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Heino Elfert, Volkswirt und Journalist, schlägt einen Bogen von seiner Jugendzeit im und nach dem Zweiten Weltkrieg zum Pandemonium des 21. Jahrhunderts. Aufgewachsen in der "Weißen Taube", einer Weddinger Eckkneipe, mit dem trotzigen Lebensgefühl der Berliner Nachkriegszeit: "Uns kann keener", stolpert er in die Welt der Schlipsträger. Ständig neue Herausforderungen, die ihn auf alle Kontinente der Erde führen, lenken ihn ab vom "Schauder des Denkens". Immer wieder fängt ihn die "Weiße Taube" bei Abstürzen auf, immer mehr genießt er das Leben in der Höhe. Humorvoll und oft gefühlsselig schildert er seine Zeit zwischen den Kriegen; einst gegen die Körper heute gegen die Seelen.
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Seitenzahl: 231
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Das letzte Bild des Filmklassikers »Es war einmal in Amerika« von dem wunderbaren Sergio Leone zeigt das Gesicht des alt gewordenen Noodles, der mit einem verzerrten Lachen, wie ein Clown, auf sein Leben zurückblickt. Robert de Niro als Klein- und später Großkrimineller vom Lebenskarussell, oder besser noch von einem Riesenrad, aus der Höhe abgeworfen, at his best. War’s das? Wie grandios und doch wie lächerlich.
Die Weiße Taube
Saufen aus der Dachrinne oder »Think big«
Pi-A 512
Helmut Kohl kam nicht zur Eröffnung
Datteln aus Jakira
»Was, Du hast mal Sonderklasse gespielt?«
Cucurrucucú Paloma
Carola und Jonathan
Anhang
Für die Nachkommen der Weißen Taube
In der »Weißen Taube« gab es für mich ein kurzes Leben vor dem Krieg, ein kurzes Leben während des Krieges und ein langes Leben nach dem Krieg.
Zwischen 1941 und 1947 war meine Mutter mit ihren beiden Kindern auf der Insel Fehmarn evakuiert. Der Vater, der Gastwirt, war im Krieg, in Russland.
Ich habe lange geglaubt, dass mein Leben erst so richtig nach dem Krieg in der »Weißen Taube« begann, aber im Alter stellt sich in der Zeit des langen Nachdenkens und Erinnerns heraus, dass es mit drei Jahren begann, oben auf dem Berliner Funkturm, als man auf das noch heile und bunte Berlin herunter blicken konnte, das ich acht Jahre später nicht wiedererkennen würde. Auf Fehmarn stieß ich auf zwei etwas ältere Cousins; ihre Mutter hatte uns Evakuierte aus Berlin aufgenommen, die mich als unwillkommenen Flüchtling bzw. überflüssigen Ankömmling behandelten.
Wahrscheinlich hatten meine beiden Cousins ihr dominierendes Gehabe von ihrem Dasein als Hitler Jungen entlehnt; der eine ging auf die Napola in Plön, der Vater war ein strammer Polizist. Vielleicht wussten sie, dass mein Vater ein Kommunist war, dessen Einstellung ich eher verstehen konnte. Jedenfalls blieb ich der Wohnung in der Burgstraße so oft wie möglich fern und trieb mich nach der Schule woanders herum.
Ein ebenfalls aus Berlin evakuierter Junge in meinem Alter, der mit mir in dieselbe Schulklasse ging, wurde mein Freund.
Wir waren oft gemeinsam auf dem Weg nach Burgstaaken, um Fliederbeersaft aus dem letzten Herbst gegen frische Heringe einzutauschen. Manche Fischer im Hafen kannten uns schon, denn wir waren oft mit allerlei frischem Obst zu den Fischerbooten unterwegs, die gerade Straße von Burg, dem Hauptort der Insel, hinunter zum Hafen. Es war die Zeit, wo es an Nahrung fehlte und in gewissen Zeiten beim Bäcker Brot gab, das, wenn ich es frisch und warm in den Händen hielt, oft nur zur Hälfte zu Hause ankam.
Im Sommer fuhren wir mit dem Rad an den Strand, drei Kilometer von Burg entfernt, vorbei an einem kleinen flachen See mit einer Insel, von der wir hin und wieder Möweneier mitbrachten – kleine mit Punkten gesprenkelte gut schmeckende Eier, die ich später nie wieder aß. Das Schwimmen brachten wir uns selbst bei, der Strand war damals noch unverbaut und einsam; später lag weit vor uns im Meer ein zerstörtes Kriegsschiff auf einer Sandbank. Einmal wetteten wir, wer von uns beiden am weitesten von der Düne springen konnte; ich sprang in eine Glasscherbe und es dauerte Wochen, bevor ich wieder mit zur Möweninsel kommen konnte.
Ganz eng zusammen gerieten wir beiden Freunde, als wir in einen Straßengraben stürzten. Wir waren acht Jahre alt und über uns eine britische Spitfire, deren MG-Salven wir zwar hören, aber Gott sei Dank nicht fühlen konnten. Er lag auf mir, als ob er mich schützen wollte, aber es war eher so, dass er auf mich fiel – ich war etwas früher gesprungen.
Es war kurz vor Ende des Krieges, und ich hatte den Kontakt zu den beiden Hitlerjungen fast verloren, nachdem meine kleine Familie eine eigene Wohnung erhalten hatte. Aber es vergingen noch drei Jahre, bis mein Vater zurückkam; Er war zwei Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft. Damals schoss ein MG auf mich. Heute, wenn ich das niederschreibe, sind es 2G und 3G, die mich bedrohen.
Ich denke an Marcel Proust, der »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« zumeist einsam in einem gegen Lärm von außen geschützten Raum schrieb und bleibe zu Hause.
1947 zogen wir zurück nach Berlin, wieder in die »Weiße Taube«.
Warum die Weddinger Eckkneipe irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg den Namen »Zur weißen Taube« erhielt, ist unklar. Wer immer ihr diesen Namen gab, bevor sie meine Eltern kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs übernahmen, wollte womöglich den roten, stets unruhigen Wedding Bewohnern einen romantischen Platz bieten. Nach dem Motto: Wenn ihr hier eintretet, könnt ihr sicher sein, dass das Bier auf friedvolle Weise so gezapft wird, dass die weiße Schaumkrone aufs Anschaulichste das richtige Maß hat und das Schnapsglas über den roten Rand hinaus gefüllt ist. Und der Wirt garantiert, dass ihr hier nicht gestört werdet, wenn ihr euren Gelüsten nachgebt und nach Skatkarten, Würfelbechern oder dem Billard-Queue ruft. Allein der Name sollte suggerieren, dass hier über allem die »Weiße Taube« wacht, Reinheit auch noch im Alkohol-Exzess versprechend.
Meine Eltern brauchten La Paloma 1939 gar nicht erst aus Hamburg mitzubringen, La Paloma war schon da.
Die »Weiße Taube« machte ihrem Namen alle Ehre, als sie vom Krieg unzerstört blieb. Sie ertrug die Anti-Alkoholisierung zwischen 1942 und 1947, als sie von der Obrigkeit in eine Lebensmittel-Kartenstelle umgewandelt wurde. Danach nahm sie wieder ihren alten Rang ein, nein, einen viel höheren, denn die »Weiße Taube« breitete ihre Flügel über das ganze bunte, vom Krieg verwundete Gäste-Volk aus. Wobei Molle und Korn mithalfen, die Seelen der Geschundenen zu streicheln.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blühten die Kneipen in Berlin auf, sie schienen aus den Trümmern als erste wiederaufzuerstehen. Es entwickelte sich eine Wirtshauskultur, die die Menschen aus ihren kargen und zerstörten Wohnungen heraus- und in die Gaststätten hineintrieb. Das half mit, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, was es leichter machte, auch noch die schweren Jahre im politisch isolierten Westberlin zu überleben, mit der Luftbrücke in den Jahren 1948/49, dem Ostberliner Arbeiteraufstand im Juni 1953 und schließlich den Mauerbau im August 1961.
In der Zeit hat allerdings das Fernsehen seinen Siegeszug angetreten, die Menschen blieben mehr in ihren Wohnungen – und eine Kneipe nach der anderen verschwand von der Bildfläche. Aus der »Weißen Taube« wurde schließlich eine Arztpraxis.
Kürzlich bekam ich Nachricht von einer anderen »Weißen Taube«, die es Ende der zwanziger Jahre im Wedding gab, an der Panke, gar nicht weit entfernt von uns in der Schulstraße.
Es war damals die Zeit der Weltwirtschaftskrise, deren Auswüchse der Maler Otto Nagel in seinem einzigen Buch – »Die Weiße Taube oder das Nasse Dreieck« anhand des Lebens in dieser »Destille« schilderte, wo sich die »Ausgestoßenen« trafen, wie Nagel die Ärmsten der Armen, Arbeitslose, Bettler, Huren, nannte.
Ein Leben in Elend, voller Mitgefühl von Otto Nagel erzählt, wenn es oft keinen anderen Ausweg als den Tod gab.
Nagel schildert das Leben an der Panke nach dem ersten Weltkrieg, ich versuche mich daran, meine Jugend in der Schulstraße nach dem zweiten Weltkrieg zu erzählen. Wer nach Parallelen sucht, wird sie nicht finden. Nagel schreibt über ein armes, brutales Leben, über eine Gesellschaft, »in der niemand dem anderen die Hand reichte«.
Ich erinnere mich eher an ein armes aber trotziges Leben in der damaligen Frontstadt West-Berlin, in dem die Tristesse mit Humor und Ironie übertüncht wurde: »Uns kann keener«.
Eine Weltwirtschaftskrise wie nach dem ersten Weltkrieg wurde nach dem zweiten Weltkrieg vermieden. Westdeutschland und Westberlin profitierten davon, dass die USA und die westlichen Demokratien einen starken Verbündeten an der Nahtstelle zum kommunistischen Osten brauchten. Und so wurde aus dem ursprünglichen Morgenthau-Plan, der das Industrieland Deutschland in eine einzige große Landwirtschaft verwandeln wollte, der Marshall-Plan.
Nach dem ersten Weltkrieg gab es den Vertrag von Versailles, der Deutschland zusätzlich ins Unglück stürzte; nach dem zweiten Weltkrieg gab es einen ausländischen Geldregen, der einen raschen Wiederaufbau ermöglichte.
Wenn nach dem ersten Weltkrieg Franz Biberkopf aus dem Roman »Berlin Alexanderplatz« von Alfred Döblin, »Bahnwärter Thiel« und die »Weber« von Gerhard Hauptmann sowie die Helden von Hans Fallada und damit die Letzten der Gesellschaft zum Gegenstand der Literatur erhoben wurden, waren es nach dem zweiten Weltkrieg Filme wie mit Sonja Ziemann und Rudolf Prack in »Wenn die Heide blüht«. Man verzeihe mir diesen Vergleich. Ich habe Wolfgang Borchert nicht vergessen.
Zurück in Berlin bemerkte ich schnell, dass ich wie auf Fehmarn, wieder in eine Außenseiterrolle geriet. Das lag vor allem daran, dass ich gewaltig gewachsen war, 1,90 m schon mit 14 Jahren, dabei dünn und mit schmalen Schultern, eine lange Latte, wie ich zu meinem Verdruss in der Schule genannt wurde. Ich fühlte mich gehänselt und gemobbt, nicht nur von Mitschülern, auch von Lehrern. Dass meine Kleidung nach Erbsensuppe roch, wenn immer es sie in der »Weißen Taube« zu essen gab, trug auch nicht zu einer wohlwollenden Behandlung durch meine Klassenkameraden bei. Ich schlief in der Küche.
Ich fühlte mich tief getroffen und wieder musste mein Selbstbewusstsein aufgepäppelt werden. Später, bei einigen Abiturfeiern, wurde mir klar, dass ich die »Bösartigkeit« meiner Mitschüler viel zu ernst genommen hatte. Eine Klassenkameradin, auf die ich später noch zu sprechen komme, gestand mir sogar, sich in der Zeit meines größten Missbehagens – ich musste mich dauernd gegen irgendwelchen Spott wehren – sich in Opernliteratur und »Ein Kampf um Rom«, meine damaligen kulturellen Lieblingsbeschäftigungen, eingelesen zu haben, um bei mir Eindruck zu schinden. Ich Idiot. Sie war eine Schönheit; und ich von Zweifel an meinem Selbstwert abgelenkt.
Mein Vater war der Meinung, dass das Leben aus einer Kette von Zufällen besteht; er sagte mir das kurz bevor er starb, mit 88 Jahren, und ich ihn das letzte Mal gefragt hatte, ob er in seinem Leben einen Sinn gesehen hätte. Auf diese Frage hatte er vorher nie geantwortet. Richtig distanzlos nahe gekommen bin ich ihm nur ein einziges Mal, als er wieder einmal, nach einer mehrtägigen Tour durch die Weddinger Kneipen, völlig erschöpft und abgebrannt nach Hause kam, sich ins Bett legte und ich mich, damals 17 Jahre alt, vor seinem Bett aufbaute, er aufstand, und ich ihm, die Beherrschung verlierend, mehrere Faustschläge versetzte. Mein Vater wehrte sich nicht und begann zu weinen: »Wenn Du wüsstest.« Es war das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah. Es mag mit seinen Kriegserlebnissen und seiner russischen Gefangenschaft zu tun gehabt haben.
Mein Vater hatte manchmal die Angewohnheit, nachts, nachdem er als Wirt der »Weißen Taube«, Feierabend gemacht hatte, aus dem Fenster zu steigen und sich danach ein paar Tage nicht blicken zu lassen. Das bedeutete, dass ich am nächsten Morgen nicht zur Schule ging, um meine Mutter bei der Öffnung des Lokals, meistens gegen 10 Uhr morgens, zu unterstützen, was mit dem Hochziehen der schweren Jalousie vor der Eingangstür begann. Vorher bestätigte oft ein ängstlicher Blick in die Kasse die Befürchtung, dass sie wieder einmal von meinem Vater geplündert worden war, und wir, die wir mit der Kneipe ohnehin von der Hand in den Mund lebten, anschreiben lassen mussten, wenn morgens Ware geliefert wurde, beispielsweise Biertonnen und Kästen mit Limonade- und Malzbierflaschen.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Seine Familie war meinem Vater wichtig, aber er brauchte Auszeiten.
Meine Eltern stammten beide aus Hamburg und hatten sich schon als Kinder zwischen der Vogelweide und dem Osdorfer Weg in Groß-Flottbek kennengelernt. Meine Mutter war eine schlanke, etwa 1,65 Meter große Schönheit mit dunklen, dichten Haaren, großen blauen Augen und einer samtenen Haut mit bräunlicher Tönung, was ihr etwas leicht Exotisches verlieh. Mein Vater war ein breitschultriger, 1,80 Meter großer, stämmiger, kommunistischer Zimmermann mit eindrucksvoller Präsenz.
Sie heirateten kurz nach Hitlers Machtergreifung und entflohen 1939 der Hamburger SA nach Berlin, wo sie von einer Tante die »Weiße Taube« im roten Wedding übernahmen.
Die »Weiße Taube« war meine Heimat zwischen meinem elften und zwanzigsten Lebensjahr, zwischen 1947 und 1956, nach der Zeit der Evakuierung meiner Mutter und ihrer Kinder auf die Insel Fehmarn und der Rückkehr meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft.
Es war im Frühjahr 1947, als die »Weiße Taube« wieder eröffnet werden konnte. Die Jahre davor war die Weddinger Kneipe eine Kartenstelle, wo sich die Leute aus der Umgebung ihre Lebensmittelkarten abholten, die sie im Krieg und auch danach zum Kauf schmaler Rationen berechtigten. Der Wedding gehörte damals zum französischen Sektor Berlins, was für uns allerdings kaum von Bedeutung war, denn mit Franzosen kamen wir kaum in Berührung, dafür immer mehr mit dem Gewerbeamt, das es den Eltern schwermachte, die Konzession für die »Weiße Taube« wieder zu erlangen.
Der Vater hatte darüber hinaus einen täglichen Mittagstisch für seine Gäste beantragt, dem wurde nach vielem Hin und Her schließlich stattgegeben. Damit war die tägliche Zufuhr an Nahrungsmitteln gesichert, die die Gäste der »Weißen Taube« gegen Essensmarken eintauschen konnten – meistens gab es Erbsensuppe. Es ging ehrlich und dankbar zu. Niemand brachte jemals tote Fliegen mit, um sie auf dem leergegessenen Teller zu platzieren und Kompensation zu verlangen. Meine Mutter klebte die Essensmarken in ein Heft, das dem Bezirksamt als Nachweis für tatsächlich ausgegebene Mahlzeiten vorgelegt werden musste.
In dem kleinen gemütlichen Schankraum standen sechs Tische mit Stühlen in der Mitte, direkt vor der Theke stand ein Stehtisch, der von den meisten Gästen als erstes angesteuert wurde, bevor sie irgendwo Platz nahmen. Im Winter wurden die Tische neben dem Kohleofen bevorzugt, der, von der Eingangstür gesehen, an der linken Wandseite stand.
Vom Schankraum führte eine Tür zum Vereinszimmer, in dem lange Jahre ein Billardtisch stand, der dann aber, um Platz zu schaffen, in die Küche verfrachtet, mit einer Matratze bedeckt und so zu meinem langjährigen Schlafplatz wurde. In die geräumige Küche gelangte man von einem langen schmalen Flur, der zu den Toiletten führte, an die ein kleiner Raum grenzte, in dem meine beiden jüngeren Schwestern schliefen. Das kleine Wohnzimmer, das gleichzeitig als Schlafzimmer für die Eltern diente, war durch eine Tür hinter der Theke zu erreichen, aber auch über den Hauseingang Schulstraße 18, von dem eine Tür abging, die in einen kleinen Korridor führte, der schließlich in den langen schmalen Flur mündete.
Hinter der Theke war, unsichtbar für die Gäste, in den Boden eine Klappe eingelassen, durch die man über eine steile Treppe abwärts in den Bierkeller gelangen konnte. Wenn die Klappe hochstand, war damit das Wohnzimmer blockiert – und mitten im Gang hinter der Theke klaffte ein Loch, in das wir manchmal in unseren Träumen, aber nie wirklich, hineinfielen.
Meine beiden Schwestern und ich wuchsen gemeinsam in der »Weißen Taube« auf. Als unser Vater 1947 aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, war Petra, unser Nachkömmling, gerade einmal zwei Jahre alt, Anke neun und ich elf. Wenn meine Schwestern von der Schule nach Hause kamen, blieb für sie nur das winzige Schlafzimmer, wo auch am Tage die Toilettengeräusche deutlich zu hören waren.
Dazu kam, dass meine Eltern kaum jemals Zeit hatten. Der Laden lief von 10 Uhr morgens bis tief in die Nacht – und montags, wenn die Gastwirtschaft geschlossen hatte und sie sich um die Kinder hätten kümmern können, schliefen sie vor Müdigkeit bei jeder Gelegenheit ein.
Vor der Kneipe blühte jahrelang der Schwarzmarkt mit zeitweise bitteren Folgen. Denn der verbotene Handel schwappte in das Lokal hinein. Während die Gäste auf den Tischen ihre Molle mit Korn stehen hatten, aus der weißen Sechserpackung ihre Juno herausholten oder sogar einmal eine »Ami« für 8 Mark rauchten, tauschten sie unter den Tischen, was sie entbehren konnten – gegen dringend Benötigtes. Dagegen schritten Gewerbeamt und Polizei ein, und das Lokal musste zeitweise geschlossen werden. Zeitweise bedeutete manchmal wochenlang.
Mein Vater nutzte die »Zwangsschließung«, um noch öfter als sonst auf seiner Harley mit Beiwagen in die sowjetisch besetzte Zone zu fahren und mit den dortigen Bauern, insbesondere in der Gegend von Salzwedel, Mitgebrachtes, größtenteils von den Gästen der »Weißen Taube« zur Verfügung Gestelltes, wie Geschirr, Abendkleider, Bett- und Tischwäsche, Bücher und Alkohol, gegen Herrlichkeiten wie Gemüse, Obst, Eier, Butter, Milch usw. zu tauschen. Die Berliner Bevölkerung hungerte. Wir, dem Vater sei Dank, nicht.
Die »Weiße Taube« wurde zu einem Zentrum der frühen Weddinger Nachkriegszeit. Dort, wo sich Arbeiter, Handwerker, Geschäftsleute und Kleinkriminelle trafen, um eine Pause einzulegen. Und wo im Vereinszimmer die Fußballer von Komet-Humboldt, die Straßen-Radfahrer vorn RC Derby (Spitzenfahrer Conrad aus dem deutschen Nationalteam) sowie ein äußerst schriller Musikverein regelmäßig zusammen kamen. Die Wohnungen der Menschen waren damals karg ausgestattet, Fernsehen gab es noch nicht, in der Kneipe fand es das bunte Volk gemütlich.
Ein Stammgast, Adolf Zarge, ein eleganter silberhaariger Genussmensch in den Fünfzigern, vertrieb Zeitungen und Zeitschriften im Berliner Wedding und trug zu meinem damals verkorksten Frauenbild bei, das ohnehin schon durch Selbstzweifel geschädigt war, als eine wilde Horde betrunkener Zeitungsfrauen, die im Vereinszimmer feierten, über mich herfiel, nachdem ich versehentlich die falsche Tür geöffnet hatte. Bevor ich anfing zu ahnen, wie schön Frauen sein konnten, wurde der 15-jährige mit einer bestimmten Spezies bekannt, die er nicht dem eher gemütlich sympathischen Volk zurechnete, das sonst in der »Weißen Taube« verkehrte. Im späteren Leben stieß der Erwachsene immer wieder auf Frauen, die es ablehnten, Alkoholisches zu trinken, was stets an die Weddinger Zeitungsweiber erinnerte. Wussten diese Frauen, was Alkohol bei ihnen anrichten konnte?
Meine Schwester Anke notierte irgendwann: »Meine Eltern hatten keine Zeit für ihre drei Kinder. Sie kümmerten sich bis in die Nacht um ihre Gäste. Auch sonntags nachmittags, wenn es im Gastraum ruhig war, die Fußballer hatten dann ihre Punktspiele, waren wir uns selbst überlassen.« »Wichtig ist, dass ihr ein Dach über dem Kopf und satt zu essen habt’, hieß es öfter. »Für geistige und seelische Nahrung war keine Zeit. Wir sind aufgewachsen wie Unkraut.«
So sehr ich meine Schwestern verstand, für mich war die Kneipe ein Ort der Entspannung und der Wohlgefühle, wenn ich aus der Schule kam. Das begann schon gleich nach unserer Ankunft aus Fehmarn. Ich wurde (wieder) eingeschult in der Grundschule Antonstraße, wo es in der vierten Klasse üblich war, jeden Neuankömmling sofort auf Herz und Nieren zu prüfen. Er musste sich einem Boxkampf mit dem Stärksten der Klasse stellen. Der hieß Otto Miezner, ein ebenso gutmütiger wie kräftiger Kerl, der mich schnell k.o. schlug. Danach wurden wir beste Freunde.
Aber in der Klasse regierte der Mob aus einem der schlimmsten Viertel im Wedding. Wenn man dem nicht angehören wollte, war man auf Gedeih und Verderb dessen Diktat ausgesetzt, musste hämische Bemerkungen und sogar körperliche Nachstellungen ertragen, wo schon der 11-jährige lernte, dass man sich gegen eine Horde mit niederträchtiger Laune kaum wehren konnte. Ich habe das auch später auf dem Lessing –Gymnasium in der Schöningstraße erlebt, z.B. als eine Mehrheit in der achten Klasse plötzlich entschied, man wolle herausfinden, wer der Stärkste in der Klasse war. Der Junge aus der Kneipe musste gegen seinen äußerst breitschultrigen Freund Klaus-Jürgen Leese antreten – beide hatten keine Wahl. Die Erfahrungen aus der Antonstraße nutzend, schlug ich ihn regelwidrig schon vor dem ersten Gongschlag k.o. Noch einmal vor der Klasse im Staub liegen? Nein. Zwei Mädchen weinten. Ich erholte mich in der »Weißen Taube«.
Mein Vater konnte mit den vielen skurrilen Typen, die in der Kneipe verkehrten, gut umgehen, es war, als ob er ihre Gesellschaft liebte. Er war der geborene Budiker, der allzu gerne mittrank, wenn ein guter Gast ihn zu einer Molle und Korn einlud. Kein Wunder, dass er manchmal schon am frühen Nachmittag angetrunken war.
Er fing dann leicht zu nuscheln an, und die Gäste wurden etwas langsamer bedient. Es sei denn, die Mutter hatte ihre Hausarbeit schon beendet, dann erschien sie hinter der Theke, was dazu führte, dass mein Vater, wenn er Karten spielte, von seinem Stuhl nicht mehr hochkam und meiner Mutter die Arbeit hinter der Theke überließ. Sie rächte sich dafür auf ihre Weise. Es gab genug Männer, die sie anbeteten. Nur, sie hätte Besseres verdient gehabt. Meine Mutter mag der Meinung gewesen sein, eigentlich für ein anderes Leben bestimmt zu sein. Und sicher hat sie das ihrem Ehemann oft genug vorgehalten, so dass auch dies einer der Gründe dafür gewesen sein mag, dass er nachts so oft aus dem Fenster stieg.
An diesen Tagen war meine Mutter blass und still. Dann kam ihre Zwillingsschwester, meine Tante Hilde, ihr zur Hilfe, die mit ihrem Mann und zwei Töchtern nur wenige Häuserblocks entfernt wohnte.
Ganz selten verirrten sich Typen mit Anzug und Krawatte in die »Weiße Taube«. Vor diesen Typen hatte mein Vater mich gewarnt. Und tatsächlich erschien eines Tages ein in einen dunklen Anzug gekleideter, eleganter Mitvierziger. Ich hatte gerade den Vormittag in der Schule verbracht und anschließend meinen Vater hinter der Theke abgelöst, bediente den feinen Herrn mit einem Bier und Kognak, die normalen Gäste bestellten Molle und Korn. Wir kamen ins Gespräch – der eine hinter, der andere vor der Theke. Mein Gegenüber schien ein intelligenter und gebildeter Mann zu sein, ein seltenes Gewächs in dieser Gegend – jedenfalls wie man sich im Arbeiterviertel Wedding so einen Sonderling vorstellte. Ich war stolz, dass der Herr sich so viel Zeit mit mir nahm, und meinte, gut mithalten zu können, wenn wir z.B. über Politik und Musik sprachen. Der Herr kam ein paar Mal wieder, und wir setzten unsere Gespräche fort. Bis der feine Herr mich einmal auf dem langen Flur zu den Toiletten abfing und in unmissverständlicher Weise anmachte.
Dieser Typ kam nie wieder. Aber der Vorfall immunisierte mich früh für Avancen ähnlicher Art, denen ich später einige Male ausgesetzt war. So zum Beispiel auf einer Anhalterfahrt im Alter von 18 Jahren, als ich mit einem Freund auf Quartiersuche in der Nähe des Brüsseler Hauptbahnhofs war und wir beide von einem Fremden angesprochen wurden, der uns eine Übernachtung in seiner Wohnung anbot. Dort verwies er meinen Freund auf das Sofa; ich sollte, nichts ahnend, aber dennoch auf alles vorbereitet, die Nacht im Bett mit dem Fremden verbringen. Nach anhaltendem Widerstand meinerseits jagte er uns am Morgen ohne Frühstück wütend aus der Tür.
Das erste Mal in all den Jahren, dass die Eltern sich entschlossen, Urlaub zu machen, und zwar zwei Wochen in Sieber im Harz, fiel in die Zeit, als ich kurz nach den Sommerferien vor meinem Sportabitur stand. Tädje Muhs und seine Frau, die ebenfalls aus Hamburg stammten, luden meine Eltern in ihr Taxi. Hätten die beiden nicht so eindringlich darauf bestanden, wäre es mit dieser Reise nie etwas geworden. Und ich hätte keine Drei statt einer Eins bekommen. Der Sommersport in der Schule war Leichtathletik – und das Laufen, Springen und Kugelstoßen gehörte zu meinen besten Disziplinen. Aber die 14 Tage in der Kneipe, in der ich meinen Vater oft bis in den frühen Morgen hinein vertreten musste, mit Würfel- und Kartenspielen und einer Runde Schnaps und Bier nach der anderen, verschafften mir einen Speckgürtel um den Bauch, über den sich meine Mitschüler erstaunt lustig machten, als er beim Einknicken vor dem Kugelstoßen ungewohnt hässliche Falten schlug. Die Bohnenstange, der Lange, die Latte, wie ich oft in der Klasse genannt wurde, hatte einen Bauch bekommen – und ich eine frühe Vorstellung davon, wie ich dreißig Jahre später aussehen würde.
Überhaupt die Schule, Als ich meinen Französisch-Lehrer, Bauer hieß er, einmal kumpelmäßig auf die Schulter schlug, trat der entsetzt einen Schritt zurück und hielt eine Standpauke, eine derartige Nähe dulde er nicht. Aber die wahren Halunken hießen Seidel und Haacke. Seidel, mein Turnlehrer, ein früherer Feldwebel, hatte meine Schwäche im Sport schnell erkannt. Ich konnte alles, außer Geräteturnen.
Seidel war ein Sadist. Er beorderte den Längsten in der Klasse gern allein – vor seinen Mitschülern – an Stangen, Barren und Reck, damit sich alle ansehen konnten, wie man es nicht macht. Ich hing am Reck wie ein nasser Sack. Als er im Winter einmal von einem anderen Lehrer vertreten wurde, der mein Sommer-Zeugnis mit einer Eins kannte und mich hilflos an den Ringen hängen sah, nahm er mich erstaunt zur Seite: »Und Sie haben eine Eins?«
Haacke, der zweite Sadist, war Mathe- und Physik-Lehrer. Er pflegte, wenn es ihm um Zwischenzensuren ging, in die Klasse zu treten mit dem Ausruf: »Razzia«. Dabei bleckte er seine Stoßzähne so, dass er wie Dracula aussah. Dann setzte er sich vor die Klasse an einen Tisch und zückte ein Heft, in dem unsere Namen standen. Er schlug behutsam die erste Seite auf, wartete lange, und die Schüler mit den Anfangsbuchstaben »A« und »B« begannen entweder zu schwitzen oder auch nicht, wenn sie gut waren. Wenn er die Seite langsam umschlug und mit einem gemeinen Grinsen in die Klasse starrte, kam ich mit dem Anfangsbuchstaben »E« in Gefahr, da ich weder von Mathematik noch von Physik viel Ahnung hatte. Ich war vom sprachlichen in den mathematischen Zweig nur deshalb gewechselt, weil es dort mit den vielen Mädchen, das Verhältnis war 18:2, nicht auszuhalten war – zu viele wollten uns zwei Jungs bemuttern.
Ich schlug mich bei Haacke gerade so durch. Einmal befahl er mich an die Tafel, es sollte eine Physik-Aufgabe gelöst werden. Ich löste und löste und warf ganze Zahlenkolonnen an die Tafel. Die Klasse schwieg, für mich ein Zeichen, dass ich richtig lag, denn wenn man falsch lag, waren normalerweise ein Räuspern oder andere Geräusche zu hören. Wie es sich herausstellte, hatte Haacke hinter meinem Rücken die Klasse zum Schweigen verdonnert, er ließ mich werkeln und werkeln, aber ich lag falsch. Nichts ahnend, drehte ich mich zufrieden um. Haacke grinste mich an: »Sie werden es im Leben weit bringen, sie können gut bluffen. Setzen fünf.« Ich erholte mich in der Kneipe.
Meine Deutschlehrerin, die es gut mit mir meinte, aber sich über meine Faulheit grämte, entsetzte ich einmal auf einer Klassenreise, als ich zum gemeinsamen Abendessen ein Lied anstimmen sollte und in die Runde schmetterte: »Rot und weiß sind wir gekleidet, rot und weiß ist unser Stolz!« Es war das Vereinslied von Komet-Humboldt aus der »Weißen Taube«. Sie hatte ein Volks- oder Wanderlied erwartet.
Es war in Friedrichshafen am Bodensee, und ich war am Abend zuvor beim dortigen Tischtennisverein aufgetreten und fragte als Berliner Topspieler nach dem besten Spieler im Verein, darunter wollte ich es nicht machen. Ich gewann keinen Satz und schlich nach diesem Hochmutsanfall wütend von dannen: Friedrichshafen ist zwar im Volleyball eine Macht, aber im Tischtennis?
Als ich mit meinem Geschichtslehrer in Schwierigkeiten geriet und er meine Eltern sprechen wollte, lud ich ihn in die »Weiße Taube« ein. Dort gefiel es ihm so gut, dass ich, als er nach einem Bier und einigen weiteren aus dem Laden hinausgewankt war, mit ihm nie wieder Probleme bekam.
Mein Musiklehrer muss noch erwähnt werden. Professor Bolt hatte einen Schulchor aufgebaut, bei dem ich zwar Mitglied war, aber nie mitsang. Obwohl ich gar nicht singen konnte, stand ich auf seiner Liste. Als er die Abiturnoten vortrug und sagte, »Elfert, im Chor, Eins«, zuckte mein Nachbar auf der Schulbank zusammen. Er war im Chor ein äußerst aktives Mitglied, bei den Proben immer anwesend und ich nie. Aber auch die anderen singenden Mitschüler hielten still. Professor Bolt war auch Komponist. Hin und wieder musste sich die Schule seine Kompositionen anhören, vorzugsweise auf der Freilichtbühne Rehberge, wahrscheinlich sein größtes Publikum. Bolt hatte eine eigenartige Angewohnheit: Er sprach englische oder französische Fremdwörter auf Deutsch aus. Zufällig hörte ich einmal ein Interview mit ihm im RIAS. Der Interviewer verabschiedete sich von ihm mit den Worten: »Und jetzt trinken wir ein Glas Bordeauchs.«
Sie wollen wissen, wie ich mein Abitur gemacht habe? Nach der schriftlichen Prüfung sollte ich mündlich nur in Biologie – auf eine zwei – geprüft werden. In der letzten Biologiestunde der Klasse lief unsere Lehrerin an mir auffallend langsam vorbei, ich saß an einem Außentisch und flüsterte etwas von »Geschlechtsgebundene Vererbung«, was ich aufmerksam zur Kenntnis nahm. Tatsächlich wurde ich ausschließlich zu diesem Thema geprüft, von einer nervösen Lehrerin, die sich offenbar vor dem versammelten Lehrerkollegium nicht blamieren wollte. Bis es dem Direktor zu viel wurde und er mich zu einem anderen Thema befragte, von dem ich keine Ahnung hatte, aber gekonnt eine Verbindung zur Geschlechtsgebundenen Vererbung fand. Der Direktor winkte ärgerlich ab und ich bekam nur eine Drei.
