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»Sublimieren wir nicht alle?«, denke ich mir, und das interessiert mich. Die ganze Welt kennt Leonardo da Vinci. Doch wie lebte und wen liebte er? Wurde er froh und glücklich in dem was er tat? In seinem langen Leben bewies er Beharrlichkeit und langen Atem zur Genüge, und er versuchte hier und dort »den Fuß in die Tür zu kriegen«. Vielleicht ist vieles was wir tun erfolglos, doch sicher nicht vergebens. In einem seiner Notizbücher findet sich der Sinnspruch: »Das Böse, das mir nicht schadet, ist wie das Gute, das mir nichts nützt.« (Nicholl, 2015, 550; zit. nach: M 4r; dt.: Lücke, 852) Herrlich. Was er in dieser, seiner Pariser Handschrift M niederschreibt, ist wie für mich gemacht. Versuch und Irrtum, das Scheitern als Lebenskonstante, das könnte unsere gemeinsame Schnittmenge sein. So will ich mich mit dem großen Meister auseinandersetzen und widme ihm diese Arbeit zum 500sten Todestag am 2. Mai 2019.
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Seitenzahl: 197
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Nicola,
und dem Genie aus Vinci zum 500sten Todestag gewidmet.
Vorwort
Einleitung
Beginne mit Freud
Unbewusstes
Die infantile Sexualentwicklung oder »... der Ödipus, der den Vater tötet und mit der Mutter schläft.«
Identifizierung und Charakterzüge
Heterosexuelle Kultur oder »...die Vorherrschaft der heterosexuellen Matrix.«
Untergang des Ödipus
Die Moral zügelt uns
Unsere prähistorische Vorzeit
Leonardo, ein besonderer Italiener
Caterina
Kindheit in Vinci
Onkel Francesco
Die Kunst der Beobachtung
Lehrzeit
12 Jahre bei Verrocchio
Denunziationen
Die eigene Werkstatt
Militäringenieur
Reporter
Die Mätresse des Herzogs
Der menschliche Körper
»Ball der Planeten«
Mailänder Werkstatt
Der »Mann für Special Effects«
Die nächste Bedrängnis
»Anna Selbdritt«
Bewegte Zeiten
»Die Cioconda«
»Mona Lisa« der Kassenschlager
Die Renaissance
Das Leben der Madonna Lisa
Anghiarischlacht
Fliegen als Flucht
Die »Kindheitserinnerung«
Eine Skandalgeschichte der Vergangenheit
Die Geierphantasie
Das Missverständnis mit dem Vogel
Vasari
Der Entertainer
Melzi
Der hässliche Engel
Leonardo »die Legende«
† 2.Mai 1519
2009 entstand an der Universität Wien eine Seminararbeit mit dem Titel: Die Sublimierung des Leonardo. Mona Lisa und ihr Lächeln.1 Es war dies die Arbeit einer spätberufenen Studentin. Wir müssen sie uns vorstellen, als eine Person, die im Aufbruch der 70er-Jahre Arbeiterkind, in der Blüte der 80er-Jahre unbeschwert und frei, und in den erntereichen 90er-Jahren weder Mentor noch Anschluss fand. Niemand holte sie ab. Niemand nahm sie mit. So tümpelte sie herum, mäanderte hin und her, bis sie – Cordula, die Spätberufene – genügend Kraft und Motivation sammelte, schließlich maturierte, studierte, und sich selbst aus Wissbegierde immer weiter antrieb, und als eine solche, heute eben nur eine Cordula sein kann. Dieser besagten Cordula, diesem Proseminar vor nunmehr 10 Jahren und dem 500. Todestag des großen Leonardo am 2. Mai 2019 ist es geschuldet, dass dieses Buch entstand.
Die Geschichte erhebt keinen wissenschaftlichen Gesamtanspruch und kann gar nicht allumfassend sein. Sie ist zwar biographisch, als Biographie jedoch gewiss nicht vollständig. Dennoch ist sie geeignet, Leonardos Leben mit anderen Augen zu sehen, und dadurch die möglichen Widrigkeiten unseres heutigen Lebens viel besser zu verstehen, denn nur eine verständliche Geschichte kann uns im Leben weiterbringen. Diese, wie die der Cordula, lässt viel Raum für Ungesagtes, viel Raum für Nuancen, viel Raum für Zweideutigkeiten und Interpretationen. Die Bitterkeit der Erfahrung ist es, die sie – die Cordula - immer wieder antreibt, mehr Erkenntnisse zu erlangen, zu destillieren, zu konzentrieren und aufzupolieren, um damit - ganz wie die Spitze eines Eisberges - an die Oberfläche zu gehen, und sich ihren Mitmenschen – und seien dies auch noch so wenige an der Zahl – anzunähern und ihre Erkenntnisse mit ihnen zu teilen, denn: »Die Liebe zur Sache erwächst [immer erst] aus der Erkenntnis.«2 [nach Leoardo da Vinci]
Im Wissen der Überholtheit so mancher Freud’scher These, möchte sie sich trotzdem und ganz bewusst seiner bedienen, denn hier in Leonardos Fall scheinen sie geeignet, ihr beim Verstehen behilflich zu sein. Das heutige Miteinbeziehen der Freud’schen Erklärungen erfolgt demnach hier ganz auf eigene Gefahr.
1 Danov, 2009
2 vgl. Nicholl, 2015, 560; zit. nach: RL 19063; dt.: Lücke, 88; R 1210; dt.: Lücke, 18
Es gibt viele Bücher über den großen Leonardo da Vinci. Der geniale Künstler ist heute genauso omnipräsent und allgegenwärtig, wie vor 500 Jahren. Seit Jahrhunderten ist er der gefeierte Meister, der Meister aller Meister. Und doch, wer weiß schon, wer er wirklich war? Seine Biographen betonen stets »historische Ungenauigkeiten« gepaart mit vielen »weißen Flecken im Lebenslauf«, mindestens jedoch »Unklarheiten«, vielseitig und profunde gedeutet. Gleichzeitig scheint es mir so, als gäbe es selten über ein Genie einen so »umfangreichen Nachlass«, als dies bei Leonardo der Fall zu sein scheint. Einerseits können wir bei ihm »aus dem Vollen schöpfen«, andererseits müssen wir interpretieren. Vielleicht ist die Erkenntnis stets interpretieren zu müssen, die wahre Erkenntnis, sozusagen »die G’schicht an der G‘schicht«.
Leonardo da Vinci war ein Genie. Seine Skizzen3, Heftseiten und natürlich seine Gemälde beschäftig(t)en Kunsthistoriker, Philosophen, Philologen, Wissenschaftshistoriker und viele andere Fachdisziplinen. Die Ergebnisse sind zahlreich. Keine Biografie kann sie alle erschöpfend dokumentieren.4 100.000 Skizzen und 7.000 Heftseiten blieben erhalten, wer weiß wie viele es vielleicht noch gäbe, wüsste man wo. Viele Manuskripte sind verschollen. Vielleicht überrascht er uns noch einmal mit Erstaunlichem? Vielleicht taucht noch etwas auf, wer weiß. Doch jeder Winkel auf der Welt scheint durchforstet, jede diesbezügliche Entdeckung scheint gemacht. Egal wozu oder über wen wir forschen, es forschten vorher schon etliche. Das eigene Verstehen hingegen ist immer erfreulich jungfräulich.
Das Genie Leonardo war auch ein ganz normaler Mensch. Und dieser Mensch – wie du und ich – ist es, der mich interessiert. Er war der Meister und damit automatisch einer aus der gehobenen Klasse, möchten wir heute denken. Hatte er es deshalb leicht im Leben? Lebte er gerne? Wurde er glücklich im Leben? Das sind die interessanten Fragen. So wühle ich mich durch verschiedene Werke und schon allein die Auswahl derselben ist schwierig. Vermutlich wurde »über keinen Künstler so viel geschrieben wie über Leonardo«.5 Gefährliches Terrain also und verdammt dünnes Eis, sich als Nicht-Kunsthistorikerin da anzunähern. Doch ich nehme die Herausforderung an. Hier halte ich es mit Graham Greene: »Manchmal frage ich mich, wie alle jene, die nicht schreiben, komponieren oder malen, es zuwege bringen, dem Trübsinn und der panischen Angst zu entfliehen, die dem menschlichen Dasein innewohnen.«
Leonardos Strahlkraft reicht über ganz Europa, über die ganze Welt. Seine Skizzen und Erfindungen faszinieren Künstler und Techniker gleichermaßen. Und dieser Respekt, den er uns einflößt, kommt einer Vergötterung gefährlich nahe, wenngleich er, Leonardo, dessen Denkweise von Strenge und Skepsis geprägt war, einem solchen Vergleich sicherlich widersprochen hätte.6 Dennoch: »Leonardo ist der Hamlet der Kunstgeschichte, den jeder für sich selbst neu schafft!«, sagt Kenneth Clark, einer der profundesten Kenner Leonardo da Vincis7, und er sagt weiter: Er, Leonardo, wäre »der unermüdlichste unter allen wissbegierigen Menschen der Geschichte.«8 Welch’ vorzügliches Vorbild also.
Wollen wir demnach noch etwas mehr über Leonardos Geschichte und seine vielseitigen Talente herausfinden, und wollen wir – wie stets – am Anfang, bei seiner Geburt beginnen. Nähern wir uns über den Umweg der Freud’schen Psychoanalyse, die mir hier nicht zum »Irrweg« wird, sondern erstaunlich verständlich in der Annäherung als »behilflich« erscheint. Im vollen Bewusstsein der »Überholtheit« vieler Ansätze und der Kritik an unzähligen methodischen Ansätzen und Theorien Freuds erscheint mir–und vielen anderen übrigens auch – eine analytische und chronologische Annäherung - also ganz bewusst mit Freud – als geeignet, das riesengroße Talent Leonardo da Vinci postum zu begreifen, und seine ganz persönliche Sublimierung nachzuempfinden um verstehen zu können, und um sagen zu können, »ja, so könnte es sich tatsächlich zugetragen haben..« Vielmehr sollten wir uns bei Sigmund Freud für seine Vorarbeit bedanken. Er ebnete uns den Weg für das Verstehen von sehr komplexen und vorerst nicht sichtbaren psychoanalytischen Vorgängen. Doch dazu später mehr.
In den vergangenen Jahrhunderten hatte man aus Leonardo eine Art Halbgott zurechtgezimmert, dessen Anziehungskraft auf die breite Öffentlichkeit später höchstens noch von Mozart erreicht werden konnte. Und gleich wie bei Mozart, so beschäftigt man sich immer noch mit ihm, stets begierig, vielleicht doch noch eine rätselhafte Seite des Genies zu ergründen und an die Oberfläche zu bringen. Eine medizinische Annäherung versuchte Freud 1910 und es taten ihm andere gleich, und viele danach versuchten das dann wiederum zu verstehen, auch und gerade deshalb, weil die Freud’schen Schlussfolgerungen heute nicht unumstritten sind, dennoch brachten sie uns den Menschen Leonardo näher9 und lieferten uns eine Basis für ein Weiterdenken.
3 100.000 Skizzen, 7.000 Heftseiten u.v.a.m. (vgl. Arasse, 1999, 9)
4 vgl. Probst, 2008, 2
5 Probst, 2008, 2; zit. n: Arasse, Danielle (1999): Leonardo da Vinci. Köln: 1999 (franz. 1997), 9
6 vgl. Nicholl, 2015, 19
7 vgl. Neumayr, 1996, 10
8 Nicholl, 2015, 25
9 vgl. Neumayr, 1996, 11
So beginne ich erstmal genüsslich mit Freud, den eine Wucht an Kritik trifft. Viele kluge Menschen kritisierten in vielen Diskussionen und Schriften seine Lehre[n], und zwar in vielen Punkten, und sie zeigen auf, dass er sich täuschte.10 Trotzdem ist er ein unentbehrlicher Ausgangspunkt für psychoanalytisches Verständnis, nicht zuletzt, um über ein psychoanalytisches Verständnis von Kreativität [überhaupt erst] nachzudenken.11
»Er [Freud], der bewußte Atheist, kam nie von der Faszination durch Moses los. Ähnlich erging es ihm auf anderen Gebieten. Er lehnte die Philosophie ab und geht als (Natur-)Philosoph in die Geschichte ein. Er kreidete seinen Gegnern an, sie gingen mit vorgefaßten Meinungen und Systemen an die Gegenstände heran; er selbst unterlag diesem ›Fehler‹, ohne es zu merken, in erhöhtem Maße. Er glaubte, streng wissenschaftlich vorzugehen und sogar ein neues wissenschaftliches Zeitalter einzuleiten, während er Weltanschauung zu betreiben leugnete; seine entscheidenden Prinzipien und Theorien sind jedoch wissenschaftlich unhaltbar, dafür weltanschaulich von großer Bedeutung.« Diese Zwiespältigkeit zieht sich durch Freuds Leben und durch sein Vermächtnis: »Er lehnte die amerikanische Kultur ab, wurde aber von den Amerikanern zu einem Kulturhero erhoben. Er trat für Trieb- und Sexualbefreiung ein und lebte selbst das Gegenteil. Er bekämpfte Intoleranz und war intolerant gegen seine Kritiker und gegen die ›Abtrünnigen‹. Er rüttelte an den Fesseln erstarrter autoritativer Formen der Erziehung und Kultur und war selbst im Grunde ein Patriarch im eigenen psychoanalytischen ›Clan‹.« Auch innerhalb seines psychoanalytischen Vorgehens lassen sich Gegensätze nachweisen. Freud trat zwar vehement für seine Methode ein, war aber gegenüber ihren Erfolgen skeptisch! »Er predigte therapeutischen Optimismus und blieb Pessimist.«12 Diese Dialektik zieht sich durch sein Leben.13 »Sie [die Kritik] läuft darauf hinaus, daß, je berechtigter die Kritiken an Freuds Bewußtem werden, sie seinem Unbewußten um so mehr ›recht‹ geben.« Und das finde ich äußerst bemerkenswert, denn scheint es im Kleinen nicht uns allen so zu ergehen? Die kleinen Flammen dümpeln im Dunkeln dahin. Doch unter ihnen verbergen sich vereinzelt welche, die Großes im Stande zu leisten wären, wenn sie den passenden Rahmen dafür fänden, oder in einem solchen geboren wären. Ob getrübte Selbsteinschätzung hin oder her, im Prinzip kann und könnte jeder zum »großen Denker« mutieren. Es tun auch viele. Die Frage ist nur immer jene: schafft man es zu Lebzeiten, einen »großen Gedanken« zu denken und damit in die Hall of fame einzuziehen? Schließlich wurden fast alle »großen Gedanken« irgendwie schon gedacht. Und selbst wenn man tatsächlich »große Gedanken« dächte, so hieße das noch lange nicht, Zuhörer und Mitstreiter an der Seite zu haben. Denn: »Erst durch die Mitwelt wird ein Genialer genial«!14 So gesehen verdrängte Freud seine Mitmenschen [wie aus vielen Kritiken und aus seinen eigenen Äußerungen hervorgeht]. Aber das Verdrängte meldet(e) sich auf Umwegen wieder zu Wort, und zwar wirkungsvoll zu Wort.15
»Heidegger betont, jeder große Denker der Geschichte habe im Grunde nur einen einzigen Gedanken gedacht. Auf Freud und seine Lehre von dem (ihm) Unbewußten angewandt, bedeutet dieser Grundsatz: Freuds großer Gedanke betrifft das, was er verdrängte, was er nicht be-›dachte‹; nicht das, was er formulierte, sondern das, worüber er schwieg.« »Fragen wir nach der Genialität Freuds, sind seine Täuschungen über sich selbst, sein Dogmatismus, sein Festhalten an Überholtem, seine ›persönliche Neurose‹ und alle die weiteren Punkte, die man ihm ›ankreidet‹, also seine ganze Begrenztheit und Engigkeit Vorbedingung und Schattenseite des genialen Durchhaltens seiner ›Dialektik‹. Für eine solche Persönlichkeit gab es kein Abweichen und kein Zurück.« Und um ehrlich zu sein, gibt es ja auch heute noch immer keine funktionierende Kultur des Verlierens und des Scheiterns. Es gibt wohl große Verlierer, doch die hätten auch lieber gerne gewonnen. Ich denke es ist eine Dialektik, die man nicht auflösen kann, weil das Scheitern eine Übermacht ist, die einen überkommt, gegen die in Wahrheit kein Kraut gewachsen ist. Und da ist es wohl besser, per Vorahnung und im Geheimen zu scheitern, als mit Pauken und Trompeten. Und selbst Wiesenhütter schreibt: »Freuds Methode und Leben sind exemplarisch für eine ›Neurose‹ unserer Zeit. Die Ratio hat unzweifelhaft die höchste Blüte in der Menschheitsgeschichte erreicht, in der Technik, Wissenschaft, Wirtschaft, Organisation und Planung. Aber ist damit die Menschheit als Ganzes vernünftiger geworden und wird sie wirklich von der Ratio beherrscht? Behalten wir nicht nur die letzten Weltkriege, sondern alle die anschließenden Irrungen und Wirrungen im Auge, müssen wir zu dem Ergebnis kommen, daß wir im höchsten Grade von irrationalen Kräften bedroht werden, auch wenn wir uns dauernd über sie hinwegtäuschen.«16
Unter diesen Aspekten wird Freud vielmehr zum Wegweiser für ein Selbstverständnis des heutigen Menschen, denn er lebte die Selbsttäuschung und bot nun gleichzeitig ein [neues] Modell für die Erkenntnis und Bearbeitung an, was eigentlich genial ist.
Freuds Kritiker stellen das von ihm Verdrängte dar und sind so gesehen sein »Unbewußtes«. Das wird [wurde] klar, durch die ständige Abwehr der ihn [Freud] betreffenden Kritik durch ihn selbst und seine Jünger. Doch wir müssen [mit Wiesenhütter, da hat er unumwunden recht] einsehen, dass mit den größten Leistungen und Errungenschaften der Menschheit, stets auch die größten Gefährdungen und Irrungen [und (Selbst-)Täuschungen] einhergehen.17 So gesehen wird Freud zum größten, sich selbst über sich selbst täuschenden Irrenden unserer Zeit – »im psychoanalytischen Jargon: der größte Neurotiker unserer ›neurotischen Zeit‹«18
Letztendlich ergeht es ihm im Großen, nicht anders als uns im Kleinen. Und damit gibt er uns das mit auf den Weg, was wir längst wissen, was uns aber schwerfällt zu begreifen, denn Paradoxa sind eben schwer zu begreifen. Und hier übernehme ich nochmals Wiesenhütter – weil es eben so schön passt -: nach Hegels Logik geht Positives aus Negativem hervor, oder: »[ .. ] auf dem dicksten Mist [eben] die größten Kürbisse wachsen«!19
Vielleicht verstehen wir ihn posthum einfach am besten, und man kann ihm irgendwie auch gar nicht böse sein, warum auch, vielmehr sind wir ihm dankbar für seine Vorarbeit, für seine Vorüberlegungen, die uns heute helfen.
Danke Sigmund Freud!
Graffiti, Ponte Vecchio, Florenz, 2017
10 vgl. Wiesenhütter, 1974, 239
11 vgl. Clemenz, 2003, 11
12 Wiesenhütter, 1974, 240
13 vgl. Wiesenhütter, 1974, 240
14 Wiesenhütter, 1974, 240-242
15 vgl. Wiesenhütter, 1974, 242
16 Wiesenhütter, 1974, 241-242
17 vgl. Wiesenhütter, 1974, 240-243
18 Wiesenhütter, 1974, 243
19 vgl. Wiesenhütter, 1974, 243-244
Die folgend dargestellten psychischen Vorgänge und Phänomene verlaufen unbewusst; wir teilen es in das latente, noch bewusstseinsfähige Vorbewusste, und andererseits in das verdrängte, nicht mehr bewusstseinsfähige Unbewusste. Freud spricht von bewusst, vorbewusst und unbewusst20. Das bedeutet vereinfacht, die Phänomene werden von der Person nicht wahrgenommen. In der Psychoanalyse kann es aber gelingen, wenngleich auch zeitversetzt, Unbewusstes und/oder Verdrängtes an die Oberfläche und damit ins Bewusstsein zu holen. Mithilfe Freud unternehme ich hier den Versuch, die Prozesse der unbewussten kindlichen Seelentätigkeit Leonardos lapidar darzustellen, um anschließend seine infantilen Erlebnisse mit seinen Charakterzügen als Erwachsener in Zusammenhang zu bringen. Die Kindheitserinnerung des Leonardo, die von Sigmund Freud analysiert wurde, macht deutlich, welche Tragweite unsere frühen Beziehungen für unsere späteren haben, da infantile Erlebnisse im Erwachsenenalter [irgendwie] wiederholt werden. Die ersten Lebensjahre und das unbewusste Seelenleben des Kindes haben prägenden psychischen und damit unglaublich relevanten Charakter, da sie Motiv und Fundament für späteres Verhalten sind. Obwohl wir diese Vorgänge nicht im Bewusstsein behalten, werden sie Grundlage für unsere alltäglichen Gefühle und Handlungen.
20 vgl. Freud, 1920-1924, 239-241
Die kindlichen Stadien und Ödipus-Entwicklungen sind äußerst komplex, mein Versuch dies hier zu erklären, kann deshalb nur als grober Abriss dessen verstanden werden. Vieles bleibt unbesprochen. Doch einleitend müssen wir folgendes wissen: Vor der Geburt gibt es eine organische Symbiose zwischen Mutter und Kind. Beide erleben bei der Geburt eine Trennung, es bleibt aber eine phantasmatische Symbiose. Die erste Objektbeziehung des Kindes ist die Mutterbrust. Es richtet all sein Begehren auf sie, oder ihren symbolischen Repräsentanten, die Flasche. Sie befriedigt und stellt die verlorene vorgeburtliche Einheit mit der Mutter wieder her. Die Mutter wird zum ersten geliebten Objekt.21
Das Kind befindet sich in der sogenannten oralen Phase, sie ist die primitivste Stufe der psychosexuellen Entwicklung. Der Mund dient als primäre Quelle der Befriedigung. In dieser frühen Phase wird ein gewisses Urvertrauen aufgebaut. Sie endet etwa mit dem zweiten Lebensjahr. Nach dem Abstillen, meist während der sogenannten Spiegelphase, im ersten Lebensjahr, vollzieht sich ein weiteres Stück der Trennung. Die intellektuelle und emotionale Entwicklung des Kindes schreitet voran. Der Umfang der Interessen wird weiter. Das Kind wird fähiger, Gefühle auszudrücken und sich mit Menschen in Verbindung zu setzen. Das Ich entwickelt sich allmählich und: Soviel nur wollen wir uns vor Augen halten, dass das Gewissen, »...nur ein anderes Wort für Selbstbeherrschung [ist] und dazu bestimmt, zwischen Egoismus und Altruismus, Liebe und Haß, das rechte Maß zu halten.«22 Das Über-Ich hat demnach moralische Funktion.
Die Identifizierung mit der Mutter gewinnt an Stärke. Anfänglich geht die Objektbesetzung (orale Phase) vom Es (ubw) aus. Dem zu Grunde liegt ein erotisches, grundsätzlich bisexuelles Bedürfnis des Säuglings. Das Kind besetzt seine nährende Bezugsperson im Selbsterhaltungstrieb lustvoll (libidinös). Es möchte (wieder) eins sein mit der Mutter und sie sich (oral) einverleiben. Genitale Wünsche beginnen in den Vordergrund zu treten, die orale Libido ist aber immer noch führend. Das Kind tritt danach in die anale Phase ein, in der es durch das Ausscheiden oder Zurückhalten von Exkrementen Befriedigung erfährt. Genitale Wünsche fließen mit oralen zusammen, es entsteht eine orale wie eine genitale Beziehung zum väterlichen Penis. Dies ist mit Eifersucht auf die Mutter verbunden, weil das Kind fühlt, dass die Mutter das ersehnte Objekt möglicherweise bekommt oder hat.23 Diese phallische Phase, etwa im dritten bis zum fünften Lebensjahr, ist ein frühes Ödipus-Stadium. Die kindliche Gier richtet sich zuerst auf die mütterliche Brust, dann auf den väterlichen Penis. Die Eltern sind für das Kind phantasmatisch unzertrennlich im sexualen Verkehr miteinander verbunden. Diese primitiv vereinigten Elternfiguren verlieren dann wieder an Bedeutung.24 In der sogenannten Weiblichkeitsphase fällt auch beim Knaben die oralsaugende Fixierung auf den Penis des Vaters. Melanie Klein hält dies für die Grundlage der echten Homosexualität. Sie stimmt auch mit Freuds Auffassung überein, dass der Homosexualität Leonardos die überstarke Bindung an die Mutter, letzten Endes an die Mutterbrust zu Grunde lag, die dann auf den Penis, als Objekt der Befriedigung, verschoben wurde. Beim Knaben folgt auf die oralsaugende Fixierung auf die Mutterbrust, die auf den väterlichen Penis und bildet die Grundlage für Homosexualität.25
21 vgl. Klein, 1962, 177
22 Klein/Riviere, 1937, 64
23 Wenn das männliche Kind seine Wissbegierde auf das Geschlechterrätsel richtet, so leitet ihn das Interesse für sein eigenes Genital (Phallus). Sein Genital ist wertvoll und wichtig. Es kann niemandem fehlen. Das Kind kommt zur Annahme, alle Menschen, auch die Frauen, haben ein solches Glied. Da das Glied bei kleinen Mädchen fehlt, glaubt er, es würde denen noch wachsen, wenn sie älter würden. Es könnte aber auch abgeschnitten worden sein? Das Kind befürchtet, dass man ihm das teure Organ wegnehmen könnte, wenn es zu großes Interesse dafür zeigt. Das ist eine indirekte Kastrationsandrohung. Das männliche Kind zittert um seine Männlichkeit und gerät in den Kastrationskomplex. Die Fixierung an das einst heißbegehrte Objekt, den Penis (nämlich auch den Penis der Frau, den sie ja ursprünglich hatte) hinterlässt Spuren. (vgl. Freud, 1943, 63-65)
24 vgl. Klein, 1962, 157-165
25 vgl. Klein, 1973, 292
Durch Identifizierung lassen wir vom Objekt ab und geben es auf. Dadurch wird das Objekt bewahrt. Im Laufe der Entwicklung des Kindes intervenieren Gesellschaft und Kultur. Das Kind soll sich schließlich von der ersten näheren Bezugsperson trennen. Dadurch gerät es in einen Konflikt. Der Ödipuskomplex ist eine erste erlebte sexuelle Rivalität und stellt eine Möglichkeit dar, Trennungen und Verluste zu verarbeiten, und aus dem Konflikt heil herauszukommen. Das Phantasma der Allmächtigkeit von Mutter und Vater zerbricht dabei langsam. Das Kind entwickelt eigene Begehren und richtet es auch auf andere Objekte. Nach Freud ist der Verlust eines libidinösen Objektes zu betrauern und soll mit melancholischer Trauerarbeit überwunden werden. »Genau genommen geht es hier also nicht um den realen Verlust der Mutter oder ihrer Liebe, sondern um den Verlust ihrer Omnipräsenz, an der das Kind in der Melancholie durch einen unsagbar trauervollen Schmerz wie an einem realen Ding festhalten will. Die Sprache und auch alle ausdrucksstarken Zeichen, die nun von dritten her zu kommen scheinen, helfen dem Kind in der Regel, die verloren geglaubte Mutter in den Symbolen der Sozietät repräsentativ wieder zu finden, und können so ihren Verlust zu negieren helfen.«26 Der Charakter des Ichs entwickelt sich aus den Objektbesetzungen. Charakterzüge sind Rückstände der Objektbesetzungen. Laut Freud werden frühere Bezugspersonen zurückgelassen und ins Innere übernommen [Modell der Einverleibung des verlorenen Objektes], um sie nicht zu verlieren. In weiterer Folge wird diese ursprüngliche, libidinöse Liebe auf eine andere, dritte Person übertragen. Die Wirkungen der ersten, im frühen Alter erfolgten Identifizierungen haben später allgemeine und nachhaltige Wirkung auf die Entstehung des Ich-Ideals, weil sich darunter die erste und bedeutsamste Identifizierung des Individuums verbirgt, die »Identifizierung mit dem Vater der persönlichen Vorzeit«. Gemeint ist die »Identifizierung mit den Eltern der persönlichen Vorzeit« [nämlich noch vor der Geschlechterdifferenzierung].27
Auf dem Weg nach Vinci, Toskana, 2017
26 Laquièze-Waniek, 2009, 5
27 vgl. Freud, 1920-1924, 256-259
In einer gesunden, ausgeglichenen Dreiecksbeziehung, mit Vater, Mutter, Kind, innerhalb der das Kind in die Lage gebracht werden kann, sich von einer allzu engen Bindung an die Mutter zu lösen, kann das Kind mit Hilfe der ersten Identifikation mit den »Eltern der persönlichen und geschlechtlichen Vorzeit« in die Sprache und damit in die Sinngebung der Gesellschaft eintreten und diese annehmen. Das Kind muss lernen, sein eigenes Begehren zu formulieren und sich dem sozialen Gesetz der Sprache unterwerfen. Diese inkludiert Werte und Normen. Von dieser Position aus kann die Mutter als Objekt geliebt und gehasst werden. Nun münden die Vorgänge in den Ödipuskomplex ein. Das Kind identifiziert sich mit einem Elternteil und nimmt den anderen zur Vorlage für spätere libidinöse Objektbeziehungen. Dadurch hat es die Möglichkeit, den Verlust des mütterlichen Präobjektes zu überwinden.28
Eifersucht, Wettbewerb und Hass erregen immer wieder Ängste, die sich auf die Eltern richten. Diese Ängste werden jedoch allmählich durchgearbeitet und vermindert, indem das Kind ein wachsendes Gefühl von Sicherheit aus der Beziehung zu den Eltern schöpft. Durch das Durcharbeiten der Ödipus-Stadien und den Erwerb des genitalen Primats, wird das Kind fähig, seine Objektbeziehungen in seiner inneren Welt aufzubauen, und eine stabile Beziehung zu den Eltern zu entwickeln.29
Das männliche Kind30 entwickelt zur Mutter eine Objektbesetzung (zärtlich; geht vom Es aus), mit dem Vater identifiziert es sich. Etwas später verstärkt sich der sexuelle Wunsch nach der Mutter. Der Vater ist dabei Hindernis; der Ödipuskomplex entsteht. Es bildet sich der Wunsch, den Vater zu beseitigen, um die Mutter ganz für sich zu haben (einfacher, positiver Ödipuskomplex). Danach muss die Objektbesetzung der Mutter aufgegeben werden. Der Knabe kann sich nun entweder mit der Mutter oder mit dem Vater identifizieren. Die Identifizierung mit dem Vater ist normal. Die Männlichkeit im Charakter des Knaben wird gefestigt. Der Verlauf des Ödipuskomplexes beim weiblichen Kind läuft vergleichbar ab31. Wenn die Objektbesetzung der Mutter aufgegeben wird, kann sich das Mädchen entweder mit der Mutter oder mit dem Vater identifizieren. Die Identifizierung mit der Mutter ist normal. Die Weiblichkeit im Charakter des Mädchens wird gefestigt.32
28 vgl. Laquièze-Waniek, 2009, 6
29 vgl. Klein, 1962, 168-169
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