Die träumenden Briefe - Günther Junge - E-Book

Die träumenden Briefe E-Book

Günther Junge

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Beschreibung

Die träumenden Briefe stellen den Briefverkehr des Soldaten Eskel Jakobsen mit seinen Eltern über einen Zeitraum von knapp eineinhalb Jahren dar. Durch diese Briefe zieht sich die Hoffnung wie ein roter Faden, dass der Krieg doch endlich zu Ende wäre und man unversehrt die Heimat und seine Liebsten wiedersehen könnte. Doch mehr und mehr wird ihm bewusst, dass die Situation in der er sich befindet schlimmer ist als ursprünglich angenommen. Doch nie hat er es den Eltern gegenüber direkt ausgesprochen, sondern vielmehr versucht, die Lage ihnen zwischen den Zeilen mitzuteilen. Vor allem als es Richtung Ostfront ging. Seine Briefe träumten von einem baldigen Ende des Krieges, um letzten Endes unversehrt nach Hause zu kommen. Leider werden Träume nicht immer wahr.

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Seitenzahl: 191

Veröffentlichungsjahr: 2016

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www.tredition.de

Günther Junge (Herausgeber)

Die träumenden

www.tredition.de

© 2015 Günther Junge (Herausgeber)

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7345-0152-4

Hardcover:

978-3-7345-0153-1

e-Book:

978-3-7345-0154-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Vorwort des Herausgebers

Der Sommer ist Zustand. Es gibt keine bessere Beschreibung für den Sommer. Diese Worte von Max Frisch sind mir in den Sinn gekommen, nachdem ich die Briefe von Eskel Jacobsen zum ersten Mal gelesen habe. Allein diese Worte beschreiben die ausschließliche Akzeptanz des Sommers gegenüber den anderen Jahreszeiten. Alles läuft auf diesen einzigen Zustand hinaus, wobei mit allen Kräften im Wechsel der Jahreszeiten immer wieder versucht wird, diesen Zustand zu erreichen.

Politiker können dem Volk den Sommer nicht nehmen, wohl aber den Frieden. Leider war dies auch in den Wirren des zweiten Weltkrieges der Fall. Der Wahnsinn und Größenwahnsinn des Naziregimes hat der Welt den Frieden genommen und sie in ein blutiges Chaos mit nahezu 70 Millionen Opfern gestürzt. Frieden, der einzig akzeptierbare Zustand war gelöscht, war meistens nur als Funken Hoffnung geblieben.

Beim Lesen der Briefe kann man sich des Gefühls nicht erwehren, die unnachgiebige Hoffnung, den Zustand Frieden wieder zu erreichen, die heimatliche Wohnung der Eltern wieder zu sehen, vor allem das Erlebte so schnell wie möglich vergessen. Der Sommer muss wieder erreicht werden, es kann nur der Frieden akzeptiert werden. Doch zu lange währt die Brieffolge, welche ohne Worte beschreibt, wie sehr man sich doch wünscht, dass der jetzige Zustand doch endlich vorübergehe, dass es endlich Sommer werden würde. Leider ging dieser Wunsch für Eskel Jacobsen nicht in Erfüllung, die Briefe werden Anfang 1945 immer pessimistischer, so dass man als Leser die heraufziehende Katastrophe schon erahnen kann.

Eskel Jacobsen war der Sohn meiner Großtante Maria Jacobsen, der Tante meines Vaters Otto Junge. Zwei Briefe meines Vaters Otto an seine Tante Maria und Onkel Eskel (Vater und Sohn hatten die gleichen Namen) fand ich ebenso unter den vererbten Briefen. Nur zwei Briefe an die Verwandten (da die Eltern zu diesem Zeitpunkt schon lange tot waren), aber unendlich viele Emotionen, die zeigen, dass man den Krieg nicht länger ertragen will. Nach einer schweren Verletzung konnte mein Vater die Heimat wiedersehen und durfte überleben. Im Gegensatz zu meinem Großcousin Eskel, von dem man nicht weiß was genau passierte.

Nach den Briefen meines Vaters schließen sich direkt diejenigen meines Großcousins Eskel an. Zuerst sehr sachlich, immer in der Hoffnung dass alles sehr schnell vorüber sein wird. Die späteren Briefe zeigen dann eher eine ungeschriebene Resignation, ein sich „Fallen lassen“ in das Unabwendbare. Er wollte ja nicht den Eindruck hinterlassen, dass er schon spürte, dass etwas Schlimmes passieren kann, je länger der Krieg dauert.

Letztendlich bleibt nur noch zu sagen, dass dieser schlimmste Fall eingetreten ist. Sehr emotional der letzte Tagebucheintrag von Maria. Bereits wissend, dass so gut wie keine Hoffnung besteht, den Sohn wiederzusehen, versucht sie mit diesen Zeilen das Ganze zu ertragen, um selbst weiterleben zu können.

Ich habe Eskel nie kennenlernen dürfen, wohl aber dann seine Mutter Maria. Als Kind erschien sie mir immer als eine sehr strenge Person. Erst als Erwachsener konnte ich sie besser verstehen. Strenge konnte ich nicht mehr spüren, im Gegenteil, es war eine Traurigkeit, die mit eiserner Disziplin gepaart war. Vielleicht war es gerade diese Kombination aus einem Gemütszustand und einer selbstauferlegten Eigenschaft, welche das Erlebte verkraften, aber auch weiterleben ließ.

Gegenüber mir hatte sie kaum über Eskel gesprochen. Sie wollte das, was sie in ihren Gedanken an den Sohn erinnert, nicht noch weiter in Gesprächen vertiefen und somit den Schmerz vergrößern.

Maria Jacobsen wurde fast 104 Jahre alt, und musste bis zu Ihrem Tode eines der schlimmsten Schicksal ertragen, die Eltern passieren können: der Tod der eigenen Kinder.

Dies ist nur mit allergrößter Selbstdisziplin möglich. Ich glaube, dass ich diese Disziplin zu einem gewissen Teil auch erlernt habe, aber nie diese Perfektion erreichte, wie sie Maria Jacobsen lebte, die Ihren Sohn verloren hat.

Die Briefe ihres Sohnes hat sie immer gut verwahrt, sie hat sie als persönlichstes Andenken betrachtet. Nur ihrer besten Freundin hat sie diese Briefe anvertraut. Ich habe sie erst nach Ihrem Tod erhalten, da ich der letzte lebende Verwandte der Familie bin.

Hochgeehrte Leserin, hochgeehrter Leser, sie werden sich nun fragen, welchen Sinn es macht, diese doch sehr persönlichen Briefe zu veröffentlichen, da das Geschehene nun doch schon mehr als 50 Jahre vergangen ist. 50 Jahre ist ein langer Zeitraum, und mit jedem Jahr gewinnt das Vergessen etwas mehr gegenüber der Erinnerung. Einzig die Dokumentation kann uns die Erinnerung bewahren, wenn in einigen Jahrzehnten kein Bezug zu dieser Zeit mehr besteht.

Ich hoffe nun sehr, dass es mit dieser Veröffentlichung gelungen ist, sich doch etwas in diese Zeit zurück zu versetzen. Das Schicksal Eskel’s soll als Parabel gelten, für die unzähligen, denen das gleiche zugestoßen ist. Nun werden Sie sich noch eine zweite Frage stellen: Darf man ausschließlich zum Zwecke der Dokumentation Briefe veröffentlichen, in welchen sich doch sehr persönliche Gefühle wiederfinden. Diese Frage hat mich natürlich stark beschäftigt. Ich habe die Briefe mehrmals gelesen, und nur sehr wenige Textstellen gestrichen. Das was blieb ist zwar persönlich, zeigt aber doch die Reife eines Zwanzigjährigen, der sich nichts sehnlicher wünscht als nach Hause zu kommen, und dass dieser schreckliche Krieg bald vorüber sein wird. Ja, das wichtigste ist das Ende des Krieges, und keine Siegeshoffnung für Nazideutschland.

Der Krieg ist dann zu Ende gegangen, nicht viel später nachdem keine Briefe mehr von Eskel gekommen sind. So ist es leider für Eskel nie mehr Sommer geworden.

Briefe von Otto Junqe an seine Tante Maria Jacobsen und seinen Onkel Eskel Jakobsen

O.U./7.11.43 (O.U. bedeutet in Feldpostbriefen Ortsunterkunft, da es verboten war, den Standort anzugeben und mitzuteilen; Anmerkung des Hrsg.)

Lieber Onkel Eskel und Tante Maria!

Ihr werdet wohl erstaunt sein, auch von mir einmal Post zu bekommen. Ich weiß nur nicht, ob dieser Brief ankommen wird, weil ich die Adresse nicht weiß. Seit der Katastrophe in Hamburg habe ich leider noch nicht wieder von Familie Jacobsen gehört. Wie anzunehmen ist, wird dort wohl auch alles zerstört sein, genau wie bei uns zu Hause.

Inzwischen habe ich auch meine Dienststelle gewechselt und liege jetzt wieder in Frankreich. Nun möchte ich Euch einmal bitten, mir die Adresse von Irmgard und ihren Eltern mitzuteilen.

Mir geht es auch noch immer gut, was ich von Euch auch hoffen will. Mich hat es in den 4 Kriegsjahren auch schon viel herumgeworfen, und ich habe ganz Europa bereist. Also nun seid bitte so lieb und schreibt einmal wieder, damit ich Bescheid weiß.

Für heute will ich nun schließen, weil für uns gleich Zapfenstreich ist. In der Hoffnung, dass Euch dieser Brief bei bester Gesundheit erreicht, grüßt Euch recht herzlich Otto!

O.U/17.12.43

Lieber Onkel Eskel und Tante Maria!

Gestern bekam ich Euren lieben Brief und will gleich daran gehen und denselben beantworten. Habt recht vielen Dank dafür, ich habe mich wirklich gefreut, dass Ihr so bald wieder geschrieben habt.

Ihr wollt nun gern einmal wissen, wo ich liege, aber eigentlich darf ich es ja nicht schreiben. Die Spionage ist zu groß. Also, in der Nähe von Eskel liege ich nicht, denn mein Standort liegt im Süden von Frankreich, und zwar in der Nähe des kleinen Städtchens Châteauroux (Stadt in Zentralfrankreich im Département Indre; Anmerkung des Hrsg.). Es ist südlich von Orleans. Es liegt im ehemaligen unbesetzten Gebiet, und die Bevölkerung ist ziemlich arm. An der Atlantikküste habe ich auch bald ein halbes Jahr lang gelegen. Aber mir gefällt es im ganzen Franzosenland nicht, und am liebsten bin ich in Deutschland.

Mit Kaffee wird es wohl nun auch nichts werden, denn die Kreditscheine haben in ganz Frankreich die Gültigkeit verloren. So konnte man immer noch allerhand zu guten Preisen kaufen, aber nun ist es aus, und das bisschen Geld, was man als Wehrsold bekommt, geht so auf zum Leben. Zu dem Bild habe ich mich natürlich gefreut, und ich habe Euch auch noch so in der Erinnerung. Viel verändert habt Ihr Euch nicht, nur dass Eskel grösser geworden ist. Es ist nun wohl bald 10 Jahre her, dass wir uns nicht mehr gesehen haben. Die Jahre sind vergangen wie im Fluge, und mein Vater ist auch schon wieder 10 Jahre tot. Ich habe mich, seitdem meine Mutter tot ist, auch nicht mehr recht wohl gefühlt im Hause und habe mich daher auch bei Kriegsausbruch sofort zu den Soldaten gemeldet. Mein Stiefvater heiratete nun dann auch noch ein zweites Mal, und ich wurde nur noch überflüssiger. Jetzt bin ich so ziemlich ganz auseinander mit ihm, und es wird wohl auch so bleiben. Ich bin jetzt alt genug, dass ich meine eigenen Wege gehen kann und werde das auch machen. Erben werde ich von meiner Mutter Seite her doch nichts, weil ich erst als Nacherbe von meinem Stiefvater eingesetzt bin, und bis dahin kann schon alles weg sein. Im Moment ist ja sowieso alles vernichtet und dem Erdboden gleichgemacht. Das einzige, was ich noch so besitze, ist das Geld von Großvater und die goldene Uhr von meinem Vater.

Nun könnt Ihr einmal sehen, wie es mir in der Zwischenzeit ergangen ist. Nun steht abermals ein Weihnachtsfest vor der Tür, und es ist das vierte, das ich in fremdem Land verlebe. Ich wäre ja ganz gern einmal wieder in Deutschland gewesen, aber bei den Soldaten gibt es eben nur gehorchen, und man muss sich in alles fügen. Ich kann ja immer noch froh sein, dass ich nicht mehr im Osten bin, denn die Soldaten im Osten haben es doch noch trostloser und schlechter. Im Januar komme ich sehr wahrscheinlich auf Urlaub und werde Euch einmal besuchen kommen. Aber Bestimmtes kann man nie zusagen, denn bei uns ändert sich die Lage von heute auf morgen, und es kann immer noch wieder eine Urlaubssperre eintreten. Nun will ich schließen, in der Hoffnung, recht bald mal wieder etwas von Euch zu hören.

Viele Grüße und ein recht gesundes und frohes Weihnachtsfest wünscht Euch Euer Otto

Briefe von Eskel Jacobsen an seine Eltern aus dem Jahre 1943

Graudenz/19.4.1943 (Graudenz ist eine Stadt in Westpreußen, im heutigen Polen; Anmerkung des Hrsg.).

Liebe Eltern,

unsere halbe Stube wird gerade eingekleidet, so dass die übrigen, die schon ihre Klamotten empfangen haben, Zeit haben für Bettenbau und andere Dinge. Ich will Euch nun, so gut es geht, der Reihe nach meine bisherige Zeit im R.A.D. erzählen. Aus dem Zuge hörtet Ihr schon, dass ich dort die meiste Zeit mit Kartenspielen zubrachte. Nur die wenigen Stunden, da ich zu schlafen versuchte, waren fürchterlich. Ich saß auf einer kurzen Bank in einem Eilzugwagen, und es war natürlich sehr hart. Einmal versuchte ich, im Gepäcknetz zu schlafen, leider verbog das Ding dermaßen, dass ich es vorzog, wieder meinen harten Platz auf der Bank einzunehmen. Bis Bromberg fuhren wir im Sonderzug; wir kamen dort gegen 12.00 mittags an. Dann ging die Klüngelei los, die mit einem zweistündigen Aufenthalt begann. Auf dem Wege nach Graudenzstiegen wir dann nochmal um und kamen dort endlich gegen 5.00 nachmittags an. Im. Lager wurden wir sofort auf die Stuben verteilt, empfingen Essgeschirr und eine warme Suppe und wurden dann ins Bett geschickt. Nach der auf der Eisenbahn verbrachten Nacht schlief ich wundervoll und wurde am nächsten Morgen um 5.30 sehr unsanft durch die Pfeife des Vormannes geweckt. Dann ging es mit der üblichen Heize los: Waschen, anziehen, Betten bauen, Stube fegen und schließlich Frühstück. Am Tage ereignete sich nichts von Bedeutung. Wir wurden langsam an den Betrieb liier gewöhnt. Gehen ist grundsätzlich verboten; der Laufschritt ist die langsamste Gangart. Gestern wurden wir eingekleidet; wenn Ihr mich sehen würdet. Meine Hose ist noch enger als die von Bahlmann, Und dann besteht sie nur aus Flicken, Meine Jacke geht. Nur die Stiefel machen mir Sorgen. Ich habe keine Stiefelbänder und bitte Euch deshalb, mir schwarze zu schicken. Auch bitte ich um mein letztes Paar Socken und Briefmarken. Wir haben nur Fußlappen bekommen, und ich habe keine Lust, sie zu tragen. Mit unseren Vorgesetzten haben wir viel Glück. Unser Vormann und Zugführer waren bisher sehr gemütlich. Es sind beides Hamburger. Am Mittwoch beginnt erst der eigentliche Dienst, dann wird es wohl etwas anders hergehen. Fast vergaß ich, dass ich meine Hosenträger brauche. Da ich noch nicht weiß, wie lange die Post dauert, ist es vielleicht schon der Osterbrief. Ich wünsche Euch deshalb ein recht frohes Osterfest.

Unterbrechung. Wir haben heute schon Dienstag, und ich hoffe, dass ich den Brief endgültig vollenden kann. Von gestern Vormittag bis jetzt waren wir so beschäftigt, dass ich unmöglich Zeit hatte, noch dazu, da wir jeden Abend schon um 21.00 im Bett sein müssen.

Pause. Heute Vormittag wurde ich wieder gestört, und lange wird die Freude jetzt auch nicht dauern, denn es ist schon 20.00. Aber morgen stecke ich den Brief ein, damit ihr Ostern bestimmt Post habt. Heute sind wir untersucht worden, und morgen sollen wir unsere gute Uniform haben. Gleichzeitig beginnt auch der Außendienst. Ich fürchte, es gibt Zunder. Jetzt müssen wir immer, wenn wir auf der Stube sind, Stubendienst machen. Heute erhielten wir Löhnung - 25 Pf. Pro Tag. Zigaretten haben wir bis jetzt noch nicht bekommen.

Wenn ihr kommt, dann … bitte. Außerdem könnte ich sehr gut noch einen Beutel gebrauchen.

Nun nochmals herzliche Ostergrüße von Eurem Eskel.

Grüßt bitte alle Bekannten und sagt, dass ich bis jetzt wenig Zeit habe.

Graudenz/22.4.1943

Liebe Eltern,

es war wirklich eine Überraschung gestern, als ich euer liebes Päckchen bekam. Ich hatte vor Sonntag nicht mit Post gerechnet. Also habt beide vielen herzlichen Dank dafür. Ich habe mich gewundert, wie schnell die Post gegangen ist. Die Bilder sind prima. Ich kann mir gar nicht vorsteilen, dass ich so ausgesehen habe. Hier verlottert man total; kein warmes Wasser zum Händereinigen. Naja. Zu Ostern habe ich außer Adri niemandem geschrieben, es fehlt mir an Briefmarken und geeignetem Schreibmaterial, dass ich absolut keine Zeit habe, lange Briefe zu verfassen. Wenn es möglich ist, schickt mir bitte einige Briefkarten her. Das ist so das richtige Format. Ansichtskarten gab es hier bislang noch nicht zu kaufen. Es ist wirklich ein Krampf. Grüßt bitte die Niendorfer Obendorfs, Frau Kampermann und Meyers von mir recht herzlich und berichtet Lilien von meiner Not. In die Stadt kommen wir noch lange nicht. Mittwoch hat der Außendienst begonnen, und wir stecken noch in der ersten Grundausbildung. Man macht uns gehörig Dampf. In der letzten Nacht mussten wir raus und einige fürs Vaterland machen, da die Stube nicht gefegt war. Dabei ist die Zeit ewig knapp; das ist überhaupt das größte Übel: immer mit avec, morgens, mittags und abends. Aber man gewöhnt sich daran, morgens 5.30 wird man unsanft geweckt: raustreten, Frühsport. Dann im Eiltempo waschen, anziehen, Betten bauen und sonstige Dienste. Danach gibt’s Frühstück - 40 g Butter für abends mit, und Brot ausreichend. Dann beginnt (Blatt 2 fehlt)

Graudenz/29.4.1943

Liebe Eltern,

am 23. Erhielt ich dankend Euren lieben Brief vom 21.4. Ich wollte noch auf das Paket warten, um Euch zu schreiben, da das Päckchen so schnell angekommen war. Aber es heißt, dass unsere Pakete auf der Post liegen und nur nicht vom Lager abgeholt werden. Das M.P. ist alle. Es hat einfach wunderbar geschmeckt. Ein Hochgenuss. Ich warte jetzt natürlich sehnlichst auf das Paket. Denn bei unserer Massenkost wird dein Kuchen ja eine unbezahlbare Delikatesse sein. Na, ich hoffe noch. Heute sind wir zum 2.ten Male geimpft worden. Morgen kriecht dann alles herum. Raucherkarten haben wir immer noch nicht. Ich sitze schon lange trocken. Ostern bekamen wir Apfelsinen. Ich habe die Hälfte davon gegen Zigaretten vertauscht, um jedenfalls etwas zum Rauchen zu haben. Ostern habe ich so verbracht, als ob es überhaupt kein Ostern war. Am Ostermontag fiel ich auf und musste mit noch einigen Leidensgenossen den Abort leeren, da er überlief. Eine Sauarbeit, wie Ihr Euch ja vorstellen könnt. Langsam beginnt der Dienst. Man macht uns gehörig Dampf, besonders bei Stubenabnahme. Wir müssen dann raus, wieder anziehen, Betten bauen, Stube fegen und dann draußen antreten. Danach geht es dann wieder in die Betten. Und das wiederholt sich dann. Spaten haben wir auch empfangen und sind gerade heute mit Griffen angefangen. Na, das wird noch Zunder geben. Was mir auffällt, sind die vielen politischen Schulungen.

Wir haben mehr Innen- als Außendienst. Teilweise kommt mir der Verein höchst lächerlich vor. Arbeitsunterricht mit dem Spaten, Hacke und so weiter. Interessiert mich nicht im Geringsten. Bei allem (Blatt 2 fehlt)

Graudenz/2.5.1943

Liebe Eltern,

gestern bekam ich die Münchener, wofür ich Euch recht herzlich danke. Wir haben zwei herrliche Tage hinter uns, so dass ich Euch einiges berichten kann. Gestern, am Sonnabend, fand um 9.00 morgens die Vereidigung statt. Ich fand, es war eine reine Formsache. Irgendetwas Tiefes habe ich nicht empfunden, aber das mag daher kommen, dass ich nicht recht weiß, wofür ich im R.A.D. bin. Aber mir geht es absolut nicht allein so. Für uns war die Hauptsache, dass nachmittags dienstfrei war. Um 13.30 war Urlauberappell, und anschließend ging es zum ersten Male allein hinaus. Ich muss sagen, ich finde es sehr früh, dass wir jetzt schon hinauskommen und noch dazu ohne Vormann. Mit einem Abiturienten, der auch auf unserer Bude schläft, ging ich in die Stadt. Wir haben uns sehr schnell angefreundet und haben in vielen Dingen gleiche Anschauungen. Auch was z.B. den Verkehr mit Mädchen hier betrifft .Finger weg, los ist nichts damit. Er hat schon sein Abitur gemacht, noch friedensmäßig sogar. Zunächst gingen wir an der Weichsel entlang nach geradeaus. Es war ein herrlicher Weg. Die Weichsel fließt hier in einem Urstromtal, und man hat vom Steilufer einen herrlichen Blick über das Land. Die Weichsel selbst ist in einem völlig verwahrlosten Zustande. Überall liegen große Sandbänke mitten im Strombett. Man sieht wirklich die Polenwirtschaft daran. In der Stadt war gerade ein Jahrmarkt, ich glaube, um den ersten Mai zu feiern. Den besuchten wir. Das heißt, wir gingen einmal hindurch. Danach kehrten wir mit der Straßenbahn ins Lager zurück. Die Bahn hier ist noch schlimmer als die in Lübeck. Man muss stets befürchten, dass sie aus den Schienen springt. Und dabei fährt sie so langsam, dass man nebenher laufen kann. Leider hatten wir noch keine Ausgehuniform, so dass wir in unseren alten Klamotten ausgehen mussten. - Pause. - Dienstag.

Sonntag war es schon so spät, dass ich den Brief nicht mehr vollenden konnte, und am Montag hatte ich nicht eine Minute Zeit zum Schreiben. Nun will ich heute den Bericht fortsetzen.

Die Tinte geht mir auch aus, also Tintenstift. Den Rest des Sonnabends verbrachten wir damit, die nähere Umgebung des Lagers kennenzulernen. Graudenz ist eine Festung, und nicht weit von befinden sich gesprengte Bunker und Forts, die wir besuchten. Am Weichselufer mit einem herrlichen Blick über das ganze Land erlebten wir den Sonnenuntergang, Damit war der erste Urlaub hinter uns. Am Sonntag gingen wir nach dem Appell wieder in die Stadt und besuchten den Rummel etwas ausführlicher. Danach ging’s heim; ich begann den Brief, und dann war es schon so weit. Am Montag hatten wir abends Dienst, und ich konnte mir nicht einmal die Füße waschen. Heute allerdings schoben wir eine sehr ruhige Tour. Mit fünf Mann wurden wir abkommandiert, Schotter zu fahren. Wir haben uns prima gesonnt, so dass ich im Gesicht ziemlich verbrannt bin. Heute Abend aber erkannte ich folgendes: Der R.A.D. ist eine Organisation, die auf Beschiss aufgebaut ist, angefangen von den 25 Pf. Reinverdienst. Heute Abend sollte ein Arienabend in Graudenz (Blatt 3 fehlt)

Graudenz/4.5.1943

Liebe Eltern,

heute Abend nur einen ganzen kurzen Gruß. Gestern mit vielem Dank Brief erhalten. Endlich ein Lebenszeichen von Euch. Wir sind die ganze Woche als Arbeitsdienst eingesetzt. Morgens 6.00 Abmarsch, Rückkehr gegen 8.30. Dann ist noch so viel zu tun, dass man zu nichts kommt. Morgen schreibe ich ausführlich.

Herzliche Grüße und tausend Dank Euer Eskel.43-05-07

Graudenz/7.5.1943

Liebe Eltern,

gestern erhielt ich mit vielem Dank Muttis Karte und die beiden Päckchen. Entschuldigt bitte, dass ich Euch so lange auf Post warten ließ. Aber lange Briefe an Bekannte verfasse ich nicht, nur Fasts und Adri habe ich bisher außer Euch einen Brief geschrieben. Nun habt aber vielen Dank für die Päckchen. Es ist aber doch ein Gefühl, wieder einmal Kuchen zu essen. Und dann noch Marzipan. Es war einfach ein Hochgenuss. Und vor allem die Zigaretten. Endlich mal wieder rauchen. Die Zigaretten müssen so oft als Ersatz für das 2te Frühstück dienen, da die Zeit immer sehr kurz ist und die 40 g Butter pro Tag noch schneller verschwinden. Das Essen ist weiter gleichbleibend. Nur die Marmelade ist ewig knapp. Es ist ein dauernder Futtereid an unserem Tisch, so dass die letzten nur noch sehr wenig oder keine Marmelade bekommen. Wir sind schon dazu gekommen, dass wir wöchentlich die Plätze wechseln, damit jeder einmal drankommt. Aber sonst hat die Kameradschaft nicht gelitten. Es ist in den letzten Tagen sehr warm geworden, und da wir gestern zum 3ten Male geimpft wurden, ist es nicht gerade angenehm. Der Dienst ist jetzt etwas verschärft worden. Es geht nur im Laufschritt. Heute Nachmittag werden wir „hinlegen“ üben, ich sehe schwarz. Unser Urlaub für Sonnabend und Sonntag ist auch in Gefahr. Aber wir haben Extrauniformen bekommen, das ist immerhin schon etwas. Die Hosen sind fabrikneu und haben einen prima Schnitt. Man kann sich jedenfalls damit sehen lassen. Wenn wir Sonnabend Urlaub bekommen, gehe ich in einem See baden. Es ist wirklich eine drückende Hitze. Und man darf nicht einen gehenden Schritt außerhalb der Bude tun, wenn man nicht Honig schleudern oder im Bunker sitzen will. Der Ordnungsdienst besteht zum größten Teil aus Griffe klopfen mit dem Spaten. Das ist die ruhigste Beschäftigung, das klingt paradox, aber es ist so.-

Unsere Raucherkarte ist immer noch nicht eingetroffen. Nach Euren Zigaretten sitze ich wieder blank. Ich finde, das ist eine ziemlich schlechte Organisation. Und dann habe ich noch eine Bitte. Könnt ihr mir vielleicht ein paar Kuchenmarken schicken, damit ich sonntags mal ins Kaffee gehen kann. Einstweilen nochmals recht herzlichen Dank für die beiden Päckchen und viele Grüße von Eurem Eskel.

Graudenz/9.5.1943

Liebe Eltern,