Die Welt geht All-In - Gregor Mann - E-Book

Die Welt geht All-In E-Book

Gregor Mann

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Beschreibung

In sieben fantastischen Kurzgeschichten erzählt der Autor unterhaltsam und spannend aufregende Abenteuer. So zieht es den schwarzweißen Privatdetektiv Marlon Pate auf der Suche nach einem Vermissten in die Welt des zwielichtigen Franzosen Nero Winger. Unterdessen droht in Little Hafnarfjordur nicht weniger als der Weltuntergang. Beim großen Pokerturnier der Zwerge versucht Wild Bill Hick, Sohn des Hock, einen Wunsch vom Zwergenkönig zu erspielen. In aberwitzigen Szenarios versuchen die merkwürdigen Helden gegen bizarre Gegner zu bestehen. Jede dieser Geschichten findet einen unterhaltsamen Bezug zum Poker. Doch dies ist nicht der einzige rote Faden, der stets zu erkennen ist.

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Seitenzahl: 138

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Für meine Frau und meinen Sohn.

Inhaltsangabe

Poker Noir

Universal Harmagedon

Little Hafnarfjordur

Pokerzwerge

Die Macht des Druiden

Tilly

All In Good Time

Der rote Faden

Poker Noir

Es war ein Tag wie zahllose andere zuvor. Nein, eigentlich war der Tag noch schlimmer, denn meine Whiskyflasche war leer. Ich lief durch die Straßen, vorbei an den geschlossenen Bars, auf der Suche nach, nach, ... was weiß ich. Es war eine schwere Zeit, der Alkohol war verboten, und Geld war Mangelware.

Außerdem begann es zu regnen. Mein Trenchcoat war nass wie ein Taschentuch im Pazifik und besonders schlimm war, dass alles schwarz-weiß blieb, weil die Farbe erst Jahrzehnte später erfunden wurde.

Also beschloss ich in mein Büro zu gehen. Vielleicht war noch eine Flasche in meinem Schreibtisch. Außerdem musste ich mich rasieren. Es könnte Immerhin ein Kunde kommen. Es musste ein Kunde kommen. Andernfalls hätte ich mein Büro verloren, weil ich mit zwei Monatsmieten in der Kreide stand.

Auf dem Weg zum Büro lief ein Mann quer über die Straße. Er trug einen merkwürdigen roten Anzug und schrie nur: »Ich bin der Faden, ich bin der Faden, ich bin der Faden, Muahahahaha!« Zu viele Verrückte wohnten in meinem Viertel, dennoch war ich mir sicher, diesen Mann nie wieder zu sehen. Allerdings war ich mir auch sicher, dass er irgendeine Geschichte zu erzählen hat, wenn auch nicht meine.

Als ich im Büro ankam, bemerkte ich sofort einen eigenartigen Geruch. Nein, es waren nicht nur die alten Zigarrenstummel im Aschenbecher und auch nicht der Whiskyfleck auf dem Teppich. Es war auch nicht das Paar Socken vom letzten Herbst. Vielmehr war es ein lieblicher Duft, etwas Wohlriechendes. Ganz klar, es war ein Parfüm.

Mein Blick wanderte zu meinem Schreibtisch und da erblickte ich die Quelle des Duftes. »Sind Sie Pate? Marlon Pate?« Ich war überrascht, sie kannte meinen Namen. Wäre ich nicht verkatert und übermüdet gewesen, wäre mir sofort eingefallen, dass mein Name an der Glastür steht. Es fiel mir aber nicht ein.

Mir war sofort klar, dass ich mir diese Person genauer ansehen musste. Zuerst sah ich nur ihre Beine, ihre ewig langen Beine, die sämtliche Zungen dieses Planeten zum Schnalzen bringen konnten. Erst viele Augenblicke später sah ich ihr kurzes, graues Kleid und ihre schwarze Handtasche, dann ihre strahlend grauen Augen. Sie waren wunderschön. Kristallklar wie ein grauer Bergsee, und dazu ihre knallig dunkelgrauen Lippen. Ich habe Schwarz-Weiß gehasst.

»Nennen Sie mich Schnüffler. Misses!« Sie nahm sich eine Zigarette aus ihrer Handtasche und führte sie langsam zu ihrem Mund. Niemals zuvor hörte ich dieses Knistern lauter als in jenem Moment. Sie hätte die Folie der Packung nicht mit der Zigarette zusammen in den Mund quetschen sollen.

»Miss. Mein Name ist Miss Elli Caldezone.« Ihr Name klang für mich wie eine zusammengefaltete Pizza, aber es störte nicht. Jede ihrer Bewegungen war es wert für sie zu sterben, oder besser, zu töten.

»Was kann ich für Sie tun, Miss Caldezone?« Langsam setzte ich mich an den Schreibtisch und nahm einen Zettel und einen Stift zur Hand. Mir war schnell klar, dass ich wie ein Profi wirken sollte, um dieser Kundin zu imponieren.

»Mein Bruder, der Professor Hoddie Caldezone, ist seit zwei Tagen spurlos verschwunden. Ich glaube, er wurde entführt.« Brüder wundervoller Frauen rettete ich schon immer gern. »Das ist etwas dünn. Was haben Sie noch für mich, Miss Calzone?« »Caldezone, nicht Calzone, Schnüffler. Mein Bruder ist Mathematiker und schrieb eine wissenschaftliche Abhandlung zum Thema Poker. Er wollte das theoretische Wissen in die Praxis umsetzen und suchte nach geeigneten Mitspielern. Offenbar hat er sie gefunden, jedenfalls wollte er vorgestern mit einem Franzosen pokern. Mehr weiß ich nicht.«

Franzose? Natürlich, das war beinahe zu einfach. Seit drei Monaten forderte ein Franzose sämtliche Spieler unserer Stadt heraus. Man sagte, er habe noch nie verloren. Nur drei seiner Gegner konnten die Aussage nicht bestätigen. Sie waren seit dem Spiel spurlos verschwunden. Nun waren es deren vier.

»Damit kann ich arbeiten, Miss Kaltezone.« »Caldezone, Schnüffler. Übernehmen Sie den Fall?« Es war mir sofort klar, dass ich den Fall übernehmen würde, und sei es nur, um noch einmal in ihre Augen blicken zu dürfen. Aber irgendwo in meinem Gehirn bemühte sich die Vernunft um Gehör und hatte damit Erfolg. »Ich muss Sie um einen Vorschuss bitten, Lady.« »Caldezone, Schnüffler, nicht Lady.« Was für eine Frau.

Sie nahm ihre Handtasche und wühlte darin herum. Selbst ihre Wühlerei war von sanfter Magie durchtränkt. Gott, wäre ich gern ihre Handtasche gewesen. Wenig später zückte sie ein Bündel Scheine heraus, auf denen ‚getilgte Mietsorgen‘ stand. »Genügt dies als Vorschuss, Schnüffler?« Oh ja, und wie das genügte. Beinahe wäre ich durch mein Büro gehoppelt und hätte ihr im Vorbeihoppeln einen flüchtigen Kuss mit der Dauer einer Ewigkeit gegeben. Aber die Hoppelei hätte meinem Image sicher nicht gutgetan, den Kuss hingegen hätte ich nie bereut.

»Das genügt. Ich werde mich sofort um Ihren Bruder kümmern. Bisher habe ich alles und jeden gefunden.« Das stimmte, abgesehen von meiner Würde, meinem gepflegten Erscheinungsbild und anderen bedeutungslosen Dingen. Im Auffinden verschollener Personen war ich ein Ass.

Beiläufig zählte ich die Scheine und stellte fest, dass nach Abzug der Mietkosten noch einiges für mich blieb. Ich zählte Geld schneller als ein Hai seine Beute fängt, und sie hatte es gewiss nicht gesehen. Um dies zu prüfen, schaute ich auf. Sie war weg. Ich wette, sie hätte das Zählen trotzdem nicht gesehen.

*

Da stand ich nun vor dem ‚Winger-Club‘. Ich war vorbereitet. In meinem Schulterhalfter befand sich meine geladene Kanone, bereit es mit jedem aufzunehmen. Eine kleine Pistole steckte ich meiner Socke. Unter meinem Hut wartete ein langes Tuch auf seinen Einsatz, übles Gesindel postfertig zu verpacken, und in meiner Tasche warteten etliche Dollar darauf, ihre Freunde einzuladen. Ich konnte nicht verlieren. Poker war mein Leben, bevor ich nach Chicago zog. In Vegas war ich eine feste Größe und gewann auf lange Sicht gegen alle. Wäre die eine Schießerei nicht gewesen, ich wäre immer noch dabei. Aber ich schwelgte nicht in weichgespülten Erinnerungen, ich ging hinein.

»Sie wünschen, Mister?« Es war der Tag der schönen Frauen, keine Frage. Die versammelte Stadtprominenz belagerte mehr als zwanzig Tische um sich von den Schönheiten bedienen zu lassen und weiteren Augenweiden beim Tanzen auf der Bühne zu genießen. Aber all die wunderbaren Geschöpfe wirkten nur wie von einem Handwerker gemalt, während Miss Caldezone von einem Künstler erschaffen wurde.

»Poker, Süße.« Ihr war sofort klar, wo sie mich hinzubringen hatte. Ich folgte ihr und betrat einen Hinterraum. Der Zigarrenqualm war so dicht wie ein zugefrorener See und es dauerte, bis ich die Spieler am Tisch erkennen konnte.

Als ersten erkannte ich Karl „Karten-Kalle“ Macrone. Er sah aus, als wäre er auf einer Harley gezeugt. Hätte ich Kinder, ich würde sie eher einem hungrigen Rudel Wölfe anvertrauen als ihm. Man sah nicht viel an ihm, lange Haare verdeckten nahezu alles. Nur seine Augen hätte man erkennen können, aber die verbarg er hinter einer Sonnenbrille. Man hätte auch gegen einen Bobtail spielen können.

Der Zweite im Bunde war Walter „der Professor“ Sick, seines Zeichens Buchhalter und millionenschwer. Wenn der Staat reich hätte werden wollen, sie hätten ihn anstellen müssen. Er war ein kleiner dicker Mann mit Brille, Glatze und einem widerlichen Dauergrinsen, aber mit Zahlen jonglierte keiner so gut wie er.

Die Nummer Drei war Elsa „Maneater“ Cunningham, gelegentlich auch als „Schwarze Witwe“ bekannt. Hätte ich jemals mit ihr geschlafen, ich hätte eben nicht geschlafen. In ihren Augen stand der Tod, doch der Rest ihres Körpers lässt Tote lebendig werden.

Nun erblickte ich endlich den Gastgeber. Gehört hatte ich einiges, gesehen hatte ich ihn noch nicht. Ein aalglatter Kerl, helle Haare, maßgeschneiderter Anzug, ein dezentes Grinsen. Hätte ich ihn gegriffen, wäre er mir wie ein Fisch aus den Händen entwichen, da war ich sicher.

»Herzlich Willkommen, Monsieur ...?« Er deutete mir meinen Platz und ich nahm denselben. »Mein Name spielt keine Rolle, ich möchte nur spielen.« Er war es gewohnt auf wenig Freundlichkeit zu treffen. Das war vortrefflich, denn ich war es nicht gewohnt, freundlich zu sein.

»Enchanté, Monsieur Niemand. Mein werter Name ist Nero Winger, mir gehört dieses bescheidene Etablissement. Wir spielen Hold’em ohne Limit. Sie erhalten Chips im Wert von 1.500 für eine bescheidene Gebühr von 10 Dollar, s'il-vous-plaît.« Eine der reizenden Damen nahm meine 10 Dollar in Empfang und registrierte meine Verblüffung scheinbar ebenso wie mein Gastgeber.

»Ihnen war die Höhe des Einsatzes nicht bekannt, Monsieur Niemand? Nun, wir suchen nicht den Reichtum, nur das Wissen, der Beste zu sein. Reich sind wir alle, aber der Champion bin nur ich. Können wir beginnen?« Ich nickte so cool es eben ging. »Merci. De rien. Trotz des bescheidenen Einsatzes ist der Gewinn énormément.«

Oh ja, der Gewinn. Ich wagte kaum mir auszumalen, wie der Gewinn auszusehen hatte. Aber dummerweise war ich genau deswegen hier. Während ich die Räumlichkeiten und den Gastgeber beiläufig auf mögliche Gefahren absuchte, betrat ein schmächtiger Mann den Raum. Es war der Geber. Kaum nahm er den letzten freien Platz, begann auch das Spiel.

*

Mir hätte auffallen sollen, dass die vier bisher nicht spielten, als hätten sie auf mich gewartet. Es fiel mir nicht auf. Zu viele Gedanken kreisten in meinem Kopf. Ich musste den Bruder des bezauberndsten Wesens, dem ich je begegnete, retten, und ich benötigte eine Strategie. Bei neuen Gegnern kamen zwei grundlegende Strategien in Betracht. Entweder werfe ich alle Karten weg und warte auf die mächtigen Siegkarten, das setzt allerdings voraus, dass die Gegenspieler schwach spielen. Oder aber ich halte bei niedrigen Einsätzen alles und gewinne große Mengen bei geglücktem Flop.

Das Schicksal nahm mir die Entscheidung ab. Nero Winger gab das Tempo vor und fütterte den Pot gewaltig, meine Karte hingegen war so aufregend wie ein Tag bei der Bauaufsichtsbehörde. Ich warf alle Karten weg und beobachtete meine Gegenspieler.

Karten-Kalle spielte gut, keine Frage. Er hatte nur den Fehler, dass er auf Neros aggressives Bieten nach dem Flop nicht reagieren wollte, er stieg zu oft aus. Die mächtigste Kreatur der Unterwelt war am Tisch ein sanftes Kuschelhäschen. Aber er nahm Elsa schon einige Chips weg, so dass er noch seine 1.500 Chips hält.

Elsa hingegen ist auf 700 gefallen, weil sie jede Hand hielt. Sie spielte grauenhaft, hat es aber immerhin geschafft, dem Dealer ihre Adresse zukommen zu lassen. Sie würde nicht mehr lange am Tisch bleiben, soviel war sicher, aber nach ihrem Willen war der Tag dennoch erfolgreich.

Der Professor verlor etwa 300, weil er stets rechnete. Winger beherrscht die Rechenkunst offenbar auch und bietet bei schwachen Karten exakt so viel, dass der Professor dies als unrentabel einstuft und aussteigt. Clever. Aber auch wenn ich damit schon zwei Spieler hinter mir wusste, musste ich etwas tun. Nach zahllosen Händen, die so erfreulich waren wie Zwiebeln schneiden, bekam ich als zehnte Starthand Bube und Acht in feinstem schwarzen Herz.

Erwähnte ich meine Abneigung gegen Schwarz-Weiß?

Die Blinds gingen gerade an mir vorüber, so konnte ich Nero und Elsa beobachten, bevor ich mich entschied. Nero erhöhte, wie er es nahezu jedes Spiel gemacht hatte, und Elsa hielt, wie sie es nahezu jedes Spiel gemacht hatte. Nur eines war anders, ich hielt ebenfalls. Der Professor und Karl Macrone warfen ihre Blinds weg. Nun musste ich meinen Vorteil umsetzen. Einerseits könnte ich eine gute Karte gefunden haben, andererseits wusste zumindest Nero, dass ich bisher nur abwarf. Die ersten drei Karten, die wir sehen durften, waren Zwei, Sieben und Zehn in unterschiedlichen Farben. Ich hatte also eine lausige Karte mit ebenso schwacher Chance auf eine Straße, aber die anderen dürften mit dem Flop auch unzufrieden gewesen sein.

Winger bot wie gewohnt, und Elsa wich von ihrer Strategie ab, sehr schön. Sie schaute auf ihren bescheidenen Chipstapel und dachte wahrscheinlich, dass sie noch etwas Zeit benötigte, um Kontakte zu knüpfen, also warf sie weg. Ich hingegen erhöhte Wingers Einsatz. Sollte er etwas getroffen haben, wäre die Idee schlecht, aber er bot zu aggressiv, wie ich annahm.

»Sie hätten mehr Chips aus diesem Spiel holen können, Monsieur Niemand. Wenn Sie nach zehn Spielen erstmals bieten, dann weiß jeder imbécile, welch mächtige Karte Sie haben.« Er warf seine Karten lächelnd in die Tischmitte.

»Ich gewinne lieber auf Augenhöhe, als aufgrund schlechter Einschätzung meiner Gegner.« Ich zeigte meine schlechte Karte, wie ich es für gewöhnlich nicht machen würde. Allerdings erhoffte ich mir etwas Furcht am Tisch, damit ich den Anschluss zu Winger finden konnte. Ich plante selbst, das Tempo vorzugeben, und das konnte nur funktionieren, wenn ich am Tisch einen Status hatte. Nun hatte ich den Status, und war zudem auf 1.700 Chips, immerhin.

»Gar nicht schlecht, Monsieur Niemand. Sie machen sich interessant. Très bien. Es wird mir eine große Freude sein, Sie zu besiegen.«

Zu Beginn spielte wir vier gegen eins, nun war die Verteilung drei gegen eins gegen eins, das sagte mir zu. Ab dem Zeitpunkt bot Winger nicht mehr immer und im Gegenzug wurden meine Gebote ernst genommen und analysiert. Es war wie damals in Vegas, ich hatte Macht. Ich schmeckte die Angst meiner Gegenspieler und kam Stück für Stück an Winger heran. Bis Elsa nach einer Erhöhung vor dem Flop ihre Chips in die Mitte schob, begleitet von einem lächelnden »All In.« Sie hätte weniger gelächelt, wenn sie gewusst hätte, dass Winger hält. Sie zeigte uns strahlend ihre beiden Könige und wusste, dass sie ins Spiel zurückfindet und am Ende des Abends mit irgendwem von uns nach Hause ging. Dieses Wissen bekam Risse wie die Wände meines Büros als sie sah, dass Winger zwei Asse auf der Hand hielt. Sie verlor, und Winger wurde wieder reicher. Wir waren noch zu viert.

Wortlos verließ Elsa das Zimmer.

Wenig später waren Karl und ich im Flop. Ich hielt ein mittleres Pärchen und wartete auf sein Gebot, das auch kam, begleitet von einem Ich-weiß-alles-Blick. Er schob die Sonnenbrille auf die Nasenspitze und versuchte mich mit seinem Blick zu töten. Es könnte damit zusammenhängen, dass ich seinen Kumpanen wegen Banküberfalls überführt hatte und er etliche Jahre hinter schwedischen Gardinen verbrachte. Ich zog es in dem Moment vor, auf taktische Tricks zu setzen. Warum schaute er mich auffällig an?

Hätte er mich als schwachen Gegner eingeschätzt, so hätte er gehofft, dass ich mich einschüchtern lasse und aussteige. Dieser simple Gedanke war so abwegig wie die Vermutung, er wüsste, wozu ein Rasiermesser gedacht wäre. Wäre er davon ausgegangen, dass ich die Tricks kenne, dann müsste seine Hoffnung gewesen sein, dass ich gerade wegen des Blickes im Spiel bleibe und auf seine Provokation einginge. Doch ich schätzte, er ging noch einen Schritt weiter, weil er genau wusste, wie das Spiel funktioniert und hatte tatsächlich nichts. Sein ganzes Gehabe diente also nur dem Status, wie bei mir zuvor.

Konsequent erhöhte ich, um kein Risiko eines Glückstreffers im Turn befürchten zu müssen. Er schaute mich weiter eindringlich an um zu signalisieren, dass er genau weiß, wer was auf der Hand hat. Es ist unwahrscheinlich, dass er nach Signalen suchte, dafür war das Ganze zu sehr geschauspielert. Ich hatte Zeit. Nichts auf der Welt war mir freundlicher gesonnen als die Zeit. Manches Mal verfluchte ich sie dafür, aber an diesem Tage war sie hilfreich. Es kam, wie es kommen musste, er faltete zusammen. Natürlich mit dem Siegerblick, alles richtig gewusst zu haben. Aber das war nur Show, der Sieger war ich.

Winger spielte seit einigen Runden vorsichtig und hielt seine Chips beisammen. Ich erkannte sofort, dass hinter dieser Angst vor dem Verlieren taktisches Kalkül lag, Karl erkannte es nicht, als sie sich im Flop trafen. Kein Gebot kam seitens Winger, er hielt bis zum River nur, bevor er Karl dazu trieb, alle seine Chips zu setzen. Mit seinem höchsten Pärchen fühlte sich Karl dennoch sicher, bis er den Drilling des Franzosen erblicken musste.

»Verdammter Franzose. Nächstes Mal bist du dran.«

Das berührte Winger nicht wirklich.

»Au revoir. Wenn du mir versprichst, das Geld in eine Frisur anzulegen, bekommst du deinen Einsatz zurück.«

Wütend verließ Karten-Kalle das Zimmer und knallte die Tür zu. Wir waren noch drei.

Zu diesem Zeitpunkt hielt Nero bereits zwei Drittel aller Chips, ich musste reagieren. Es kam mir sehr gelegen, dass der Professor in dem Moment mit mir in den Flop ging, als ich mit einem Pärchen Sieben im Flop Herz Sieben, Herz Zwei und Pik Zwei sah. Mit einem Full House war ich sicher der Sieger, doch Walter rechnete nach. Das konnte nur bedeuten, er hielt zwei Herz und wollte den Flush. Ich rechnete mit und bot genau die