Die Unschuld einer Wahnsinnigen - Susanne Scharf - E-Book

Die Unschuld einer Wahnsinnigen E-Book

Susanne Scharf

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Beschreibung

Wahnsinn ist eine schizophrene Erkrankung. Es ist heute möglich, mit ihr ein erfülltes Leben zu führen, trotzdem der Verlauf meist chronisch ist. Am wichtigsten ist, die Krankheit zu verstehen, um sie anzunehmen. Susanne Scharf durchlebt die Veränderung ihres gesamten Wesens vor dem Hintergrund der Neuordnung der Wirtschaft der ehemaligen DDR Ende der 90 iger bis in die ersten Jahre des 21 Jahrhunderts hinein. Aber all die perönlichen Turbulenzen und die wirtschaftlichen Herausforderungen werden ausgeblendet, als eine von der Natur eingerichte Grenze ihres Gehirns überschritten wird. Ein Leben im "Niemandsland" beginnt. Jahre ohne Erfüllung und Freude, aber auch des Kampfes folgen. Am Ende bleibt die Erkenntnis: "Das Leben wird wieder schön."

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Seitenzahl: 435

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Namen und Orte in diesem Buch sind willkürlich ausgewählt. Sollten Sie, lieber Leser, Analogien oder Ähnlichkeiten feststellen, so sind diese rein zufällig.

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

1

Susanne scheint es, dass der Tag anbricht. Würde sie von ihren Schlafgewohnheiten ausgehen, würde sie sagen: “Zu früh, um aufzustehen.” Der frühe Morgen liegt im späten April 2004. Draußen dämmert es. Die Dunkelheit wird in ein paar Minuten gewichen sein.

Sie, Susanne, die das beobachtet, war vor einige Augenblicken erwacht. Den Blick vom Fenster abwendend, betrachtet sie das Zimmer und beginnt nachzudenken: - Meine zwei qm Bett sind das vierte Mal Zuflucht für mich. Ein eigentümlicher Schutz vor allem, was im „normalen Leben“ passiert. Alles was “draußen” ist, außerhalb des Gebäudes, in dem ich mich befinde, bleibt hier „drin“ unwichtig. Die “Glasglocke”, die mich jetzt schützen soll, wirkt bereits. Wie beim Yoga ist außer meinem Empfinden nichts wichtig. Für alle, die sich außerhalb dieses Gebäudes befinden, bin ich krank und unerreichbar. Meiner Entschuldigung bedarf es nicht. Nur eine Abmeldung reicht. Eine Abmeldung aus dem “Leben”. Leben werde ich wieder, wenn ich das Krankenhaus verlassen habe. -

Weg von zu Hause dreht sich ihr Dasein jetzt um diese Gedanken. Ihre Heimat ist gar nicht weit entfernt. Trotzdem ist sie hier vollkommen abgeschirmt von der Welt, die sie sonst umgibt, aber jetzt nicht braucht.

Das Zimmer, in dem sie in “ihrem Bett” liegt, ist ungefähr sechs Meter lang und fünf Meter breit. Vor den drei Fenstern hängen dichte Stores, die von hellgrünen Übergardinen umrandet sind. Beide enden auf den Fensterbrettern, die zur Lagerung von Obst und Süßigkeit genutzt werden. Sie sind tief, weil die Fenster in Nischen eingepasst und die Außenwände sehr dick sind. Sie sind außerdem sehr hoch. Sie reichen bis fast unter die Decke und messen sicher zwei Meter. Der Raum selbst wird weit über drei Meter hoch sein.

Susanne ahnt, dass die Sonne, die jetzt draußen scheinen muss, Helligkeit weitaus stärker zur Geltung bringt, als sie dies im Zimmer vermag.

Vier Betten befinden sich rechtwinklig zur Fensterseite, eines steht gegenüber an der linken Wand. Ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen ist in der Mitte vor den Betten platziert. Über jedem Bett ist eine Pinnwand an der Wand angebracht und zu jedem gehören ein kleiner Nachtschrank daneben und am Kopfteil des Bettes eine Leselampe. Für die Handtücher sind am Fußende kleine weiße Plastestangen mit Halterung übergehängt.

Auf den Bezügen, die aus festem Baumwollgewebe und gelb sind, liegen bunte karierte Wolldecken, die für das Ruhen am Tag verwendet werden können.

Neben dem Bett, welches einzeln steht, sind die Schränke angeordnet. Sie muten im Vergleich zu allem Anderen ziemlich modern an. An der rechten Wand neben der Tür fand ein Waschbecken mit einem Spiegel darüber Platz. Die Lampe hängt tief in den Raum hinein. Sie hat zwei Leuchtstoffröhren und Lamellenverkleidung.

Das Zimmer ist voll belegt.

Susanne beginnt, ihr Denken auf ihre Gefühle zu konzentrieren. Gedanken und Pläne, Besinnen auf ihren Mut und ihre Kraft sind erforderlich. Sie wird sich für eine bevorstehende schöne Zeit erholen.

Eine schöne Zeit wird sie haben. Dessen ist sie sich sicher. Die Intelligenz, die Fähigkeit zum logischen Denken besitzt sie noch. Neue Dinge warten auf sie. Ihre Perspektiven sind noch unerschöpflich groß. All das weiß sie.

Sie, eine mittelgroße Person im Alter von vierzig Jahren, ist vollschlank und trägt die dunkelbraunen Haare halblang. Wie alle in ihrer Familie hat sie schmale Augen, und diese haben die seltene Farbe grün. Sie trägt ganz nach ihrer Gewohnheit ein baumwollenes Nachthemd. Dieses ist weiß. Über der Plastestange an ihrem Bett hängen bunte Handtücher. Susanne benutzt immer zwei Duschtücher und ein kleines Handtuch. Die Duschtücher haben unterschiedliche Farben, damit Susanne sie auseinander halten kann. Neben ihrem Bett stehen Riemenschuhe, die sie auch zum Duschen benutzen kann. Der Bademantel, eher eine Jacke, ist knallgelb und liegt auf dem Hocker, der neben dem Bett steht.

Das Bett wird Susanne noch nicht verlassen, denn die Mitpatienten hassen einen Frühaufsteher, der sich nicht ruhig verhalten kann. Sich dieser Gefahr entziehend, ist sie geduldig, obwohl sie den Drang verspürt, sich zu bewegen.

Die Zeit nutzend, die ihr verbleibt, erinnert sie sich, schaut zurück auf ihr Leben.

Die Gedanken laufen in klaren Sätzen ab: - Blicke ich zurück, dann muss ich sagen, dass ich bis hierher auf der Sonnenseite des Lebens gestanden habe. Bezeichnend ist, dass ich mit vierzig Jahren weiß, dass ich alles schaffen kann, was ich mir vornehme. Während der sechs Jahre, während derer ich an der Krankheit leide, habe ich viel über mich selbst, über Symptome und Merkmale gelernt. Doch wenn die Angst kommt, brauche ich Hilfe. Auf Hilfe angewiesen, bin ich ein schwacher, ein kranker Mensch. Erkrankt für den Rest meines Lebens. Nicht Schmerz, nicht Tod sondern Angst ist mein Begleiter. Eine Angst, die mich zum Pflegefall werden lassen könnte. Mein Lebensziel besteht nun darin, dies zu vermeiden. Meiner Familie, der Gesellschaft und vor allem mir selbst bin ich das schuldig. -

Sie erinnert sich in diesem Moment auch an die Worte, die ein Arzt ihr einmal sagte: „Bei dieser Erkrankung sollte der Patient so viel über sie lernen, dass er in die Lage versetzt wird, sich selbst zu therapieren.”

Susanne fragt sich: - Weiß ich genug? Kann ich reagieren, wenn erste Anzeichen kommen. Doch ja, ich glaube schon. -, bewusst macht sie eine Pause, - Viele Menschen mögen mich. Im Laufe eines halben Lebens lernte ich einige kennen, zu denen ich treu stehe und die treu zu mir stehen. Wichtig ist nicht, in welcher Anzahl solche Personen vorhanden sind, sondern, dass Freunde da sind, ist wichtig. Denn sie bereichern das Leben ungemein. In der akuten Phase meiner Ersterkrankung konnte ich mich auf meine Familie und Freunde verlassen. -, ein großer Sprung der Gedanken war vollzogen.

Neben Luise, ihrer mittleren Schwester, hat Susanne noch zwei Schwestern und sie hat einen Bruder, zu dem sie Kontakt hat. Ein weiterer Bruder ist allen leider verloren gegangen - nicht tot, sondern weg, ja leider weit weg. Nicht die räumliche Trennung ist unüberwindbar, sondern die ideelle schlägt die Schneise. Er ist der Älteste der sechs Geschwister. Sein Name ist Fred. Susanne hat ihn seit der politischen Wende in der DDR nicht mehr gesehen. Das ist an die fünfzehn Jahre her. Fred verließ noch vor der deutschen Einheit die DDR. Er war in den unruhigen Tagen einer der Fordernden, nicht der Aktiven. Sein Wunsch nach einem materiell besseren Leben war ihm wichtig. Vielleicht ist ihm mit dieser Einschätzung nicht Genüge getan. Susanne weiß, dass Fred ein begabter, gescheiter Mensch ist. Er ist auch gut aussehend, groß, schlank, mit dichtem braunem Haar. Sie weiß aus seiner Vergangenheit, dass er äußerst sensibel ist. Vielleicht mehr als alle seine Geschwister zusammen und deren Sensibilität ist für sich genommen schon erstaunlich. Viele Erlebnisse hat sie auf Grund des Altersunterschiedes nicht mit ihm geteilt. Sie fragt sich manchmal, ob er nicht merkt, dass er etwas entbehrt.

- Die schönste Erfahrung in schweren Tagen ist wohl das Empfinden, nicht allein zu sein. -, denkt Susanne weiter.

Jetzt geht die dritte Nacht im Krankenhaus für sie zu Ende. Vor jeder Nacht ist Susanne aufgeregt, weil nicht klar ist, wie das Befinden am Morgen sein wird. Das resultiert ganz einfach daraus, dass am Abend das Neuroleptikum verabreicht wird, dessen Dosierung langsam angehoben wird. Das Bestimmen der Dosierung liegt in der Verantwortung der Ärztin. Susanne weiß über das Medikament, dass dessen Wirkung bei jedem Patienten anders ist. Sie weiß, dass sie eine hohe Dosierung braucht. Wie hoch sie sein wird, wird sich noch zeigen. Das Präparat erzeugt kein Suchtverhalten. Ein Ersatz durch ein Anderes ist möglich. Doch das komplette Weglassen der a-typischen Neuroleptika wird nie möglich sein. Deshalb nimmt Susanne auch die Nebenwirkungen in Kauf, das heißt, sie kann mit ihnen leben.

In ihrer Verantwortung liegt das Prüfen ihrer Symptome. Diese Prüfung ist notwendig, damit der Arzt anhand der Veränderungen über die Dosierung des Medikaments entscheiden kann. Susanne bekommt keinen Cocktail. Bei ihr sind gute Erfahrungen mit dieser Medizin vorhanden und der Spielraum bis zum Maximum der Verabreichung ist noch groß genug.

Nach dem tiefgründigen Nachdenken über das Leben beginnt Susanne, sich abzufragen: - Wie sehe ich mich heute? Der Schub ist nicht ganz bekämpft. Die Medikamente wirken. Die Stimme wird leiser. Aber sie sagt noch manchmal: „Missbraucht!“ -

Auch Susanne weiß nicht, warum die Stimme dieses Wort sagt. Von all den Wörtern, die in der deutschen Sprache gebräuchlich sind, hat sich das Gehirn dieses Wort ausgesucht, was ihm gefällt und was von ihm pausenlos verarbeitet wird. Der Geist weiß, was im Leben eines Menschen geschehen ist. Wir Menschen haben diesen Geschehnissen einen Hintergrund gegeben: “Erinnerungen”.

Wie jeder Mensch es tut, erinnert sich auch Susanne. Obwohl die negativen Erfahrungen in der Minderzahl sind, hat auch Susanne derartige Ereignisse durchlebt. Diesmal erinnert sich das Gehirn an den Missbrauch, den die Seele erfahren hat, als sie noch ein Kind war. Susanne weiß, dass diese Erinnerung nichts mit den Ereignissen zu tun hat, die zu dem eingetretenen Schub geführt haben. Sondern das Gehirn, und das hat sie begriffen, geht, wenn der Stress zu groß wird, seine eigenen Wege. Wege, die Susanne und ein gesunder Mensch nicht nachvollziehen können. Das Gehirn verselbständigt sich, denn Wissen besitzend kennt die graue Masse alles, was wichtig ist für ein Hirn, welches abnormal arbeiten will. Die akuten Verkettungen sind ganz anders. Sie sind anders als sie im gesunden Zustand ausgeführt werden. Oder sollte eher gesagt sein, das Naturgemäße in Susannes Kopf kann sich steuern lassen und kann aus den “Fugen” geraden, genau wie der Flug der Neutronen bei einer Kernspaltung, die gesteuert und ungesteuert sein kann. Jetzt ist irgendetwas im Gehirn, das die Reize anders über die Synapsen schickt als bei einem wohlgeordneten Denkprozess. Bei Susanne ist das Gehirn in der Lage, geordnet zu denken und dennoch unkontrollierte Wege zu gehen. Offen auf der Hand liegt, dass die Einflüsse von außen vielfältiger waren und daraus entstand die “Belästigung” für Susanne. Das Gehirn benutzt ein Wort, dass irgendwo abgelegt war und wiederentdeckt wurde, und gibt ihm dazu noch eine Stimme. Die Stimme entnimmt das, was sie sagt, Susannes verletzter Seele.

Susanne wurde in bezug auf sich mit dem Wort “mißbraucht” erstmals konfrontiert, als sie einen Lebenslauf für die ärztliche Behandlung schrieb und dann darüber gesprochen wurde. Eine Ärztin sagte damals zu ihr: “Sie wissen schon, dass das ein Missbrauch war?” Susanne war verwundert. Sie wäre nicht darauf gekommen, das geschehene so zu benennen. Aber sicher hinterließ dieses Wort, dass die Stimme jetzt benutzt, einen Abdruck in Susannes Gehirn.

Die Stimme, die sie hört, ist vertraut und sie ist sanft. Die Stimme klingt wie die, welche ihr gehört und sie hofft, dass diese bald dem Gedanken der Hoffnung unterlegen ist. Dem Gedanken: „Das Leben wird wieder schön sein.”

Obwohl Susanne die Aneinanderreihung der Buchstaben noch hört, - hört sie diese überhaupt? Oder nimmt sie sie nicht vielmehr als dumpfes Tönen wahr? - scheint ihr, als ob das Gehirn schneller die “normalen” Bahnen wieder findet. Die Psychose hat nicht gesiegt. Das dritte Mal, dass sie zum Ausbruch kam. Chronisch paranoide Schizophrenie ist die Diagnose.

Einmal gab die Krankheit Susanne für einen kurzen Moment die Möglichkeit zu denken, sie könnte die Welt durch ihr Verhalten erhalten. Ein großer, sie überfordernder, weiter Gedanke. Eine verrückte Idee, die Susanne in die Irre trieb.

Sie denkt weiter nach: - Wahnsinnig, irre, verrückt - war ich das wirklich? Bin ich das wirklich? -

2

Vor knapp fünf Minuten war eine der Frühschwestern da und hatte alle, in der ihr eigenen guten Laune, geweckt. Im Zimmer bricht Unruhe aus.

Der Tagesplan an den Wochentagen ist am Morgen knapp bemessen. Wecken, Körperpflege 20 Minuten, Frühsport 15 Minuten, Frühstück 20 Minuten. Die erste Therapie beginnt um acht Uhr. Alle müssen sich ranhalten.

Heute jedoch ist Sonnabend und alles geht langsamer.

Die vier Mitpatienten wollen aufstehen. Susanne prüft immer noch ihre Empfindungen, jetzt mit einer stille Befragung: - Was sagen die Gedanken? Sie sind geordnet. Was werde ich heute an diesem Tag, an dem ich einsam sein werde, tun? Erst einmal nehme ich das Frühstück ein. Dann wasche ich meine Wäsche. Mich wird heute niemand besuchen. Das wollte ich so. Heute wird im Ort ein Reitturnier veranstaltet. Verschiedenes muss ich noch einkaufen. Auf Station wird Ruhe sein. Fast alle Patienten gehen in die Belastungserprobung. -, Belastungserprobung heißt, sie sind zu Hause, - Gut jetzt stehe ich auf. -

Susanne nimmt ihre Handtücher von der Stange hinter dem Bett und verlässt das Zimmer. Nicht wie zu Hause gewohnt, morgens zu duschen, ändert sie beim Aufenthalt in der Klinik den Tagesablauf und duscht am Abend. Nach dem Aufstehen wäscht sie sich im Waschraum, dem “Frauenbad”, am Waschbecken und putzt die Zähne. Sie hasst diesen Waschraum, der nicht einmal ständig geöffnet ist, sondern nur für die Zeiten der Körperpflege aufgeschlossen wird. Für 12 weibliche Patientinnen sind nur zwei Duschbecken und vier Waschbecken vorhanden. Eine Wanne, die nicht benutzt werden kann, weil ständig Wäsche auf einem Ständer, der auf den Rändern steht, getrocknet wird, ist vollkommen überflüssig. In dem schmalen Gang, der zwischen den Duschbecken links und den Waschbecken rechts verbleibt, steht noch ein Wäscheständer, auf dem gewaschene Bettdecken getrocknet werden. Eine Waschmaschine befindet sich ebenfalls mit im Raum. Die Sauberkeit lässt zu wünschen übrig. Susanne lässt sich heute mehr Zeit im Bad. Am Sonnabend und auch am Sonntag findet kein Frühsport statt, sondern das Frühstück wird gleich gereicht. Zu den frischen Brötchen, die Sonnabend angeboten werden, das weiß sie, steht als Belag Marmelade und Wurst zur Verfügung. Dazu erhält jeder Patient eine Tasse dünnen Kaffee. Die Brötchen sorgen bei Susanne für so etwas wie Vorfreude.

Als Susanne den Frühstücksraum betritt, sind die meisten Patienten schon beim Essen. Vor der Ausgabe stehen nur noch drei Personen. Als sie endlich ihr Doppelbrötchen auf dem Teller hat, geht Susanne zu ihrem Platz.

Susanne ist der letzte Neuzugang. Sie hört, wie die Anderen, die schon länger in der Klinik sind, letzte kurze Gespräche über Hoffnungen, Ängste und Erwartungen, für das Wochenende austauschen.

Ihr ist bisher aufgefallen, dass die Gruppe nicht so stark ist. Das könnte daran liegen, dass die Gruppen im Februar und März schon weiter mit der Bewältigung der jeweiligen Krankheitsbilder waren. Über das Zuhören und Nachdenken vergisst Susanne ganz, dass sie die Räumlichkeiten hier abscheulich findet.

Die Patienten sitzen im Erdgeschoss eines Gebäudes aus dem letzten Jahrhundert. Der Putz des Gebäudes bröckelt. In den Frühstücksraum gelangen sie durch einen langen dunklen Gang. Auch hier hängen dichte Gardinen, die nicht schön anzusehen sind. Der Gang mündet in einen Raum, der links und rechts Fenster besitzt. Vor den Fenstern stehen Stühle. Zum Teil weisen diese große Gebrauchspuren auf, das heißt, sie sind schmutzig. Der Raum wird von zwei Reihen Röhrenlampen beleuchtet.

Trotz der Fenster muss das Licht ständig brennen, da das Gebäude von hohen Bäumen umgeben ist. Der Fußboden ist mit Kunststoffbelag ausgelegt. Er trägt ein dunkles Muster. Auf der dem Eingang gegenüber liegenden Seite endet der Raum an einer großen Glastür. Im Raum, rechts neben der Tür, steht ein funktionsfähiges Klavier. Auf der anderen Seite sind zwei Schränke aufgestellt. Oben auf liegen Reifen und Medizinbälle. Fast in der Mitte des Raumes hängt ein Box-Sack, der hochgezogen ist, weil sich eine Tischtennisplatte breit gemacht hat. In der Woche wird der Raum auch für den Frühsport genutzt, der von Montag bis Freitag halb sieben hier stattfindet. Hinter der Glastür schließt sich ein zweiter Raum an. Hier nehmen die Patienten ihr Essen ein. Zwei lange Tischreihen, umringt von Stühlen füllen den Raum. Die Gänge, die bleiben, sind sehr schmal. In der Mitte der Tische sind Tischtücher aus brauner Baumwolle übergehängt. Dort befinden sich irdene Gefäße, die mit Papierhandtüchern ausgelegt werden. Die Gefäße wurden irgendwann einmal von Patienten hergestellt. Dorthinein verschwinden die Tischabfälle. Der Belag, die Beleuchtung, die Fensterreihen ähneln denen im Vorraum. Hier besitzen die Stühle ebenfalls Gebrauchspuren. Auch dieser Raum hat einen zweiten Ausgang der Glastür gegenüber. An den beiden Wänden neben diesem Ausgang hängen links Wandzeitungen und rechts befindet sich das Schiebefenster der Essenausgabe. Zu den Mahlzeiten reiht sich dort eine Schlange zwischen der äußeren Stuhlreihe und den Fenstern auf. Eigentlich ist der Platz dafür zu eng, so dass Mitpatienten, die dort ihren Sitzplatz inne haben, warten müssen, bis die anderen ihr Essen erhalten haben.

Am Schalter wird nicht nur das Essen ausgegeben, sondern zum Frühstück und zum Mittag auch die Medizin.

Die Schwestern, die die Aufgabe der Essensverteilung übernehmen, benutzen für die Medikamente ein Brett, wo Namenskarten eingesteckt werden können. Diese Kärtchen beschriften die kleinen Becher, für die in das Brett Löcher eingelassen worden sind. Die Medizin wird immer nach der Mahlzeit ausgegeben.

Nach dem Essen beginnt die Arbeit des Tischdienstes. Der Tischdienst betritt die Küche durch eine Tür rechts vom Gang. Das Geschirr geben die Patienten nach dem Essen an der Ausgabe wieder ab. In der Küche wird der Geschirrspüler beladen. Einzelne Dinge werden am großen Spülbecken gereinigt. Die Küche wird auch als Therapieküche genutzt. Hier wird einmal die Woche Kuchen gebacken und manchmal etwas gekocht. Der Fliesenfußboden ist rot und sehr alt. Vor den Fenstern steht der Herd. Außerdem gibt es noch Schränke für das Geschirr und für Lebensmittel. Der Tischdienst wischt die Küche täglich nach dem Mittagbrot. Nach Erledigung aller Tätigkeiten in der Küche, wird diese verschlossen. Zutritt haben nur die Männer, die das Essen für die Patienten anliefern.

Susanne hört den Unterhaltungen konzentriert zu. Sie muss in der Gruppe noch ihren Platz finden.

Ihren physischen Platz hat sie gefunden. Das ist meist ein peinliches Unterfangen. Der neue Patient steht im Raum. Er wartet bis sich alle gesetzt haben, um zu sehen, welche Plätze noch frei bleiben. Hat er sich für einen Platz entschieden, behält er ihn bis zur Entlassung bei.

Doch was wird mit ihren Kontakten in der Gruppe. Obwohl Susanne wenige davon braucht, sucht sie doch Anschluss. Einer dominanten Person würde sie sich jedoch nie unterordnen. Aufgefallen ist ihr bisher eine Frau, die sehr bestimmend zu sein scheint. Diese ist nicht sehr groß, kleiner als Susanne, die 1,68 Meter misst. Sie führt auch an diesem Morgen das Wort. Sie redet viel über ihre Vergangenheit. Meist ist sie chic gekleidet, heute auch. Sie trägt ein Skinkli-Hose und eine helle Bluse. Das Haar ist lockig und hellbraun. Eine Brille mit runden Gläsern sitzt auf ihrer Nase.

Susanne sinnt nach, ob sie sich von dieser Person fernhalten soll. Dafür entscheidet sie sich auch.

Am Ende des Tisches, an dem Susanne Platz genommen hat, sitzt ein stattlicher Mann. Er hat breite Schulter und wenig Haare. Sein Oberkörper sitzt nicht gerade, sondern scheint unter einer Last gebeugt. Von ihm weiß Susanne, dass er aus den alten Bundesländern gekommen ist. Seine eigentliche Heimat ist hier ganz in der Nähe, wo er auch behandelt werden wollte. Ein Schicksalsschlag hat ihn so gebeugt. Gern würde er seinen Beruf als Fernfahrer wieder ausüben.

Die Frau, die auch mit Susanne im Zimmer ist und die ihr gegenüber sitzt, redet viel. Das entspricht nicht Susannes Naturell. Susanne ist eher ruhig und besonnen. Dennoch fühlt sie sich zu dieser Person hingezogen.

Am ersten Morgen, als sie eine Viertelstunde vor dem Wecken aufgestanden war, ist sie von ihr zusammengestaucht worden. Susanne hat sich angewöhnt, über solche Zwistigkeiten hinweg zusehen und sich auf sich zu konzentrieren. So erkannte sie auch die Möglichkeit, dass diese Frau ihre Vertraute werden könnte. Sie heißt Ilse. Ilse und Susanne unterhielten sich. Ilse erzählt von ihrem Mann, den sie, so kann ihren Erzählungen entnommen werden, abgöttisch liebt. Ilse würde also gleich geholt werden und Susanne war darüber etwas traurig.

Neben Ilse sitzt noch eine Patientin aus dem gleichen Zimmer. Sie ist schon älter, vielleicht schon Rentnerin. Susanne fühlt, dass diese Frau sie meidet. Später sollte Susanne den Grund dafür erfahren. In einer Gruppenveranstaltung, in der Sausanne bilanziert wird, erfährt sie die Ursache.

Eine Bilanzierung ist eine Art Zwischenergebnis, die den Mitpatienten die Möglichkeit gibt, sich offen über die Eindrücke, die sie von dem Patienten, der bilanziert wird, gesammelt haben, zu äußern.

Der besagten Frau ist nicht möglich, an Susanne eine Krankheit zu erkennen. Sie denkt, Susanne wäre gar nicht krank. Wird aber durch einen Gefühlsausbruch, der Susanne ereilt, eines Besseren belehrt. Susanne bricht in Weinen aus, als sie ihren Tagesbericht in den Berichtshefter schreibt. In einer Art Tagebuch werden Gefühle und Empfindungen festgehalten. Das Schreiben gehört zur Therapie. Es ist etwas über ihre Liebesbeziehungen gewesen oder vielleicht etwas über den Missbrauch.

Während der Gruppenvisite sagt die Mitpatientin, dass sie erkannt hat, dass Susanne sehr gut mit der bei ihr vorhandenen Erkrankung umgehen kann. Von diesem Zeitpunkt an wurde auch das Verhältnis zwischen beiden enger.

Susanne hört also, was die Anderen am Wochenende tun werden. Selbst freut sie sich noch einmal über das frische Brötchen, dass gerade auf ihrem Teller gelandet ist. Auch die Tasse, die zwar eine heiße Flüssigkeit, aber weniger einen Kaffee enthält, ruft eine angenehme Erwartung hervor. Heute ist sie die Letzte beim Frühstück und übernimmt auch den Tischdienst.

3

Anfang Mai will Sausanne noch für zwei Wochen in der Klinik bleiben. Ihr Ziel für den Aufenthalt ist, stabil zu werden. Dieses Mal löste positiver Stress, dem ihr Gehirn nicht gewachsen war, den Schub aus und dieses ging wieder seinen eigenen Weg.

Stellt sie Fragen nach den Ursachen des Schubes, so muss sie sich fragen: - Wie war der Beginn? Was war heute anders als beim letzten Mal? Was war gleich? -

Der letzte Schub ist erst drei Monate her. In seiner Folge fehlte die Konzentration und Susanne war hochgradig sensibel. Jetzt, zum ersten Mal hört Susanne eine Stimme, die fortwährend redet, egal was auch immer Susanne tut. Bis hierher konnte sie sich nicht vorstellen, was das heißt, eine Stimme zu hören. Dabei ist sie sich, wie schon erwähnt, nicht sicher, ob “Hören” die richtige Bezeichnung ist.

Während den Gruppentherapien stellten oft Patienten ihre Krankheit damit dar, Stimmen zu hören. Soweit ihre Darlegungen Susanne erreichten, hatte sie darüber nachgedacht, welches Krankheitsbild wohl zu diesen Patienten passen würde. Nie hätte sie gedacht, dass das ein Symptom einer schizophrenen Erkrankung sein könnte.

Nun da bei ihr die Vergangenheit gedanklich wieder aufgeht, Dinge, die längst verarbeitet waren; Verletzungen, enttäuschte Gefühle, im Gehirn wieder aufleben und nicht die Möglichkeit besteht, an ihnen vorbei zu denken, “hört” sie die Stimme.

Fragen sind zu stellen, um zu lernen, mit der Krankheit umzugehen, zu lernen, sich zu beobachten. Vergleichbar einer Befragung, die zum Ziel eine Art Forschungsarbeit hat. Eine Arbeit, die zu leisten ist.

Susanne träumt heute oft von der Suche nach einem Thema für ihre Diplomarbeit. Im Traum sucht sie schwere Inhalte und Formulierungen. Sie kommt nicht an das Thema heran, weil sie am Ende nicht in der Lage ist, den ausgedachten Stoff zu bearbeiten. Sie quält sich. Sie schiebt die Bearbeitung vor sich her und findet keinen Anfang.

Ähnlich war der Zustand während der Ersterkrankung. Sie hatte ein schweres Thema und war nicht in der Lage, dieses zu verstehen, geschweige denn eine Lösung anzubieten. Unweigerlich zerbrach sie daran.

Im Februar und im März, hatte Susanne, die Erfahrungen gesammelt, den schweren Stoff zu bearbeiten. Susanne konnte ihre Aufenthalte auf jeweils zwei Wochen beschränken. Nach dieser kurzen Zeit war Susannes Seele wieder im Lot. Sie hatte sich jedoch einen “Reizüberschuss” organisiert. Die Synapsen waren überfüllt.

In der Klinik hatte sie sich in einen Mann verliebt. Bis dahin dachte sie, sie könnte sich nicht neu verlieben oder vielmehr keinen anderen Mann lieben.

Wie verliebt sich ein “normaler” Mensch? Für Susanne verliefen die beiden Male ihres großen Verliebtseins ähnlich: Sie traf auf einen Mann. Dieser Jemand war ihr sofort sympathisch. Ab der ersten Minute wusste sie, dass sie ihn näher kennen lernen wollte. Zeit mit ihm zu verbringen, wäre ganz normal gewesen. Ein gemeinsames Interesse aneinander entwickelte sich. Eine aufregende Zeit brach an.

Ein Gefühl war vorhanden, das sich wie Glück anfühlte. Susanne empfand sich als schön, als einzigartig. Am Ende wäre vielleicht die Liebe gekommen. Doch dann befand sie sich zweimal in einer Dreiecksbeziehung.

“Warum gerade der eine Mensch geliebt wird, wer weiß das schon so genau.”, waren die Worte eines Mannes, der trotz dieser Ansicht Susannes Leben für immer verändert hat.

Sie ist nicht dieser Meinung. Sie war sicher zu wissen, warum sie liebte. Er war ihre große Liebe. Susanne wusste, dass sie bis da kein einziges Mal richtig geliebt hatte. Sie wusste das, seit der Zeit, da die Liebe zu ihr kam. Doch das Gefühl des Glücks musste schnell der Aussichtslosigkeit weichen. Eine Zeit des Leidens begann. Ein Leiden, dass Susanne verletzbar gemacht hat. Ein Leiden, dass vielleicht durch die Dauer seines Bestehens Susanne zu einer schwachen Person gemacht hat.

Jetzt ist Susanne krank. Sie hat eine Erkrankung, die vom “Normal” abweicht, vor allem vom “Normal” im Gehirn. Theoretisch weiß sie, dass positiver Stress für sie genau so ein Gift ist, wie negativer. Doch sie wusste nicht, wie sich das anfühlt, wie er auf den Verlauf der Krankheit wirkt.

Woher sollte sie ahnen, dass, wenn sie sich verliebte, etwas ausgelöst wurde, das den Verlauf ihres seelischen Empfindens veränderte. Ihr stand nichts im Weg, um sich neu zu verlieben. Nur eine große Überwindung war notwendig. Eine Kluft, die sie von einer längst hoffnungslosen Verbindung trennte. Sie musste sich verabschieden, sich frei machen. Mit einem Weinkrampf, den sie in Einsamkeit erlebte, konnte Susanne ihre Seele reinigen und sie öffnen. Sie hatte sich lange dagegen gesträubt.

Sie wollte sich nicht verlieben. Sie wollte, unsinnig war das, dem Mann treu bleiben, der ihr Leben verändert hatte. Sie wollte ihm ihr Leben lang treu bleiben. Doch sie gestand sich ein, dass jetzt die Zeit gekommen war, die “Treue” zu beenden.

Sie weiß heute, dass dieser Mann zu dem Zeitpunkt, da sie sich ihn aus dem Herzen gerissen hatte, schon wieder verheiratet war. Damals wusste sie nichts davon und wartete noch immer auf ihn. Sie weinte nicht mehr täglich vor Sehnsucht. Die Krankheit hatte sie davon befreit. Aber sie dachte jeden Tag an ihn.

Als neuer Charme und bessere Liebenswürdigkeit sie in ihren Bann gezogen hatten, musste sich Susanne eingestehen, dass sie verliebt war. Sie zog sich zurück in ihr Patientenzimmer, sie hatte zu dieser Zeit eines für sich allein, und weinte. Danach war sie mit sich im Reinen und liebte erneut. Die Unbeschwertheit dieses Gefühls hielt lediglich zwei Wochen an, nämlich die Zeit, die sie noch in der Klinik verbrachte, und eine Woche danach.

Schnell stellte sich bei Susanne die Angst ein, wieder enttäuscht zu werden. Wenn Enttäuschungen durchlebt sind, benutzt die Krankheit diese, eine erste Fragwürdigkeit festzustellen, so dass die Angst kommt. Das bedeutet nicht, dass ein Mensch mit einer schizophrenen Erkrankung nicht in der Lage wäre, zu lieben, sondern die Verhältnisse, unter denen er liebt, sollten klar und einfach sein. Aber gerade beim Verlieben achtet niemand darauf, ob die Verhältnisse klar und einfach sind. Die Verhältnisse sind da, ob sie wahrgenommen werden oder nicht. Schließlich befindet man sich in einer komplexen Situation. Diese kann ein Mensch, der paranoide Gedanken entwickeln kann, nicht steuern, denn verliebt sein, ist das eine Gefühl, was da ist, aber dem sich nach und nach einstellenden Gefühl der Angst, ist kein Anderes überlegen.

Fragen, wie: „Wird er zu mir stehen? Wird er aus seiner unintakten Beziehung herausfinden. Wird er dazu Kraft haben?“, entstehen.

Die Zweifel nahmen überhand. Die Gedanken blieben an dem Abzuwägenden hängen. Keiner gab Antworten, und deshalb drehte sich alles immer nur um das eine Problem. Schließlich rückte eine Ahnung näher, dass nicht mit einem Happy End zu rechnen war. Dies war eine grausame Erkenntnis. Kurz dachte Susanne daran, dass Leben aufzugeben. Nur einen kleinen Augenblick entrückten die Sinne zu dieser Möglichkeit.

Plötzlich war die Symptomatik offensichtlich. Die Verantwortung lag bei Susanne. Sie musste erkennen, dass kein Weg an der Klinik vorbei führte.

4

Susanne ist eine Woche aus der Klinik zu Hause zurück. Obwohl sie bereits berentet ist, geht sie einer freiberuflichen Tätigkeit in ihrem Beruf nach. Gewöhnlich beschränkt sie die Anwesenheit im Büro auf vier Stunden. Deutlich merkt sie, dass die Konzentration abnimmt.

Sich konzentrieren zu können, ist zu diesem Zeitpunkt wichtig. Denn unmittelbar vor dem Klinikaufenthalt belegte Susanne einen Kurs. Eine Prüfung steht bevor. Susannes Ziel ist das Erlangen des Sportbootführerscheins für Binnengewässer, für Boote mit Antriebsmaschine und unter Segeln. Für diese Prüfung hat sie sehr viel zu lernen. Im Gegensatz zu den Prüfungen für das Fahren auf der Straße, bei denen das Tipp-Verfahren zur Anwendung kommt, sind die Fragen verbal zu beantworten. Über dreihundert Sachverhalte sind zu beherrschen.

Der Stress erhöht sich von Tag zu Tag, da Susannes Hoffnungen auf eine Beziehung abnahm. Wieder findet ein Mann nicht den Mut, sich für Susanne zu entscheiden.

Die nun einsetzende fast schon “gewohnte” Qual ohne Bezug zu den objektiven Verhältnissen beginnt von Neuem. Grübeln, Weinen, achtlos sein, nehmen zu. Die Angst nimmt ihr förmlich den Atem. Sie bringt Susanne wieder an den Punkt, nicht mehr allein bleiben zu können.

Ein lautloser Schrei nach Hilfe stellt sich ein, ein Krampf: - Hilfe, ich brauche Hilfe. Nein, jetzt nur nicht allein sein. - Ihre Gedanken kreisen nur um ein Problem. Sie nimmt ihre Umwelt nicht mehr wahr. Schlaf ist nicht zu finden: - Jetzt kann ich nicht allein sein. - Die massiven Ängste sind die Vorstufe paranoiden Denkens.

Susanne ist zu Hause. Der Griff geht zum Telefon. Luise, ihre Schwester, ist daheim. Sie reden kurz miteinander. Luise fordert Susanne auf, zu ihr zu kommen. Sie weiß sofort über Susannes Zustand Bescheid. Sie weiß, dass Susanne seit dem letzten Wochenende die Zahlen nicht mehr addieren kann, weil die Konzentration fehlt. Sie weiß auch, dass Susanne schon geweint hat.

Als sie, Susanne, bei Luise eintrifft, sieht Luise besorgt aus. Sie sagt nichts. Doch Susanne sieht, wie ihre Schultern hängen, wie der Blick ganz von Sorgen getrübt ist.

Luise ist sechs Jahre älter als Susanne und etwas kleiner. Sie hat einen Kurzhaarschnitt. Das passt besser zu ihrem beleibten Körper. Die gefärbten Haare wirken sehr natürlich. Nur ein paar Strähnen fallen farblich aus dem Rahmen. Zu Hause ist Luise immer leger gekleidet. Heute trägt sie ein Big-Shirt. Das ihr sonst eigene Lächeln fehlt.

Sie wohnt in Moritzburg, dem Ort, in dem beide zusammen mit den Geschwistern aufgewachsen sind. Die sechs Geschwister wohnten mit ihren Eltern in einem kleinen Haus in ruhiger Lage. Die Kindheit war behütet. Im Elternhaus wohnt heute noch die Mutter.

Susanne findet Luise in der Küche vor. Sie kocht gerade das Essen. Die Kinder sind noch nicht da. Sie hat für sich und ihre drei Kinder ebenfalls ein Haus. Luise ist geschieden und zieht die drei Kinder allein groß. Sie ist eine starke Person, die sich aber nach Geborgenheit sehnt.

Beide, Luise und Susanne, haben nicht viel zu sprechen. Schließlich wissen sie, was los ist. Für beide vergeht das Wochenende in Besorgnis.

Montag quält sich Susanne in das Büro. Nichts geht mehr.

Die Konzentration ist total flöten gegangen. Susanne kann das Programm auf dem Rechner nicht mehr bedienen, sie kann nicht lesen. Dienstag wird der letzte Tag sein, an dem sie in ihrem Leben für Geld arbeiten wird. Eine gestellte Aufgabe ist bis zum Abend zu lösen. Susanne ist verzweifelt, denn völlig klar ist ihr, sie wird die Lösung nicht schaffen. Ihre Ängste teilt sie ihrer treuen Kollegin, Frau Schwab, mit, die aus ihrem mit in dieses Büro übernommen worden ist, als Susanne vor dreieinhalb Jahren aufgab.

“Frau Schwab, ich kann mich nicht konzentrieren. Die gestellte Aufgabe kann ich nicht lösen. Um zwei müsste ich eigentlich gehen, wenn ich mich an das Versprechen, das ich meiner Ärztin gegeben habe, halte. Was soll ich nur tun?”, äußert sie verzweifelt.

Frau Schwab, die ebenfalls weiß, was Susanne so beunruhigt, sagt bestimmt: “Sie müssen gehen, Frau Scharf.”

Susanne ist sich bewusst, dass nur das in Frage kommt. Sie hat nur eine Bestätigung gebraucht. Sorgenvoll räumt sie ihren Schreibtisch auf. Sie hat Bedenken, als sie dann im Zimmer des Kollegen ihren Mantel holen muss. Was würde er sagen. Am Abend dieses Tages braucht er das Arbeitsergebnis für ein Mandantengespräch.

Sich von Frau Schwab verabschiedend, rafft Susanne ihren Mut zusammen. Die Kraft, die ihr dieser Mut gibt, würde dahin geschmolzen sein, wenn der Kollege sie ansprechen würde.

Sie verlässt ihren Arbeitsplatz und geht aus dem Zimmer, in dem sie mit Frau Schwab arbeitet. Beide verbindet seit Susannes Ersterkrankung eine innigere Verbindung als sie unter Kollegen üblich ist. Susanne durchschreitet den Gang, biegt rechts in das Sekretariat ab und ist im Zimmer des Kollegen. So schnell als möglich nimmt sie ihren Mantel. Mit großer Verwunderung stellt sie fest, dass sie nicht angesprochen wird. Endlich auf der Straße angekommen, atmet sie auf. Allein bleiben kann sie nicht. Wieder fährt sie zu ihrer Schwester. Dort sind die Gedanken einigermaßen geordnet. 19.00 Uhr begibt sie sich auf den Weg nach Hause.

Wütend auf sich selbst, weil sie ihre Schwester so oft in Anspruch nimmt, ist sie schon. Den Jahresurlaub, den Luise hat, braucht sie dringend für sich selbst.

Susanne müsste mit ihren Erfahrungen wissen, dass eigentlich alles schon zu spät ist. Der richtige Aufenthalt für sie wäre das Krankenhaus. Natürlich hat sie vorsorglich für den nächsten Tag einen Arzttermin vereinbart und nimmt diesen auch wahr. Das Gespräch bei der Ärztin lässt noch einmal Hoffnung aufblühen, dass sie nicht auf verlorenen Posten steht, was ihre Liebe betrifft. Sie, die Ärztin meint, dass durchaus noch möglich ist, dass sich der Auserwählte anders, für sie entscheidet. Er braucht, dieser Meinung ist Frau Groll, die Ärztin, Zeit für seine Entscheidungen. Sie hatte bei ihm beobachtet, dass er keine übereilten Entschlüsse trifft.

Ein wenig beruhigter verlässt Susanne Radebeul wieder. Sie ist entschlossen. Sie sucht sofort das Büro auf, denn sie hat sich entschieden, das Arbeiten aufzugeben. Diese Entscheidung beseitigt einen Teil des Druckes. Sie geht sofort in das Zimmer ihres Kollegen, dem offensichtlich ein klärendes Gespräch ebenfalls vorschwebt.

Susanne grüßt und kommt sofort zu ihrem Anliegen: ” Ich würde gern heute aufhören, zu arbeiten.”

“Genau das habe ich ihnen vorschlagen wollen”, hörte sie, “Das sie alle paar Monate in das Krankenhaus gehen, kann nicht sein.”

Susanne weiß, dass diese Feststellung nicht bedeutete: “Sie schaffen zu wenig.”, sondern, dass er das mit dem Krankenhaus nicht länger erträgt. Schließlich hatte der Kollege vor vier Jahren einen Versuch mit ihr unternommen, als sie gar nicht arbeiten konnte.

“Gut dann räume ich meinen Schreibtisch aus und übergebe ihnen die offenen Vorgänge.”, alles ist gesagt, keine Unstimmigkeit liegt vor.

Susanne hat aufgehört, berufstätig zu sein. Sie empfindet noch einmal die große Dankbarkeit dem Kollegen gegenüber. Er war stets loyal. Er hatte sie mit in sein Büro übernommen, obwohl sie bei der Übernahme der Mandanten durch ihn gar nicht in der Lage gewesen war, Mandate zu betreuen. Er hatte große Geduld mit ihr, als sie nicht das Geringste erreichte. Er erhöhte das Pensum, als sich Susanne zu stabilisieren begann, was unweigerlich zur Überlastung Susannes führte. Am 2. Januar 2001 hatte Susanne begonnen, bei ihm zu arbeiten. Die Regelmäßigkeit war für ihr sonst noch so leeres Leben gut. In diesem Augenblick hat Susanne noch keine Vorstellung davon, wie nun ihr Leben verlaufen soll. Wie soll sie Inhalt in ihren Tagesablauf bekommen? Sie hatte nicht einmal die Zeit, sich diese Frage zu stellen, bevor ihre Entscheidung feststand, den Beruf aufzugeben. Ganz andere Wahrheiten beherrschen sie jetzt. Sie hat sich im Zaum zu halten. Doch da ist viel, viel Zeit. Wie soll Susanne diese Zeit totschlagen?

Auch an diesem Nachmittag sucht sie erneut Luise auf und die weiß, in Susannes Kopf ist zu viel Dopamin. Doch darüber sprechen sie nicht.

Am nächsten Tag, Donnerstag, geht nichts mehr. Schon früh versucht Susanne mit ihrer Schwester zu telefonieren. Sie ist nicht da. Ist nicht zu Hause. Susanne fällt nicht ein, wo Luise sein könnte. Wenn sie jetzt nicht allein bleiben will, muss sie ihre Mutter aufsuchen. Susanne ist klar, dass das nicht die Ideallösung ist. Aber der einzig richtige Ort für ihren Aufenthalt wäre ohnehin das Krankenhaus.

- Jetzt nur nicht allein sein. Mutti, du musst mit mir spazieren gehen. Gut. Spazieren, Spazieren ist gut. -; ohne vorher zu telefonieren fährt Susanne mit dem Auto die 15 km Entfernung. Ihre Mutter ist zu Hause. Diese ist erstaunt, dass Susanne sie so früh aufsucht. Vielleicht ist sie sogar in der Lage, deren Zustand zu ahnen. Doch sie würde nie etwas dazu sagen.

Eine kurze Erklärung hält Susanne für erforderlich und so beginnt sie mit dem Sprechen: “Mein Befinden ist schon drei Tage schlecht und deshalb kann ich nicht allein bleiben. Würdest du mit mir zum See nach Radeburg fahren und eine Runde spazieren gehen.”

Die Mutter, eine Frau von 71 Jahren, ist eine kleine Person. Wie alle älteren Damen trägt sie die Haare dauergewellt. Die Farbe der Haare geht langsam in ein schönes Grau über. Die Augen sind meist glasig. Laufen fällt ihr nicht leicht. Sie ist vollschlank. Die Beine wölben sich. Bauch, Beine und Po haben ein straffes Bindegewebe. Ihre Figur ist ein schöner Anblick. Sie ist eine resolute, engagierte Person. Ein “Ja” von ihr zu bekommen, ist nicht leicht.

- Hoffentlich ist ihr Tag nicht schon verplant. -, der Gedanke Susannes ist mit einer nicht zu ertragenden Befürchtung behaftet. Nein, sie lässt sich überreden. Susanne schlägt einen Spaziergang um den Stausee vor. Das bedeutet wieder eine Autofahrt von fünf km. Der Spaziergang geht nur schleppend voran, obwohl das Wetter gut ist. Der Weg um den gesamten See ist nicht zu schaffen. Irgendwann müssen beide umkehren.

Susanne begreift, dass sie der Spaziergang nicht von der Angst trennt, die keine Vielfalt der Gedanken zulässt. Die Gedanken drehen sich nur um ein Problem. Der Hinterkopf kreist. Die Bewegung im Kopf ist bekannt. Das Gehirn fließt. Ja, fließend, in einem langsamen Strom von links nach rechts und genauso langsam von rechts nach links, bewegt sich das Gehirn. Das Denken geht nicht mehr zu Ende. Die Schleife ist unterbrochen.

Eigentlich mündet alles in einem Gedanken: - Auf verlorenen Posten stehe ich. Missbraucht. Leben will ich nicht mehr. -

Ein Gehirn das fließt? Ja, ein Gehirn das fließt.

Egal was Susanne sagt, antwortet, nichts bildet sich ab, die Leinwand im Gehirn fehlt, weil sie schwimmt. Ein hohler Widerhall ist zu vernehmen, wie wenn dort im Gehirn ein riesiger leerer Raum wäre. Dumpf, das Geräusch ist dumpf. Abgebildet werden nur die Gedanken, die mit der Enttäuschung einhergehen. Spätestens jetzt haben die Symptome nichts mehr mit irgend etwas aus dem kürzlich Erlebten zu tun. In diesem Moment hat Susanne nur sogenannte Positiv-Symptome. Genau in diesen Zustand wollte Susanne nicht geraten. Ein Teufelskreis schließt sich. Angst zu erkranken, treibt den Betroffenen automatisch in die Positivsymptomatik und diese ist geprägt von einer anderen Art Angst. Diese heizt den Wahn an.

Mutter und Tochter sind jetzt ungefähr drei Stunden zusammen. Susanne trifft der Schlag, als ihre Mutter auf einmal verlautbart, dass sie Hunger hat: - Wie kann sie Hunger haben. Mir schwimmt das Gehirn und sie denkt an Hunger. Essen, Essen wäre das Letzte, an was ich jetzt denken könnte. Sie wird nervig. -

Ganz im Ernst hätte Susanne sie gern von ihrer Seite getrennt gesehen. Sie hat ihre Mutter in Anspruch genommen und muss da hindurch. Innerlich befiehlt sie sich Ruhe. Praktisch möglich ist das gar nicht. Eine große Anspannung kommt zu den kreisenden Bewegungen des Gehirns dazu. Der ganze Nacken verspannt sich. Die Bewegungen werden motorisch. Wenn nur die eigenen Probleme zählen, wie kann, soll die Möglichkeit reifen, sich vorzustellen, was andere wollen. Wenn der Wahn zunimmt, geht ein Mensch mit einer schizophrenen Erkrankung davon aus, dass alle anderen ringsum da sind, um ihm zu helfen. Sie haben Zeit für ihn zu haben. Er geht davon aus, dass sie wissen, was in seinem Gehirn vorgeht, und dass sie wissen, unter welcher Anspannung er leidet.

In heutiger Situation gelingt es Susanne noch, sich zu orientieren und sie denkt noch einmal um: - Wir fahren zu mir nach Hause. -

Susannes Wohnung liegt nicht sehr weit von Radeburg in einem Randgebiet von Dresden. Nur wenige km Kilometer sind zu bewältigen. Während der Fahrt vermeidet Susanne das Reden. Zum Gespräch ist sie nicht bereit. Hunger, dafür hat sie kein Verständnis, obwohl sie selbst noch nichts gegessen hat. Sie ist unvernünftig.

Oben im dritten Stock, der Etage, auf der Susanne wohnt, angekommen, rennt die Mutter zum Kühlschrank, um zu schauen, was Essbares darin ist. Dieses Verhalten fordert Susanne ganz. Sie muss tief durchatmen, damit sie nicht ungehalten wirkt. Susanne folgt ihr so schnell wie eben möglich in die Küche. Sie findet das Passende für ihre Mutter. Nachdem die Mutter gleich in aus dem Kühlschrank geholte Lebensmittel hineinbeißt, versucht Susanne, etwas auf einen Teller zu bekommen, damit am Tisch gegessen werden kann. Schließlich gelingt ihr das Vorhaben. Beide nehmen am Tisch Platz.

Das praktische Geschehen nimmt Susanne für ein paar Minuten voll in Anspruch.

Ihr Gehirn und ihr Körper sind, da Ruhe einzieht, restlos überfordert, sie denkt: - Sie isst. Das dauert. Endlich wird sie fertig. -

Die Möglichkeit, dass Susanne der Mutter jeden Bissen in den Mund gezählt hat, besteht. Während der Zeit des Essens und des Wartens kam die Ungeduld zurück.

Fast schroff sagt Susanne, als sie sieht, dass ihre Mutter zufrieden ist: “Fahren wir zu Luise.“ Eine Gegenreaktion, ein Veto oder einen anderen Vorschlag würde sie nicht zulassen. Etwas Ähnliches kommt auch nicht. Sie verlassen die Wohnung. Beide kehren zum Auto zurück. Während der Fahrt entschließt sich Susanne, ihre Mutter zuerst nach Hause zu bringen. Länger kann Susanne sie nicht ertragen. Sicher ist die Mutter selbst ganz erfreut darüber. Leicht ist Susanne in der Phase eines Schubes nicht zu verkraften. Susanne setzt ihre Mutter zu Hause ab und fährt weiter zu Luise. Bei ihrer Ankunft am Haus sieht sie Luise schon in der Küche stehen. Das Küchenfenster geht auf die Straße hinaus.

Tief atmet Susanne ein. - Gott sei Dank, Luise ist da. -

Im Haus angekommen hat Susanne nur einen Satz zu sagen: „Ich gehe noch einmal in das Krankenhaus. Diesmal dauert der Aufenthalt vier Wochen.“ Luise ist erleichtert und bestürzt zur gleichen Zeit. Jedes Mal, wenn Susanne sich entschließt, in das Krankenhaus zu gehen, ist Luises Mitgefühl so stark, dass Veränderungen in den Gesichtszügen und am Ausdruck der Augen nicht zu übersehen sind. Auch wird Luise nervös, was an den Bewegungen ihrer Arme zu sehen ist. Diese hebt sie so an, wie ein Pinguin seine Flügel hält. Kurz wird gesprochen, was zu tun ist. Luise beauftragt Susanne, im Krankenhaus anzurufen und den diensthabenden Arzt zu sprechen. Mit dem Arzt wird sie auch verbunden. Als sie nach der Beendigung des Gespräches zu Luise in die Küche zurück kehrt, steht ihr wahrscheinlich der Angstschweiß auf der Stirn. Luises große Augen sehen sie an und erwarten wohl das Schlimmste.

Würgend bringt Susanne hervor: “Im Krankenhaus ist kein Bett mehr frei. Am Montag kann ich mich direkt auf Station bei Frau Groll melden.”

Luise fragt: “Was hast du zu Hause, noch zu erledigen. Sind deine Sachen für die Klinik alle fertig?”

“Das Aquarium muss ich noch säubern. Die Kleidung ist o.k.”, war die Antwort.

“Gut, dann fahre los und komm zum Schlafen wieder hierher. Mit dem Fahren, das geht noch?”, will Luise noch wissen.

“Ja, noch fahre ich konzentriert.”, entgegnet Susanne.

Luise weiß, dass sie sich auf diese Aussage verlassen kann.

Seit einiger Zeit hat Susanne ein Aquarium. Zu Hause angekommen, bemüht sie sich, dieses recht zügig zu reinigen. Die Arbeit geht ganz gut von der Hand, eine vertraute Tätigkeit, die alle drei Wochen zu erledigen ist. Die Größe des Beckens, es fast 260 Liter Wasser, macht das Säubern einfach. Der Fischbesatz orientiert sich an den Fischvorkommen des Amazonasgebietes. Dreißig rote Neon, fünf Skalare und fünf Welse vertragen sich gut. Das Füttern muss Susanne noch den Bekannten, die in einer Wohnung unter ihr leben, übergeben. Auch die Blumenpflege und die Fütterung der Wellensittiche werden diese wieder übernehmen. Susanne trägt rasch die Sachen zusammen. Wenn sie in die Klinik geht, braucht sie nicht sehr viele Dinge. Die Wäsche beschränkt sich meist auf Freizeitbekleidung und etwas für den Spaziergang. Waschtasche und Handtücher sind vorrätig. Nicht viel Zeit vergeht und Susanne steht mit ihrer Reisetasche, die aus braunem Rindsleder ist, vor der Wohnungstür ihrer Bekannten. Sie klingelt. Nach wenigen Sekunden wird die Tür geöffnet. “Darf ich kurz herein kommen?”, fragt Susanne.

“Aber selbstverständlich. Wir sind gerade mit dem Abendessen fertig.”, Wird sie hereingebeten.

Der kleine Mops, der auch hier wohnt, kreist um Susannes Beine und versucht, ein Streicheln zu erhaschen. Susanne, die den Hund mag, hat heute kein Auge für ihn. Sie folgt vielmehr der Einladung in das Wohnzimmer. Ihren Wohnungsschlüssel hat sie in der Hand. Die Tasche verbleibt den kurzen Moment im Flur.

Nach dem sich alle gesetzt haben, beginnt Susanne zu sprechen: “Leider muss ich noch einmal in die Klinik und bitte euch die Pflege meiner Blumen, der Fische und der Vögel zu übernehmen. Alles steht an seinem gewohnten Platz. Voraussichtlich werde ich vier Wochen bleiben.”

“Was ist denn die Ursache für die neue Krise? Dreimal hintereinander, das ist wirklich nicht schön.”, War die Einschätzung.

Susanne ließ nicht zu, dass tiefer in ihre Seele hineingeschaut wird, sondern beschränkt ihre Aussagen auf das Notwendigste. So schnell wie möglich will sie die Wohnung wieder verlassen. Sie hat nicht den Eindruck, dass ihr jemals nachgetragen wird, wenn die Situation ihrer Krankheit ihr nicht ermöglichte, zu bleiben. Sie erhält Wünsche für eine Verbesserung ihres Zustandes. Susanne dankt dafür.

Die Fahrt zu Luise dauert nicht lange. Susanne nimmt das Zimmer von Luises Tochter Natalie in Besitz. Die Kleine wird die Tage bei ihrer Mutter schlafen.

Die bevorstehende Nacht und noch drei ganze Tage muss Susanne bei Luise ausharren, bis sie Montag morgen die Station Pa und damit ihre behandelnde Ärztin anrufen kann.

Das Schlafen geht noch gut. Doch die Nervosität zieht herauf. Unruhe ist das, was Susanne ausstrahlt, und die überträgt sich auf alle, die in ihrer Nähe sind. Freitagmorgen weiß Susanne, dass sie nicht bis Montag warten kann. Sie nimmt sich vor, Luise nach dem Aufstehen davon zu unterrichten und ihr auch mitzuteilen, dass sie versuchen wird noch an diesem Tag in die Klinik zu gehen. Als das geschehen ist, ruft sie noch einmal in der Klinik und mit Erfolg an. Sie wird mit der Ärztin verbunden und fragt, ob sie kommen kann.

Aber sie hört: „Wir haben kein Bett frei.“

„Bitte, hier kann ich nicht bleiben. Die Angst, das die ganze Situation sich verschärft, besteht. Montag ist zu spät. Wirklich!“, Susannes Flehen hilft.

„Gut kommen sie Nachmittag.“

Nun wird jede Minute zur Qual: - Nachmittag! Nachmittag! -, mit Nachdruck hämmert sich dieser Gedanke in das Hirn.

Susanne interessiert nichts um sie herum. Der gedeckte Frühstückstisch, der duftende Kaffee erreichen Susannes Empfindungen nicht. Sie quält Luise alle fünf Minuten mit ihren Blicken auf die Uhr. Luise wird ebenfalls nervös. Gesprochen wird darüber nicht. Beide kennen sich nur zu gut, um voneinander zu wissen, was in den Köpfen vor sich geht.

Vom Tisch aufspringen und wieder setzen ist Susannes zweite Beschäftigung. Die Situation scheint aus den Fugen zu geraten. Sie ist unerträglich.

Dann plötzlich kann Susanne nicht mehr: „Ich fahre jetzt und warte dort.“

„Alleine, geht das noch?“, diese Kontrollfrage seitens Luise muss einfach sein. Susanne bejaht die Frage.

Innerhalb von fünfundzwanzig Minuten hat sie die Klinik erreicht.

Beim Fahren erschien Susanne die Umwelt verändert: - Der Wald da hinten ist sehr mächtig, sehr dunkel aber er ist heute auch sehr weit weg. Das ist doch nicht wirklich so? Aber ich bin doch nicht unkonzentriert? -

Immer wieder stellt sie sich beim Fahren diese Frage.

Als sie ankommt, ist der erste Gedanke: - Geschafft! Erst einmal in das Gebäude eintreten. -

Das Klinikgebäude, in welches sie eintritt, ist mit dem lang gestreckten Gebäude, in dem die Mahlzeiten eingenommen werden, durch den gemeinsamen Eingang im rechten Winkel verbunden. Auf drei Etagen beherbergt der Bau zwei Stationen. Die Station unten muss Susanne diesmal nicht aufsuchen. Über die sehr breite Steintreppe gelangt sie durch eine zweiflüglige Tür auf die zweite Station, Pa. Der Anblick, der sich ihr bietet, ist ihr vertraut. Der Gang ist ungefähr fünfundzwanzig Meter lang, die Fensterreihe ist links, die Zimmer sind rechts angeordnet. Im Vergleich zur unteren Station ist der entstehende Raum sehr hell. Das Schwesternzimmer ist nicht besetzt, die Tür verschlossen. Ein Schild weißt darauf hin, dass sich alle in Therapie befinden. Mit ihrer Reisetasche geht Susanne bis zu einem der drei runden Tische. Sie nimmt auf einem Stuhl Platz.

- Ah - eine Ruhe! Doch hier bin ich nicht allein. Hier kann mir jemand helfen, auch wenn jetzt niemand zu sehen ist. Warten, warten! Ach oben wird sicher die Gruppenvisite durchgeführt. Hier störe ich Niemanden, wenn ich meinen Gedankengängen nachgehe. Meine quälende Angst kann ich hier ausleben. Mir ist egal, wie lange ich warten muss und warum. Im Moment bin ich glücklich, dass ich hier bin, hier sitzen darf. -, denkt sie, bis sie den Lärm wahrnimmt, der im Treppenhaus entsteht: - Die Gruppenvisite scheint beendet zu sein . -

Die Patienten kommen einzeln von oben und suchen ihre Zimmer auf. Keiner von ihnen scheint Susanne bekannt zu sein oder sie zu registrieren. Ihre Ärztin kommt. Wie immer zeichnet sich ihre Bewegung durch einen forschen Schritt aus. Unter dem weißem Kittel, ist ihre schöne Garderobe zu sehen. Meist hat sie eine Hand in einer Kitteltasche verborgen. Sie wirkt groß. Ihre Frisur ein Kurzhaarschnitt ist wie immer mit Farbe aufgepeppt. Sie sieht Susanne, lächelt und geht direkt auf sie zu.

Frau Groll sagt: „Ich habe jetzt noch keine Zeit. Wir haben noch Teambesprechung. Bis nach dem Essen werde ich beschäftigt sein. Mittag lasse ich für Sie bestellen.“

Doch bis Mittag muss Susanne nicht warten. Eine Schwester nimmt sie im Schwesternzimmer auf.

Bevor sie das Übliche abfragt, meint sie: “Schade das sie schon wieder hier sein müssen. Sie werden sicher auf Zimmer vier kommen. Wir entlassen noch Blitz, Platz eine Patientin, die eigentlich erst morgen gehen sollte. Na, ‘mal das Bekannte. Was für Symptome haben sie?”

“Die Gedanken kreisen immer um das gleiche Problem. Mir fehlt die Konzentration, etwas zu rechnen oder zu lesen. Die Umwelt scheint mir größer und bunter zu sein. Die Angst, eine tiefe Psychose zu bekommen, ist groß.”, mehr ist nicht zu sagen, glaubt Susanne.

“Das ist alles?”, fragt die Schwester ungläubig.

“Ja, das ist schon alles.”, antwortet Susanne, ebenfalls etwas erstaunt über die Frage.

“Haben sie ihre Medikamente dabei? Welche nehmen sie?”

“Also morgens nehme ich Citalopram 30 mg, L-Thyroxin 125 und HCT-Hexal 12,5. Abends ist meine Medizin: Seroquel 900 mg und HCT-Hexal 12,5”, bekommt Susanne unter großer Anstrengung heraus.

“Gut. Ist sonst noch was auffällig?”, scheint die letzte Frage zu sein und Susanne beantwortet sie lediglich mit einem Kopfschütteln.

Lange dauert das Gespräch nicht. Im Flur ist wieder Ruhe eingezogen. Die Patienten sind zur Therapie. Sie werden wohl die Ergotherapie besuchen, denn im Aufnahmezimmer deutete der Lärm von außen darauf hin, dass sich alle versammelten, um gemeinsam zu gehen.

Susanne sitzt wieder auf dem Platz von vorhin und schaut alles an: die drei runden Tische mit Stühlen, den Kühlschrank auf der Fensterseite, einen Hocker mit einem Teebehälter und einen Hocker mit einer Schüssel voll leerer Tassen. In den tiefen Fensternischen stehen Grünpflanzen. Die Gardinen reichen nicht ganz bis auf die Fensterbänke herab. Die Stores besitzen keine Übergardinen. An den Wänden hängen viele sehr schöne Karikaturen, die ein Patient zum Stationsaufenthalt gezeichnet hat. Sie wirken sehr professionell.

Auf diesem Gang also sitzt Susanne. Er ist ihr vertraut und ihr ist, als würde sie so etwas wie Freude empfinden, all die Dinge wieder zu sehen und auf ihre Ärztin zu warten.

Zwischendurch steht das Mittagessen an. Im Speisesaal muss sie warten, bis alle sich gesetzt haben. Dann nimmt sie, nach dem sie ihr Mittag gefasst hat, den einzigen freien Platz ein. Da nur ein Platz bleibt, ist die Station scheinbar wirklich voll besetzt. Das Essen, das in der klinikeigenen Küche gekocht wird, schmeckt sehr gut. Auch Susanne empfindet dies an diesem Tag so. Gespräche werden ihr nicht aufgedrängelt und sie führt auch keine. Als einzige Reaktion der Patienten merkt sie, dass sie beäugt wird.

Auf den Korridor zurück, verfällt sie wieder ins Denken.

- Endlich, sie kommt. -, Susanne sieht Frau Groll durch die Eingangstür der Station treten.