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Eine Eckkneipe im Wedding in den Jahren nach dem Krieg. Und ein Junge, der hier seine Jugend verbringt: Skat, Schach und Thekendienst gleich nach der Schule, nachts ein Billardtisch als Bettgestell. "Ich fand mich für mein späteres Leben von der Weißen Taube bestens vorbereitet."
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Seitenzahl: 60
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Für Anke und Petra
Warum die Weddinger Eckkneipe irgendwann nach dem Ersten Weltkrieg den Namen „Zur weißen Taube“ erhielt, ist unklar. Wer immer ihr diesen Namen gab, bevor sie meine Eltern kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs übernahmen, wollte womöglich den roten, stets unruhigen Wedding-Bewohnern einen romantischen Platz bieten. Nach dem Motto: Wenn ihr hier eintretet, könnt ihr sicher sein, dass das Bier auf friedvolle Weise so gezapft wird, dass die weiße Schaumkrone aufs Anschaulichste das richtige Maß hat und das Schnapsglas über den roten Rand hinaus gefüllt ist. Und der Wirt garantiert, dass ihr hier nicht gestört werdet, wenn ihr euren Gelüsten nachgebt und nach Skatkarten, Würfelbechern oder dem Billard-Queue ruft. Allein der Name sollte suggerieren, dass hier über allem die „Weiße Taube“ wacht, Reinheit auch noch im Alkohol-Exzess versprechend.
Meine Eltern brauchten La Paloma gar nicht erst aus Hamburg mitbringen, La Paloma war schon da.
Die „Weiße Taube“ machte ihrem Namen alle Ehre, als sie vom Krieg unzerstört blieb. Sie ertrug die Anti-Alkoholisierung zwischen 1942 und 1947, als sie von der Obrigkeit in eine Lebensmittel-Kartenstelle umgewandelt wurde. Danach nahm sie wieder ihren alten Rang ein, nein, einen viel höheren, denn die „Weiße Taube“ breitete ihre Flügel über das ganze bunte, vom Krieg verwundete Gäste-Volk aus. Wobei Molle und Korn mithalfen, die Seelen der Geschundenen zu streicheln.
Nach dem Zweiten Weltkrieg blühten die Kneipen in Berlin auf, sie schienen aus den Trümmern als erste wiederaufzuerstehen. Es entwickelte sich eine Wirtshauskultur, die die Menschen aus ihren kargen und zerstörten Wohnungen heraus- und in die Gaststätten hineintrieb. Das half mit, ein Gemeinschaftsgefühl zu erzeugen, was es leichter machte, auch noch die schweren Jahre im politisch isolierten Westberlin zu überleben, mit der Luftbrücke in den Jahren 1948/49, die sich übrigens in diesem Jahr zum 70. Mal jährt, dem Ostberliner Arbeiteraufstand im Juni 1953 und schließlich den Mauerbau im August 1961. In der Zeit hatte allerdings das Fernsehen seinen Siegeszug angetreten, die Menschen blieben mehr in ihren Wohnungen – und eine Kneipe nach der anderen verschwand von der Bildfläche. Aus der „Weißen Taube“ wurde schließlich eine Arztpraxis.
Mein Vater war der Meinung, dass das Leben aus einer Kette von Zufällen besteht; er sagte mir das kurz bevor er starb, mit 88 Jahren, und ich ihn das letzte Mal gefragt hatte, ob er in seinem Leben einen Sinn gesehen hätte. Auf diese Frage hatte er vorher nie geantwortet. Richtig distanzlos nahe gekommen bin ich ihm nur ein einziges Mal, als er wieder einmal, nach einer mehrtägigen Tour durch die Weddinger Kneipen, völlig erschöpft und abgebrannt nach Hause kam, sich ins Bett legte und ich mich, damals 17 Jahre alt, vor seinem Bett aufbaute, er aufstand, und ich ihm, die Beherrschung verlierend, mehrere Faustschläge versetzte. Mein Vater wehrte sich nicht und begann zu weinen: „Wenn Du wüsstest.“ Es war das einzige Mal, dass ich ihn weinen sah. Es mag mit seinen Kriegserlebnissen und seiner russischen Gefangenschaft zu tun gehabt haben.
Mein Vater hatte manchmal die Angewohnheit, nachts, nachdem er als Wirt der „Weißen Taube“, einer Weddinger Gaststätte an der Ecke Schul- und Prinz-Eugen-Straße, Feierabend gemacht hatte, aus dem Fenster zu steigen und sich danach ein paar Tage nicht blicken zu lassen. Das bedeutete, dass ich am nächsten Morgen nicht zur Schule ging, um meine Mutter bei der Öffnung des Lokals, meistens gegen 10 Uhr morgens, zu unterstützen, was mit dem Hochziehen der schweren Jalousie vor der Eingangstür begann. Vorher bestätigte oft ein ängstlicher Blick in die Kasse die Befürchtung, dass sie wieder einmal von meinem Vater geplündert worden war, und wir, die wir mit der Kneipe ohnehin von der Hand in den Mund lebten, anschreiben lassen mussten, wenn morgens Ware geliefert wurde, beispielsweise Biertonnen und Kästen mit Limonade- und Malzbierflaschen.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Seine Familie war meinem Vater wichtig, aber er brauchte Auszeiten.
Meine Eltern stammten beide aus Hamburg und hatten sich schon als Kinder zwischen der Vogelweide und dem Osdorfer Weg in Groß-Flottbek kennengelernt. Meine Mutter war eine schlanke, etwa 1,65 Meter große Schönheit mit dunklen, dichten Haaren, großen blauen Augen und einer samtenen Haut mit bräunlicher Tönung, was ihr etwas leicht Exotisches verlieh. Mein Vater war ein breitschultriger, 1,80 Meter großer, stämmiger, kommunistischer Zimmermann mit eindrucksvoller Präsenz.
Sie heirateten kurz nach Hitlers Machtergreifung und entflohen 1939 der Hamburger SA nach Berlin, wo sie von einer Tante die „Weiße Taube“ im roten Wedding übernahmen.
Die „Weiße Taube“ war meine Heimat zwischen meinem elften und zwanzigsten Lebensjahr, zwischen 1947 und 1956, nach der Zeit der Evakuierung meiner Mutter und ihrer Kinder auf die Insel Fehmarn und der Rückkehr meines Vaters aus der Kriegsgefangenschaft.
Es war im Frühjahr 1947, als die „Weiße Taube“ wieder eröffnet werden konnte. Die Jahre davor war die Weddinger Kneipe eine Kartenstelle, wo sich die Leute aus der Umgebung ihre Lebensmittelkarten abholten, die sie im Krieg und auch danach zum Kauf schmaler Rationen berechtigten. Der Wedding gehörte damals zum französischen Sektor Berlins, was für uns allerdings kaum von Bedeutung war, denn mit Franzosen kamen wir kaum in Berührung, dafür immer mehr mit dem Gewerbeamt, das es den Eltern schwermachte, die Konzession für die „Weiße Taube“ wieder zu erlangen.
Der Vater hatte darüber hinaus einen täglichen Mittagstisch für seine Gäste beantragt, dem wurde nach vielem Hin und Her schließlich stattgegeben. Damit war die tägliche Zufuhr an Nahrungsmitteln gesichert, die die Gäste der „Weißen Taube“ gegen Essensmarken eintauschen konnten – meistens gab es Erbsensuppe. Es ging ehrlich und dankbar zu. Niemand brachte jemals tote Fliegen mit, um sie auf dem leergegessenen Teller zu platzieren und Kompensation zu verlangen. Meine Mutter klebte die Essensmarken in ein Heft, das dem Bezirksamt als Nachweis für tatsächlich ausgegebene Mahlzeiten vorgelegt werden musste.
In dem kleinen gemütlichen Schankraum standen sechs Tische mit Stühlen in der Mitte, direkt vor der Theke stand ein Stehtisch, der von den meisten Gästen als erstes angesteuert wurde, bevor sie irgendwo Platz nahmen. Im Winter wurden die Tische neben dem Kohleofen bevorzugt, der, von der Eingangstür gesehen, an der linken Wandseite stand.
Vom Schankraum führte eine Tür zum Vereinszimmer, in dem lange Jahre ein Billardtisch stand, der dann aber, um Platz zu schaffen, in die Küche verfrachtet, mit einer Matratze bedeckt und so zu meinem langjährigen Schlafplatz wurde. In die geräumige Küche gelangte man von einem langen schmalen Flur, der zu den Toiletten führte, an die ein kleiner Raum grenzte, in dem meine beiden jüngeren Schwestern schliefen. Das kleine Wohnzimmer, das gleichzeitig als Schlafzimmer für die Eltern diente, war durch eine Tür hinter der Theke zu erreichen, aber auch über den Hauseingang Schulstraße 18, von dem eine Tür abging, die in einen kleinen Korridor führte, der schließlich in den langen schmalen Flur mündete.
Hinter der Theke war, unsichtbar für die Gäste, in den Boden eine Klappe eingelassen, durch die man über eine steile Treppe abwärts in den Bierkeller gelangen konnte. Wenn die Klappe hochstand, war damit das Wohnzimmer blockiert – und mitten im Gang hinter der Theke klaffte ein Loch, in das wir manchmal in unseren Träumen, aber nie wirklich, hineinfielen.
