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"Die Taube Luise" ist eine von 5 magischen Kurzgeschichten in diesem E-Book. Die Natur und insbesondere die Tiere laden den Leser dazu ein, eine andere Perspektive einzunehmen. Unser Leben, unsere Erde haben weit mehr zu bieten als das, was wir mit unseren Augen sehen und mit unseren Ohren hören können. Leben findet auf so vielen Ebenen statt. Die Geschichten greifen Lebensthemen auf magische Art auf und tragen den Leser in unbekannte und doch so bekannte Welten.
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Seitenzahl: 30
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Emanuela Knoll
Die Taube Luise
5 magische Kurzgeschichten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Hinterm Zaun
Die Wölfin
Die Taube Luise
Wie Samt
Rückenwind
Impressum neobooks
Wie beinahe jeden Morgen stand Lilly hinter dem Zaun und blickte auf die noch unverbrauchte Welt. Eigentlich hieß sie Anneliese, aber so lange sie denken konnte, wurde sie Lilly genannt. Obwohl noch Dunst in der Luft lag, so kündigte sich doch bereits jetzt ein schöner, sonniger Tag an. Lilly war froh um jeden Sonnenstrahl, denn ihre kleine Wohnung im Erdgeschoss mit dem Gartenanteil war nicht sehr warm. Außerdem musste Lilly sparen, das Leben war nicht immer ihr Freund gewesen und sie hatte so manchen Schicksalsschlag hinnehmen müssen. Aber daran dachte sie jetzt nicht, während sie mit ihren viel zu großen Schlappen und dem übergroßen Pulli am Gartenzaun stand und beobachtete, wie ihre Umgebung langsam erwachte.
Die Katze der Nachbarn war anscheinend die ganze Nacht unterwegs gewesen. Sie trollte maunzend am Zaun vorbei und sah aus, als ob sie ein kuscheliges Sofa gebrauchen könnte. Für einen kurzen Moment zog ein Schatten über Lillys Gesicht. Sie hatte früher auch immer Katzen. Lilly liebte Katzen. Doch jetzt mit den Jahren traute sie sich nicht mehr, eine Katze bei sich zu halten. Die Angst, sie würde vor der Katze das Zeitliche segnen, war einfach zu groß. Wohin sollte das Tier dann gehen? Wer würde es nehmen? Nur manchmal, an solchen Tagen wie heute, wäre es wundervoll so ein schnurrendes Wesen um sich zu haben. Dabei konnte sie von Glück sagen. Das kleine Gartenstück war ihr ein und alles. Sie pflegte und hegte es, so wie es ihr Geldbeutel und ihre Gesundheit zuließen. Für die Vögel hatte sie ein Wasserbad aufgestellt und die Piepmätze nutzten das kühlende Nass nur allzu gerne. Lilly saß oft stundenlang auf ihrem Stuhl auf der Terrasse und sah den Amseln zu. Die schwarzen Vögel nutzen das kleine Schwimmbad am häufigsten. Ab und zu gesellten sich Meisen und Spatzen dazu, aber die Amseln behielten die Oberhand und beanspruchten das Wasserreservoir für sich.
Langsam begann sich das Leben auf der anderen Seite des Zaunes zu dehnen und zu räkeln. Die Kinder mussten zur Schule und die Erwachsenen machten sich auf den Weg in die Arbeit. Kurt, der zwei Häuserblocks weiter wohnte, führte seinen Hund aus. Die beiden kamen fast jeden Tag am Zaun vorbei und begrüßten Lilly mit einem Lächeln und einem herzlichen „Wau“. Lilly mochte den schrulligen Herrn mit seinem Hund, für den sie immer ein Leckerli zu Hause hatte. Manchmal blieben die beiden am Zaun stehen und unterhielten sich ein wenig mit ihr. Meist über belangloses Zeug oder Kurt erzählte von seinen Kindern und Enkeln, die leider Gottes 300 km weit weg in einer anderen Stadt lebten. Sie kamen ihn zwar oft besuchen, aber wenn sie wieder weggefahren waren, verschwand für Tage der Glanz aus den Augen des alten Herrn. Sein ganzes Glück war dann der Hund, der dies auch stets mit einem Schwanzwedeln bekräftigte.
