Die Weite fühlen - Pia Solèr - E-Book

Die Weite fühlen E-Book

Pia Solèr

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Beschreibung

Einfach mal weg sein - eine der großen Sehnsüchte des zivilisierten Menschen. Pilgern auf dem Jakobsweg. Kein iPhone, kein Internet. Oder raus, aufs Land. Doch wie fühlt es sich an, schon immer einfach weg zu sein, von Berufs wegen? Pia Solèr ist knapp 40 Jahre alt und Hirtin. Sie lebt in einem versteckten Tal im schweizerischen Graubünden. Ans Bücherschreiben hat sie nie gedacht - bis sie einer danach fragte. "Wer hätte zum Beispiel gedacht, dass ich etwas zu sagen habe." Und jetzt erzählt sie. Im Oktober Schnee-Einbruch über Nacht. SMS können nur verschickt werden, wenn der Wind aus einer bestimmten Richtung kommt. Der Hund stirbt, der Tierarzt kommt zu spät, sie begräbt ihn allein. Die Aufzeichnungen von Pia Solèr sind authentisch, alltäglich und einzigartig. Hier spricht kein Aussteiger, auch kein mönchischer Eremit. Hier spricht eine Frau aus der Mitte Europas, sie erzählt von harter Arbeit und einsamen Stunden, vom Fortschritt und Zerfall unserer Tage, vor allem aber erzählt sie vom Leben in der Natur, auf 2000 Metern Höhe, in der sich Weite fühlen lässt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 96

Veröffentlichungsjahr: 2011

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Impressum

Pia Solèr

Die Weite fühlen.

Aufzeichnungen einer Hirtin

Mitarbeit

Daniela Kuhn

© Weissbooks GmbH Frankfurt am Main 2011

Alle Rechte vorbehalten

Konzept Design

Gottschalk+Ash Int’l

Umschlaggestaltung

Julia Borgwardt, borgwardt design

Foto Andreas Bodmer

Foto Pia Solèr

© Andreas Bodmer

Satz und Herstellung ebook

Publikations Atelier, Dreieich

ISBN 978-3-86337-046-6

weissbooks.com

Tuts carstagnauns ein plein historias –Alle Menschen sind voller GeschichtenLeo Tuor

Lebe deine TräumeČestmír Lukeš

Achtzehn Sommer war ich auf der Alp. Das Hirtenleben hat mich gepackt. Die stille Freiheit. Den Elementen ausgesetzt, in die Berge gebettet mit Tieren und Natur. Das prägt. Ein dolce vita ist der Alpsommer nicht immer, aber immer Sonntag. Gut, ihr mögt glauben, ich sei altmodisch – bin ich auch. Macht nichts, ich fühle mich wohl dabei. In der Zivilisation zu sein, heisst für mich, in Cons zu sein, im Weiler nach Vrin, zuhinterst im Tal.

Oj, ich bin in der Zivilisation. Kaum mache ich die Türe auf, läutet das Telefon. Können wir einen Termin abmachen? Kaum aufgelegt: Noch einer! Eigentlich steht schon anderes an. Aber gut, machen wir das. Irgendwie geht alles.

Angenommen, ich schlösse mich dem Internet an, wäre ich für noch mehr Menschen erreichbar. Will ich das? Etwas in mir sträubt sich dagegen. Ich bin gerne in Kontakt mit Menschen, aber am liebsten mit Telepathie. Sobald die Person bereit ist, kommt der Gedanke an. In einem ungünstigen Moment kann ich sie so gar nicht ansprechen. Gut, es kann auch sein, dass nichts ankommt. Vielleicht wird die Botschaft mit dem Wind weggetragen.

Ein Bekannter meinte einmal: Normale Leute ziehen aus dem Tal hinaus, und du ziehst noch weiter hinein. So bin ich eben. (Ich liebe die Stille.) Aber auch auf der Alp ist es nicht immer still. Wenn es regnet, kann es schön laut werden. Bäche mit Bergerde rauschen ins Tal, je nach Mineraliengehalt färben sie sich schwarz oder rot. Wegen dem Krach, den der Regen auf dem Blechdach macht, kann ich in der Hütte nicht mehr Radio hören.

Den Alpsommer bestimmt das Wetter. Gutes saftiges Gras ist Gold wert. Es macht Tiere und Hirten glücklich.

Es heisst oft, Schafe seien blöd, weil sie hintereinander den Fels hinab springen. Machen wir das nicht auch? Hast du ein iPhone, will ich auch eines.

Schafe sind zuweilen auch schlau. Einmal zog ein Trupp gegenüber der Hütte ins Tal. Eigentlich war es dafür noch zu früh, aber die Weide der Nachbarsalp weiter unten war eben saftiger. Gut, runter, über den Bach. Migo ist mein ständiger Begleiter. Sobald ich pfeife, reagieren Hund und Schafe. Die Schafe laufen den steilen Hang hinauf. Der Streifen liegt zwischen zwei felsigen Tälern. Links können sie rüber auf unsere Weide, aber nur, wenn die Lawine vom Winter noch da ist. Ist sie schon weg, müssen die Schafe bis ganz oben laufen. An diesem Tag ist die Lawine zwar noch da, aber die Schafe ziehen es vor, bis oben zu gehen. Gut, ich gehe mit. Am nächsten Tag realisiere ich, warum sie nicht über den Schnee wollten: Die Lawine ist eingebrochen. So wäre es auch am Vortag gewesen, wenn die Schafe drüber gegangen wären. Sie haben es gefühlt. Im Nebel haben sie mich dann heimgeführt, ich hätte die Wege alleine nicht gefunden.

Treuia, mein Hund, versucht eine Fliege zu fangen, im November! Es ist angenehm warm.

Das Ticken der Uhr ist sehr laut.

Die Erde – kann es sein, dass sie leidet? Kann sie uns Menschen noch ertragen? Gedanken, die mich traurig und nachdenklich machen, oder machen sie mir sogar Angst? Destruktive Gefühle, warum sie nähren? Gedanken ändern! Mensch und Erde werden geheilt. Ach, schon leichter ums Herz. Nacht bricht ein, mit ihr die Müdigkeit. Ein heller Stern leuchtet zwischen Milliarden von Sternen. Der Liebesbote.

Kürzlich war ich in Zürich. Am Abend habe ich vor lauter künstlichem Licht den Himmel nicht gesehen. Stattdessen sprangen mir Reklameschilder ins Auge. Profit und Geldjagd verstopfen unsere Sinne. Und nicht nur in der Stadt. Schade, dass wir Menschen so tief gesunken sind, gefangen in der Materie und Bequemlichkeit.

Auf der Alp bin ich drei Monate weg vom ganzen Tamtam. Balsam für Seele und Körper. Ich lebe mit wenig im Überfluss. Die Milch fliesst aus den Eutern der Ziegen – ein Genuss. Salat wächst vor der Hütte, auch Kräuter, von Gott gepflanzt. Bei warmem Wetter gibt es eine Sonnendusche, und wenn es kalt ist, tauche ich meinen Waschlappen ins am Feuer gewärmte Wasser. Ein Eimer und die Quelle, die wie ein Wunder aus der Erde sprudelt, sind meine Waschmaschine. Oft bedauere ich, dass ich das reine Wasser mit Shampoo und Waschmittel beschmutze. Die Toilette ist unter freiem Himmel, bei gutem und schlechtem Wetter. Nie zugesperrt, immer frei, Papier spare ich, um die Natur nicht zu verunreinigen, grosse nasse Blätter tun es auch. Für mich ist das alles kein Problem, Besucher finden sich auch damit ab. Sie sind ja nur für kurze Zeit hier.

Eine ehemalige Hirtin meinte mal: Besuch auf der Alp ist wie ein Fisch – am ersten Tag ist er frisch und fein, am dritten fängt er an zu stinken. Ja, Besucher können sich nur teilweise ins Hirtenleben einfühlen. Wollen sie mitwandern, sind sie oft ein Klotz am Bein. Da ist es zu steil, dort zu weit, dann brauchen sie wieder eine Pause, und so weiter. Wenn die Situation nicht drängt, geht das. Aber das beste Team sind Hund und Hirte, spontan und je nach Situation. Jeder Tag ist ein Abenteuer, vom Wetter und den Launen der Tiere geprägt. Auch Besucher können überraschen, nicht immer melden sie sich an, sondern stehen plötzlich vor der Hütte. Haben sie Glück, bin ich da. Es ist aber auch schon vorgekommen, dass sie stundenlang vergebens auf mich gewartet haben. Das Gebiet ist riesig. Mich zu finden, ohne mein Wege zu kennen – unmöglich.

Hirten haben einen niedrigen Status. Oft werden sie Aussteiger genannt, oder man meint, sie kämen mit anderen Menschen nicht zurecht. Aber diese Ansichten zählen nicht, denn Hirten sind selten Herdenmenschen. Introvertiert und illoyal müssen sie deshalb nicht sein. Meistens sind sie intelligent, oft auch Akademiker. Sie lieben die Natur, und dazu gehören auch die Menschen.

Im Dorf. Es schneit. Ich sorge für die Schafe eines Bauern, der einen Unfall hatte. Ich muss Lämmer und Schafe in zwei Ställe sortieren. Die Tiere sind schnell und stark. Wieder einmal verdrehe ich mir einen Finger. Mich erinnert das an einen schlimmen Unfall auf der Alp. Auch da hatte ich mir den Finger verdreht, als ich weinend halbtote, abgestürzte Schafe töten musste. Sie lagen in einem Tal, in dem Wasser fliesst. Keine schöne Erinnerung. 13 Tiere haben dort den Tod gefunden, und jedem hatte ich einen Sommer versprochen. Es tat mir unendlich weh, es war mein erster Sommer auf der Schafalp. Erst am Abend dann, als die Schafe mit dem Heli weggeflogen waren, merkte ich, dass der Finger krumm war und schmerzte.

Bin heute ein wenig traurig. Mara, meine alte Hündin, ist von uns gegangen. Auch Treuia, die Junge, trauert um sie. Es tut weh, obwohl ich am Schluss, als Mara nur noch vor sich hin vegetierte und ganz, ganz ruhig war, gewünscht hatte, sie möge erlöst werden. Jetzt ist sie im Hundehimmel und hat keine Schmerzen mehr. Sie war ein guter Border Collie, ein wunderbarer Hirtenhund. Sie hat mit mir gelacht, und wenn ich traurig war, hat sie mich getröstet. Ich habe sie gelobt und mit ihr geschimpft. Ihre Freundschaft kannte keine Grenzen. Heute Morgen habe ich den Tierarzt angerufen und gebeten, vorbeizukommen und sie zu erlösen. Sie war aber schneller und schlief ein, bevor er kam. Das war mein Wunsch für sie gewesen: ein natürlicher Tod.

Die Hunde mögen mich. Wenn ich im Dorf unterwegs bin, ist meistens eine ganze Schar dabei. Ich mag sie auch, sie sind die treuesten Freunde.

Mit den Kalendertagen habe ich Mühe. Selten weiss ich genau, wo wir gerade sind. Auf der Alp ist das kein Problem, da zeigen Sonne und Vegetation die Stunden und Jahreszeiten an. Es gibt aber auch Wintereinbrüche im Sommer. Da hilft keine Kalenderangabe.

Mein Finger ist geschwollen, er schmerzt aber nicht. Indianer kennen keine Schmerzen, sagt der Bauer, bei dem ich arbeite. Der Arzt unseres Tals meinte einmal, dass die Leute aus unserem Dorf erst zum Doktor kommen, wenn sie tot sind. Ja, wir sind zäh. Die Landschaft färbt ab. So strapazieren wir wenigstens nicht die Krankenkassen.

Das Leben im Dorf. Jeder kennt jeden oder auch nicht. Man meint einander zu kennen. Fällt jemand aus der Norm, sorgt er für Gesprächsstoff. Jeder komponiert noch etwas hinzu, bis die Realität verdreht und auf den Kopf gestellt ist. Eine Hirtin, die ihren Weg geht, ist ein idealer Köder für ihre Fantasien. Alleine auf der Alp, man weiss nicht genau, was die da macht. Ein Nährboden für Spekulationen. Aber das ist nur eine Seite des Dorflebens. Es gibt auch eine andere. Wir helfen einander, wo Hilfe oder Trost nötig sind. Stirbt zum Beispiel ein geliebter Mensch, trauern alle mit der Familie und den Freunden. Die Isolation ist nicht so stark wie in den Städten. Mein Bruder wohnt in Los Angeles. Er meinte einmal, du vereinsamst ja, wenn du so viel alleine bist! Ich war damals bei ihm zu Besuch und sagte, hier in Los Angeles, wo man die Nachbarn nicht kennt und die Kriminalität spürt, hier würde ich vereinsamen. Bellt ein Hund um Mitternacht, höre ich einen Knall, und das Gebell verstummt. Mir bleibt das Herz stehen, mein Bruder empfindet das als normal. Wenn man dort lebt, muss man das so auffassen, sonst geht man wahrscheinlich kaputt.

Die Einsamkeit auf der Alp ist ganz anders, ich bin ja nie alleine, die Hunde sind immer bei mir und rundum sind Tiere, Elfen und Feen. Aber auch hier braucht es Stärke, um mit allem fertig zu werden. Der grösste Feind liegt in einem selber. Ihn oder den Freund in sich, beide kann man nähren. Die Auseinandersetzung mit sich selber ist unumgänglich. In der Stadt oder im Dorf kann man davor besser flüchten und sich ablenken. Man kann sich faul berieseln lassen.