Die Trapper in Arkansas - Gustave Aimard - E-Book
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Die Trapper in Arkansas E-Book

Aimard Gustave

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Beschreibung

"Die Trapper in Arkansas" ist ein Abenteuerroman, dessen Handlung mit einer fahrlässigen Tötung beginnt, der sich vor den Augen der Umstehenden ereignet. Gustave Aimard war ein französischer Autor von Abenteuerromanen, der ähnlich wie der Deutsche Karl May oder der Italiener Emilio Salgari durch seine Bücher das Bild der Indianer und des Wilden Westens maßgeblich beeinflusste. Aus dem Buch: "Der Haufe stieß einen Schrei des Schreckens und des Entsetzens aus. Schnell wie der Blitz hatte der Knabe seinen Sattel wieder gewonnen und begann auf's Neue sein verzweifeltes Rennen, wobei er mit teuflischem Lachen sein Messer in der Luft schwenkte. Als man nach der Betäubung des ersten Schrecks dem Mörder wieder nachsetzen wollte, war er verschwunden, ohne daß Jemand genau die Richtung, in welcher es geschehen, anzugeben wußte. Wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, erschien der Juez de letras (Criminalrichter) mit einer Schaar zerlumpter Alguazils auf dem Mordplatze, als es zu spät war."

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Gustave Aimard

Die Trapper in Arkansas

 
 
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Inhaltsverzeichnis

Vorspiel. Der Ausgestoßene
I. Hermosillo
II. Die Hacienda del Milagro
III. Das Gericht
IV. Die Mutter
Erster Theil. Treuherz
I. Die Prairie
II. Die Jäger
III. Die Fährte
IV. Die Reisenden
V. Die Comanchen
VI. Der Retter
VII. Der Ueberfall
VIII. Die Erscheinung
IX. Das verschanzte Lager
X. Der Vertrag
XI. Mädchenträume
XII. Der schwarze Elch
XIV. Adlerkopf
XV. No Eusebio
XVI. Die Berathung der großen Häuptlinge
XVII. Die Marter
Zweiter Theil. Waktehno
I. Treuherz
II. Die Räuber
III. Das Opfer
IV. Der Doktor
V. Das Bündniß
VI. Der letzte Angriff
VII. Der Kampf
VIII. Die Höhle am Grünspanfluß
IX. Diplomatie
X. Liebe
XI. Die Gefangenen
XII. Kriegslist
XIII. Das Gesetz der Prairieen
XIV. Die Züchtigung
XV. Die Vergebung

Vorspiel. Der Ausgestoßene

Inhaltsverzeichnis

I. Hermosillo

Inhaltsverzeichnis

Den Reisenden, der sich zum erstenmal nach den südlicheren Theilen Amerikas einschifft, befällt unwillkürlich ein Gefühl unerklärlicher Trauer. In Wirklichkeit ist auch die Geschichte der neuen Welt eine beklagenswerthe Märtyrergeschichte, in welcher unablässig Fanatismus und Habgier Hand in Hand gehen.

Das Suchen nach Gold gab die Veranlassung zur Entdeckung von Amerika, und der glückliche Erfolg wandelte das neue Land zu einem Stapelplatz um, nach welchem habsüchtige Abenteurer mit dem Dolch in der einen und dem Kreuz in der andern Hand kamen, um Haufen des so heiß ersehnten Metalls zu sammeln, dann aber wieder in die Heimath zurückzukehren, wo sie den gewonnenen Reichthum zur Schau stellten und durch ihren zügellosen Luxus zu neuen Wanderzügen anreizten.

Diesem unsteten Zustande ist es zuzuschreiben, daß man in Amerika nichts von jenen großartigen Denkmälern, sozusagen den Grundmauern jeder Colonie findet, die sich in einem neuen Lande fortpflanzen will. Wenn man jenen ungeheuren Continent, der sich dreihundert Jahre hindurch im friedlichen Besitz der Spanier befunden hat, heute durchwandert, so trifft man kaum da und dort irgend eine namenlose Ruine, während die Monumente, welche vielleicht Jahrhunderte vor seiner Entdeckung durch die Azteken und die Inkas errichtet wurden, noch immer in ihrer majestätischen Einfachheit dastehen, um Zeugniß abzulegen von dem früheren Vorhandensein ihrer Erbauer und von ihren Anstrengungen zu Förderung der Civilisation.

Ach, was ist aus jenen ruhmvollen, von ganz Europa beneideten Eroberungen geworden, in welchen das Blut der Henker mit dem ihrer Opfer zum Besten einer Nation sich mischte, welche einst so stolz war auf ihre tapferen Capitäne, auf ihr fruchtbares Land und ihren die ganze Welt umfassenden Handel.

Die Zeit ist fortgeschritten und das südliche Amerika büßt eben jetzt die Verbrechen, die auf seinem Boden begangen wurden. Zerrissen von Parteien, die sich um die Macht der Stunde streiten, von verderbenbringenden Oligarchieen unterdrückt und verlassen von den Fremden, die sich von seinem Fette mästeten, bricht es allmälich zusammen unter der Last seiner Trägheit, die außer Stand ist, den bleiernen Sargdeckel, der es erstickt, zu lüften, und wird sich erst wieder aufraffen, wenn einst eine neue Raçe, die rein ist von Menschenmord und das göttliche Gesetz zu ihrer Richtschnur nimmt, ihm Arbeit und Freiheit, diese Lebenselemente der Völker, bringen wird.

Mit einem Wort, die spanisch-amerikanische Raçe ist in dem Besitzthum geblieben, das sie von ihren Vorfahren erbte, ohne seine Grenzen zu erweitern; ihr Heldenmuth liegt im Sarge Carls V. begraben, und vom Mutterlande hat sie nichts beibehalten, als die Gastlichkeit, die religiöse Unduldsamkeit, die Mönche, die Guittareros und die bettelnde Soldateska mit ihren Stutzbüchsen.

Unter allen Staaten des großen mexikanischen Bundes ist Sonora der einzige, welcher sich in Folge seiner Fehden mit den benachbarten Indianerstämmen und der beharrlichen Reibung unter der Bevölkerung selbst theilweise eine charakteristische Physiognomie erhalten hat. Die Sitten seiner Bewohner verrathen eine gewisse Wildheit, welche bei der Vergleichung mit denen der inneren Provinzen auf den ersten Blick auffällt.

Der Rio Gila kann als die Nordgrenze des Staates betrachtet werden, der im Osten und Westen von der Sierra Madre und dem kalifornischen Meerbusen eingeschlossen wird. Die Sierra Madre, früher Durango, theilt sich in zwei Gebirgszüge, von denen der Hauptzug die Richtung von Norden nach Süden beibehält, der Ausläufer aber gegen Westen umbiegt und sich hinter den gegen das stille Weltmeer hin liegenden Staaten Durango und Xalisco hinzieht. Dieser Zweig der Cordilleren bildet die südliche Grenze von Sonora.

Die Natur scheint gleichsam zum Vergnügen mit vollen Händen ihre Wohlthaten in diesem Lande ausgestreut zu haben. Das Klima ist lachend, gemäßigt, gesund; der Boden birgt Schätze von Gold und Silber, bringt köstliche Früchte hervor, und auch an Arzneipflanzen ist ein Ueberfluß vorhanden.« Man findet hier die heilkräftigsten Balsame, die für die Färberei so wichtige Cochenille, trefflichen Marmor, kostbare Edelsteine, Wild und Fische aller Art. Doch haben in den weiten Oeden des Rio Gila und der Sierra Madre die unabhängigen Indianer, die Comanchen, Pawnies, Pimas, Opatas und Apachen den Weißen einen rohen Krieg erklärt und machen sich auf ihren unablässigen und unversöhnlichen Streifzügen theuer bezahlt für das Abhandenkommen jener Reichthümer, die ihren Vorfahren geraubt wurden und die sie ohne Unterlaß als ihr Eigenthum zurückfordern.

Die drei Hauptstädte der Sonora sind Guaymas, Hermosillo und Arispa. Hermosillo, früher Pitic genannt und berühmt durch die Expedition des Grafen de Raoussel Boulbon, ist die mexikanische Handelsniederlage für das stille Weltmeer und hat mehr als neuntausend Einwohner. Die Stadt liegt auf einer gegen Nordwesten sanft seewärts sich abdachenden Ebene und lehnt sich an einen gegen frostige Winde Schutz verleihenden Berg, El cerro de la campana, Glockenberg genannt, dessen Gipfel aus ungeheuren Steinblöcken besteht, die beim Anschlag einen klaren metallischen Ton von sich geben. Im Uebrigen ist diese Ciudad, wie die anderen Städte des spanischen Amerika's, schmutzig, aus gestampfter Erde gebaut und rollt vor den erstaunten Augen des Reisenden ein Bild von Trümmern, Sorglosigkeit und Verödung auf, das die Seele mit Trauer erfüllt.

Am Tage des Beginns unserer Erzählung, am 17. Januar 1817 zwischen drei und vier Uhr Nachmittags, zu einer Zeit also, um welche die Bevölkerung gewöhnlich sich in den Schatten ihrer Wohnungen zurückzieht und ihre Siesta hält, bot das sonst so ruhige Hermosillo einen befremdlichen Anblick. Ein Haufen von Leperos, Gambusinos, Schleichhändlern und Rateros drängte sich mit Geschrei, Drohungen und Geheul in der Calle del Rosario oder Rosenkranzstraße. Einige spanische Soldaten – denn Mexiko hatte damals das Joch des Mutterlandes noch nicht abgeworfen – suchten vergeblich Ordnung herzustellen und die Menge zu zerstreuen, indem sie mit ihren Lanzenschäften kreuz und quer auf das Volk lospaukten.

Der Tumult steigerte sich, und namentlich schrieen und gestikulirten die Hiaquisindianer, welche sich dem Menschenhaufen beigesellt hatten, in einer wirklich schrecklichen Weise. In den Fenstern der Häuser drängte sich Kopf an Kopf, und die Blicke, welche augenscheinlich voll Spannung auf einem außergewöhnlichen Ereigniß hafteten, waren dem Cerro de la campana zugewendet, von dessen Fuß aus dicke Rauchwolken zum Himmel wirbelten.

Plötzlich vernahm man ein mächtiges Geschrei, die Menge wich voll Schrecken auseinander, und ein junger Mensch, fast noch Kind, da er kaum sechzehn Jahre zählte, jagte, wie von einer Windsbraut getragen, in wüthendem Galopp auf einem halbwilden Pferde einher.

»Haltet ihn!« riefen die Einen.

»Den Lasso auf ihn!« schrieen die Andern.

» Valgamedios!« murmelten die Frauen, sich bekreuzend; »es ist der Teufel selber!«

Ohne übrigens an ein Anhalten zu denken, machte sich Jeder so geschwind als möglich bei Seite; der kühne Knabe aber setzte mit glühendem Gesicht und einem göttlichen Lächeln auf den Lippen sein Jagen fort. Sein Auge glänzte, und nach rechts und links theilte er derbe Hiebe mit seiner Chicote an diejenigen aus, welche sich zu sehr in seine Nähe wagten, oder nicht so schnell, als sie wünschten, aus seinem Bereiche kommen konnten.

» He, he, Caspita!« sagte ein Vaquero mit dummem Gesicht und athletischem Gliederbau, als der Knabe an ihm vorbeistreifte; »zum Teufel mit dem Narren, der mich fast umgeworfen hätte! Ei der Tausend!« fügte er bei, nachdem er einen Blick auf den jungen Menschen geworfen hatte; »ich täusche mich nicht, es ist Raphael, der Sohn meines Gevatters. Halt ein wenig, Picaro.«

Während der Vaquero die letzteren Worte bloß durch die Zähne murmelte, löste er von seinem Gurt den Lasso ab und begann dem Reiter nachzulaufen. Der Haufe, welcher seine Absicht begriff, rief ihm begeisterten Beifall zu.

»Bravo! Bravo!« erscholl es von allen Seiten.

»Fehl' ihn nicht, Cornejo!« ermuthigten ihn einige Vaqueros händeklatschend.

Cornejo – denn wir kennen jetzt den Namen dieser interessanten Persönlichkeit – näherte sich unmerklich dem Knaben, vor welchem sich mehr und mehr die Hindernisse anhäuften. Durch das Geschrei der Umstehenden aufmerksam gemacht, wandte der Reiter den Kopf und erblickte den Vaquero. Eine Leichenblässe überflog sein Gesicht; er sah, daß er verloren war.

»Laß mich doch mich retten, Cornejo,« rief er dem Anderen mit unsicherer Stimme zu.

»Nein, nein,« brüllte der Haufe. »Den Lasso auf ihn – den Lasso!«

Die Menge fand Geschmack an dieser Menschenjagd und fürchtete um ein Schauspiel zu kommen, das ihr in hohem Grade interessant geworden war.

»Ergib Dich!« entgegnete der Riese. »Wo nicht, so kriegst Du meinen Lasso wie ein Ciboto.«

»Ich ergehe mich nicht,« rief der Knabe entschlossen.

Diese Zwiesprache fand Statt, während der Eine sein Pferd ausgreifen ließ und der Andere hinterdrein jagte. Die Menge folgte brüllend nach. Wie überall, ist der Pöbel barbarisch und kennt kein Mitleid.

»Laß mich!« fuhr der Knabe fort, »oder ich schwöre Dir bei den armen Seelen im Fegfeuer, es gibt ein Unglück.«

Der Vaquero lächelte höhnisch und ließ seinen Lasso um den Kopf sausen.

»Nimm Dich in Acht, Raphael,« sagte er. »Zum letztenmal, willst Du Dich ergeben?«

»Nein, tausendmal nein,« rief der Reiter wüthend.

»In Gottes Namen denn,« sagte der Vaquero.

Der Lasso pfiff durch die Luft.

Aber nun fand ein seltsames Ereigniß Statt. Raphael hielt sein Pferd plötzlich an, schwang sich aus dem Sattel, stürzte wie ein Jaguar auf den Riesen los, der von der Erschütterung in den Sand niedertaumelte, und stieß ihm, da Niemand sich widersetzte, das Messer in die Kehle, das die Mexikaner stets im Gürtel zu tragen pflegen. Ein Blutstrom schoß dem Knaben in's Gesicht; der Vaquero aber wälzte sich einige Sekunden und wurde dann starr. Er war todt.

Der Haufe stieß einen Schrei des Schreckens und des Entsetzens aus. Schnell wie der Blitz hatte der Knabe seinen Sattel wieder gewonnen und begann auf's Neue sein verzweifeltes Rennen, wobei er mit teuflischem Lachen sein Messer in der Luft schwenkte. Als man nach der Betäubung des ersten Schrecks dem Mörder wieder nachsetzen wollte, war er verschwunden, ohne daß Jemand genau die Richtung, in welcher es geschehen, anzugeben wußte.

Wie es in solchen Fällen zu geschehen pflegt, erschien der Juez de letras (Criminalrichter) mit einer Schaar zerlumpter Alguazils auf dem Mordplatze, als es zu spät war.

Der Erstere, Don Inigo Tormentos Albaceyte mit Namen, mochte ungefähr fünfzig Jahre zählen. Er war ein kleiner, fetter Mann mit einem schlagflüssigen Gesicht, der seinen Spaniol aus einer goldenen, mit Diamanten besetzten Dose schnupfte, und unter einer anscheinenden Leutseligkeit die schnödeste Habsucht verbarg; dabei besaß er eine Verschmitztheit und Kaltblütigkeit, die nichts zu erschüttern vermochte.

Man hätte glauben sollen, das Entkommen des Mörders müsse die würdige Magistratsperson etwas in Harnisch gebracht haben; dem war übrigens nicht so. Er schüttelte einigemale den Kopf, sah sich in der Menge um und blinzelte mit feinen kleinen grauen Augen.

»Der arme Cornejo,« sagte er, indem er philosophisch seine Nase mit Tabak vollstopfte. »Ein solches Ende mußte es früher oder später mit ihm nehmen.«

»Ja,« versetzte ein Lepero, »er ist ordnungsmäßig getödtet worden.«

»Das dacht' ich mir,« entgegnete der Rath. »Der den Stoß führte, hat sein Handwerk verstanden, 's ist ein lustiger Bruder, der so was gewöhnt ist.«

»Ah, meint Ihr?« erwiederte der Lepero mit Achselzucken. »Es war ein Knabe.«

»Pah,« sagte der Richter mit erkünsteltem Staunen und ließ unter den Brauen weg einen Blick nach dem Sprecher hinschießen. »Ein Knabe?«

»Fast so,« versetzte der Lepero, der sich etwas darauf einbildete, daß man ihn auch anhörte. »Es ist Raphael, der älteste Sohn des Don Ramon.«

»Halt, halt, halt,« sagte der Richter mit geheimer Freude. »Doch nein,« fügte er bei, »'s ist nicht möglich, Raphael ist höchstens sechzehn Jahre alt und würde mit Cornejo keine Händel angefangen haben, da dieser Recht behalten haben würde, wenn er ihn nur fest am Arm gefaßt hätte.«

»Es ist doch so, Excellenz; wir Alle haben es gesehen. Raphael hat bei Don Aquilar Monte gespielt, und es scheint, das Glück war ihm nicht günstig, da er alles Geld, das er bei sich hatte, verlor. Darauf gerieth er in Wuth und steckte, um sich zu rächen, das Haus in Brand.«

» Caspita!« rief der Richter.

»Es ist so, wie ich Eurer Excellenz zu berichten die Ehre hatte. Man sieht dort noch den Rauch, obschon das Gebäude in Asche liegt.«

»Wirklich,« versetzte der Richter, indem er nach der von dem Lepero angedeuteten Seite hinblickte; »und dann –«

»Dann sann er natürlich auf seine Rettung,« fuhr der Andere fort. »Cornejo wollte ihn anhalten.«

»Er hatte Recht.«

»Hätte er's lieber bleiben lassen, denn Raphael hat ihn getödtet.«

»Da habt Ihr auch Recht,« sagte der Richter. »Doch nur ruhig, meine Freunde, die Gerechtigkeit wird ihn rächen.«

Diese Versicherung wurde von den Umstehenden mit einem zweifelhaften Lächeln aufgenommen. Ohne auf den Eindruck zu achten, den seine Worte hervorbrachten, befahl der Mann der Gerechtigkeit seinen Gehülfen, den Leichnam, welchen sie bereits durchsucht und geplündert hatten, unter das Portal der nahen Kirche zu schaffen; er selbst ging unter vergnügtem Händereiben nach seiner Wohnung zurück.

Nachdem er ein leichtes Mahl eingenommen hatte, warf er sich in ein Reisekleid, steckte ein Paar Pistolen in den Gürtel, schnallte sich einen Degen um und kam wieder zum Vorschein. Zehn bis an die Zähne bewaffnete, gut berittene Alguazils erwarteten ihn unter dem Hause. Ein Diener hielt ein prächtiges, schwarzes Roß, das ungeduldig stampfte und in den Zügel biß, am Zaum. Der Juzgo warf sich in den Sattel und ritt der Streifmannschaft voraus, die er zu einem kurzen Trab ausholen ließ.

»Der Richter Albaceyte reitet zu Don Ramon Garillas,« sagten die unter den Thüren der Nachbarhäuser stehenden Neugierigen. »Wir werden morgen etwas Neues hören.«

» Caspita!« meinten Andere; »sein Picaro von Sohn wird doch nicht den Strick gestohlen haben, der ihm zum Schwingel dienen sollte.«

»Hm,« bemerkte ein Lepero mit einem Lächeln des Bedauerns, »der kühne Bursche sagte es ihm voraus, daß es ein Unglück geben werde. Seine Enchilada an Cornejo war prächtig; der arme Teufel ist ganz in der Ordnung abgethan worden.«

Inzwischen setzte der Richter seinen Ritt fort, erwiederte mit der größten Pünktlichkeit die Begrüßungen, mit denen er unterwegs überhäuft wurde, und erreichte bald das Freie. Er hüllte sich nun in seinen Mantel und fragte, ob die Gewehre geladen seien.

»Ja, Excellenz,« antwortete der Oberalguazil.

»Gut. Jetzt nach der Hacienda des Don Ramon Garillas. Holt wacker aus, damit wir noch vor Einbruch der Nacht anlangen.«

Der Trupp setzte sich in Galopp.

II. Die Hacienda del Milagro

Inhaltsverzeichnis

Die Umgegend von Hermosillo ist eine wahre Oede, und namentlich führt der Weg nach der Hacienda del Milagro (Wundermeierei) durch einen der traurigsten und unfruchtbarsten Landstriche. Nur selten sieht man stellenweise den Eisenholzbaum, den Gummibaum, den Perubaum mit seinen rothen, pfefferartigen Früchten, die indische Feige und den Kactus, die einzigen Bäume, welche in einem Boden fortkommen, den die glühenden Strahlen einer senkrecht über den Häuptern stehenden Sonne ausgebrannt haben.

Hin und wieder tauchen, wie in bitterem Spott, lange Cysternenstangen auf mit einem verschrumpften ledernen Schöpfeimer an dem einen und, mit Riemen festgemachten, Steinen an dem andern Ende; allein die Wassergruben sind ausgetrocknet, und auf dem Boden sieht man nur eine Masse schwarzen Schlamms, in welchem Myriaden unreiner Thiere sich erlustigen. Der leichteste Luftzug wirbelt Wolken eines feinen Staubes auf, der den keuchenden Wanderer zu ersticken droht, und unter jedem dürren Grashalm schmachten schrillende Heuschrecken nach dem wohlthätigen Thau der Nacht.

Nachdem man mit unsäglicher Anstrengung in dieser dürren Wüste sechs Wegstunden zurückgelegt hat, bleibt das Auge mit Entzücken an einer herrlichen Oase haften, die plötzlich sich aus dem Sand zu erheben scheint. Dieses Eden ist die Hacienda del Milagro.

Um die Zeit unserer Geschichte war jene Hacienda eine der reichsten und größten in der Provinz; das Hauptgebäude bestand aus zwei Quaderstockwerken und hatte ein Altandach, das aus Schilf gefertigt und mit geschlagener Erde bedeckt war. Zu dem Haus gelangte man über einen weiten Hof, dessen Zugang aus einem gewölbten Portikus mit starken Flügelthüren und einem an der Seite angebrachten Ausfallpförtchen bestand. Die Vorderseite wurde von vier Gelassen eingenommen, deren Fenster mit vergoldeten Gittern und im Innern mit Blenden, ja selbst mit Glasscheiben, einem damals in diesem Lande unerhörten Luxus, versehen waren.

Auf jeder Seite des Hofs oder Patio befanden sich die gemeinschaftlichen Räume für die Peones (Taglöhner), die Kinder und so weiter. Das Erdgeschoß des Hauptgebäudes bestand aus drei Gemächern. Das eine war eine große Vorhalle, in welcher mit gemodeltem Corduan gepolsterte, alterthümliche Lehnsessel und Ruhebänke, ein großer Nopaltisch und etliche Sitze ohne Lehne standen; an den Wänden hingen in vergoldeten Rahmen mehrere alte Porträts, Bilder von Familienmitgliedern in Lebensgröße, und das Holzwerk der Decke zeigte einen Ueberfluß von erhabener Schnitzarbeit.

Eine Flügelthüre führte in den Salon, dessen gegen den Patio hin gekehrte Seite einen Fuß höher lag, als der übrige Boden. Man sah daselbst eine Reihe seltsam geschnitzter, niedriger, mit carmoisinrothem Sammet überzogener Tabourets mit dergleichen Fußpolstern und einem kleinen viereckigen Tisch von achtzehn Zoll Höhe, der als Arbeitstisch dienen konnte. Dieser Theil des Salons war für die Damen bestimmt, welche nach Art der Maurinnen mit gekreuzten Beinen hier Platz zu nehmen pflegten. Auf der andern Seite befanden sich gleichfalls mit rothem Sammet gepolsterte Sessel.

Dem Eingang des Salons gegenüber bemerkte man das Hauptschlafgemach mit einem Alkoven an dem Ende einer Erhöhung, auf welcher ein reich vergoldetes Paradebett mit Brokatvorhängen stand, die mit goldenen und silbernen Borten und Fransen verziert waren. Ueberzüge und Kopfkissen bestanden aus der feinsten Leinwand und zeigten eine Verzierung von breiten Spitzen.

Nach dem Hauptgebäude kam ein zweiter Patio mit den Kirchen und dem Corral; diesem Hof schloß sich ein großer Garten an, der von Mauern und einem mehr als hundert Ruthen großen, englisch angelegten Park umgeben war, in welchem man die seltensten Bäume und Sträucher sehen konnte.

Auf der Hacienda gab es eine Festlichkeit. Es war die Zeit der Matanga del ganado oder des Stierschlachtens. Die Peones hatten einige Schritte von der Hacienda eine Einfriedung errichtet, in welche man die Rinder trieb, um die mageren von den fetten zu trennen; von Letzteren wurde eines um das andere wieder hinausgelassen Ein Vaquero stand hinter der Thüre der Einfriedung auf der Lauer und hatte ein halbmondförmiges, schneidendes Instrument, das auf Fußweite mit Stacheln versehen war, in der Hand. Dieses Werkzeug führte er nun mit größter Gewandtheit gegen die hinteren Kniekehlen der aus der Umzäunung hervorkommenden Thiere. Wenn in seltenen Fällen der Hieb fehlging, so folgte ein berittener Vaquero dem Stier im Galopp, warf ihm den Lasso um die Hörner und hielt ihn fest, bis der erste herankam und den Kniekehlenhieb an dem armen Thier vollendete.

An dem Portikus der Hacienda lehnte nachläßig ein Mann von ungefähr Vierzigen, der in das reiche Kostüm der adeligen Landbesitzer gekleidet war. Ueber seine Schultern hing ein Zarape von heller Farbe, und den Kopf schützte ein feiner Panamastrohhut im Werth von mindestens fünfhundert Piastern gegen die letzten Strahlen der untergehenden Sonne. Er hatte eine Maiscigarre im Mund und schien die Schlächterei zu überwachen.

Wir bemerken an dem Cavalier eine stolze Miene, einen schlanken, ebenmäßigen Bau und ein feingeschnittenes Gesicht, dessen feste, gehaltene Linien Loyalität, Muth und vor Allem einen ehernen Willen bekunden. Seine großen, schwarzen, von starken Brauen beschatteten Augen sind von unvergleichlicher Anmuth, aber wenn ein etwas lebhafterer Widerspruch seinen dunklen Teint mit einem Anflug von Roth überzieht, gewinnt sein Blick eine Festigkeit und eine Gewalt, der Niemand zu widerstehen vermag, so daß selbst die Muthigsten vor einem solchen Blicke zittern. Die Feinheit der Glieder, vor Allem aber der Stempel des Adels, der sich in der ganzen Persönlichkeit kundgibt, läßt auf den ersten Blick erkennen, daß dieser Mann der reinen Classe castilischer Edeln angehört. In Wirklichkeit haben wir Don Ramon Garillas de Saavedra, den Besitzer der Hacienda von Milagro, vor uns.

Don Ramon stammt aus einer spanischen Familie, deren Haupt unter die ersten Offiziere des Cortez gehörte und nach der wundervollen Eroberung, welche dieser geniale Abenteurer vollbrachte, sich in Mexico niedergelassen hatte. Im Besitze eines fürstlichen Vermögens, aber von dem spanischen Adel gemieden, weil er eine Frau von aztekischer Abkunft geheirathet, hatte er sich ganz dem Feldbau und der Verbesserung seiner ausgedehnten Besitzungen hingegeben. Nach siebzehnjähriger Ehe stand er an der Spitze einer zahlreichen Familie, aus sechs Söhnen und drei Töchtern, im Ganzen neun Kindern, bestehend, von denen der uns bereits bekannte Raphael das älteste war.

Die Verbindung des Don Ramon und der Donna Jesusita war zwar durch Vermögensrücksichten herbeigeführt, aber dennoch beziehungsweise eine glückliche – wir sagen beziehungsweise, denn das junge Mädchen hatte vom Kloster weg heirathen müssen, ohne daß zwischen dem Paar eine Liebe bestanden hatte; dagegen war an die Stelle der Letzteren eine innige und aufrichtige Anhänglichkeit getreten.

Donna Jesusita lebte, von ihren indianischen Dienerinnen umgeben, nur der Sorge für ihre Kinder. Ihr Gemahl, welchen die Landwirthschaft völlig in Anspruch nahm, hielt sich fast immer unter seinen Vaqueros, Peones und Jägern auf, sah während der Ruhestunden seine Gattin höchstens auf einige Minuten und blieb bisweilen, wenn ihn eine Jagdpartie an die Ufer des Rio Gila lockte, ganze Monate aus. Wir müssen übrigens beifügen, daß Don Ramon, mochte er anwesend sein oder nicht, sorgfältig auf seine Frau Bedacht nahm und es ihr an nichts fehlen ließ; ja er sorgte sogar für die Befriedigung ihrer flüchtigsten Launen und schonte weder Geld noch Mühe, um ihr das zu schaffen, was sie zu wünschen schien.

Donna Jesusita war von entzückender Schönheit und engelgleicher Anmuth. Sie schien, vielleicht nicht mit Freude, doch jedenfalls ohne großen Schmerz, sich in die Lebensweise zu finden, die ihr Gatte führen mußte; aber die Tiefe ihrer großen, schwärmerischen, schwarzen Augen, das bleiche Antlitz und vor Allem die Wolke der Trauer, welche stets die mattweiße Stirne umschleierte, verrieth, daß in dieser üppigen Natur eine glühende Seele eingeschlossen war, und daß die Frau, welche für ihr eigenes Herz so wenig verlangte, ihr ganzes Sinnen und Denken ihren Kindern zuwandte, die sie mit der ganzen, reinen Innigkeit mütterlicher Liebe, dieser schönsten und heiligsten von allen, umfing. Obschon Don Ramon sich nie die Mühe gegeben hatte, seine Frau zu studiren, benahm er sich doch stets so gütig und zuvorkommend gegen sie, daß er sie wohl für das glücklichste Wesen von der Welt halten durfte, und sie war es auch wirklich, seit es dem Himmel gefallen, sie Mutter werden zu lassen.

Die Sonne war eben untergegangen; der Himmel verlor allmälich seine Purpurfarbe und hüllte sich mehr und mehr in Schatten. Einige Sterne begannen sichtbar zu werden, und der Abendwind erhob sich mit einer Gewalt, welche für die Nacht einen der schrecklichen Orkane in Aussicht stellte, die man in jenen Gegenden so häufig zu erleben Gelegenheit hat. Nachdem der Mayoral den Rest des Ganado in der Einfriedung hatte absperren lassen, versammelte er die Vaqueros und Peones um sich und zog mit ihnen nach der Hacienda, von der aus die Nachtessensglocke verkündete, daß die Zeit der Ruhe endlich gekommen war. Der Mayor Domo war der letzte, welcher grüßend an seinem Herrn vorüberkam.

»Wie viel Köpfe haben wir dies Jahr, No Eusebio?« fragte Don Ramon.

»Vierhundert und fünfzig, mi amo (mein Gebieter),« versetzte der Mayoral, ein großer hagerer Graukopf mit einem Gesicht, so braun wie ein Stück Leder, indem er sein Pferd anhielt und den Hut abnahm, »fünfundsechzig mehr als im vorigen Jahr. Unsere Nachbarn, die Jaguare und die Apachen haben uns heuer keinen großen Schaden zugefügt.«

»Das habe ich Euch zu danken, No Eusebio,« entgegnete Don Ramon. »Ihr seid ungemein wachsam gewesen, und ich werde es Euch zu lohnen wissen.«

»Der beste Lohn ist Eurer Herrlichkeit gute Meinung,« erwiederte der Mayoral, über dessen rauhes Gesicht ein zufriedenes Lächeln hinflog. »Ziemt es mir nicht, über Euer Eigenthum eben so sorgfältig zu wachen, als ob es das meinige wäre?«

»Ich danke Euch,« sagte der Edelmann, dem Diener bewegt die Hand drückend; »ich weiß, daß Ihr mir treu ergeben seid.«

»Auf Leben und Tod, mein Gebieter. Meine Mutter hat Euch mit ihrer Milch genährt; ich gehöre Euch und Eurer Familie.«

»Jetzt vorwärts, No Eusebio,« rief der Hacendero heiter; »das Nachtessen ist bereit; die Sennora wird schon am Tisch sitzen, und wir dürfen sie nicht warten lassen.«

Nachdem beide in dem Patio angelangt waren, schickte No Eusebio, wie Don Ramon ihn genannt hatte, sich an, dem, allabendlichen Brauch zufolge, das Thor zu schließen, während der Hacendero sich nach dem Speisesaal begab, wo bereits die Vaqueros und Peones harrten.

In der Mitte des Speisesaals befand sich ein langer Tisch, und um ihn her standen mit Leder gepolsterte Bänke nebst zwei geschnitzten Lehnsesseln, die für Don Ramon und die Sennora bestimmt waren. Hinter letzterer hing ein vier Fuß hohes Elfenbeincrucifix zwischen zwei Bildern, von denen eines Christus am Oelberg und das andere die Bergpredigt darstellte, an der Wand. Die langen Wände waren einfach getüncht und da und dort mit den wilden Köpfen von Jaguaren, Büffeln und Elenthieren verziert, welche der Hacendero auf der Jagd erlegt hatte. Auf dem Tisch standen in reichlicher Menge Schüsseln mit Lahua (eine dicke Suppe aus mit Fleisch gekochtem Maismehl), Puchero oder Ollapodrita, und Pepian, zwischenhinein aber Flaschen mit Mezcal oder Wasser.

Auf ein Zeichen des Hacendero begann das Mahl.

Bald steigerte sich der Wind bis zum wüthenden Sturm. Der Regen schoß in Strömen nieder und alle Augenblicke machte das fahle Wetterleuchten, dieser Vorläufer furchtbarer Blitz- und Donnerschläge, die Lichter erblinden. Gegen das Ende der Mahlzeit hatte der Orkan eine solche Höhe erreicht, daß man im Tumult der Elemente kaum mehr das eigene Wort hörte. Der Donner rollte mit schrecklicher Gewalt, ein Windstoß schlug eines der Fenster ein, die Lichter erloschen, und alle Anwesenden bekreuzten sich ängstlich.

In diesem Augenblick ließ sich von dem Portale her die Glocke wie in krampfhaftem Läuten vernehmen, und eine Stimme, die nichts Menschliches zu haben schien, rief in zweimaliger Wiederholung: »Hilfe! s Hilfe!«

»Beim Blut Christi,« rief Don Ramon, aus dem Saale eilend, »man erwürgt Jemand in der Ebene.«

Zwei Schüsse erschollen fast gleichzeitig; ein Schmerzruf folgte darauf, und dann trat eine unheimliche Stille ein. Plötzlich brach ein Blitzstrahl, dem ein furchtbares Donnergekrach folgte, in die Dunkelheit, und man sah Don Ramon, der einen ohnmächtigen Menschen auf dem Arme trug, wieder im Saal erscheinen. Der Fremde wurde auf einen Sitz niedergelassen, und alles drängte sich um ihn her. Sein Gesicht und seine Kleidung zeigten nichts Außerordentliches; als jedoch Raphael, Don Ramons Aeltester, seiner ansichtig wurde, konnte er eine Geberde des Schreckens nicht unterdrücken, während zugleich sein Antlitz leichenblaß wurde.

»Oh,« murmelte er mit erstickter Stimme, »der Juez de Letras!« Es war in der That der würdige Richter, den wir mit so glänzendem Gefolge von Hermosillo haben ausziehen sehen. Die langen, vom Regen durchnäßten Haare fielen ihm auf die Brust nieder und an seinen zerknitterten und theilweise zerrissenen Kleidern sah man Blutflecken: seine Rechte hielt krampfhaft den Schaft einer abgeschossenen Pistole umschlossen.

Don Ramon hatte gleichfalls den Juez de Letras erkannt und unwillkürlich seinem Sohn einen Blick zugeworfen, den dieser nicht auszuhalten vermochte. Der Richter hatte es der verständigen Sorgfalt der Donna Jesusita und ihrer Frauen zu danken, daß er bald wieder zu sich kam. Er stieß einen tiefen Seufzer aus, öffnete die hohlen Augen, mit denen er noch umherstierte, ohne etwas zu sehen, und gelangte allmälig zur Besinnung.

Plötzlich überflog ein lebhaftes Roth sein eben noch so blasses Gesicht und sein Auge funkelte. Mit einem Blick auf Raphael, der auf den Knaben die lähmende Gewalt eines unüberwindlichen Schreckens übte, erhob er sich mühsam, wankte auf den jungen Menschen zu, der ihn kommen sah, ohne daß er es wagte, ihm auszuweichen, und legte ihm rauh die Hand an die Schulter, während er sich zugleich gegen die Peones umwandte, welche erschrocken dem seltsamen Auftritt zusahen, ohne etwas davon begreifen zu können.

»Ich, Don Inigo Tormentos d'Albaceyte,« sagte er mit feierlicher Stimme,« »Kriminalrichter der Stadt Hermosillo, verhafte im Namen des Königs diesen Menschen, der des Mordes überwiesen ist.«

»Barmherziger«Gott!« rief Raphael und sank auf die Kniee nieder, während er zugleich verzweifelnd die Hände faltete.

»O Jammer!« murmelte die arme Mutter, gleichfalls zusammenbrechend.

III. Das Gericht

Inhaltsverzeichnis

Am andern Morgen ging die Sonne herrlich am Horizont auf. Der Nachtsturm hatte den Himmel vollständig gereinigt; die Vögel zwitscherten fröhlich in den Zweigen, und die ganze Natur prangte wieder in ihrem gewohnten festlichen Schmucke. Hell tönte die Glocke auf der Hacienda del Milagro, und die Peones begannen sich nach allen Richtungen zu zerstreuen, indem die einen die Pferde auf die Weide führten, die andern das Vieh nach den künstlich angelegten Prairien trieben, die einen sich auf's Feld begaben und wieder andere im Patio blieben, um die Kühe zu melken und die vom Sturm veranlaßten Beschädigungen auszubessern.

Die einzigen Ueberreste, welche von dem Unwetter der Nacht zurückgeblieben, waren zwei mächtige Jaguare, die vor dem Thore der Hacienda todt ausgestreckt lagen; nicht ferne davon bemerkte man den Körper eines bereits halb verzehrten Pferdes. No Eusebio, der überall in dem Patio umherging und die Beschäftigung eines jeden sorgfältig überwachte, ließ dem Pferd das reiche Geschirr abnehmen und es reinigen; auch ertheilte er Befehl, daß man den Jaguaren die Haut abstreife. Diesen Weisungen wurde rasch Folge gegeben.

Gleichwohl blieb No Eusebio unruhig, denn Don Ramon, der in der Hacienda sonst am frühesten aufzustehen pflegte, war noch immer nicht erschienen. Nach der niederschmetternden Anschuldigung, welche am Abend zuvor der Juez de Letras gegen den ältesten Sohn des Hacendero geschleudert, hatte Don Ramon seinen Dienern befohlen, sich zu entfernen; dann knebelte er, ungeachtet der Bitten und Thränen seiner Gattin, den Angeschuldigten und führte den Don Inigo d'Albaceyte nach einem abgelegenen Gemach des Hauses, wo sie beide bis spät in die Nacht hinein eingeschlossen blieben. Was während dieser Zeit geschah, und welchen Einfluß das Gespräch der beiden Männer auf Raphaels Schicksal übte, wußte Niemand – No Eusebio so wenig als die Uebrigen.

Nachdem Don Ramon den Richter nach einem für ihn hergerichteten Zimmer geführt und ihm gute Nacht gewünscht hatte, kehrte er zu seinem Sohne zurück, an dessen Seite die arme Mutter in Thränen zerfloß; ohne ein Wort zu sprechen, nahm er den Knaben auf den Arm, trug ihn nach seinem Schlafgemach und legte ihn neben seinem Bett auf den Boden, woran er mit dem Schlüssel die Thüre abschloß, ein Paar Pistolen unter seinem Kopfkissen verbarg und sich dann zur Ruhe niederlegte. Die Nacht war nahezu abgelaufen und Vater und Sohn warfen sich in der Dunkelheit Blicke zu, wie ein paar wilde Thiere, während die Mutter vor der Thüre draußen auf dem Boden kniete und leise um ihren Erstgeborenen schluchzte, dessen sie, wie ein schreckliches Vorgefühl sie fürchten ließ, für immer beraubt werden sollte.

»Hm,« murmelte der Mayoral vor sich hin, indem er achtlos an der erloschenen Cigarre fortsaugte, »was soll aus alledem werden? Don Ramon wird unnachsichtig sein und nichts thun, was seiner Ehre zu nahe tritt. Liefert er wohl seinen Sohn der Behörde aus? Dies gewiß nicht; aber was wird er dann thun?«

Während der würdige Mayoral noch mit solchen Betrachtungen beschäftigt war, erschienen Don Inigo Albaceyte und Don Ramon in dem Patio. Das Gesicht der beiden Männer war ernst, namentlich das des Hacendero düster wie die Nacht.

»Na Eusebio,« sagte Don Ramon kurz abgebrochen, »laßt ein Pferd satteln und vier Mann aufsitzen, daß sie diesen Cavalier nach Hermosillo begleiten.«

Der Mayoral verbeugte sich achtungsvoll und ertheilte ohne Säumen die nöthigen Befehle.

»Ich danke Euch tausendmal,« fuhr Don Ramon gegen den Richter fort, »Ihr rettet die Ehre meines Hauses.«

»Ihr braucht mir nicht so sehr zu danken, Sennor,« versetzte Don Inigo; »denn ich schwöre Euch, als ich gestern Abend die Stadt verließ, geschah es durchaus nicht in der Absicht, Euch angenehm zu sein.«

Der Hacendero machte eine Geberde.

»Setzt Euch an meine Stelle. Ich bin vor Allem Criminalrichter. Man tödtete eine Person – ich will zugeben, einen schlimmen Burschen, aber doch einen Menschen, wie schlecht er auch sein mag. Der Mörder ist bekannt; er galoppirt bei hellem lichten Tag und Angesichts Aller mit einer unglaublichen Dreistigkeit durch die Stadt. Was soll ich thun? Ich muß ihm nachsetzen und habe auch nicht gezögert.«

»Es ist wahr,« murmelte Don Ramon und ließ den Kopf sinken.

»'s ist mir freilich schlimm dabei ergangen. Die Schurken, die mich begleiteten, haben memmenhaft im ärgsten Sturm mich im Stich gelassen, um sich weiß Gott wo zu verbergen. Um das Unglück voll zu machen, müssen zwei Jaguare, ein Paar prächtige Thiere im Grund, sich an meine Ferse heften und mich so hart bedrängen, daß ich wie ein Klotz gegen Eure Thüre strauchte. Allerdings habe ich einen davon getödtet; aber der andere war mir schon nahe genug, um mich erschnappen zu können, als Ihr mir zu Hülfe kamt. Konnte ich nun noch den Sohn des Mannes verhaften, der unter Gefährdung des eigenen Lebens das meinige rettete? Es wäre der schwärzeste Undank gewesen«

»Noch einmal, meinen Dank.«