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Geliebt zu werden, schenkt Kraft, zu lieben, erfordert Mut. Als Dorina für ihr Studium nach Kiel zieht, öffnet sich für sie eine völlig neue Welt: Ein internationales Wohnheim, faszinierende fremde Bräuche und neue Freundschaften. Sie verliebt sich Hals über Kopf in den charmanten Amit aus Indien und zusammen reisen sie quer durch Europa. Doch plötzlich wird ihre Liebe von einer Realität bedroht, die sie nicht begreifen kann. Je stärker Dorina für ihr gemeinsames Glück kämpft, desto unerbittlicher schnüren Traditionen, Erwartungen und Unsicherheiten sie ein. Sie droht, sich selbst zu verlieren. Erst ihr iranischer Nachbar Farhad öffnet ihr die Augen. Und dann ist da noch Jojo, der bald mehr als ein Fels in der stürmischen Brandung wird. Eine bewegende Erzählung nach wahren Begebenheiten über Liebe, Selbstfindung und den Mut, alles für das Glück zu riskieren. Die langersehnte Vorgeschichte zu CAMINOCATION: Wie ich auf Umwegen mein Glück wiederfand.
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Dorina Vondersee ist Geschichtenerzählerin mit einer Leidenschaft für interkulturellen Austausch. Sie wurde 1995 in Norddeutschland an der Ostsee geboren. Nach ihrem Master of Education in Englisch, Latein und DaF unterrichtete sie als enthusiastische Lehrerin schon in Deutschland, England und Tschechien. Abseits ihrer Bildungstätigkeit ist Dorina eine begeisterte Leserin, Schriftstellerin und Yogaliebhaberin, die gerne reist. Mit ihrem Ehemann und Sohn lebt sie in Prag.
Für meine geliebte Familie
Nach einer wahren Begebenheit.
Die Namen der Personen wurden zum Schutz ihrer Privatsphäre geändert.
Prolog
Teil 1
1. Umzug
2. Diwali
3. Manitobar
4. Daten
5. CAH-Party
6. Weihnachtspause
Teil 2
7. Indien
8. Verlobung
9. Amsterdam
10. Familie, Freunde und Holi
11. Göteborg
12. Flirt
13. Drama
14. Nachtbaden
15. Budapest
16. Helsinki
17. Mailand
Teil 3
18. Trennung
19. Hochzeit
20. Ende
21. Strand
22. Am Steg
23. Wieder Manitobar
Epilog
Danksagungen
Eine tragische Liebe
Zwei würdige Kulturen,
vollends verschieden,
kreuzen, wo Möwen
über der Förde fliegen.
Doch verbergen sich Traditionen,
alt und still,
die trennen,
wo Neues wachsen will.
Denn während zwei Herzen
in lieblichen Sommernächten träumen,
wird eine Entscheidung
aus der Ferne bald damit aufräumen.
Dies ist die Geschichte
von verliebten Studenten,
aber ein blindes Schicksal
erwählt sie zu Tangenten.
Gender-Disclaimer: Aus Gründen des besseren Leseflusses wird auf die gleichzeitige Verwendung der Sprachformen männlich, weiblich und divers (m/w/d) verzichtet. Sämtliche Personenbezeichnungen gelten gleichermaßen für alle Geschlechter.
»Bist du dir sicher, dass wir hier richtig sind?«, fragte meine Mutter, als wir durch das wohlhabende Viertel Düsternbrook in Kiel fuhren. Eine Villa reihte sich an die nächste – prachtvolle Gebäude mit breiten Steintreppen, hohen Fenstern und kunstvollen Balkonen. Durch die gusseisernen Tore an der Straße sah ich gepflegte Gärten. Ich ließ den Blick über die imposanten Fassaden gleiten und spürte, wie sich in mir ein Gefühl von Unwirklichkeit ausbreitete. Es fühlte sich an, als wäre ich in einer anderen Welt.
»Laut Navi ist das der Niemannsweg. Also müssten wir richtig sein. Schaut euch die schicken Häuser und großen Gärten an! Damit habe ich nicht gerechnet«, gestand ich und konnte nicht leugnen, dass ich beeindruckt war. »Irgendwann will ich auch so ein Anwesen haben!«
»Weißt du, was so eine Villa an Unterhalt kostet? Wenigstens scheint es ein sicherer Stadtteil der Landeshauptstadt zu sein. Hinter dem Wald liegt die Förde und etwas weiter Richtung Norden müsste sich der Marinehafen befinden«, erklärte mein Vater, während er die Straße entlang wies.
»In hundert Metern erreichen Sie Ihr Ziel«, kündigte das Navigationsgerät mit blecherner Stimme an. Mein Vater fuhr langsamer. Auf der rechten Seite erstreckte sich ein großer Buchenwald mit einem dichten Blätterdach in leuchtendem Grün. Sonnenstrahlen fielen zwischen den sich bewegenden Ästen auf den Boden und wirkten sehr einladend auf mich. Direkt neben dem Wald erhob sich ein dreistöckiges Gebäude, dessen Fassade bestimmt früher einmal weiß gewesen war. Davor las ich auf einer Messingtafel ›Christian-Albrechts-Haus (CAH), internationales Studentenwohnheim‹. Das ist also mein neues Zuhause für die kommenden fünf Jahre, dachte ich.
Dabei hatte ich die Auswahl des Studentenwohnheims vor allem dem Zufall überlassen. Obwohl meine Heimatstadt nur eine Stunde mit dem Auto von Kiel entfernt lag, war ich vorher nicht oft in dieser Stadt gewesen und kannte mich deswegen nicht aus. Mithilfe von Google Maps hatte ich versucht, zumindest die Entfernung zwischen den verfügbaren Wohnheimen und der Christian-Albrechts-Universität einzuschätzen. Der Preis hatte mich letztendlich überzeugt. Ungefähr 150 Euro im Monat für ein kleines Zimmer im CAH schien mir erschwinglich, wenn ich nur von BaföG, Ersparnissen und Familienunterstützung leben wollte.
Wir fuhren auf den kleinen Parkplatz zwischen Wald und Wohnheim. Die Augustsonne schien warm und beim Aussteigen wehte mir ein leichter Wind durch die Haare. Ich ließ meinen Blick an der Fassade des Hauses entlanggleiten. Zum ersten Mal stand ich vor dem Wohnheim und betrachtete das moosige Grün, das von dem Rasenstreifen an der vergilbten Farbe hochkroch, und die kleinen Dachfenster in den Gauben. Eine prickelnde Aufregung stieg in mir auf. Wie sieht es wohl von innen aus? Wo ist mein Zimmer? Wer wohnt noch hier?
»Dann mal los!«, ermutigte ich meine Eltern und mich.
Wir betraten das Haus durch die große Glastür direkt an der Straße und folgten einem Schild mit Pfeil zum ›Büro‹. Der Flur roch nach abgestandener Luft und unsere Schritte hallten dumpf auf dem Marmorfußboden. Mit klopfendem Herzen drückte ich die Tür zum Büro auf, nachdem ich ein zustimmendes »Herein!« von innen gehört hatte. In dem Zimmer saß ein mittelalter Mann mit Glatze hinter einem Schreibtisch voller Aktenordner und lächelte uns freundlich entgegen.
»Moin! Ich bin Andreas, der Hausmeister«, sagte er und gab mir und meinen Eltern die Hand.
»Guten Morgen, ich bin Dorina und ich habe einen Termin, um meinen Zimmerschlüssel abzuholen«, begrüßte ich ihn.
Der Hausmeister nickte, griff gezielt nach ein paar Papieren inmitten des Durcheinanders und reichte sie mir. Ich fühlte mich sehr erwachsen, als ich den Mietvertrag und die Hausordnung unterschrieb.
»Rechne damit, dass das Internet sehr langsam ist. Das können wir nicht ändern. Wenn es ganz ausfällt, kannst du eine Mail an diese Adresse schreiben, falls du mobile Daten hast, oder einfach offline leben«, erklärte Andreas und zeigte mir eine Adresse auf der Anleitung für den Internetanschluss per LAN-Kabel.
Ich nickte. In dem Moment schien mir ein langsames oder ausgefallenes Internet nicht so tragisch zu sein. Ich hatte schon auf der Webseite gelesen, dass es gar kein WLAN gab, denn ich zog in das kleinste und älteste Wohnheim des Studentenwerks in Schleswig-Holstein.
»Kein Problem, ich plane sowieso, meine Tage auf dem Campus zu verbringen und fleißig zu studieren«, erwiderte ich und winkte locker ab. Abends brauchte ich nur ein gutes Buch und ein Bett zum Schlafen. Zuversichtlich sagte ich mir, dass ich mit allem zurechtkommen würde.
»So soll es sein. Ich bin mir sicher, dass du hier eine tolle Zeit haben wirst. Das CAH ist mein Lieblingswohnheim, auch wenn ich reihum in den anderen arbeite. Dann zeige ich dir jetzt dein Zimmer«, fuhr der Hausmeister fort und stand auf.
Während meine Eltern und ich ihm durch die dunklen Flure ins Untergeschoss folgten, dachte ich noch, dass ich mich bestimmt oft verlaufen würde. Das Wohnheim war größer, als ich es mir vorgestellt hatte. In den langen Gängen reihten sich viele Zimmertüren aneinander, die alle gleich aussahen.
Als wir vor einer Tür mit der Nummer zwanzig standen, übergab mir der Hausmeister feierlich den Schlüssel, damit ich selbst aufschließen und als Erste eintreten konnte. Die Sonne schien durch den Wald über den Parkplatz in mein kleines Souterrain-Zimmer. Ein galanter Ausdruck für das einfache Kellerzimmer. Auf den ersten Blick wirkte es mit seinen weißen Wänden und den eingebauten Standardmöbeln wie Schreibtisch, Bett, Regal und Kleiderschrank leer, doch ich konnte es kaum erwarten, es zu meinem Raum zu machen.
Ich drehte mich langsam um meine eigene Achse und schaute in das integrierte Badezimmer, das ein Viertel des quadratischen Raumes einnahm. Es war winzig, aber mir gefielen die grünen Vintage-Kacheln sofort. Grinsend setzte ich mich aufs Bett, das genau die richtige Härte hatte. Mein eigenes Zimmer! Ein Reich nur für mich. Ich kann ganz neu anfangen und alles so gestalten, wie ich es will!
»Es ist perfekt«, sprach ich meine freudigen Gedanken aus. Nachdem ich auf dem Übergabeprotokoll bestätigt hatte, dass alles in Ordnung sei, verabschiedete sich der Hausmeister.
Eine Woche später fuhren meine Mutter und ich mit Putzutensilien und unserem Auto voller Umzugssachen wieder zum Wohnheim. Mein Zimmer war zwar möbliert, aber noch konnte ich nicht einziehen. Nicht nur in den Ecken und unter dem Bett, sondern auf allen Oberflächen hatte sich eine hartnäckige Staub- und Schmutzschicht angesammelt. Den grauen PVC-Boden schrubbte ich mehrmals, bis mir meine Arme schmerzten. Nach mehreren Stunden des Putzens machten wir uns ans Ausladen meiner Umzugskartons. Ein kleiner Perserteppich und ein Sessel, die ich im Internet über Kleinanzeigen gefunden hatte, werteten den Charme des Zimmers zusätzlich auf.
Als ich erneut mit einer schweren Kiste vom Auto zum Gebäude ging, traf ich am hinteren Eingang einen großen jungen Mann. Er hielt mir zwinkernd die Tür auf und trat dann nach mir ein.
»Danke«, sagte ich.
Mein Zimmer war gleich das erste auf der linken Seite in dem langen Kellergang und er blieb vor der nächsten Tür stehen.
»Scheint so, als wären wir Nachbarn«, kommentierte er mit einem Schmunzeln auf Englisch und kam ein paar Schritte auf mich zu, um mir seine Hand zu geben. Ich setzte die schwere Box ab.
»Farhad, freut mich«, stellte er sich vor.
Ich war mir nicht sicher, ob ich seinen Namen richtig verstanden hatte, wollte ihn mir jedoch unbedingt merken. Es klang wie Fahrrad.
»Ich bin Dory, die Neue«, antwortete ich schüchtern. Er war attraktiv mit seinem südländischen Teint und den schwarzen Haaren, die vom Seitenscheitel in sein Gesicht fielen, ansonsten aber kurz waren. Da streckte meine Mutter ihren Kopf durch die Tür.
»Das ist mein Nachbar Farhad und das ist meine Mutter Stella«, erklärte ich.
»Wir werden gut auf Ihre Tochter aufpassen«, versprach Farhad und schüttelte ihre Hand. Nur um sicherzugehen, übersetzte ich, was er auf Englisch gesagt hatte.
»Kann ich euch beim Tragen helfen?«, bot Farhad an.
»Nein, danke, das ist wirklich kein Problem. Ich bin ziemlich stark«, behauptete ich.
Er zog seine Augenbrauen amüsiert hoch und betrachtete mich durch seine runden, dünnen Brillengläser.
»Das glaube ich gern. Dann gehe ich jetzt weiter lernen. Wir sehen uns.«
Ich hoffte, dass ich nicht unhöflich gewesen war. Es war ungewohnt für mich, neue Menschen kennenzulernen. In der Kleinstadt, in der ich aufgewachsen war, kannte jeder jeden und alle sprachen Deutsch. Aber das internationale Wohnheim war das Abenteuer, das ich wollte.
Wie international das CAH war, wurde mir ein paar Tage später bewusst, als alle Bewohner unseres Flurs zu einem Treffen in der Gemeinschaftsküche zusammenkamen. Zwanzig Leute teilten sich diesen Raum. Friederike und ich waren die einzigen Deutschen. Farhad traf ich zum ersten Mal seit unserem Kennenlernen wieder. Er verließ meist früh das Wohnheim und kam erst spät wieder. Das wusste ich, da ich oft seinen Schlüsselbund im Schloss nebenan klimpern gehört hatte. Unsere Zimmer waren so hellhörig, dass wir auch die Toilettenspülung der Nachbarn neben und über uns mitbekamen. Von den anderen Mitbewohnern hatte ich bisher nicht viel gesehen, da bei meinem Einzug noch Semesterferien gewesen waren.
Friederike, oder ›Frieda‹ wie sie bevorzugte, hatte das Treffen organisiert, denn sie war zu Recht sehr unzufrieden mit der Sauberkeit der Küche. In drei verschiedenen Sprachen versuchten wir, Regeln und einen Putzplan zu erstellen. Englisch reichte nicht für die Afrikaner, die ein Drittel der Mitbewohner ausmachten. Deswegen übersetzte einer von ihnen das Besprochene ins Französische und zwei schüchterne Mädchen aus Vietnam blieben bei ihrer Muttersprache. Wir verabredeten uns auch für eine intensive Putzaktion am Wochenende.
In der folgenden Woche erkundete ich mit meinem Fahrrad die Umgebung. Leider gab es in der vornehmen Nachbarschaft keinen Supermarkt. Stattdessen hatte die Landesregierung ihren Sitz ganz in der Nähe, genauer gesagt am anderen Ende des Düsternbrooker Gehölzes, dem Wald, der mir schon bei meinem ersten Besuch aufgefallen war. Insgesamt war es ein grünes Viertel und sehr ruhig. Das gefiel mir sehr. Das Beste war die Förde, ein circa fünfzehn Kilometer langer Meeresarm der Ostsee mit einer langen Promenade, vielen Stegen und dem Yachthafen.
Es war ein aufregender Anblick, die großen Kreuzfahrtschiffe oder kleine Segelboote auslaufen zu sehen. Sehnsüchtig blickte ich ihnen bis zum Horizont hinterher. Freiheit erfüllte mich, nachdem ich die anfängliche Einsamkeit überwunden hatte. Gleichzeitig regte sich auch Fernweh in mir. Was wartet dort auf der anderen Seite des Meeres auf mich? Es war, als flüsterten die Wellen mir etwas zu, das ich noch nicht verstehen konnte, während sie unermüdlich gegen die Kaimauer schwappten.
Als es klopfte, öffnete ich die Tür. Da stand Frieda mit einem breiten Grinsen vor mir.
»Du wurdest auserwählt«, verkündete sie feierlich.
»Auserwählt?«, wiederholte ich überrascht.
»Wir gehen zum Diwali-Fest.« Sie reichte mir eine Eintrittskarte.
»Zum was?«
Davon hatte ich noch nie gehört und ich wollte auf gar keinen Fall mit ihr zu einem illegalen Techno-Rave gehen, von dem sie mir letztes Mal in der Küche erzählt hatte.
»Zum indischen Lichterfest. Ich brauche noch eine Begleitung.«
»Okay, das klingt nach einer neuen Erfahrung. Ich freue mich darauf. Wann?«
»Nächsten Freitag, es gibt sogar Essen.«
Um mich vorzubereiten, googelte ich auf meinem Handy Diwali und fand heraus, dass es sich um ein hinduistisches Fest handelte, das vergleichbar mit Weihnachten oder Silvester war. Indien war für mich ein aufregend-exotisches und zugleich sehr fremdes Land. Ich war neugierig, wie in der großen Mensa auf dem Universitätscampus gefeiert werden würde.
An besagtem Freitag spazierten Frieda und ich in etwa zwanzig Minuten zum Hochschulgelände. In der Eingangshalle der Mensa empfingen uns große Gemälde und Muster aus Farbpulver auf dem Fußboden, laut Google sogenannte ›Rangoli‹. Eine Reihe Laternen führte uns in den Hauptsaal. Drinnen schlug uns stickige Luft und Stimmengewirr entgegen. Meiner Schätzung nach mussten bestimmt drei- bis vierhundert Besucher anwesend sein, die international gemischt waren.
Ich fühlte mich etwas verloren und war froh, dass Frieda bei mir war. Wir sicherten uns einen Stehplatz mit guter Sicht auf die große Bühne, denn es stand eine Tanzperformance auf dem Programm. Nach ein paar Begrüßungsworten vom Veranstalter, dem Präsidenten der indischen Studierendengemeinde, startete das Spektakel. Zuerst erfüllten traditionelle Klänge den Raum, während anmutige Bauchtänzerinnen über die Bühne schwebten. Doch schon bald wurde das Tempo schneller.
Schließlich wirbelten circa zwanzig Inder in prächtigen Kostümen zu mitreißenden Rhythmen über die Bühne. Ihre bestickten Seidenstoffe in Gold, Rot und Blau schimmerten im Licht. Die Lieder waren mir unbekannt, ich verstand kein einziges Wort der Texte, doch ich sah die Leidenschaft und Sehnsucht in den Augen der Performenden. Im Saal stieg die Stimmung und die Leute um uns herum klatschten im Takt mit.
»Ich gehe raus rauchen«, sagte Frieda nach der Performance, »du bleibst besser im Warmen und kannst dich schon beim Buffet anstellen.«
Die riesige Essensauswahl war eine Freude für mich. Zum Glück erklärten kleine Schilder die Zutaten der Gerichte. Das Essen sah nicht nur köstlich aus, sondern roch auch unglaublich gut nach kräftigen Gewürzen, gegrilltem Fleisch und warmem Gebäck. Ich nahm mir einen Teller und Besteck und schaute eine Weile auf die vielen unbekannten Curries, Reisgerichte, Beilagen und Desserts. Ich konnte es kaum erwarten, von jedem etwas zu probieren. Doch wo anfangen?
»Kann ich dir helfen?«, fragte jemand hinter mir auf Englisch.
Verblüfft drehte ich mich um. Ein junger Inder blickte mich lächelnd an.
»Oh ja, ähm … was würdest du essen?« Ich erwiderte sein Lächeln.
»So viel ich kann! Magst du scharfes Essen?«
»Ich bin mir nicht sicher.«
»Dann lieber nicht. Starte mit dem Klassiker Biryani, das ist gewürzter Reis und Hähnchen, dazu Dhal aus Linsen mit frischem Knoblauch-Naan-Brot«, erklärte er und zeigte auf die entsprechenden Gerichte.
»Gut, das mache ich. Danke dir!«
Ich füllte meinen Teller nach seinen Anweisungen und suchte mir einen freien Platz an einem Tisch im hinteren Teil der Mensa. Neugierig probierte ich, was auf meinem überladenen Teller lag. Bereits der erste Bissen war eine Geschmacksexplosion von intensiven Gewürzen, die sich von meiner Zunge im Mund ausbreiteten. So etwas hatte ich noch nicht gegessen und dennoch hatten alle Gerichte die richtige Schärfe. Das mochte ich.
»Ist hier noch frei?«, fragte der junge Mann vom Buffet.
»Klar, setz dich.«
»Und? Wie schmeckt dir indisches Essen?«
»Es ist fantastisch! Nochmals danke für die Beratung.«
»Gern geschehen. Essen ist meine große Leidenschaft.«
»Meine auch! Und seitdem ich von zu Hause ausgezogen bin, schätze ich gutes Essen noch mehr.«
»Kannst du kochen?«
Ich lachte zur Antwort, als ich an meinen letzten Versuch dachte.
»Nicht wirklich. Leider.«
»Dann solltest du es lernen! Ein hungriger Foodie ist kein guter Foodie«, scherzte er.
Ich lachte noch mehr.
Er schaute mir in die Augen.
»Ich bin übrigens Amit.«
»Dorina, aber alle nennen mich Dory.«
»Ah, wie der Fisch von Disney! Gefällt dir unser Diwali-Event?«
»Ja, sehr. Es ist wie eine andere Welt für mich. Ich war noch nie in Indien und komme aus einer Kleinstadt an der Ostsee.«
»Stell dir vor wie es mir gegangen ist, als ich allein in das kalte, nasse Norddeutschland mit dieser komischen Sprache und den vielen Regeln gekommen bin. Und ich will gar nicht erst an das denken, was ihr Essen nennt …« Amit schüttelte sich dramatisch, aber lächelte immer noch.
»Hey, so schlimm ist es gar nicht!« Ich stieß ihn sanft mit dem Ellbogen an.
»Man gewöhnt sich an alles, oder wie sagt man hier? Nein, daran will ich mich nicht gewöhnen.«
»Wie lange bist du schon hier und was studierst du eigentlich?«
»Ungefähr fünf Jahre. Ich habe Agrarwissenschaften studiert und fange jetzt mein PhD an. Und du?«
»Cool. Ich werde ab diesem Semester Englisch und Latein auf Lehramt studieren.«
»Oh eine Lehrerin? Das könnte ich nicht. Bei meiner Ungeduld würden entweder die Schüler oder ich verrückt werden.«
»Geduld kann man auch lernen.« Ich zuckte mit den Schultern. »Meine Vision ist eher, die Welt zu verbessern. Es ist das beste Gefühl, zu sehen, wie jemand etwas Neues versteht und Fortschritte macht. Außerdem glaube ich, dass die Arbeit mit Jugendlichen eine spannende Herausforderung sein wird.«
»Ich versuche gar nicht, dich vom Gegenteil zu überzeugen, denn du scheinst zu wissen, was du willst. Aus dir wird sicher eine tolle Lehrerin.« Er deutete mit der Gabel auf mich, bevor er sie auf seinen leeren Teller legte.
»Danke!«
»Lass mich deinen Teller mitnehmen, aber ich komme zurück«, bot er an, als ich fertig gegessen hatte.
Ich nutzte die Gelegenheit, um Frieda zu texten, wo sie war. An den Tisch gelehnt, beobachtete ich die Menschen auf der Tanzfläche. Eine fröhliche Menge bewegte sich zu der indischen Musik. Die Inder fielen durch ihre bunten Gewänder zwischen den Jeanshosen der Europäer auf. Mein Blick fiel auf Amit, der mit einem vollen Teller an unseren Tisch zurückkehrte.
»Nachtisch! Du musst unbedingt die Gulab Jamun, Halva und meinen persönlichen Favorit Kaju Katli probieren.«
»Ich habe keine Ahnung, was das bedeutet, aber ich liebe Nachtisch! Zum Glück geht der ins Herz und nicht in den Bauch«, zitierte ich mein Lebensmotto. Es stellte sich heraus, dass die frittierten, glitschigen Milchbällchen Gulab Jamun sowie das grobe Karotten-Dessert Halva sehr gut schmeckten, aber das Beste waren tatsächlich die Rauten aus Cashews mit Silberüberzug Kaju Katli.
Während ich mich mit Amit unterhielt, schrieb Frieda mir, dass sie eine alte Bekannte getroffen hatte und die beiden woanders etwas trinken gehen würden. Amit und ich bestellten uns Bier und die Musik wurde immer lauter, sodass es schwerer wurde, sich zu verstehen.
»Wollen wir auch tanzen?«, fragte Amit.
»Gern, aber ich kenn eure Tänze gar nicht.«
»Ich zeig sie dir«, versicherte er und hielt mir seine ausgestreckte Hand hin. Ich ergriff sie. Ein leichtes Kribbeln lief mir durch die Finger, als ich ihm nervös auf die Tanzfläche folgte.
Während Amit mir einige einfache Tanzschritte zeigte, rückten wir automatisch näher zusammen, weil die Musik laut wummerte und die Menge sich um uns drängte. Schon nach wenigen Bewegungen merkte ich, wie sicher und mühelos er sich bewegte. Zum Glück waren die Grundschritte leicht zu lernen, auch wenn der indische Tanzstil viel mehr Körpereinsatz forderte, als ich es gewohnt war. Statt von einem Fuß auf den anderen zu wippen, musste ich meine Hüften, Schultern und Arme viel mehr einbringen. Die Ausgelassenheit, die ich schon den ganzen Abend bei den anderen Tanzenden bewundert hatte, schwappte schnell auf mich über. Einfach den Kopf ausschalten und genießen.
