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Nach einem anstrengenden Arbeitstag klingelt es bei der jungen Ärztin Katja Anderson Sturm. Sven Hellweg steht vor der Tür und drängt sie, sofort mit zur Insel Ösesund zu kommen, wo ein Mann schwer an Diphtherie erkrankt ist. Nur ungern folgt Katja ihm, denn es wütet ein furchtbares Unwetter. Zudem weiß sie, dass Sven vor Jahren seinen Bruder ermordet hat und nur auf freiem Fuß ist, weil das Gericht ihm die Tat nicht nachweisen konnte. Sie ist froh, dass sie die Insel lebend erreicht, doch beim Anlegen zerschellt das Motorboot. Nun ist Katja auf der kleinen Insel gefangen, denn ein anderes seetüchtiges Schiff gibt es hier nicht. Sven nimmt die Ärztin bei sich auf. Dort lebt sie nun - im Hause eines Mörders!
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2022
Cover
Es wetterleuchtet um Katja
Vorschau
Impressum
Es wetterleuchtet um Katja
Auf einem kleinen Eiland soll sich ihr Schicksal erfüllen
Nach einem anstrengenden Arbeitstag klingelt es bei der jungen Ärztin Katja Anderson Sturm. Sven Hellweg steht vor der Tür und drängt sie, sofort mit zur Insel Ösesund zu kommen, wo ein Mann schwer an Diphtherie erkrankt ist. Nur ungern folgt Katja ihm, denn es wütet ein furchtbares Unwetter. Zudem weiß sie, dass Sven vor Jahren seinen Bruder ermordet hat und nur auf freiem Fuß ist, weil das Gericht ihm die Tat nicht nachweisen konnte. Sie ist froh, dass sie die Insel lebend erreicht, doch beim Anlegen zerschellt das Motorboot. Nun ist Katja auf der kleinen Insel gefangen, denn ein anderes seetüchtiges Schiff gibt es hier nicht. Sven nimmt die Ärztin bei sich auf. Dort lebt sie nun – im Hause eines Mörders!
Katja Anderson lauschte einen Augenblick auf das Toben des Herbststurmes. Bei solch einem Unwetter empfand man die Behaglichkeit eines warmen Zimmers doppelt angenehm, und sie freute sich auf einen gemütlichen Abend.
Lächelnd setzte sie den Teekessel auf den Ofen, und ein paar Minuten später schon begann das Wasser zu kochen.
Sie nahm die Rumflasche aus dem Schrank, um sich einen Grog zu brauen, denn seitdem sie hier an der Küste praktizierte, hatte sie einige Sitten der Einheimischen übernommen, und dazu gehörte entschieden ein steifer Grog bei schlechtem Wetter.
Katja hatte ihren Kittel längst ausgezogen und deckte jetzt den Tisch in der Nähe des großen Kachelofens.
Gerade hatte sie den Zucker in das Glas getan, den Rum eingegossen und griff nach dem Wasserkessel, als die Türklingel anschlug.
Rasch goss sie das Wasser ein und eilte dann zur Tür.
»Was gibt es?«, fragte sie. Draußen stand, in der pechschwarzen Finsternis nur umrisshaft zu erkennen, ein hochgewachsener Mann in Ölzeug. Er hatte die Kapuze über den Kopf gezogen.
»Ich möchte den Arzt sprechen«, verlangte der Mann. »Es ist dringend, beeilen Sie sich!«
Katja Anderson war solch einen Ton nicht gewöhnt. Sie knipste die Lampe in der Diele an und sah in dem schwachen Licht ein hartes, von Wind und Wetter gezeichnetes Gesicht, aus dem heraus tiefblaue Augen sie geradezu böse anstarrten.
»Haben Sie mich nicht verstanden?«, schnauzte der Mann und trat unaufgefordert über die Schwelle des Hauses.
»Sie könnten ruhig etwas höflicher sein.«
»Dazu habe ich keine Zeit. Wo ist der Arzt?«
»Der Arzt bin ich!«, erklärte sie. »Und falls ich Ihnen nicht recht bin, gehen Sie in die Stadt, sie ist nur zwanzig Kilometer entfernt. Dort finden Sie männliche Kollegen genug. Leben Sie wohl.«
Katja ging ins Wohnzimmer zurück, ohne sich um den frechen Menschen zu kümmern, der ihr recht verdutzt nachstarrte. Nachdem er sich von seinem Schreck erholt hatte, dass Dr. med. K. Anderson eine Frau war, folgte er ihr.
Er brauchte schnell einen Arzt, und solch eine langhaarige Person war besser als gar kein Arzt. Als er die Kapuze herunterzog, kam wirres blondes Haar zum Vorschein.
»Es handelt sich um einen Fall von Diphtherie«, sagte der Mann mit heiserer Stimme. »Aber der Weg ist weit.«
»Das spielt keine Rolle. Wo liegt der Patient?«
»Auf Ösesund.«
Katja drehte sich um, die Augen zusammengekniffen.
»Das ist doch eine Insel, nicht wahr? Liegt sie nicht ...?« Sie brach ab, denn zum ersten Mal sah sie den Mann im Licht. »Sie?« Unwillkürlich erblasste sie und trat sie einen Schritt zurück.
»Kennen Sie mich?«, fragte er und betrachtete sie genauer. »Verdammt!«, stieß er dann hervor. »Ausgerechnet Sie! Wo wohnt der nächste Arzt?«
»In der Stadt, das sagte ich doch bereits!«
»Haben Sie einen Wagen?«
»Der ist in Reparatur. Handelt es sich um einen sehr dringenden Fall, Herr Hellweg?«
»Ja. Es geht wahrscheinlich um Leben oder Tod. Der Sohn eines Fischers. Ich glaube, ein Luftröhrenschnitt ist nötig. Ich muss schnellstens zurück!«
»Ich begleite Sie. Warten Sie, ich packe alles Notwendige ein.«
»Sie wollen mitkommen?«, fragte Sven Hellweg. »Es wundert mich, dass Sie sich einem Mörder anvertrauen wollen.«
»Es ist meine Pflicht als Ärztin, Kranken zu helfen.«
Sven Hellweg sah, dass sie neben Schächtelchen und Spritzen auch eine Pistole in die Tasche steckte.
Der Mann verzog den Mund, verzichtete aber auf jeden Kommentar. Er wusste, dass die Welt ihn verurteilt hatte, und ganz besonders Katja Anderson, die damals noch Studentin gewesen war.
»Mörder!«, hatte sie ihn angeschrien, und noch immer war der Klang ihrer Stimme in seinem Ohr.
Beim Packen streifte Katja ihn ab und zu mit einem ängstlichen Seitenblick.
Es stimmte, dass sie sich vor ihm fürchtete. Wenn das Gericht ihn damals auch nicht eingesperrt hatte, galt seine Schuld für sie als erwiesen.
»Ich bin bereit.«
»Sie müssen sich wärmer anziehen«, befahl Sven ihr schroff. »Wir haben mindestens vier Stunden zu fahren, obwohl mein Boot sehr schnell ist. Haben Sie keinen Pelzmantel?«
»Tut mir leid, dazu hat es noch nicht gereicht. Außerdem werde ich schon nicht erfrieren, Herr Hellweg, Sie brauchen keine Angst um mich zu haben.«
»Ich habe keine Angst um Sie, sondern um den Jungen«, berichtigte Sven sie unhöflich. »Eine erfrorene Ärztin nützt ihm nämlich nichts. Los, ziehen Sie sich noch einen zweiten Mantel über, Ihre Stiefel mögen angehen, und Handschuhe werden Sie auch besitzen, hoffe ich.«
»Höflicher geworden sind Sie in den letzten Jahren nicht, Herr Hellweg«, stellte Katja fest.
»Ich kenne Ihre Unbesonnenheit eben zu gut, Fräulein Doktor. Oder muss ich inzwischen Frau Doktor sagen?«
»Wenn Sie wissen wollen, ob ich verheiratet bin: Nein, es hat sich noch niemand gefunden, der es mit mir gewagt hat.«
»Das spricht für die Männer.« Sven schob sie ungeduldig in die Diele hinaus.
»Augenblick noch.« Katja lief ins Wohnzimmer zurück, und Sven sah, dass sie ein paar Zeilen auf einen Zettel schrieb.
»Sie sorgen vor, sehe ich. Aber Sie können unbesorgt sein, Sie werde ich nicht umbringen.«
»Halten Sie es eigentlich für sehr geschmackvoll, ständig auf diese alte Geschichte anzuspielen?«, fragte Katja.
Draußen wurden sie von peitschendem Regen und Sturm empfangen.
Nach einem Augenblick des Zögerns packte Sven ihren Arm und zog sie mit sich fort. Er spürte, dass Katja erschreckt zusammenzuckte, und ein bitteres Lächeln glitt über sein Gesicht.
Auf der kleinen Mole, an der die Fischer ihre Boote vertäuten, wartete das Motorfahrzeug. Es schwankte wild auf und ab, und im ersten Moment zweifelte Katja, dass es ihnen überhaupt gelingen würde hineinzusteigen.
»Haben Sie Angst?« Sven lachte spöttisch. »Aber wer A gesagt hat, muss auch B sagen. Los, springen Sie, oder ich werfe Sie ins Boot!«
Hellweg wies auf das Motorboot, dessen niedriger Bord sich in diesem Moment emporhob.
Er sah aus wie ein Mann, der seine Drohung ausführen würde, und Katja wusste, dass sie niemals einen Menschen mehr gehasst hatte als ihn.
»Gut!« Ein harter Zug der Entschlossenheit prägte ihr schönes Gesicht. Sie nahm all ihren Mut zusammen und sprang.
Sie fiel der Länge nach auf den Boden des Bootes, schlug mit dem Kopf gegen irgendetwas und stieß einen Fluch aus.
»Haben Sie sich wehgetan?«, schrie Sven, der ihr gleich gefolgt war. Ohne ihre Antwort abzuwarten, ließ er den Motor an. Katja lag noch immer auf den Planken und starrte zu ihm empor.
Das Boot schoss von der Mole fort, und Sekunden später war nur noch Nacht um sie herum und ein Mann in Ölzeug, der lachend eine wilde Melodie vor sich hin sang.
Katja stand auf, lehnte sich an die Seitenwand der nach hinten offenen Kajüte und fuhr sich durch ihr klatschnasses Haar.
»Sie sehen aus wie eine Katze, die man gerade aus dem Wasser gezogen hat«, sagte der Mann. »In dem Kasten dort ist ein Handtuch.«
»Ich bin gespannt, ob Sie Ihre Insel tatsächlich finden.«
»Wenn ich sie nicht finde, werden wir beide Fischfutter, teuerste Dame.« Sven grinste sie an. »Ich habe Treibstoff für acht Stunden an Bord, und wenn der verbraucht ist, wird das Boot kentern. Was werden sich die Fische dann freuen, wenn sie so etwas Appetitliches wie Sie zu knabbern bekommen!«
»Sie sind ein Scheusal!«, schrie Katja ihn an. »Ich hasse Sie!«
»Das freut mich«, versicherte Sven ihr. »Was wird Ihr Schatz sagen, liebste Doktorin, wenn er morgen früh kommt und Sie nicht findet?«
»Seit wann ist der Junge krank?«, fragte Katja.
Sven reizte ihren Zorn nicht umsonst, denn er wusste genau, dass er sie um jeden Preis von dem Unwetter ablenken musste. Begriff sie erst einmal, in welcher Lage sie sich befand, konnte sie leicht die Nerven verlieren.
Er gab ihr korrekt Auskunft.
»Einen Arzt haben wir auf unserer Insel nicht, nur eine Kräuterhexe«, fuhr er fort. »Sie ersetzt einen Arzt vollkommen, nur auf Luftröhrenschnitte versteht sie sich nicht recht.«
»Es wundert mich, dass Sie den Jungen nicht selbst operieren«, fuhr Katja ihn an. »Skrupel kennen Sie doch nicht.«
»Stimmt«, bestätigte Sven. »Aber wissen Sie, ich habe eine Abneigung, andere Menschen umzubringen. Ich tue es nur manchmal, und dann ungern.«
Sven wusste, dass sie ihn für einen Mörder hielt. Kein Wunder, dass er sie nicht gerade liebte.
♥♥♥
»Schweinerei«, knurrte Frau Polaschke, als sie am nächsten Morgen mit ihrem Schlüssel Katjas Haustür geöffnet hatte und den Schmutzfleck auf den Dielenplatten sah. Es war ihr ganzer Stolz, das Heim der Ärztin blitzsauber zu halten, und sie grollte den Patienten, die es oftmals nicht für nötig hielten, sich die Schuhe zu säubern, bevor sie eintraten.
Sie klopfte kurz an Katjas Wohnzimmertür, ehe sie hineinging. Wie jeden Morgen versorgte die Frau als Erstes den Ofen und räumte dann ein wenig auf. Wahrscheinlich, dachte sie, haben diese Bauern das Fräulein Doktor nachts wieder geholt, und sie schläft noch.
Frau Polaschke fasste sich ein Herz, klopfte zaghaft an die Schlafzimmertür und wartete auf eine Reaktion. Es blieb alles still. Gerne weckte sie das Fräulein Doktor nicht, aber sie würde ihr böse sein, wenn sie sie weiterschlafen ließ.
Das Bett der Ärztin war unberührt! Die Frau vermutete, dass sie sich bei irgendeinem kranken Bauern aufhielt.
Sie schloss die Tür und ging zum Wartezimmer.
»Das Fräulein Doktor ist nicht da«, teilte sie den Wartenden mit.
»Wann kommt sie denn zurück?«
»Das weiß ich nicht«, sagte Frau Polaschke und ging wieder hinaus.
Sie wirtschaftete den halben Vormittag im Hause herum, aber als Katja auch zum zweiten Frühstück nicht erschien, wurde sie unruhig.
Der Zettel, den Katja geschrieben hatte, lag im Kohlenkasten. Frau Polaschke hatte ihn mit anderen Papierabfällen zusammengefegt, ohne zu ahnen, dass er ihr den ersehnten Aufschluss gegeben hätte.
Am Abend benachrichtigte sie die Polizei.
Katja Anderson blieb spurlos verschwunden.
♥♥♥
Die Ärztin war hundemüde. Die Fahrt in dem winzigen Motorboot schien einfach kein Ende zu nehmen.
Erschöpft lehnte sie an der Wand des Windschutzes, kaum noch fähig, sich auf den Füßen zu halten.
Trotz seiner Abneigung tat sie Sven leid. Diese Fahrt war nur etwas für Männer, und er hatte mit Sicherheit angenommen, im Dorf einen Arzt zu finden.
Der Regen lief an der dicken Scheibe herunter und verwehrte Sven die Sicht, aber er steuerte sowieso nur nach dem Kompass, denn eine andere Orientierung gab es in dieser stürmischen, sternlosen Nacht nicht.
»In einer halben Stunde haben wir es geschafft.« Zum ersten Mal sah Katja den Mann lächeln, als er wieder einmal, nach einem Blick in Fahrtrichtung, den Schutz der Kabine aufgesucht hatte. »Hoffentlich kommen wir glatt an Land, der Wind steht sehr ungünstig.«
»Ja«, murmelte Katja.
»Nehmen Sie das Steuer«, befahl Sven dann. »Und richten Sie sich genau nach meinen Anweisungen! Die Einfahrt in den Hafen ist nur schmal, wenn wir nicht aufpassen, laufen wir auf Felsen auf. Los, reißen Sie sich zusammen!«
»Weshalb soll ich steuern?«, fragte Katja und gähnte. »Ich bin kein Matrose.«
»Durch diese verdammten Scheiben kann ich nichts sehen. Ich stelle mich neben die Kajüte, ich kenne das Fahrwasser, die Hauptsache ist, dass Sie genau das tun, was ich Ihnen zurufe.«
»In Ordnung!« Katja nickte ihm zu und griff in die Speichen des Rades.
»Verdammt noch mal, halten Sie das Rad fest!«, schrie Sven, als das Boot sich drehte. »Es dauert ja nur ein paar Minuten!«
Katja biss die Zähne zusammen.
Sie steuerte blind, sah überhaupt nichts, während Sven Hellweg seine Rechte schützend vor die Augen gelegt hatte und aus schmalen Augenspalten nach vorn schaute.
»Drei Strich Steuerbord!«
Katja stemmte sich gegen das Rad und spürte, dass ihre Kraft nicht ausreichte, es herumzudrehen.
Und dann hörte sie das hässliche Krachen und Splittern unter dem Kiel. Es gab einen Ruck, der sie nach vorn gegen das Rad schleuderte. Sie schrie, und dann schlugen die Wellen über dem zwischen Felsen festgeklemmten Boot zusammen. Keuchend rang sie nach Luft, und dann fühlte sie den festen Arm eines Mannes um ihre Taille.
»Das hat man davon, wenn man einer Frau etwas überlässt«, knurrte Sven sie an. »Das Boot ist hinüber. Hoffentlich kommen wir wenigstens heil herunter.«
Was dann geschah, erlebte Katja Anderson wie in einem bösen Traum. Vielleicht war sie sogar kurz ohnmächtig gewesen, denn plötzlich spürte sie, dass ein Mann sie auf den Armen trug. Sie schloss erschöpft die Augen und schmiegte sich unwillkürlich an ihn.
»Ich muss noch die Tasche holen«, sagte Hellwig, nachdem er sie ans Ufer gebracht hatte.
Die junge Ärztin sah, dass Sven furchtlos in die tosende Gischt zurückging.
»Es ist Wahnsinn!«, schrie Katja, als eine Welle über Sven hinwegging. »Holt ihn zurück!«
»Haben Sie keine Angst, Fräuleinchen, der Herr schafft es schon«, tröstete eine raue Stimme sie voller Zuversicht.
»Hoffentlich sind Ihre Instrumente nicht verdorben«, meinte Hellweg, als er sie erreicht hatte. »Kommen Sie mit, Fräulein Doktor, wir haben keine Zeit zu verlieren.«
Er sah, dass Katja völlig erschöpft war, und hob sie einfach wieder auf seine Arme.
»Lassen Sie mich sofort wieder auf die Erde! Ich kann gehen!«, herrschte die Ärztin ihn an, aber Sven Hellweg lächelte nur.
»Sie brauchen ruhige Hände«, knurrte er. »Und nun halten Sie endlich den Mund, es geht hier nämlich um das Leben eines jungen Mannes.«
Der Weg führte steil bergauf, der Pfad schien glitschig zu sein, einmal verlor er fast den Halt und rutschte mehr als einen halben Meter zurück.
»Jetzt reicht es mir, ich gehe, bevor ich mir sämtliche Knochen breche!« Katja stemmte sich mit aller Kraft gegen seine Brust, aber Sven, der Herr dieser Insel, ein kleiner König über ein paar Dutzend Menschen, dachte nicht daran, auf sie zu hören.
»Wenn Sie sich das Genick brechen wollen, meinetwegen gern«, sagte er grimmig. »Aber nicht, bevor sie Ingmar geholfen haben. Dann können Sie tun und lassen, was Sie wollen, sogar zum Festland zurückschwimmen, wenn es Ihnen Spaß macht.«
»Das könnte Ihnen so passen«, erwiderte Katja. »Sie werden mich schön ins Dorf zurückbringen. Oder haben Sie etwa die Absicht, mich hier als Gefangene zu behalten?«
»Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen, meine Liebe«, versicherte Sven. »Dank Ihrer Tüchtigkeit ist mein Motorboot gestrandet. Finden Sie sich damit ab, zumindest einige Wochen mein Gast zu sein.«
Trotz seiner Abneigung gegen sie, tat sie Sven irgendwie leid.
»Wir sind angelangt.« Er ließ Katja recht unsanft auf die Erde gleiten.
»Die Tasche!« Sven streckte fordernd die Hand aus, und irgendeiner der Männer, die ihnen gefolgt waren, reichte sie ihm.
Die Ärztin wunderte sich über den Respekt, den er hier genoss.
Ihre Augen hatten sich inzwischen an die Dunkelheit gewöhnt. Sie sah vor sich die Konturen eines niedrigen, strohgedeckten Hauses, dessen Fenster durch feste Läden geschützt waren und keinen Lichtschimmer hindurchließen.
Sven Hellweg klopfte kurz an die Tür, öffnete sie und trat, ohne eine Aufforderung abzuwarten, ein.
»Kommen Sie!«, herrschte er sie an.
Schweigend trat Katja über die Schwelle der Hütte. Sie enthielt außer dem winzigen Vorflur nur einen einzigen großen Raum, in dem sich das ganze Leben abzuspielen schien.
Nie zuvor, selbst nicht in der ärmlichsten Fischerkate des Dorfes, hatte die junge Ärztin Menschen derart primitiv leben sehen wie hier.
»Gut, dass Sie kommen.« Eine weißhaarige Frau packte ihren Arm und zog sie in eine dunkle Ecke des Raumes. »Sie müssen ihm helfen, Frau Doktor«, stammelte sie und wies auf einen jungen Mann, der bewegungslos auf dem Boden lag.
Katja vergaß ihre Müdigkeit, kniete nieder und griff nach der Hand des Patienten. Sein Puls jagte, und als sie ihre Finger auf seine Stirn legte, erschrak sie über die Fieberglut.
»Ich brauche Licht!«, befahl sie.
»Eine Fackel, Mutter Hilde«, gab Sven den Befehl weiter.
Die Frau brachte eine rußende Fackel und steckte sie in einen Haltering an der Wand.
»Ich gebe ihm eine Spritze«, sagte Katja. »Serum habe ich mitgebracht. Hoffentlich sind die Ampullen nicht zerbrochen.«
Schweigend öffnete der Herr der Insel ihre Tasche.
»Vielleicht muss ich auch einen Schnitt machen.« Katja beobachtete den Kranken.
