Mexicanische Nächte - Gustave Aimard - E-Book

Mexicanische Nächte E-Book

Aimard Gustave

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Beschreibung

In 'Mexicanische Nächte', geschrieben von Gustave Aimard, wird der Leser in die raue und wilde Welt Mexikos eingeführt. Das Buch erzählt die Geschichte eines jungen Abenteurers, der sich auf eine gefährliche Reise durch die mexikanische Wüste begibt, um sein Schicksal zu erfüllen. Aimards literarischer Stil zeichnet sich durch seine detailreichen Beschreibungen der Landschaft und seiner lebendigen Darstellung der mexikanischen Kultur aus. Seine realistische Darstellung der Abenteuer des Protagonisten spiegelt den Geist der Romantik wider, der damals in der Literatur weit verbreitet war. 'Mexicanische Nächte' ist ein fesselndes Buch, das den Leser in eine Welt voller Gefahren und Geheimnisse entführt. Gustave Aimard, ein bekannter französischer Schriftsteller und Abenteurer, hat selbst viele Jahre in Mexiko verbracht und seine Erfahrungen in die Handlung des Buches einfließen lassen. Seine Leidenschaft für das Land und seine Kenntnisse über die mexikanische Kultur sind in jedem Kapitel spürbar. Empfohlen für Leser, die von exotischen Abenteuern und faszinierenden Kulturen fasziniert sind, bietet 'Mexicanische Nächte' ein spannendes Leseerlebnis, das den Leser bis zur letzten Seite in seinen Bann ziehen wird. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine prägnante Einführung verortet die zeitlose Anziehungskraft und Themen des Werkes. - Die Synopsis skizziert die Haupthandlung und hebt wichtige Entwicklungen hervor, ohne entscheidende Wendungen zu verraten. - Ein ausführlicher historischer Kontext versetzt Sie in die Ereignisse und Einflüsse der Epoche, die das Schreiben geprägt haben. - Eine gründliche Analyse seziert Symbole, Motive und Charakterentwicklungen, um tiefere Bedeutungen offenzulegen. - Reflexionsfragen laden Sie dazu ein, sich persönlich mit den Botschaften des Werkes auseinanderzusetzen und sie mit dem modernen Leben in Verbindung zu bringen. - Sorgfältig ausgewählte unvergessliche Zitate heben Momente literarischer Brillanz hervor. - Interaktive Fußnoten erklären ungewöhnliche Referenzen, historische Anspielungen und veraltete Ausdrücke für eine mühelose, besser informierte Lektüre.

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Seitenzahl: 592

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Gustave Aimard

Mexicanische Nächte

Bereicherte Ausgabe. Western-Roman
Einführung, Studien und Kommentare von Julia Pfeiffer

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1588-1

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Synopsis
Historischer Kontext
Mexicanische Nächte
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate
Notizen

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Zwischen Fackelschein und Ferne entfaltet Mexicanische Nächte die Spannung eines Grenzraums, in dem dunkle Landschaften, flackernde Lagerfeuer und unberechenbare Begegnungen das Schicksal der Handelnden bestimmen, während Mut und Berechnung, Loyalität und Verrat, Legende und harte Wirklichkeit untrennbar ineinandergreifen und jede Entscheidung im Schatten der Nacht zugleich Zuflucht, Prüfung und Offenbarung wird, weil die Stunde des Erzählens die Geister der Vergangenheit heraufbeschwört, die Geräusche der Wildnis das Ohr schärfen und die Nähe des Unbekannten den Blick für jene zivilisatorischen und persönlichen Grenzlinien schärft, an denen Abenteuer, Macht und Moral in ein riskantes Gleichgewicht gezwungen sind.

Gustave Aimard, ein französischer Autor des 19. Jahrhunderts, wurde durch populäre Abenteuerprosa bekannt, die häufig in den Amerikas spielt; Mexicanische Nächte gehört zu seinen Mexiko-Erzählungen und führt tief in Schauplätze, die zwischen Wüste, Sierra und rastlosen Städten changieren. Das Werk steht im Kontext der feuilletonistisch geprägten Unterhaltungsliteratur seiner Zeit, deren Spannung, Episodenhaftigkeit und Sinn für exotische Szenerien ganze Leserschaften fesselten. In deutscher Übersetzung verbreitet, knüpft es an die Tradition des serialisierten Abenteuerromans an, ohne seinen Schauplatz auf Folklore zu reduzieren: Die Landschaft Mexikos erscheint als eigenständige Kraft, die Handlung, Atmosphären und moralische Entscheidungen maßgeblich formt.

Zu Beginn zeichnen sich Begegnungen im Grenzgebiet ab: Reisende, Soldaten, Abenteurer und Einheimische geraten in einen Strudel aus Weggemeinschaften, Misstrauen und kurzfristigen Allianzen, der durch wechselnde Interessen, politische Spannungen und die Härte des Terrains angestachelt wird. Ohne sich in Vorrede zu verlieren, setzt die Erzählung auf unmittelbare Szenen, die eine klare Ausgangslage schaffen: ein Marsch, ein Lager, ein Aufbruch bei Nacht, aus dem sich Konflikte und Bindungen entwickeln. Leserinnen und Leser erleben eine Stimme, die zugleich orientiert und dramatisiert, mit dichtem Rhythmus, bildhafter Sprache und einer Vorliebe für überraschende Wendungen, jedoch ohne die Spannung vorwegzunehmen.

Stilistisch verbindet Aimards Erzählweise den Schwung des Feuilletons mit szenischer Anschaulichkeit: Ein allwissender Erzähler wechselt zwischen Überblick und Nahaufnahme, lässt Dialoge aufblitzen, färbt Landschaften wie Figuren mit markanten Zügen und beschleunigt die Handlung durch abrupt gesetzte Übergänge. Der Ton bleibt entschieden, manchmal pathetisch, gelegentlich ironisch, stets auf Wirkung bedacht; Bewegung und Gefahr strukturieren die Kapitel, während Ruhepunkte für Beobachtung und Charakterzeichnung sorgen. Die Nächte selbst fungieren als dramaturgische Klammer: Sie dämpfen Konturen, schärfen Geräusche, öffnen Raum für Erzählungen im Erzählten und verleihen dem Geschehen eine Spannung, die eher wächst als sich frühzeitig entlädt und lange nachhallt in der Vorstellungskraft.

Aus diesen formalen Entscheidungen erwachsen zentrale Themen: das Leben am Rand politischer Ordnung, die Verhandelbarkeit von Loyalität in extremen Situationen, die fragile Balance zwischen Gesetz und Eigenjustiz sowie die Begegnung von Kulturen, deren Verständigung ebenso möglich wie prekär erscheint. Natur und Gewalt wirken nicht nur als Kulisse, sondern als Kräfte, die Charaktere prüfen und Grenzen markieren. Zugleich stellt die nächtliche Perspektive Fragen nach Erinnerung und Erzählmacht: Wer berichtet, wer deuten darf, und was bleibt im Dunkeln? Mexicanische Nächte denkt Abenteuer als moralische Geographie, in der Entscheidungen Spuren hinterlassen, die sich nicht naiv verwischen lassen können.

Gerade deshalb bleibt das Buch für heutige Leserinnen und Leser relevant: Es spiegelt Konflikte, die sich um Grenzziehungen, Mobilität, staatliche Autorität und individuelle Verantwortung drehen, und zeigt, wie Erzählungen Räume der Deutung öffnen, wenn offizielle Ordnung versagt. Zugleich verlangt die zeitgenössische Perspektive des 19. Jahrhunderts eine kritische Lektüre, die Stereotype erkennt, historische Kontexte einordnet und Repräsentation reflektiert. Wer Mexicanische Nächte liest, begegnet nicht einer neutralen Chronik, sondern einem literarischen Konstrukt, das Faszination und Projektion verbindet. Gerade in dieser Spannung bietet es Anknüpfungspunkte für Debatten über Erinnerungskultur, kulturelle Übersetzungen und die Ethik abenteuerlicher Stoffe in der Literatur heute.

Als Einführung mag genügen zu wissen, dass Mexicanische Nächte weniger ein touristischer Blick als ein dramatisierender Zugriff ist, der Atmosphäre, Tempo und moralische Entscheidungsmomente bündelt. Wer sich darauf einlässt, erhält ein Stück literarischer Zeitgeschichte und ein Abenteuer, das sich nicht auf Sensationen beschränkt, sondern seine Spannung aus der Reibung zwischen Menschen, Umwelt und Ideen gewinnt. Das Buch eröffnet damit ein Terrain, das die Neugier nährt und zur Reflexion zwingt: über die Macht von Geschichten, über das, was wir als fremd oder vertraut markieren, und über die Verantwortung, die jedes Erzählen mit sich trägt, gestern wie heute.

Synopsis

Inhaltsverzeichnis

Mexicanische Nächte von Gustave Aimard, einem französischen Abenteuerautor des 19. Jahrhunderts, führt in eine Abfolge spannungsreicher Episoden im mexikanischen Raum. Das Buch verbindet vorwärtsdrängende Handlung mit Beobachtungen zu Landschaft, Alltagspraktiken und den Friktionen einer Gesellschaft zwischen Ordnung und Ungewissheit. Nächtliche Szenen und riskante Unternehmungen verleihen den Ereignissen eine schattenreiche Intensität. Ohne Reisebericht zu sein, nutzt die Erzählung Erfahrungswissen und die Perspektive routinierter Grenzgänger, um wechselnde Schauplätze zu erschließen. Der Stil ist anschaulich und auf Konsequenzen ausgerichtet; früh werden die Leitkonflikte angedeutet, die das Geschehen strukturieren und Entscheidungen unter Druck notwendig machen.

Im Zentrum stehen erfahrene Grenzgänger, Reisende und Zivilisten, die unversehens in regionale Macht- und Interessenlagen geraten. Eine zunächst begrenzte Mission – etwa Schutz, Begleitung oder die Durchquerung gefährlicher Zonen – kollidiert mit den Absichten bewaffneter Gruppen, lokaler Autoritäten und wechselnder militärischer Kräfte. Aus einem pragmatischen Auftrag wird eine Frage von Loyalität und Verantwortung, weil persönliche Bindungen, lokale Loyalitäten und nackte Zweckmäßigkeit in Konflikt geraten. Figuren werden über Taten und Reaktionen profiliert: Vorsicht, Mut, Berechnung und Misstrauen bestimmen ihr Agieren. Das anfängliche Ziel bleibt bestehen, doch jeder Schritt vergrößert das Risiko und erzwingt vorläufige Bündnisse.

Die Erzählung variiert Tempo und Ton, indem sie Bewegungen durch offenes Land, Übergänge über Pässe und kurze Aufenthalte in Knotenpunkten zusammenschaltet. Auf mühsame Etappen folgen Aushandlungen, Erkundungen und das vorsichtige Testen von Zusagen. Kontraste zwischen urbanen Räumen, in denen Befehle und Gerüchte kursieren, und der Weite des Landes, wo Entscheidungen sofort wirken, strukturieren die Wahrnehmung. Wiederkehrend sind prekäre Tauschgeschäfte, Fährten und Fragen der Verlässlichkeit: Wer hält ein Versprechen, wer verfolgt verdeckte Ziele? Die Nächte bieten Deckung und Gefahr zugleich; sie erlauben Annäherung und Rückzug, aber auch Täuschung. Orientierung erweist sich als vorläufig, Ruhe als trügerisch.

Ein markanter Wendepunkt entsteht, als ein sorgfältig vorbereitetes Vorgehen unerwartet scheitert und die Beteiligten gezwungen sind, Prioritäten neu zu ordnen. Ob ausgelöst durch Vertrauensbruch, Fehlinformation oder veränderte Machtkonstellationen: Das Kräfteverhältnis verschiebt sich, der Hintergrundkonflikt tritt schärfer hervor, und der Kreis der Betroffenen wächst. Fortan zählen Informationsvorsprung, Zeitgewinn und Geländehoheit fast mehr als pure Bewaffnung. Was als begrenzte Passage begann, wird zur offenen Auseinandersetzung, in der persönliche Ziele mit übergeordneten Interessen kollidieren und die Wahl der Mittel genauer abgewogen werden muss.

Die mittlere Phase bündelt die Spannungen in einer konzentrierten Konfrontation an einem schwer zugänglichen Zufluchtsort oder Engpass. Enge Verhältnisse erzwingen Klarheit über Führung, Regeln und Verantwortlichkeiten, wenn Versorgung und Auswege knapp werden. Improvisierte Lösungen – Sperren, Ablenkungen, kontrollierte Rückzüge – stehen neben moralischen Abwägungen, ob Nachsicht oder Härte die sicherere Wahl ist. Der Text zeigt, wie Vertrauensverlust nicht nur Gefahr, sondern auch Handlungsspielraum erzeugt: Ungeplante Kooperationen entstehen aus Not, während etablierte Bindungen erodieren. Diese Verdichtung markiert ein weiteres Umschlagen der Lage und bereitet die abschließende, offenere Bewegungsfolge vor.

Im letzten Drittel verlagert sich das Geschehen erneut, mit wechselnden Schauplätzen, Verhandlungen unter Druck und Vorstößen, die nur bei günstiger Fügung gelingen. Natur und Terrain werden zu Mitspielern: Wetter, Sicht und Boden beeinflussen, welche Risiken tragbar sind. Eine Rückschau auf frühere Entscheidungen ordnet Motive neu und relativiert Schuld und Verdienst. Persönliche Konflikte nähern sich einer Klärung, ohne dass der Ausgang der größeren Auseinandersetzung vorweggenommen würde. Die Erzählung hält die Balance zwischen dem Erreichen begrenzter Ziele und dem Wissen, dass Ordnung in einer solchen Welt stets provisorisch bleibt.

Mexicanische Nächte hinterlässt den Eindruck einer vielgestaltigen Grenzerfahrung, in der Mut, List und situatives Urteilsvermögen über formale Hierarchien entscheiden. Aimard meidet einfache Lösungen; er insistiert auf Ambivalenzen zwischen Gesetz und Selbsthilfe, Ehre und Nützlichkeit, Bekanntschaft und Pflicht. Die nachhaltige Wirkung liegt weniger in einer eindeutig finalen Pointe als in der Schulung des Blicks: Wer Landschaft, Zeit und Menschen richtig liest, überlebt – und trägt Verantwortung dafür, wie. Als Abenteuerroman, der Beobachtung mit Aktion koppelt, bietet das Werk Spannung und Stoff zum Nachdenken über Ordnung, Gewalt und das fragile Miteinander unter unsicheren Bedingungen.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Das Umfeld von Gustave Aimards Mexicanische Nächte ist Mexiko der Mitte des 19. Jahrhunderts, geprägt von raschen Machtwechseln und konkurrierenden Autoritäten. Zentrale Institutionen waren die katholische Kirche mit großem ökonomischem Einfluss, die Armee als permanenter politischer Akteur und das Hacienda‑System mit abhängigen Landarbeitern. Kommunale Ayuntamientos, Provinzgouvernements und Gerichte rangen um Kompetenzen, während Handelsgesellschaften und ausländische Gesandtschaften die Politik beobachteten. Postkutschen, Landstraßen und Karawanen verbanden Küste und Hochland, zugleich boten sie Bühne für Überfälle. In diesem institutionalisierten, aber fragilen Rahmen suchte eine junge Verfassungsordnung nach Geltung – ein Spannungsfeld, das Aimards Schauplätze und Begegnungen strukturiert.

Die politische Instabilität nach der Unabhängigkeit kulminierte in den 1850er Jahren. Pronunciamientos und kurzlebige Regierungen folgten in schneller Reihenfolge. Der Sturz Antonio López de Santa Annas durch den Plan de Ayutla (1854) öffnete den Weg für liberale Reformen. 1857 verabschiedete eine verfassunggebende Versammlung eine neue Constitución Federal, die individuelle Rechte betonte und den militärischen sowie klerikalen Sondergerichten Grenzen setzte. Diese Umbrüche verschärften die Polarisierung zwischen Liberalen und Konservativen. Abenteuerliteratur jener Zeit spiegelt häufig das Klima der Unsicherheit, die Allgegenwart bewaffneter Gefolgschaften und die Nähe von Politik und Straße – ein Resonanzboden, den Mexicanische Nächte nutzt, ohne als Chronik aufzutreten.

Die Leyes de Reforma zielten auf eine tiefgreifende Neuordnung. Bereits 1855 begrenzte die Ley Juárez Sondergerichte; 1856 drängte die Ley Lerdo auf die Desamortisation von Korporationsbesitz, wodurch kirchliche und kommunale Liegenschaften veräußert wurden. 1859/60 folgten Dekrete zur Trennung von Kirche und Staat, zur Säkularisierung von Friedhöfen sowie zur Einführung der Zivilehe und des staatlichen Personenstandsregisters. Konservative leisteten erbitterten Widerstand und errichteten eine Gegenregierung; der Konflikt mündete in den Reformkrieg. Zeitgenössische Darstellungen registrieren daraus resultierende Enteignungen, Machtverschiebungen und soziale Verwerfungen – Hintergründe, vor denen Figuren zwischen Loyalitäten, Glauben und Überleben navigieren.

Die mexikanische Staatsschwäche hatte internationale Dimensionen. Nach dem Mexikanisch‑Amerikanischen Krieg (1846–1848) verlor Mexiko große Nordgebiete; der Vertrag von Guadalupe Hidalgo belastete die Finanzen zusätzlich. Als Präsident Benito Juárez 1861 einen Zahlungsstopp ausrief, landeten Spanien, Großbritannien und Frankreich Truppen in Veracruz. Während Spanien und Großbritannien sich zurückzogen, setzte Frankreich auf Intervention: 1862 scheiterte ein Angriff bei Puebla, doch 1863 nahmen die Franzosen die Hauptstadt. Erzherzog Maximilian von Habsburg akzeptierte 1864 die Krone; 1867 endete das Kaiserreich mit seiner Hinrichtung. Diese Besatzungserfahrung, mit ausländischen Legionen und lokalen Allianzen, prägt viele europäische Mexiko‑Schilderungen jener Jahre.

Abseits der Hauptstadt strukturierten Haciendas, Dörfer und Marktrouten das Alltagsleben. Das Schuldverhältnis der Landarbeiter (peonaje) band viele an Großgrundbesitz, während unabhängige Rancheros und Arrieros Warentransporte zwischen Küsten und Hochland organisierten. Unsichere Landstraßen begünstigten Salteadores und improvisierte Milizen; Postkutschen wurden zu Schauplätzen von Überfällen, Schutzgelderpressung und spontanen Bündnissen. Regionale Märkte, Pfarrfeste und Garnisonen gaben dem ländlichen Raum Rhythmus und Ordnung. Solche Konstellationen erlauben literarisch Wechsel zwischen dörflicher Gemeinschaft und Gewaltökonomie, zwischen Patronage und Rechtsbruch – Erfahrungen, die in Mexicanische Nächte als Hintergrund der Begegnungen zwischen Reisenden, Soldaten, Kaufleuten und Campesinos anklingen.

Die ethnische und geographische Vielfalt Mexikos bestimmte zugleich Konfliktlinien. Im Norden prägten bis in die 1860er Jahre Auseinandersetzungen mit Apache‑ und Comanche‑Gruppen Grenzregionen; lokale Milizen, Garnisonen und Verträge wechselten zwischen Waffenruhe und Gewalt. Im Südosten hielt der in Yucatán 1847 ausgebrochene sogenannte Kastenkrieg über Jahrzehnte an und band staatliche Ressourcen. Missionsgeschichte, Mestizaje und mehrsprachige Gemeinden blieben alltägliche Realität. Europäische Abenteuerliteratur griff diese Themen häufig auf, verband Grenzkrieg, Verfolgung und fragile Bündnisse zu dramatischen Episoden. Auch bei Aimard dienen solche Spannungen als Kontrastfolie, vor der Vorstellungen von Ehre, List, Gastfreundschaft und Rache konkrete, historisch verortbare Dringlichkeit erhalten.

Städte wie Mexiko‑Stadt, Puebla oder Veracruz boten ein kontrastreiches Nachtleben. Tavernen, Pulquerías, Kaffeehäuser, Theater und private Tertulias schufen Räume der Begegnung zwischen Militärs, Beamten, Händlern, Studenten und dem urbanen Proletariat, den vielfach als Léperos bezeichneten Armen. Eliten adaptierten französische Moden, während satirische Zeitungen politische Debatten befeuerten. Gleichzeitig misstrauten Bewohner schlecht beleuchteten Straßen, Taschendieben und improvisierten Patrouillen. In diesem urbanen Gefüge treffen höfische Umgangsformen und rohe Gewalt unmittelbar aufeinander, was Schauplätze liefert, an denen Intrige, Zufall und Gefahr die Handlung vorantreiben. Mexicanische Nächte nutzt diese Kontraste, ohne die historischen Ereignisse selbst zu dominieren.

Mexicanische Nächte gehört zu Aimards Abenteuerprosa, die in den 1850er und 1860er Jahren europäische Neugier auf Mexiko bediente und rasch in mehrere Sprachen, darunter Deutsch, übersetzt wurde. Das Buch rahmt die mexikanische Krisenzeit als Erfahrungsraum, in dem Institutionen, Ideologien und Alltagspraktiken aufeinandertreffen. Es kommentiert seine Epoche, indem es die Konsequenzen von Reform, Besatzung und lokaler Gewalt für Reisende und Stadtbewohner sichtbar macht und zugleich transnationale Verflechtungen – von Legionären bis zu Händlern – greifbar werden lässt. So vermittelt es weniger enzyklopädisches Wissen als eine verdichtete, historisch verankerte Wahrnehmung mexikanischer Lebenswelten und ihrer Bruchlinien.

Mexicanische Nächte

Hauptinhaltsverzeichnis
Mexicanische Nächte – Erster Theil
Mexicanische Nächte – Zweiter Theil
Mexicanische Nächte – Dritter Theil
Mexicanische Nächte – Vierter Theil

Mexicanische Nächte – Erster Theil

Inhaltsverzeichnis

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

I.

Las-Cumbres.

Inhaltsverzeichnis

Keine Gegend der Welt bietet dem geblendeten Auge des Reisenden entzückendere Landschaften dar, als Mexiko; unter allen aber ist die von Las-Cumbres[1] unstreitig eine der anmuthigsten.

Las-Cumbres bildet eine Reihe von Bergpässen, durch welche in unendlichen Krümmungen der Weg nach Puebla de-los-Angeles (die Stadt der Engel) führt, – also genannt, weil, der Sage nach, die Engel dort die Kirche erbauten. Der durch die Spanier errichtete Weg, von dem wir sprechen, erstreckt sich in steiler, schwindelerregender Absenkung, während eine ununterbrochene, in bläuliche Dünste getauchte Bergkette sich zu beiden Seiten hinzieht. Bei jeder Wendung dieses gleichsam über Abgründe voll üppiger Vegetation schwebenden Pfades, wechselt das Schauspiel und wird malerischer[1q]; die Gipfel der Berge erheben sich, stufenweise abfallend, einer hinter dem andern, während die, welche man überschritten hat, senkrecht hinter Einem aufsteigen.

Am 2. Juli 18.., kamen gegen vier Uhr Nachmittags, in dem Augenblicke, wo die schon tief am Horizonte stehende Sonne nur noch schräge Strahlen auf die von der Hitze durchdrungene Erde wirft und die sich erhebende Brise die glühende Atmosphäre zu erfrischen beginnt, zwei gut berittene Reisende aus einem dichten Jucca-, Bananen- und Bambusgehölz und schlugen einen staubigen Weg ein, der in ununterbrochenen Stufenreihen zu einem Thale führte, worin ein klarer, durch das Grün sich hinschlängelnder Bach eine sanfte Kühlung unterhielt.

Die durch den unvermutheten Anblick dieser vor ihren Blicken sich entrollenden, grandiosen Landschaft überraschten Reisenden machten Halt, und nachdem sie einige Minuten lang die malerischen Ausläufer der Berge betrachtet hatten, stiegen sie von ihren Pferden, nahmen denselben die Zügel ab und setzten sich am Ufer des Baches nieder, offenbar zu dem Zweck, die Wirkungen dieses bewunderungswürdigen, einzig in der Welt dastehenden Kaleidoscopes noch einige Minuten länger zu genießen.

Der Richtung nach, der sie folgten, schienen diese Reiter von Orizaba zu kommen und nach Puebla-de-los-Angeles zu gehen, von welchem Orte sie übrigens in diesem Augenblicks nicht mehr weit entfernt waren.

Beide Reiter trugen die reiche Tracht der Hacienda-Besitzer, eine Tracht, die wir schon zu oft beschrieben haben, als daß wir dieselbe hier noch einmal wiederholen sollten; wir wollen nur einen characteristischen Umstand berichten, welcher die geringe Sicherheit der Wege zu der Zeit, wo sich unsere Geschichte ereignet, bestätigte Beide waren bis an die Zähne bewaffnet und führten ein vollständiges Arsenal mit sich; außer den in ihren Halftern steckenden sechsläufigen Revolvern befanden sich eben solche in ihren Gürteln. In der Hand hatten sie eine vortreffliche Doppelflinte, aus dem Atelier von Dèvisme[2], einem berühmten Pariser Büchsenmacher, was Jedem nicht weniger als sechsundzwanzig Schüsse zu thun erlaubte, ohne die Machete oder den geraden Säbel zu rechnen, der an ihrer linken Seite hing, das mit dreischneidiger Klinge versehene Messer, welches sie in ihrem rechten Stiefel trugen und den zusammengerollten ledernen, auf dem Sattel an einem sorgfältig genieteten Ringe befestigten Lazzo.

Sicherlich konnten also bewaffnete Männer, wenn sie mit einem gewissen Muth begabt waren, leicht einer selbst bedeutenden Anzahl Feinde ohne Schaden die Stirn bieten.

Uebrigens schienen sie keineswegs durch den Anblick des wilden und einsamen Ortes, am dem sie sich befanden, beunruhigt und plauderten, halb auf dem grünen Grase ausgestreckt, heiter mit einander, indem sie nachlässig ihre wirklich echten Havannacigarren rauchten. Der älteste der beiden Reiter war ein Mann von vierzig bis fünfundvierzig Jahren, der indessen höchstens sechsunddreißig zu sein schien; seine Gestalt von etwas über Mittelgröße war, wenngleich elegant, doch stark gebaut, seine untersetzten Gliedmaßen zeugten von einer großen körperlichen Kraft, seine markirten Züge, trugen einen energischen und intelligenten Ausdruck; seine schwarzen und lebhaften Augen, die stets in Bewegung waren, erschienen sanft, aber sie schleuderten, sobald sie sich belebten, zuweilen flammende Blitze und verliehen dann seinem Gesicht einen harten und unmöglich zu beschreibenden wilden Ausdruck. Die Stirn war hoch und breit, der Mund sinnlich, ein schwarzer und dichter Bart, wie der eines Aethiopiers, mit einigen Silberfäden gemischt, fiel auf seine Brust, üppiges, zurückgeworfenes Haar floß auf seine Schultern herab, sein gebräunter Teint hatte die Farbe von Ziegelsteinen; kurz, wenn man den Mann dem Anscheine nach beurtheilen wollte, so war er einer jener entschlossenen Männer, die in gewissen kritischen Momenten höchst kostbar sind, da man von ihnen verlassen zu werden nicht zu fürchten braucht. Obwohl es unmöglich war, seine Nationalität zu erkennen, so schienen doch seine raschen Bewegungen, seine lebhafte, kurze und bilderreiche Sprache einen südlichen Ursprung anzudeuten.

Sein Gefährte, viel jünger als er, denn er schien höchstens fünf- bis achtundzwanzig Jahr alt zu sein, war groß, etwas mager, und wenn auch dem Anschein nach nicht kränklich, so doch zart; seine elegante, schlanke und wohlgebaute Gestalt, seine Füße und Hände von außerordentlicher Kleinheit zeigten die Race an; seine schönen Züge, seine ansprechende und intelligente Physiognomie schienen von Sanftmuth durchdrungen, seine blauen Augen, sein blondes Haar und vor Allem die Weiße seiner Hautfarbe, ließen ihn augenblicklich einen Europäer der gemäßigten Zone erkennen, der erst neuerdings nach Amerika gekommen.

Wir haben bereits gesagt, daß die beiden Reisenden mit einander plauderten; sie sprachen französisch; ihre Redeweise und der gänzliche Mangel jedes Accents ließ vermuthen, daß sie sich in ihrer Muttersprache ausdrückten.

»Nun, Herr Graf,« sagte der Aeltere, »bedauert Ihr noch, meinen Rath befolgt zu haben und anstatt auf den abscheulichen Wegen im Wagen daherzurütteln, diese Reise zu Pferde in Gesellschaft Eures Führers unternommen zu haben?«

»Da müßte ich wahrlich sehr schwer zu befriedigen sein,« antwortete Der, welchem man den Titel Graf beigelegt hatte; »ich habe die Schweiz, Italien, die Ufer des Rheins wie Jedermann bereist, und ich gestehe Euch, daß ich noch niemals den Anblick köstlicherer Landschaften genossen habe, als die, welche ich, Dank Euch, seit einigen Tagen zu sehen, das Vergnügen habe.«

»Ihr seid sehr gütig; die Landschaft ist in der That schön, überdies ist sie sehr romantisch,« setzte er mit boshaftem Ausdruck hinzu, der seinem Gefährten entging, »und dennoch,« fuhr er mit einem unterdrückten Seufzer fort, »habe ich deren noch schönere gesehen.«

»Schönere als diese hier?« rief der Graf, indem er den Arm ausstreckte und einen Halbkreis in der Luft beschrieb; »oh! das ist nicht möglich, Herr.«

»Ihr seid jung, Herr Graf,« erwiderte der Erste mit trübem Lächeln, »Eure Touristenreisen sind nur Kinderspiel gewesen. Diese hier überwältigt Euch, durch den Contrast, welchen sie mit den anderen bildet, das ist Alles; da Ihr niemals die Natur anders studirt habt, als in einer Opernloge, so vermuthetet Ihr nicht, daß sie Euch solche Ueberraschungen aufbewahren könnte. Euer Enthusiasmus hat sich plötzlich durch die Seltsamkeit der Contraste, die sich unaufhörlich Euren Blicken darbieten, zu einem Rausche gesteigert, aber wenn Ihr wie ich die hohen Savannen und die unendlichen Prairien des Innern durchreist hättet, wo in Freiheit die wilden Kinder dieser Erde umherirren, welche die Civilisation aus ihrem Besitz getrieben hat, so würdet Ihr wie ich nur noch ein verächtliches Lächeln über die Gegenden haben, die uns umgeben und die Ihr in diesem Augenblick so aufrichtig bewundert.«

»Was Ihr mir da sagt, kann die Wahrheit sein, Herr Olivier; leider aber kenne ich diese Savannen und Prairien, von denen Ihr sprecht, nicht und werde sie ohne Zweifel niemals kennen lernen.«

»Weshalb denn nicht?« warf der erste Sprecher lebhaft ein; »Ihr seid jung, reich, kräftig, frei, soviel ich voraussetzen kann. Wer könnte sich Euch widersetzen, wenn Ihr einen Ausflug in die große amerikanische Wildniß machen wolltet? Ihr seid gerade in diesem Augenblick ganz geneigt, diesen Plan in Ausführung zu bringen; es ist eine jener für unmöglich gehaltenen Reisen, von der Ihr später mit Stolz sprechen könnt, sobald Ihr in Euer Vaterland zurückgekehrt sein werdet.«

»Ich wünschte es,« antwortete der Graf mit einem Schatten von Traurigkeit; »leider aber ist es mir unmöglich; meine Reise wird in Mexiko beendet sein.«

»In Mexiko!« meinte Olivier erstaunt.

»Leider ja! Herr, es ist so; ich gehöre nicht mir an, sondern unterliege in diesem Augenblicke dem Einfluß eines fremden Willens. Ich bin ganz einfach in dieses Land gekommen, um mich zu verheirathen.«

»Euch zu verheirathen? In Mexiko? Ihr, Herr Graf!« rief Olivier überrascht.

»Mein Gott ja, ganz prosaisch, mit einer Frau, die ich nicht kenne und die mich eben so wenig kennt, und welche ohne Zweifel nicht mehr Liebe für mich empfindet, als ich für sie. Wir sind Verwandte und wurden schon in der Wiege verlobt, und jetzt ist der Augenblick gekommen, das in unserm Namen von den Vätern gegebene Versprechen zu halten; das ist sehr einfach.«

»So ist diese junge Dame also eine Französin?«

»Durchaus nicht, sie ist im Gegentheil eine Spanierin, ich glaube sogar etwas Mexikanerin.«

»Ihr aber seid Franzose, Herr Graf?«

»Gewiß und noch dazu Franzose aus der Touraine,« erwiderte er lächelnd.

»Aber, Herr Graf, gestattet mir die Frage, wie geht das zu, daß ...?«

»Oh! sehr natürlich,« unterbrach ihn der Graf. »Die Geschichte ist nicht lang, und da Ihr aufgelegt seid, sie zu hören, so will ich sie Euch in wenigen Worten mittheilen. Meinen Namen kennt Ihr, ich bin der Graf Ludovic Mahiet-de-la-Saulay; meine Familie, aus der Touraine gebürtig, ist eine der ältesten dieser Provinz, sie führt auf die ersten Franken zurück: einer meiner Ahnen, sagt man, sei einer der größten Vasallen des Königs Chlodwig gewesen, der ihm für seine treuen Dienste große, mit Weiden besetzte Wiesen zum Geschenk machte, wovon später meine Familie ihren Namen erhalten hat. Ich erwähne diesen Ursprung nicht aus einem übel angebrachten Gefühle des Stolzes. Obwohl adelig nach Thaten und Wappen, bin ich, Gott sei Dank, in solchen Fortschrittsideen erzogen, um zu wissen, was ein Titel in der Zeit, in der wir leben, gilt und um zu erkennen, daß der wahre Adel nur allein in edlen Gesinnungen wohnt; allein ich mußte Euch diese besondern Umstände mittheilen, welche meine Familie berühren, um Euch klar zu machen, wie meine Ahnen, die stets hohe Aemter unter den verschiedenen Dynastien, welche in Frankreich aufeinander gefolgt sind, bekleideten, dahin gelangten, einen jüngeren, spanischen Familienzweig zu haben, während der ältere Zweig französisch blieb. Zur Zeit der Ligue lagen die von den Guisen herbeigerufenen Spanier, mit denen die Ersteren eine Alliance gegen den König Heinrich den IV., den man noch heute den König von Navarra nennt, geschlossen hatten, eine Zeit lang in Paris in Garnison. Ich bitte um Verzeihung, lieber Herr Olivier, daß ich in solche Details eingehe, die Euch höchst unnütz scheinen werden.«

»Im Gegentheil, Herr Graf, sie interessiren mich vielmehr sehr; fahrt fort, ich bitte.«

Der junge Mann verneigte sich und begann von Neuem:

»Nun aber war der damalige Graf de-la-Saulay ein eifriger Parteigänger der Guisen und ein sehr intimer Freund des Herzogs von Mayenne. Der Graf hatte drei Kinder, zwei Söhne, die in den Reihen der Liguearmee kämpften, und eine Tochter, Ehrendame bei der Herzogin von Montpensier, Schwester des Herzogs von Mayenne. Die Belagerung von Paris dauerte lange Zeit, und als Heinrich IV. endlich daran verzweifelte, sich der Stadt wieder zu bemächtigen, kaufte er sie von dem Herzog von Brissac, Gouverneur der Bastille für die Ligue, in baarem Silbergelde. Viele Officiere des Herzogs von Mendoça, dem Commandanten der spanischen Truppen, und dieser General selbst, hatten ihre Familien bei sich. Kurz, der jüngste Sohn meines Ahnherrn verliebte sich in eine der Nichten des spanischen Generals, bat um ihre Hand und erhielt sie, während seine Schwester auf die Bitten der Herzogin Montpensier einwilligte, die ihrige einem Flügeladjutanten des Generals zu reichen. Die schlaue und politische Herzogin glaubte durch diese Verbindungen den französischen Adel von Dem zu entfernen, den sie den Bearner und Hugenotten nannte, und seinen Triumph, wenn nicht unmöglich zu machen, so doch zu verzögern. Aber wie dies in solchen Fällen immer geschieht, erwiesen sich diese Berechnungen als falsch, der König eroberte sein Königreich wieder und die am Meisten in dem Aufstand der Ligue verwickelten Edelleute sahen sich gezwungen, die Spanier auf ihrem Rückzuge zu begleiten und mit ihnen Frankreich zu verlassen. Mein Ahnherr erhielt leicht Verzeihung vom Könige, der ihm später sogar ein wichtiges Commando anvertraute und seinen ältesten Sohn in seine Dienste nahm; der Jüngste aber widerstand allen Bitten und Einwendungen seines Vaters, nach Frankreich zurückzukehren, sondern ließ sich für immer in Spanien nieder.

»Die beiden Familienzweige fuhren indessen, obwohl getrennt, fort, Verbindungen unter sich zu unterhalten und sich unter einander zu verehelichen. Mein Großvater heirathete während seiner Verbannung eine Tochter des spanischen Zweiges; und jetzt bin ich im Begriff, eine ähnliche Verbindung zu schließen. Ihr seht, lieber Herr, daß dies Alles sehr prosaisch und sehr wenig interessant ist.«

»Also Ihr würdet darein willigen, so zu sagen blindlings eine Dame zu heirathen, die Ihr noch niemals gesehen habt, und die Ihr nicht einmal kennt?«

»Was wollt Ihr, es ist einmal so, meine Einwilligung ist unnütz bei dieser Sache, die Verbindlichkeit ist feierlich durch meinen Vater angenommen, ich muß also seinem Worte nachkommen. Uebrigens,« setzte er lächelnd hinzu, »beweist Euch meine Gegenwart hier, daß ich nicht gezögert habe zu gehorchen. Vielleicht würde ich, wenn mein Wille frei gewesen wäre, diese Verbindung nicht eingegangen sein; leider hing dies jedoch nicht von mir ab, ich habe mich dem Willen meines Vaters fügen müssen. Ueberdies gestehe ich Euch, daß ich mich, in dem fortwährenden Hinblick auf diese Heirath erzogen und sie unvermeidlich wissend, allmählich an den Gedanken gewöhnt habe, und dieses Opfer für mich nicht so groß ist, als Ihr vielleicht vermuthet.«

»Das thut nichts,« antwortete Olivier mit einer gewissen Rauhheit, »zum Teufel mit dem Adel und dem Vermögen, wenn sie solche Verbindlichkeiten auferlegen; da ist das Abenteurerleben in der Wildniß und die armselige Unabhängigkeit mehr werth; wenigstens ist man immer Herr seiner selbst.«

»Ich bin vollkommen Eurer Meinung; dessen ungeachtet muß ich mein Haupt beugen. Jetzt gestattet mir, eine Frage an Euch zu richten.«

»Von ganzem Herzen zwei, wenn 's Euch beliebt.«

»Wie kommt es, daß wir uns zufällig in dem französischen Hôtel in Vera-Cruz, im Augenblicke meiner Ankunft begegneten und so schnell vertraut mit einander geworden sind?«

»Was das anbetrifft, so werde ich außer Stande sein, diese Frage zu beantworten; Ihr habt mir auf den ersten Blick gefallen. Euer Benehmen hat mich angezogen; ich habe Euch meine Dienste angeboten, die Ihr angenommen habt, und so sind wir zusammen nach Mexiko aufgebrochen: das ist die ganze Geschichte, einmal dort – werden wir uns trennen, um uns wahrscheinlich nie wieder zu sehen, damit ist Alles gesagt.«

»Oh! oh! Herr Olivier, laßt mich glauben, daß Ihr im Irrthum seid, daß wir uns im Gegentheil oft wieder sehen werden, und daß unsere Bekanntschaft bald zu einer festen Freundschaft werden wird.«

Der Andere schüttelte wiederholt mit dem Kopfe.

»Herr Graf,« sagte er endlich, »Ihr seid Edelmann, reich und in guter Lebensstellung, ich bin nur ein Abenteurer, dessen vergangenes Leben Ihr nicht kennt und von dem Ihr kaum den Namen wißt, da Ihr voraussetzet, daß der, welchen ich in diesem Augenblick trage, der wirkliche sei. Unsere Stellungen sind zu verschieden, es giebt zwischen uns eine zu scharfe Scheidelinie, als daß wir auf dem Fuße schicklicher Gleichheit einander gegenüber stehen könnten. Sobald wir in die Anforderungen der civilisirten Welt zurückgetreten sein würden, müßte ich Euch bald, da ich älter als Ihr bin und eine größere Welterfahrung besitze, zur Last fallen; bestehet also nicht darauf und bleiben wir jedes an unserem Platze. Dies, das seid überzeugt, wird für Euch und für mich besser sein: ich bin in diesem Augenblick viel mehr Euer Führer als Euer Freund, diese Stellung ist die einzige, welche mir geziemt; laßt mich also an diesem Platze.«

Der Graf wollte etwas erwidern, aber Olivier ergriff rasch seinen Arm.

»Still,« sagte er, »hört ...«

»Ich höre nichts,« versetzte nach einem Augenblick der junge Mann.

»In der That,« erwiderte der Andere lächelnd, »Eure Ohren sind nicht wie die meinigen für jedes Geräusch, welches die Stille der Wildniß unterbricht, empfänglich: ein Wagen nähert sich im raschen Lauf von Orizaba her, er verfolgt sogar denselben Weg wie wir; bald wird er Euren Blicken sichtbar werden, ich unterscheide ganz deutlich das Schellengeläute der Maulesel.«

»Das ist ohne Zweifel die Post von Vera-Cruz, in welcher sich meine Diener und mein Gepäck befinden, und welcher wir um einige Stunden voraus sind.«

»Vielleicht ja, vielleicht auch nein,« erwiderte der Andere nach einem Augenblick des Nachdenkens; »auf alle Fälle ist es gut, uns vorzusehen.«

»Uns vorzusehen, warum?« fragte erstaunt der junge Mann.

Olivier warf ihm einen seltsamen Blick zu.

»Ihr kennt noch nichts von dem amerikanischen Leben,« antwortete er endlich: »in Mexico ist das erste Gesetz der Selbsterhaltung immer, sich gegen die wahrscheinlichen Eventualitäten eines Ueberfalls zu schützen. Folgt mir und thut, was ich thun werde.«

»Wollen wir uns denn verstecken?«

»Wahrhaftig!« erwiderte er achselzuckend.

Ohne etwas Weiteres zu erwidern, näherte er sich seinem Pferde, legte ihm den Zügel wieder an und schwang sich mit einer Leichtigkeit und Geschicklichkeit, die eine lange Gewohnheit anzeigte, in den Sattel und sprengte auf ein höchstens hundert Meter entferntes Gehölz zu.

Wider Willen durch die Macht beherrscht, welche dieser Mann, durch seine seltsame Handlungsweise auf ihn ausübte, folgte der Graf seinem Beispiel.

»Wohlan,« sagte der Abenteurer, sobald sie sich vollständig geschützt hinter den Bäumen befanden, »jetzt wollen wir warten.«

Einige Minuten vergingen.

»Seht,« sprach Olivier lakonisch, indem er den Arm in der Richtung eines kleinen Gehölzes ausstreckte, aus welchem sie zwei Stunden früher hervorgeritten waren.

Der Graf wendete mechanisch den Kopf nach dieser Seite; in demselben Augenblick sprengten ungefähr zehn, mit Säbeln und langen Lanzen bewaffnete Reiter im Galopp in das Thal und auf den Paß von Las-Cumbres zu.

»Soldaten des Präsidenten von Vera-Cruz,« murmelte der junge Man »was hat Das zu bedeuten?«

»Wartet,« versetzte der Abenteurer.

Bald wurde das Rollen eines Wagens vernehmbar und eine durch ein Gespann von sechs Mauleseln gleich einem Sturmwind dahergetragene Berline erschien.

»Verdammt,« rief der Abenteurer mit einer Geberde des Zorns, als er den Wagen bemerkte.

Der junge Mann blickte seinen Gefährten an; dieser war bleich wie eine Leiche, ein convulsivisches Zittern ging durch alle seine Glieder.

»Was habt Ihr denn?« fragte voller Interesse der Graf.

»Nichts,« antwortete der Andere trocken, »blicket hin ...«

Hinter, dem Wagen folgte demselben in geringer Entfernung eine Abtheilung Soldaten, die auf ihrem Wege ganze Wogen von Staub aufwühlten.

Darauf verloren sich Reiter und Berline in den Paß, worin sie bald darauf verschwanden.

»Teufel,« meinte lachend der junge Mann, »das wenigstens sind vorsichtige Reisende; sie laufen keine Gefahr, geplündert zu werden.«

»Glaubt Ihr?« versetzte Olivier im Tone beißender Ironie. »Nun! Ihr seid im Irrthum, sie werden im Gegentheil noch vor einer Stunde, und wahrscheinlich durch die zu ihrer Vertheidigung bezahlten Soldaten angegriffen werden.«

»Geht doch, das ist nicht möglich.«

»Wollt Ihr es sehen?«

»Ja, der seltenen Thatsache wegen.«

»Allein, nehmt Euch dabei in Acht; vielleicht kostet es Pulver.«

»Ich hoffe es in der That.«

»So seid Ihr entschlossen, diese Reisenden zu vertheidigen?«

»Gewiß, wenn man sie angreift.«

»Ich wiederhole Euch, daß man sie angreifen wird.«

»Auf denn, zur Schlacht!«

»Gut denn, Ihr seid ein braver Cavalier.«

»Beunruhigt Euch meinetwegen nicht; wo Ihr bleiben werdet, bleibe ich auch.«

»So mit Gottes Hülfe! Wir haben gerade noch die nöthige Zeit um hin zu kommen, wachet über Euer Pferd, denn bei meiner Seele, wir werden einen Ritt machen, wie Ihr noch nie einen erlebt.«

Die beiden Reiter neigten sich auf den Hals ihrer Pferde, drückten denselben die Sporen in die Seiten und sprengten den Reisenden nach.

II.

Die Reisenden.

Inhaltsverzeichnis

Zu jener Zeit, in der sich unsere Geschichte ereignet, unterlag Mexiko einer seiner schrecklichen Krisen, deren periodische Wiederkehr dieses unglückliche Land allmählich in die äußerste Noth versetzt hat, aus welcher sich allein wieder zu erheben, es ohnmächtig ist. Hier in wenigen Worten die Thatsachen, welche sich ereignet hatten.

Der General Zulaoga, zum Präsidenten der Republik ernannt, hatte eines Tages, man weiß nicht weshalb, die Last für seine Schultern zu schwer gefunden und zu Gunsten des Generals Don Miguel Miramon[3] abgedankt, der dem zufolge zum interimistischen Präsidenten ernannt worden war. Dieser, ein energischer und überdies sehr ehrgeiziger Mann, hatte seine Herrschaft in Mexiko begonnen, indem er vor Allem Sorge trug, seine Ernennung zur ersten obrigkeitlichen Würde des Landes durch den Congreß, der ihn einstimmig erwählt hatte, bestätigen zu lassen.

Miramon war also nach Recht und Gesetz rechtmäßiger interimistischer Präsident, das heißt für die Zeit, welche noch vor den allgemeinen Wahlen verfließen mußte.

So standen die Sachen eine geraume Zeit, aber Zulaoga, ohne Zweifel durch die Unbedeutendheit, in welcher er lebte, gelangweilt, änderte eines schönen Tages seine Meinung, und in einem Augenblicke, wo man es am Wenigsten erwartete, verbreitete er unter dem Volke eine Proclamation, verständigte sich mit den Parteigängern Juarez', – welche Letzterer bei der Abdankung Zulaoga's in seiner Eigenschaft als Vicepräsident, den eingesetzten Nachfolger nicht anerkannt und sich durch eine sogenannte nationale Junta zum constitutionellen Präsidenten in Vera-Cruz hatte erwählen lassen – und erließ eine Verordnung, nach welcher er seine Abdankung zurücknahm, Miramon seiner ihm anvertrauten Macht enthob und sie von Neuem selbst zu übernehmen erklärte.

Miramon schenkte dieser ungewöhnlichen Erklärung nur geringe Beachtung; stark in seinem Recht, welches er zu haben glaubte und welches der Congreß sanctionirt hatte, begab er sich allein nach dem, von dem General Zulaoga bewohnten Hause, bemächtigte sich seiner Person und zwang ihn, ihm zu folgen, indem er mit spöttischem Lächeln sagte:

»Da Ihr die Macht wieder zu übernehmen wünscht, will ich Euch lehren, wie man Präsident der Republik wird.«

Und ihn als Geißel behaltend, obgleich er ihn mit der größten Rücksicht behandelte, nöthigte er ihn, ihn auf einem Feldzug zu begleiten, welchen er in die Provinzen des Innern, nach Guadalajara zu, gegen die Generäle der entgegengesetzten Partei unternahm, die, wie wir bereits erwähnt haben, den Namen der Constitutionellen angenommen hatten.

Zulaoga leistete keinen Widerstand; er ergab sich anscheinend in sein Schicksal, ja, er ging so weit, sich gegen Miramon zu beklagen, daß er ihn nicht ein Commando in seiner Armee anvertraute. Dieser ließ sich durch seine scheinbare Ergebung täuschen und versprach ihm, daß bei der ersten Schlacht sein Wunsch befriedigt werden sollte. Aber eines schönen Morgens, waren Zulaoga und die Generaladjutanten, die man ihm beigegeben hatte, vielmehr um ihn zu bewachen, als ihm eine Ehre zu erweisen, plötzlich verschwunden und man vernahm einige Tage später, daß sie sich zu Juarez geflüchtet hatten, von wo Zulaoga von Neuem gegen die Gewalt, deren Opfer er gewesen war, zu protestiren und neue Verordnungen gegen Miramon zu erlassen begann.

Juarez ist ein hinterlistiger, schlauer und tiefer Verstellung fähiger Indianer; ein geschickter Staatsmann, ist er der einzige Präsident der Republik, welcher seit der Unabhängigkeitserklärung nicht zur Armee gehört. Hervorgegangen aus den niedrigsten Schichten der mexikanischen Gesellschaft, erhob er sich allmählich kraft seiner Zähigkeit bis zu dem hohen Posten, welchen er heute einnimmt. Da er den Charakter der Nation, welche er zu regieren behauptet, besser als irgend Jemand kennt, so weiß auch keiner den Leidenschaften des Volkes so gut zu schmeicheln und den Enthusiasmus der Massen so zu erregen wie er. Mit einem unmäßigen Ehrgeiz begabt, den er sorgfältig unter dem düsteren Scheine einer tiefen Liebe zum Vaterlande verbirgt, war es ihm gelungen, sich nach und nach eine Partei zu schaffen, welche zu der Zeit, von der wir reden, furchtbar geworden war. Der constitutionelle Präsident hatte seine Stadthalterschaft in Vera-Cruz errichtet und kämpfte aus der Tiefe seines Cabinets durch seine Generäle gegen Miramon.

Obwohl er von keiner Macht als der der vereinigten Staaten anerkannt wurde, so handelte er dennoch, als ob er der wirklich rechtmäßige Bevollmächtigte der Nation gewesen wäre; der Beitritt Zulaoga's, den er im Grunde seines Herzens wegen seiner Feigheit und Nichtigkeit verachtete, lieferte ihm die Waffe in die Hand, deren er benöthigt war, um seine Pläne zu einem guten Ende zu führen. Er machte es gleichsam zu einem Schutz für seine Partei, indem er forderte, daß Zulaoga zuvor in die Macht, aus welcher ihn Miramon verdrängt, wieder eingesetzt und alsdann zu neuen Wahlen geschritten werden sollte. Uebrigens zögerte Zulaoga nicht, ihn als den einzigen, durch die freie Wahl der Bürger rechtmäßigen Präsidenten feierlichst anzuerkennen.

Die Frage war klar ausgesprochen: Miramon repräsentirte die conservative Partei, das heißt die der Geistlichkeit, der großen Grundbesitzer und des Handels; Juarez dagegen die absolut demokratische Partei.

Der Krieg nahm damals furchtbare Dimensionen an. Leider braucht man zum Kriegführen Geld, und Geld war es, was Juarez gänzlich fehlte, und zwar aus folgenden Gründen:

In Mexiko ist das öffentliche Vermögen nicht in den Händen der Regierung concentrirt; jeder Staat, jede Provinz behält das Recht der freien Verfügung und Verwaltung der Privatbesitzungen der Städte, welche einen Theil seines Gebietes ausmachen. Anstatt daß die Provinzen also von der Regierung abhängen, sind diese und die Hauptstadt dem Joche der Provinzen unterworfen, welche, sobald sie sich empören, die Subsidien einbehalten und die Gewalt in eine kritische Lage bringen. Ferner befinden sich zwei Dritttheile des öffentlichen Vermögens in den Händen der Geistlichkeit, die sich wohl hütet, etwas davon wieder herauszugeben, und welche, da sie weder Abgaben noch Verbindlichkeiten irgend welcher Art zahlt, sich begnügt, ihr Geld zu ziemlich hohen Zinsen auszuleihen und erlaubten Wucher damit zu treiben, was sie noch mehr bereichert, ohne daß sie jemals ihr Capital riskirt.

Juarez, obwohl Herr von Vera-Cruz, befand sich also in einer sehr schwierigen Lage; aber er ist vor allen Dingen ein Mann, der sich zu helfen weiß, und um das Geld aufzutreiben, welches ihm fehlte, war er durchaus nicht in Verlegenheit. Er begann damit, auf den Zoll in Vera-Cruz Beschlag zu legen, dann bildete er Cuadrillas oder Guerillas, die sich keinen Scrupel machten, die Haciendas der Anhänger Miramon's, der in dem Lande wohnenden, größtentheils reichen Spanier und Fremden aller Nationen, bei denen sie etwas Gutes zu finden hofften, zu überfallen. Mit diesen Thaten begnügten sich diese Guerillas nicht einmal: sie unternahmen es sogar, die Reisenden zu plündern und die Eisenbahnzüge zu überfallen; man glaube nicht, daß wir die Thatsachen vergrößern, im Gegentheil wir stellen sie geringer dar. Um gerecht zu sein, müssen wir hinzufügen, daß Miramon seinerseits es nicht daran fehlen ließ, dieselben Mittel anzuwenden, sobald sich die Gelegenheit dazu bot, aber sie war selten, seine Lage war nicht so abenteuerlich wie die Juarez', um mit wirklichem Nutzen in trübem Wasser zu fischen.

Allerdings handelten die Guerillas anscheinend aus eigenem Antrieb, was die beiden Regierungen höchlichst mißbilligten, die sogar bei gewissen Gelegenheiten mit Strenge gegen sie einzuschreiten schienen, indessen war der Schleier so durchsichtig, daß diese Comödie Niemand täuschte.

Mexiko war demnach in der That in eine unendliche Räuberhöhle umgestaltet, in welcher die Hälfte der Bevölkerung die andere beraubte und mordete.

Dies war die politische Lage des unglücklichen Landes zu der Zeit, von der wir sprechen; zweifelhaft ist es, ob sie sich seitdem sehr geändert hat, wofern sie nicht noch schlimmer geworden ist.

An demselben Tage, wo unsere Geschichte ihren Anfang nimmt, zur Zeit, als die noch unter dem Horizonte befindliche Sonne das tiefe Blau des Himmels mit ihren goldigen und purpurnen Strahlen zu färben begann, bot ein aus Schilfrohr errichteter Rancho, der, trotzdem er ziemlich geräumig war, einem Hühnerkorbe glich, in einer so frühen Morgenstunde einen seltsam belebten Anblick dar.

Dieser mitten in einer köstlichen Gegend, kaum einige Schritte von dem Rincon-Grande erbaute Rancho war seit Kurzem in eine Venta oder Herberge verwandelt worden für solche Reisende, die durch die Nacht überrascht oder welche aus irgend einem andern Grunde es vorzogen, daselbst Halt zu machen, anstatt bis zur Stadt ihren Weg fortzusetzen.

Auf einem ziemlich großen vor der Venta freigelassenen Raum waren im Halbkreis die Ballen mehrer Frachtfuhren mit einer gewissen Symmetrie übereinander aufgeschichtet, in der Mitte dieses Kreises kauerten die Arrieros neben dem Feuer und dörrten Tasajo zu ihrem Frühstück oder reparirten die Saumsättel ihrer Pferde, die, gruppenweiß vertheilt, ihren auf die Erde geschütteten Vorrath von Mais verzehrten. Eine mit Koffern und Schachteln beladene Berline war etwas seitwärts in einem Schuppen untergebracht und stand neben einem Postwagen, der durch einen Unfall an einem seiner Räder gezwungen gewesen, an diesem Orte Halt zu machen. Mehrere Reisende, welche die Nacht, in ihre Zarape gehüllt, unter freiem Himmel zugebracht hatten, erwachten aus ihrem Schlummer, andere gingen, ihre Papelitos rauchend, auf und ab, während einige Lebhaftere bereits ihre Pferde gesattelt hatten und nach verschiedenen Richtungen im Galopp davon sprengten.

Bald darauf kam der Kutscher der Post unter seinem Wagen hervor, wo er, tief im Grase vergraben, geschlafen hatte, gab seinen Thieren zu fressen, verband ihre durch das Geschirr geriebenen Wunden, spannte sie ein und begann daraus seine Passagiere zusammenzurufen. Diese, durch sein Geschrei erweckt, kamen schlaftrunken aus der Venta hervor und schickten sich an, ihre Plätze im Wagen einzunehmen. Es waren neun Personen; außer zwei europäisch gekleideten und leicht für Franzosen zu erkennenden Individuen, trugen alle Andern die mexikanische Tracht und schienen wirkliche hijos de pays, das heißt Kinder des Landes zu sein.

In dem Augenblick, wo der Kutscher oder Mayoral, ein Amerikaner reinen nordischen Blutes, – nachdem es ihm vermittelst einiger mit schlechtem Spanisch untermischten Yankéeflüche, gelungen war, seine Reisenden, so gut es ging, in seinen durch die Stöße des Weges halb verstauchten Wagen unterzubringen, die Zügel ergriff, um aufzubrechen, ließ sich der Galopp von Pferden mit Säbelgeklirr vermischt, vernehmen und eine Reitertruppe, in fast militairischer, aber sehr defecter Tracht, machte vor dem Rancho Halt.

Diese aus einigen zwanzig Männern mit wahren Galgengesichtern bestehende Truppe war von einem Alferez oder Unterlieutenant commandirt, der ebenso armselig wie seine Soldaten gekleidet war, dessen Waffen jedoch nichts zu wünschen übrig ließen.

Dieser Officier war ein langer, magerer und nerviger Mann, mit tückischer Physiognomie, schielendem Blick und rußiger Hautfarbe.

»Holla! Gevatter,« rief er dem Mayoral zu, »Ihr brecht sehr früh auf, scheint mir.«

Der einen Augenblick vorher so grobe Yankee war plötzlich wie umgewandelt; er verbeugte sich demüthig mit verstelltem Lächeln und antwortete mit einer schleppenden, einfältigen Stimme, indem er eine große Freude, – die er wahrscheinlich nicht empfand, – zur Schau trug.

»Ah! Valga me dios! das ist ja der Sennor Don Jesus Dominguez! Welch' glückliches Zusammentreffen! Eine so große Freude hätte ich mir diesen Morgen nicht träumen lassen; kommt Eure Herrlichkeit, um die Post zu escortiren?«

»Nein, heute nicht; eine andere Pflicht führt mich her.«

»Oh! Eure Herrlichkeit hat ganz recht, meine Passagiere verdienen keineswegs eine so ehrenvolle Begleitung; es sind Costenos, die mir nicht sehr reich zu sein scheinen, überdies werde ich gezwungen sein, wenigstens auf einige Stunden in Orizaba zu verweilen, um meinen Wagen zu repariren.«

»Dann lebt wohl und geht zum Henker!« antwortete der Officier.

Der Mayoral zögerte einen Augenblick, worauf er, anstatt dem Befehl zum Aufbruch Folge zu leisten, schnell von dem Bock stieg und sich dem Officier näherte.

»Ihr habt mir irgend eine Nachricht zu geben, nicht wahr, Gevatter« sagte dieser.

»Ja, Sennor« antwortete der Mayoral, verstellt lachend.

»Ah! ah!« meinte der Andere, »und was ist das für eine? Ist sie gut oder schlecht?«

»Der Rayo ist auf dem Wege nach Mexiko voran.«

Der Officier schauderte unmerklich bei dieser Eröffnung, aber sich sogleich wieder beherrschend, sagte er:

»Ihr seid im Irrthum.«

»Ah! doch nicht; ich habe ihn gesehen, wie ich Euch sehe.«

Der Officier schien einige Minuten zu überlegen.

»Es ist gut, Gevatter, ich danke Euch; ich werde meine Vorsichtsmaßregeln treffen. Und Eure Passagiere?«

»Es sind arme Tröpfe, außer den beiden Dienern eines französischen Grafen, dessen Koffer und Kisten allein den ganzen Wagen ausfüllen, die Andern sind nicht der Mühe werth, daß man sich mit ihnen beschäftigt. Habt Ihr die Absicht, sie zu visitiren?«

»Ich bin noch nicht dazu entschlossen, werde es mir jedoch überlegen.«

»Nun, Ihr werdet schon handeln, wie Ihr es für gut findet. Verzeiht, wenn ich Euch jetzt verlasse, Sennor Don Jesus; meine Passagiere werden unruhig, ich muß aufbrechen.«

»Auf Wiedersehen denn!«

Der Mayoral bestieg seinen Sitz; peitschte auf die Maulesel und der Wagen rollte mit einer Schnelligkeit dahin, die wenig beruhigend für Diejenigen war, welche er umschloß und die bei jeder Wendung des Weges Gefahr liefen, ihre Knochen zu zerbrechen.

Sobald der Officier sich allein sah, näherte er sich dem mit dem Messen des Mais beschäftigten Venturo und fragte in hochmüthiger Weise:

»Habt Ihr nicht einen spanischen Caballero und eine Dame hier?«

»Ja,« antwortete der Venturo, indem er den Kopf mit einer mit Furcht gemischten Ehrerbietung entblößte, »ja, Herr Officier, ein ziemlich bejahrter Caballero ist gestern in Begleitung einer ganz jungen Dame etwas nach Sonnenuntergang in jener Berline, die Ihr dort vor der Thür des Rancho erblickt, angekommen; sie hatten eine Eskorte bei sich. Nach Dem, was die Soldaten gesagt haben, kommen sie von Vera-Cruz und begeben sich nach Mexiko.«

»Es ist so, ich bin gesandt, um ihnen bis Puebla-de-Los-Angelos als Eskorte zu dienen; aber sie scheinen es nicht eilig zu haben; dennoch wird der Tag lang werden und sie würden nicht übel daran thun, sich zu beeilen.«

In diesem Augenblick öffnete sich eine innere Thür, ein reich gekleideter Mann trat in den gemeinschaftlichen Raum und nachdem er leicht seinen Hut gelüftet und dabei sein Ave Maria purissima ausgesprochen hatte, schritt er auf den Officier zu, der ihm, sobald er ihn erblickte, einige Schritte entgegen ging.

Diese neue Persönlichkeit war ein noch rüstiger Mann von ungefähr fünf und fünfzig Jahren; seine Gestalt war hoch und elegant, seine Gesichtszüge schön und edel, ein Ausdruck von Offenheit und Güte lag über seiner Physiognomie verbreitet.

»Ich bin Don Antonio de Carrera,« sagte er, den Officier anredend, »ich habe die Worte, die Ihr mit unserem Wirth austauschtet, gehört und glaube, die Person zu sein, welche Ihr zu eskortiren, den Auftrag habt, Herr.«

»In der That, Sennor Caballero,« erwiderte höflich der Unterlieutenant, »der von Euch ausgesprochene Name ist allerdings der in meiner Ordre befindliche; ich erwarte daher Eure Befehle.«

»Ich danke Euch, Sennor, meine Tochter ist etwas leidend, ich müßte fürchten, wenn wir so früh aufbrechen, daß ihre zarte Gesundheit einer Krankheit unterliegen würde; wenn es Euch daher nicht ungelegen kommt, so werden wir noch einige Stunden hier bleiben und erst nach unserem Frühstück, welches Ihr mit uns zu theilen mir die Ehre erweisen werdet, abreisen.«

»Ich danke Euch vielmals, Caballero,« versetzte der Officier, indem er sich höflich verbeugte, »aber ich bin nur ein einfacher Soldat, dessen Gesellschaft einer Dame nicht angenehm sein würde; Ihr wollt mich daher gütigst entschuldigen, wenn ich Eure freundliche Einladung ablehne, für welche ich indessen eben so dankbar bin, als wenn ich sie annähme.«

»Ich bestehe nicht darauf, Herr, obwohl es mir schmeichelhaft gewesen wäre, Euch als Gast zu haben; so ist es also abgemacht; nicht wahr, daß wir noch hier bleiben werden.«

»So lange es Euch beliebt, Sennor, ich wiederhole, ich bin ganz zu Eurem Befehl.«

Nach diesem wechselseitigen Austausch freundlicher Redensarten trennten sich die Beiden; der Greis trat wieder in das Innere des Rancho und der Officier ging hinaus, um das Bivouac seiner Truppe einzurichten.

Die Soldaten sprangen von ihren Pferden, befestigten dieselben an einen Pfahl und begannen, ihre Cigarre rauchend, auf und ab zu gehen, indem sie Alles mit jener den Mexikanern eigenthümlichen unruhigen Neugier betrachteten.

Indessen hatte der Officier leise einem Soldat einige Worte zugeflüstert, und dieser, anstatt dem Beispiel seiner Gefährten zu folgen, war wieder zu Pferde gestiegen und im Galopp davon geritten.

Gegen zehn Uhr Morgens spannten die Diener des Don Antonio de Carrera die Pferde vor die Berline, worauf einige Minuten später der Greis erschien.

Er führte eine Dame am Arme, die dergestalt in ihren Schleier und Mantel eingehüllt war, daß man buchstäblich nichts von ihrem Gesicht erkennen, noch die Eleganz ihrer Gestalt errathen konnte.

Sobald die junge Dame bequem in der Berline untergebracht war, wendete sich Don Antonio zu dem Officier, der sich ihm rasch genähert hatte.

»Wir wollen aufbrechen, wenn es Euch recht ist, Herr Lieutenant,« sagte er.

Don Jesus verneigte sich zustimmend.

Die Eskorte schwang sich in den Sattel, der Greis stieg in die Berline, deren Schlag von einem Diener geschlossen wurde, welcher sich darauf an die Seite des Kutschers setzte; vier andere wohl bewaffnete Diener nahmen ihren Platz hinter dem Wagen ein.

»Vorwärts,« rief der Officier.

Die Hälfte der Eskorte bildete die Vorhut, die andere Hälfte die Nachhut; der Kutscher trieb durch Peitschenhiebe seine Pferde an und Wagen und Reiter, in rasendem Galopp davongetragen, verschwanden in einer Staubwolke.

»Gott schütze ihn!« murmelte der Venturo, indem er sich bekreuzte und in seiner Hand zwei Goldunzen klingen ließ, die ihm Don Antonio gegeben hatte; »dieser Greis ist ein würdiger Edelmann; unglücklicher Weise ist Don Jesus bei ihm und ich fürchte sehr, daß seine Begleitung ihm Unheil bringt.«

III.

Die Salteadores.

Inhaltsverzeichnis

So rollte die Berline, von ihrer Escorte umgeben, auf dem Wege nach Orizaba dahin. Aber in geringer Entfernung von dieser Stadt schlug sie einen Seitenweg ein, welcher sich mit dem Wege von Puebla vereinigte, und fuhr, während die beiden Reisenden in eine Unterhaltung vertieft waren, auf die Pässe von Las-Cumbres zu.

Die Dame, welche den Greis begleitete, war ein junges Mädchen von höchstens sechszehn bis siebzehn Jahren; ihre feinen, zarten Züge, ihre blauen Augen, deren lange Wimpern beim Niederblicken einen dunklen Halbkreis auf ihre sammetartigen Wangen zeichneten, ihre gerade Nase mit rosigen Flügeln, ihr kleiner Mund, dessen halbgeöffnete Korallenlippen eine doppelte Perlenreihe zeigte, ihr durch ein Grübchen getheiltes Kinn, ihr bleicher Teint, dessen Weiße noch matter erschien durch die seidenweichen, dunklen Locken, die ihr Gesicht umrahmten und auf ihre Schultern fielen, gaben ihr eine jener seltsamen und sympathischen Physiognomieen, wie sie allein die Aequinoctialländer hervorbringen und die, ohne die Zartheit unserer spröden Schönheiten der kalten Klimate des Nordens zu besitzen, jene unwiderstehliche Anziehungskraft haben, welche uns in der Frau den Engel träumen läßt und nicht allein Liebe, sondern selbst Anbetung hervorruft.

Anmuthig in eine Ecke des Wagens zurückgelehnt, halb in den Falten des Schleiers verborgen, ließ sie mit träumerischem Ausdruck ihre Blicke über die Landschaft schweifen, indem sie nur einsylbig und mit zerstreuter Miene die Reden ihres Vaters beantwortete.

Obwohl der Greis eine gewisse Sicherheit zur Schau trug, so schien er dennoch ziemlich unruhig.

»Sieh, Dolores,« sagte er, »dies Alles ist nicht recht klar; trotz der wiederholten Versicherungen der Häupter der Regierung von Vera-Cruz, und des Schutzes, mit dem sie mich dem Anscheine nach umgeben, habe ich kein Vertrauen zu ihnen.«

»Warum denn nicht, mein Vater?« fragte nachlässig das junge Mädchen.

»Aus tausend Gründen; hauptsächlich weil ich ein Spanier bin, und Du weißt, daß leider in unserer jetzigen Zeit dieser Name ein Grund mehr zu dem Haß der Mexikaner gegen alle Europäer im Allgemeinen ist.«

»Das ist nur zu wahr, mein Vater, aber erlaubt mir eine Frage.«

»Sprich, Dolores, ich höre.«

»Wohlan, ich wünschte, daß Ihr mir den so dringenden Beweggrund mittheiltet, der Euch veranlaßt hat, so plötzlich Vera-Cruz zu verlassen und mich auf dieser Reise mitzunehmen, wo ich Euch doch sonst nie auf Euren Auflügen begleiten durfte.«

»Der Grund ist sehr einfach, mein Kind, ernste Interessen erfordern meine Anwesenheit in Mexiko, wohin ich mich so schnell als möglich begeben muß; anderntheils bewölkt sich der politische Horizont von Tag zu Tage mehr, und so glaubte ich, daß der Aufenthalt in unserer Hacienda-del-Arenal in kurzer Zeit für unsere Familie gefährlich werden könnte. Ich beabsichtige Dich daher in Puebla zu lassen bei unserm Verwandten, Don Louis de Pezal, dessen Pathe Du bist und der Dich sehr liebt, dann nach Arenal zu gehen, Deinen Bruder Melchior zu holen, und diesen mit Dir nach der Hauptstadt zu bringen, wo es uns leicht sein wird, einen wirklichen Schutz zu finden, in dem leider voraus zu sehenden Falle, daß, ich will nicht sagen eine neue Revolution, – denn wir unterliegen derselben schon seit langer Zeit – wohl aber eine Sündfluth losbrechen sollte die plötzlich die constituirte Macht umstoßen würde, um daselbst die von Vera-Cruz einzusetzen.«

»Und Ihr hattet keinen andern Grund als diesen, mein Vater?« fragte das junge Mädchen, sich mit einem leichten Lächeln halb vorbeugend.

»Welchen andern Grund, als den Dir eben angeführten, sollte ich haben, meine liebe Dolores?«

»Ich weiß es nicht, mein Vater, deshalb frage ich Euch.«

»Du bist ein neugieriges Mädchen,« erwiderte er und drohte ihr lachend mit dem Finger, »Du möchtest wohl gern mich zum Geständniß meines Geheimnisses bringen?«

»Es giebt also ein Geheimniß, mein Vater?«

»Es ist möglich, aber jetzt mußt Du Dich begnügen, denn ich werde es Dir nicht sagen.«

»Wirklich, mein Vater?«

»Gewiß, ich gebe Dir mein Wort.«

»Oh! dann bestehe ich nicht weiter darauf; ich weiß nur zu wohl, daß Ihr dann böse werdet und Eure Stirn runzelt, und da ist alles Bitten vergeblich.«

»Du bist thöricht, Dolores.«

»Das ist einerlei; ich hätte so gern wissen mögen, weshalb Ihr einen falschen Namen für diese Reise angenommen habt?«

»Oh! das will ich Dir sagen: mein Name ist zu bekannt als der eines reichen Mannes, als daß ich es wagen sollte, ihn auf Wegen zu tragen, die von Banditen wimmeln.«

»Habt Ihr keinen andern Grund gehabt als diesen?« »Keinen andern, liebes Kind; ich glaube, er ist hinreichend, und die Vorsicht allein mußte mich veranlassen, so zu handeln, wie ich es gethan habe.«

»Mag sein, mein Vater,« antwortete sie kopfschüttelnd und mit schmollender Miene; »aber,« rief sie plötzlich, »blicket hinaus, mein Vater, es scheint mir, als gehe der Wagen langsamer.«

»In der That,« versetzte der Greis, »was bedeutet Das?«

Er ließ das Wagenfenster nieder und blickte hinaus, aber er sah nichts, die Berline war in diesem Augenblicke in den Paß von Las-Cumbres eingefahren und der Weg machte so zahlreiche Biegungen, daß der Blick nicht weiter als fünf und zwanzig bis dreißig Schritt vor oder rückwärts zu dringen vermochte.

Der Greis rief darauf einen der Diener herbei, die dem Wagen unmittelbar folgten.

»Was giebt es denn, Sanchez?« fragte er; »es scheint mir, als führen wir nicht mehr so schnell.«

»In der That, Sennor,« versetzte Sanchez; »seitdem wir die Ebene verlassen haben, kommen wir nicht mehr so rasch vorwärts, ohne daß ich die Ursache davon kenne; die Soldaten unserer Escorte scheinen unruhig zu sein, sie sprechen leise mit einander und schauen unaufhörlich um sich; es ist augenscheinlich, daß sie irgend eine Gefahr befürchten.«

»Sollten die Salteadores[4] oder Guerrillas, welche die Wege unsicher machen, uns angreifen wollen?« sprach der Greis mit schlecht verhehlter Unruhe; »erkundigt Euch doch, Sanchez. Der Ort wäre allerdings zu einem Ueberfall gut gewählt, indessen unsere Escorte ist zahlreich und wofern sie nicht mit den Banditen einverstanden ist, zweifle ich, daß diese es wagen sollten, uns den Weg zu versperren. Seht zu, Sanchez, sucht die Soldaten auszuforschen und stattet uns von Dem, was Ihr gehört, Rapport ab.«

Der Diener verneigte sich, hielt den Zügel an und ließ den Wagen vorüber, dann schickte er sich an, den erhaltenen Auftrag auszuführen.

Aber Sanchez kehrte fast augenblicklich zu der Berline zurück; seine Miene war bestürzt, seine keuchende Stimme kam pfeifend zwischen seinen vor Schreck zusammengepreßten Zähnen hervor, eine leichenartige Blässe bedeckte sein Gesicht.

»Wir sind verloren, mein Gebieter,« murmelte er, indem er sich zu dem Wagenschlag neigte.

»Verloren!« rief der Greis mit nervösem Schauder, indem er einen Blick auf seine vor Entsetzen stumme Tochter warf, – ein Blick, welcher die ganze Leidenschaft der väterlichen Liebe enthielt – »verloren! Ihr seid närrisch, Sanchez, erklärt Euch, um's Himmelwillen.«

»Es ist nicht nöthig, Sennor,« antwortete der arme Tropf stammelnd. »Hier kommt Sennor Don Jesus Dominguez, der Anführer der Escorte, ohne Zweifel will er Euch von Dem in Kenntniß setzen, was vorgeht.«

»Er möge kommen! Bei meiner Seele, eine Gewißheit, so schrecklich sie auch sei, ist besser als solche Angst.«

Der Wagen hatte auf einer Art Plattform von hundert Meter im Quadrat, Halt gemacht; der Greis warf einen raschen Blick hinaus. Die Escorte umgab noch immer die Berline, allein sie schien sich verdoppelt zu haben: anstatt zwanzig Reiter waren es deren vierzig.

Der Reisende begriff, daß er in einen Hinterhalt gefallen, daß jeder Widerstand Wahnsinn sein würde und ihm keine andere Chance blieb, als sich zu unterwerfen. Da er indessen trotz seines Alters noch rüstig, und mit einem entschlossenen Charakter und energischer Seele begabt war, so hielt er sich nicht auf den ersten Stoß für besiegt und beschloß, einen Versuch zu machen, sich so gut als möglich aus seiner schlimmen Lage zu ziehen.

Nachdem er seine Tochter zärtlich geküßt, ihr anempfohlen hatte, ruhig zu bleiben und sich in Nichts, was vorgehen würde, zu mischen, öffnete er den Schlag und sprang ziemlich behend auf den Weg, einen Revolver in jeder Hand.

Obwohl die Soldaten von dieser Handlung überrascht waren, machten sie keine Bewegung um sich gegen ihn zu vertheidigen, sondern standen unbeweglich in Reihe und Glied.

Die vier Diener des Reisenden stellten sich ohne Zögern hinter ihren Herrn, jeder mit einem Carabiner bewaffnet und bereit, auf Befehl ihres Gebieters Feuer zu geben.

Sanchez hatte die Wahrheit gesagt: Don Jesus Dominguez sprengte im Galopp heran; aber er war nicht allein, ein anderer Reiter begleitete ihn.

Dieser war ein untersetzter, dicker Mann, mit finstern Zügen und schielendem Blick, dessen röthliche Hautfarbe ihn für einen Indianer reinster Race erkennen ließ; er trug die reiche Kleidung eines Obristen der regulären Armee.

Der Reisende erkannte sogleich diese unheilverkündende Persönlichkeit als Don Felippe Neri Irzabal, einer der Befehlshaber der Guerrillas der Partei Juarez'; er hatte ihn in Vera-Cruz einige Male gesehen.

Mit einem nervösen Zittern und Schaudern erwartete der Greis die Ankunft der beiden Männer, indessen sobald sie sich nur noch einige Schritte von ihm befanden, war er der Erste, der das Wort ergriff.

»Holla, Caballeros,« rief er ihnen in stolzem Tone zu, »was bedeutet dies, und weshalb nöthigt Ihr mich, auf diese Weise meine Reise zu unterbrechen?«

»Ihr werdet es hören, lieber Herr,« antwortete höhnisch der Guerrillero; »und damit Ihr gleich wißt, woran Ihr Euch zu halten habt, so verhafte ich Euch im Namen des Vaterlandes.«

»Ihr verhaftet mich? Ihr?« rief der Greis, »und mit welchem Recht?«

»Mit welchem Recht?« versetzte der Andere mit einem Unglück verheißenden Hohnlachen, » vive Christo! Ich könnte Euch antworten, wenn es mir beliebte, mit dem größten Rechte und dieser Grund würde völlig entscheidend sein, denke ich.«

»In der That,« entgegnete der Reisende mit scherzender Stimme, »ich vermuthe, das ist das Einzige, was Ihr angeben könnt.«

»Nun, Ihr seid im Irrthum, mein edler Herr; das werde ich nicht angeben, ich verhafte Euch als Spion, des Hochverraths überführt.«

»Geht doch, Sennor Colonel, Ihr seid närrisch, ich ein Spion und Verräther!«

»Sennor, schon seit langer Zeit hat die Regierung des vortrefflichen Herrn Präsidenten Juarez ein Auge auf Euch; Eure Schritte sind überwacht worden, man weiß, aus welchem Grunde Ihr so schleunig Vera-Cruz verlassen habt und zu welchem Zwecke Ihr nach Mexiko geht.«

»Ich begebe mich wegen Handelsgeschäfte nach Mexiko und der Präsident weiß es wohl, weil er selbst meinen Geleitsbrief unterzeichnet und mir zur Begleitung gütigst eine Escorte bewilligt hat, noch bevor ich nöthig hatte, dieselbe von ihm zu erbitten.«

»Alles dies ist wahr, Sennor; unser großmüthiger Präsident, welcher stets strengen Maßregeln abgeneigt ist, wollte Euch nicht verhaften lassen, er zog es aus Rücksicht für Euer weißes Haar vor, Euch die Mittel zur Flucht zu lassen. Aber Euer letzter Verrath hat das Maß voll gemacht und der Präsident hat, sich Gewalt anthuend, die Nothwendigkeit erkannt, ohne Zögern mit Strenge gegen Euch einzuschreiten. Ich bin zu Eurer Verfolgung abgesandt, mit dem Befehl, Euch zu verhaften; diesen Befehl führe ich aus.«

»Und darf ich wissen, welches Verrathes man mich anklagt?«

»Besser als irgend Jemand müßt Ihr, Don Andrès de-la-Cruz, die Beweggründe kennen, welche Euch veranlaßt haben, den Namen eines Don Antonio de Carrera anzunehmen.«

Don Andrès, denn dies war in Wahrheit sein Name, wurde durch diese Eröffnung niedergeschmettert; nicht daß er sich schuldig fühlte, denn der Wechsel des Namens war nur mit Genehmigung des Präsidenten bewirkt worden, aber er war bestürzt über die Falschheit der Leute, welche ihn verhafteten und welche, aus Mangel an bessern Gründen, sich dieses Umstands bedienten und ihn in eine schändliche Schlinge lockten, um sich eines Vermögens zu bemächtigen, nach dem es ihnen seit langer Zeit gelüstete.

Dennoch beherrschte Don Andrès seine Bewegung und sich von Neuem zu dem Guerrillero wendend, sagte er: