Beschreibung

Aufregung in den Kreisen der besseren Gesellschaft von St. Hampton Heath. Alle schwärmen für den zurückgekehrten Earl of Hawkesbury - alle außer Lavinia Ellison. Die Pfarrerstochter ist überzeugt, dass Nicholas Stamford genauso arrogant und rücksichtlos ist wie sein Bruder. Nicholas Stamfords Leben wird dagegen von starken Schuldgefühlen überschattet. Als er auf die starrköpfige, leidenschaftliche Lavinia trifft, muss er sich dem Schmerz seiner Vergangenheit stellen. Wird Lavinia ihre Vorurteile überwinden und werden die beiden trotz der Standesunterschiede zusammen finden?

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SCM Hänssler ist ein Imprint der SCM Verlagsgruppe, die zur Stiftung ChristlicheMedien gehört, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung undVerbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Die Personen und die Handlung des Werkes sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeitenmit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

ISBN 978-3-7751-7437-4 (E-Book)ISBN 978-3-7751-5855-8 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book:Satz & Medien Wieser, Stolberg

© der deutschen Ausgabe 2019SCM Hänssler in der SCM Verlagsgruppe GmbHMax-Eyth-Straße 41 · 71088 HolzgerlingenInternet: www.scm-haenssler.de · E-Mail: [email protected]

Originally published in English under the title: The Elusive Miss EllisonThe Elusive Miss Ellison by Carolyn Miller © 2017. Originally published in the USAby Kregel Publications, Grand Rapids, Michigan. Translated and printed bypermission. All rights reserved.

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:Neues Leben. Die Bibel, ©der deutschen Ausgabe 2002 und 2006SCMR.Brockhausin der SCM Verlagsgruppe GmbH Witten/Holzgerlingen.Übersetzung: SuNSiDe, ReutlingenUmschlaggestaltung: Sarah Kaufmann, SCM Verlagsgruppe GmbH, WittenTitelbild: © Victoria Davies / Trevillion Images; © Jenny CollisonSatz: Satz & Medien Wieser, Stolberg

Inhalt

Über die Autorin

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Dank

Leseempfehlungen

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Über die Autorin

Carolyn Miller lebt in New South Wales in Australien. Sie ist verheiratet, hat vier Kinder und liebt es, zu lesen und Bücher zu schreiben. Ihre Romane handeln von Vergebung, Liebe und anderen Herausforderungen. Carolyns Lieblingsautorin ist natürlich Jane Austen.

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Kapitel 1

St. Hampton HeathGloucestershire, EnglandJuni 1813

»Livvie! Was tust du denn da?«

Lavinia Ellison legte die Hacke beiseite, wischte sich den Schweiß von der Stirn und lächelte zu ihrer Freundin hoch: »Guten Morgen, Sophy.«

»Äh – ja – guten Morgen.« Sophia Milton blickte naserümpfend auf das Ergebnis von Lavinias Mühen: einen wahren Berg von Unkraut. »Wo ist denn Albert? Er ist doch dafür verantwortlich, den Garten zu pflegen. Mama würde mir jedenfalls niemals erlauben, eine solche Arbeit zu verrichten, und schon gar nicht ohne Hut …«

»Albert ist bei unserer alten Jerseykuh Sally; es geht ihr in letzter Zeit nicht so besonders.« Der Frage nach der Erlaubnis wich sie bewusst aus. Und war es nicht so, dass weder Papas Predigtvorbereitung noch Tante Patiences Sonntagsschulunterricht eine Unterbrechung duldeten, jedenfalls nicht wegen einer solchen Kleinigkeit wie ein bisschen Unkrautjäten?

»Ach – wie bedauerlich!«

Lavinia nickte und klopfte sich den Staub von den Röcken. Sallys Zustand war nicht nur für ihre eigene Familie höchst misslich, sondern auch für die ärmeren Familien des ganzen Dorfes, für die die reichliche Milchproduktion der Kuh ein Segen war. Doch Gott würde es schon richten. Und wenn nicht, dann würde eben sie, Lavinia, eine Lösung finden. Sie schob den Anflug von Sorgen beiseite und ging vor Sophy her zurück ins Haus, wo sie sich rasch ein wenig säuberte, bevor sie ihren Gast ins Morgenzimmer bat. Dort nahm sie ihre Stickerei zur Hand und sagte freundlich: »Nun erzähl: Was führt dich an diesem wundervollen Sommertag zu mir?«

»O Livvie! Du errätst nicht, wer morgen kommt!«

Lavinia blickte in die weit aufgerissenen blauen Augen ihrer Freundin und verbiss sich ein Lächeln. Sophia Milton war berüchtigt für ihre Überschwänglichkeit. »Da hast du recht. Sag es mir einfach.«

»Vater hat gehört, dass der neue Graf die Einladung zu unserem Musikfest angenommen hat!«

Der neue Graf. Lavinia schnürte es plötzlich die Brust zusammen.

Sophia seufzte. »Ich habe ihn kurz gesehen, als er gestern Papa besuchte. Er sieht so unglaublich gut aus! Groß gewachsen und mit dunklen Haaren …«

Schön und gut, doch die einnehmende äußere Erscheinung war nichts wert, wenn sie nicht mit einem guten Charakter und guten Werken einherging. Rasch verscheuchte Lavinia diesen unfreundlichen Gedanken, nickte höflich und widmete sich ihrer wie immer restlos frustrierenden Stickarbeit. Währenddessen fuhr ihre Besucherin fort, die Vorzüge des Grafen aufzuzählen. Warum Tante Patience darauf bestand, dass Lavinia sich mit Stickarbeiten befasste, war ihr unbegreiflich. Die Liste der Fertigkeiten, die junge Damen der Gesellschaft beherrschen mussten, war geradezu lächerlich lang, zumal an die jungen Herren nicht annähernd so viele Anforderungen gestellt wurden.

Als Sophia schließlich verstummte, um Luft zu holen, murmelte Lavinia: »Deine Mutter muss sehr glücklich sein.«

»O ja! Und Papa auch.«

Dass der Gutsherr sich freute, glaubte Lavinia sofort. Der zweitgrößte Grundbesitzer der Gegend war mit einer Frau verheiratet, deren gesellschaftliche Ambitionen das keineswegs unerhebliche Einkommen der Familie bei Weitem übertrafen. Dabei würde sich eine Auszeichnung wie der Besuch des Grafen als höchst vorteilhaft erweisen. Lavinia runzelte die Stirn, als sie sah, dass sie bei ihrer Stickerei soeben einen winzigen Fehler gemacht hatte. Warum konnte das Nähen ihr nur nicht solche Freude machen und so leichtfallen wie die Musik? Sie unterdrückte einen Seufzer und blickte auf.

Sophias Lächeln war erloschen. »Aber dann hat Mutter gehört, dass er ein Schürzenjäger sein soll. Wir sollten also auf der Hut sein.«

»Ich glaube kaum, dass ich auf der Hut sein muss. Da muss sich das hübscheste Mädchen in Gloucestershire ganz bestimmt besser vorsehen als ich, nicht seine Aufmerksamkeit zu wecken.« Lavinia betrachtete neidlos die kunstvoll frisierten blonden Locken ihrer Besucherin, ihre zartrosa glühenden Wangen und ihr neues, mit blassblauen Blumen besticktes Musselinkleid. Lady Milton mochte ihre Schwächen haben, doch ihre Tochter unvorteilhaft zu kleiden, gehörte nicht dazu.

»Livvie, du scheinst dich ja gar nicht zu freuen.«

»Du solltest eigentlich wissen, dass es nicht meine Art ist, mich für jemanden zu begeistern, den ich gar nicht kenne. Aber wenn ich ihm begegne – falls er sich tatsächlich herablässt zu kommen –, werde ich mir dir zuliebe Mühe geben, begeistert zu wirken. Bist du damit zufrieden?«

Sophia lachte. »Musst du immer solchen Unsinn reden?«

»Ich fürchte, ja, und sei es nur, um eine banale, langweilige Unterhaltung ein wenig aufzulockern.«

Das junge Mädchen zog plötzlich die Brauen zusammen. »O nein!«

»Was ist denn?«

»Wenn der Graf wirklich kommt – was soll ich dann nur anziehen?«

Bald darauf verließ Sophia – in einer Wolke von Musselin und Entzücken – das Haus. Lavinia öffnete das Fenster, atmete tief den köstlichen Duft der letzten Fliederblüten ein, legte die ungeliebte Stickarbeit beiseite und nahm ihren Skizzenblock zur Hand. Sie versuchte, den farbenprächtigen Regenbogen der Stiefmütterchen einzufangen, der sich über die Steinmauer ergoss, die den Garten umgab. Gleichzeitig dachte sie an den verstorbenen Grafen von Hawkesbury.

Lord Robert war ein ebenso gütiger Mann gewesen wie ihr Vater: großzügig, voller Interesse für seine Mitmenschen, stets auf das Wohlergehen seiner Pächter und des ganzen Dorfes St. Hampton Heath bedacht. Ein herzensguter Mensch. Sein Tod vor zwei Jahren schien der Auslöser für eine ganze Reihe von Familientragödien gewesen zu sein. George, sein jüngerer Bruder, war an der Grippe gestorben. Er hatte erst sechs Monate zuvor den Titel geerbt. Ein knappes Jahr später – sein jüngerer Sohn kämpfte damals im spanischen Unabhängigkeitskrieg – kam Georges älterer Sohn James bei einem Jagdunfall ums Leben. Lavinias Finger verkrampften sich. Bei diesem Todesfall konnte sie nicht einmal so tun, als trauerte sie.

Ein braun-weißes Fellknäuel hüpfte durch das offene Fenster ins Zimmer herein. Mickey bellte und sprang Lavinia auf den Schoß, als spürte er ihre Unruhe. Sie drückte ihn an sich; dabei fielen ihre Zeichenstifte herunter und rollten über den Fußboden. Vielleicht hatten Sophia und ihre Eltern ja recht, sich über den neuen Nachbarn zu freuen.

In letzter Zeit wirkte Hampton Hall manchmal ein wenig vernachlässigt – was allerdings in erster Linie daran lag, dass der Verwalter sich kaum Mühe gab, das Anwesen in Ordnung zu halten. Darüber hinaus bedeutete die längere Abwesenheit der Familie, dass die kleinen Dinge, um die sich Lord Robert früher gekümmert hatte, nun völlig unterblieben. Niemand sorgte sich zum Beispiel um die Reparaturen der Cottagedächer und die alljährlich zusammengestellten Spendenkörbe für die Armen – Dinge, die den im Leben weniger Begünstigten viel bedeuteten.

»Wenn der neue Graf seinen Verpflichtungen nachkommt, könnte er sich tatsächlich als ein Segen erweisen, Mickey.«

Der Hund bellte zustimmend, dann entzog er sich ihr und sprang durch das offene Fenster wieder in das dichte Gestrüpp des Rosengartens hinaus. Nachher, wenn Papa und Tante Patience fort waren und es ihr nicht verbieten konnten, würde sie sich wieder ans Jäten machen.

Lavinia widmete sich erneut ihrem Skizzenblock und versuchte, das purpurne Herz eines Stiefmütterchens abzubilden.

Schließlich kündigte das Rascheln von Röcken die Ankunft ihrer Tante an. »Die kleine Sophia hofft also, sich einen Hawkesbury zu angeln?«

»Ich glaube nicht, dass Sophy auf eine solche Idee käme – Lady Milton allerdings wohl schon.«

Die tiefblauen Augen ihrer Tante leuchteten animiert auf. In den letzten vierzehn Jahren hatte Lavinia viel von dieser unabhängigen, klugen Frau gelernt, doch nach wie vor konnte sie es manchmal kaum glauben, dass Patience West tatsächlich Mamas Schwester war. Mama hatte den richtigen Namen getragen: Grace. Ihr ganzes Wesen und Tun, von ihrer lieblichen Stimme und ihren liebenswerten Eigenheiten bis zu ihrem Mitgefühl für andere, war von Anmut bestimmt gewesen. Patiences unverblümte, praktische Art war ein ebenso großer Gegensatz zum Wesen ihrer Schwester wie ihr dunkles Haar, das sich so auffällig von Graces – und Lavinias – Blondheit unterschied.

»Diese Frau täte besser daran, ihren Töchtern ein paar nützliche Fertigkeiten beizubringen, statt ihnen lauter Firlefanz und hohle Träume in den Kopf zu setzen.« Tante Patience strich ihr strenges graues Kleid glatt, das sehr dem ähnelte, das auch Lavinia trug.

Lavinia deutete auf die achtlos beiseitegelegte Stickarbeit. »Nützliche Fertigkeiten?«

Ein dünnes Lächeln trat auf die Lippen ihrer Tante. »Eines Tages, mein liebes Mädchen, wirst du erkennen, dass nicht jede lohnenswerte Mühe so unterhaltsam ist, wie Briefe an die Times zu schreiben.«

Lavinia dachte an die letzten Wochen, in denen sie versucht hatte, zwei armen Pächterfamilien Trost zu spenden – eine Mühe, die sehr viel lohnenswerter war als jede Stickarbeit und dennoch alles andere als angenehm: der säuerliche Geruch von Krankheit, kaum gemildert vom Aroma des kräftigen Fleischeintopfs, den sie mitgebracht hatte; dunkle, feuchte Cottages, erfüllt von einer frostigen Kälte, die kein Feuer je vertreiben konnte; die traurige Verzweiflung in den Augen kleiner Kinder, die damit zu rechnen schienen, dass ihre Mutter bald sterben würde. Der alte Schmerz stieg in Lavinia auf, Tränen traten ihr in die Augen. Sie blinzelte sie fort. Der Graf musste ihnen einfach helfen – er musste.

Ihre Tante tätschelte ihr den Arm. »Lohnenswerte Mühen sind meist alles andere als erfreulich oder unterhaltsam.«

Lavinia nickte. Gute Taten dienten nicht dem persönlichen Vergnügen, sondern sollten Gott gefallen: Kranke besuchen, sich bestimmte Bemerkungen verkneifen, nicht neidisch sein, den Feinden vergeben.

Und zulassen, dass die Vergangenheit auf dem Friedhof begraben blieb.

Der siebte Graf von Hawkesbury richtete sich im Sattel auf. Es war Juni. Vor ihm erstreckten sich die goldfarbenen Felder mit der Gerste, die in der Sonne gereift war. Ein leichter Wind strich über die Heckenlandschaft; dabei stieg ihm der Duft frisch umgepflügter Erde in die Nase. In der Ferne lag das friedliche St. Hampton Heath, bewacht von der aus grauem Stein erbauten Kirche. Es war eine ländliche Idylle, doch der Friede, den sie ausströmte, konnte die Spannung, die sein Herz erfüllte, nicht lindern.

Vierzehn Jahre lag der Unglückstag nun zurück. Vierzehn Jahre – angefüllt mit Studien, Reisen und dann dem Krieg. Bei dem Gedanken daran stand ihm augenblicklich wieder der Schweiß auf der Stirn, genau wie beim ersten Mal, als er Kanonendonner gehört hatte. Er wischte den feuchten Film weg und zwang sich, ruhig zu bleiben und sein Pferd nicht zu wenden und nach Hause zu fliehen.

Midnight schnaubte, dann stampfte er mit den Hufen und schlug unwillig mit dem Kopf.

Nicholas klopfte seinem Pferd beruhigend den Hals. »Schon gut, mein Junge. So schlimm wie Burgos kann es hier gar nicht sein.«

Das große Pferd wieherte leise, als erinnerte es sich tatsächlich an den chaotischen Rückzug der alliierten Truppen aus jener spanischen Festung inmitten von Regen und eisiger Kälte.

Der Graf biss die Zähne zusammen. Zu viele gute Männer waren in diesem Feldzug gestorben oder in Gefangenschaft geraten, damals, als er einfach nur Captain Stamford gewesen war. Im Stillen dankte er welchen Göttern auch immer für sein Pferd, dessen Treue ihn nach Ciudad Rodrigo in Sicherheit gebracht hatte. Zärtlich strich er über die glänzende Mähne.

Midnight senkte den Kopf und rupfte ein wenig von dem jungen Gras.

»Wenigstens haben wir jetzt genug zu essen, nicht wahr, mein Junge?«

Midnights Ohren zuckten. Keine französische Kavallerie hatte ihnen so schlimm zugesetzt wie der Hunger, dessen Stiche tiefer gingen als die Schusswunde in Nicholas’ Schenkel.

Nein, das Einzige, was ihm jetzt noch zusetzte, war sein Gewissen. Er schüttelte die Erinnerungen ab und straffte die Schultern. »Wollen wir hoffen, dass wir die Mission ebenso mit Anstand durchstehen wie die erste, was meinst du?«

Doch er hatte wenig Hoffnung. Nachdem er sich durch den Papierberg gearbeitet hatte, der auf dem Schreibtisch seines Verwalters lag, galt sein erster Besuch dem Gutsherrn, einem Baronet. Sir Anthonys Entzücken über sein unerwartetes Erscheinen war allenfalls noch übertroffen worden von dem begeisterten Überschwang, mit dem er ihn zu einer für die hiesige Gesellschaft offenbar äußerst wichtigen Abendveranstaltung eingeladen hatte – was unwillkürlich Überlegungen in ihm aufsteigen ließ, wie viele unverheiratete Töchter der Mann wohl haben mochte. Sein ganzes soldatisches Heldentum hatte ihn vollkommen im Stich gelassen; an seine Stelle war heuchlerische Kapitulation getreten. Der Besuch, der ihm jetzt bevorstand, würde ebenso anstrengend sein, wenn auch aus anderen Gründen.

»Komm, wir kehren um, bevor noch jemand hört, dass ich mit dir rede. Nicht dass jemand meine geistige Gesundheit infrage stellt und mich ins Irrenhaus stecken lässt.«

Er berührte Midnights Flanken und ritt die Straße entlang. Recht bald gelangten sie zu einem bescheidenen Herrenhaus aus rotem Backstein, umgeben von Eichen und blühenden Obstbäumen. In dem von Unkraut überwucherten Garten kniete ein Hausmädchen und jätete.

»Entschuldigung«, rief er, »ist dein Herr zu Hause?«

Das Mädchen blickte auf. Über ihre Wange zog sich eine Schmutzspur, auf dem Kopf trug sie eine geradezu monströs hässliche Haube. Nicholas trieb Midnight etwas näher. Ihre grauen Augen weiteten sich, sie trat einen Schritt zurück. Armes dummes Ding.

»Du brauchst keine Angst zu haben. Er ist ein braves Pferd.«

Sie überschattete die Augen mit der Hand, sagte aber nichts. Vielleicht war sie stumm.

»Ich bin der siebte Graf von Hawkesbury.« Ein seltsames Gefühl, es auszusprechen, als betrüge er die Welt, so wie sein Bruder seine Gläubiger betrogen hatte. Er schluckte seinen Zorn hinunter. »Kannst du mir sagen, ob dein Herr im Haus ist?«

Die Röte, die ihr ins Gesicht gestiegen war, als er ihr seinen Namen gesagt hatte, wich etwas sehr viel weniger Mädchenhaftem, als sie das Kinn hob. »Nein, das kann ich nicht.«

»Wie bitte?« Wie konnte das dumme junge Ding es wagen, sich dem Befehl eines Majors zu widersetzen? Der Anweisung eines Grafen? Er stählte seine Stimme. »Sag mir, ist dein Herr zu Hause?«

»Nein.«

Nicholas nickte kurz und wendete Midnight, doch dann hielt er inne. »Warte mal. Soll das heißen, dass er nicht zu Hause ist oder dass du es mir nicht sagen willst?«

Ein flüchtiges Lächeln zeigte sich auf ihrem Gesicht, dann sah sie ihn kühl an. »Wenn sie nach Mr Ellison fragen: Er ist zu Hause. Was meinen Herrn betrifft – ich habe keinen.«

Der Graf blinzelte. Vielleicht war ja er der Dummkopf. Das merkwürdige Dienstmädchen nahm den Korb mit dem Unkraut und verschwand durch eine Seitentür im Haus. Er starrte ihr nach, bis Midnights unruhiges Wiehern ihn an sein Vorhaben erinnerte. Dann stieg er ab, band sein Pferd an, klopfte an die Holztür und wartete. Anscheinend hatte das ungehobelte Mädchen es versäumt, den Besucher anzukündigen. Was war sie nur für eine Dienerin? Und was meinte sie damit, dass sie keinen Herrn habe?

Das Geräusch der Tür, die geöffnet wurde, riss ihn aus seinen Gedanken. Ein anderes Dienstmädchen begrüßte ihn und hatte die gewohnte Ehrfurcht in den weit aufgerissenen Augen, die sein Rang und seine Erscheinung hier wie überall hervorriefen. Sie bat ihn herein und kündigte Nicholas an, bevor sie ihn in ein unordentliches, von Bücherwänden eingerahmtes Wohnzimmer führte.

Ein älterer Herr blickte auf. »Lord Hawkesbury! Willkommen zu Hause!«

»Danke.« Auf Bitten seines Gastgebers setzte Nicholas sich und sah den Geistlichen an. Ein zerfurchtes Gesicht, gekrönt von ergrauendem braunem Haar. Es hätte fast ein wenig gewöhnlich gewirkt, wären die klugen grauen Augen nicht gewesen, unter deren Blick man sich unwillkürlich fragte, wie viel der ältere Mann wohl von seiner Umwelt wahrnahm.

»Das Dorf hofft, dass Sie Ihren Aufenthalt genießen werden.«

»Ich hoffe, dass Sie das Gleiche empfinden, Mr Ellison.«

»Natürlich, Sir.«

Nicholas sah sich um. Neben dem Fenster stand ein Pianoforte, darauf lag ein unordentlicher Stapel Papiere. »Ich hatte noch nicht die Gelegenheit, Ihnen zu sagen, wie leid mir der Unfall tut, der vor ein paar Jahren geschehen ist.«

Was für eine Lüge! Er hatte durchaus die Gelegenheit gehabt. Onkel Robert hatte ihn gebeten, gedrängt, ja, er hatte seinen beiden Neffen mit Verbannung gedroht, doch der Stolz, der ein so hervorstechender Charakterzug seiner Mutter gewesen war, hatte beiden Söhnen verwehrt, sich zu entschuldigen.

Bis jetzt.

Nicholas stählte sich gegen die berechtigten Vorwürfe seines Gastgebers – doch stattdessen sah er nur Mitgefühl in seinen Augen.

Die Schande wuchs zu einem Berg; Nicholas’ Herz krampfte sich zusammen. Er zwang sich, ruhig sitzen zu bleiben und sich nicht wie ein Kind zu winden. Es war Jahre her, dass er sich dermaßen unbehaglich gefühlt hatte.

Der Pfarrer legte die Fingerspitzen aneinander und lehnte sich in seinem ledernen Sessel zurück. »Soweit ich weiß, waren Ihr Bruder und sein Freund dafür verantwortlich.«

Nicholas zuckte leicht die Achseln und betrachtete seine glänzend polierten Reitstiefel. »Für den Unfall selbst vielleicht, aber ich fürchte, der eigentliche Grund dafür war das, was ich sagte. Und das bedaure ich aus tiefsten Herzen.« Er blickte auf.

»Und mir tut es leid, dass Sie dieses Gewicht so viele Jahre mit sich herumgeschleppt haben.« Etwas wie stille Ergebung lag auf dem Gesicht des Geistlichen. »Ihnen und Ihrem Bruder wurde schon vor langer Zeit verziehen.«

Nicholas schluckte. »Von Ihnen?«

»Ja, und von meiner Tochter.«

Erinnerungen an das schlanke, goldhaarige Mädchen, das über einem zerschmetterten, blutüberströmten Körper kniete, überfluteten Nicholas. Er schob die Gedanken an seine Schuld beiseite und nickte steif. »Ich danke Ihnen, Sir.«

Sein Blick fiel auf ein hübsches Aquarell der alten normannischen Kirche von St. Hampton Heath. Der quadratische, steinerne Turm und die kleinen Bogenfenster hatten vielen Generationen Zuversicht und Hoffnung geschenkt. Der Friede, den er ausstrahlte, wirkte wie ein Stachel angesichts der Ruhelosigkeit, die ihn erfüllte.

»Werden Sie zum Gottesdienst kommen?«

Nicholas unterdrückte ein Aufstöhnen. Noch eine Pflicht, auf die er nicht die geringste Lust hatte. »Vielleicht.« Die weisen Augen des Geistlichen schienen bis in seine Seele vorzudringen. Der Graf zwang sich zu einem etwas enthusiastischeren »Ich werde es versuchen«.

Der Pfarrer nickte. »Ich glaube, es wird sich als ein großer Segen für unser kleines Dorf herausstellen, wenn jemand wie Sie Anteil an unserem Geschick nimmt.« Er lächelte freundlich. »Und ich hoffe sehr, dass Ihr Aufenthalt hier sich auch für Sie als ein Segen erweisen wird, Mylord.«

Jetzt hatte Nicholas ernstlich das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. Die unverdiente Herzlichkeit und Güte, die dieses Wohnzimmer erfüllten, erstickten ihn förmlich. Er hielt es hier keinen Augenblick länger aus. Schnell erhob er sich und sagte: »Danke, Mr Ellison. Auf Wiedersehen, Sir.« Damit verbeugte er sich knapp vor seinem überraschten Gastgeber, verließ das Zimmer und hastete durch die düstere Halle zum Vordereingang in die frische Luft, die Freiheit.

Tief aufatmend band er Midnight los. Sein heftig schlagendes Herz drängte ihn zur Eile: nur weg hier! Doch seine Finger waren mit einem Mal noch unbeholfener als zu der Zeit, als er ein kleiner Junge in kurzen Hosen war.

Irgendwo im Haus wurde eine Tür zugeschlagen.

Als er aufstieg, blitzte ein Schimmer von Gold zwischen den Apfelbäumen auf der Südseite des Hauses auf. Ein kleiner Beagle kam herbeigerannt und kläffte Midnight an, was dem mächtigen Tier jedoch nur ein verächtliches Schnauben entlockte. Nicholas wendete sein Pferd in Richtung der staubigen Straße, zurück zu seinem einsamen dreistöckigen Steinbau, dem Landsitz des Grafen von Hawkesbury.

Sein Erbe. Kein Segen, wie der Pfarrer zu glauben schien, sondern eine Last, ja ein Fluch.

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Kapitel 2

Lavinia klammerte sich an die ledernen Halteschlaufen, während die Kutsche über die holprige Straße rumpelte. Sie warf ihrer Tante, die ihr gegenübersaß und ebenfalls ruckartig hin- und hergeworfen wurde, einen vielsagenden Blick zu.

»Ich finde, für einen Mann mit seinen finanziellen Mitteln belässt Sir Anthony diese Straße in wirklich schockierendem Zustand.«

»Wir sind beinahe da, Tante Patience.«

»Cornelia Milton hat uns doch ganz bestimmt nur deshalb für heute Abend eingeladen, weil sie uns ihr herausgeputztes Haus und ihre geradezu lächerlich herausgeputzten Töchter vorführen möchte.«

»Und um den Grafen zu Hause willkommen zu heißen«, warf Papa milde ein.

»Der Graf.« Ihre Tante schnaubte. »Der ist zweifellos genauso hochmütig wie die anderen.«

»Diesen Eindruck hatte ich aber gar nicht, als er mich gestern besuchte.« Papa runzelte die Stirn. »Er wirkte im Gegenteil überraschend bescheiden.«

Von wegen bescheiden! Er hatte rücksichtslos und überheblich gewirkt. Lavinia wechselte einen Blick mit Tante Patience, sagte jedoch nichts. Das vernichtende Urteil ihrer Tante war nichts Neues für sie, ihre Ablehnung des Adels und der Tatsache, dass die Gesellschaft für ihre verschiedenen Schichten unterschiedliche Verhaltenskodizes aufstellte, hatten schon zu so mancher leidenschaftlichen Auseinandersetzung im Pfarrhaus geführt. Den früheren Grafen hatte der deutliche Mangel an Ehrerbietung, die ihre Tante ihm entgegenbrachte, anscheinend nie gestört, doch Tante Patience hatte selbst zugegeben, dass er die Ausnahme der arroganten adligen Regel gewesen war. Nach ihrer gestrigen Begegnung verstand Lavinia, warum.

»Ich wünschte wirklich, ich hätte mehr Zeit, um meine Predigt noch einmal durchzugehen.«

Lavinia tätschelte seinen Arm. »Das kannst du doch morgen noch machen, Papa.«

»Da hast du wohl recht.« Die Kutsche rüttelte sie erneut heftig durch und er verzog das Gesicht. »Es war sehr freundlich von den Miltons, uns ihre Kutsche zu schicken, aber ich muss zugeben, dass ich doch erleichtert sein werde, wenn wir angekommen sind.«

»Ich auch!« Ein weiterer Stoß schleuderte Lavinia fast vom Sitz. Energisch stemmte sie ihre Knöpfstiefel gegen den Kutschenboden. Einerseits würde sie froh sein, wenn sie endlich das Haus des Gutsherrn erreichten, das erst kürzlich mit einem neuen Anbau versehen worden war. Doch was den heutigen Ehrengast betraf, hegte sie durchaus gemischte Gefühle. Auch wenn seine überheblichen Manieren gestern zu wünschen übrig ließen, war ein neues Gesicht – attraktiv oder nicht – auf jeden Fall interessant. Laut den Zeitungsberichten über den spanischen Unabhängigkeitskrieg, die man im Pfarrhaus begierig verfolgt hatte, war Major Stamford einer von Wellingtons mutigsten Männern gewesen und hatte zahllose Auszeichnungen erhalten. Er musste eine Menge interessanter Geschichten zu erzählen haben.

Lavinia unterdrückte ein Seufzen. Sie würde versuchen, ihm eine zweite Chance zu geben. Immerhin lag es in seiner Macht, den Armen von St. Hampton Heath zu helfen.

Sie sah aus dem Kutschenfenster. Hecken glitten an ihr vorüber. Gestern hatte sie den Grafen kaum sehen können, da die Sonne sie geblendet hatte. Doch was sie gesehen hatte, stimmte mit Sophias Beschreibung überein. Der Graf war groß, sein Haar dunkel, seine Schultern breit – aber der Schatten hatte sein Gesicht verdeckt, weshalb sie nicht gesehen hatte, ob es attraktiv war. Am meisten überrascht hatte sie, wie er nach dem Gespräch mit Papa davongesprengt war, als fürchtete er, dass böse Geister oder ein ähnlicher romantischer Unsinn hinter ihm her sei. Ein mehr als seltsames Verhalten für einen Mann, der für seinen Mut ausgezeichnet worden war.

Papa hatte später nur erzählt, der Graf habe sein Bedauern über das Geschehen zum Ausdruck gebracht und um seine und Lavinias Verzeihung gebeten. »Die ich ihm natürlich gewährt habe.«

»Natürlich?«, hatte Tante Patience geschnaubt. »Weil er ein Adliger ist?«

»Weil er ein Mensch ist.«

»Also stiehlt der Adel sich wieder einmal aus der Verantwortung, schneller als ein Pfannkuchen aus einer gebutterten Pfanne rutscht! Findest du wirklich, dass Graces Mörder so leicht freigesprochen werden kann?«

»Unversöhnlichkeit macht uns zu Sklaven, meine liebe Patience.«

Ja, schon, aber wie konnte Papa einfach so ihre, Lavinias, Vergebung gewähren? Er war nicht da gewesen, hatte nicht gesehen …

Lavinia biss sich auf die Lippen und würgte den Zorn hinunter, der angesichts der alten Kränkungen in ihr aufstieg, obwohl sie es gar nicht wollte. Der Augenblick eisigen Schreckens in dem Moment, bevor das Pferd ausschlug. Der Schrei ihrer Mutter, der Lavinia noch jahrelang im Schlaf verfolgte. Der Dorfklatsch, dass der jüngere Stamford nach einem Arzt geschickt habe – aber nur für seinen Bruder! Lord Roberts zurückhaltend formulierter Kummer darüber, dass seine beiden Neffen sich weigerten, ihre Schuld einzugestehen. Wieder loderte der Zorn über diese maßlose Ungerechtigkeit in ihr auf. Wie konnte Papa Lavinias Vergebung gewähren? Sie warf ihrem Vater einen Seitenblick zu, zwang sich zu einem angespannten Lächeln und versuchte, ihre verkrampften Hände zu lockern. Genug davon!

Heute Abend brauchte sie nicht wie der Rest der Dorfbewohner dem Ehrengast ihren Respekt zu bezeugen. Sie würde sich auf jemanden konzentrieren, der sehr viel weniger aufgeblasen und wichtigtuerisch war.

»Mylord! Willkommen in unserem bescheidenen Heim.«

Nicholas verneigte sich vor dem Gastgeber des heutigen Abends. »Danke, Sir Anthony.« Dann schaute er sich im Salon um. Er erkannte die Honoratioren der Gegend und nickte Lord und Lady Winthrop zu, deren Landsitz südlich an sein eigenes Anwesen grenzte, Mr Jones, dem Anwalt, und Mr Ellison. Schließlich ließ er den Blick über das Meer von Gesichtern schweifen, das ihm mit unverhohlenem Interesse zugewandt war. Noch ein paar Verbeugungen in Richtung einiger anderer Gäste, dann wandte Nicholas sich entschlossen um und betrachtete die Bilder an den Wänden. Wie viele solche Abende musste er noch durchstehen? Wie viele Einladungen konnte er ablehnen, ohne unhöflich zu wirken? Sein Blick wanderte von einem hässlichen Bild mit Sonnenblumen zu einer Gruppe junger Damen, die neben dem Bogenfenster saßen.

Es war eine Gruppe junger Mädchen wie so viele andere: Brünette, Blonde, gekleidet in den blassen Farben des aktuellen Modediktats, ihr albernes Betragen lediglich eine ländliche Version dessen, wie sich Londoner Koketten benahmen.

Doch dann weckte eine dieser jungen Damen seine Aufmerksamkeit. Im Gegensatz zu den anderen sah sie nicht zu ihm herüber. Sie war nicht die Jüngste und in ihrem schlichten grauen Kleid auch nicht die Eleganteste. Ihr rotblondes Haar war nicht nach der diesjährigen Mode frisiert und sie trug auch keinen Schmuck – bis auf ein Lächeln, das gelegentlich aufleuchtete, während sie einer unscheinbaren älteren Frau zuhörte. Ihre Haltung, ihre ruhige, gelassene Selbstsicherheit, als wüsste sie genau, wer sie war und was sie wollte, hätte durchaus in einen Londoner Ballsaal gepasst. Nicholas runzelte die Stirn. Sie erinnerte ihn an jemanden …

»Die jungen Damen können es kaum erwarten, Ihre Bekanntschaft zu machen, Mylord.«

Der Graf wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gastgeber zu und verbarg seine Bestürzung hinter einem höflichen Lächeln. Seit Monaten litt er nun schon unter den Aufmerksamkeitsbekundungen diverser junger Damen und mehr noch ihrer Mütter. Er unterdrückte ein Schaudern bei der Erinnerung an die letzte Londoner Saison, die er auf Geheiß seiner Mutter hatte mitmachen müssen. Gespräche mit langweiligen, albernen jungen Mädchen und hohlköpfigen jungen Männern – Menschen, die kein anderes Ziel im Leben zu verfolgen schienen, als zu sehen und gesehen zu werden –, waren für einen Mann der Tat einfach nur uninteressant. Er hatte es als Segen empfunden, die Stadt und ihre gesellschaftlichen Verpflichtungen endlich hinter sich lassen zu können. Doch nun war er in dieser trostlosen Ecke von Gloucestershire, und sein Status und sein angeblicher Reichtum zogen erneut die Aufmerksamkeit auf sich. Er lächelte angespannt. Wenn sie wüssten …

Der Gutsherr deutete auf eine aufgedonnerte Frau mit dunklem Haar und Doppelkinn. »Darf ich Ihnen meine Frau, Lady Milton, vorstellen?«

Nicholas murmelte die üblichen höflichen Nichtigkeiten. Als er ihren geradezu ehrfürchtigen Blick sah, trat ein gequälter Ausdruck auf sein Gesicht. Seine eifrige Gastgeberin winkte ein junges Mädchen herbei, während ihr Mann weitersprach. »Und meine Tochter, Sophia Milton.«

Die kleine Blondine lächelte einfältig, die Augen niedergeschlagen, und errötete vorteilhaft. »Mylord.«

Sir Anthony fuhr fort: »Und darf ich Ihnen auch Miss West vorstellen?«

»Guten Abend, Ma’am.«

Eine dunkelhaarige Frau warf ihm einen kühlen Blick zu, gönnte ihm ein kurzes, scharfes Nicken, das einer Herzogin würdig gewesen wäre, und ließ ihn stehen.

Nicholas runzelte die Stirn.

»Und dies ist die Tochter unseres lieben Pfarrers, Miss Ellison.«

Das selbstbewusste Mädchen, das ihm vorhin aufgefallen war, trat zögernd heran. »Lord Hawkesbury und ich sind uns schon begegnet.«

Er starrte sie an. Diese Stimme, diese Augen …

Nein. Ausgeschlossen.

Nicholas schluckte. »Miss Ellison.«

»Wie Sie sehen.« Sie deutete einen ironischen kleinen Knicks an.

»Ich muss mich entschuldigen. Ich wusste nicht … ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sie so sein würden … so …

Sie zog eine Braue hoch. »Sauber?«

Die Gastgeberin schnappte nach Luft.

»So erwachsen«, murmelte Nicholas. Du meine Güte! Er benahm sich wie ein fünfzehnjähriger Grünschnabel. Er hätte doch wissen müssen, dass sie nicht mehr das kleine Mädchen war, dessen Schreie durch seine Träume geisterten. Er sah ihren kühlen, prüfenden Blick und Reue schnürte ihm die Brust zusammen. Ihre klaren grauen Augen waren ebenso intelligent wie die ihres Vaters, doch dessen Augen hatten ihn nicht aus einem dermaßen schönen Gesicht angesehen.

Der Gutsherr wandte sich um. »Lavinia, ich hoffe sehr, dass du uns heute Abend mit deinen musikalischen Fähigkeiten erfreuen wirst.«

Ihre Unnahbarkeit wich freundlicher Zustimmung. »Sir Anthony, Ihre Bereitschaft, sich erfreuen zu lassen, spricht weit mehr für Ihre Gutmütigkeit als für meine Fähigkeiten, denen Sie, wie ich fürchte, viel zu viel Bedeutung zumessen.«

»Unsinn, meine Liebe.« Sir Anthony wandte sich an Nicholas. »Miss Ellison ist eine höchst talentierte junge Dame und erfreut ihre Umgebung schon seit vielen Jahren mit ihrem musikalischen Talent.«

Die übliche Antwort auf eine solche Schmeichelei wäre ein errötendes Leugnen gewesen, doch Nicholas sah keine sich rötenden Wangen. Die Selbstsicherheit, die ihn soeben noch beeindruckt hatte, wirkte plötzlich irritierend, eher wie Selbstgefälligkeit. Er wischte ein imaginäres Staubkorn von seinem Ärmel und erwiderte in affektiertem Tonfall: »Welch ein Lob! London wäre bestimmt entzückt, einmal in den Genuss eines solch außergewöhnlichen Talents zu kommen.«

Miss Ellison hob das Kinn. Die funkelnden grauen Augen verengten sich. »Sie haben recht, Sir, wenn Sie Sir Anthonys freundliche Worte als allzu großzügig und gütig interpretieren. Wir einfachen Dorfbewohner würden die ach so eleganten Londoner mit unserem Talent zweifellos zutiefst beeindrucken.«

Ha. Die Kleine war verärgert. Ein Lächeln kräuselte seine Lippen, als sie sich kurz angebunden entschuldigte und ihn stehen ließ. Nicholas staunte über den Gegensatz zwischen diesem allzu selbstbewussten jungen Geschöpf und ihrem blassen, liebenswürdigen Vater.

Was für ein unausstehlicher Mensch! Wie konnte er es wagen, voller Herablassung eine ihrer ländlichen Gesellschaften zu besuchen und dann über alles und jeden die Nase zu rümpfen? Tante Patience hatte recht. Die Adligen waren doch alle gleich, immer hielten sie sich für etwas Besseres.

Lavinia ließ den Blick über die Reihe der in Samt und Seide gekleideten Damen schweifen, hin zu dem Grafen, der seine Umgebung beobachtete. Er konnte seine Langeweile angesichts Sophias beherztem Versuch, eine Bachsonate zu spielen – die ihre Fähigkeiten leider bei Weitem überstieg –, kaum verbergen. Lavinia seufzte innerlich. Derartige Darbietungen würden den Grafen in seiner Verachtung für die dörflichen Talente natürlich noch bestärken.

Sie straffte die Schultern. Tante Patiences unermüdlicher Einsatz dafür, dass Lavinia ihre künstlerische Begabung vervollkommnete, war nicht umsonst gewesen. Und Lord Roberts Großzügigkeit, mit der er ihr einen ausgezeichneten Lehrer beschafft hatte, war ein weiterer Beweis dafür, dass er die Ausnahme unter den von Tante Patience so verabscheuten Adligen gewesen war. Doch dann verschwand das Lächeln, das die Erinnerung an Lord Robert auf Lavinias Gesicht gezaubert hatte. Wie schade, dass sein Neffe so eingebildet und distanziert war.

Sophy beendete ihr Spiel mit allen Anzeichen der Erleichterung und errötete bei dem freundlichen Applaus, mit dem sie bedacht wurde.

»Danke, meine Liebe. Das war großartig, einfach großartig.« Als Nächstes bat Sir Anthony Lavinias Tante um eine Darbietung. Die technische Perfektion, die ihr Spiel auszeichnete, sorgte diesmal für etwas ehrlicher gemeinten Beifall. Dann wandte er sich an Lavinia. »Miss Ellison? Wären Sie vielleicht so freundlich?«

Lavinia ging zum Pianoforte. Dabei verbarg sie ihre ungewohnte Aufregung hinter einem Lächeln. Ihre Tante und ihr Vater sahen mit ganz unterschiedlichen Empfindungen zu ihr hin. Auf Tante Patiences Gesicht spiegelte sich der Stolz über das musikalische Talent, das von ihrer Seite der Familie stammte und ganz sicher auch diesmal wieder für eine perfekte Leistung sorgen und viel Lob ernten würde – von allen außer dem Grafen natürlich. Auf Papas Gesicht zeigte sich eher Wehmut – etwas, was sie in den letzten Jahren öfter gesehen hatte, seit sie ihrer Mutter immer ähnlicher wurde. Lavinia würde keinen der beiden enttäuschen.

Sie rückte die Notenblätter zurecht, schlug die erste Note an und spielte einen perlenden kleinen Lauf. Dann begann sie zu singen. Die Musik war tröstlich und vertraut, eine Händel-Arie, die ihre Mutter schon vor vielen Jahren gesungen hatte. Während sie sang, entspannte sich Lavinias Gesicht und ihre reine, klare Stimme gewann zusehends an Ausdruck. Ein rascher Blick zu Lord Hawkesbury hinüber zeigte ihr, dass er jetzt aufrechter saß, ja fast vorgebeugt. An die Stelle des Hochmuts auf seinen Zügen war ein Ausdruck des Staunens getreten.

Lavinia spielte schwungvoll die letzten Noten, dann nahm sie den großzügigen Applaus entgegen. Dabei fing sie den Ausdruck auf Papas Gesicht ein – ein Blick mit so tiefer Zärtlichkeit, dass sie sich fragte, ob er wirklich sie sah oder vielleicht von ihrer Mutter träumte.

Danach spielte Lavinia auf Sir Anthonys Drängen noch eine fröhlichere Melodie. Schließlich stand sie auf, verneigte sich und lächelte dankbar über die großzügige Anerkennung, die die Anwesenden ihr zuteilwerden ließen. Dann ging sie an ihren Platz zurück. Dabei fiel ihr auf, dass der Graf ihr nachblickte. Sie fing seinen Blick ein. Daraufhin wandte er die Augen ab und sein Gesicht nahm den Ausdruck völliger Gleichgültigkeit an.

Als später die Erfrischungen gereicht wurden, sprachen ihre Freundinnen mit ihr über den Eindruck, den der Graf auf sie gemacht hatte.

Catherine Winthrops dunkle Locken hüpften, während sie sich Luft zufächelte. »Ich dachte, ich würde ohnmächtig, als er zu uns herübersah! Er ist der attraktivste Mann, den ich je gesehen habe!«

Attraktiv – vielleicht, aber ganz sicher kein Schürzenjäger. Im Gegenteil, der Graf schien die Aufmerksamkeit der jungen Damen lästig zu finden, wahrscheinlich, weil er die Dorfbewohner als seiner Aufmerksamkeit nicht wert empfand.

»Perry wäre furchtbar eifersüchtig«, sagte Sophy. »Mein Bruder hält sich nämlich für einen Meister der Mode.«

»Der Graf wirkt so vornehm, Livvie«, murmelte Catherine.

»Weil er einen Titel hat?« Beim Anblick der hochgezogenen Brauen ihrer Freundin fuhr Lavinia eilig fort: »Findet ihr nicht, dass er ziemlich hochmütig aussieht? Er hat kaum ein Wort mit uns geredet.«

»Hochmütig? Aber nein, gar nicht.« Sophia blickte über Lavinias Schulter. Dabei glich ihr Gesichtsausdruck auf einmal dem eines Schafs.

»Sie spielen recht gut, Miss Ellison.«

Die tiefe Stimme ließ Lavinia herumfahren. »Danke.« Sie musterte den Grafen. Es war nicht zu leugnen: Obwohl eine seiner Brauen schief war, bot er mit seinen grünen Augen, den hohen Wangenknochen und dem dunklen, lockigen Haar doch ein höchst anziehendes Bild.

Jedenfalls, wenn man Bilder mochte, die höhnisch grinsten. Aus dem Geraune im Raum konnte man jedoch schließen, dass die anwesenden jungen Damen nichts gegen das höhnische Grinsen hatten.

Bei Lavinia war das anders. »Ich hoffe, der Abend entbehrte für jemanden, der die Londoner Gesellschaft gewöhnt ist, nicht ganz der Unterhaltsamkeit.«

Der Blick des Grafen wanderte durch den Raum zurück zu ihr. »Er war … erträglich.«

Sie lachte beinahe. Was für ein unhöflicher Zeitgenosse! »Lord Robert hat diese Abende immer sehr genossen.«

»Ja, aber mein Onkel war nicht gerade berühmt für seinen Geschmack.«

Heißer Zorn stieg in ihr auf. Wie konnte er es wagen, die Großzügigkeit und Güte seines Onkels herabzuwürdigen? »Ich fürchte, Sie kannten Lord Robert nicht so gut wie wir.«

»So scheint es.« Der Graf hob sein Monokel und betrachtete sie wie einen aufgespießten Schmetterling.

Lavinia schob das Kinn vor und erwiderte ungerührt seinen Blick, bis er das kleine Glas schließlich sinken ließ. »Es tut mir leid, Sir, dass Ihr Sehvermögen nicht das Beste zu sein scheint.«

»Mein Sehvermögen?«

Sie deutete auf das Monokel. »Offenbar haben Sie Probleme, was das Sehen betrifft. Vielleicht sollten Sie es einmal mit Blaubeeren versuchen. Hettie, unser Mädchen, schwört, dass ihr Sehvermögen sich durch Blaubeeren immens verbessert hat.«

Seine Augen funkelten. »Ich sehe ganz gut, danke.«

»Dafür kann man in der Tat dankbar sein. Andererseits wäre es dann aber ein Grund, sich zu schämen.«

»Wie bitte?«

»Wir hätten nicht gedacht, dass Sie ein solcher Dandy sind.« Lavinia sah, wie das spöttische Glitzern in seinen Augen verschwand, entschuldigte sich und ließ ihn stehen, fest entschlossen, nie, nie mehr zuzulassen, dass dieser Adlige sie so sehr aus dem Gleichgewicht brachte.

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Kapitel 3

Ein Schuss hallte durch die Nacht. Nicholas’ Herz klopfte im Takt mit Midnights Hufen, der erschrocken losgeprescht war und nun durch struppiges Gebüsch und über schlüpfrige Steine galoppierte. Nicholas stieß zitternd die Luft aus. Sein Auftrag lautete, auszuharren und den Gegner zu beobachten, doch der Hengst war heute Nacht ungewöhnlich nervös. Egal. Er wendete und wollte zurück zu den Hügeln.

Plötzlich ein rot-goldener Blitz. Feuer bohrte sich in sein Bein. Midnight stieg und wieherte voller Angst. Nicholas fluchte, fasste nach seinem pochenden Schenkel und packte gleichzeitig die Zügel fester, doch in der Dunkelheit griff seine behandschuhte Hand ins Leere und er fiel, fiel …

»Sir!«

Das Feuer loderte vor seinen Augen.

»Mylord!«

Nicholas öffnete ein Auge.

Edwin starrte auf ihn herunter, er hatte eine Kerze in der Hand. Seine zusammengezogenen Brauen glätteten sich. »Es war wieder nur ein schlechter Traum, Mylord.«

Nicholas nickte und stützte sich auf die Ellbogen. Er war völlig nass geschwitzt. Edwin mochte ein ausgezeichneter Kammerdiener sein, doch er hatte keinerlei Kriegserfahrungen. Die schlechten Träume, die Nicholas des Nachts quälten, waren erlebte Albträume. Zu viele Männer waren gestorben. Zu viele sinnlose Schlachten waren gekämpft und verloren worden – gegen das Fieber, nicht nur gegen die Franzosen. Zu viele Witwen, denen er keinen Trost hatte bringen können. Zu viele Tränen, die ihn nur in seiner Entschlossenheit bestärkt hatten, niemals zuzulassen, dass eine Frau sein Herz gewann oder er das ihre. Dieser Weg konnte nur in die Verzweiflung führen. Für ihn kam allenfalls eine Vernunftehe infrage, wenn er denn nun einmal heiraten musste. Er seufzte. Und als der neue Graf würde er kaum umhinkönnen.

Edwin zog die Vorhänge auf. Das Sonnenlicht fiel ins Schlafzimmer. »Darf ich Ihnen ein Bad bereiten, bevor Sie zum Gottesdienst gehen, Mylord?«

Gottesdienst. Nicholas stöhnte und rieb sich den schmerzenden Schenkel. Dann schlug er die Bettdecke zurück. »Du bist feinfühlig wie immer, Edwin.«

Sein Kammerdiener lächelte. Nicholas stolperte zur Badewanne. Als er sich ins Wasser sinken ließ, verließ ihn vollends der Mut. Ganz gleich, wie lange er auch badete, er konnte die Flecken der Schuld nicht abwaschen.

Den Blick stur geradeaus gerichtet, ging Nicholas den Mittelgang der Dorfkirche entlang und knirschte mit den Zähnen, als er sah, wie die Köpfe sich drehten und ihm nachblickten. Zweifellos wurde jeder Zentimeter seiner Kleidung genauestens begutachtet, vom achtlos gebundenen Halstuch bis zum Sitz seines eleganten dunkelgrünen Mantels – dabei wusste bestimmt nicht ein Einziger hier Westons Werk zu würdigen. Er setzte sich vorn in den aus Eichenholz geschnitzten Kirchenstuhl seiner Familie, wohl wissend, dass das Rätselraten hinter seinem Rücken weiterging, während er hier direkt vor der Nase des Pfarrers saß.

Nicholas nickte Mr Ellison zu und konzentrierte seine Aufmerksamkeit auf die drei hübschen Buntglasfenster hinter dem hölzernen Altar. Das Licht fiel blau und golden durch die schöne Glasmalerei. Das mittlere Bild zeigte Jesus am Kreuz. Auf dem linken sah man einen Jesus mit weit geöffneten Armen inmitten einer Schar kleiner Kinder, auf dem rechten kümmerte sich der barmherzige Samariter um den Bettler auf der Straße. Hübsche Bilder, umgeben von sorgfältig bearbeitetem altem Stein, die längst vergangene, irrelevant gewordene Geschichten erzählten. Sein Blick wanderte weiter zu Mr Ellison. Seine Finger verkrampften sich. War das Tadel in Mr Ellisons Augen? Durchschauten sie Nicholas’ Unglauben?

Ein Quietschen, dann stiegen Orgeltöne auf – ein lautes, mächtiges Stück, als wollte der unsichtbare Organist die Aufmerksamkeit der Leute erzwingen.

Nicholas blickte auf die andere Seite des Ganges. Miss Ellison, auch heute wieder in einem formlosen grauen Gewand, ein schlichtes silbernes Kreuz um den Hals, saß über ihr Gesangbuch gebeugt, als hinge ihr Leben davon ab.

Er wandte seine Aufmerksamkeit wieder den Fenstern zu und dachte an den Abend vor zwei Tagen. Miss Ellison war ein erfreulicher Lichtblick inmitten der schrecklichen Langweiler gewesen. Sie hatten über Vieh und Dorfangelegenheiten gesprochen, die ihn nicht im Geringsten interessierten. Miss Ellisons ständige prüfende Blicke hatten ihn zwar genervt. Irgendwie hatte er das Gefühl gehabt, sie könnte in ihn hineinschauen. Ihr bösartiger Kommentar, dass er sich wie ein Dandy aufführe, tat seinem Charakter zwar unrecht, doch vermutlich hatte er es wirklich ein wenig übertrieben. Aber als sie dann gespielt hatte! Sie mochte die Manieren eines Wildfangs besitzen, doch ihre Stimme war die eines Engels. Sogar seine Mutter, eine selbst ernannte Musikkennerin, die ständig an allem etwas auszusetzen hatte, hätte über diese ebenso begabte wie selbstsichere Tochter eines einfachen Landpfarrers gestaunt.

Der Pfarrer räusperte sich. Nicholas sah ihn an.

»Guten Morgen, liebe Freunde.« Mr Ellisons warmes und offenes Lächeln erweckte den Eindruck, als halte er diese Menschen tatsächlich für seine Freunde. »Lasst uns beten.«

Nicholas beugte gehorsam den Kopf, während der Pfarrer mit seinem Gott zu plaudern schien. Nur dass das nicht viel bedeutete. Er hatte viele gute Männer beten und dann doch sterben sehen. Was nützte es also? Er achtete kaum darauf, doch die sanfte Stimme war seltsam beruhigend.

So führte der Geistliche die Gemeinde durch den Gottesdienst, während Nicholas’ Gedanken auf Wanderschaft gingen. Vielleicht war es ja doch sinnvoll, die Gottesdienste zu besuchen. Wenn er schon in einer so engen Gemeinschaft leben musste, war es wahrscheinlich wichtig, dass er die richtigen Dinge tat. Und im Grunde hatte er ja auch gar nichts gegen die Schmeicheleien und Ehrfurchtsbezeugungen der Leute angesichts seines Titels. Irgendwie tat es gut, dass sie Onkel Robert offenbar so sehr geachtet hatten. Sein Vater hatte nie verstehen können, warum sein älterer Bruder den Glanz Londons oder seines Hauptwohnsitzes, Hawkesbury House, diesem drögen Gloucestershire nicht vorgezogen hatte. Vielleicht lag es ja nicht zuletzt an den Leuten hier, dass er sich an diesem Ort niedergelassen hatte.

Nach mehreren Liedern – die er lediglich mit Mundbewegungen begleitete –, bemerkte Nicholas, dass Miss Ellison aufstand und hinausschlüpfte. Er runzelte die Stirn. Die Tochter des Pfarrers durfte sich doch bestimmt nicht so einfach zurückziehen? War sie vielleicht krank?

Die sanfte Stimme des Geistlichen gewann erneut seine Aufmerksamkeit. Mr Ellison kündigte die Bibellesung an. Dann folgte eine Predigt, bei der Nicholas mehrmals kaum ein Gähnen unterdrücken konnte. Eine Art lähmende Betäubung hatte ihn ergriffen. Wie lange musste er das noch aushalten?

Endlich schlug der Pfarrer die Bibel zu. »Lasst uns beten.«

Nicholas neigte gerade noch rechtzeitig den Kopf.

Orgelmusik weckte ihn auf. Er riss den Kopf hoch, blickte auf und sah gerade noch, wie Mr Ellison den Blick abwandte und seine gerunzelten Brauen sich glätteten. Nicholas konnte nur hoffen, dass er nicht geschnarcht hatte. Dann könnte die Gemeinde wenigstens noch den Eindruck gewonnen haben, dass ihr neuer Graf – extrem – fromm war.

Das ansprechende Orgelspiel tönte weiter, leiser, sanfter als zuvor, eher kontemplativ als wie bis jetzt richtend, verurteilend. Die Gemeinde erhob sich, der Pfarrer sprach die Segensworte und gleich darauf drängten sich im Mittelgang die Gemeindeglieder, die den Grafen begrüßen wollten. Nicholas nickte höflich, hörte zu und wünschte sich die ganze Zeit nichts sehnlicher, als gehen zu können. Miss Ellison huschte vorbei – wo war sie die ganze Zeit gewesen? Er bahnte sich den Weg durch die Leute hindurch, um dem Pfarrer die Hand zu schütteln, wie es hier üblich zu sein schien.

»Lord Hawkesbury, wie schön, Sie hier zu sehen.« Mr Ellison zwinkerte ihm zu. »Ich hoffe, dass Sie meine Predigt nächste Woche ein wenig interessanter finden werden.«

Nicholas’ Wangen wurden heiß. »Verzeihen Sie mir. Ich bin gestern Abend wohl ein wenig zu lange aufgeblieben.«

»Ich fürchte, hier hat mehr als einer Vergebung für diese spezielle Sünde nötig.«

Die Lippen des Grafen zuckten. »Sie sind sehr großzügig.« Er neigte grüßend den Kopf und ging dann hinaus. Draußen blinzelte er in das blasse Sonnenlicht, das ihm nach der dämmerigen Kirche sehr hell vorkam. Vielleicht würde ein langer, harter Ritt heute Nachmittag ihm helfen, seine Lethargie abzuschütteln und wieder mehr er selbst zu sein.

»Entschuldigung, Lord Hawkesbury?«

Er unterdrückte einen Seufzer und drehte sich um. Der Gutsherr verwickelte ihn ein Gespräch über die üblichen Trivialitäten, während Lady Milton und ihre Tochter in der Nähe standen und ihn eifrig anlächelten, wann immer er zufällig zu ihnen hinübersah. Nicholas lehnte eine Einladung zum Mittagessen ab, entschuldigte sich und absolvierte einen Spießrutenlauf durch das Spalier der jungen Damen der Gemeinde, die ihm schüchtern lächelnd entgegenblickten. Mit einem Nicken nahm er dem Jungen des Schmieds Midnights Zügel aus der Hand, stieg auf und blickte noch einmal zurück. Er war nach wie vor das Objekt der Aufmerksamkeit fast aller Anwesenden.

Aller, bis auf Miss Ellison. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt einer gebückten weißhaarigen Frau, die sich auf einen Stock stützte. Die Tochter des Pfarrers neigte sich dichter zu ihr, tätschelte der älteren Frau den Arm und lächelte.

Nicholas hielt den Atem an. Mit dem in der Sonne schimmernden Haar und dem strahlenden Gesicht schien Miss Ellison von einem Leuchten umgeben, das er bis jetzt nur auf dem Gemälde eines alten Meisters in Venedig gesehen hatte – und ganz sicher noch nie in einem Ballsaal in London.

Er zog die Brauen zusammen, wendete Midnight, gab ihm die Sporen und sprengte davon.

»Giles!« Nicholas saß über das Wirtschaftsbuch gebeugt, während er auf seinen Butler wartete. Was hatte Johnson eigentlich in den letzten Jahren getan? Die Zahlen suggerierten ihm, dass sein Verwalter das Anwesen gut geführt hatte, doch jeder konnte sehen, dass die Ställe seit Jahren vernachlässigt wurden. Sie mussten dringend instand gesetzt werden.

Nur wo sollte er das Geld dafür hernehmen? Das zügellose Leben seines Bruders hatte den Landsitz an den Rand des Bankrotts gebracht. Die Zahlungen seiner Pächter deckten kaum den Lohn für seine Angestellten. Sein Preisgeld aus dem Unabhängigkeitskrieg war so gut wie aufgebraucht. Er hatte es verwendet, um die Leiden seiner kriegsversehrten Männer zu lindern oder, noch wichtiger, für ihre Witwen zu sorgen. Preisgeld? Er schüttelte den Kopf. Blutgeld.

Leise Schritte zeigten das Kommen des silberhaarigen Butlers an. »Mylord?«

»Haben Sie eine Ahnung, wo Johnson heute ist?«

»Ich glaube, er ist in der Stadt.«

»In der Stadt? In Gloucester oder Cheltenham?«

»Cheltenham, Mylord. Ich glaube, er sagte, dass er gegen Abend wieder zurück sei.«

Nicholas schob seinen Stuhl zurück. Er merkte kaum, dass sein Butler sich leise entfernte. Bis zum Abend konnte er nicht warten. Nicholas blickte aus dem Fenster. Das Wetter war gut. Es brachte nichts, wenn er jetzt über den Büchern grübelte, das würde ihn nur noch mehr frustrieren. Sein Ausritt am Sonntagnachmittag hatte ihm gutgetan; vielleicht würde er ihm auch heute helfen, einen klaren Kopf zu bekommen.

»Giles!«

Der Butler kam zurück. »Ja, Mylord?«

»Sag McHendricks, er soll Midnight satteln.«

»Gern, Mylord.«

Eine halbe Stunde später saß Nicholas im Sattel und ließ den Blick über das Land schweifen. Die Gerste wirkte schon voller, die vergangenen sonnigen Tage hatten sie einen guten Schritt vorangebracht. Er hatte das Land oder die, die es bearbeiteten, bis jetzt noch nie wirklich wahrgenommen und hatte auch nicht damit gerechnet, dass er sich je um dergleichen würde kümmern müssen. Doch wenn er zusah, wie die Wolken über den Himmel wanderten, wie es verheißungsvoll aus der Erde sprosste, während er dem Rhythmus des Landlebens lauschte, überkam ihn so etwas wie Frieden. Hier wurden die Menschen wenigstens nicht nur als Kanonenfutter missbraucht und man konnte sich darauf verlassen, dass man am nächsten Tag mit der Sonne aufstehen würde. Die Landarbeit mochte stumpfsinnig sein, hart, monoton und nur wenige der Gefahren bergen, denen ein Soldat sich tagtäglich ausgesetzt sah, doch irgendwie weckte sie in einem das Bewusstsein für die Schönheit, für den Wert des Lebens und machte dankbar.

Nicholas trieb Midnight über eine kleine Anhöhe auf zwei Männer zu, die mit Pferden ein Feld pflügten. Als er näher kam, hielten sie inne und legten grüßend die Hand an die Schläfe.

»Morgen, M’lord.«

»Guten Morgen.« Sie sahen ihn erwartungsvoll an und er überlegte fieberhaft, was er sagen sollte. »Was machen Sie hier auf dem Feld?«

»Wir pflügen für die Steckrüben.«

Er blickte auf das lange Holzgestell hinter den Pferden. »Wo sind die Räder des Pflugs?«

»Die Erde ist lehmig und sehr schwer; Räder würden stecken bleiben. Das lange Streichbrett, Messer und Pflugschar sind besser für so schweren Boden.«

Nicholas nickte, als wüsste er, wovon sie sprachen. »Und die Ernte?«

»Die hängt von unserem Herrn im Himmel ab.«

»Äh – ja. Natürlich.«

»Verzeihung, M’lord, aber hat Johnson schon mit Ihnen gesprochen?«

»Ich habe Johnson noch kaum zu Gesicht bekommen, seitdem ich hier bin.«

Die Männer blickten sich an.

»Was ist mit ihm?«

»Wir haben nur überlegt, ob das untere Feld vielleicht ein bisschen vergrößert werden könnte, damit wir mehr anpflanzen können.«

Der Mann mit dem breiten Gesicht nickte und fing an, die Vorzüge seines Plans zu erläutern.

»Das klingt vernünftig. Was hat Johnson gesagt?«

Die beiden sahen sich erneut an. »Das ist ja das Problem, M’lord. Er antwortet uns nicht.«

Nicholas hob ungeduldig die Zügel an. »Nun, ich werde baldmöglichst mit ihm darüber reden.«

»Danke, M’lord.« Die Männer salutierten erneut.

Er ritt weiter. Sein Blick fiel auf seine schmutzverkrusteten Handschuhe. Edward war trotz seiner peniblen Ansprüche vernünftig genug, keinen Wirbel um so etwas zu machen, im Gegensatz zu seinem früheren Kammerdiener in London. Nicholas runzelte die Stirn. Bei der heutigen Post war wieder ein Brief von seiner Mutter dabei gewesen. Anscheinend wurde er in London vermisst. Seine Lippen kräuselten sich verächtlich. Es war wohl eher sein Geld, das sie vermissten. Mutter schrieb auch, dass insbesondere Clara nach ihm gefragt hatte. Mutter selbst würde ihn gern besuchen, doch sie entwarf gerade einen Rosengarten mit einem Springbrunnen auf dem südlichen Rasen von Hawkesbury House mit seinen unzähligen Schlafzimmern, nobel eingerichteten Salons und weitläufigen Außenanlagen – die offenbar ständig umgestaltet werden mussten. Sie würde es einer neuen Herrin nicht leicht machen, es sei denn, sie konnte sie ebenso kontrollieren wie ihre Gärten. Aus ebendiesem Grund wäre ihr Clara DeLancey, die Tochter des Viscount Winpoole, als Schwiegertochter sehr willkommen. Er presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Lieber würde er sich erhängen.

Nicholas ritt in Richtung Straße und in versammeltem Galopp weiter nah St. Hampton Heath. Die frische Luft zauberte ein Lächeln auf sein Gesicht und schenkte seinem Herzen ein wenig Erleichterung, ja, er spürte sogar etwas wie Freude in sich aufsteigen. Hier wenigstens konnte Nicholas er selbst sein: frei, ohne Menschen, die Erwartungen an ihn stellten, und ohne die verfluchte Verantwortung.

Er bog um die Ecke. Etwas weiter vorn nahm er eine schlanke Gestalt wahr, die einen Korb trug. Ein kläffender Beagle lief neben ihr her. Nach einem raschen Schulterblick trat die Gestalt zur Seite an den äußersten Straßenrand. Nicholas ritt langsamer, bis er neben ihr war. Ja. Diese Verachtung würde er überall heraus erkennen.

»Guten Tag, Miss Ellison.«

»Mylord.« Sie ging weiter, die Augen fest geradeaus gerichtet. Ihre Hände umklammerten den Korb. Der Hund begann zu bellen.

Midnight wieherte protestierend, seine Hufe tanzten über die Pflastersteine.

Miss Ellison schrak zurück und nahm rasch den Hund auf den Arm.

Nicholas zuckte im Geist verständnislos die Achseln. Er warf ihr noch einen Blick zu, dann gab er Midnight den Kopf frei und galoppierte davon. Kurz vor der Straßenbiegung schaute er sich noch einmal um. Er parierte Midnight abrupt durch und wendete ihn.

Miss Ellison war verschwunden.

Lavinia ließ sich in den Schatten der Eiche neben ihren Korb sinken. Sie zwang sich, langsam zu atmen, damit ihr Herzschlag sich beruhigte. Das Pferd hatte nicht ausgeschlagen und war nicht gestiegen, und auch sonst war nichts von dem eingetreten, was sie in ihren Albträumen verfolgte. Der Graf schien sein Pferd unter Kontrolle zu haben, was man von einem der höchstdekorierten Kavallerieoffiziere Wellingtons auch erwarten konnte.

Sie holte ihre Stifte und ihren Block aus dem Korb, eine Tätigkeit, die ihr half, ihr Gleichgewicht wiederzufinden. Dann zeichnete sie nach und nach die Szene, die sich ihr darbot: Mickey, der an den Wurzeln des üppig wuchernden, mit weißen und rosa Blüten übersäten Weißdorns schnüffelte, die Büschel des störrischen Grases, die jungen Eichen in der Ecke, die aus den Samen des großen Baumes gesprossen waren. Der Baum, unter dem sie saß, war ihr ganz privates Versteck.

Dieses dreieckige Fleckchen Erde, auf drei Seiten von hohen Hecken geschützt und verborgen, war völlig unberührt – Lavinia hatte es vor Jahren entdeckt. Sie und Mickey hatten jede Ecke erkundet, sie kannten jeden Stein und jede Blume. Die Lücke in der Hecke mochte jetzt enger sein als vor zehn Jahren, doch sie wollte nicht auf den Frieden verzichten, den dieser stille Hafen ihr bot.

Die blauvioletten Blüten des Wiesensalbeis weigerten sich entschieden, ihre runden Formen von ihr einfangen zu lassen. Schließlich gab sie den Versuch auf und ging näher heran, um die Pflanzen genauer zu betrachten. Salvia pratensis. Auf dem Friedhof wurde er auf den Gräbern ausgesät als ein Bild für die Erlösung, wie es seit Hunderten von Jahren üblich war.

Mickey wuselte davon in eine entfernte Ecke. Lavinia packte ihr Malzeug fort, legte sich hin und blickte in den Himmel. Lady Milton würde zweifellos einen ihrer Anfälle bekommen, wenn sie Lavinia jetzt sehen könnte. Sie lächelte. Eine leichte Brise wehte ihr eine Locke ins Gesicht, ihre Gedanken schweiften weit und frei wie die Wolken über ihr: die zarte Schönheit des Salbeis; Eliza Hardy und die Not der anderen Pächterfamilien; die Dorfkinder, die dringend Unterricht und Bildung brauchten. Musik. Kunst. Kirche. Der Graf.

Sie runzelte die Stirn. Anscheinend besaß sie wie Mickey ein Nackenfell, das sich jedes Mal sträubte, wenn sie den Grafen sah – was seltsamerweise recht häufig vorkam. Zu seinem Onkel hatte sie stets nichts als warme Zuneigung empfunden, doch der vierte Graf war auch die Güte selbst gewesen, wohingegen der neue Graf sie ein bisschen von oben herab zu behandeln schien.

Papa hatte Patience und sie gebeten, nicht zu hart mit ihm ins Gericht zu gehen, doch die alte Abneigung ließ sich nicht überwinden. Der Dorfklatsch, den sie vor vierzehn Jahren gehört hatte, fiel ihr wieder ein: Wie konnte er es fertigbringen, nach einem Arzt zu schicken, der seinen Bruder und diesen Mann behandelte, nicht aber ihre Mutter? Nur ein völlig herzloser Mensch konnte so etwas tun – oder, wie Tante Patience glaubte, ein Adliger, der überzeugt war, dass seine Familie unendlich weit über allen anderen Menschen stand.

Die Sonne verschwand hinter einer Wolke. Lavinia fröstelte und zog an ein wärmeres Fleckchen um. Die großen, starken Äste der Eiche boten Schutz, doch die Schatten auf ihrem Herzen ließen sich nicht so leicht vertreiben. Sie seufzte. Es half ja nichts, wenn sie die ganze Zeit an seine Fehler dachte. Wahrscheinlich konnte er gar nichts dafür, dass er eine schiefe Augenbraue hatte, die ihm diesen ewig höhnischen Blick verlieh. Wie oft hatte sie Sophy gebeten, ein Buch nicht nach seiner äußeren Erscheinung zu beurteilen? Und jetzt urteilte sie selbst so über einen Menschen. Über jemanden, mit dem auszukommen sie zumindest versuchen sollte, weil er Elizas Familie helfen musste, bevor der Winter kam.

Ein goldenes Blatt segelte zu ihr herunter, tanzend, wie Musik in der Luft. Sie entfernte es aus ihrem Haar und streckte sich aus, die Hände unter dem Kopf. »Gott, bitte hilf dem Grafen, hier Gutes zu tun.«

Sie blickte in den blauen Himmel hinauf, die Eichenblätter rauschten und sangen, doch an den Rändern ihrer Seele nagten Zweifel und böse Vorahnungen.

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Kapitel 4

Nach einer weiteren Nacht voller Albträume führte Nicholas ein langes Morgengespräch mit Johnson. Dabei hatte er das Gefühl, dass er tüchtig hinters Licht geführt worden war. Um wieder einen klaren Kopf zu bekommen und seine Gedanken klären zu können, machte Nicholas sich abermals für einen Ausritt fertig. Nichts beruhigte ihn so sehr wie das Reiten. Midnight galoppierte langsam einen Pfad am Westufer des Sees entlang und bog dann ab in die Wälder, in deren Lichtungen noch immer Glockenblumen wuchsen.

Vielleicht gab es ja ein paar Aspekte des Landlebens, die doch nicht völlig verabscheuenswert waren. Die Landschaft selbst war eigentlich hübsch, doch gute Gesellschaft war eher selten zu finden. Er parierte Midnight zum Trab durch. Nicholas war nicht immer ein solcher Einsiedler gewesen. Im Gegenteil, in London hätte man über diese Vorstellung laut gelacht. Doch der Krieg hatte ihn verhärtet; Nicholas hatte Narben zurückbehalten, innerlich und äußerlich. Man mochte ihn in London für eine Bereicherung jeder Gesellschaft halten, doch niemand dort – außer Thornton – kannte sein Herz. Vielleicht sollte er seinem alten Captain schreiben und ihn zu einem Besuch einladen. Das wäre eine Gesellschaft, die Nicholas zusagen würde.

Midnight bog auf die Straße ab, die ins Dorf führte. Nicholas trieb ihn an, den Hügel hinunter. Sie bogen um die enge Kurve und gleich darauf sah er wieder die schlanke Gestalt, die auf ihn zukam, einen Korb in der Hand, den Hund zu ihren Füßen. Ein seltsam berührendes, schon beinahe vertrautes Bild. Er ritt langsamer. Aus irgendeinem Grund weckte die unnachgiebige Abneigung der jungen Dame in ihm den Wunsch nach ihrer Anerkennung – ob es an seinen Schuldgefühlen lag oder ob er nur auf die Provokation reagierte, wusste er selbst nicht, doch eines Tages würde sie ihn anlächeln!

»Guten Tag, Miss Ellison.«

Sie blickte auf. »Lord Hawkesbury.«

Der Hund begann, wie üblich nervtötend zu kläffen.

»Können Sie dieses höllische Bellen nicht unterbinden?«

Miss Ellison kniff die Augen zusammen. Dann drehte sie sich um, und auf einen leisen Befehl war der Hund still.

Midnight schnaubte. Miss Ellison trat ein Stückchen zurück. Es konnte doch nicht sein, dass sie ihn dermaßen verabscheute!

»Stimmt etwas nicht?«, fragte Nicholas.

»Nein, Sir.«

Er trieb Midnight näher heran. Sie trat abermals zurück. »Bestimmt?«

»Ich mag keine Pferde, Sir.«

»Sie brauchen keine Angst zu haben.«

Sie warf ihm einen ungläubigen Blick zu, doch hinter dem eigensinnigen Anheben ihres Kinns sah er die Angst. Als ihm einfiel, dass sie sehr wohl einen Grund für ihre furchtsame Reaktion hatte, sagte er in sanfterem Ton: »Sind Sie im Dorf gewesen?«

Sie nickte. »Mrs Foster, eine Ihrer Pächterinnen, ist krank.«

»Sie wird sich sicher bald wieder erholen.«

»Sie würde sich jedenfalls sehr viel schneller erholen, wenn ihr Haus in besserem Zustand wäre.«

»Dann sollte sie es reparieren«, entgegnete Nicholas.

»Und wie genau soll eine arme Witwe ihr Haus reparieren?« Miss Ellisons graue Augen blitzten auf. »Die Häuser der Pächter gehören in Ihren Verantwortungsbereich, Lord Hawkesbury.«

»Johnson hat die Aufgabe zu prüfen …«

»Ja, nun, Ihr Verwalter hat so manche Aufgabe.«

»Ich werde mich darum kümmern.«

»Bald, hoffe ich.« Dann mäßigte sie ihre Stimme. »Mrs Foster ist eine liebe Dame, aber schon recht alt. Ein weiterer Winter in diesem Haus könnte ihr letzter sein.« Damit ging sie weiter.

Eine Last legte sich auf Nicholas’ Schultern. Na wunderbar. Noch mehr Verantwortung. Er wendete Midnight und folgte Miss Ellison. »Ich glaube, auch in einer Gegend wie dieser ist es nicht üblich, dass eine junge Dame ohne Begleitung ausgeht.«

Sie zuckte leicht mit den Schultern. »Das sagt Lady Milton auch.«

»Was, wenn jemand Sie belästigt?«

Sie warf ihm einen Seitenblick zu. »Und mich entführt, um mich zu vergewaltigen?«

»Miss Ellison!«

»Hier in der Gegend kennen mich alle und ich glaube nicht, dass jemand das wagen würde.«

»Sie sollten ein bisschen auf Ihre Sprache achten. Junge Damen sollten nicht so vulgär sein.«

»So jung bin ich nicht mehr. Ich bin dreiundzwanzig.«

Er zog die Brauen hoch. Nach ihrem Aussehen zu urteilen, hätte er sie für jünger gehalten. »Die jungen Damen, die ich kenne, reden jedenfalls nicht so vulgär.«

»Aber ich bin nicht mehr jung und gehöre wohl kaum zu den Damen Ihrer Bekanntschaft, deshalb braucht mich Ihre Meinung nicht zu interessieren.«

»Aber Ihre Sicherheit!«

Sie zuckte wieder die Achseln. »Ich habe ja Mickey. Seine Gesellschaft ist mindestens so gut wie die eines Menschen.«