Die Tagebücher - Rudi Dutschke - E-Book

Die Tagebücher E-Book

Rudi Dutschke

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Beschreibung

Der unbekannte Rudi Dutschke – Lebenszeugnis des Idols einer Generation Zum ersten Mal werden Rudi Dutschkes Tagebücher vollständig veröffentlicht. Sie dokumentieren das geistige Innenleben einer der aufregendsten Persönlichkeiten der Nachkriegszeit. Der Wortführer der Außerparlamentarischen Opposition und Mitbegründer der Grünen erweist sich in seinen Tagebüchern als ein kritischer und selbstkritischer Denker von außerordentlicher Originalität. Rudi Dutschke war einer der originellsten politischen Köpfe der Bundesrepublik. Er kämpfte für eine sozialistische Revolution in Westdeutschland und gegen den Spätstalinismus in Osteuropa. Er gehörte zu den wenigen Linken, die die deutsche Einheit forderten. Er war das Idol einer Generation, die den Wohlstandsmief wie die Verdrängung des Nationalsozialismus in Frage stellte. Als er im Dezember 1979 an den Folgen des Attentats vom April 1968 starb, hinterließ er politisch eine Lücke, die nicht mehr geschlossen werden konnte. Rudi Dutschkes Tagebücher, die bisher nur in Auszügen bekannt waren, werden in diesem Band zum ersten Mal vollständig veröffentlicht. Sie offenbaren einen hellen Verstand und einen sensiblen Geist. Dutschke beobachtet aufmerksam, manchmal aufgeregt die Ereignisse seiner Zeit. Er protokolliert die Angstattacken, die dem Attentat folgen. Er schildert, wie er sich müht, seiner Rolle als Mann, Ehemann und Vater gerecht zu werden. Die Tagebücher dokumentieren Zweifel und Ratlosigkeit und ebenso seine unbeirrbare Überzeugung, dass die Gesellschaft radikal verändert werden muss, damit der Mensch ein Mensch sein kann.

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Seitenzahl: 528

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Inhalt

TitelWidmungEditorische Notiz1963196419651966196719681969197019711973Hinweis197419751977Hinweis19781979AnhangNotizen in einem Fotoalbum (1955 – 1958)Autobiographische NotizenNachwort von Gretchen DutschkeWarum ich die Tagebücher veröffentlicheAlltagWar Rudi ein Marxist?Religion: der naive Christ?Rudi und ichAPO und SDSWar das Attentat eine Verschwörung?Auseinandersetzung mit dem zum Problem gewordenen KörperRudi als VaterRudi als DichterLinke SektenWie verhielt sich Rudi zum Terrorismus?Rudi und die deutsche FrageUmweltfragenWelt, Dritte WeltIslamischer FundamentalismusSexgeschichtenWas zu sagen bleibtZeittafelFotonachweisDanksagungBuchHerausgeberinImpressum

Für unsere Kinder Hosea, Polly und Marek

Editorische Notiz

Der Text folgt weitgehend Rudi Dutschkes Schreibweise. Rechtschreib- und Flüchtigkeitsfehler wurden stillschweigend korrigiert. Redaktionelle Einfügungen stehen in eckigen Klammern. Redaktionelle Auslassungen wurden mit Auslassungspunkten in eckigen Klammern gekennzeichnet: […]. Alle sonstigen Auslassungspunkte sind aus der handschriftlichen Vorlage übernommen. Das Datumsformat wurde vereinheitlicht. Fehlende Datumsangaben wurden, wo möglich, nachgetragen. In einigen wenigen Fällen wurden Datumsangaben korrigiert. Unterstreichungen wurden kursiv gesetzt.

1963

Februar 1963 Berlin

Die Kälte des hereinströmenden Schlafes des Tages, die Äonen des Lichts entrissen mich der »harmlosen« Welt des schwarzen Tages – kaum ist mein Geist wieder im bewußten Raum und auch in bewußter Zeit, so denke ich an Urischka, an die Möglichkeiten und an die Tatsächlichkeiten; nur selten ist ein interessanter Stoff eines Buches stark genug, um meine volle Aufmerksamkeit auf sich lenken zu können.

Lohnarbeit u[nd] Kapital bedingen sich »gegenseitig, bringen sich wechselseitig hervor« – Marx analysiert phantastisch u[nd] eindeutig, doch heute geht seine Analyse, für Westeuropa gesehen, ins Leere – für Teile Italiens, für Spanien u[nd] Portugal, für Lateinamerika und für viele Gebiete Asiens gilt meiner Ansicht nach fast noch jeder Satz der Marxschen Analyse der Industrieländer des 19.Jahrhunderts. Der Entwicklungsstand der Produktivkräfte in den genannten Ländern hat einen Stand erreicht, der einfach neue Produktionsverhältnisse erfordert, sonst ist Revolution unvermeidlich, gilt besonders für Lateinamerika.

Natürlich verkauft auch der Arbeiter Westeuropas seine Arbeitskraft – er verkauft sich gut –, hat heute mehr zu verlieren als seine Ketten. Das proletarische Klassenbewußtsein, das sich im harten Kampf um die Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen herausgebildet hatte, erwies sich nach verbesserten Lebensbedingungen als wenig haltbar, die Arbeiter »verbürgerlichen« in den Ländern mit hohen »sozialen Errungenschaften«. Bewußtsein für eine Klasse bzw. Bewußtsein von der Zugehörigkeit zu einer Klasse ist keine biologische Gegebenheit, die vererbt wird; hier findet auch kein dialektischer ? [sic!] Prozeß statt – der Mensch zerstört seine tradierten Normen nur unter der Voraussetzung des »Verbessernkönnens« seiner Lage – ist die Lage gut, auch nur scheinbar gut, will er und wird er nichts riskieren. Die objektive Richterin der Reflexionen, die Geschichte, hat uns noch kein Volk gezeigt, dessen Bewußtsein nicht entscheidend vom jeweiligen Sein geprägt worden wäre – das ist marxistisch –, wie kann also ein »liberales Sowjetsystem« einen Menschen neuen Typus hervorbringen – der Mensch eines »liberalen Sowjetsystems« wird der Mensch Westeuropas, Lateinamerikas, Nordamerikas, Australiens, Afrikas usw. sein – die Einheit der Welt also nicht nur in ihrer Materialität – die Einheit der Welt sichtbar durch den Menschen in seinen mannigfaltigen Variationsmöglichkeiten. Änderung der gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse, Änderung der Besitzverhältnisse innerhalb einer Gesellschaft lassen eine neue Struktur der Gesellschaft entstehen, für das Bewußtsein und für das Handeln der Menschen in dieser Gesellschaft ist jedoch allein entscheidend die Verteilung des Sozialprodukts, die Besitzverhältnisse treten hierbei zurück, wenn durch Maßnahmen der Regierung die Besteuerung der Kapitalisten diesen nur einen relativ geringen Gewinn läßt; entscheidend ist der Lebensstandard des Werte schaffenden Arbeiters.

19.Februar 1963 Berlin

Urischka ist erst um 15:00Uhr zur Uni gekommen; ich bin immer sehr unruhig; in der Spannung lieben ist reizvoll durch das Denken an das vielleicht stattfindende »Morgen« – möge es keine Illusion sein. Urischka war beim Friseur – die schönen schwarzen Haare wieder sehr kurz – meine Haare dürften länger sein – äußerlich ein Spiel mit gewechselten Rollen – das Agieren und leider auch das Reagieren liegen bei mir – ich möchte sie in ihrer Totalität kennenlernen. Anitz hat geschrieben – sie ist eine großartige Frau, ihr Einfühlungs- u[nd] Verstehensvermögen gegenüber anderen Menschen ist sehr ausgeprägt – meine »Lage« versteht sie gut. Die Nächte sind jetzt immer sehr kurz; mein Geist will den Körper bezwingen, meistens gelingt es – wenn das Signal auf »grün« bei Urischka ist, sie wird es nicht leicht mit mir haben – ich bin, keine Angabe, nur Angabe im Sinne von Tatsache, sehr stark – eine frigide Frau wäre für mich unerträglich.

Findet es »blöd«, immer allein auszugehen – ich weiß nicht, ich wußte nicht – vielleicht lichtet sich der Dschungel doch noch.

16.März 1963 Berlin

»Ideen, die (…) unsere Gesinnung erobern, an die der Verstand unser Gewissen geschmiedet hat, das sind Ketten, denen man sich nicht entreißt, ohne sein Herz zu zerreißen, das sind Dämonen, welche der Mensch nur besiegen kann, indem er sich ihnen unterwirft.«Hinweis

Urischka ist ein phantastisches Mädchen – sie liebt »ihn« – glaubt, mir ein Gleichmaß an Chancen gegeben zu haben; ich glaubte tatsächlich an den qualitativen Unterschied »seiner« und meiner Chance – Urischka sieht keinen Unterschied, sie hat wohl recht in ihrer Argumentation.

»Der Deutsche schleppt an seiner Seele: er schleppt an Allem, was er erlebt. Er verdaut seine Ereignisse schlecht, er wird nie damit ›fertig‹; die deutsche Tiefe ist oft nur eine schwere zögernde ›Verdauung‹.« (Niet[zsche], »Jens[seits] v[on] G[ut] u[nd] B[öse]«, S.176)

Ich fühle mich getroffen, mir fehlt tatsächlich ein gewisses Maß an Oberflächlichkeit in den wichtigen Sphären des Seins, so vor allem in der Liebe; muß mich entscheiden für die Leichtigkeit in Maßen, muß und werde und will Urischka verdauen.

23.März 1963 Berlin

Fühle mich ausgezeichnet zur Zeit; die tägliche 10 – 12stündige Studiererei, die »Anzapferei« u[nd] Exzerpiererei finden mich unersättlich; JörgHinweis ist ein sehr angenehmer, weil sich frei in der Bindung an das Streben fühlender Zeitgenosse, wir sind und bleiben auf dem Wege, dringen immer tiefer in die uns bewegenden Sphären des Seins, das noch nicht erschienen ist, ein – das Sein westHinweis nicht nur – nicht – an u[nd] ab, das Sein ist, wie BlochHinweis sagt, immer ein »Im-Aufgang-Sein«, die Kategorie des »Noch-Nicht«, die Kategorie der Möglichkeit wird von Heidegger bei seiner ontologischen Auslegung der Welt nicht benutzt. Mir scheint Bloch ein treuer Hegelianer mit durchgeführter »Umstülpung«=Marxist zu sein, ein Denker, der mir in seiner sprachlichen Gewalt u[nd] seiner gedanklichen Schärfe u[nd] Tiefe, Tiefe in Schärfe, lieber ist als ein HeideggerHinweis, der sein Sein in der Sprache begründen will.

Hegel ist ein sehr schwer in den Griff zu bekommender »freier Geist«; mit Hilfe von LukácsHinweis u[nd] Bloch, ein wenig schon durch LandgrebeHinweis, sind mir seine verschlungenen Pfade, die aber immer ein ganz konkretes Zentrum haben, vertrauter geworden: Hegel → Marx → Lukács → Bloch ← Kant ← Nietzsche Heidegger ++ LoewithHinweis, der wohl beste Philosophiegeschichtler, dessen System ich noch nicht kenne; System ist falsch, dessen Denkweise ich noch nicht kenne.

30.März 1963 Berlin

In der zurückliegenden Woche täglich in Karl Loewiths »Gesammelten Abhandlungen« (zur Kritik d[er] geschichtl[ichen] Existenz) gearbeitet; sehr viele Exzerpte in die Kartei übertragen; das von Jörg übernommene und von mir, ich konnte auf Vorhandenem aufbauen, für mich erweiterte Arbeitssystem erweist sich als großartiges Instrument der systematischen Stoffsammlung in Form von Schlagwörtern, die durch Verbindungskarten am immerwährenden Strom des Geistes teilhaben.

Loewith meint, daß der Historismus ein Produkt der Weltvorstellung ist, die davon ausgeht, daß die Welt für den Menschen bestimmt ist; der sich im Historismus zeigende Relativismus, so meint Loewith, sieht nicht, daß bestimmte Räume u[nd] Zeiten günstigere Voraussetzungen zur Findung von Wahrheiten hatten. Die Wahrheit, so sagte LessingHinweis in einem Gleichnis, gehört Dir allein, oh Herr, uns bleibt das Streben nach Wahrheit; ich bin voller Sünde; sündhaft durch die Verletzung Deiner Gebote – laß nicht ab von mir.

9.April 1963 Berlin

Habe den polnischen Film »Der Kanal«Hinweis gesehen – in der letzten Woche täglich in der Amerikanischen SchuleHinweis mit Thomas [Ehleiter]Hinweis über den jetzigen u[nd] über den zukünftigen, von der Entfremdung befreiten Menschen gesprochen – im Film sah ich den Menschen, jenes »nicht festgestellte« Tier, so meint jedenfalls Nietzsche, sah ich, wie er im allergrößten Schmutz u[nd] Morast Mensch blieb, schon durch seine Bewußtheit; sah Menschenkinder meines Alters u[nd] noch jünger, sah sie kämpfen für die Freiheit ihres Vaterlandes, töten für ihre Heimat, sterben für das Vaterland – Polen starben, Deutsche starben; indem die Polen dies vollzogen, vollzogen sie den Tribut an die historische Notwendigkeit, die Notwendigkeit des Sieges über den Faschismus; die deu[tschen] Soldaten, die auch für das Vaterland starben, so glaubten sie wenigstens, hatten nie eine wirkliche Chance – der Weltgeist, nach Hegel, tobte sich mit Hilfe der »List der Vernunft« wieder einmal richtig aus und kam zum Bewußtsein seiner selbst – die Möglichkeit der großen Wandlung auf dieser von Gott für uns geschaffenen Welt lag in der Hand einiger »weltgeschichtlicher Individuen« – sie versagten u[nd] versagen noch; wenn die Geschichte nicht von Persönlichkeiten, sondern von in der Materie liegenden Gesetzen, so meint jedenfalls der marxistische Geschichtsmythos, gelenkt wird, kann eigentlich nichts »schief« gehen; Engels nähert den Geschichtsprozeß weitgehendst dem Naturprozeß an, liquidiert damit die bewußte freie Entscheidung des Individuums, der Gruppe, der Partei usw. – alles wird unvermeidlich; da der Kommunismus, die klassenlose Gesellschaft, beschlossene Sache ist, braucht uns eigentlich die Gefahr eines Atomkrieges nicht zu schrecken; die Denker solchen Unsinns werden nie die Entfremdung des Menschen aufheben. Entfremdung ist nicht nur durch die scheinbare Verselbständigung der vom Arbeitenden geschaffenen Waren gegeben, nicht nur durch die Feindlichkeit dieser von ihm produzierten Waren – Entfremdung ist für mich auch Starrheit des Denkens, Geschlossenheit des Denkens. Die Befreiung des Menschen ist nur durch wirkliche Einsicht in die notwendigen Gegebenheiten des gesellschaftlichen Lebens möglich; eine Änderung der Besitzverhältnisse ist nicht gleichbedeutend mit Aufhebung der Entfremdung.

14.April 1963 Berlin

Jesus ist auferstanden, Freude u[nd] Dankbarkeit sind die Begleiter dieses Tages; die Revolution, die entscheidende Revolution der Weltgeschichte ist geschehen, die Revolution der Welt durch die allesüberwindende Liebe. Nähmen die Menschen voll die offenbarte Liebe im Für-sich-Sein an, die Wirklichkeit des Jetzt, die Logik des Wahnsinns könnte nicht mehr weiterbestehen.

Der Verstand, so meint K[arl] JaspersHinweis, schafft keine Kommunikation der Menschen, verbindet nur das Bewußtsein der Menschen; Kommunikation geschieht durch den gemeinsamen Fixpunkt der Gottheit, die Einheit der Menschheit also im gemeinsamen gewußten geahnten Wissen vom Ursprung. Das Wissen bzw. d[er] Glaube vom Ursprung läßt das Ziel offenbar werden – der Weg der Geschichte könnte der Weg der Freiheit, der Weg zur Befreiung des Menschen werden – Befreiung des Menschen durch das Innewerden der Gottheit; Befreiung durch die Autorität; Freiheit in der Gebundenheit an die durch Jesus offenbarte Liebe.

23.April 1963 Berlin

»Die Ideologie ist keine … ›reine‹ Theorie, und sie kann es auch nicht sein, denn die Kenntnis der Wirklichkeit an sich kann niemanden zum Handeln veranlassen …« (Kol.Hinweis 3, 22, S.24 (3) [sic!])

13.Oktober 1963 Berlin

Meine »Polenarbeit« (wenige Wochen davor »Der Kanal«) geht einigermaßen voran, möchte eine gute Arbeit liefern – heute »Asche und Diamant« von Jerzy AndrzejewskiHinweis gelesen – ein phantastisches Buch – morgen mehr darüber! Gott schütze und behüte meine Eltern und Brüder, die Lieben in DänemarkHinweis und die ganze Welt. Herr, erhalte uns im Glauben und in einigermaßener Gesundheit.

Während des Abendlaufs, ich sprang nach einem hochhängenden Blatt, fand die schönste Zeit des Jahres, den Herbst – ich suchte den »großen Bären«, wollte Soby in der Tewsstraße entstehen lassen [sic!], fand ihn nicht, war ein wenig traurig; der Gedanke an JüteHinweis und an die Möglichkeiten gibt mir Kraft und Mut für das Studium.

16.Oktober 1963 Berlin

Ja, MiloszHinweis meint, Alphas (d.h. Andrzejewskis) Held ist Szczuka, der Kommunist, der den Kommunismus für die gegebene, erkämpfte Ordnung der zu verändernden Welt hält. Chelmicki, so meint Milosz, sieht in Szczuka nur den Handlanger einer fremden Macht – das ist falsch – Szczuka ist für Chelmicki ein ihm persönlich unbekannter Mensch, will ihn nicht töten – um seiner Liebe zu Krystyna, um des neu zu beginnenden Lebens willen; um die letzte Bindung zu seinen ehemaligen Kameraden, Antikommunisten, abzubrechen, entschließt er sich, diesen Auftrag, Szczuka zu töten, doch noch durchzuführen.

Andrzejewski, von Milosz als »Moralist« bezeichnet, besonders für die Jahre der Untergrundbewegung, gelingt es, bei der Beschreibung der aus der animalischen Betätigung der Fortpflanzungsorgane plötzlich aufbrechenden Liebe Chelmickis zur Krystyna, die Liebe wird echt und tief erwidert, auch sie hatte anfänglich nur das erotische Abenteuer mit einem gutaussehenden jungen Mann gesucht, existentielle Fragen aufzuwerfen. Chelmicki wird erschossen von der Miliz … Sein »Liebes« wird irgendwo in »Warschau«, das »Nichts« hieß Warschau, verfluchte Faschisten, vergebens gewartet … Szczuka verlor seine Frau im KZ …

1964

27.März 1964 Berlin

In diesen Stunden verschied im keuchenden Morgenlande der Welt größter Revolutionär – Jesus Christus; die nichtwissende »Konterrevolution« schlug ihn ans Kreuz; Christus zeigt allen Menschen einen Weg zum Selbst – diese Gewinnung der inneren Freiheit ist für mich allerdings nicht zu trennen von der Gewinnung eines Höchstmaßes an äußerer Freiheit; die gleichermaßen und vielleicht noch mehr erkämpft sein will. Den Anspruch Jesu, »mein Reich ist nicht von dieser Welt«, kann ich nur immanent verstehen; natürlich, die Welt, in der Jesus wirkte und arbeitete, war noch nicht die »neue Wirklichkeit«; diese galt und gilt es noch zu schaffen, eine »Hic-et-nunc-Aufgabe« der Menschheit.

Auf dem Abschlußseminar hatte ich schon Krach mit einem RCDSlerHinweis. Anläßlich der Schlußparty im Haus der Ex-Kommunisten wiederholte sich der Disput. »Totalitarismus« und »Sozialismus« setzte der gleich. Zu einem solchen Schwachsinn war unser Prof. nicht bereit. Wäre enttäuscht gewesen.

18.September 1964 Berlin

Unser »Anschlag«Hinweis ist seit ca. 4Wochen fertig; große Ergebnisse, d.h. Finden von Leuten unserer Kragenweite, sind noch nicht zu melden, lese gerade eine Schrift von SweezyHinweis über den chinesisch-sowjetischen Ideologienkonflikt; die Chinesen haben die besseren, d.h. marxistische, Argumente – die Sowjets lavieren und argumentieren wie die Revisionisten à la KautskyHinweis, HilferdingHinweis und BauerHinweis; besonders in der Beurteilung des Charakters unserer Epoche, einer Epoche der nationalen Befreiungskriege in Asien, Afrika und Lateinamerika, bin ich »Chinese« – mein Standpunkt, ohne Kenntnis des chinesischen Standpunkts erarbeitet; erst durch Sweezy erfuhr ich den chinesischen [Standpunkt], findet sich im »Anschlag«.

[Ohne Datierung] Berlin

Mal sehen, wie die vom SDSHinweis und »Argument«Hinweis unseren »Anschlag« wahrnehmen. Als wir von der »Subversiven Aktion«Hinweis unsere ProvokationHinweis an der Uni gegen die Verbindungsleute des RCDS machten, sagte ein Kommilitone zu mir: »Da sollen die vom SDS sich mal ein Beispiel nehmen.« War es aber wirklich schon so beispielhaft? Die Einwände der Kameraden aus MünchenHinweis sind ja nicht einfach wegzuschieben. Aber ein »Situationist« war ich nicht, hatte dazu in der DDR keine Gelegenheit.

3.Dezember 1964 Berlin

Über Prof. StammheimHinweis tauchte TillichHinweis genauer bei mir auf. Ja, die »Neuen Blätter«Hinweis sind sehr interessant. Für T[illich] sind Sozialismus und Glauben nicht voneinander zu trennen. Würde ich zustimmen – wie desgleichen Proletariat und Sozialismus nicht zu separieren sind: »Nur im Kampf kann sich das Proletariat finden.« Glaubt Marx an die »Auserwähltheit« des Proletariats, verdammt dazu zu sein, in den Klassenkampf gegen das »Kapital« einzutreten?

In der Kairos-ZeitHinweis ist für T[illich] das Bewußtsein reif geworden, bei Marx soll – oder muß – es in der Krisenzeit sein. Unklar bleibt das Verhältnis der Tillich-Gruppe zur politischen Praxis in den Tagen vor der Machtergreifung der Faschisten. Komisch, mit denen von der »Subversiven Aktion« oder SDSlern kann ich über Theologie und Christentum nicht reden. Mit CarolHinweis gab es da keine Schwierigkeiten.

Dezember 1964 Berlin

War das eine Freude. Die Polizeiführung wie der Bürgermeister BrandtHinweis werden schon von den Socken gewesen sein. Die meisten vom SDS wohl desgleichen, allerdings aus ganz anderen Gründen. Wie eine DemonstrationHinweis umgebaut werden kann. Ich war am Ende, hinter [mir] befand sich ein Verkehrspolizist, wir vom »Anschlag« befanden uns insgesamt im hinteren Teil. Nachdem der TschombéHinweis sich über die Besatzer-Ecken der Amerikaner mit seinen Gastgebern davongestohlen hatte zum Schöneberger Rathaus, mußten und wollten wir ihm folgen. Die vom Anfang der Demonstration konnten schlecht beginnen, hatten ca. 15 – 20 Polizisten vor sich. Und mit der »Ordnung« halten es die von der SED immer, die vom SDS haben in letzter Zeit an der Uni nichts Subversives von sich gegeben.

Nun hinten und spontan zu beginnen war klar, ich sagte Horst, Götz … Bescheid, Zustimmung zu erreichen nicht schwer. Unsere Freunde aus der dritten WeltHinweis sprangen sofort ein, die Deutschen hatten zu folgen.

Der Verkehrspolizist war »okay«. Nachdem er die »Hoffnungslosigkeit« seiner Lage erkannt hatte, ging er zum »Stop« des Verkehrs in Richtung Innenstadt über, die Lage war geklärt. Die Polizisten von der legalen Führungsseite der Demonstration konnten nun niemanden mehr halten, die folgten uns einfach, hätten wir umgekehrt genauso gemacht. Das Ziel war ja klar. Alle Stopversuche der Polizei gingen schief. Es lohnt sich schon, LeichtathletHinweis(und Ringer) gewesen zu sein. Als die Polizisten versuchten mich allein zu ergattern, offensichtlich war ich denen wegen meiner voll-schwarzen Jeans aufgefallen. Jedenfalls stoppte plötzlich ein Polizeiauto, 5 sprangen raus und wollten mich erwischen. Natürlich rannte ich wie ein Wilder an eine hohe Wand, Demonstranten halfen blitzartig, und die Polizisten hatten erst einmal keine Gelegenheit, mich zu erwischen.

Im Gelände waren Holzhäuschen, wohl für Architekten o.ä. Jedenfalls stürzte ich mich nach einem 50-m-Lauf da hinein, ging in irgendeine Tür hinein, niemand war drin, und versteckte mich unter dem Arbeitstisch. Die Polizei ließ nichts von sich blicken, allerdings der Herr, der in diesem Raum arbeitet. Der saß nun vor mir, und was war mit der Demonstration, ich mußte raus, kroch zur Seite raus, entschuldigte mich, und die Tür hatte ich schon wieder hinter mir. Hoffentlich bekam er keinen Herzinfarkt. Ich wetzte mich nun wieder ran an diejenigen, die dem Tschombé wenigstens beim Rathaus einen Denkzettel verpassen wollten. Durch Abkürzungen gelangte ich ca. 2km vor dem Rathaus wieder nach vorn. Polizei war eigenartigerweise nicht zu erblicken.

Als wir nun am Rathaus angekommen waren, war die Lage prekärer. Auf der einen Seite lag vor und neben uns der Wochenmarkt, auf der anderen lag die Rathaustür offen vor uns. Als wir ankamen, war keine Polizei zu sehen. Ein schwarzer Kommilitone aus dem OSIHinweis wollte rein ins Rathaus stürmen, ich stoppte, weiß nicht recht, warum. Auf jeden Fall waren Bewaffnete im Rathaus nicht auszuschließen.

Während wir immer mehr wurden, bald um 150 vielleicht, uns zurückhielten, organisierte sich die Polizei, »Schützen« das Rathaus mit dem Tschombé.

Der Polizeichef tauchte bei uns hinter dem Gitter auf und bedrohte mich mit Verhaftung, wenn wir uns weiter heranwagen würden. War nicht unsere/meine Sache, nun war der SDS dran, es ging um eine Delegation … T[ilman] F[ichter]Hinweis durfte nicht fehlen … In der Zeit kauften viele Tomaten …, nicht bloß zum Essen. Unsere Delegation mußte empfangen werden, der Bürgermeister soll Verständnis gezeigt haben …

Der imperialistische Agent und Mörder von Lumumba ließ nicht lange auf sich warten. Wir donnerten voll los, SchwiedrzikHinweis traf ihn voll in die Fresse.

Die Frauen (jedenfalls zumeist) des Marktes brüllten uns zu: »Haut doch ab in den Osten.« Viele von uns sind aber von dort abgehauen! Wird noch manchen Ärger geben über diesen Tag …, manche werden sich absetzen.

1965

19.April 1965 Auf der Reise nach Moskau

MutterHinweis rät mir ab, nach Moskau mitzufahrenHinweis, ich könne ja nicht einmal nach Luckenwalde zu Besuch kommen. Sollte mich sowieso mehr mit der Universität und dem Studium beschäftigen, nicht mich in die Politik reinmischen, habe in Luckenwalde an der Oberschule es doch schon schlecht zu spüren bekommen, usw., usw. …

Als SDS-Mitglied können die mich nicht einfach verhaften, zum anderen sind wir vom »Komsomol« eingeladen – die sind nicht mehr in den 30er Jahren. Jedenfalls ist vom barbarischen Stalinismus nichts (?) mehr zu hören.

Meine amerikanische Freundin war mir noch behilflich gewesen, meinen »Plattform«-BeitragHinweis für unser Münchener KonzilHinweis fertig zu tippen, konnte noch abgeliefert werden. Aber was wird der Text »wert« sein, wenn keiner von uns anwesend ist? Die Reise Bernds dorthin ist absolut unsicher, hat wenig Lust. Damit wäre unsere Richtung direkt nicht anwesend. Wie es meinem Beitrag ergeht, werde ich sehen.

[Ohne Datum] Auf der Reise nach Moskau

Ist schon verrückt, ich komme aus Ost-Deutschland, aus der DDR, mußte abhauen. Jetzt fahre ich hindurch, darf nirgendwo aussteigen. Die Genossin und die GenossenHinweis, die mit mir fahren, können dieses komische Gefühl wahrscheinlich nicht ganz nachvollziehen. Viel gemeinsamer wird unser Gefühl bei der Durchfahrt durch Polen gewesen sein. Zu viele Erinnerungen an die Beteiligung der Väter bei der Eroberung Polens, das gleiche galt bei der Fahrt nach Moskau. Allerdings konnte ich eine andere Erfahrung nicht vergessen: die jugendliche Wahrnehmung des 17.Juni 1953Hinweis, mein Beten für die ungarischen Aufständischen von 1956Hinweis. Zweifellos wird mich auch in diesen Wochen meine frühe Sympathie für die russischen OppositionellenHinweis nicht verlassen. Nun sind wir schon durch Warschau hindurch, hatten nur einen ganz kurzen Zwischenaufenthalt, Zeit, um mal kurz aus dem Bahnhof hinausriechen zu können. Dachte an Kolakowski, Kurón-ModzelewskiHinweis usw. Wer weiß, wer wieder das Land verlassen mußte.

20.April 1965 Leningrad

Mensch, was kam mir beim Anblick des Winterpalais, der Peter-Pauls-Festung und der alten »Aurora« nicht alles hoch. Den Panzerwagen vor sich zu haben, von dem aus Lenin seine April-ThesenHinweis verkündete, brachte die verschiedensten Empfindungen hervor, ich sehe Bilder vor mir aus so vielen Büchern, mal TrotzkiHinweis gestrichen, mal dabei; ist beim Anblick des Winterpalais und dem Besuch der Hafenstrecke ähnlich. Danach suchen wir das Museum für die Geschichte Leningrads auf. Es fällt mir oft schwer, entspannt zuzuhören, wenn uns die Geschichte des Aufbaus des Sozialismus »erklärt« wird. Wie problemlos uns über 1936Hinweis berichtet wird, macht wohl nicht nur mir Sorgen. Die ganze Problematisierung findet aber ihre Grenze, wenn zur Kenntnis genommen wird, wie der deutsche Faschismus versuchte, über LeningradHinweis herzufallen, wieviel da zerstört wurde.

In Leningrad gibt es ein Denkmal für die Opfer der Revolution in Petersburg. Der Grundstein ist 1925 gelegt worden, in den 30er Jahren vollendet. Meinen Einwand auf eine Verbindung zwischen Prozessen, Opfern und Verhöhnung derselben lehnten unsere Gastgeber verständlicherweise ab.

Nachdem wir die vielen Institute hinter uns hatten, suchten wir an der Außenseite von Leningrad noch den großen Leningrader Sportplatz auf. Nun war ich zwar mal wahnsinnig verrückter Leistungssportler in der DDR, aber eine andere provokative Frage drängte sich mir bald auf: Wo liegt eigentlich, von hier aus gesehen, KronstadtHinweis, und was ist da inzwischen los? Die Komsomol-Mitglieder stellten sich echt dumm und wußten von nichts, auch nichts von den realen Kämpfen im März 1921. Mein Wissen stammte nicht mehr nur aus Lenins und Trotzkis Analysen und Einschätzungen, ich hatte nämlich vor wenigen Wochen die Autobiographie von V[ictor] SergeHinweis gelesen. War für mich erschreckend, die Matroseneinheiten, die den Oktober der Bolschewiki mit ermöglichten und zum Sieg führten, sind in Kronstadt niedergeschossen worden. Wieso war da eine proletarische Notwendigkeit, die Kronstädter Matrosen, die für die Sowjets nun wieder eintraten und gegen die Bolschewiki agierten, politisch-militärisch zu liquidieren? Wer bestimmt denn diese historische Notwendigkeit? Lukács nahm in seinem Kommunismus-BlattHinweis da 1921 völlig die offizielle Haltung der KPdSUHinweis und der KI-ExekutiveHinweis ein, die Konterrevolution mußte niedergeschlagen werden. Unsere Gastgeber kannten all diese Publikationen nicht, wer weiß, wann die jemals all die uns zugänglichen Bücher in die Hand bekommen. Die Wendungen durch den XX.ParteitagHinweis können einfach nicht grundlegend gewesen sein.

In Moskau: Rudi (rechts) und Jürgen Horlemann, Mai 1965.

Viel einfacher und angenehmer war die plötzliche Kontaktaufnahme mit sowjetischen Kindern im Alter zwischen 9 und 13Jahren. Die trieben sich wie wir am oberen Teil des Stadions herum, auf der Zuschauerebene. Die spielten mit einem kleinen Ball halt Fußball, da sich einzumischen war nicht schwer und wurde freundlich begrüßt. War prima, Renate übersetzte hin und wieder, Bilder sind auch aufgenommen worden. Die Kinder waren, wie zumeist, nicht im geringsten verkrampft, hatten von Uwe Seeler und HerbergerHinweis natürlich schon gehört.

Mai Leningrad

Wie der 1.Mai in Moskau oder Leningrad war? So, wie ich ihn von Luckenwalde her kannte. In Rußland erinnerte ich mich oft des Alexander-BlokHinweis-Satzes von 1920: »Diejenigen, die in einer unerfüllten Zeit geboren sind, erinnern sich nicht ihrer Vergangenheit. Wir, Kinder Rußlands in gefahrenvollen Zeiten, vergessen nichts.« Wie sich eine Lage und ihre Interpretation ändern können.

[Ohne Datum] Moskau

Im Bahnhof in Moskau wurden wir von Mitgliedern der Komsomol-Organisation freundlich empfangen, mit einem Auto in das Hotel für internationale Gäste gefahren.

Zuerst suchten wir das Institut für Ethnographie in Moskau auf, um dort zu erfahren, wie weit ihre Forschung über Asien gediehen ist. Viel war da nicht.

Die Gespräche mit einem Redakteur von »Cmena«Hinweis, 1919 gegründet, waren stinklangweilig, aber auch etwas erschreckend: »Der Chruschtschow-SturzHinweis war für die Bevölkerung kein Problem, alles wurde klar und gut erklärt von der Partei und unseren Zeitungen.« Interessanter war schon das Gespräch mit Herrn Sachs von »Nowy Mir«Hinweis. Der verantwortliche Sekretär dieser literarischen Zeitschrift stellt sich der Diskussion ziemlich offen. Es gebe durchaus in »NM« einige Schattierungen, allerdings keinerlei Fraktionierungen, die Verschiedenheiten der Schattierungen seien allein auf die individuelle Besonderheit zurückzuführen. Zweifellos habe seiner Meinung nach SolschenizynHinweis viele wertvolle Auseinandersetzungen hervorgerufen.

[Ohne Datum] Moskau

Abfahrt. Unser Komsomol-Übersetzer, der offizielle, machte zum Schluß die Bemerkung: »Ich werde mir manche Marx-Texte noch mal neu anschauen.«

[Ohne Datum] Berlin

SDS-Tagung kommt.

Die Reisen mit den anderen Gen[ossen] waren nun längst vorüber. HoffnungHinweis hatten wir aus diesem Lande nicht mitgebracht, um mit Ernst Bloch zu sprechen. Bloch an der F[reien] U[niversität] zu hören und an Moskauer oder Leningrader Uni einem dortigen Professor zu begegnen – welche Welten liegen dazwischen!!!!

Aber warum lieben, nein, verehren wir dennoch die Oktoberrevolution? Die Bourgeoisie hat 1917 eins auf die Fresse bekommen, wer von uns konnte sich darüber nicht freuen? Die barbarische Niederschlagung von Kronstadt (s[iehe] Serge) kann und darf nicht aus dem Oktober abgeleitet werden.

Manche vom SDS kennen den K[ronstädter] Aufstand u.v.a.m. sowenig wie unser offizieller Übersetzer in der SU.

Auf der SDS-Konferenz wird man sich aber damit nicht beschäftigen. Womit aber wirklich?

1966

16.November 1966 Berlin

Erneut ein Jour fixe, eine Diskussion über Koexistenz. Es stehen sich die hochindustriellen und die nachholenden Industriegesellschaften gegenüber, mit ganz verschiedenen Ausgangspunkten.

Im Westen sind »Jugendkrawalle« nicht unüblich, wann wird sich das im Osten nachvollziehen?

Die Probleme des SDS mit den Grundarbeitskreisen kann man schwerlich übersehen. Der Gen[osse Ulrich K.] PreußHinweis weist darauf hin, daß wir in der Analyse der Strategie des Kapitals weit hinten stehen. In den zu untersuchenden »Jahresberichten der deutschen Industrie« lasse sich vieles finden, nicht aber mehr in PirkersHinweis»Blinde Macht«, zum anderen wären heute mehr denn je politische Struktur und ökonomische Struktur nicht identisch. Und ohne die Politisierung moderner Technologie wäre sowieso keine Klassenkampfchance.

H.M.KuhnHinweis empfiehlt die Aufarbeitung der Literatur über die kritische marxistische Theorie. Alle benutzen wir mit Vorverständnis die Begriffe, Mangel an Wissenschaftlichkeit. Und H[ans] M[agnus] EnzensbergerHinweis plädiert für eine Analyse der Verzwicktheit der jetzigen ökonomischen Problematik. Wir überspringen nach seiner Meinung jenes Jetzt-Sein [der] ökonomischen Struktur und verfehlen darum die Bedeutung der Subjektivität.

Spricht vieles dafür: SeringHinweis, MoszkowskaHinweis, GroßmannHinweis, Sweezy-BaranHinweis und JanossyHinweis haben uns viel zu sagen, treffen aber nicht den Kern der Sache, die fingernah ist und so schwer durchschaubar ist. Alle waren wir uns darin einig, daß der Begriff der Tendenz höchst zweifelhaft geworden ist. Dieses »social planning« der Technokraten muß zu denken geben.

Rudi mit seiner Mutter, Elsbeth Dutschke, 1966.

[Ohne Datum]

(Weihnachten 1965 – Weihnachten … [1966])

Februar 1966[:] PlakataktionHinweis(BVHinweis-Reaktion etc.)

März 1966[:] Viva-Maria-PeriodeHinweis!! (HeiratHinweis)

April [1966:] Sit-in? (Info I – BV-Reaktion etc.)

Mai [1966:] Ungarn-ReiseHinweis

Juni 1966[:] Sit-inHinweis

Juli 1966[:] Grie[chisch-]Debakel f[ür] GretchenHinweis; ElternbesuchHinweis,

TimHinweis …

August 1966[:] Jerry-BesuchHinweis(Abschluß d[er] Viva-Maria-Diskussion)

September 1966 – D[elegierten-]K[onferenz]Hinweis; Beginn der Kommune-DiskussionenHinweis auf der DK, genauer Ende des Semesters in Berlin durch mich: Focus-Theorie f. d[ie] MetropolenHinweis, Aufhebung des trad[ierten] Klassenbegriffs. – USA-Reise (Gretchens Mutter gestorben)

Oktober 1966 – Reise Frankreich-Holland …

Oktober[:] Africa AdioHinweis(?)

Nov. 1966 – Jour fixeHinweis, Koexistenz-DiskussionHinweis

Dez. 1966[:] Spa-ProHinweis(VerhaftungenHinweis etc., obj[ektive] Guerillataktik – städtische?!)

Dez./Januar 1966/67[:] Harzreise – Neujahr Evang[elische] AkademieHinweis

7.Januar[:] polizeil[iche] Überprüfung auf d[em] B[ahn]h[of] Zoo, »Totengräber d[er] Demokratie«

Februar: Schlußetappe d[er] Kommunediskussionen

März/April[:] (Reise nach Prag, Budapest, München.)

22.April[:] »Humphrey-Attentat«Hinweis …

Rudi in Berlin, 1966.

1967

2.Juni 1967 Hamburg

Vormittags nach Hamburg geflogen … auf dem Flughafen im Stehen höchste sinnliche Erregung …

Am Ausgang d[er] U-Bahn-Station Fehrbelliner Platz bei der Ankunft aus Hamburg erfahren (23:30Uhr), daß einer von uns einen der brutalen Schläger der Polizei durch Messerstich tödlich verletzt hatHinweis.

3.Juni 1967 Berlin

10:00Uhr AStA-ProtestversammlungHinweis vor dem Henry-Ford-Bau. Häusermann etc. … durften nicht ans Mikrophon. Danach Eigeninitiative des SDS – Demonstration in Richtung Schöneberg; Verhandlungen mit der Polizei – 15-m-Abstand-Forderung; »langer Marsch« – großer Polizeieinsatz, der uns schließlich von vorn und hinten zusammenpreßte – Abbruch d[er] Demonstration, zurück zur Uni.

Rathaus Schöneberg war eine belagerte Festung …

16:00Uhr auf der Wiese vor der Wiso-Fak[ultät] Protestversammlung, die wir nach der 2.Aufforderung der Polizei, die Ansammlung zu räumen, diszipliniert auflösten – war vielleicht ein Fehler – in die Wetzel-WisoHinweis geführt, dort fortgeführt. Audi-Max hatte der RektorHinweis uns verweigert!! Viele Reden, viele Prominente (Grass etc.) – viel Unsinn auch darunter.

Von mir – begeistert angenommene – Forderungen aufgestellt; durch glänzendes MeschkatHinweis-Referat mit der Forderung nach Enteignung des Springer-Konzerns vervollständigt.

Zum Abschluß »direkte Demokratie« über die einzelnen Forderungen auf der Wiese vor der Wiso.

Rudis Mutter wird beerdigt. Alfred (Mitte), Gretchen (3.v.l.), Rudi (5.v.l.) und sein Bruder Helmut (rechts), Luckenwalde, 1967.

4.Juni 1967 Berlin

Für die Krumme Straße ein Mahnkreuz f. B[enno] Ohnesorg gefordert, FalkenHinweis übernahmen die Organisierung und zogen bei Polizeianwesenheit den Schwanz ein; gingen dann zum Studentenhof Siegmunds HofHinweis, wo einige Reden der RexinerHinweis und NevermännerHinweis angehört werden mußten; mir wurde angedroht, daß, wenn ich die »Stimmung« radikalisierte, uns das Mikrophon weggenommen würde.

Nevermann verweigerte uns das AStA-Mikrophon;

RabehlHinweis: Bist du der Vertreter der Polizei?

Nevermann: Ja, dann bin ich es eben!

Faustschlag von Rabehl … Beruhigung … Wut …

7.Juni 1967 Berlin

Abendveranstaltung – Audimax:

Frau von BrentanoHinweis Faschismus und Gewalt!!!

TaubesHinweis …

TiedemannHinweis … Minderheitenfrage …

HaugHinweis … Faschismus und Wissenschaft …

Persönliche Erklärung über den Nahost-Konflikt!! (nach Gespräch mit Taubes ü[ber] d[as] Verhältnis Linke/Israel) Spa-Pro-Resolution f. Sonnabend …

Die »Volkstümlerei«Hinweis läuft auf Hochtouren, mit und ohne Illusionen …

8.Juni 1967 Berlin

»Beerdigungszug« f. B[enno] Ohnesorg – kein Protestzug – leider…; Falken-Rexin enthüllte sich wieder einmal als angepaßter Opportunist; die für die Innenstadt geforderte Route gab er bei BüschHinweis kurzfristig auf.

Abends R[ichard] Löwenthal ü[ber] Demokratie u[nd] Öffentlichkeit. »Herr Dutschke – Wollen Sie ›Zapograr Bowi‹?«

Antwort: Einen KyHinweis kann ich noch hassen, die bürokratischen Charaktermasken, JohnsonHinweis, KiesingerHinweis etc. sind einfach fungible, ein terrori[stischer] Akt hilft bei uns nichts; in den Metropolen sind Menschen »sakrosankt« – Terror gegen unmenschliche Maschinerie …

Nevermann beantragt »eine Modifizierung« der Spa-Pro-Resolution vom Vorabend; Zustimmung und Entrüstung. Danach kurzes Gespräch mit SHBIIHinweis/SPD pressure-group A.Meyer, der uns »warnte«, sie dauernd zu »laschen«.

9.Juni 1967 Hannover:

Rudi auf einer Kundgebung, Berlin 1967.

10.Juni 1967 Berlin

Um 6:00Uhr vom Hannover-KongreßHinweis übermüdet zurückgekehrt. Einige Stunden geschlafen, dann für die »konkret«-Rezensionen Mao, GängHinweis und NirumandHinweis gelesen.

N[irumand]s ist in der Tat auch ein »Modell für Monographien ü[ber] Länder der ›dritten Welt‹«.

Prinzipielle Fragestellungen und empirisches Material durchdringen sich nicht immer, darin ist der einzige Mangel zu sehen, revolutionär ist es darum noch nicht, weil es das »Was tun?«-Problem noch nicht dialektisch stellt – ist bewußt geschehen, dennoch ein Mangel der Methode.

Nach dem Essen mit DirkHinweis, Carol u[nd] PetraHinweis in den »[Republikanischen] Club« gefahren, wo ich von meinem »linken Faschismus« erfuhr, hörte die Habermas-AnklageHinweis per Band. Der Vorwurf reduzierte sich darauf, daß ich, der ich durch Aktionen die sublime Gewalt zwinge, manifest zu werden, bewußt Studenten »verheizen« wolle …

H[abermas] will nicht begreifen, daß allein sorgfältige Aktionen Tote, sowohl f[ür] d[ie] Gegenwart als auch noch mehr f[ür] d[ie] Zukunft »vermeiden« können. Organisierte Gegengewalt unsererseits ist der größte Schutz, nicht »organisierte Abwiegelei« à la H[abermas]. Der Vorwurf d[er] »voluntarist[ischen] Ideologie« ehrt mich …

11.Juni 1967 Berlin

Abends »Besprechung« im Republi[kanischen] Club ü[ber] den Fortgang d[er] politischen Aktivitäten – mit Meschkat; WellertHinweis, KadritzkeHinweis, U.; Nevermann:

Vollversammlung f[ür] Montag; Demonstration für Mittwoch und Freitag bei Ablehnung des Antrags;

bei Konzession den Konzessionscharakter bei den Abschlußreden aufdecken.

Für den 17.6.67 Gegenveranstaltung in der »Neuen Welt«Hinweis. Beginn der Stalinismusdiskussion in der Berliner Linken – Kurzreferate von BaringHinweis, Pinkell-Paper ü[ber] Deutschland und B[ernd] Rabehl – von mir vorgeschlagen; werde auch Thesen f[ür] d[ie] Diskussion ausarbeiten;

Klaus Meschkat bat mich, recht schnell in den SDS zu gehen, dort die »irrsinnige Diskussion« über die Ablehnung aller Veranstaltungen, die nicht der SDS trägt, durch andere Vorschläge zu unterlaufen; wurde vom SDS – mit Unmutsäußerungen (Kajo und Susanne) – akzeptiert.

Auf einer Diskussionsveranstaltung: Bahman Nirumand, Rudi, Herbert Marcuse, Klaus Meschkat (v.l.n.r.), Berlin, ca. 1967.

12.Juni 1967 Berlin

Vorlesungen liefen wieder »normal«; wie überhaupt gesagt werden muß, daß die Basis-Auseinandersetzung, die »Konfrontation« in den Vorlesungen, die Bestreikung reaktionärer Fakultäten nicht stattgefunden hat.

Am Abend eine stinklangweilige »Vollversammlung«, die etwas anzeigte, daß die euphorische StimmungHinweis der letzten Woche nicht permanent aufrechterhalten werden kann.

Die offene Unfähigkeit des SDS – qua organisatorischer Einheit –, die politische Kontinuität zu ermöglichen, kann durch einige gute Diskussionsbeiträge nicht kaschiert werden.

U[we] Damm hält die stud[entischen] Aktionszentren für räteartige Grundlage. T[ilman] Fichter spricht von faschistoiden Elementen in ihnen – begreift nicht die Vielfalt der Stufen des Bewußtseins.

In der Nacht SDS-Diskussion vor Film – Jeanine ad [sic!] KlugeHinweis-Assistent. Frage der »Perspektive« der politischen Arbeit.

a) Aufbau politi[sche] Subkultur

b) Kommunen und Institute

c) internat[ionales] subversives »Umschlagszentrum« für Weltrevolutionäre …

d) SDS-Organisierung via Arbeitskreise.

Im Audimax der Freien Universität: Rudi (Mitte), Dirk Müller, Bernd Rabehl, Horst Kurnitzky (v.l.n.r.), Berlin, 1967.

13.Juni 1967 Berlin

Der Senat der Stadt, sicherlich in »Zusammenarbeit« mit den »Alliierten in Ost und West«, »gestattete« uns eine mit Auflagen versehene »Demonstration«.

50 Ordner je Demonstrant war die Antwort der Antiautoritären. K1 tat Buße, »wurde auch Zeit« – eine Repolitisierung ist in der Tat fast sicher (bei einigen!). Wir haben Momente des Provo-Protestes kritisch aufzuheben, nicht abstrakt zu negieren.

Ca. 4000 o[der] 5000 versammelten sich am Theodor-Heuss-Platz, hörten dort recht viele Reden: u.a. von RistockHinweis, der wieder einmal den »SPD-Schwanz« zog.

Ein wichtiges Zeichen für den Stand der Politisierung war es, daß Ristock wiederholt ausgepfiffen worden ist, was vor einigen Monaten in der »Neuen Welt« – anläßlich des Protestes gegen die »Große Koalition« – noch nicht so massiv zu sehen war.

Meine Antwort, daß die etablierten Organisationen von SPDbis Gewerkschaften für eine Demokratisierung von unten absolut untauglich geworden sind, wurde mit großem Beifall aufgenommen.

Aktionszentren, die die etabl[ierten] Org[anisationen] unterlaufen, bestimmte konkrete Ziele der Antiautoritären angehen, stellen vielleicht die wirklich revolu[tionäre] Methode der politischen Mobilisierung größerer Teile der Studentenschaft und »gewisser Kreise« der Bevölkerung dar.

Wir wollen mit den Studenten einen kritischen Dialog über die Notwendigkeit der Durchbrechung der etablierten Spielregeln der unvernünftigen Herrschaft in den nächsten Wochen beginnen.

F[ritz] Teufel sitzt noch immer in U-HaftHinweis; es haben Diskussionen über »Befreiung« begonnen – juri[stischer] bis milit[ärischer] Provenienz.

Kendler, Leiter d[er] PZ, hielt als »höherer Beamter« eine ausgezeichnete Rede über den wirklichen Riß in der Bevölkerung – Autoritäre/Antiautoritäre.

Vorschläge:

a) politischen Inhalt zurückgewinnen – Geld-Sammlung für VietcongHinweis-Waffen.

b) 48std. Ultimatum – Freilassung von F[ritz] Teufel, sonst Blockierung der Kreuzung Joachimstalerst[raße]

c) prinzipiell illegale Demonstrationen

d) Plakate etc. die »Öffentlichkeit« durch Flugblätter vorher vorbereiten!

e) Gegengewalt demonstrieren und praktizieren (Schutztruppe – Karateausbildung – bei Knüppeleinsatz – Molotowcocktails etc.; siehe USAHinweis)

Danach bei Durschlag Vorbesprechung für die 2.Nummer des OberbaumblattesHinweis.

Mit Bernd [Rabehl] und Christian [SemlerHinweis] über die Umfunktionalisierung der morgigen Fernsehveranstaltung mit W[alter] Jens im 3.Programm – Ort Audimax. Letzte halbe Stunde f[ür] F[ritz] T[eufel] »erzwingen«.

Während der Demonstration am Theodor-Heuss-Platz Fernsehaufnahme d[es] Hess[ischen] Rundfunks mit mir über KPD-Wiederzulassung:

Der Demokrat sagt ja … NPD …

Der Sozialist ist kritisch … 5-%-Klausel – Bürokratisierung

Der Revolutionär hat keinerlei Illusionen, wird mit Hilfe der Aktionszentren gegen autoritäre Tendenzen, für die Befreiungsfronten etc. kämpfen – nur so kann das antiautoritär-tendenziell revolutionäre Lager sich vergrößern, politisiert und organisiert werden.

Mittwoch, 14.Juni 1967 Berlin

»Proletar«Hinweis xerokopiert…

Mit LefèvreHinweis telephoniert; im SDS ist nicht über die Umfunktionalisierung der Fernsehveranstaltung gesprochen worden; waren sich nur darüber klar, von der Hand in den Mund zu leben …

Hauptfragen:

a) Wie kann der SDS zu einem politisch-organisatori[schen] »Kampforgan« werden?

b) Wie, mit welchen organisatorischen, personellen und inhaltlichen Bestimmungen, können die Aktionen weitergetrieben werden, die Aktionszentren auf erweiterter Basis reproduziert werden?

Abends Fernsehdiskussion, die Lefèvre, Kadritzke, Nevermann und »Golly«Hinweis gegen HeinitzHinweis und SontheimerHinweis ganz prima führten – Diskussionsleitung W[alter] Jens. Zum Ende wurden Stofftransparente f[ür] F[ritz]Teufel gezeigt. Die abschließende »offene Diskussion« brachte u.a. einen »Angriff« von RCDS-RungeHinweis auf mich, bezeichnete mich als Nichtdemokraten, als Revolutionär, was sehr beklatscht wurde. Durch »plebiszitären Druck« und KreipeHinweis-Freundlichkeit erhielt ich Sprechgelegenheit, die ich glatt, aber nicht ganz überzeugend (f[ür] mich) zu lösen vermochte. Hatte einen anderen Aufbau der Rede vor:

F[ritz] Teufel als Einzelfall, der anzeigt, wie sehr die Vertreter der radikalen Opposition von keiner etablierten Organisation geschützt werden, wie sehr wir außerhalb des Systems der etablierten Institutionen stehen – was in der Tat aber auch unsere Stärke und »Zukunft« ausmacht.

Am Einzelfall, das Besondere der studentischen Opposition überhaupt, ihr Zusammenhang mit dem gesamtgesellschaftlichen Kontext.

Am Besonderen das Allgemeine herausarbeiten, die Notwendigkeit, dieses von uns nicht geschaffene, dieses von uns nicht getragene, dieses uns nicht vertretende System von repressiven Institutionen abzulehnen, es in den Kampagnen für die Politisierung immer größerer Teile der Studentenschaft und auch geringer Schichten der Bevölkerung praktisch-kritisch in Frage zu stellen.

Abends (nachts) bei der Abschiedsparty von Dick Rejs über die Notwendigkeit der Abschaffung des Parteiensystems und »Ersetzung« durch dezentralisiertes Rätesystem, das den zoon politikon ermöglicht und verwirklicht … einige einverstanden …

15.Juni 1967 Berlin

Mit Carol zur Klinik …

FanonHinweis weitergelesen; Che und er, nicht zu vergessen Mao, begreifen in unserer Zeit am tiefsten die Probleme der Massenpraxis im Kampf um nationale Befreiung in der dritten Welt.

Der revol[utionäre] Nationalismus ist kein Dauerzustand, muß in militanten und sozialen Humanismus transformiert werden …

Ab 18:30[Uhr] Oberbaum-Blatt-Besprechung; durchwachsene Texte f[ür] d[ie] 2.Nummer (Semler, Ch[ristian]; Bernd R[abehl]; A.J.Hinweis; E[lisabeth] K[äsemann]Hinweis, PetermannHinweis) – 30000Auflage: Zielgruppe – Studenten, Schüler, Gewerkschafter und Sympathisanten …

Nach 20:00Uhr im [Republikanischen] Club die gestrige Diskussion gesehen, war doch recht gelungen, auch mein »Auftritt« erschien recht plaziert …

Mit Klaus über ein Kiesin[ger]-Gesprächs-Angebot an Berliner Studentenvertreter »vertraulich« gesprochen; SHB hält sich tapfer…; Annahme nur bei Möglichkeit der Abgabe politi[scher] Erklärungen vor Presse etc. … In der nächsten Woche mit Löwenthal und HoffmannHinweis über »dritte Welt« und »wir« sprechen …

Morgen abend Veranstaltung über NotstandHinweis …

Nach 23:00Uhr bei AnitzHinweis …; Kendler und den halben SDS-Beirat getroffen, über einen eventuellen Hungerstreik – 48Std. In der K[aiser-]W[ilhelm-]G[edächtnis-]K[irche] – f[ür] F[ritz]Teufel gesprochen …

Sonnabend wird auch H[einz] BrandtHinweis an der Diskussion über den 17.JuniHinweis teilnehmen …

16.Juni 1967 Berlin

Mit DirkHinweis bei MarquardtHinweis über Kirchen für einen Hungerstreik »in Sachen« F[ritz] Teufel. Pfarrer M[arquardt] ist ein ausgezeichneter linker Christ, an den meisten Fragen wohl auf »Golly«-Positionen.

Im AStA per Telephon mit GremlizaHinweis über ein »Spiegel-Gespräch«Hinweis diskutiert – prinzipiell zugestimmt.

Abends mit G[retchen] in die Deutschlandhalle gegangen. Béjarts »Romeo u[nd] Julia« gesehen; hervorragendes Ballett gegen Krieg, für die Liebe – das Schlußbild arbeitet mit einer Vielfalt an Mitteln, die dritte Welt in ihrem Kampf steht vor uns; das Leben und die Liebe besiegen den Tod.

Notstandsveranstaltung recht schwach …

17.Juni 1967 Berlin

Stalinismusreferat (Soziologie d[er] Diktatur des Proletariats) über 1920–1923 vorbereitet; etwas zu wissenschaftlich f[ür] eine Massenversammlung, was sich abends denn auch zeigte.

Es war eine fast sehr gute Gegenveranstaltung mit ernsthaften Analysen von KrippendorffHinweis, B[ernd] Rabehl, H.Golger und mir – auch die Diskussion klärte Positionen, ließ Wellert vom Rep[ublikanischen] Club ganz nach links kommen, für die Entwicklung dieses pol[itischen] Treffpunkts von nicht geringer Bedeutung.

Erstmalig wurde von unserer Seite eine »zweite Revolution« für die DDR, Osteuropa undSUHinweisgefordert – die wirkliche 2.FrontHinweisf[ür] Vietnam; für unsere Arbeit auch sehr wichtig. Mit dem alten Revolutionär BornHinweis gesprochen, warnte uns speziell vor H[arry] Ristock, schlug uns eine »taktische Gründung« einer USPDHinweis vor, um weitere Unsicherheit in die »Partei«Hinweis zu tragen. In der Nacht durch EdenHinweis einen äußerst guten Bericht über die Fortführung der Revolution auf Cuba; Aktionskomitees bis in die Straßen hinein, getragen von den bewußten Massen, Fidel [Castro] ist 1x pro Woche in der Uni für stundenlange Diskussionen über den Weg der Revolution; was in den Betrieben sich abspielt [unleserlich] Che lebt und arbeitet in Bolivien, die dritte Front ist errichtet, d.h. es existieren wenigstens 200 vollausgebildete Guerillas. Das ist sehr viel!! Kämpfen schon mit Raketenwaffen!! Vietcong erst vor kurzem erhalten.

18.Juni 1967 Berlin

Kurz nach 15:00Uhr bei P[eter] SchneiderHinweis mit Bernd R[abehl]; Christian S[emler]; Marianne und Rosemarie über die »politische Linie« der revolutionären Opposition in West-Berlin gesprochen. Idee eines »Manifestes« geboren; Mittelpunkt eine Gegenuniversität, die, inmitten des Übergangs zwischen »Arbeiterbezirk« und »Bürgerbezirk« liegend, die verschiedenen Bewußtseinsstufen der uns interessierenden Gruppen zum Gegenstand von Ausbildungsprogrammen und neuen Formen des Zusammenlebens zu machen hätte.

Grundfrage: Wie kann die Apparatintegration vermieden bzw. durch Existenz einer »Eigengesellschaft« fruchtbar gemacht werden? (Ausbildungsstätten; Verlagsprojekte; internationale Kooperation etc.). Ein Ça-Ira-ClubHinweisauf der Basis revol[utionärer] Wissenschaft …

Abends im SDS über Fritz Teufel und über den für ihn geplanten Hungerstreik in einer Kirche (48Std. → 7Tage) diskutiert; soll Donnerstag nach einer Großveranstaltung beginnen; soll als permanente Diskussion unserer Probleme geführt werden.

Die Genossen haben unsere Gegenuni-Konzeption wenig begeistert aufgenommen – werden sehen; hatten heute ein Treffen im Clubhaus unter der Leitung von W[olfgang] NitschHinweis, der sich das Unternehmen vorläufig wohl als ein kritisches Appendix zur bestehenden Uni vorstellt …

In der Nacht Aktion: Str[aße] d[es] 17.Juni in … 2Hinweis … umgetauft … (H.P., P.T., A.J.Hinweis, W.M., P.R.) …

24.Juni 1967 Berlin

Im IG-Metall-Heim in Pichelsdorf »historische« SitzungHinweis über Gegenwart und Zukunft West-Berlins. S[iehe] Protokoll …

27.Juni 1967 Hamburg/Berlin

Interview in Hamburg; »Spiegel«-Red[akteur] Henschel und ich unterhielten uns fast vier Stunden über »Revolution«, zukünftige Gesellschaft, Gewalt, Schüler, Sexualität etc. …

In der Kneipe »Machtergreifungsplan« »ausgepackt«. Riesige Überraschung – »Wasserstoffbombe« … neues Gespräch angepeilt …

28.Juni 1967 Berlin

Lahme Vollversammlung aller Fakultäten – über Disziplinierung in der Uni und Formierung in der Gesellschaft.

Selbstkritik und Darstellung meines DisziplinarverfahrensHinweis begriffen worden: a) Info-Veranstaltung durch poli[tische] Aufklärung zur Aktion zu treiben, b) Lebenslauf und Rezeption unserer Praxis durch staatliche Exekutive, c) Gewalt und Uni – Bürokratie – Zusammenspiel.

Abends: Org[anisations]-Diskussion im SDS; Jour fixe – Beirat – AKsHinweis(Theorie d[er] räterevolu[tionären] Machtergreifung in West Berlin!) …

29.Juni 1967 Hannover

Vor ca. 350Studenten in einem überfüllten Saal über das Ende d[er] Rekonstruktionsperiode, die Studentenschaft etc. gesprochen – »Erfolg« – SDS gegründet: 40Mitglieder. Immer wieder zeigt sich: ich »komme an«, viel Beifall – aber doch zumeist passiv-konsumerischer Provenienz.

14.Juli 1967 Freiburg (Breisgau)

In Freiburg vor 1000Studentinnen und Studenten – leider nur sehr wenige Menschen von außerhalb der Uni – über die Situation und die Möglichkeiten der außerparlamentarischen Opposition diskutiert und referiert.

Nach anfänglicher Unruhe über meine revolutionär-wissenschaftl[iche] Analyse konnte ich immer mehr einen kritisch-rationalen Dialog mit den Zuhörern herstellen; in Freiburg, wo der SDS 35Mitglieder hat, wo das sogenannte »Politische Mandat«Hinweis der Studentenschaft noch umstritten ist, war das ein wirklicher »Erfolg«. In der Nacht noch mit ca. 150Halb- u[nd] »Ganzrevolutionären« in einer Kneipe und dann bei Scheinwerferlicht auf einer Wiese weiterdiskutiert (Klassenbegriff → prol[etarische] Revolution → Entwicklung] d[er] P[roduktiv]k[räfte → Kapitalvernichtung → menschliche Revolution vià Lagerbegriff etc.).

In der Kneipe Prof. W.HeimisHinweis systematisch vor den »Minderheiten« destruiert, und zwar wissenschaftlich und persönlich – ein glänzendes Lehrbeispiel. Der »alte« Prof. BaumgartenHinweis(M[ax]-Weber-Herausgeber) schlug sich ganz großartig mit uns gegen Heimis, der seine Leerformeln von den demokrati[schen] Grundrechten, zu denen auch Kapitalkonzentration gehörte, gegen uns zu wenden suchte, nicht einmal die AdlerscheHinweis Formel der sozialen Demokratie als Kriterium politischer Demokratie zu diskutieren bereit war, sich sogar mit EhmkeHinweis, C.SchmidHinweis und AlbertzHinweis gegen die »sterile Aufgeregtheit« (M.Weber) der Studenten solidarisierte.

Prof. Baumgarten machte mir ein »riesiges« Kompliment: »Ich bin überrascht und beglückt über ihre Fähigkeit, die anwesende Masse zu bändigen«, er hatte Chaos und Tumult erwartet – SDSler auch – und sah ein äußerst kritisch diskutierendes und hervorragend zuhörendes Auditorium.

Die »Massenversammlung« ist für die emanzipierende poli[tische] Führung nicht ein funktionales Massenbeherrschungsinstrument, ist vielmehr »gemeinsame Arbeit an der Theorie«, Erhöhung des theoreti[schen] Niveaus mit prakti[schen] Konsequenzen und Losungen (→ Springerenteignung etc.).

(interessante Termini: neue Gestalt einer »politisch-wissenschaftlichen Existenz«; »Illusion dieses Revolutionsexperiments«)

15.Juli 1967 Berlin

Vormittags von Freiburg zurückgekommen: 15:00[Uhr] SDS-M[itglieder-]V[ersammlung]. 77Neuaufnahmen (!), damit eine potentiell neue Arbeitskräftestruktur gewonnen, die via Projektgruppen und Generalrat (Jour fixe), vermittelt über den Beirat als Transmissionsriemen, die Reorganisation des SDS ermöglichen könnte.

Wolfgang L[efèvre], Ch[ristian] Semler, W[olfgang] Nitsch und ich referierten ü[ber] den Stand der poli[tischen] und organi[satorischen] Entwicklung der studenti[schen] und außerstud[entischen] Opposition.

Einen Dialog zwischen temporärer politischer Führung und der »Basis« gibt es noch nicht. Seit Jahren wird weder in der Führung noch in der Basis diskutiert. Über die Projektgruppen könnte sieHinweis sich herstellen …

Auch herrscht bei den etablierten SDS-Genossen »ein gewisses Unbehagen über R[udi] Du[tschke], der nach außen zu stark in Erscheinung tritt« …, was sich auch in den DK-Wahlen ausdrückte: 108 für mich, 107 f[ür] Bernd [Rabehl], 93 f[ür] Christian [Semler] – 10 bis 15 »Etablierte« stimmten nicht für mich – aber die »Jungen« konnten das ausgleichen. Diese Mißstimmung ist auflösbar, muß aufgelöst werden, um vorzeitige Fraktionierungen, die nur die Parteifixierten innerhalb und besonders außerhalb des SDS stärkten, zu vermeiden.

16.Juli 1967 Berlin

Mit Chri[stian] RiechersHinweis lange über PCIHinweis, Italien und West-Berlin diskutiert; meint, daß die Parteifrage von uns nicht vorschnell als erledigt angesehen werden sollte (BordigaHinweis-Konzeption des organi[satorischen] Zentralismus …), kritisierte die Räte-Konzeption, die ja auch als »Räte-Partei« sich institutionalisieren müßte. (hat Material versprochen … – Bordiga-Übersetzung) …

Dann mit HorstHinweis und Ines einige »Mißverständnisse« und Punkte des Mißtrauens durchdiskutiert … –

27.Juli 1967 Mannheim/Heidelberg

16:00[Uhr] Mannheim: die BRD a[m] Ende d[er] Rekonstruktionsperiode u[nd] d[ie] Aufgabe d[er] (Außerparlament[arischen]) Opposition. Gespräch mit vielen Studenten nach d[em] Referat. Eine 50jährige Frau gab mir 50DM für CheHinweis und für meine Ausführungen … Gespräch mit dem Rektor u[nd] Ch. Hellberger …

20:00Uhr Heidelberg:

Völlig überfüllter Saal – bei 700Sitzplätzen ca. 1100 anwesend und noch 200 vor dem Raum; hektische Atmosphäre, kaisertreue FahneHinweis zu sehen; viel Lärm – Schreien, Lachen und Beifall für mich zu Beginn; Mikrofonanlage fiel nach 10Minuten aus – dann 90Min. Schrei-Rede bei äußerster Ruhe und Aufmerksamkeit des »Publikums« – nur durch Beifall unterbrochen … gute Diskussion … (in Mannheim und Heidelberg 190Ches verkauft).

Nach dem Referat K[arl] H[einz] Neumann – Freund aus der Zeit der Subversiven Aktion – getroffen; spontane repressionsfreie Kommunikation – in der ganzen Nacht die »Nacht«-Position von Karl Heinz und die »Licht«-Position (Produktion von Licht durch verzweifelte Anstrengung) von mir konfrontiert …

4.–9.September 1967 Frankfurt (Main)

SDS-D[elegierten]-K[onferenz]:

Fehler:

a) schlechte Vorbereitung (individuell u[nd] fraktionell)

b) in jedem Beitrag die Totalität d[es] revol[utionären] Prozesses mobilisierend vermitteln

c) keine Plattform vorbereitet

d) keine Resolutionen vorbereitet

e) direkte Aktion im Amerika-Haus »gut«, mit haarsträubenden Fehlern: a) keine Vorbereitung, b) personalisierte Führung, c) Entlarvung durch ½stündige Teilnahmen an d[er] Diskussion unterlassen,

d) Gegenöffentlichkeit muß durch allseitige Beiträge ü[ber] d[as] Problem hergestellt werden – nicht durch Agit.-Prop.-Berichte …

Erfolge:

a) unsere »Fraktion« konnte sich personell durchsetzen.

b) 2 bzw. 3 prinzipielle Legalität überschreitende Resolutionen wurden angenommen.

c) die Verabschiedung zentraler Aktionen (Anti-Springer u[nd] Anti-Notstand)

d) durch Kontaktierung die Möglichkeit dezentralisierter Zentralen geschaffen

e) Verabschiedung einer Resolution ü[ber] d[ie] Notwendigkeit der rev[olutionären] Politisierung d[er] Naturwissenschaften (überregionale Projektgruppe).

Rudi, 1967.Rechtenachweis Nr. 1

11.–13.September 1967 Mailand

Aufenthalt in Mailand bei FeltrinelliHinweis.

a) über BolivienaufenthaltHinweis

b) über DebrayHinweis-Buch

c) über Unterstützung d[er] Anti-Springer-Aktionen (Sybille etc.)

d) über Bücher-Hilfe (Reprints etc.)

e) E.Fillippino – Zeitschrift (interna[tionale] Literaten-Hilfe organisieren!)

f) Rosdolsky-DruckfahnenHinweis liegen bei Feltrinelli (ü[ber] RohentwurfHinweis!) (soll bei EVA erscheinen?!)

g) Dissertations-Materialien im Institut vervollständigt (ist besser als AmsterdamHinweis!!)

h) Deutsche Publikationen nach Meran (SibylleHinweis)

i) alle Dokumente aus Institut schicken

14.September 1967 Frankfurt

Zu spät zur Fernsehshow über die Frage Reform u[nd] Revolution. Aufklärung hin und Geld weg. Diskussion mit Gisela u[nd] Ernest [MandelHinweis], [Hans-Jürgen] KrahlHinweis etc. ü[ber] Org. fragen und theoreti- [sche] Vorbesprechung f[ür] Tagung in Berlin.

6.Oktober 1967 Kampen (Sylt)

In Kampen (Sylt) – ü[ber] Hamburg (Ulrike [Meinhof Hinweis], [Klaus Rainer] RöhlHinweis etc.)

7.Oktober 1967 Hamburg

Hamburg – Gespräch mit [Rudolf] AugsteinHinweis; zeigte sich sehr »fasziniert«; gab 7000 für Kino, 5000 für »Tribunal«Hinweis.

1.November 1967 Berlin

KUHinweis-Gründungsversammlung.

die »Rechte« ist organisiert – in Minderheit – mit ca. 100Claqueuren anwesend –; versucht zu sabotieren; souveräne Leitung von W[olfgang] Lefèvre, Nitsch etc. …; lange Zeit Langeweile … und x Rechte sprechen; in der Schlußphase dominiert noch einmal die Linke; E[kkehart] Krippendorff ist blendend … (s[iehe] Aufzeichnungen) …

21.November 1967 Bochum

Bochum-Veranstaltung; sollte um 20:00Uhr sprechen; kam um 22:00Uhr – noch alle da; ca. 1200Menschen; Referat – Diskussion – bis 0:30Uhr. – Prima! Dann von 1 - 4:00Uhr ü[ber] d[ie] Situation d[er] Gruppe gesprochen; beschissen … (s[iehe] Adreß-Buch; alle Unterlagen schicken …)

Rudi spricht, Gaston Salvatore hält das Megaphon, Berlin 1967.

22.November 1967 Berlin

Bußtag-Diskussion (Hentschke – Prof.; Bauer – Pfarrer; Dutschke u.a.m.) – Politik vs. chri[stliche] Utopie. Ca. 400–500Leute in einem überfüllten Saal; scharfe Kritik der Kirche … (BonhoefferHinweis, Tillich, C[amilo] TorresHinweis). »Der beste Dutschke, den ich je sah« (Pfarrer Marquardt).

In Luckenwalde: Bruder Helmut, Gretchen, Rudi und Schwägerin Birgit, November 1967.

24.November 1967 Hamburg

Hamburg (DahrendorfHinweis, Augstein, LittenHinweis, Ristock, Nevermann, Kresmann, Dutschke) »gesellscha[ftliches] Ereignis« – ohne Aktion. Riesiges Spektakel … s[iehe] »Zeit«-Bericht (SDS-Gruppe ambivalent; Martin bald sprechen!)

26.November 1976 Berlin

SDS-Diskussion (von mir einberufen) über Teufel-Aktion; »große« Auseinandersetzung zwischen Wol[gang] L[efèvre] und mir; kann mich durchsetzen …

4 takti[sche] Initiativgruppen, Sammelplatz etc. Keine Diskussion ü[ber] Uni-Veranstaltung …

27.November 1967 Berlin/Bremen

6:00Uhr Special-work with Gi. und Di.

8:00[Uhr] Sozialarbeiterschule – Willi P. etc. …

Große Diskussion mit d[er] Direktorin – P[eter] Schnei[der] usw.

10:30[Uhr] Uni-Vollversammlung

a) Total-Versagen u[nd] »Sabotage« des AStA (diskutieren vs. agieren)

b) W[olfgang-]L[efèvre]-Versagen – a) Koordination, b) Rausgehvorschlag

c) »Rhetori[sche] Schwäche« bei mir – »kleinkarierter Barzel« … – viel Lärm

d) Pro-contra-Dialog-Vorschlag von mir prima – systematisieren!

e) Nach Disku[ssions]-Niederlage Demonstra[tions]-Sieg: 1000/100.

14:30[Uhr] U-B[ahn]h[of] Turmstraße

a) schlechtes Wetter; lange Anfahrtswege; Po[lizei]-Po[sten] an den Ausgängen etc.

b) Megaphone wurden nicht Mi[ttel]p[un]kt d[er] takti[schen] Initiativgruppen …

c) nicht alle »Kader« versammelten sich an der Spitze des Zuges …

d) darum auch keine Diskussion m[it] d[em] BeiratHinweis möglich …

e) Barriere-»Demonstranten« im Zustande totaler Ratlosigkeit

f) SDS-Parole war »gemeinsames Sammeln«

g) keine Verbindung zwi[schen] Barriere und »Zengakuren-GruppeHinweis

h) nach »Auflösung durch die Polizei keine systema[tische] Verteilung der Gruppen …

i) die ta[ktischen] In[itiativ]gruppen sind in sich noch nicht gefestigt …

Bei U[rsula] HenningHinweis Kleiderwechsel und baldige Abfahrt …

19:00[Uhr] Flughafen Tempelhof (10 x Rot mit OlafHinweis überfahren – ganz irre Tour); Flugzeug verspätet; 20:00Uhr erst; 2 min. vor Abflug noch einmal im Flugzeug Paßkontrolle; Auseinandersetzung … BEA-Captain – exterri[toriales] GeländeHinweis – kein Haftbefehl – 20min – Rausschleppen – an der Treppe Geflüster mit einem hinzueilenden Beamten – Haftbefehl – Freilassung – Abflug

21:30Uhr Bremen – großer Bahnhof – »jeder« erwartete meine Festnahme …

22:00Uhr – Lila EuleHinweis – wunderbare Veranstaltung mit jungen Arbeitern, Schülern etc. … dufte Truppe um Olaf und Anne …; in der Nacht wieder nach Berlin …

Rudi diskutiert in der »Lila Eule« in Bremen, November 1967.Rechtenachweis Nr. 5

28.November 1967 Berlin

6:00[Uhr] in Berlin – bei Gaston [SalvatoreHinweis] – langes Gespräch … Schlafen …

20:00[Uhr] T[echnische] U[niversität] – Veranstaltung – s[iehe] Aufzeichnungen. Viel Hysterie bei den Mitt.-Gen. wegen Verhaftung …

29.November 1967 Berlin

20:00Uhr Da.Hinweis

21:30[Uhr] SDS-Diskussion ü[ber] Springer und besonders über Montag – ziemlicher »Krach« mit Wolfgang L[efèvre], Wer diskutiert wann und wo welche Takti[k]-Änderung?!? Psych. Fragestellung bei Gäng – Verratstheorie … Gruppe Rudi bei W[olfgang] L[efèvre] – Rädelsführertheorie … s[iehe] Aufzeichnungen …

1968

Die APO demonstriert in Berlin gegen den Vietnamkrieg. In der ersten Reihe Rudi und Gretchen, Februar 1968.(Rechtenachweis Nr. 6)

Auf dem Vietnamkongreß mit Gaston Salvatore (links), Februar 1968.Rechtenachweis Nr. 2

10.April 1968 Berlin

Warum der Bernd R[abehl] gekommen ist, verstehe ich nicht recht. Er war aber im Gespräch recht freundlich, der ganze KrachHinweis im SDS schien vergessen zu sein. Er weiß von meiner Absicht, nach Amerika zu reisen, müßte aber desgleichen von meiner Paris-Einladung für den 1.Mai wissen. Aber Informationen werden seit Wochen im SDS schier »fraktionell« gehandhabt. Wir haben die InfiHinweis-Sache nicht umsonst mit Geldern ermöglicht, die vom Vietnam-KongreßHinweis übrigblieben. Und wie »sauer« und erneut mißtrauisch war der Tilman F[ichter] in jener Sitzung vor einigen Wochen im SDS …

Golly und GollaHinweis werden in Kürze kommen, werden uns sowieso in Bewegung setzen müssen. Hoffentlich kann unser Infi sich halten.

Rudi kauft ein, April 1968.Rechtenachweis Nr. 4

Mai 1968Hinweis Berlin

1.mal wieder die Namen der Freunde aufgeschrieben mit Hilfe von Gretchen im Krankenhaus Westend W[est]-B[erlin].

Gaston

Christian Semler

Bernd Rabehl

Meschkat

Gollwitzer

Krippendorff

Wolfgang Neuss

Enzensberger

21.Mai 1968 Berlin

Heute ist der 21.5.1968, um 17:30Uhr kam der Oberarzt Dr.Schulze und frug mich, ob es möglich wäre, daß der Polizeipräsident Herr MochHinweis, dessen Frau zwei Zimmer neben mir liegt, für einen Händedruck hereinkommen dürfe.

+ + Wir haben überlegt – Thomas [Ehleiter] und ich – und sahen keine Schwierigkeit und keine Gegenmöglichkeit. Er erschien, und wir sprachen wenige Minuten über die Schießerei des jungen Menschen (Bachmann). Die Polizisten haben ihn nach wenigen Minuten schon gefunden, und der Kampf ging sehr schnell weiter. Sie konnten schließlich seine Knarre kaputtschießen; dabei gingen auch seine Finger kaputt. Ein Polizist wurde auch angeschossen von B[achmann]. B[achmann] wurde auch noch gesund gemacht …

Moch sprach noch von seiner Frau, die in der Nähe wohnt, er darum mich kurz besuchen wollte. Er brachte sogar einige gute Fressereien und Trinkereien (Kirschen usw.).

Er sprach schließlich von den Polizisten, die sehr froh über Dutschkes Leben sprachen. Dut[schke] war der Meinung, daß es bei den Polizisten noch sehr viele Rechte gibt…

Oberarzt Schulze kannte wieder einmal nicht alle Namen – sonst ist er dufte, aber Th[omas] Ehleiter kannte er nur ohne Namen. Nach wenigen Sekunden verschwand Moch, und wir führten unsere ArbeitHinweisfort!! …

Oberarzt Schulze – Bericht über den Zustand Dutschkes!

Bewußtsein (Denken, Gedächtnis)Hinweis

Unter∼ ([wo das] Vergessene und Verdrängte aufbewahrt wird) Ton – entsteht durch die Stimmbänder Wählscheibe (Telephon)

Telephonhörer

vergessen

träumen

pfeifen

singen

erleichtern

telephonieren (anrufen), hören, rufen, schauen, an~, angucken, sehen, schau mal her, ∼ dir das an,

atmen (Luft, Lungen; trockene, feuchte, Höhenluft; Sauerstoff)

rennen (weg∼, wett∼, Wettlauf; Spikes)

kauen (mit den Zähnen; das Essen, Fleisch, Brot, Wurst, Obst, Gemüse)

scheinen (Sonne, Mond; es scheint so zu sein; anscheinend, scheinbar)

begrüßen (guten Tag, mach’s gut, guten Morgen; …)

sublimieren (Unterbewußtsein; die Kultur ist ein Produkt der Sublimation, sexuelle Energie in andere Bahnen leiten)

verdrängen (unterdrücken, vergessen; Fehlhandlungen, Versprechungen weisen auf die Verdrängung)

streiten (schimpfen, Unzufriedenheit, Konflikt, Gegner, Disputation)

unterdrücken (Repression) (Klasse gegen Klasse), Sklaverei, Gewalt, Streitgespräch

erinnern (zurückdenken, Gedächtnis; vergessen)

verbergen (verstecken, verhüllen)

befreien (entheben, unabhängig machen …)

diskutieren (sprechen, Thema; Problem; man sucht eine Lösung)

argumentieren (begründen, Gründe vortragen, beweisen)

analysieren (Problem zerlegen; Analyse {Ganze} → Synthese {einzelnen – zum Ganzen})

existieren (Existentialismus, sein; Dasein/Existenz)

protestieren (sich gegen eine Sache stellen; demonstrieren)

produzieren (herstellen)

Rudi und Gretchen im Westend-Krankenhaus, Berlin, Frühjahr 1968.

»Wir Kommunisten sind nur Tote auf Urlaub« (LevinéHinweis).

Die Zerstörung von Maschinen durch junge Arbeiter ist ein Zeichen dafür, wie sehr die Studenten noch wenig wissen …

a) Maschinen zerschlagen – alle Menschen erhalten und lieben …

b) Springer-Apparat zuerst …

Die Studenten fühlen instinktiv, daß es jetzt ihre Aufgabe ist, die Fackel revolutionären Protestes in die Hand zu nehmen. Einst, so erklärt R[udi] D[utschke], einst waren es die Arbeiter, die protestierten, aber jetzt haben sie bekommen, was sie wollten. Ihre Gegenwart ist vernebeltes Bewußtsein. Die Parteien verteidigen Interessen und nicht Bewußtsein. Die Kommunisten akzeptieren das Spiel mit der gleichen Fügsamkeit wie die anderen. Deshalb sind heute die Studenten die einzigen, die protestieren, die aufrührerisch sind, die das System in Frage stellen.

Die Konstituierung des total-autoritären Staates wurde begleitet von der Verkündigung einer neuen politischen Weltanschauung: der »heroisch-völkische Realismus« wurde zur herrschenden Theorie. Es erhebt sich das Blut gegen den formalen Verstand, die Rasse gegen das rationale Zweckstreben, die Ehre gegen den Profit, die Bindung gegen die »Freiheit« zu benannte [richtig: benennende] Willkür, die organische Ganzheit gegen die individualistische Auflösung, Wehrhaftigkeit gegen bürgerliche Sekurität, Politik gegen den Primat der Wirtschaft, Staat gegen Gesellschaft, Volk gegen Einzelmensch und Masse. Die neue Weltanschauung ist das große Sammelbecken all der Strömungen geworden, die seit dem Weltkrieg gegen die liberalistische Staats- und Gesellschaftstheorie vorgetrieben wurden. Der Kampf begann zunächst fern der politischen Ebene als philosophische und wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung mit dem Rationalismus, Individualismus und Materialismus des 19.J[a]hr[-hunder]ts. Bald bildete sich eine gemeinsame Front heraus, die mit der Verschärfung der ökonomischen und sozialen Gegensätze in der Nachkriegszeit schnell ihre politische und gesellschaftliche Funktion offenbarte, der gegenüber der Kampf gegen den Liberalismus sich (wie im folgenden gezeigt werden soll) nur als eine periphere Erscheinung darstellt. Wir geben vorgreifend einen Überblick über die wichtigsten Quellen der gegenwärtigen Theorie.« (S.17, Marcuse)

13.Juli 1968 Schweiz

1)

2) Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, d.h. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens, beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.Hinweis