schon mal was.« Stefan lächelt. »Worum geht es dann?«

»Wie soll das alles zusammengehen?«, bricht es aus mir heraus. »Mein Leben als Schamanin und das hier in Deutschland? Das funktioniert doch hinten und vorn nicht!« Ich trinke einen Schluck Kaffee und verbrenne mir prompt die Zunge.

»Es geht eben nicht alles auf einmal«, sagt mein Mann ruhig und legt mir eine Hand auf die Schulter. »Schritt für Schritt, dann wird es schon werden. Du willst immer alles sofort. Aber so geht das nicht. Überfordere dich nicht. Mach lieber einen Schritt nach dem nächsten.«

»Und was ist der nächste Schritt? Wo soll ich überhaupt anfangen?«

Er überlegt. »Erzähle den Menschen von deiner Reise und deinen Erlebnissen, so, wie du mir davon erzählt hast.«

»Ja, und dann?«, will ich unwirsch wissen. »Dann finden sie mich entweder seltsam oder wollen von mir geheilt werden. Beides ist nicht gerade verlockend. Außerdem, wie soll ich das alles schaffen mit den Kindern, den durchgemachten Nächten und der Arbeit? In zwei Monaten ist die Elternzeit zu Ende, dann muss ich wieder in die Firma. Wie soll das alles hinhauen?« Ich höre selbst, wie mutlos ich klinge.

»Das weiß ich im Moment auch nicht, Annabelle. Lass uns heute Abend noch mal sprechen.« Stefan küsst mich auf den Scheitel und verabschiedet sich, dann ist er weg.

Kurz darauf höre ich aus dem Kinderzimmer ein Rufen. Die Mädchen sind wach. Meine Töchter, ein und drei Jahre alt, sind wunderschön und einzigartig, aber eben auch echte Racker, und so komme ich nicht dazu, mir weiter Gedanken zu machen. Erst nach dem Mittagessen, als beide selig in ihren Bettchen schlummern, kann ich bei einer Tasse Tee die Gedanken wieder wandern lassen.

Wie kann es mir gelingen, den Weg meines Herzens zu gehen? Es hört sich so poetisch an, ist aber alles andere als einfach. Womöglich ist es auch ein bisschen naiv. Wen kenne ich schon, der bedingungslos den Weg seines Herzens geht? Ich stutze. Eigentlich nur mich selbst und auch nur auf dieser Reise durch die Arktis. Dort habe ich alle inneren und äußeren Grenzen überwunden und das gelebt, was ich bin.

Ich muss an die Prophezeiung der Rentierältesten denken und habe erneut die knarzende Stimme Anikasas im Ohr, als sie mir meine Aufgabe und die Weissagung übertrug: »Wenn das Eis schmilzt, ist die Zeit des großen Wandels gekommen. Dann geht es um das Überwinden aller Grenzen und Begrenzungen für die große Einheit, in uns selbst und für die Welt.«

Dieses Wissen soll ich in die Welt bringen – das ist die Aufgabe, die mir übertragen wurde. Aber wo ist diese Weisheit in mir? Wie soll ich etwas verkünden, das ich selbst nicht mehr spüren, geschweige denn leben kann?

Ich habe einen Kloß im Hals und trinke schnell einen Schluck Tee. Vielleicht hat Stefan recht, und ich will zu viel auf einmal: die große Schamanin spielen, aus dem Vollen schöpfen, von null auf hundert durchstarten. Wie aus dem Nichts heraus eine neue Identität entfalten und eine andere Realität erschaffen. Er hat recht, das ist zu viel auf einmal.

Aber nichts tun ist auch keine Lösung. Ich werde also in kleinen Schritten beginnen. Das tun, was naheliegend ist. Erst einmal etwas Altes zurücklassen, damit Raum für Neues entsteht. Nur was könnte das sein?

Sofort fällt mir meine Stelle im Familienunternehmen ein. Schon seit Längerem bin ich unzufrieden mit dieser Arbeit, die mich inhaltlich nicht befriedigt, auch wenn sie gut bezahlt ist. Aber es wäre gar nicht so einfach, diesen Job wieder loszuwerden. Zum einen müsste ich mich vor der Familie erklären, zum anderen würde Stefan und mir das zusätzliche Einkommen fehlen.

Dennoch spüre ich, dass diese Entscheidung den Raum schaffen wird, den ich benötige, um meine neue Identität zu entfalten. Nicht als grönländische Schamanin, sondern als das, was ich bin: Bayerin, Deutsche, Europäerin. Und da es hier keine traditionellen Vorbilder gibt, werde ich sie durch mich selbst neu erfinden müssen.

 

Abends, als Stefan zu Hause ist und die Mädchen schlafen, sitzen wir bei einem Glas Wein zusammen. Ich erzähle ihm von meiner Idee, nicht ins Unternehmen zurückzukehren.

»Na, dann los! Ich unterstütze dich«, sagt Stefan leichthin und trinkt einen Schluck Rotwein.

»Und wie sieht es finanziell aus? Schaffen wir das? Ich werde am Anfang sicherlich nicht viel Geld als Schamanin verdienen«, gebe ich zu bedenken.

»Das wird sich schon finden. Und wir haben doch ein wenig gespart«, erwidert mein Mann entspannt.

Ich bin sprachlos. Weil mir die Worte fehlen, ich meinem Impuls aber nachgeben muss, beuge ich mich vor und ziehe Stefan in eine innige Umarmung. »Du bist unglaublich«, flüstere ich und spüre, wie mir das Herz aufgeht. Dann wird mir schlagartig bang. »Aber was erzähle ich meiner Familie? Ich kann doch nicht einfach sagen, dass ich kündige, um von nun an als Schamanin zu arbeiten. Die werden mich für verrückt erklären!«

Er überlegt ein wenig und schlägt dann vor: »Du könntest sagen, dass du die Elternzeit um ein Jahr verlängern möchtest. Das ist sicher kein Problem. Dein Vater ist in diesen Dingen sehr konservativ.« Stefan zwinkert mir zu.

Ich bin begeistert. »Du hast recht. Und wenn das mit der schamanischen Arbeit nicht funktionieren sollte, könnte ich wieder zurück in meinen alten Job.« Einmal in Fahrt gekommen, frage ich gleich weiter: »Was ist der nächste Schritt? Was würdest du an meiner Stelle tun?«

Stefan trinkt, kostet den Geschmack des Rotweins aus und wiederholt, was er heute Morgen gesagt hat: »Fang an, deine Geschichte zu erzählen, die Leute an deiner Reise, an deinen Erlebnissen teilhaben zu lassen und sie für diese neue Sicht auf die Welt zu begeistern. Wenn sie dann selbst diese Erfahrung machen wollen, bietest du ihnen eine Sitzung an.«

Ich starre ihn an. »Was soll ich denn mit ihnen machen?«

Er lacht leise. »Sag ihnen, was du siehst. Schließlich bist du doch eine Seherin, oder?«

Ich bin nicht so begeistert von der Idee. »Das ist doch viel zu intensiv. Ich sehe ja nicht nur das Schöne, sondern auch die Probleme und Blockaden. Von denen will keiner hören.«

»Dann musst du eben deinen Blick verändern«, antwortet Stefan. »Ihn auf die Potenziale der Menschen richten und es für sie im Jetzt und Hier passend machen.«

Er hat, wie immer, gute Ideen. Und doch weiß ich nicht, wie ich das alles umsetzen soll. Nachdenklich nage ich an meiner Lippe. »Es ist vermutlich einfacher, auf bestehende Methoden oder bewährte Werkzeuge zurückzugreifen. Dann bin ich nicht nur von meinen Sinnen abhängig. Oder?«

»Das kommt. Wart nur ab. Hab Vertrauen und Geduld«, äußert Stefan zuversichtlich, trinkt den letzten Schluck und erhebt sich vom Tisch.

Das Gespräch klingt in mir nach, während ich die Zähne putze. Vor allem die Idee der Werkzeuge und Methoden. In Grönland habe ich nichts erlernt, was mir für eine Sitzung dienlich sein könnte. Von traditionellen Heilern und Schamanen in unseren Breiten habe ich auch noch nie etwas gehört. Ich muss also eigene Methoden entwickeln. Aber das kann ich nur, wenn ich anfange, mit Menschen zu arbeiten. Ach, es ist doch wie verhext!

Ich überlege weiter. Ich könnte auch bei einem anderen Schamanen in die Lehre gehen. Ja, das ist eine gute Idee. So oder so, es geht darum, endlich etwas zu tun und meiner eigenen Kraft zu folgen. Nicht mehr hin und her zu wabern und zwischen Sehnsucht und Unvermögen gespalten zu bleiben. Es ist Zeit, meinen Mut zusammenzunehmen und den nächsten Schritt zu tun.

Ich spüre, dass ich eine Entscheidung fälle – im selben Moment fällt eine Last von mir ab, und Zuversicht macht sich in mir breit. Seit Wochen fühle ich mich zum ersten Mal wieder gut und gewappnet für die Aufgaben, die vor mir liegen. Ich bin bereit, der Welt meine Dienste anzubieten.

 

Am nächsten Morgen bringe ich meine ältere Tochter in den Kindergarten. Ich fühle mich großartig. Nun weiß ich wieder, was ich will, und so bin ich gesprächig und freue mich, den anderen Eltern zu begegnen und mich mit ihnen zu unterhalten.

Mit Gretas Mutter, Helena, bleibe ich etwas länger am Zaun des Kindergartens stehen. Nach einigen Minuten, in denen wir über alles Mögliche reden, sagt sie: »Du strahlst heute so. Ist irgendetwas passiert?«

Huch. Ich fühle mich ertappt. Aber ich werde ihr jetzt garantiert nicht erzählen, dass bei mir gestern der Knoten geplatzt ist und ich beschlossen habe, endlich meine schamanische Gabe in die Welt zu bringen. Das ist kein Thema für den Kindergartenzaun, noch dazu mit einer flüchtigen Bekannten.

»Nein, nein«, wiegele ich ab. »Mir geht es einfach nur gut, und das Wetter ist so schön. Außerdem habe ich durchgeschlafen, das allein hebt meine Laune.«

Helena geht darauf gar nicht ein und fragt mich auf den Kopf zu: »Ich habe gehört, du warst in Grönland?«

Ich lächle schief. So viel zu meinem Vorhaben, meine Geschichte nicht zwischen Tür und Angel zu erzählen. »Das stimmt, und ich bin noch gar nicht so lange zurück.«

»Was macht man denn in Grönland, noch dazu im Winter?«, bohrt Helena nach.

Einen Moment lang zögere ich. Es wäre ein Leichtes, ihr von einer Rundreise zu erzählen. Oder einem lang gehegten Traum. Aber das wäre nicht wahr, das wäre nicht ich. Und wollte ich nicht endlich mit meiner Gabe sichtbar werden?

Also los.

»Ich bin mit einem Schamanen gereist, und wir haben die heiligen Plätze der Inuit besucht«, erkläre ich etwas atemlos.

»Das ist ja spannend!« Helenas Augen werden groß. »Wie kommst du denn dazu?«

Wieder brauche ich einen Moment, um mir die passenden Worte zurechtzulegen. Dann gebe ich mir einen Schubs. »Ich bin selbst Schamanin«, erkläre ich ein wenig schüchtern. »Bei der Reise ging es darum, altes Wissen für unsere heutige Zeit zu bergen.«

Helena reißt die Augen auf. »Du bist Schamanin? Arbeitest du auch mit Menschen?«

Augen zu und durch! »Ja, ich arbeite manchmal auch mit Menschen.« Mein Schlittenführer Ogi kommt mir in den Sinn, und ich denke: Ist nicht mal gelogen.

Helena lässt nicht locker. »Wie genau arbeitest du?«

Ich weiß nicht, was ich sagen soll, grabe in meinem Hirn nach einer Antwort. Aber ich habe keine Idee, keine Inspiration, alles schweigt.

Doch dann höre ich, tief in mir und um mich herum, ein Summen. Es ist sonor und versetzt meine Synapsen in Schwingungen, öffnet in mir Zugänge, löst Begrenzungen auf, und plötzlich fließen die passenden Worte. »Ich bin auf die Seele spezialisiert«, sage ich, als wäre es das Natürlichste der Welt. »Es geht für uns Menschen darum, alle Ebenen zu verbinden, damit wir bei uns ankommen und in unserem Herzen Platz nehmen können.«

Ich bin von mir selbst überrascht. Wo kam das denn her? Offensichtlich habe ich das Richtige gesagt, denn Helena strahlt.

»Das bedeutet, du kannst die Seele sehen und erkennen, was sie braucht? Oder warum sie blockiert ist?«

Ich nicke etwas verlegen. »Im Grunde ja.«

Helenas Augen sprühen nun förmlich. »Könntest du dir vorstellen, mit mir zu arbeiten? Ich möchte so gern glücklich sein, aber es will mir einfach nicht gelingen!« Sie seufzt.

Ich denke: O mein Gott, das hört sich aber herausfordernd an! Doch schon öffnet sich mein Mund, und die Worte purzeln heraus: »Das kann ich mir gern einmal ansehen.« Ich sage das in einem Tonfall, als wäre ich schon seit Jahrzehnten darauf spezialisiert, menschliche Seelen zu begutachten.

Was habe ich getan? Ich spüre, wie mir heiß und kalt wird. Nun gibt es keinen Weg zurück mehr.

Helena zückt ihr Handy. »Prima, dann lass uns einander treffen! Wo und wann?«

Ich denke nach. Ein wenig Vorlauf wäre nicht schlecht, um meine erste offizielle Sitzung vorzubereiten. »Freitagvormittag habe ich Zeit. Komm doch zu mir nach Hause«, schlage ich zu meiner eigenen Überraschung vor.

Helena nickt, notiert sich meine Nummer und die Adresse und geht dann beschwingt davon. Ich starre ihr hinterher und frage mich: Bin ich von allen guten Geistern verlassen?

2

Schatten aus einer anderen Zeit

Ich sehe nichts. Gar nichts! Sosehr ich mich auch konzentriere, bleiben mir die Regungen, die Geschichte und die Zukunft von Helenas Herz verborgen.

Es ist Freitagvormittag. Ich habe unser Wohnzimmer aufgeräumt, eine Bienenwachskerze entzündet und mich eingestimmt. Nun duftet der Raum, und Helena sitzt vor mir auf der Couch, die Augen hoffnungsvoll geschlossen, den Kopf hingebungsvoll in den Nacken gelegt. Ich fühle ihre Erwartung. Aber je mehr ich sie spüre, desto weniger kann ich mich konzentrieren.

Angst steigt in mir auf. Und jetzt?! Was ist, wenn ich nichts anzubieten habe? Panik will sich in mir breitmachen. Ich versuche sie wegzudrücken und fokussiere mich wieder auf Helenas Herz. Aber ich fühle rein gar nichts.

Vielleicht geht es ja gar nicht um ihr Herz. Ich atme tief durch und versuche, sie im Ganzen zu spüren, zu ihrem Körper, ihrer Seele und ihrem Geist eine Verbindung aufzubauen. Doch alles, was ich sehe, ist, wie ihr Blut rhythmisch durch eine Ader am Hals fließt.

In epischer Breite hat mir Helena am Anfang unserer Sitzung erklärt, dass sie nie fühlen kann, was gut für sie ist. Dass ihr Herz schweigt, liege an ihrer Mutter, das habe sie schon mit einem Psychologen besprochen. Aber auch die Therapie habe nichts genutzt, immer wieder treffe sie die falschen Entscheidungen, weil ihr die Sprache des eigenen Herzens verborgen bleibe.

»Das Schamanische hat ja mehr Möglichkeiten«, schloss sie ihre Rede. »Ich hoffe, mit deiner Hilfe endlich den Durchbruch zu schaffen.«

Der Erwartungsdruck setzt mir zu. Noch schlimmer ist, dass ich mich selbst in diese Lage gebracht habe. Als Schamanin glänzen wollte. Dass ich nicht lache. Wie soll das gehen, wenn ich nichts sehe oder spüre? Eine Schamanin, die nichts wahrnehmen kann, das ist eine Katastrophe! Und peinlich noch dazu.

Als ich kurz davor bin, einfach abzubrechen, höre ich auf einmal wieder dieses Summen. Wie in meinem Traum und vor ein paar Tagen am Zaun des Kindergartens. Sind das Bienen? Ich glaube ja. Sie schwärmen. Ich bemerke, wie sich innerlich etwas in mir öffnet, mein Bewusstsein nach oben zieht und sich ausdehnt. Alle Begrenzungen einfach wegfallen. Und dann entsteht, wie aus dem Nichts, ein Impuls. Ich möchte Helena die Hand aufs Herz legen, obwohl ich so etwas noch nie zuvor gemacht habe und nicht weiß, worauf das hinauslaufen soll. Dennoch frage ich sie, ob es ihr recht wäre.

»Ja natürlich, mach einfach«, antwortet sie.

Also lege ich ihr meine Hand auf den Brustkorb und spüre nach kurzer Zeit, wie sich Energie und Wärme darunter aufbauen. Meine Hand wird heiß und fängt an zu prickeln. Wie Nadelstiche tanzt es unter meiner Handfläche. Intuitiv leite ich diese Kraft zurück und gebe sie wieder an Helena ab. Ich spüre, dass ein regelrechter Kraftstrom entsteht, der immer stärker zu fließen beginnt. Dann höre ich, wie sich Helenas Atmung verändert. Sie atmet schneller und intensiver. Auf einmal spannen sich ihre Gesichtszüge an. Ich sehe, dass sie Schmerzen hat. Was passiert da gerade? Ist das richtig? Kann ich ihr wehtun?

»Ist alles in Ordnung?«, will ich wissen.

»Es ist so eng in meiner Brust«, keucht sie. »Ich fühle mich wie eingesperrt und bekomme kaum noch Luft.«

Das hört sich nicht gut an. Was soll ich tun? Die Hand wegnehmen? Aber die ist wie festgeklebt. Sosehr ich mich bemühe, sie rührt sich nicht vom Fleck. Was mache ich hier?!

Ich schließe die Augen und fokussiere mich. Als ich ruhiger werde, kommt die Erinnerung zurück. Ich kenne dieses Gefühl von der Verbindung zum heiligen Berg. Es fühlt sich genauso an wie damals. Und so weiß ich, es gibt nur eine Lösung. Ich sage: »Lass los. Versuche, nicht festzuhalten, mach auf und lass es fließen. Alles darf raus, alles darf gehen.«

Ich fühle Helenas Ringen, doch dann spüre ich, dass sie tatsächlich loslässt. Ich bemerke, wie sich die Energien entfalten und in sie einfließen können, wie sich die Begrenzungen um ihr Herz lösen. Wie ein Stromschlag fährt es durch sie hindurch – und Helena stöhnt auf. Dann sackt sie nach vorn und bricht in Tränen aus. Sie laufen in Strömen über ihre Wangen und benetzen ihr Gesicht.

Etwas erschrocken setze ich mich neben sie und halte sie fest, bis sie sich beruhigt hat. Als ihre Atmung wieder regelmäßig geht, schlägt sie die Augen auf, lächelt und blickt mich mit klarem Blick an. Der Ausdruck darin ist vollkommen verändert. Gelöst, geklärt und von innen heraus strahlend.

Ich atme erleichtert aus. Mein lieber Scholli, denke ich und muss mich zusammenreißen, um nicht aufzustehen und mich auszuschütteln. Ich fühle die Anspannung in jeder Faser, mein Körper ist völlig verkrampft. Dennoch versuche ich, locker und normal zu wirken.

»Geht es dir besser?«

Helena schüttelt ungläubig den Kopf. »Viel besser. Was hast du mit mir gemacht?«

»Nichts Besonderes«, antworte ich ein wenig ratlos. »Ich habe einfach die Hand aufgelegt.«

»Das habe ich gespürt. Und auch, wie deine Energien durch mich hindurchgeströmt sind. Sie haben mein Herz geöffnet. Ganz alte Wunden durften heilen, das konnte ich spüren. Jetzt fühlt sich alles offen und frei an. Endlich bin ich wieder mit meinem Herzen verbunden, das erste Mal seit langer Zeit.«

Ich freue mich darüber, doch insgeheim ist mir nicht wohl. Was habe ich getan – und vor allem, wie?

Helena ist nicht zu bremsen. »Du hast heilende Hände! Weißt du das? Ich kann es nicht glauben. Ich habe viel ausprobiert, bin schon lange auf der Suche, aber so was habe ich noch nie erlebt. Du bist eine echte Heilerin.«

 

Als Helena weg ist, nehme ich mir die Zeit, darüber nachzudenken, was gerade passiert ist. Ist überhaupt etwas passiert, oder bildete Helena sich das alles nur ein?

Langsam, eins nach dem anderen, mahne ich mich zur Ruhe und gehe in Gedanken noch einmal durch, was sich gerade abgespielt hat. Ich bin einem Impuls gefolgt, habe die Hand aufgelegt und gespürt, wie sich Energien darunter aufbauten. Die habe ich fließen lassen. Dann löste sich etwas Tiefsitzendes in Helena. Ihre Reaktion war heftig, und auch ich war ein wenig erschrocken über meine Kraft.

Wie kann ich Energien wie diese kontrollieren? Ist das überhaupt möglich? Woher kamen sie, und was ist ihre Aufgabe? Und wenn mich jemand fragt, was ich da eigentlich tue? Wie kann ich meine Handlungen erklären und verantworten? Diesmal ist alles gut gegangen. Aber es könnte auch ins Gegenteil umschlagen. Und dann? Wie kann ich den Menschen und mir selbst die nötige Sicherheit geben, wenn ich selbst nicht weiß, was genau ich tue und wie das Ganze funktioniert?

Die wichtigste Frage aber ist: Ist überhaupt etwas passiert, oder haben Helena und ich uns das nur eingebildet? Dann wären meine Behandlungen nicht mehr als esoterischer Hokuspokus, bei dem das passiert, was man sich erhofft, was man glauben will. Diese Art von Glauben hat Menschen schon auf manchen Irrweg geführt.

Die Unsicherheit, das Nebulöse entsprechen mir gar nicht, sie hinterlassen ein unklares, ungutes und schales Gefühl in mir. Wieder nagen Zweifel an mir, auch wenn Helena offenbar zufrieden ist. Hat sich mir soeben eine neue spirituelle Fähigkeit gezeigt? Worauf ist zu achten, wie kann ich sie bewusst einsetzen? Fragen über Fragen.

Eine Heilerin hat Helena mich genannt. Bin ich das? Bin ich eine heilende Schamanin, eine, die durch Handauflegen arbeiten soll? Schon der Begriff Heilerin behagt mir nicht. Er impliziert ein Versprechen, dem ich mich nicht gewachsen fühle, das ich sogar ablehne, weil es dem Menschen die Kraft der Selbstermächtigung und der Eigenverantwortung abspricht, ihm den Zugang zu den eigenen Möglichkeiten verwehrt. Diese Kraft aber ist elementar, wie ich selbst erfahren habe. Ich habe erlebt, dass sie imstande ist, alles zu verändern, Realitäten zu verschieben und neue Dimensionen zu eröffnen. Es ist die größte Gabe, die wir haben. Mit genau dieser will ich die Menschen verbinden. Eine Kraft wecken, die Teil ihres Bewusstseins ist.

Ich halte verdutzt inne. Vielleicht geht es in Wahrheit gar nicht um die Heilung der Seele. In der größten Not eilte ich Ogi zu Hilfe und holte seine Seele zurück ins Leben. Aber das war eine Extremsituation. Möglicherweise liegen meine Aufgaben ja woanders. Ich weiß sicher, dass ich eine Seherin bin. Aber bin ich auch eine Heilerin? Und wenn ja, über welche Gaben und Möglichkeiten der Heilung verfüge ich? Das Handauflegen hat zumindest gewirkt. Vielleicht sollte ich Ankaara, den grönländischen Schamanen, dazu befragen. Er wüsste es bestimmt …

Doch kaum habe ich den Satz gedacht, regt sich Widerstand in mir. Auf keinen Fall! Ich spüre, wie sich alles in mir sträubt. Außerdem haben indigene Schamanen ein ganz anderes Verständnis von Heilung. Ich möchte etwas für mich finden, etwas, das zu unserer Kultur passt. Ich bin Bayerin, Deutsche und auch ein wenig Osteuropäerin. Mein Ziel ist es, den Menschen unseres Kulturkreises schamanische Arbeit näherzubringen und dafür die passenden Werkzeuge zu finden. Eine interessante Überlegung. Wie würden schamanische Heilungen und Rituale bei uns aussehen? Was macht eine Heilerin in unseren Breitengraden aus?

Vor meinem inneren Auge erscheint ein Bild. Ich erkenne eine Frau in altertümlicher Kleidung, sie ist aus einer anderen Zeit. Menschen umringen sie. Und ich erkenne, dass sie die Frau verspotten, sie auslachen und beschimpfen, sie mit Erde bewerfen und mit Schimpf und Schande davonjagen. Ich spüre die Hitze der Scham, ihrer Scham, in mir auflodern, sie brennt auf meinen Wangen, als wäre ich diese Frau. Dahinter nehme ich eine tief sitzende Angst wahr, die sich meiner bemächtigen will. Es ist die Angst, mich lächerlich zu machen, unglaubwürdig zu sein, als Schwindlerin verspottet zu werden. Und Schlimmeres …

Ein inneres Feuer lodert in mir auf. Panik macht sich in mir breit. Ich muss aufstehen und mich bewegen. Mit klopfendem Herzen springe ich auf. Das Haus, das Zimmer, alles wird mit einem Mal zu eng. Ich renne los, die Treppen hinunter, schlüpfe in die Schuhe, reiße die Jacke vom Haken und mache mich auf den Weg in den Stadtpark, um die unangenehmen Gefühle loszuwerden. Ich stürze so kopflos aus dem Haus, dass ich sogar vergesse, einen Schal mitzunehmen. Erst nach Minuten werde ich ruhiger.

 

In der Nacht sinke ich in einen tiefen, bleiernen Schlaf. Dichte Traumbilder suchen mich heim. Ich stehe in einer winterlichen Landschaft mit schneebedeckten Wiesen und Feldern. Auf einem Baum vor mir sitzt eine Krähe auf dem kahlen Geäst. Sie wippt im Wind. In der Ferne höre ich Rufe und Schreie und sehe, wie eine große Rauchwolke am Horizont aufsteigt. Der Geruch von Holzfeuer weht zu mir herüber, es riecht verbrannt.

Ich bin zu weit weg, um zu erkennen, was dort vor sich geht. Etwas Gutes kann es nicht sein, das weiß ich instinktiv und spüre, wie ich in der eisigen Kälte der Winternacht zu schwitzen beginne.

Die Krähe schaut mich an. Ihre glänzenden Augen sind schwarz wie Tollkirschen und von einer Tiefe, die jenseits von Raum und Zeit liegt. Ich verbinde mich mit ihr, verschmelze mit ihrem Blick und fühle einen Sog, der mich zu ihr zieht, mich mit ihr verschmelzen lässt.

Einen Wimpernschlag später sitze ich selbst als Vogel auf dem Ast und wippe im Wind. Dann spanne ich meine Flügel auf und erhebe mich in die Luft. Ich fühle den Wind unter den Federn, richte mich auf die Rauchwolke aus, fliege direkt darauf zu. Als ich näher komme, nehme ich unterschiedliche Temperaturen im Gefieder wahr. Durch die beißende Kälte dringt die Wärme des Feuers, die immer stärker wird.

Als ich ins Zentrum des dichten Rauchs eintauche, kann ich die sengende Hitze unter mir wahrnehmen. Das Feuer ist gewaltig und lodert. Die Funken sprühen um mich herum, obwohl ich weit oben in der Luft bin. Ich gleite durch den dichten Rauch und erkenne unter mir, dass Menschen um das Feuer stehen, rufen und schreien. Ich will gar nicht wissen, was da vor sich geht, und wende mich ab.

Mit kräftigen Flügelschlägen fliege ich weiter, lasse die lodernden Flammen und diesen Ort hinter mir, schwebe über Wiesen und Wälder. Ich bin frei. Das ist das Einzige, was ich denke. Die Wipfel der Tannenspitzen, die sich dunkel und mächtig aus dem nächtlichen Wald in den Himmel erheben, streifen meine Klauen, und mein Herz öffnet sich. Ich bin auf dem Weg, auf dem Weg in die Freiheit.