Die zweite Chance - Dean Read - E-Book

Die zweite Chance E-Book

Dean Read

0,0

Beschreibung

Der Autor beschreibt in diesem Buch sehr eindringlich die verschiedenen Abschnitte seines Lebens. Er schreibt seine Eindrücke in spannenden und mitunter witzig formulierten Berichten nieder. Ausgangspunkt seiner zum Teil sehr bewegenden Erlebnisse ist die damalige DDR. Der Weg führt über die Obdachlosigkeit und anderen Entbehrungen in die alten Bundesländer, wo er sein neues Leben beginnt. Der Leser wird eingeladen das Leben in all seiner Vielfalt durch die Brille des Autors zu verstehen. Er möchte hier weniger die verschiedenen Etappen seines Lebens aufzeigen, jedoch den Lesern vermitteln dass man niemals aufgeben sollte.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 218

Veröffentlichungsjahr: 2020

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



 

 

Die zweite Chance

 

Jeder sollte eine bekommen!

 

By

 

Dean Read

 

 

 

 

 

“NEVER BE AFRAID

TO START OVER.

IT’S A CHANCE TO

REBUILD YOUR

LIFE THE WAY

YOU WANTED

ALL ALONG!“ 1

Dieses Buch ist meiner Schwester und meiner Frau gewidmet.

Beide zeigten mir, dass das Leben auch

schöne Seiten haben kann.

Vorwort

Die Gründe, warum ich diese Zeilen schreibe, sind zum einen, dass ich den Menschen, die denken sollten, den Tiefpunkt ihres Lebens erreicht zu haben, Mut zum Weiterleben zusprechen möchte. Es gibt immer eine zweite Chance.

Man muss sie nur ergreifen!

Und zum anderen wurde ich von Freunden darauf angesprochen, mein ach so abenteuerliches Leben einmal zusammenzufassen. Ich persönlich finde es ja nicht so abenteuerlich. Selbstverständlich kann ich hier nicht alles aufzählen, und habe es somit auf so ungefähr dreißig Prozent zusammengefasst. Möglicherweise wollte ich auch nur, dass nach meinem Tot, etwas von mir in der Welt zurückbleibt. Kinder waren mir und meiner Frau nicht vergönnt. Eine gute Freundin sagte mir, nachdem sie sich alles durchgelesen hatte, dass ich zu schnell von Absatz zu Absatz springen würde. Sprich, ich hätte viele Dinge ausführlicher beschreiben sollen. Der Grund warum ich dies nicht tat ist, dass ich mich nicht mehr an alles genau erinnern konnte und dann Dinge hinzugedichtet hätte. Da ich hier aber so ehrlich wie möglich bleiben wollte und es auch kein Science-Fiction-Roman werden sollte, überspringe ich einfach diese Dinge. Ich hoffe ihr nehmt mir dies nicht übel.

Wie Ihr bemerken werdet, habe ich mit Absicht Namen und Orte weggelassen (außer bei der Texas-Reise). Ich möchte nicht, dass sich irgendjemand auf den Schlips getreten fühlt und sich eines Tages bei mir melden wird. Auch habe ich dieses Buch in sehr einfachem Deutsch verfasst, so dass es für jedermann leicht verständlich und gut lesbar ist. Ich werde versuchen, all meine Erinnerungen, so gut wie es mir möglich ist, darzustellen.

Leider passt nicht alles zu 100 protzend chronologisch zusammen. Ich habe nun um die 150 Bücher verkauft. Eigenartigerweise interessiert meine Story viele Leute. Und das obwohl mich manche gar nicht kennen.

Die zweite Chance

 

In den siebziger Jahren erblickte ich das Licht der Welt. Ich wurde als jüngstes von vier Kindern in die damalige DDR hineingeboren. Ob ich nun darüber glücklich war oder nicht, sei dahingestellt. Es hört sich sicherlich unglaubwürdig an, aber Ich weiß es noch, als wäre es gestern gewesen. Ich bin mir ganz sicher, dass ich im Mutterbauch mitbekam, wie sich mein Vater und meine Mutter stritten und fühlte auch eine gewisse Gewalteinwirkung.

Ich habe noch eine Schwester und zwei Brüder. Von meinem zweiten Bruder erfuhr ich erst vor einem Jahr. Deshalb werde ich ihn hier nicht mit aufführen. Mein Vater arbeitete zu dieser Zeit noch bei der Polizei und meine Mutter war als Sekretärin im Rathaus angestellt. Es ist schon eigenartig, an was man sich erinnern kann und an was nicht mehr.

 

 

Frühe Kindheit

Die erste Erinnerung, die mir jetzt einfällt, ist diese. Als ich ungefähr drei Jahre alt war, lebte ein Mann in demselben alten, heruntergekommenen Haus, in dem auch wir lebten. Dieser Mann hatte keine Frau und er war als „Schreckgespenst“ des Hauses bekannt. Er hatte immer sehr fettige Haare und meine Mutter sagte mir, dass er diese Haare mit Ölsardinen einrieb, damit sie schön glänzten. Ihr könnt euch gar nicht vorstellen, wie übel dieser Mann roch. Später erfuhr ich, dass diesem armen Mann die Frau verstorben war und er sich erhoffte, dass ihm seine glänzenden Haare ein bisschen Aufmerksamkeit bei seinen Mitmenschen einbringen würde. Wie schon zuvor erwähnt, lebte ich damals in diesem heruntergekommenen, alten Haus bis ich vier Jahre alt war. Nun zogen wir aufs Land, ins Haus meines Opas väterlicherseits. Mein Opa aber war ein besonderer Mann. In den Zeiten der Naziherrschaft über Deutschland war er, soweit es mir bekannt ist, bei der Waffen-SS. Er war mir immer ein guter Großvater und ich hatte ihn auch sehr gern. Anderen Menschen gegenüber war er ein Tyrann, besonders, was meine Oma betraf. Wenn ihm das Essen nicht schmeckte, schmiss er den Teller gegen die Wand und schrie herum. Meine Oma tat mir dann immer wahnsinnig leid. Aber so böse er auch auf der einen Seite zu den Menschen sein konnte, war er doch auf der anderen Seite ein lieber Opa zu mir. Sein Haus war riesengroß. Im Garten, der mindestens viertausend Quadratmeter groß war, gab es sehr viele Obstbäume, Gewächshäuser und eine große Scheune, in der er viele Hühner und Schafe hielt. Für mich waren die Jahre, die ich dort verbrachte, die schönsten meiner Kindheit. Im Zuge der Kriegsverbrecherverfolgung floh meinOpa, zusammen mit meiner Oma, über Nacht in den Westen und mein Vater erbte das Haus. Ich konnte damals natürlich noch nicht verstehen, warum mich mein Großvater so einfach verließ, ohne sich zu verabschieden.

Im Alter von sechs Jahren wurde ich eingeschult. Damals bestand mein Freundeskreis nur aus Mädchen. Ich war der einzige Junge in der Nachbarschaft. Dies machte mir auch nichts aus, sie waren durchweg meine Kumpels. Am ersten Schultag fuhren mich meine Eltern im nagelneuen „Lada“ zur Schule. Ich weiß es noch wie heut. Das Auto roch noch richtig nach Fabrik, es war himmelblau und der ganze Stolz meines Vaters. Vorn saßen meine Eltern, hinten ich mit meiner Zuckertüte. Endlich, vor der Schule angekommen, konzentrierte ich mich voll darauf, meine Zuckertüte heile aus dem Auto zu bekommen. Dies wurde dem nagelneuen Auto zum Verhängnis, da ich nicht sah, dass in dem Moment, als ich ausstieg, ein anderer Wagen uns von hinten überholte und die von mir geöffnete Tür komplett wegfuhr.

So begann mein erster Schultag. Entgegen meinem Vater nahm ich die Sache gelassener und freute mich auf die Mitschüler. Dieser erste Tag in der Schule war, ausgenommen vom Unfall, wirklich super. Ich lernte viele neue Freunde kennen, darunter auch Jungen. Im Alter zwischen sechs und acht Jahren wuchsen wir zu einer Babyclique zusammen. Wir gingen zusammen in die Wälder, bauten uns Burgen und übernachteten darin. Das Leben war ein Abenteuer.

 

 

Die erste Liebe

Ich war damals zwölf Jahre alt, als ich mich mit meinen Kumpels abends bei der alten Ruine traf. Es handelte sich um eine alte Burgruine, die mitten im Wald, abgeschieden vom Einflussbereich der Erwachsenen lag und ein Treffpunkt unter uns Jugendlichen war. Wir versammelten uns meist gemeinsam vor einem Lagerfeuer und hörten verbotene „Westmusik“, wie zum Beispiel Nena, Udo Lindenberg, die Rolling Stones und die Beatles. Als wir gerade so schön beieinandersaßen, legte mir plötzlich jemand von hinten die Hände über die Augen. Da ich Parfum roch, war mir klar, dass es sich hier nicht um einen Mann handeln konnte. Anfang der Achtziger war es noch nicht so verbreitet, dass Männer sich parfümierten. Ich fing also damit an, ein paar Namen aufzuzählen. Sofort nahm das Mädchen aber die Hände von meinen Augen, trat vor mich und sagte, „Oh Gott, ich habe Dich ja total mit jemanden anderem verwechselt“. Da sich meine Augen erst wieder an das Licht gewöhnen mussten, sah ich sie auch nicht gleich richtig. Sie war die Cousine eines Schulfreundes, die zu Besuch war. Als sie dann so mit mir sprach, konnte ich irgendwie gar nicht antworten. Es war mir total peinlich. Ich dachte nur die ganze Zeit über „Wow ist die schön!“

Mein Mund war völlig ausgetrocknet und mein Herz klopfte wie verrückt. Ich sah bestimmt richtig doof aus. Irgendjemand von meinen Freunden spielte Gitarre im Hintergrund. Heute würde ich sagen, dass sie ein ganz normales Mädel war. Damals aber war ich überwältigt von ihr. Sie war nach meiner Erinnerung nicht übermäßig groß, hatte kurze blonde Haare und ein Gesicht wie ein Engel. Ihre sanfte Stimme und ihre wunderschönen blauen Augen waren der absolute Hammer. Ich hätte es ihr am liebsten sagen wollen, aber ich war absolut sprachlos. Irgendwann kamen ein paar Worte aus meinem Mund heraus, die sich anhörten wie: „Wer bist denn Du?“

Dann dachte ich, habe ich denn jetzt wirklich so etwas Dummes gefragt? Sie bemerkte meine Verlegenheit und musste lachen. Gott, Leute, war das peinlich! Im Laufe des Abends setzte sie sich dann zu mir und fragte mich ganz unverblümt, ob ich mich nun wieder gefangen hätte. Ich mochte ihre offene Art. Sie war ehrlich, geradeheraus und sie zog mich in ihren Bann. Ich suchte nach Ausreden, um meine Verlegenheit zu erklären, aber zum Schluss sagte ich ihr, dass sie einfach nur das schönste Madl auf der ganzen Welt sei. Der Blick, den sie mir daraufhin zuwarf, war der absolute Hammer. Wenn ich heute daran zurückdenke, wird mir immer noch ganz warm ums Herz. Es war eine unsagbar zärtliche und romantische Situation. Von nun an unterhielten wir uns die ganze Nacht über. Es war eine dieser warmen, sternenklaren Nächte. Als wir gegen morgen nach Hause aufbrachen, nahm sie meine Hand und schon wieder wurde mir ganz warm ums Herz. Ich hätte sie so gern umarmt und geküsst, was ich ihr natürlich nicht sagte. Der Weg nach Hause verging, obwohl es über zehn Kilometer waren, wie im Flug. Ich kann euch nicht beschreiben, was ich für sie empfand. Ich denke mal, dass ein jeder von euch schon einmal dieses Gefühl hatte, zumindest hoffe ich das. Wir sahen uns noch sehr oft, hatten aber niemals eine richtige Liebesbeziehung. Jedes Mal, wenn sich unsere Augen trafen, lag diese Magie in der Luft. Ach, ich kann es einfach nicht beschreiben. Ich weiß heute noch ihren Namen. Leider fand ich sie nicht mehr im Internet. Das war nun vor über fünfunddreißig Jahren und erst jetzt erinnere ich mich wieder daran. Sie war damals mein erster großer Schwarm.

 

 

Der erste Schock

Eines Tages kam mein Vater von der Arbeit heim und teilte uns mit, dass wir bald das Haus verkaufen werden und in ein Wohngebiet, etwa dreißig Kilometer entfernt ziehen müssten. Für mich brach eine Welt zusammen. Ich musste meinen kompletten Freundeskreis und das vertraute Umfeld aufgeben. Also zogen wir nun einige Monate später in den „Plattenbau“. Meine Eltern versuchten, mir den Umzug „schönzureden“, doch ich hasste dieses Haus. Anfangs war es sehr schwer, Freunde zu finden und ich zog mich mehr und mehr in meine eigene Welt zurück.

Der erste Schultag in der neuen Schule war natürlich sehr hart, da ich ja niemanden kannte. Bald danach war „Messe der Meister von morgen“, so hieß das damals. Hierbei ging es um Projekte, die Schüler realisieren und die dann mit einem Preis belohnt wurden. Ich bekam den zweiten Preis für einen Taucherhelm, den ich aus Gummi, einer alten Waschmaschine und einigen Teilen aus alten Funkgeräten fertigte. Dieser funktionierte natürlich nicht unter Wasser, aber dennoch wurde ich für das Design und die Idee dazu ausgezeichnet. Danach waren die Mitschüler um einiges netter. Sie kamen des Öfteren zu mir, damit ich ihnen bei Problemen, die sie gerade im Werkunterricht hatten, zur Seite stand. Im Haus lebte ein alter Mann, der meinem Opa sehr ähnelte. Dieser nahm mich ein wenig unter seine Fittiche und übernahm immer mehr die Opa-Rolle. Wir trafen uns regelmäßig in seinem Keller, in dem er sich leidenschaftlich dem Drechseln und der sonstigen Bearbeitung von Holz hingab. Da ich im Alter von neun Jahren handwerklich schon sehr begabt war, nahm ich seine Lehren an und realisierte bald eigene Projekte. Ich zog oftmals die Schlitten anderer Kinder den Berg hinauf, während sie darauf saßen, nur um meine eigene Belastungsgrenze zu ermitteln. Sie dachten sich sicher, „Mann ist der doof“. In der Schule war ich keiner der Besten. Dennoch ruderte ich irgendwie mit und blieb auch einmal sitzen.

 

 

Mein Kumpel

Einer meiner Freunde damals war ein totaler Chaot. Im Alter von etwa neun Jahren war er sehr erfinderisch, was seinen Zeitvertreib betraf. An zwei Dinge kann ich mich noch erinnern.

Zum einen an dies:

Es war so drei Tage nach meinem Geburtstag. Wir trafen uns an einem Samstag oder Sonntag draußen zum Spielen. Er sagte mir, dass er ein Abenteuer vorhätte. Der Busfahrer des örtlichen Busunternehmens kam gerade zu seiner Mittagspause nach Hause. Mein Kumpel sah dies und sagte, dass er wüsste, wie man so einen Bus öffnete. Wir warteten also ab bis der Busfahrer in seinem Haus verschwand. Dann gingen wir zum Bus. Ich glaubte meinem Kumpel natürlich nicht, dass er sich damit auskannte. Doch er hatte Recht. Er betätigte außen an der Front einen Knopf oder Hebel und entriegelte damit die vordere Tür des Busses. Wir sprangen also schnell in den Bus und schlossen die Tür, da wir Angst hatten, gesehen zu werden. Ich setzte mich als erster auf den Sitz und spielte mit dem Lenkrad und ließ typische „Brummbrumm-Laute“ ertönen. Plötzlich war mir so, als hätte ich den Busfahrer außerhalb seines Hauses gesehen. Ich rief meinem Kumpel, der im hinteren Teil des Fahrzeugs war und sagte ihm, dass ich wieder aussteigen wollte. Ich öffnete also die Tür, was bei diesen alten DDR-Stadtbussen wirklich sehr leicht ging, und verließ den Bus. Draußen rannte ich ein paar Meter weg. Dann sah ich, dass sich doch niemand in unserer Nähe aufhielt.

Mein Kumpel nahm indessen den Platz des Fahrers ein und löste die Handbremse. Der Bus stand an einem Berg der ungefähr fünfhundert Meter in einem Gefälle von schätzungsweise fünfundzwanzig Prozent abfiel. Nach diesem Berg kam die quer verlaufende Hauptstraße, danach ein tiefer Straßengraben und ein darunter angrenzender Acker. Der Busfahrer hatte wohl vergessen, zusätzlich zur Bremse, einen Gang einzulegen. Der Bus rollte also los. Ich sah noch, wie mich mein Kumpel mit weit geöffneten Augen ansah. Und schon war er weg. Er schaffte es irgendwie, den Bus gerade zu steuern, fuhr unten über die Hauptstraße und schanzte in den Acker. Der Bus legte sich dort auf die Seite. Ich war total geschockt und zitterte mächtig. Ich rannte dorthin und sah gerade, wie mein Kumpel aus dem Bus herausgeklettert kam. Er war völlig unverletzt und sagte mir, als ich bei ihm ankam: „Mann war das eine Schau“ und „am liebsten würde ich das nochmal machen“. Das sagte er aber nicht mehr, als es zur Anklage kam. Da er noch zu jung war um eine Strafe zu bekommen, mussten seine Eltern den durch ihn entstandenen Schaden abbezahlen. Er hatte, so glaube ich, ein paar Monate Stubenarrest. Sonst weiß ich nichts mehr zu diesem Vorfall.

An einem anderen Tag sagte er mir wieder einmal, dass er eine coole Idee hätte. Sein Plan war folgender: Da er im fünften Stockwerk unseres Hauses wohnte, wollte er ein angespitztes Bauholz mit nach oben nehmen und zum Fenster herauswerfen, nur um zu sehen, wie tief es sich in den Boden rammte. Ich sollte unten warten, um ihm Bescheid zu geben, wenn die Straße frei und alles sicher zum „Abflug“ wäre. Im Vorfeld muss ich aber dazu sagen, dass das Holz einen Durchmesser von ungefähr zwanzig Zentimetern und eine Länge von zweieinhalb Metern hatte. Er schleppte das Teil also mit Hilfe seines kleinen Bruders nach oben und legte es auf das Fensterbrett des bereits geöffneten Fensters. Ich stand unten und sah wie plötzlich im zweiten Stockwerk ein Fenster aufging und unsere nette alte Nachbarin, die schwerhörig war, zum Fenster herausschaute. Ich schrie zu ihr hinauf, so laut ich konnte, dass sie wieder reingehen sollte. Als das nichts brachte, schrie ich nach oben, um meinen Kumpel zu warnen. Gleichzeitig sah ich aber auch schon, wie sich langsam der Balken aus dem Fenster senkte. Ich rannte zur Klingel, um ein letztes Mal auf mich aufmerksam zu machen und wieder zurück, als ich sah, dass der Balken schon aus dem Fenster rutschte. Der Balken war zu schwer für einen neunjährigen Jungen und kippte vornüber. Ich war wie versteinert. Das Geschoss verfehlte den Kopf der Frau nur knapp. Sie war natürlich total geschockt und wollte uns anzeigen, aber so etwas war sie schon irgendwie gewohnt und ließ dann von einer Anzeige ab. Der Balken aber rammte sich nicht in den Boden. Er schlug nur auf und fiel einfach um.

 

 

Der grüne Rock

An einen Vorfall kann ich mich besonders gut erinnern. Ich war, glaube ich, acht oder neun Jahre alt. Nach der Schule ging ich mit den anderen Kindern nicht gleich nach Hause, sondern immer erst noch zum Spielen. Natürlich wurden wir dabei auch dreckig. Als ich dann heimkam, sagte meine Mutter, dass sie es nicht mehr einsehen würde, mir jeden Tag eine frische Hose anzuziehen. Sie sagte, wenn ich am darauffolgenden Tag wieder schmutzig ankommen würde, dann würde ich am nächsten Tag in einem Rock in die Schule gehen müssen. Ihr werdet jetzt sagen „Sie hat dich ja gewarnt“, und das stimmt schon. Aber nein! Erziehungstechnisch hatte sie da total versagt. Sie hätte mich auch mit der schmutzigen Hose schicken können. Nun kam es so, dass mein Vater mich festhielt und sie mir diesen grünen Bundfaltenrock anzog. Mein Vater sagte, dass ich, wenn ich ihn ausziehen würde, Prügel bekäme. Er brachte mich in die Schule und in die Klasse. Bevor er ging, gab er der Klassenleiterin Bescheid, warum sie dies getan hatten.

Den Weg zur Schule sowie auch das Lachen meiner Mitschüler erlebe ich heute noch in meinen Gedanken. Kurz nachdem mein Vater weg war, brachte mich die Lehrerin zur Direktorin. Diese wiederum war total erbost über das Verhalten meiner Eltern. An diesem Tag verlor ich fast all meine Freunde und alle Mitschüler machten sich über Monate noch über mich lustig. Aufgrund dessen, dass ich nun niemanden mehr zum Spielen hatte, ging ich nach der Schule auch gleich heim. Meine Eltern hatten also gewonnen! Allerdings wurde ich nach diesem Vorfall nicht nur gemobbt, sondern verfiel auch in eine gewisse Teilnahmslosigkeit. Meine Lehrer teilten meinen Eltern mit, dass mir trotz meines guten Betragens die Möglichkeit fehle, auf das zu reagieren, was mir die Erwachsenen sagten, oder gar an irgendwelchen Schüler - Demonstrationen für unser Vaterland teilzunehmen. Das war damals die Pflicht eines Jungpioniers. Kurzum, es war mir total egal.

 

 

Das Ferienlager

Daraufhin wurde ich in ein, ich nenne es einmal, „Sozialistisches Umerziehungslager“ geschickt, indem ich sieben Monate bleiben musste. Damals zu DDR-Zeiten wurden diese Lager als Ferienlager mit psychologischer Betreuung beschrieben. Für einen Elfjährigen, der ich damals war, war dies aber wie eine Art Gefängnis für Kinder. Es wurde uns verboten, irgendeinen Kontakt zu unserer Familie oder gar Freunden aufzunehmen. Viele der Kinder, die dort waren, verloren jeden Bezug zur Außenwelt. Wir waren zu Gruppen von jeweils zehn bis fünfzehn Kindern in sogenannten Klassenräumen untergebracht. Dort fing morgens gegen 06:30 Uhr der größtenteils politische Unterricht an, der dann, mit Unterbrechung von eineinhalb Stunden (Mittagspause, Essen und Mittagsschlaf) bis 16:30 Uhr fortgeführt wurde. Von 16:30 bis 18:00 Uhr durften wir dann die Zeit in unserer Unterkunft mit den Kameraden verbringen. Wenn wir uns brav verhielten, durften wir in dieser Zeit viermal pro Woche nach draußen zum Spielen gehen. Dort durften wir in Gruppen von jeweils sechs Leuten und zwei „Pflegern“ wandern gehen. Ich weiß es noch, als wäre es gestern geschehen, dass zwei Kinder aus meiner Gruppe zum Fenster hinausspringen wollten. Die Pfleger die grundsätzlich wie Ärzte bekleidet waren teilten uns mit, dass die beiden am Fenster gespielt hätten und dann versehentlich beinahe abgestürzt wären. Wir Kinder wussten aber besser Bescheid. Die Fenster wurden von diesem Tag an fest verschlossen. Die beiden Kinder sah ich aber dann nie wieder. An den Tagen, an denen es den Eltern gestattet war, einige ihrer Kinder nach langer Zeit wieder nach Hause zu holen, war die Aufregung im Hause immer sehr groß. Das kam ca. ein- bis zweimal im Monat vor. An diesen Tagen musste laut den Ärzten und Pflegern immer alles genau und zu hundert Prozent passen. Wir wurden morgens geweckt, dann gab es Frühstück und danach wurden wir herausgeputzt.

Uns wurde gesagt, dass wir, falls uns die Leute irgendwelche Fragen stellen, immer zu sagen hätten, dass es dort schön sei und wir uns wohlfühlten. Den Kindern, die nach ihrer „Gehirnwäsche“ heimgingen, wurde beigebracht, nur gut von dieser Anstalt zu sprechen, da sie sonst wieder dorthin zurück müssten. Kaum waren die Eltern wieder weg, ging der gleiche Trott von vorn los. Ich stellte mich in den ersten beiden Monaten quer und hasste meine Eltern dafür, dass sie mich hierher gebracht hatten. Als die Ärzte merkten, dass sie bei mir nicht mit konventionellen Mitteln weiterkamen, bekam ich viele Medikamente. Ich kann nicht sagen welche, da ich es ja nicht wusste, aber es waren vier bis fünf am Tag, plus Zäpfchen. Danach verging die Zeit wie im Flug und es verlief alles wie im Traum. Ich war nett, ruhig und nahm mit Begeisterung am sozialistischen Unterricht teil. Die restlichen Monate vergingen wie im Flug und somit wurde ich dann, nach dieser Zeit auch von meinen Eltern wieder abgeholt. Ich weiß auch noch, dass ich die Medikamente einige Wochen danach weiternehmen musste. In dieser Zeit war ich sozusagen ein begeisterter Verfechter unseres sozialistischen Staates. Meine Mutter sagt mir bis heute immer noch ihre Universalausrede „Junge, du warst damals noch zu klein dafür, du konntest es doch gar nicht alles erfassen“. Das mag teilweise auch so sein, aber in das Gedächtnis eines Kindes prägen sich mehr Wahrheiten ein, als man denkt.

 

 

Der Tod eines Freundes

Im Alter von ungefähr dreizehn Jahren hatte ich einen sehr guten Freund. Mit ihm zusammen habe ich sehr viele Abenteuer erlebt. Ich möchte jetzt auch nicht unbedingt auf jedes dieser Abenteuer eingehen, sondern nur auf das Letzte. Es war zu dieser Zeit, als wir die Mädchen plötzlich mit anderen Augen sahen. Er hatte sich in ein Mädel verliebt, die ihn wiederum nicht so richtig wahrnahm. Den ganzen Tag über erzählte er nur davon, wie es wohl sei, mit ihr zu gehen. Ich sagte ihm: „Mensch dann sage es ihr doch“. Aber ich hatte leicht reden, er konnte es einfach nicht. Wir Jugendlichen trafen uns im Sommer immer an einer Talsperre. Dort konnten wir, auf gut deutsch gesagt, einmal „die Sau“ herauslassen. Wir tranken Alkohol, den wir nicht vertrugen, wir vergnügten uns mit den Mädchen, für die wir noch zu grün waren und wir machten Mutproben, für die wir zu dumm waren. Mein Kumpel meinte, dieses Mädel beeindrucken zu müssen und bei einer dieser Mutproben mitzumachen. Ich wusste, dass er stark alkoholisiert war und bat ihn darum, auf keinen Fall mitzumachen. Seine „Göttin“ aber nannte ihn nur einen Feigling. Dies ließ er sich aber nicht zweimal sagen. Die Mutprobe bestand darin, die Talsperre zu durchschwimmen und dabei die Kleidung über den Kopf zu halten. Diese bestand meist aus einem T-Shirt, einer Hose und den Schuhen. Das mag sich jetzt nach wenig anhören, aber wenn man bedenkt, dass der „Delinquent“ in der Rückenlage sein Päckchen mit ausgestreckten Armen in die Luft halten und so um die siebenhundert Meter durch das Wasser schwimmen musste, ist dies der absolute Hammer.

Mein Kumpel schaffte es ungefähr bis zur Hälfte der Strecke. Plötzlich sahen wir, wie er sein Päckchen ins Wasser fallen ließ. Er wedelte noch kurz mit den Armen und wir winkten zurück. Dann war er weg. Wir standen alle da wie angewurzelt. Zuerst dachten wir, dass er einen Scherz mit uns machte, aber nach ein paar Minuten sprangen wir alle ins Wasser und schwammen zu der Position, an der er untergegangen war. Wir tauchten so tief wir konnten, fanden ihn aber nicht mehr. Als wir mitbekamen was geschehen war, bekam ich einen Mega-Hass auf seine „Angebetete“. Ich sagte ihr auch, dass sie mit daran schuld wäre. Dies überging sie und ging einfach nach Hause. Ein anderer aus der Gruppe lief unterdessen ins Dorf und verständigte die Volkspolizei. Polizeitaucher kamen dann nach gefühlten zwei Stunden. Sie suchten mehrere Stunden nach der Leiche meines Freundes.

Er wurde dann vor den Saugrohren gefunden. Diese dienten dazu, das Wasser von der unteren Talsperre in die Obere zu leiten. Die Polizei meinte, dass er einen Schwächeanfall erlitten hatte, unterging und dann an die Gitter der Rohre gesaugt wurde. Diese Gitter hatten einen Durchmesser von etwa zwei Metern. Die Sauganlage musste erst abgeschaltet werden, damit der Leichnam entfernt werden konnte. Auf diese Weise verlor ich den ersten Menschen in meinem Leben, der mir etwas bedeutete. Was ich damals nicht verstand, war, wie schnell ein guter Freund bei der Clique in Vergessenheit gerät. Nach nur vier Monaten sprach niemand mehr über ihn. Seine „Angebetete“ hatte nach kurzer Zeit wieder einen Freund und war glücklich. Sie sagte mir damals noch, dass es sein Problem gewesen sei und er ja nicht auf sie hätte hören müssen.

 

 

Erste Jobs

Nach einigen Monaten wurde ich wieder der „Alte“. Ich verfiel wieder der Belanglosigkeit meines Lebens. In der Schule ließen meine Leistungen extrem nach und ich verließ die Schule mit einem zu geringem Klassenabschluss. Zwischenzeitlich arbeitete ich auf einem Friedhof. Dort war ich allerdings nur so lange, bis ich zum Vorbereiten der Leichen für das Krematorium kam. Versteht mich nicht falsch. Es machte mir nichts aus, Leichen anzusehen oder zu berühren. Mein Chef dachte wohl, dass ich einen „vernünftigen Einstand“ erleben sollte. Er sagte mir, ich solle durchs Sichtglasfenster schauen und bat mich ihm mitzuteilen, ob während des Vorganges die „Düsen“ auch frei wären. Dies fiel allerdings unter die Sparte der „Verarschung des Lehrlings“. Ich habe keine Ahnung, wie das heute von statten geht, aber damals war es so, dass die Leichen ohne Sarg verbrannt wurden. Ich sah also durch die Scheibe hinein und, fast im gleichen Moment, setzte sich der Leichnam auf. Ihr könnt euch nicht vorstellen, was ich für einen Schock bekam. Im Nachhinein erfuhr ich, dass sich die Wirbelsäule der Toten durch die Hitze zusammenzieht. Der Schock aber war bei mir so groß, dass ich den Job sofort an den Nagel hing. Meinem Vater gelang es, da er ein „Jemand“ in der Partei und selbständiger Drechselmeister war, mich mit Hilfe seiner Beziehungen in einer Firma unterzubringen, die sich mit dem Bau von Elektromotoren beschäftigte. Dort begann ich dann im Alter von vierzehn Jahren eine Ausbildung in der Lager –und Transporttechnik, die ich nach zweieinhalb Jahren erfolgreich beendete. Diese Arbeit war meine Erfüllung und für etwa siebenhundertzwanzig Ostmark ging ich nun jedem Monat dieser Arbeit nach.