Verlag: dtv Verlagsgesellschaft Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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E-Book-Beschreibung Die Zeit des Wartens - Elizabeth Jane Howard

Eine Serie, die süchtig machtAls im September 1939 Großbritannien dem Deutschen Reich den Krieg erklärt, verbringt die Familie Cazalet gerade ihre Ferien in Sussex. Während die Väter und Söhne eingezogen werden, bleiben die Frauen auf dem Land und trotzen den kriegsbedingten Einschnitten. Vor allem die Jugend lässt sich nicht unterkriegen: Die drei Cousinen Louise, Polly und Clary brennen darauf, das Leben kennenzulernen.

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E-Book-Leseprobe Die Zeit des Wartens - Elizabeth Jane Howard

Elizabeth Jane Howard

Die Zeit des Wartens

Die Chronik der Familie Cazalet ~ Band 2 ~

Roman

Aus dem Englischen übersetzt und mit Anmerkungen versehen von Ursula Wulfekamp

dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG, München

Für Dosia Verney

Stammbaum der Familie Cazalet

Die Familie Cazalet und ihr Personal

Was bisher geschah

Die folgende Vorgeschichte dieses Romans ist für Leserinnen und Leser gedacht, die mit dem vorhergehenden Band Die Jahre der Leichtigkeit nicht vertraut sind.

William und Kitty Cazalet, von der Familie »der Brig« und »die Duchy« genannt, haben ihr Haus in der Chester Terrace in London geschlossen und leben nur noch in ihrem Landsitz Home Place in Sussex. Die Augen des Brig lassen immer mehr nach, und so arbeitet er zunehmend seltener in der Holzfirma, die er zusammen mit seinen beiden älteren Söhnen Hugh und Edward leitet. Darüber hinaus gibt es noch den jüngsten Sohn Rupert sowie die ledige Tochter Rachel.

Hugh ist mit Sybil verheiratet, sie haben drei Kinder. Polly, die Älteste, ist zu Beginn dieses Romans vierzehn und wird gemeinsam mit ihrer Cousine Clary zu Hause unterrichtet. Der dreizehnjährige Simon besucht zusammen mit seinem Cousin Teddy ein Internat, William (Wills) ist gerade zwei geworden. Der zweite Sohn, Edward, ist mit Villy verheiratet (Viola Rydal, deren verwitwete Mutter Lady Rydal generell als Zuchtmeisterin gilt). Sie haben vier Kinder. Die sechzehnjährige Louise sitzt seit Kurzem nicht mehr mit ihren Cousinen im häuslichen Unterricht, sondern hat bereits ein Trimester an einer Hauswirtschaftsschule absolviert. Ihr Bruder Teddy, der ausgesprochen sportlich ist, geht seit zwei Jahren auf ein Internat, während die achtjährige Lydia eine kleine Tagesschule besucht. Roland (Roly) ist vier Monate alt und damit das Nesthäkchen.

Der dritte Sohn, Rupert, war mit Isobel verheiratet, mit der er zwei Kinder hatte: Clary, die im selben Alter wie Polly ist und mit ihr zusammen Unterricht erhält, und den mittlerweile achtjährigen Neville, der in London eine Tagesschule besucht. Isobel starb bei Nevilles Geburt, Ruperts zweite Frau Zoë ist mit ihren vierundzwanzig zwölf Jahre jünger als er. Die beiden haben keine Kinder.

Die unverheiratete Tochter Rachel kümmert sich um ihren nahezu blinden Vater und engagiert sich in der Kinderherberge, einer Wohltätigkeitseinrichtung, die zu Beginn des Romans gerade zum zweiten Mal aus London in ein Haus des Brig ganz in der Nähe von Home Place evakuiert wird. Rachels gute Freundin heißt Margot Sidney, wird aber allgemein Sid genannt; sie unterrichtet Geige und lebt in London, ist aber häufig in Home Place zu Gast.

Edwards Frau Villy hat eine Schwester, Jessica, die mit Raymond Castle verheiratet ist. Die beiden haben vier Kinder – weitere Cousins und Cousinen für die Cazalet-Kinder. Angela, deren erste unglückliche Liebe Rupert Cazalet galt, ist mittlerweile zwanzig und arbeitet in London. Der sechzehnjährige Christopher interessiert sich für alles, was mit Natur zu tun hat, und ist ein überzeugter Pazifist. Nora, ein Jahr älter als er, besuchte mit Louise die Hauswirtschaftsschule. Judy ist mit neun Jahren die Jüngste und geht auf ein Internat.

Am Ende von Die Jahre der Leichtigkeit erbten die Castles von einer Großtante Raymonds ein Haus und etwas Geld, sodass sie ihr schäbiges Zuhause in East Finchley aufgeben und in das Haus der Großtante in Frensham, Surrey, ziehen konnten.

Miss Milliment ist die sehr alte Hauslehrerin der Familie; sie war bereits Villys und Jessicas Gouvernante und unterrichtet jetzt Clary und Polly.

Diana Mackintosh ist Edwards Geliebte; von seinen vielen Affären ist diese die ernsthafteste. Diana ist verheiratet und hat drei Kinder.

Abgesehen von Home Place, dem Familiensitz, besitzt der Brig zwei in der Nähe gelegene Häuser, die er im Lauf der vergangenen Jahre erwarb und renovieren ließ: die Mill Farm, die gegenwärtig von der Kinderherberge genutzt wird, und das Pear Tree Cottage, das als Ausweichquartier für die Cazalets und die Castles dient.

Die drei Cazalet-Söhne unterhalten jeweils ein Haus in London. Hughs und Sybils ist in Ladbroke Grove, dort wohnt Hugh unter der Woche, wenn er in London arbeitet. Das Haus von Edward und Villy steht in der benachbarten Lansdowne Road, wo sie während der Schulzeit der Kinder leben. Rupert und Zoë besitzen ein kleines Haus in Brook Green.

Die Cazalets beschäftigen eine ganze Reihe von Dienstboten, die wesentlichsten in diesem Roman sind: die Köchin Mrs. Cripps, der Chauffeur Tonbridge, der Gärtner McAlpine und sein Gärtnerjunge Billy, der Pferdeknecht Wren, das Hausmädchen Eileen – die alle in Home Place sind – sowie Ellen, Ruperts Kindermädchen für Clary und Neville, die seit der Geburt von Wills und Roland mehr denn je zu tun hat.

Die Jahre der Leichtigkeit endete 1938 mit Chamberlains Ansprache nach dem Münchner Abkommen – »ein ehrenhafter Friede«. Die Zeit des Wartens setzt ein Jahr später ein, nach dem Überfall der Deutschen auf Polen. Alle Zeichen stehen auf Krieg. Aus den Großstädten werden Kinder evakuiert, die Menschen warten darauf, dass Chamberlain das Ergebnis des britischen Ultimatums an Hitler verkündet.

Home Place

September 1939

 

Jemand hatte das Radiogerät ausgeschaltet, und trotz der vielen Menschen im Raum herrschte absolute Stille – in der Polly spürte und beinahe auch zu hören glaubte, wie ihr Herz klopfte. Solange niemand sprach und sich niemand bewegte, herrschte noch Frieden, die allerletzten Minuten …

Aber der Brig, ihr Großvater, bewegte sich doch. Schweigend stand er auf, blieb einen Moment stehen, legte eine Hand zitternd auf die Lehne seines Stuhls und fuhr sich mit der anderen langsam über die trüben Augen. Dann ging er durch den Raum und gab seinen beiden ältesten Söhnen, Pollys Vater Hugh und ihrem Onkel Edward, nacheinander einen Kuss. Sie wartete, dass er auch Onkel Rupe küsste, doch das tat er nicht. Sie hatte ihn noch nie einen Mann küssen sehen, aber das hier erschien ihr eher wie eine Entschuldigung und eine Ehrenbezeugung. Es ist dessentwegen, was sie durchgemacht haben, als es das letzte Mal Krieg gab, und weil es umsonst war, dachte sie.

Polly sah alles. Sie sah, dass Onkel Edward den Blick ihres Vaters auffing und ihm zuzwinkerte, und dass sich das Gesicht ihres Vaters verzog, als erinnerte er sich an etwas, an das zu denken er kaum ertragen konnte. Sie sah ihre Großmutter, die Duchy, stocksteif dasitzen und Onkel Rupert mit einem Ausdruck blanker Wut anstarren. Sie ist nicht auf ihn wütend, sie hat Angst, dass er eingezogen wird. Altmodisch, wie sie ist, glaubt sie, es wären nur die Männer, die kämpfen und sterben müssen. Sie versteht nichts. Polly verstand alles.

Allmählich rutschten alle auf ihren Stühlen hin und her, tuschelten miteinander, zündeten sich Zigaretten an, die Kindern wurden zum Spielen nach draußen geschickt. Das Allerschlimmste war eingetreten, und sie machten mehr oder minder weiter wie sonst. Genau das tat ihre Familie in kritischen Situationen. Als es vor einem Jahr einen ehrenhaften Frieden gegeben hatte, da waren alle plötzlich ganz anders gewesen, aber Polly hatte das gar nicht richtig mitbekommen, denn kaum war sie von ihrer Überraschung und Freude überwältigt worden, hatte es sich angefühlt, als hätte ihr jemand einen Schlag versetzt. Sie war in Ohnmacht gefallen. »Du bist weiß geworden und hast die Augen verdreht, und dann bist du umgekippt. Es war maßlos spannend«, hatte ihre Cousine Clary gesagt und das in ihr Erfahrungsbuch notiert, das sie führte für die Zeit, wenn sie Schriftstellerin sein würde. Jetzt spürte Polly, dass Clary sie ansah, und gerade, als sich ihre Blicke begegneten und Polly zustimmend nickte, ja, komm, lass uns verschwinden, setzte in der Ferne das an- und abschwellende Heulen einer Sirene ein, und ihr Cousin Teddy rief: »Ein Luftangriff! Wahnsinn! So schnell!«, und alle standen auf, und der Brig sagte, sie sollten ihre Gasmasken holen und in der Halle warten, um gemeinsam zum Unterstand zu gehen. Die Duchy verschwand, um die Dienstboten zu informieren, ihre Mutter Sybil und Tante Villy meinten, sie müssten Wills und Roly aus dem Pear Tree Cottage holen, und Tante Rach sagte, sie müsse zur Mill Farm, um der Vorsteherin mit den evakuierten Kindern zu helfen – kurz, kaum jemand tat, was der Brig wollte.

»Wenn du deine Schreibsachen mitnehmen möchtest, trage ich deine Maske«, erbot sich Polly, während sie in ihrem Zimmer nach den Kartons mit ihren Gasmasken suchten. »Mist! Wo haben wir sie hin?« Sie hatten sie immer noch nicht gefunden, als die Sirene wieder losging, jetzt aber nicht auf- und abschwellend, sondern mit einem gleichmäßigen Heulton. »Entwarnung!«, rief jemand aus der Halle.

»Muss ein falscher Alarm gewesen sein«, sagte Teddy. Er klang enttäuscht.

»Obwohl wir da unten in dem schrecklichen Unterstand sowieso nichts mitbekommen hätten«, meinte Neville. »Und wahrscheinlich habt ihr schon gehört, sie führen den Krieg als Ausrede an, um nicht an den Strand zu fahren. So etwas Ungerechtes habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört.«

»Sei nicht so dumm, Neville!«, zischte Lydia. »In Kriegszeiten fährt man nicht an den Strand.«

Allgemein herrschte eine streitsüchtige Stimmung, fand Polly, obwohl es ein warmer Septembermorgen war, ein Sonntag. Draußen roch es nach Mr. McAlpines Laubfeuer, und alles sah aus wie immer. Die Kinder waren aus dem Salon geschickt worden – die Erwachsenen wollten sich unterhalten, und das ärgerte natürlich alle, die nicht dazugehören durften. »Ist ja nicht so, als würden sie die ganze Zeit Witze erzählen und brüllen vor Lachen, wenn wir da sind«, sagte Neville, als sie in die Halle abzogen. Bevor jemand ihm beipflichten oder widersprechen konnte, steckte Onkel Rupert den Kopf zur Tür des Salons hinaus und rief: »Jeder, der seine Maske nicht finden konnte, geht sie jetzt suchen, und in Zukunft werden sie im Waffenraum aufgehoben. Und zwar zack, zack.«

***

»Es ärgert mich wirklich, zu den Kindern gezählt zu werden«, sagte Louise zu Nora auf dem Weg hinunter zur Mill Farm. »Sie werden stundenlang zusammensitzen und unser weiteres Leben verplanen, als wären wir Schachfiguren. Wir sollten zumindest die Möglichkeit haben, Einspruch zu erheben, bevor sie uns vor vollendete Tatsachen stellen.«

»Da bleibt einem nichts anderes übrig, als ihnen zuzustimmen und dann zu tun, was man für richtig hält«, antwortete Nora. Womit sie vermutlich meinte, zu tun, was sie wollte, dachte Louise.

»Was hast du nach der Kochschule vor?«

»Dahin gehe ich jetzt nicht zurück. Ich fange eine Ausbildung als Krankenschwester an.«

»O nein, bitte nicht! Bleib doch noch bis Ostern. Dann können wir gemeinsam abgehen. Ohne dich würde es ganz schrecklich werden. Außerdem wette ich, dass sie niemanden unter siebzehn Krankenschwester werden lassen.«

»Mich nehmen sie«, sagte Nora. »Und du kommst bestimmt zurecht. Das mit deinem Heimweh ist doch schon viel besser geworden, das Schlimmste hast du überstanden. Es ist einfach Pech, dass du ein Jahr jünger bist und noch warten musst, um etwas wirklich Nützliches zu machen. Aber dann kannst du viel besser kochen wie ich …«

»Als ich«, korrigierte Louise sie automatisch.

»Also gut, als ich, und das wird sehr nützlich sein. Du kannst dich beim Militär als Köchin bewerben.«

Eine durch und durch abstoßende Vorstellung, dachte Louise. Im Grunde wollte sie überhaupt nichts Nützliches machen. Sie wollte eine große Schauspielerin werden, was Nora, wie sie mittlerweile wusste, für ungemein trivial hielt. Darüber hatten sie in den Ferien heftig … nun ja, nicht richtig gestritten, aber hitzig diskutiert, und seitdem hielt sich Louise mit ihren Zukunftsplänen etwas bedeckt. »Schauspielerinnen sind nicht notwendig«, hatte Nora gesagt, aber auch eingeräumt, dass es, wenn es keinen Krieg gäbe, relativ gleichgültig sei, was Louise mache. Im Gegenzug hatte Louise den Nutzen von Nonnen hinterfragt (Noras Berufswunsch, den sie jetzt allerdings hintanstellen musste – zum Teil, weil sie im vergangenen Jahr gelobt hatte, nicht Nonne zu werden, wenn es keinen Krieg gäbe, und jetzt, weil Krankenschwestern in den kommenden Monaten und Jahren dringend gebraucht würden). Aber Nora hatte erwidert, Louise habe keine Vorstellung von der Bedeutung des Gebets und wie notwendig Menschen seien, die ihr Leben dem Beten weihten. Das Problem war, dass es Louise nicht interessierte, ob die Welt Schauspielerinnen brauchte oder nicht, sie wollte einfach eine sein. Ihre Einstellung war Noras also moralisch unterlegen, was den Vergleich ihrer beider Charaktere in Bezug auf ihren Wert eher unerfreulich gestaltete. Aber Nora kam jeder eventuellen indirekten Kritik zuvor, indem sie unweigerlich einen viel schwerer wiegenden und abstoßenderen Fehler ansprach. »Überheblichkeit ist wirklich eins meiner großen Probleme«, sagte sie etwa, oder: »Sollte ich je auch nur probehalber als Novizin angenommen werden, scheitere ich bestimmt an meiner schrecklichen Selbstgerechtigkeit.« Was konnte man darauf erwidern? Eigentlich wollte Louise sich gar nicht so eingehend kennen, wie Nora es tat. »Wenn du wirklich glaubst, dass du so bist, wie kannst du es dann ertragen?«, hatte sie am Ende des Streits/der hitzigen Diskussion gefragt.

»Mir bleibt ja nichts anderes übrig. Aber zumindest bedeutet es, dass ich weiß, woran ich arbeiten muss. Und jetzt ertappe ich mich schon wieder dabei! Ich bin überzeugt, dass du deine Fehler auch kennst, Louise. Im tiefsten Inneren tun das die meisten Menschen. Es ist der erste Schritt.«

Im Versuch, Nora doch noch vom Wert der Schauspielkunst zu überzeugen, hatte Louise Genies wie Shakespeare, Tschechow und Bach angeführt. (Bach hatte sie listigerweise eingefügt, weil er, wie man wusste, tiefreligiös gewesen war.) »Du glaubst doch nicht im Ernst, dass du jemand wirst wie sie!« Daraufhin war Louise verstummt. Denn in einem ganz kleinen, geheimen Winkel ihrer selbst war sie überzeugt, dass sie tatsächlich so jemand werden würde – zumindest eine Bernhardt oder ein Garrick[1] (denn die Männerrollen hatten es ihr schon immer besonders angetan). Ebenso wie alle früheren Auseinandersetzungen, die sie mit anderen geführt hatte, blieb auch diese ungelöst, nur war sie danach noch überzeugter als zuvor, dass sie genau das tun wollte, und Nora war noch verbissener der Ansicht, dass sie es nicht wollen sollte.

»Andauernd kritisierst du mich!«, hatte sie geschrien.

»Du mich auch«, hatte Nora zurückgeschossen. »So gehen Menschen eben miteinander um. Außerdem bin ich mir nicht sicher, ob es wirklich Kritik ist – vielleicht hat es mehr damit zu tun, einen Menschen an bestimmten Maßstäben zu messen. Das mache ich bei mir selbst auch, und zwar ständig«, hatte sie hinzugefügt.

»Und natürlich genügst du immer deinen Erwartungen.«

»Aber natürlich nicht!« Ihr unschuldig funkelnder Blick der Entrüstung hatte Louise erneut verstummen lassen. Als sie allerdings die buschigen Augenbrauen ihrer Freundin betrachtete und den leichten, aber unverkennbaren Ansatz eines Damenbarts auf ihrer Oberlippe, war sie doch froh, nicht wie Nora auszusehen, was in gewisser Weise auch eine Kritik darstellte. »Ich halte dich für einen viel besseren Menschen als mich«, hatte sie gesagt, ohne hinzuzufügen, dass sie trotzdem lieber sie selbst war.

»Ja, ich könnte wohl irgendwo als Köchin arbeiten«, sagte sie jetzt, als sie in die Auffahrt zur Mill Farm abbogen, wo sie bis vor zwei Tagen gewohnt hatten. Am Freitagvormittag war beschlossen worden, dass alle von dort in die neuen Cottages des Brig ziehen sollten, die zu einem ziemlich großen Haus umgebaut und Pear Tree Cottage getauft worden waren wegen des uralten Birnbaums im Garten. Dort gab es acht Schlafzimmer, aber die waren belegt mit Villy und Sybil sowie Edward und Hugh am Wochenende, und Jessica Castle, die mit Raymond ihren jährlichen Besuch abstattete (er war an dem Tag nach London gefahren, um Miss Milliment und Lady Rydal abzuholen), und so blieb nur noch Platz für Lydia und Neville sowie die ganz Kleinen, Wills und Roland.

Der Umzug ins Pear Tree Cottage hatte den ganzen Tag in Anspruch genommen. Die älteren Kinder waren nach Home Place umquartiert worden, wo bereits Rupert und Zoë wohnten sowie die Großtanten und Rachel. Am Samstag war die Kinderherberge eingetroffen: fünfundzwanzig Säuglinge und Kleinkinder, sechzehn Schwesternschülerinnen sowie die Vorsteherin und Schwester Crouchback. Sie waren in zwei Bussen gekommen, gefahren von Tonbridge und Rachels Freundin Sid. Die Schwesternschülerinnen sollten in der Squashhalle schlafen, die mittlerweile mit drei mobilen Toiletten und einer höchst widerspenstigen Dusche ausgestattet war. Die Vorsteherin und die Schwester waren mit den Kindern in der Mill Farm untergebracht und wurden nachts von wechselnden Schwesternschülerinnen unterstützt. Am Samstagnachmittag hatte Nora vorgeschlagen, dass sie und Louise das Dinner für die Schwesternschülerinnen zubereiteten, was Tante Rachel mit großer Dankbarkeit annahm. Sie war seit dem Morgengrauen auf den Beinen und völlig erschöpft vom Versuch, die Squashhalle so herzurichten, dass Menschen dort nicht nur schlafen, sondern auch ihre persönlichen Habseligkeiten aufbewahren konnten. Das Kochen hatte sich als ausgesprochen schwierig erwiesen, weil alle Küchenutensilien von der Mill Farm ins Pear Tree Cottage gewandert waren und die Ausstattung der Kinderherberge in die Irre gegangen war; der Lastwagen der Firma Cazalet, der sie transportierte, sollte erst um neun Uhr abends auftauchen. So mussten die beiden das Essen im Pear Tree Cottage zubereiten, und Villy sollte es mit ihnen zur Mill Farm fahren. Das bedeutete, unter dem fast beleidigend herablassenden Blick Emilys zu arbeiten, nach deren Verständnis Damen und ihre Töchter nicht einmal ein Ei zu kochen imstande waren. Außerdem zeigte sie ihnen nur höchst widerwillig, wo Dinge aufbewahrt wurden, zum einen, weil sie bei der ganzen Aufregung nicht wusste, wo ihr der Kopf stand, und zum anderen, weil sie sowieso nicht wollte, dass sie ihre Sachen verwendeten. Louise musste zugeben, dass sich Nora wunderbar taktvoll verhielt und offenbar jegliche Beleidigung an ihr abperlte. Sie bereiteten zwei riesige herzhafte Aufläufe zu, und Louise backte eine Ladung süßer Hefebrötchen, weil sie das gerade gelernt hatte und sich sehr gut darauf verstand. Das Essen wurde dankbar angenommen, und die Vorsteherin bezeichnete sie als Retterinnen in der Not.

Als sie das Haus erreichten, empfing sie Babygeschrei. Nora meinte, dass der Fliegeralarm die Kleinen wohl aus ihrem Vormittagsschlaf gerissen hatte und sie dann auch noch in den Unterstand gebracht worden waren, den der Brig hatte bauen lassen. »Obwohl mir völlig schleierhaft ist, wie die Schwestern bei einem Luftangriff nachts von der Squashhalle rechtzeitig dorthin kommen wollen«, fügte sie hinzu. Louise versuchte sich vorzustellen, wie in der Dunkelheit Bomben aus dem Nichts herabfielen, und schauderte. Waren die Deutschen zu so etwas wirklich in der Lage? Wahrscheinlich nicht, dachte sie, aber sie sagte nichts, weil sie es im Grunde gar nicht wissen wollte.

Die Vorsteherin und Tante Rach waren in der Küche. Tante Rach packte Teekisten aus, die Vorsteherin saß am Tisch und schrieb Listen.

Eine Schwesternschülerin füllte aus einer gigantischen Vorratsdose Trockenmilchportionen ab, eine andere stand am Herd und sterilisierte Fläschchen in zwei Töpfen. Es herrschte die muntere Atmosphäre einer Krisensituation.

»Not kennt kein Gebot«, sagte die Vorsteherin gerade. Louise fand, dass ihr Gesicht Ähnlichkeit mit dem einer naturverbundenen Queen Victoria hatte: die gleichen ziemlich vortretenden blassblauen Augen und die gleiche kleine Hakennase, die gleichen vollen, birnenförmigen Wangen, jedoch in der Farbe von Blumentöpfen, durchzogen von geplatzten Äderchen. Ihre Figur hingegen war reinste Queen Mary – die gepolsterte Statur der Jahrhundertwende. Sie trug ein langärmliges marineblaues Sergekleid, dazu eine frisch gebügelte weiße Schürze und eine Haube mit gestärktem Schleier.

»Wir sind hier, um mit dem Lunch zu helfen«, erklärte Nora.

»Euch schickt der Himmel«, sagte Tante Rachel. »In der Speisekammer liegen ein paar Lebensmittel, aber ich habe mich noch nicht richtig darum gekümmert. Irgendwo ist auch ein Schinken, glaube ich, und Billy hat ein paar Salatköpfe gebracht.«

»Und dann sind da noch die Backpflaumen, die Schwester Crouchback gestern Abend eingeweicht hat«, warf die Vorsteherin ein. »Ich lege großen Wert darauf, dass meine Mädchen ihre Backpflaumen bekommen – das spart ein Vermögen an Feigensirup.«

»Sie müssen aber noch gedünstet werden«, gab Nora zu bedenken. »Ich glaube nicht, dass sie bis zum Lunch abgekühlt sind.«

»In der Not frisst der Teufel Fliegen«, sagte die Vorsteherin, klemmte ihren Füller oben an ihre Schürze und erhob sich, wobei ihre Gelenke knacksten.

Louise bot an, die Backpflaumen zu dünsten.

»Nehmen Sie die Fläschchen noch nicht vom Herd. Wenn die schon zwanzig Minuten dort stehen, fresse ich einen Besen. Ach, Miss Cazalet, wo wären wir ohne unsere fleißigen Helferinnen? Aber nicht doch, Miss Cazalet, Sie heben sich noch einen Bruch!« Rachel gab ihren Versuch auf, eine Teekiste aus dem Weg zu räumen, und ließ sich von Nora helfen. Mittlerweile weinten noch mehr Kinder.

»Mr. Hitler hat unsere Routine völlig durcheinandergebracht. Wenn es so weitergeht, muss ich ihm einmal persönlich schreiben. Der Vormittag ist eine geradezu irrwitzige Zeit für einen Bombenangriff. Aber da sieht man es wieder einmal – Männer!«, sagte sie. »Ich frage nur kurz Schwester Crouchback, ob sie noch etwas auf die Liste setzen möchte – allerdings ist heute Sonntag, nicht? Da haben die Läden geschlossen. Nun ja, besser spät als nie.« Damit stürmte sie zur Tür hinaus und stieß fast mit einer Schülerin zusammen, die zwei Eimer dampfender Windeln trug. »Machen Sie doch die Augen auf, Susan. Und stellen Sie die zum Einweichen nach draußen, sonst vergeht allen der Appetit.«

»Ja, Frau Vorsteherin.« Alle Schwesternschülerinnen trugen kurzärmelige malvenfarben-weiß gestreifte Baumwollkleider und schwarze Strümpfe.

»Schau doch mal, ob du Sid findest, Herzchen, ja?«, bat Tante Rachel. »Wir müssen vor dem Lunch der Schwesternschülerinnen möglichst viele Teekisten aus der Küche schaffen. Sie ist oben beim Verdunkeln.«

***

Das Verdunkeln sämtlicher Fenster in allen drei Häusern und bewohnten Außengebäuden – wozu auch die Squashhalle mit ihrem Glasdach gehörte – beschäftigte den Brig mittlerweile seit mehreren Tagen, mit dem Ergebnis, dass Sid und Villy die Aufgabe übertragen worden war, Holzleisten herzustellen, auf die der Verdunklungsstoff genagelt werden konnte. Sybil, Jessica und die Duchy, die jeweils eine Nähmaschine besaßen, waren beauftragt, Vorhänge für all diejenigen Fenster zu säumen, bei denen keine Holzleisten angebracht werden konnten, und Sampson, der Baumeister, hatte eine hohe Leiter zur Verfügung gestellt, von der aus der Gärtnerjunge das Dach der Squashhalle streichen sollte. Allerdings war er von dort ziemlich bald in einen riesigen Wasserbottich gefallen, was McAlpine als unverdientes Glück bezeichnet hatte; Billys Armbruch und den Verlust zweier Vorderzähne tat er als reine Frechheit ab. So war Sampson der Auftrag erteilt worden, sich um das Dach der Squashhalle zu kümmern, allerdings war das nur eine seiner zahlreichen Aufgaben, sodass er Samstagvormittag, als die Kinderherberge eintraf, noch nicht allzu weit gediehen war. Teddy, Christopher und Simon wurden eingespannt, um einem von Sampsons Männern beim Aufbau des Gerüsts zur Hand zu gehen und ihm dann zu helfen, das schräg abfallende Glasdach mit dunkelgrüner Farbe zu streichen, während innen, im stickigen und immer düsterer werdenden Raum, Rachel und Sid Feldbetten aufstellten, missmutig verfolgt von Lydia und Neville oben auf der Galerie (sie sollten Botendienste übernehmen, aber Tante Rachel enttäuschte sie und ließ sich nicht genügend Botengänge einfallen). An dem Samstag leisteten alle Schwerarbeit, bis auf Polly und Clary, die sich am Morgen zum Bus nach Hastings davonstahlen.

»Wen hast du gefragt?«

»Niemanden. Ich habe es Ellen gesagt.«

»Hast du gesagt, dass ich mitfahre?«

»Ja. Ich sagte: ›Polly möchte nach Hastings, also fahre ich mit ihr mit.‹«

»Aber du wolltest doch auch fahren.«

»Natürlich, sonst säße ich nicht hier, oder?«

»Warum hast du dann nicht gesagt, dass wir beide fahren wollen?«

»Das ist mir nicht eingefallen.«

Das war die aalglatte Seite von Clary, die Polly nicht mochte, aber aus Erfahrung wusste sie, dass es Streit geben würde, wenn sie nachhakte. Und wenn dieser Tag der letzte in Friedenszeiten sein würde, dann sollte er von keinem Streit oder sonst etwas getrübt werden.

Aber irgendwie wurde es trotzdem kein schöner Tag. Polly wünschte sich, so sehr in ihren Unternehmungen aufzugehen, dass sie keine Gelegenheit haben würde, an das womöglich Bevorstehende zu denken. Sie gingen zu Jepson’s, was sie beide eigentlich ausgesprochen gern taten, aber als Clary sich stundenlang Zeit nahm, um einen Füller auszusuchen (der Ausflug diente unter anderem dem Zweck, Clarys Geburtstagsgeld auszugeben), wurde sie ungeduldig und ärgerte sich, dass Clary etwas so Banales derart ernst nehmen konnte. »Mit einem neuen ist das Schreiben doch immer schwierig«, sagte sie. »Man muss die Feder benutzen, damit sie gut wird.«

»Das weiß ich doch. Aber wenn ich jetzt eine breite Feder kaufe, wird sie wahrscheinlich zu breit, andererseits habe ich bei der mittleren nicht das Gefühl, dass sie jemals richtig werden wird.«

Polly blickte zum Verkäufer – einem jungen Mann in einem glänzenden, abgetragenen Anzug –, der zusah, wie Clary jede Feder leckte, bevor sie sie in das Tintenfass tauchte und ihren Namen auf die kleinen Zettel schrieb, die auf der Ladentheke bereitlagen. Er wirkte nicht ungeduldig, nur gelangweilt. Außerdem machte er den Eindruck, als wäre das seine übliche Miene.

Sie waren in der eher schlecht sortierten Papierwarenabteilung der Buchhandlung. Es gab nur Schreibpapier, und man konnte Briefpapier mit eigenem Briefkopf, Besuchskarten und Hochzeitseinladungen bestellen. Außerdem verkauften sie dort Füllfederhalter und Bleistifte. »Es ist sehr wichtig, eine neue Feder anzulecken, bevor man sie benutzt«, erklärte Clary gerade, »aber vermutlich sagen Sie das den Kunden. Könnte ich den Waterman ausprobieren – den lilafarbenen –, nur zum Vergleich?« Er kostete zwölf Shilling und sechs Pence, und Polly wusste, dass sie ihn nicht kaufen würde. Sie beobachtete den Mann, während Clary einen Füller nach dem anderen testete, und schließlich starrte er einfach in die Ferne. Vermutlich machte er sich Sorgen, ob es Krieg geben würde.

Mit einem fragenden Blick zu ihm sagte sie: »Was bringt die Zukunft?«

»Dazu fällt mir gar nichts ein, wenn ich Füller ausprobiere«, sagte Clary ärgerlich.

»Dich meinte ich nicht.«

Beide schauten zum Verkäufer, der sich räusperte, sich über das stark pomadisierte Haar strich und sagte, er verstehe nicht, was sie meine.

»Das wundert mich nicht«, sagte Clary. »Ich nehme den Medium Relief …«

»Das macht sieben Shilling sechs Pence«, sagte er, und Polly merkte, dass er sie schleunigst loswerden wollte.

Draußen stritten sie sich ein bisschen über Pollys idiotische Bemerkung, wie Clary sie nannte. »Bestenfalls fand er dich herablassend«, sagte sie.

»Das war ich nicht.«

»Er dachte aber, dass du es warst.«

»Halt den Mund!«

Clary sah zu ihrer Freundin – na ja, eher ihrer Cousine; wie eine Freundin kam sie ihr nicht gerade vor …

»Entschuldige. Ich weiß, wie sehr dir das zu schaffen macht. Aber es kann noch alles gut werden, Poll. Denk an letztes Jahr.«

Polly schüttelte den Kopf. Sie runzelte die Stirn, und plötzlich sah sie aus wie Tante Rach, wenn sie versuchte, bei Brahms nicht zu weinen.

»Ich weiß schon«, sagte Clary sanft, »du willst nicht nur, dass ich dich verstehe, du möchtest, dass es mir genauso geht wie dir. Stimmt’s?«

»Wenigstens ein Mensch soll das!«

»Ich glaube, unsere beiden Väter tun es.«

»Ja, aber das Problem bei ihnen ist, dass sie unsere Gefühle nur bis zu einem gewissen Grad berücksichtigen.«

»Ich weiß, was du meinst. Als wären unsere Gefühle nur so groß wie unsere Körper, sprich, kleiner. In der Hinsicht sind sie wirklich dumm. Wahrscheinlich können sie sich nicht daran erinnern, wie es war, ein Kind zu sein.«

»In ihrem Alter ganz bestimmt nicht! Ich wette, ihre Erinnerung reicht keine fünf Jahre zurück.«

»Also, ich werde es mir zur Aufgabe machen, mich zu erinnern. Natürlich rechtfertigen sie sich mit dem Argument, dass sie für uns verantwortlich sind.«

»Verantwortlich! Wenn sie nicht einmal einen grauenhaften Krieg verhindern können, in dem wir vielleicht alle umkommen! Noch unverantwortlicher kann man doch gar nicht sein!«

»Jetzt steigerst du dich wieder in etwas hinein«, sagte Clary. »Was sollen wir denn als Nächstes machen?«

»Das ist mir egal. Was hast du noch vor?«

»Ein paar Hefte kaufen und ein Geburtstagsgeschenk für Zoë. Und du wolltest Wolle besorgen. Wir könnten zum Lunch Krapfen essen. Oder Baked Beans?« Beide liebten Baked Beans, weil Simon und Teddy sie im Internat oft bekamen, sie zu Hause aber nicht, weil gebackene Bohnen als gewöhnlich galten.

Mittlerweile schlenderten sie Richtung Seepromenade. Viele Urlauber sahen sie nicht, nur an einem Strandabschnitt waren einige. Sie rutschten auf den unbequemen Steinen hin und her und lehnten sich an die silbrigen hölzernen Wellenbrecher, aßen Sandwiches und Eiscreme und starrten auf das graugrüne Meer hinaus, das planlos und fast verstohlen auf und ab wogte.

»Möchtest du ins Wasser gehen?«

Aber Polly zuckte nur mit den Achseln. »Wir haben unsere Badesachen nicht dabei«, sagte sie, obwohl Clary wusste, dass sie das nicht vom Schwimmen abhalten würde, wenn sie Lust dazu hätte. Ein Stück weiter den Strand entlang hievten Soldaten riesige Stacheldrahtrollen aus einem Lastwagen und stellten sie in regelmäßigen Abständen am Strand auf, überall dort, wo sie Betonpfosten erkennen konnten, die auf halber Höhe in einer Reihe in den Sand eingelassen waren.

»Komm, lass uns was essen gehen«, sagte Clary schnell.

Sie aßen Baked Beans und Toast und jede einen Krapfen mit Marmeladenfüllung und ein Sahneröllchen, und dazu tranken sie einen herrlich starken indischen Tee (den sie zu Hause auch nicht bekamen).

Das heiterte Polly etwas auf, und sie unterhielten sich über normale Dinge wie die Frage, welche Art Mann sie heiraten wollten. Polly meinte, ein Forscher würde ihr gefallen, wenn er heiße Länder erforschte, weil sie Schnee und Eis nicht ausstehen konnte und ihn selbstredend begleiten würde, und Clary sagte, ein Maler, weil das mit dem Bücherschreiben gut zusammenpasste und sie sich wegen ihres Vaters mit Malern auskannte. »Außerdem ist es Malern nicht so wichtig, wie man aussieht. Ich meine, ihnen gefallen Gesichter aus ganz anderen Gründen, deswegen würde er sich an meinem weniger stören.«

»Du siehst doch gut aus«, widersprach Polly. »Deine Augen sind wunderschön, und die sind das Wichtigste.«

»Deine sind genauso schön.«

»Ach, meine sind viel zu klein. Eigentlich scheußlich. Kleine dunkelblaue Stiefelknöpfe.«

»Aber du hast einen wunderbaren Teint – unglaublich weiß und dann blassrosa, wie Romanheldinnen. Ist dir eigentlich aufgefallen«, fuhr sie verträumt fort und schleckte die letzten Sahnereste von den Fingern, »dass Schriftsteller sich immer endlos über das Aussehen ihrer Heldinnen auslassen? Das muss für Miss Milliment doch schrecklich zu lesen sein, weil sie weiß, dass sie nie eine davon war.«

»Aber sie sind ja nicht alle bildschön«, wandte Polly ein. »Denk an Jane Eyre.«

»Und du hast mit deinen Haaren richtig Glück. Obwohl Kupferblond im Lauf der Zeit oft verblasst«, fügte sie hinzu und dachte an Pollys Mutter. »Dann wird es eher wie wässrige Orangenmarmelade. Ach, und Jane Eyre! Mr. Rochester schwärmt doch ständig davon, wie zierlich und klein sie ist. Das ist eine raffinierte Art zu sagen, dass sie hinreißend aussieht.«

»Das sind eben Sachen, die die Leute wissen möchten. Ich hoffe wirklich sehr, dass du nicht zu modern schreiben wirst, Clary. Nicht so, dass niemand versteht, worum es geht.« Polly hatte sich Ulysses aus dem Bücherstapel ihrer Mutter geholt und fand es sehr schwere Kost.

»Ich werde schreiben wie ich«, sagte Clary. »Es ist sinnlos, mir zu sagen, wie ich schreiben soll.«

»Jetzt komm, lass uns die anderen Sachen besorgen.«

Der Lunch kostete vier Shilling und sechs Pence, mehr als erwartet, aber Clary beglich großzügig die ganze Rechnung. »Du kannst es mir zurückzahlen, wenn du Geburtstag hast«, sagte sie.

»Wahrscheinlich ist Miss Milliment mittlerweile daran gewöhnt. Ich glaube, der Wunsch zu heiraten vergeht ziemlich bald.«

»Ach, wirklich? Dann glaube ich nicht, dass ich je heiraten werde. Es ist mir schon jetzt nicht besonders wichtig, und Frauen über zwanzig altern sehr schnell. Denk an Zoë.«

»Kummer lässt Menschen altern.«

»Alles lässt Menschen altern. Weißt du, was diese näselnde Frau, Lady Knebworth, die Freundin von Tante Villy, zu Louise sagte?« Als Polly schwieg, fuhr sie fort: »Sie hat gesagt, sie solle nicht die Stirn runzeln, weil man davon Falten bekommt. Das ist für dich wichtig zu wissen, Polly, du runzelst beim Nachdenken immer die Stirn.«

Mittlerweile standen sie vor dem Café. »Was soll ich ihr zum Geburtstag schenken?«, fragte Clary.

»Tante Zoë? Ich weiß es nicht. Seife vielleicht, oder Badesalz. Oder einen Hut?«, schlug sie vor.

»Polly, man kann doch niemand anderem einen Hut schenken. Leuten gefallen doch nur die schrecklichen, die sie selbst aussuchen. Ist es nicht komisch?«, fuhr sie fort, als sie von der Promenade zu den Geschäften zurückgingen. »Wenn man Leute im Laden beobachtet, wie sie ihre Kleider und Schuhe und die ganzen Sachen aussuchen und Ewigkeiten darauf verwenden – als wäre jedes einzelne Teil, das sie wählen, unglaublich schön und perfekt. Und wenn man die Leute dann betrachtet, dann sehen die meisten nur schrecklich aus, oder einfach normal. Sie hätten ihre Kleidung genauso gut aus einem Glückstopf fischen können.«

»Demnächst wird jeder irgendeine Uniform tragen«, sagte Polly traurig. Langsam machten sich wieder ihre bösen Vorahnungen in ihr breit.

»Ich finde, das ist eine interessante Beobachtung«, verteidigte sich Clary leicht gekränkt. »Wahrscheinlich kann man das auch auf andere Bereiche der Menschen anwenden – es könnte sich als ernsthafte Überlegung zur menschlichen Natur erweisen.«

»Mit der menschlichen Natur ist es nicht weit her, wenn du mich fragst. Sonst wäre die Kriegsgefahr jetzt nicht so groß. Komm, lass uns die Wolle und die anderen Sachen kaufen, und dann fahren wir nach Hause.«

Also erledigten sie ihre Besorgungen: ein Karton Pelargonienseife von Morny für Zoë, die Schreibhefte für den Unterricht und für Polly hyazinthblaue Wolle für einen Pullover für sich. Dann warteten sie auf den Bus.

***

Am Samstag nach dem Lunch fuhren Hugh und Rupert nach Battle, bewaffnet mit einer beachtlichen Einkaufsliste. Rupert hatte sich freiwillig für die Aufgabe gemeldet, und dann erbot sich Hugh, der mit Sybil fast so etwas wie einen Streit gehabt hatte, seinen Bruder zu begleiten. Aus allen drei Häusern wurden Listen mit den vielen verschiedenen Wünschen abgeholt, und schließlich brachen sie auf. Rupert fuhr den Vauxhall, den er gekauft hatte, nachdem er im Januar in die Firma eingetreten war.

»Wir werden ganz schön blöd dastehen, wenn es doch keinen Krieg gibt«, sagte er.

Nach kurzem Schweigen sah Hugh zu seinem Bruder und begegnete seinem Blick. »Das werden wir nicht«, sagte er.

»Hast du deine Kopfschmerzen?«

»Nein. Ich frage mich nur …«

»Was?«

»Welche Pläne du hast.«

»Ach. Ach – na ja, ich habe mir überlegt, dass ich mich zur Marine melden könnte.«

»Das dachte ich mir.«

»Das heißt aber, dass du dann allein die Stellung halten musst, oder nicht?«

»Ich habe den alten Herrn.«

Eine Weile herrschte Stille. Von seinen bisherigen Monaten in der Firma wusste Rupert, dass ihr Vater sowohl stur als auch autokratisch war. Edward verstand es, mit ihm umzugehen, aber Hugh hielt mit seiner Meinung nicht hinterm Berg, wenn er eine Anordnung seines Vaters missbilligte. Ihm mangelte es an Manipulationsvermögen oder Taktgefühl, wie man diese Fähigkeit auch gern bezeichnete. Ihre Auseinandersetzungen endeten meist mit einem faulen Kompromiss, der keinem recht nutzte – am allerwenigsten der Firma. Rupert, der sich noch einarbeitete, war kaum mehr als ein unglücklicher Zeuge all dessen gewesen, und als Edward im Sommer eine Schulung für Kriegsfreiwillige besucht hatte, war alles wesentlich schwieriger gewesen. Kurzzeitig war Edward zwar wieder da, aber er wartete nur auf seine Einberufung. Rupert hatte seine Entscheidung, in die Firma einzutreten, etwa zur selben Zeit getroffen, als Zoë schwanger wurde, zweifelte aber immer noch, ob es wirklich die richtige Wahl war. Seine Arbeit als Kunsterzieher war ihm immer als Behelfslösung erschienen – eine Art Lehrzeit, ehe er Berufsmaler wurde. Wie sich herausstellte, kam er in seinem Leben als Geschäftsmann überhaupt nicht mehr zum Malen. Die Aussicht auf Krieg, die ihm einen Ausweg daraus bot, begeisterte ihn – obwohl er das kaum zugeben konnte, nicht einmal sich selbst gegenüber.

»Aber du wirst mir natürlich fehlen, alter Junge«, sagte Hugh mit bemühter Beiläufigkeit, die ihn unvermittelt rührte. Wie ihre Schwester Rachel wurde Hugh immer beiläufig, wenn ihn etwas sehr bewegte.

»Womöglich nehmen sie mich ja nicht«, wandte Rupert ein. Das glaubte er zwar nicht, aber ein anderer Trost fiel ihm nicht ein.

»Natürlich nehmen sie dich. Ich wünschte, ich könnte nützlicher sein. Die armen Polen. Wenn die Russen den Vertrag nicht unterzeichnet hätten, würde er kaum wagen, dort zu stehen, wo er jetzt ist.«

»Hitler?«

»Natürlich Hitler. Na ja, wir haben ein Jahr Aufschub bekommen. Hoffentlich haben wir es genutzt.«

Sie hatten Battle erreicht. »Ich parke vor Till’s, ja?«, sagte Rupert. »Ich glaube, da müssen wir endlos viel besorgen.«

Die nächsten Stunden verbrachten sie damit, vier Dutzend Weckgläser, Desinfektionsmittel, Paraffin, vierundzwanzig kleine Taschenlampen mit Ersatzbatterien, drei Zinkeimer, Unmengen grüner Seife und Lux, vier Primus-Kocher, anderthalb Liter Brennspiritus, sechs Wärmflaschen, zwei Dutzend Glühbirnen, ein Pfund 15 mm langer Nägel sowie zwei Pfund Polsternägel zu kaufen. Sie verlangten einen weiteren Ballen Verdunklungsstoff, aber es gab nur noch drei Meter. »Die nehmen wir besser mit«, sagte Hugh zu Rupert. Zudem erwarben sie sechs Röllchen schwarzes Nähgarn und eine Packung Nähmaschinennadeln. In der Drogerie besorgten sie ein Kolikmittel, Magnesiumhydroxid, Babyöl, Vinoliaseife, Amami-Shampoo, Pfeilwurz und Andrews Lebersalz[2], und Rupert nahm für Clary eine Schildpatt-Haarspange mit, weil sie ihren Pony auswachsen ließ und mit den langen Fransen seinen Worten nach wie ein treuer Hund aussehe. Sie holten zwei Kartons mit Lebensmitteln ab, die die Duchy und Villy am Vormittag bestellt hatten. Außerdem besorgten sie Goldflake und Passing Cloud – Villys und Rachels Zigaretten. Rupert kaufte für Zoë den Tatler und Hugh für Sybil Wie grün war mein Tal [3]– sie las gerne Neuerscheinungen, und das Buch hatte gute Kritiken bekommen. Dann gingen sie die Listen noch einmal durch und stellten fest, dass das Geschäft die Bestellung der Duchy für Malvern Water nicht mitgeliefert hatte.

»Noch etwas?«

»Etwas, das wie Lamabirne aussieht?«

»Lammhirn«, klärte Hugh ihn auf. »Für Wills. Sybil glaubt, dass er stirbt, wenn er das nicht einmal die Woche bekommt.« Also gingen sie zum Fleischer, der sagte, Mrs. Cazalet senior habe eben angerufen und eine Ochsenzunge bestellt. Zufällig habe er noch eine, die er auch gerade erst in Salzlake gelegt habe, also bräuchte sie nur kurz gewässert zu werden, sollten sie der Köchin ausrichten. »Falls es Ihnen nichts ausmacht, Sir«, fügte er hinzu. Er war daran gewöhnt, dass Mr. Tonbridge die Bestellung abholte, sofern die Damen nicht selbst kamen, was aber nur selten der Fall war. Wenn ihm etwas den Eindruck vermittelte, dass nichts mehr mit rechten Dingen zuging, dann der Umstand, dass zwei Herren die Einkäufe erledigten, dachte er, als er das Hirn in Pergament und dann in Packpapier einwickelte. Der Lehrjunge kehrte den Boden – sie würden bald schließen –, und er musste ihn scharf zurechtweisen, damit er den Herren keine Sägespäne auf die Hosen fegte.

Auf der Straße vor dem Geschäft herrschte regeres Treiben als sonst. Mehrere schwangere Mütter mit blassgesichtigen Kindern im Schlepptau gingen auf und ab, starrten deprimiert in die Auslagen und bewegten sich ein paar Meter weiter.

»Evakuierte«, sagte Hugh. »Wahrscheinlich können wir von Glück reden, dass bei uns keine einquartiert wurden. Die Kinderherberge ist da viel dankbarer. Wenigstens haben Kleinkinder keine Nissen und Läuse, und sie beschweren sich nicht über die Stille und dass ihnen das Essen nicht schmeckt.«

»Tun sie das denn?«

»Laut Sybil, die es von Mrs. Cripps weiß, die es von Mr. York erfahren hat, der es von Miss Boot weiß.«

»Guter Gott!«

»Was hältst du davon, dass die Kinder hierbleiben?«, fragte Hugh, als sie in den voll beladenen Wagen stiegen.

Etwas überrascht fragte Rupert: »Die unseren meinst du?«

»Ja.«

»Na ja, wohin sollten sie denn sonst? Nach London ganz bestimmt nicht.«

»Wir könnten sie weiter ins Landesinnere schicken. Fort von der Küste. Angenommen, es kommt zum Einmarsch?«

»Also, ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir derart weit in die Zukunft denken sollten. Zündest du mir bitte eine Zigarette an? Und was sagt Sybil dazu?«, erkundigte er sich, nachdem Hugh sie ihm gereicht hatte.

»Sie macht die ganze Sache ein bisschen schwierig. Sie möchte unbedingt nach London mitkommen, um mich zu versorgen. Das kann ich natürlich nicht zulassen. Wir haben uns beinahe gestritten«, fügte er hinzu, erneut verblüfft über diesen schrecklichen, ungewöhnlichen Umstand. »Schließlich habe ich ihr gesagt, ich würde bei dir wohnen, damit habe ich sie endlich zum Schweigen gebracht. Aber natürlich habe ich das nicht ernst gemeint«, warf er ein, »ich weiß ja, dass du gar nicht in London sein wirst. Aber sie weiß es nicht. Sie ist einfach etwas angespannt. Es ist viel besser, wenn die Familie zusammenbleibt. Und ich kann schließlich jedes Wochenende herkommen.«

»Wirst du in eurem Haus wohnen?«

»Das muss ich sehen. Es hängt davon ab, ob ich eine Frau finde, die sich um den Haushalt kümmert. Wenn nicht, kann ich jederzeit bei mir im Club wohnen.« Vor ihm stieg das Bild endloser langweiliger Abende auf, an denen er mit Männern, mit denen er den Abend gar nicht verbringen wollte, zusammen an einem Tisch saß.

Aber Rupert wusste, wie sehr sein Bruder ein häusliches Leben schätzte, und stellte ihn sich allein in seinem Club vor. »Du könntest ja auch mit dem alten Herrn jeden Tag mit dem Zug in die Stadt fahren«, schlug er vor.

Hugh schüttelte den Kopf. »Jemand muss nachts in London sein. Zu der Zeit finden die meisten Luftangriffe statt. Ich kann den Arbeitern die Lagerhallen doch nicht allein überlassen.«

»Edward wird dir fehlen, stimmt’s?«

»Ihr werdet mir beide fehlen. Trotzdem, so alte Wracks wie ich dürfen nicht wählerisch sein.«

»Jemand muss sich um die heimische Feuerstelle kümmern.«

»Vermutlich werden sie von mir eher erwarten, dass ich sie lösche.«

Einen Moment später sagte er: »Du bist der einzige Mensch, den ich kenne, der beim Lachen tatsächlich wiehert.«

»Schrecklich, oder? Im Internat haben sie mich immer das Pferd genannt.«

»Das wusste ich gar nicht.«

»Du warst ja die meiste Zeit fort.«

»Na, demnächst wird es umgekehrt sein.«

Hughs bitterer und zugleich ergebener Ton rührte Rupert. Unwillkürlich wanderte sein Blick zu dem schwarzen Stumpf, der auf Hughs Knie ruhte. Guter Gott! Ohne linke Hand durchs Leben zu gehen, weil jemand sie einem zerfetzt hatte. Und trotzdem ist es immer noch seine linke Hand. Aber ich bin Linkshänder – für mich wäre es schlimmer. Aus Scham über seine Selbstsucht und um Hugh aufzumuntern, sagte er: »Deine Polly ist ein richtiger Schatz. Und sie wird mit jedem Tag hübscher.«

Schlagartig hellte sich Hughs Gesicht auf. »Das stimmt. Aber um Himmels willen, sag es ihr nicht.«

»Das hatte ich auch nicht im Sinn, aber warum denn nicht? Ich sage Clary solche Dinge immer.«

Hugh öffnete den Mund, um zu erklären, das sei etwas anderes, und schloss ihn wieder. Nach seinem Dafürhalten war es in Ordnung, eher unscheinbar aussehenden Menschen Komplimente über ihr Aussehen zu machen; aber wenn sie wirklich hübsch waren, sollte man besser den Mund halten. »Ich möchte nicht, dass sie auf komische Ideen kommt«, antwortete er vage, was in der Cazalet-Sprache so viel hieß wie, sich für etwas Besonderes zu halten, wie Rupert nur zu gut wusste. Dem um keinen Preis Vorschub zu leisten war das einzige Familienprinzip, mit dem auch er als Nesthäkchen aufgewachsen war, und er fand es besser, oder doch einfacher, zuzustimmen.

»Natürlich nicht«, sagte er.

***

Raymond Castle saß mit seiner ältesten Tochter im Lyons’ Corner House[4] an der Tottenham Court Road.

»Daddy, zum hundertsten Mal, ich komme sehr gut klar. Wirklich.«

»Das mag ja sein, aber deiner Mutter und mir wäre es lieber, wenn du bei uns und dem Rest der Familie auf dem Land wärst.«

»Ich wünschte sehr, du würdest aufhören, mich wie ein Kind zu behandeln. Ich bin zwanzig.«

Das weiß ich, dachte er. Würde er sie wie ein Kind behandeln, würde er ihr sagen, sie solle verdammt noch mal ihre Taschen packen und sich zu ihm und dem alten Drachen und der Gouvernante ins Auto setzen. Stattdessen musste er auf ein »Es wäre uns lieber« zurückgreifen.

»Außerdem könnte ich heute unmöglich mitkommen, ich bin abends zu einer Party eingeladen.«

Darauf setzte Schweigen ein, in dem er den altbekannten und häufig erfolglosen Versuch unternahm, seine Wut zu beherrschen, bis ihm ernüchtert klar wurde, dass er im Grunde keine Wut empfand. Vor Angela kapitulierte er – wegen ihres Aussehens. Denn sie war eine verwirrende Kopie Jessicas in dem Alter, als er sie geheiratet hatte, allerdings ohne die romantische Unschuld und die schiere naive Frische, die ihn so fasziniert hatten. Das goldene Haar, das sie vor einem Jahr so vorteilhaft zum langen Pagenkopf geschnitten hatte, trug sie jetzt mit Mittelscheitel und streng aus der Stirn gekämmt; gehalten wurde die Frisur von einem schmalen Zopf ihres eigenen Haars (das vermutete er zumindest). Nichts lenkte von ihrem Gesicht mit den perfekt gezupften Augenbrauen, dem pudrigen, blassen Make-up und dem grellroten Mund ab. Sie trug einen hellgrauen, eng anliegenden Leinenmantel und einen hauchdünnen bernsteinfarbenen Chiffonschal um den weißen Hals. Sie sah mondän aus (er nannte es schick), aber extrem abweisend. Das war das andere, vor dem er die Waffen streckte: ihre absolute und gleichmütige Verweigerung jeder Kommunikation mit ihm, einmal abgesehen von hohlen Phrasen als Antwort auf jede Frage. »Mir geht es gut«, »Niemand, den du kennen würdest«, »Ich bin kein Kind mehr«, »Nichts Besonderes«, »Tut das etwas zur Sache?«

»Gute Party?«

»Das weiß ich nicht. Ich war noch nicht da.« Beim Sprechen sah sie ihn nicht an. Dann leerte sie ihre Kaffeetasse und blickte demonstrativ auf seine. Sie wollte gehen – um seiner in ihren Augen überflüssigen Neugier ein Ende zu setzen, dachte er. Er rief die Bedienung und bezahlte.

Auf den Gedanken, bei ihr in der Wohnung vorbeizusehen, die sie mit einer ihm unbekannten Freundin teilte, und sie zum Lunch einzuladen, war er bei der Fahrt über die Waterloo Bridge gekommen. Er war auf dem Weg zu seiner Mission, Lady Rydal und die Gouvernante abzuholen. »Deine gute Tat für mindestens eine Woche, alter Junge«, hatte Edward morgens gesagt, aber im Grunde war er froh, diese Aufgabe zu übernehmen. Er mochte es nicht, wenn er nicht das Heft in der Hand hielt, und in Sussex gab eindeutig der alte Herr den Ton an. Wenn er einfach bei ihr auftauchte, könnte er vielleicht herausfinden, was bei ihr vor sich ging, denn ihm war schleierhaft, weshalb sie sich derart geheimnistuerisch verhalten sollte. Er hatte sich überlegt, vorher anzurufen, die Idee dann aber verworfen; das würde dem Zweck seines Besuchs zuwiderlaufen. Der worin genau bestand? Immerhin war er ihr Vater, und unter den gegenwärtigen Umständen sollte sie wirklich nicht allein in London bleiben. Er musste sie überreden, mit ihm nach Sussex zurückzufahren. Das war der Grund, weshalb er sie sehen wollte. Er würde sich wirklich Vorwürfe machen, wenn er schon einmal hier war und sie einfach in der Stadt ließ, wo jederzeit mit Luftangriffen zu rechnen war. Ein Gefühl der Rechtschaffenheit verdrängte sein leichtes Unbehagen – er war ein Mann, dem Selbstgerechtigkeit häufig zum Segen gereichte. In der Percy Street betätigte er die oberste Glocke und wartete eine Ewigkeit, aber niemand kam. Also drückte er noch einmal die Klingel und ließ sie nicht mehr los. Was ging da vor sich?, fragte er sich, während mehrere teuflische Szenarien vor seinem geistigen Auge vorbeizogen. Als schließlich ein Mädchen – nicht Angela – den Kopf zum Fenster hinaussteckte und rief: »Wer ist da?«, war er ziemlich in Rage.

»Ich möchte Angela besuchen«, rief er zurück und hinkte die Stufen hinunter, um das Mädchen zu sehen.

»Ja, aber wer ist da?«, fragte sie.

»Sagen Sie ihr, dass ihr Vater da ist.«

»Ihr Vater?« Ungläubiges Lachen. »Also gut, wenn Sie meinen.« Er wollte gerade die Stufen hochsteigen – er versuchte es zumindest, sein Bein behinderte ihn –, als er wieder die Stimme des Mädchens hörte. »Sie schläft.«

»Dann lassen Sie mich rein und wecken Sie sie. In der Reihenfolge«, fügte er hinzu.

»Also gut.« Jetzt klang die Stimme resigniert. Beim Warten warf er einen Blick auf die Uhr, als wüsste er nicht, wie spät es war. Nun ja, genau nicht, aber nach zwölf. Mittags im Bett? Guter Gott!

Das Mädchen, das ihm die Tür öffnete, war jung, hatte glattes braunes Haar und kleine braune Augen. »Es ist ziemlich weit nach oben«, sagte sie, sobald sie sein Hinken bemerkte.

Er folgte ihr zwei Treppen hinauf, bedeckt mit abgetragenem Linoleum, wo es vage nach Katzen roch, und schließlich in ein Zimmer. Darin befanden sich, neben vielem anderen, ein ungemachtes Bett, ein Tablett mit den Überresten einer Mahlzeit auf dem Boden vor dem Gaskamin, ein kleines Waschbecken mit tropfendem Wasserhahn, ein fleckiger meergrüner Teppich und ein kleiner durchgesessener Sessel, auf dem eine große rote Katze saß. »Runter, Orlando. Setzen Sie sich doch«, sagte sie. Der Gaskamin mit den vielen gebrochenen und schwarz verbrannten Elementen loderte. »Ich habe mir gerade Toast gemacht«, sagte sie. Sie sah ihn zweifelnd an, unsicher, ob er auch einen haben wollte. »Alles kein Problem, ich habe sie geweckt. Wir waren gestern Abend auf einer Party, und es ist ziemlich spät geworden. Aber ich bin früh aufgestanden, weil wir keine Milch mehr hatten, außerdem hatte ich Kohldampf.«

Eine ganze Weile herrschte Stille.

»Essen Sie doch weiter«, sagte er.

Sofort begann sie, an dem unförmigen Kastenbrot herumzuschneiden. Ohne aufzublicken sagte sie dann: »Sie sind wirklich ihr Vater, stimmt’s? Jetzt erkenne ich Sie. Es tut mir leid«, fügte sie hinzu. Was genau?, fragte er sich. Ihr ungläubiges Lachen? Oder Angela, weil sie einen alten Krüppel zum Vater hatte, der ohne Vorwarnung einfach hereinschneite?

»Tauchen hier denn scharenweise Männer auf, die sich als Väter ausgeben?«

»Nicht gerade scharenweise …«, begann sie, wurde aber von Angela unterbrochen, die wundersamerweise – so kam es ihm zumindest vor – geschminkt und kunstvoll frisiert erschien. Sie trug einen Morgenmantel und war barfuß.

»Ich bin gekommen, um dich zum Lunch einzuladen«, sagte er und bemühte sich dabei um einen jovialen Ton.

Sie gestattete ihm einen Kuss, dann sah sie sich mit einer gewissen Abscheu im Zimmer um und sagte, sie werde sich kurz anziehen, dann könnten sie aufbrechen.

Unten auf der Straße fragte er: »Wohin sollen wir gehen?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ich habe keinen Appetit. Wohin du möchtest.«

Schließlich gingen sie die Percy Street und dann die Tottenham Court Road entlang zum Lyons’ Corner House, wo er sich durch einen Teller Lammbraten, Kartoffeln und Karotten kämpfte, während sie Kaffee trank.

»Bist du dir sicher, dass ich dich nicht für einen Knickerbocker Glory interessieren kann?«, fragte er. Vor weiß Gott wie vielen Jahren hatte sie diesen schrecklichen Eisbecher mit grellfarbenen Früchten und mengenweise Sahne über alles geliebt. Aber sie sah ihn nur an, als hätte er den Verstand verloren, und sagte Nein, danke. Danach redete er fieberhaft, erzählte, dass er ihre Großmutter und Miss Milliment abhole, und erst, als sich ihre Miene bei der Erwähnung dieses Namens aufhellte, wurde ihm klar, wie wütend sie die ganze Zeit gewesen war. »Miss Milliment mochte ich gern«, sagte sie, ein unbestimmbarer Ausdruck zog über ihr Gesicht und verschwand wieder, kaum hatte er ihn wahrgenommen. Da entschuldigte er sich, ohne Vorwarnung aufgekreuzt zu sein.

»Warum bist du überhaupt gekommen?«, fragte sie. Damit akzeptierte sie seine Entschuldigung zumindest ansatzweise, und er erklärte weitschweifig, er habe das aus einem Impuls heraus getan, und sprach dann von seinem Wunsch, sie aus London herauszuholen. Gleich würden sie sich verabschieden, und das ganze Treffen war ein Reinfall gewesen. Als sie bei seinem Wagen angekommen waren, der bei ihr vor der Haustür stand, sagte er: »Vielleicht kannst du Mummy anrufen, ja? Sie ist im neuen Haus. Whatlington drei vier.«

»Wir haben kein Telefon, aber ich werde es versuchen. Danke für den Kaffee.« Sie hielt ihm ihre Wange hin, wandte sich ab, lief die Stufen hinauf und drehte sich an der Haustür nur um, so glaubte er, um sicherzugehen, dass er wirklich in seinen Wagen stieg und wegfuhr. Das tat er auch.

Den Rest dieses anstrengenden Tages, an dem er sich mit verschiedenen dummen Entscheidungen selbst in den Arm fiel, grübelte er über das erbärmliche Treffen mit seiner ältesten Tochter. Die erste dieser Fehlentscheidungen war, seine Schwiegermutter vor Miss Milliment und ihrem Gepäck abzuholen (Lady Rydal[5] empfand es offenbar selbst in einem Automobil als Zumutung, nach Stoke Newington zu fahren), das sich zusätzlich zu Lady Rydals nur mit größter Mühe verstauen ließ (letztlich musste er den Dachgepäckträger montieren, was Ewigkeiten dauerte). Dann ging ihm, noch ehe er den Blackwall Tunnel erreichte, das Benzin aus, und zu guter Letzt hatte er kurz vor Sevenoaks eine Reifenpanne (was nicht seine Schuld war, doch als Autorität für Tropfen, die das Fass zum Überlaufen bringen, betrachtete Lady Rydal sie als solchen). Während dieses ganzen schrecklichen, mühseligen Tages also überlegte er sich, dass er in Angelas Verhalten ein Spiegelbild seiner selbst sah, ein Spiegelbild, das er weder ertragen noch leugnen konnte: ein jähzorniger, enttäuschter Mann mittleren Alters, der nichts von dem tun konnte, was ihn interessierte, und der seine Mitmenschen schikanierte, damit sie sich genauso schlecht behandelt vorkamen wie er – insbesondere seine eigenen Kinder. Das wusste er. Nur Jessica schikanierte er nicht. Er bekam Wutanfälle, aber er schikanierte sie nicht. Er liebte sie – vergötterte sie. Nach solchen Vorfällen war er immer zerknirscht, überschüttete sie in den darauffolgenden Stunden oder gar Tagen mit kleinen, liebevollen Aufmerksamkeiten, geißelte sich ihr gegenüber wegen seiner fürchterlichen Wut und seines Pechs, und sie, die Engelsgute, verzieh ihm jedes Mal. Jedes Mal … Wie sehr diese Szenen sich glichen, wurde ihm jetzt klar; mittlerweile folgten sie einem Ritual. Wenn einer von ihnen den nächsten Satz vergessen hätte, könnte der andere ihn soufflieren. Und war ihm im vergangenen Jahr nicht aufgefallen, dass ihre Antworten etwas Mechanisches bekommen hatten? Liebte sie ihn wirklich? War er ihr vielleicht lästig geworden? Sein Leben lang hatte ihn die Angst umgetrieben, nicht gemocht zu werden: Seinem Vater war er nicht klug genug gewesen, und seine Mutter hatte nur Robert geliebt, seinen älteren Bruder, der im Krieg gefallen war. Doch als er Jessica kennengelernt und sich sofort Hals über Kopf in sie verliebt hatte, und als sie seine Liebe erwidert hatte, war es ihm gleichgültig gewesen, ob andere Menschen ihn mochten oder nicht. Er war erfüllt und überwältigt gewesen von der Liebe dieses wunderschönen, begehrenswerten Geschöpfs. Dutzende Männer hätten Jessica heiraten wollen, doch sie war die Seine geworden.

Und wie viele Träume hatte er gehabt, mit welchem Feuereifer hatte er sich um ihretwillen bemüht, erfolgreich zu sein! Welche Vorhaben hatte er nicht alle verfolgt, um Geld zu verdienen – auf Händen wollte er sie tragen und ihr ein Leben in Luxus bieten! Es gab nichts, das er nicht für sie getan hätte, aber irgendwie hatte sich ein Plan nach dem anderen zerschlagen. Die Gästepension, die Hühnerfarm, die Champignonzucht, eine Paukschule für minderbemittelte kleine Jungen, die Hundepension: Jeder Plan, der dem vorangegangenen gescheiterten folgte, war kleiner und verrückter geworden. Er war kein Geschäftsmann – war einfach nicht dazu erzogen worden –, und, wie er zugeben musste, verstand er sich auch nicht auf den Umgang mit anderen, mit niemandem, außer mit Jessica. Als die Kinder kamen, war er eifersüchtig auf sie gewesen, weil sie ihm Zeit mit ihr raubten. Nach Angelas Geburt, da war er gerade ein Jahr zuvor als Invalide aus der Armee entlassen worden, hatte Jessica an nichts anderes als das Baby denken können. Angela war ein schwieriges Kind gewesen, das nie mehr als eine oder zwei Stunden am Stück schlief, was bedeutete, dass keiner von ihnen eine Nacht durchschlief, und als dann Nora kam, lehnte Angela sie derart ab, dass Jessica die beiden keinen Moment unbeaufsichtigt lassen konnte. Und natürlich hatten sie sich nie ein Kindermädchen leisten können, höchstens stundenweise eine Haushaltshilfe. Bei Christophers Geburt hatte er geglaubt, dass er jetzt zumindest einen Sohn hätte, aber der erwies sich als der Schlimmste von allen: Immer fehlte ihm etwas, er hatte schlechte Augen, einen schwachen Magen, und mit fünf wäre er beinahe an einer Mastoiditis gestorben. Jessica hatte ihn verzärtelt, wodurch er noch mehr verweichlichte und vor allem und jedem Angst hatte – und nichts, das er, sein Vater, tat, machte auch nur den geringsten Unterschied.

Er erinnerte sich, wie er für die Kinder ein Feuerwerk veranstaltet hatte, aber Christopher hatte wegen der Knallerei geschrien und gebrüllt, und wie er mit ihnen zum Elefantenreiten in den Zoo gegangen war, aber Christopher hatte sich geweigert, sich auf das Tier zu setzen, und eine entsetzliche Szene gemacht – in aller Öffentlichkeit. Jessica sagte nur immer wieder, er sei sensibel, aber er war einfach ein Waschlappen, was die schlimmste Seite in Raymond hervorkehrte. Im tiefsten Inneren wusste er, dass er Christopher drangsaliert und schikaniert hatte, und dafür hasste er ihn und sich. Aber der Junge forderte es regelrecht heraus mit seinen zitternden Händen, seiner Ungeschicklichkeit und seinem sturen Schweigen, wenn er verspottet wurde – all das entfachte in Raymond einen heiligen Zorn, den er höchstens zu Gereiztheit abschwächen konnte. Als sein eigener Vater ihn kritisiert hatte, weil er nicht schlau genug war, hatte er einfach etwas anderes gemacht – und verdammt gut gemacht. Er hatte seine Abzeichen für Rugby und Rudern bekommen, er war ein erstklassiger Schütze gewesen, der beste Turmspringer seiner Schule, es hätte also reichlich Gründe gegeben, weswegen sein Vater stolz auf ihn hätte sein können, wenn er denn gewollt hätte. Aber das hatte er natürlich nicht. Er hatte ihm nur weiterhin das Gefühl vermittelt, ein Trottel zu sein, weil er Dinge nicht wusste, die ihn nicht interessierten. Die Armee hatte ihm einen guten Ausweg geboten. Er war schnell aufgestiegen, bei Kriegsausbruch schon Captain, dann Major, wurde ausgezeichnet, heiratete Jessica und verbrachte zwei himmlische Wochen mit ihr in Cornwall – und dann Ypern, die dritte Flandernschlacht. Dort hatte er sein Bein verloren. Es war ihm wie das Ende der Welt erschienen, auf jeden Fall hatte es das Ende seiner Militärlaufbahn bedeutet. Er hatte endlose Kämpfe gegen sein Selbstmitleid gefochten und sie, glaubte er, mehr oder minder gewonnen, aber dadurch war er anderen Menschen gegenüber vermutlich härter geworden – all die vom Glück Gesegneten, die zwei Beine hatten und tun konnten, wozu sie Lust hatten. Er hatte nie den Eindruck, als hätte auch nur einer von ihnen die mindeste Ahnung, wie es ihm erging. Judy war gar nicht geplant gewesen. Dann musste er die Stelle als Schulquästor annehmen, um die Schulgebühren zu reduzieren (Angestellte der Schule bekamen große Nachlässe), und das hatte zumindest bei Christopher geholfen. Bisweilen hatte Tante Lena das eine oder andere für die Mädchen übernommen, das Problem war nur, dass sie ihm nie im Voraus mitteilte, wofür sie aufkommen würde, weswegen er und Jessica nie wussten, woran sie waren. Jetzt, nach Tante Lenas Tod, hatten sie wenigstens etwas Geld und ein viel schöneres Haus, aber es war etwas zu spät und bedeutete nicht mehr dieselbe Erleichterung, die es vor Jahren einmal gewesen wäre. Seine Kinder, die früher Angst vor ihm gehabt hatten – das erkannte er jetzt –, verhielten sich zunehmend gleichgültig.

Allerdings machten sie das alle auf unterschiedliche Art. Angela brüskierte ihn und gab ihm zu verstehen, dass er sie langweilte. Christopher ging ihm nach Kräften aus dem Weg und verhielt sich, wenn das nicht möglich war, bemüht höflich. Nora und Judy sprachen beide in einem ganz bestimmten Ton zu ihm, fröhlich und beschwichtigend – er vermutete, dass Judy Nora nachahmte und dass sie beide Jessica nachahmten, die eine Art entschlossener Gelassenheit an den Tag legte, wenn seine Stimmung auch nur ansatzweise gereizt war. Dadurch kam es ihm vor, als wäre er getrennt von dem Familienleben, das sie alle verband, und er fühlte sich davon ausgeschlossen.

Mittlerweile hatte er den Reifen gewechselt, den beschädigten in den überfüllten Kofferraum bugsiert und sich zu den schweigenden Passagieren in den Wagen gesetzt. Miss Milliment murmelte lächelnd etwas in der Art, es täte ihr leid, sich nicht nützlich gemacht zu haben, und Lady Rydal, der die Vorstellung, sich nützlich zu machen, zeitlebens fremd gewesen war, sagte vernichtend: »Wirklich, Miss Milliment! Ich glaube nicht, dass die Reparatur eines Reifens zum Aufgabenbereich einer Gouvernante gehören sollte.« Nach einer Pause fügte sie hinzu: »Eine Reifenpanne ist nichts im Vergleich zu dem, womit wir uns vermutlich werden abfinden müssen.« Die restliche Fahrt wünschte er sich mit verzweifelter Hoffnungslosigkeit, er säße allein im Wagen und führe zu Tante Lenas Haus in Frensham, wo Jessica (und sonst niemand) ihn mit einer Tasse Tee auf dem Rasen empfing, anstatt den alten Drachen und eine Gouvernante ins Ferienlager der Cazalets zu chauffieren.

***

Um vier Uhr an diesem Samstagnachmittag mussten Sybil und Villy ihre Arbeit an der Verdunklung abbrechen, weil ihnen der Stoff ausging. Sybil sagte, sie sei am Verdursten, und eine Tasse Tee wäre genau das Richtige, woraufhin Villy meinte, sie werde sich in die Küche vorwagen und eine machen.

»Vorwagen war das korrekte Wort«, sagte sie, als sie kurze Zeit später ein Tablett auf den Rasen trug, wo Sybil zwei Deckstühle aufgestellt hatte. »Louise und Nora kochen ein gewaltiges Abendessen für die Schwesternschülerinnen, und Emily sitzt einfach in ihrem Korbsessel und tut, als wären sie nicht da. Die beiden sind wirklich tapfer. Ich glaube nicht, dass ich das aushalten könnte. Ich habe ihr schon gesagt, dass es ein Notfall ist, aber sie sieht mich an, als würde ich fantasieren.«

»Glaubst du, sie wird kündigen?«

Villy zuckte mit den Schultern. »Gut möglich. Sie hat es schon einmal gemacht. Aber sie liebt Edward, deswegen hat sie es sich noch jedes Mal anders überlegt. Aber Edward wird nicht hier sein, und ich bezweifle, dass die Mischung aus Landleben und Kochen für eine Schar Frauen und Kinder sie auf Dauer zufriedenstellt.«

»Wird Edward sich wirklich freiwillig melden?«

»Wenn es irgend geht, ja. Das heißt natürlich, wenn sie ihn nehmen. Aber Hugh werden sie nicht nehmen«, sagte sie nach einem Blick auf die Miene ihrer Schwägerin. »Sie werden bestimmt davon ausgehen, dass er in der Firma gebraucht wird.«