Doppelleben - Alain Claude Sulzer - E-Book
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Alain Claude Sulzer

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Beschreibung

Ein grandioser Roman über die letzten Jahre der zwillingsgleich lebenden Brüder Goncourt und das Doppelleben ihrer Haushälterin, inmitten von Glanz und Elend im Paris zu Zeiten Napoleons III. Der Roman nimmt uns mit zu Jules und Edmond de Goncourt, die alles teilten: das Haus, die Gedanken, die Arbeit, die Geliebte. Zu zweit gingen sie zum Treffen mit Flaubert, Zola und anderen Künstlern ins Palais der Cousine des Kaisers, in Ausstellungen und zu Restaurantbesuchen mit Freunden und Bekannten. Und danach lästerten sie ab über alle, die sie getroffen hatten, im geheimen Tagebuch, das sie gemeinsam führten. Berühmt-berüchtigt waren sie für ihren Blick, dem angeblich nichts entging, und ihre spitze Feder, die alles notierte. Bis Jules unheilbar erkrankte … Und der Roman nimmt uns mit in die Gegenwelt: zu Rose, ihrer Haushälterin, die zum Hausstand gehört wie ein Möbelstück. Die unbemerkt von den Brüdern existenzielle Dramen durchlebt, sich hoffnungslos in den Falschen verliebt und von ihm schamlos ausgenutzt wird, die ein Kind austrägt, ohne dass die Brüder es bemerken, es gebiert, liebt und später auch verliert; die Trinkerin wird und ihre Dienstherrn hintergeht und bestiehlt, ohne dass diese es merken. Bis sie stirbt und den Brüdern ein Licht aufgeht … Ein packendes Epochengemälde in Lebensläufen, die gegensätzlicher kaum sein können.

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Seitenzahl: 340

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Alain Claude Sulzer

Doppelleben

Roman

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Über Alain Claude Sulzer

Über dieses Buch

Inhaltsverzeichnis

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Über Alain Claude Sulzer

Alain Claude Sulzer, 1953 geboren, lebt als freier Schriftsteller in Basel, Berlin und im Elsass. Er hat zahlreiche Romane veröffentlicht, u.a. Ein perfekter Kellner, Zur falschen Zeit, Aus den Fugen und zuletzt Unhaltbare Umstände. Seine Bücher sind in alle wichtigen Sprachen übersetzt. Für sein Werk erhielt er u.a. den Prix Médicis étranger, den Hermann-Hesse-Preis und den Kulturpreis der Stadt Basel.

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Über dieses Buch

Ein grandioser Roman über die letzten Jahre der zwillingsgleich lebenden Brüder Goncourt und das Doppelleben ihrer Haushälterin, inmitten von Glanz und Elend im Paris zu Zeiten Napoleons III.

 

Der Roman nimmt uns mit zu Jules und Edmond de Goncourt, die alles teilten: das Haus, die Gedanken, die Arbeit, die Geliebte. Zu zweit gingen sie zum Treffen mit Flaubert, Zola und anderen Künstlern ins Palais der Cousine des Kaisers, in Ausstellungen und zu Restaurantbesuchen mit Freunden und Bekannten. Und danach lästerten sie ab über alle, die sie getroffen hatten, im geheimen Tagebuch, das sie gemeinsam führten. Berühmt-berüchtigt waren sie für ihren Blick, dem angeblich nichts entging, und ihre spitze Feder, die alles notierte. Bis Jules unheilbar erkrankte …

Und der Roman nimmt uns mit in die Gegenwelt: zu Rose, ihrer Haushälterin, die zum Hausstand gehört wie ein Möbelstück. Die unbemerkt von den Brüdern existenzielle Dramen durchlebt, sich hoffnungslos in den Falschen verliebt und von ihm schamlos ausgenutzt wird, die ein Kind austrägt, ohne dass die Brüder es bemerken, es gebiert, liebt und später auch verliert; die Trinkerin wird und ihre Dienstherrn hintergeht und bestiehlt, ohne dass diese es merken. Bis sie stirbt und den Brüdern ein Licht aufgeht …

Ein packendes Epochengemälde in Lebensläufen, die gegensätzlicher kaum sein können.

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Impressum

Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co. KGBahnhofsvorplatz 150667 Köln

Verlag Galiani Berlin

© 2022, 2023, Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Covergestaltung: Manja Hellpap und Lisa Neuhalfen, Berlin

Covermotiv: Jean Béraud, Le cercle, 1911; © akg-images/Erich Lessing

Lektorat: Wolfgang Hörner

 

ISBN978-3-462-30432-9

 

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Inhaltsverzeichnis

Motto

1 Blutiger Zwischenfall, Februar 1869 

2 Zwei ungleiche Gewichte, Oktober 1869 

3 Botin des kommenden Unheils

4 Sonntagsmarsch 1860 

5 Kein Grund zur Klage

6 Rose

7 Die Koalition des Schweigens – Februar/März 1869 

8 Die Biologie des Wassers

9 Das tägliche Leben

10 Roses Auslöschung

11 Ein alltäglicher Tod, Sommer 1862 

12 Autopsie, Tombeau und Apotheose von Rose

13 Nerven – Ausradiert

14 Das erbarmungslose Imperfekt

15 Im leeren Raum

16 Die Ermordung eines Huhns

Epilog

Anmerkungen

Folgende Quellen waren mir besonders wertvolle Hilfen:

Danksagung

Förderung

Die Einbildungskraft ist die Königin des Wahren und das Mögliche eine ihrer Provinzen.

Charles Baudelaire

Das Publikum liebt unwahre Bücher: Dieser Roman ist ein wahrer Roman.

Edmond und Jules de Goncourt

1 Blutiger Zwischenfall, Februar 1869 

Sie verließen ihr Haus kurz vor elf. Pélagie verabschiedete die beiden mit einem Nicken und stieß die Tür sachte hinter ihnen zu. Sie fiel leise ins Schloss. Die Magd hatte Übung im Huschen. Wann sie zurückkehren würden, wusste sie nicht.

Lärm war bedrohlich. Jeder Ton, jeder Laut, jedes Geräusch ließ Jules zusammenzucken, gleichgültig ob laut oder leise. Geräusche neigten sich vor und zurück. Gestern gehörte Geräusche ragten in den heutigen Tag hinein. Die Hunde in der Nachbarschaft brachten ihn auf. Spielende Kinder ertrug er nicht. Ihn störte das Rauschen der Bäume. Das Klappern von Fensterläden. Das Krächzen der Krähen. Quaken der Frösche. Nur die Stimme seines Bruders, den nichts aus der Ruhe brachte, übte eine besänftigende Wirkung auf ihn aus. Und Pélagie, sie war nie laut.

Prinzessin Mathilde erwartete sie zum traditionellen Mittwochsdejeuner in der Rue de Courcelles, wo sie residierte, doch sie hatten es nicht eilig. Sie würden am Quai de Passy, unweit ihres Hauses, eine Kutsche nehmen, auf eine Minute mehr oder weniger kam es nicht an. Die Cousine des Kaisers legte keinen ausgeprägten Wert auf Pünktlichkeit. Freundschaft, Talent und Originalität gewichtete sie höher als das pedantische Einhalten von Konventionen. Das erklärte vermutlich ihre Vorliebe für Künstler. Wenn Pünktlichkeit die Höflichkeit der Könige war, dann war die Signatur der Künstler Lässigkeit und Laisser-faire.

In gut gefütterte, dicke Wintermäntel gehüllt, kamen die beiden nur langsam gegen die eisigen Windstöße voran. In welche Worte ließen sich die flirrenden Peitschenhiebe der kurzen Böen fassen? Wie hieß der Wind? Wie hieß die Kälte? Viele Wendungen und Möglichkeiten erwogen sie in schneller Folge, tauschten sie aus und begutachteten sie, verglichen, verwarfen, wägten ab, die Wörter und Ausdrücke wurden gedreht, erweitert, verknappt und geprüft, die meisten erwiesen sich als unzulänglich. Edmond und Jules traten vorsichtig auf, denn wo der Boden feucht schien, befürchteten sie tückisches Glatteis. In der Sonne Getautes gefror leicht, wenn es wieder im Schatten lag.

Wer die beiden tuschelnden Männer beobachtete, die gestikulierend unterstrichen, was außer ihnen niemand hören konnte, mochte sie für genau das halten, was sie waren, Freunde oder Brüder, die einander stützten; Brüder, gewiss, vor allem aber Dichter! Erkunder! Wörtersucher! Sucher, Entdecker und hellwache Erkenner des sichersten Werts und Gewichts der freimütigsten, farbigsten, treffendsten, wahrsten Formulierung für jedes Ding, jede Regung, jeden Stoff, kurz jede Erscheinung der sicht- und nichtsichtbaren Welt. Nur selten genügte ein einziges Wort, Farben wurden auf der unsichtbaren Palette gemischt, bis der gewünschte Ton genau getroffen war. Nach zehn Minuten erreichten sie den Kutschenplatz, an dem vier Wagen warteten, sie hatten die Wahl.

Sie bestiegen die erste Kutsche, das gebot ihnen ihr Sinn für Gerechtigkeit gegenüber dem Kutscher, der am längsten wartete. Die zwei jungen, nervösen Pferde, die vor den Wagen gespannt waren, scharrten mit den Hufen und schüttelten ihre Mähnen, als sich die Brüder näherten. Schreckhaft machte Jules zwei Schritte zurück. Aus ihren Nüstern dampfte heißer Atem und verwehte in der kalten Luft.

Als sich der Kutscher vom Bock zu ihnen herunterbeugte, hätte ihnen die rote Nase des Mannes auffallen können, über deren Rücken sich ein Netz geschwollener blauer Äderchen bis zu den Wangen zog; sie schenkten der Nase keine Aufmerksamkeit, doch später erinnerten sie sich so gut daran, als stünde der Mann noch vor ihnen. Ein Tropfen hing standfest wie vereister Tau an deren Spitze, und Edmond wendete sich leicht angewidert ab. Später sagten sie: »Das hätten wir nicht tun sollen.« Der frierende Trinker – nachher wussten sie es besser –, dem sie nicht nah genug kamen, um zu riechen, wonach er roch, würde sie ihre fahrlässige Nachlässigkeit bald bereuen lassen. In jede Kutsche, aber nicht in diese, hätten sie einsteigen dürfen, aber hier stiegen sie ein und schlugen den Wagenschlag zu, und damit war das Schicksal besiegelt. Jules zuckte kurz zusammen und warf Edmond einen schwarzen Blick zu, der sich schnell lichtete, als Edmond ihm seine Linke beruhigend aufs Knie legte.

Der Kutscher, von dem sie nun nichts mehr außer den schmalen, hochgezogenen Schultern und ein paar Büscheln spärlichen Haars sahen, nahm die Zügel auf – so sahen sie nun auch seine geballten Fäuste – und ließ die Peitsche über den Rücken der Tiere knallen. Die Pferde, die nur darauf gewartet hatten loszuziehen, zogen an.

Sie waren kaum fünf Minuten gefahren, als die Kutsche seitlich mit einem entgegenkommenden Wagen zusammenstieß. Es geschah überraschend. Die Kollision war heftig.

Edmond und Jules wurden durch den Aufprall nach vorne geschleudert. Edmonds Kopf prallte gegen die Vorderscheibe. Das Glas zersprang. Jules, den seine fortwährende Nervosität schützte, hatte instinktiv die Hände vors Gesicht gehoben, und so geschah ihm nichts. Stets auf das Schlimmste gefasst, blieb er unversehrt. Edmonds Kopf steckte zwischen den Splittern wie zwischen gläsernen Gitterstäben. Sofort war sein Gesicht blutüberströmt. Die Halsschlagader schien aber nicht betroffen.

Als die Kutsche stand – da sie sich mit dem anderen Gefährt verhakt hatte, nützte alles Ziehen und Zerren der Pferde nichts, sie kamen nicht mehr voran –, versuchte Jules seinen Bruder aus der gefährlichen Umrahmung der Scherben zu befreien. Bei der geringsten Bewegung brachen Glasstücke ab.

»Ich kann nichts sehen!«, sagte Edmond, eher verwundert als erschrocken. Waren seine Augen verletzt? Beängstigende Vorstellungen befielen die beiden Junggesellen. Mochten die Splitter noch so winzig sein, jeder konnte Edmond das Augenlicht rauben, die kleinsten waren womöglich noch gefährlicher als die größeren.

Indem Edmond mit großer Vorsicht millimeterweise vorging, gelang es ihm schließlich, den Kopf aus dem Glas zu ziehen, doch mit jeder Bewegung drangen neue Splitter in seine zerkratzte Haut, die von groben und staubfeinen Glasteilchen glitzerte. Die Augen bedeckend, drehte er seinen Kopf zu Jules. Das Blut tropfte von seiner Stirn über die Nase und den Mund und versickerte in seinem dunklen Bart. Wie gefährlich die Verletzungen waren, konnte Jules nicht erkennen. Dazu wäre das Wissen eines Mediziners nötig gewesen.

»Edmond, kannst du mich sehen?«, fragte Jules außer sich.

Edmond tastete mit geschlossenen Augen nach seinem Taschentuch und presste es sich aufs Gesicht. Innerhalb weniger Sekunden war es mit Blut getränkt.

»Ich sehe nichts.«

»Vorsichtig, vorsichtig«, flüsterte Jules.

»Ich kann nichts sehen.«

Jules wagte kaum, es auszusprechen: »Etwas Schlimmes?« Die Frage, ob Edmond blind sei, traute er sich nicht auszusprechen.

Als Jules den linken Wagenschlag aufstieß, bemerkte er die Blutspritzer auf der Scheibe. Langsam glitten sie das Glas hinab.

Er half Edmond, der seine Anweisungen gehorsam ausführte, aus dem Wagen.

»Einen Arzt!«

Die beiden Kutscher waren damit beschäftigt, sich gegenseitig anzubrüllen; der verletzte Fahrgast kümmerte sie nicht.

»Es gibt dort eine Apotheke«, sagte Jules und deutete den Boulevard hinunter, obwohl er wusste, dass sein Bruder nichts sehen konnte.

»Dahin, so schnell wie möglich! Sie werden dich dort untersuchen.«

»Du bist ja krank, du bist besoffen, du Ratte!«, rief der schuldlose Kutscher. »Rufen wir also die Polizei!«, schrie der andere.

»Je schneller wir dort sind, desto besser«, sagte Jules, hakte seinen Bruder unter und führte ihn wie einen Blinden über die Straße, auf den Bürgersteig, in Richtung Apotheke, was um sie herum geschah, sah er nicht.

Edmond sah aus wie ein Maurer, der vom Dach gestürzt war. Doch er war nicht gestürzt, und er konnte noch gehen.

Mochte Edmond noch so viel Blut verlieren, sein Schritt war erstaunlich entschlossen.

Sie erreichten die Apotheke, und der junge Apotheker eilte auf sie zu, kaum hatten sie den Laden betreten. Jules vertraute ihm trotz seiner Jugend. Der Apotheker bat Edmond, sich zu setzen und das Taschentuch vom Gesicht zu nehmen, »ganz vorsichtig und ganz langsam«, was Edmond tat. Der Mann nahm einen kleinen Schwamm und reinigte Edmonds Gesicht vorsichtig und gründlich. Die Blutung wurde schwächer. Eingehend untersuchte der Apotheker die kleinen und größeren Schnitte und stellte fest, dass die Augen unverletzt waren. Lediglich die Lider waren betroffen, nicht aber die Augen, die Sicht war nicht beeinträchtigt. Schließlich sagte Edmond die erlösenden Worte: Ja, er sehe alles ganz klar, nur das Blut habe ihm vorübergehend die Sicht geraubt.

Als sie sich zum Telegraphen begaben, um eine Depesche an die Prinzessin zu senden, in der sie sich für heute entschuldigten, erinnerte sich Edmond, dass er kurz vor dem Aufprall eine merkwürdige Vorahnung des Unfalls gehabt hatte: Durch eine Art brüderlicher Übertragung hatte er nicht sich, sondern Jules in der Lage des Verunglückten gesehen, verletzt war nicht sein Auge, sondern das des Bruders.

Dass dieser Vorfall auch als Vorahnung auf die folgenden Monate gedeutet werden konnte, die ungleich schrecklicher sein würden als dieser Unfall, konnte er noch nicht wissen; erst lange nach Jules’ Tod dachte Edmond wieder daran, als er in ihrem gemeinsamen Tagebuch las, was Jules über den Unfall geschrieben hatte.

Edmond und Jules kamen in den folgenden Tagen noch oft darauf zu sprechen.

»Wir hätten den Kutscher nicht ungeschoren davonkommen lassen dürfen. Wie dumm von uns, ohne Strafe wird er sich niemals bessern. Er gehört hinter Gitter.«

Sie hatten ihn nicht einmal nach seinem Namen gefragt. Doch was hätte ihnen der Name genützt, wenn es zum Äußersten gekommen wäre?

Die Wunden heilten. Ein leichter Bluterguss an der rechten Wange machte sich bemerkbar, der nach wenigen Tagen verschwand. Zum Glück hatten sie sich die Nummer der Droschke gemerkt.

2 Zwei ungleiche Gewichte, Oktober 1869 

Das Hundegebell war fürchterlich. Noch schlimmer aber waren die Kinder, fünf Nachbarskinder, die spielten und schrien und herumrannten, aber jetzt waren nur die Hunde zu hören. Dreiundachtzigtausend Francs hatten sie ausgegeben, um dieses Haus und damit ihre wohlverdiente Ruhe zu erwerben. Den Kauf hatten sie mit dem Erlös aus der Veräußerung ihrer Ländereien in Breuvanne und Fresnoy in der Haute Marne in der Nähe von Vittel getätigt. Doch von Ruhe konnte keine Rede sein. Die Kinder ihrer Nachbarn Courasse zur Linken taten alles, um den Frieden erst gar nicht aufkommen zu lassen. Und wenn nicht sie, dann störte das Pferd der Louveaus zur Rechten, das in eine Art großen Schrank gesperrt war, gegen dessen Wände es tagein, tagaus das Gewicht seines Körpers rammte. Es wurde nur selten ausgeführt, denn einen Kutscher besaßen die Eigentümer nicht. Also war es tagelang auf engstem Raum gefangen, harrte ungeduldig aus und versuchte sich zu befreien.

 

Jules stand mit nacktem Oberkörper am offenen Fenster der Mansarde des Hauses am Boulevard de Montmorency, das auf den Garten ging, und starrte geradeaus. Dreiundachtzigtausend Francs für keine Ruhe. Ein Witz, über den er nicht lachen konnte.

Auch heute Morgen atmete er die frische Luft ein und bewegte die seitlich ausgestreckten Arme auf und ab, vor und zurück. Es war seine Gymnastikstunde. Die Hunde bellten. Das Pferd war ruhig. Die Hanteln lagen auf dem Boden seines Zimmers neben dem Bett, in dem er unruhig – von Alpträumen geplagt – geschlafen hatte. Kindheitsträume und unanständige Fantasien suchten ihn heim wie eh und je. Und da war noch etwas, was ihn beunruhigte.

Das war ihr Heim, das Haus der Brüder Goncourt, die überzeugt waren, ihr Name würde sie überleben. Jules’ Zimmer war schlicht. Er schlief ganz oben. Er hatte es so gewollt. Der Fußboden bestand aus einfachen Tannenriemen.

Seit zehn Jahren erst gehörte das einst ländliche Auteuil zu Paris, nun wurde überall gebaut, von allen Seiten schlug einem der Lärm der Handwerker und Transporteure entgegen. Auch Vogelgezwitscher war zu hören, und die Hunde und das Geschrei der Kinder und das Pferd und die Katzen. Jules drehte sich um, bückte sich, griff nach den Hanteln und hob sie langsam, mit Leichtigkeit hoch. Er hatte Übung. Es schien ihm jedoch, als sei die Hantel in seiner Linken schwerer als die in seiner Rechten, obwohl beide denselben Umfang hatten, sie schienen identisch, waren es aber nicht, er hätte schwören können, die eine sei leicht, die andere schwer.

Dann wieder glaubte er, es sei genau umgekehrt. Welche Hantel war schwerer, die linke oder die rechte? Er schwankte. Er stemmte die Hanteln über die Schulter, über den Kopf hinaus. Die Nachbarshunde, die er nie zu Gesicht bekam, bellten. Mit diesem Gewicht könnte man leicht einen großen Köter erschlagen.

Die Muskeln spannten unter der blassen Haut seiner fein geäderten schmalen Oberarme, das Geräusch der Bauarbeiter war verstummt, er hörte das Lärmen der Vögel. Das waren Spatzen. Er besaß nicht die Fähigkeit, das Gezwitscher der einzelnen Vogelarten einzuordnen – er empfand es als eine mal gesellige, mal streitlustige Unterhaltung, der er nie lange folgen mochte –, aber immerhin erkannte er morgens, vor allem aber abends den freudigen Gesang der Amseln, die sich immer am selben Ort niederließen, auf dem einen Baumwipfel oder anderen Giebel, den sie sich eines Tages erkoren hatten, und er fragte sich manchmal, ob sie morgens nicht in einer anderen Tonart pfiffen als in der Dämmerung, doch von Musik verstand er so wenig wie sein Bruder. Das aufgeregte Gezwitscher der Spatzen wurde durch das sichelnde Sirren der Mauersegler abgelöst, die durch die Luft pfeilten.

Eine gesunde Physis sollte dem Geist ermöglichen, über seine begrenzten Fähigkeiten hinauszuwachsen. Deshalb die Hanteln. Doch war Vorsicht geboten, denn es gab keine Garantie für geistige Gesundheit, eher musste man stets mit dem Schlimmsten rechnen, mit Krankheit und Tod.

Wer sich schöpferisch verausgabte, setzte sich der Gefahr der Überbeanspruchung aus, ließ sich von innen auffressen und zerfiel allmählich, bis vom Intellekt nichts übrig blieb als angestrengter Unsinn. Intellekt verlangte Unterscheidungs- und Einschätzungsvermögen, Distinktion und Abstraktion. Intellekt hieß, eine Meise von einer Schwalbe, das Lamento eines Kastraten vom Gesang eines Tenors, einen Mann von einer Frau, das Meer von der Wüste, ein Sandkorn von einem Samenkorn, die Blume vom Dorn, Schnee von Hagel und Hagel von Schnee und das Gute vom Schlechten unterscheiden zu können.

So wie sexuelle Ausschweifung oft übel endete, forderte auch geistige Plackerei ihren Tribut, niemand wusste das besser als Jules und Edmond. Die Flamme des Fiebers zehrte an einem, und man verbrannte. Überfeinerung konnte Schönheit und Reife, aber auch langes Siechtum oder frühen Tod bedeuten, auch geistige Umnachtung, Verlorenheit in tiefster Finsternis, überall schoben Nachtmahre aufmerksam Wache.

Allmählich erlahmten Jules’ Arme, und er schnappte nach Luft.

Jedes schöpferische Talent war gefährdet, das Genie lebte stets auf Messers Schneide. Während außen das Feuer loderte, schmolz innen das Eis. Ein verantwortungsvoller Arzt riet dem Patienten, seinem Körper Bewegung und Luft zu verschaffen. Auch wenn noch keine endgültige Einigkeit über die Frage des medizinischen Nutzens regelmäßiger Gymnastik bestand, schien es zumindest so, als sei kein dauerhafter Schaden zu erwarten. Manche waren der Überzeugung, dass noch viel mehr Zeit auf die körperliche Ertüchtigung verwendet werden sollte. Waren nicht die Griechen das beste Beispiel für einen gesunden Geist in einem starken Körper? Doch wie viele Stunden des Tages? Gewiss würde stets mehr Zeit dem Geist als dem Körper vorbehalten bleiben. Etwas anderes war nicht wünschenswert.

Nicht wenige hielten jedoch solche Betätigungen für schädlichen Unfug. Einen Rücken krümmt man, um in die Schuhe zu schlüpfen, eine Hand bewegt man, um eine Gabel oder ein Glas zum Mund zu führen und um sich die Augen zu reiben, und einen Arm biegt man, um einen Hut aufzusetzen oder um eine Frau zu umarmen. Bewegungen führte man in einer bestimmten praktischen Absicht aus, wenngleich zumeist ohne Bewusstsein dafür, dass man es tat; man tat es mechanisch, ohne Absicht. Jules aber fand, und hatte es auch seinem Bruder gegenüber geäußert, dass der einzig richtige Maßstab das Übermaß sei. Der Exzess, die Maßlosigkeit. Das tödliche Fieber. Balzac hatte es zehn Jahre zu früh geholt, andere wie Victor Hugo holte es zehn Jahre zu spät.

 

Jules spürte, wie das Stemmen der Hanteln ihn von den lästigen Gedanken befreite. Je stärker der körperliche Schmerz, desto leichter wurde der Geist. Der Geist löste sich aus dem Körper, wenn er ihn zum Äußersten zwang. Vor – zurück – auf – ab. Der Geist verflüchtigte sich unter der Last der Hantel. Die Bewegung der angespannten Arme befreite die Ideen mehr als die Fortbewegung in der Kutsche, die zwar dem schweifenden Auge entgegenkam, die Arbeit der Gedanken aber nicht unterbrach, weil sie dem Körper nichts abverlangte. Hin und wieder musste man die Ketten sprengen. Die Eigenbewegung im Zimmer vor dem offenen Fenster löste die Bande, lockerte die Stricke. Im Rücken die Büchervitrinen, die Kultur des Abendlands, des Morgenlands, des Fernen Ostens, Japans, Chinas, ihrer Leidenschaften, die in den Augenblicken des Hantelhebens und Innehaltens wie ein versenkbares Bühnenbildmodell mit dem Horizont eins wurden. Ach, Hokusai!

Je schwerer die Hantel, desto schwereloser der Geist. Eine feste Mauer wurde gegen ihn errichtet. Der Geist wurde leicht wie eine Montgolfiere und ziellos wie eine taumelnde Hummel.

Am hilfreichsten war es, wie ein Handwerker zu schwitzen. Jules schwitzte jedoch nicht leicht. Obwohl er ein Unterhemd trug, blieb die Haut unter dem Hemd trocken wie Pergament. Schwitzen kannte er nur vom Land, von den heißen Sommern, dunstigen Nächten und weit zurückliegenden Wanderungen seiner Jugend in den Süden.

Kniebeugen förderten die Durchblutung, so dass sich die Schleusen der Inspiration öffnen und der Geist sich erheben konnte. Dehnungen brachen die erstarrten Räume auf, öffneten verschlossene Truhen und verflüssigten die stockende Tinte. Noch fehlten die großen Männer, die die Wirkung der Turnkunst in angemessene Worte zu fassen und bei Gymnopaedien vorzutragen verstanden, wie einst die Griechen es taten. Die Zeit war reif für den athletischen Reim und das sportliche Drama.

Das Turnen wurde inzwischen, wie er gelesen hatte, auch an französischen Schulen unterrichtet. Nach schwedischer oder preußischer Manier, je nachdem, welcher Nation und Methode man den Vorzug gab.

Edmond verstand Jules’ Hingabe an die Körperkultur ganz und gar nicht. Er lehnte die Überzeugungen seines Bruders entschieden ab. Sie zu verbreiten und danach zu leben war Unfug. Doch Jules war gegen das Maßhalten, nicht nur in Fragen des Ausdrucks, der Form und des Stils. Er war kein Handwerker, er war Schriftsteller. Maßhalten war etwas für Feiglinge. Beschränkung war Einschränkung und erzeugte nur Durchschnitt. Er musste den Bogen überspannen, auch die Erziehung seines Körpers.

Edmond hingegen würde selbst unter Androhung der härtesten Strafe keine Hantel in die Hand nehmen und sie auch in Zukunft tunlichst ignorieren, wenn er, während Jules seine Morgengymnastik betrieb, dessen Zimmer unter dem Dach betrat, was allerdings selten vorkam, da Edmonds Schlafzimmer ein Stockwerk tiefer lag, ebenso ihr gemeinsames Arbeitszimmer.

Doch Edmond konnte Jules hören, er hörte seine Schritte auf den Dielen. Er hatte sich angewöhnt, auf jeden seiner Schritte zu achten. Er wollte ihn schützen. Er musste ihn behüten.

Anders, als viele glaubten – selbst viele ihrer engeren Freunde waren davon überzeugt –, schliefen sie, außer im Hotel, nicht im gleichen Zimmer, nicht im gleichen Bett, nicht unter der gleichen Decke, auch wenn sie zugegebenermaßen in allem sonst wie ein altes Ehepaar lebten, nur dass es zwischen ihnen nie, niemals zum Streit kam. Ob es stimmte, dass sie sich eine Frau teilten, die ihre Bedürfnisse besser kannte als sie selbst, wusste niemand außer ihnen selbst – ja, es stimmte, Maria, die Hebamme, die Unabhängige, die Vertraute, gehörte zeitweise beiden, auch wenn es Jules war, der sie liebte, während Edmond ihr lediglich den Vorzug vor anderen gab.

Was an körperlicher Arbeit anfiel – als solche Tätigkeit betrachtete Edmond Jules’ Hantieren mit Hanteln –, verrichteten üblicherweise die Hausangestellten, und in diesem Augenblick dachte Jules unwillkürlich an Rose, ihre törichte Magd, die nicht mehr lebte. Rose, die Anfang 1868 durch Pélagie Denis ersetzt worden war, geisterte ständig durch Jules’ Gedanken, mal ferner, mal näher. Das letzte Recht der Toten bestand darin, dass sie die Lebenden störten. Rose machte des Öfteren Gebrauch davon.

 

Nachdenklich starrte Jules auf seine nackten Füße. Die Zehen wölben sich leicht nach oben. Sie schienen sich von selbst zu bewegen. Aus der Ferne ertönte ein wuchtiges Hämmern. Dann die Hunde. Alle Vögel waren verstummt, selbst die vorlauten Spatzen.

 

Wenn auch die Stärke der neuen Lehrer – genau wie bei dem griechischen Athleten Milon – mehr im Bizeps als im Cerebrum lagen, hieß das noch lange nicht, dass sie die Jugend nichts lehrten, was dieser später von Nutzen sein würde. Dem Mann gebührte der Lohn der Ehre. Er hatte sich um die Polis verdient gemacht. Solche Männer!

Milons späte Adepten hatten dem Jahrhundert des technischen Fortschritts den Gedanken des edlen Wettstreits zurückgebracht, dazu war vielleicht nicht übermäßig viel Hirnmasse nötig, aber ohne Muskeln, wie man sie im Musée du Louvre an den antiken Steinkörpern griechischer und römischer Athleten studieren und bewundern konnte, hätte er nicht stattgefunden.

Natürlich durfte man nicht wahllos und ohne Anleitung vorgehen. Ohne Führung durch einen erfahrenen Athleten, wie ihn Jules in Monsieur Tourin gefunden hatte, der ihm die Geheimnisse der Leibesertüchtigung enthüllte, lief man Gefahr, den Körper Anstrengungen auszusetzen, denen er auf Dauer nicht gewachsen war; nicht wiedergutzumachende Schäden und Verbiegungen drohten dem unbedachten Kontorsionisten. Manche behaupteten sogar, dass Gymnastik diesen Namen nur verdiene, wenn sie in Gesellschaft anderer Männer ausgeführt werde; der einsame Turner ähnele dem Virtuosen am Klavier, der keine Rücksicht auf andere Musiker nehmen müsse, weshalb er nicht selten dem Wahnsinn oder frühzeitigen Tod anheimfalle. Das schien Jules aber eine viel zu drastische Betrachtungsweise. Sport, der zur Gemeinschaft ausartete, war ihm ein Gräuel und lediglich eine weitere Unart der modernen Zeit.

Von Turnvater Jahn, der eher einem polnischen Rabbiner als einem olympischen Diskurswerfer glich, hatten die Brüder gehört, als sie vor einigen Jahren Deutschland besuchten. Gesehen hatten sie ihn natürlich nicht, denn er war, wie sie erfuhren, bereits etliche Jahre zuvor in der Nähe von Erfurt gestorben; ein durch und durch vorbildlicher Vertreter seiner Rasse, politisch, athletisch, umstürzlerisch und antisemitisch. Stark und mächtig in jeder Hinsicht. Ein Mann mit einem Bart wie ein Prophet; sie sahen ihn auf einem Kupferstich. Jules fiel es nicht schwer, sich Jahn, trotz der gravitätischen Erscheinung, an Reck und Barren vorzustellen.

Es war besser, zu Hause zu turnen, wenn man sich unbeobachtet wusste. Wer öffentlich turnte, setzte sich leicht dem Gespött Fremder aus, insbesondere wenn diese nicht anders konnten, als sich die schlackernden Hoden und das schwingende Gemächte vor Augen zu führen.

Doch auch wer täglich seine Gelenke und Knochen bewegte, die Muskeln spielen ließ und den Brustkorb weitete, musste geistig maßhalten. Leibesübungen ersetzten nicht die Zügelung des Geistes, sie unterstützten sie höchstens.

 

Als sich bei Jules erste Erschöpfungszustände bemerkbar machten und bald verstärkten, begann er sich mit seinem Körper zu beschäftigen, als müsste er sich um ein bislang vernachlässigtes Familienmitglied kümmern. Ohne es auszusprechen, wusste er mehr, als er wissen wollte, es fiel ihm schwer, weniger zu denken, als er ahnte. Es war, als schwimme er in einem milchigen See, in den ein Blutstropfen gefallen war, der groß und größer wurde. Eintrübung der Wahrnehmung. Luft. Er brauchte Luft und Bewegung, Blut und Wasser. Er hatte die Brust von der beengenden Bekleidung befreit. Hoffnungsvoll setzte er sich am offenen Fenster der Morgenluft aus, in der schon der Geruch nach herbstlichem Laub und Rauch lag, denn man hatte begonnen, die Kamine und Öfen zu heizen, er taumelte, und etwas riss an ihm wie eine fremde Gewalt, ein böses höheres grausames Wesen, das alles, was der geheimen Ordnung unterworfen war, in Unordnung brachte.

Ich träumte, in einem engen Raum zu sein, hoch wie ein Turm, ich war an den Füßen gefesselt, ließ den Kopf hängen, war nackt unter einer Glasglocke, und über meinen Körper ergoss sich ein Haufen kleiner grünlicher Funken, die meine Haut umhüllten und auf ihr ein Gefühl der Erfrischung hinterließen, als würde ein Hauch Kölnisch Wasser über meine Schläfe gesprüht. Dann wurde ich von weit oben hinabgeworfen und empfand dabei einen keineswegs schmerzhaften, sondern köstlichen Hochgenuss von Bangigkeit: Mir war, als müsste ich freimaurerische Prüfungen bestehen, die mir jedoch keine Angst einflößten; die Überraschung, der ich teilhaftig wurde, war so atemberaubend wie unvorhergesehen. Das Entzücken, das ich empfand, erinnerte mich an das Gefühl, das man empfindet, wenn man einer Gefahr entronnen ist; ein Schauder ängstlichen Wohlbehagens durchzuckte meinen Körper.

Jules stand da, als verlöre er nächstens das Gleichgewicht, ganz krumm, etwas stimmte nicht. Etwas stimmte nicht mit der Hantel in seiner rechten Hand, sie war schwerer als die linke und wurde immer schwerer, er keuchte und fragte sich, wie es wäre, unter Gymnosophisten zu leben, jenen indischen Asketen, die keine Bedenken hatten, in der Öffentlichkeit nackt zu wandeln, und sich selbst vor Alexander dem Großen ihrer Blöße nicht schämten; auch vor Frauen zeigten sie sich unverhüllt, sie waren frei, auch frei von körperlichem Verlangen. Nackt zu sein war ihre Art, den Göttern nahe zu sein. Jules schwitzte etwas unter den Achseln, weil er sich verausgabte, der Körper blieb trocken.

Heute Abend würden sie Froschschenkel essen und vielleicht über den Unfall sprechen. Noch stand das Frühstück bevor. Sie würden Pélagie beauftragen, Froschschenkel zu kaufen und in Butter, Petersilie und Knoblauch zu dünsten, wie sie sie schon als Kinder mit Heißhunger verschlungen hatten. Gleich würde er die Hantel fallen lassen, weil sie zu schwer war, weil sie ihn hinabzog, er würde stürzen. Sie hatten die Idee schnell fallen gelassen, das neue Mädchen Rose zu nennen, sie hieß Pélagie. Im Gegensatz zu Rose war sie eine gute Köchin. Rose war eine furchtbare Köchin gewesen. Sie hatte die unglaublichsten Zutaten gemischt und dadurch so gut wie ungenießbare Resultate erzielt, doch sie hatten meist klaglos gegessen, was sie ihnen mit einer Miene serviert hatte, als sei sie Vatel persönlich. Jules brach in lautes Gelächter aus. Es übertönte alles.

 

Edmond fuhr zusammen, als er das Poltern hörte. Es handelte sich um zwei in kurzem Abstand aufeinanderfolgende dumpfe Geräusche von oben. Entweder waren seinem Bruder beide Hanteln entglitten oder er war gestürzt oder beides oder etwas Drittes war geschehen, wovon er noch keine Vorstellung hatte. Er musste nachsehen.

Es genügte, Jules von weitem zu hören, um Edmond in Alarmbereitschaft zu versetzen. Es genügten eine Bewegung, ein Geräusch, ein Laut, es gab keinen Moment mehr, in dem er nicht aufmerksam lauschte, was sich im Haus tat.

Er machte sich unverzüglich auf den Weg nach oben, denn es gelang ihm schon lange nicht mehr, die ungeahnten Gefahren, denen Jules ausgesetzt war, aus seinen Gedanken zu verbannen. Er musste ihn beschützen. Er liebte ihn mehr als alles auf der Welt. Nichts wäre schlimmer und einschneidender gewesen, als ihn zu verlieren.

Er rief nach Pélagie, die ihm helfen würde, sollte es nötig sein. Er rief zwei Mal nach ihr, dann stand sie unter der Tür. Auch sie war hellhörig, was Jules betraf.

Sie eilte ihm voraus hinauf zu Monsieur Jules’ Zimmer. Sie hatte keinerlei Ähnlichkeit mit ihrer Vorgängerin Rose, die sie nicht gekannt hatte.

Ein Bild von Rose gab es nicht. Niemand hatte Rose je porträtiert, gar fotografiert. Wenn ihr Gesicht irgendwo lebte, dann in der Erinnerung der anderen: ein Gesicht, als hätte jemand eine Zeichnung zerknüllt und dann hastig wieder glattgestrichen. Doch die Linien blieben verwischt und abgehärmt.

 

Jules war nur unglücklich gestürzt, es war nichts weiter geschehen, als dass er zwei Hanteln unterschiedlichen Gewichts gestemmt hatte, falsche Handhabung.

»Die Hunde«, er machte Edmond auf die Hunde aufmerksam, die bellten. Sonst war es ruhig. Kein Kindergeschrei. Kein Vogelgezwitscher. Eine grelle Sichel, die durch die Stille einen Riss in den Himmel schnitt.

 

Edmond schickte Pélagie aus dem Zimmer, ihre Hilfe war nicht erforderlich, Jules war unverletzt. Seit Roses Entlarvung war Edmond auf der Hut vor unberechenbarem Personal, auch wenn Pélagie nie Anlass zu erhöhter Vorsicht geboten hatte. Aber was hieß das schon?

Als habe er Jules’ unausgesprochenen Wunsch erraten, rief Edmond ihr ins Treppenhaus nach, sie möge Froschschenkel besorgen, abends wünschten sie welche zu essen, nach dem Rezept ihrer Mutter zubereitet, wie immer.

Er wandte sich zu seinem Bruder um: »Wir gehen heute besser nicht aus.«

Jules nickte gefügig, als kleiner Bruder, der sich in der sicheren Obhut des Älteren wusste. Ein weiterer ruhiger Tag stand bevor, keine Gesellschaft, kein Theater, keine Freunde, Tagebuch führen, am Buch über ihren verstorbenen Freund Gavarni, den Maler, Aquarellisten und Lithographen, schreiben, Erinnerungen heraufbeschwören und festhalten, Lesen, Studieren und Schreiben, sofern die Hunde sie in Ruhe ließen, die Hunde, diese Plage der Menschheit. Wie oft hatte Edmond sich lebhaft ausgemalt, sie zu vergiften, eigenhändig zu erwürgen oder ihnen die Kehlen durchzuschneiden, damit das Gebell endlich aufhörte. Er horchte. Er hörte nicht den geringsten Laut.

Pélagie, die weder schreiben noch lesen konnte, kannte das Rezept auswendig, da Edmond es ihr bereits wenige Tage nach ihrer Anstellung langsam, fast feierlich vorgetragen hatte, damit sie es sich für immer – oder zumindest für die Zeit ihrer Anstellung bei den Goncourts – einprägte. Sie hatte eine schnelle Auffassungsgabe, was für die Herrschaft nicht nur von Vorteil war, doch besser als Trägheit und Begriffsstutzigkeit. Unerwünschtes Wissen war nie ganz zu vermeiden und völlige Loyalität ein frommer Wunsch, der selten in Erfüllung ging. Er mochte sich nicht ausmalen, was Rose, ihre verstorbene Magd, bei wem herumgetratscht hatte. Noch weniger mochte er darüber nachdenken, wie bedenkenlos sie ihrer Aufrichtigkeit vertraut hatten, als sie sich in ihrer Wohnung an der Rue Saint-Georges verhielten, als wären sie unbeobachtet, nur sie, Edmond und Jules. So trauten sie sich heute in ihrem Haus in Auteuil nicht mehr zu bewegen, obwohl es keinen Grund gab, an Pélagies Ehrlichkeit zu zweifeln.

Doch hatte es auch keinen Grund gegeben, Rose zu misstrauen.

 

Er konnte nicht wissen, dass Jules wenige Minuten zuvor das gleiche – unausgesprochene – Verlangen nach Froschschenkeln verspürt hatte; gewundert hätte er sich aber nicht darüber, da ihre Gedanken sich ständig überschnitten, was beiden bewusst und schon oft Gegenstand ihres nie abreißenden Gesprächs gewesen war, das einem endlosen, sich dahinschlängelnden Bach glich, der nirgends entsprang und nirgendwo endete. Dass Jules keinen Einspruch erhob, hieß nichts anderes, als dass auch ihm nach Froschschenkeln war. Darüber mussten sie sich nicht austauschen.

Doch in letzter Zeit riss der Faden zwischen ihnen immer öfter.

Edmond half Jules auf die Beine.

Die Sorge um seinen kleinen Bruder war größer als der Ärger über die Ursache des Missgeschicks; Edmond unterließ es also, seiner Abneigung gegen die Turnerei und insbesondere gegen die Hanteln allzu deutlichen Ausdruck zu verleihen. Statt zu räsonieren, schwieg er einfach. Schwieg und zog seinen Bruder hoch, der leicht war wie ein Hühnchen. Er liebte seinen Bruder viel zu sehr, um ihm Vorwürfe zu machen. Einen Augenblick sah es so aus, als sinke Jules ihm in die Arme, aber dann straffte sich sein Oberkörper, er drückte die Knie durch und stand gerade, nur etwas schwankend. Beinahe noch ein Knabe, fast schon ein Mann, hatte man Jules in den Herbergen für ein Mädchen gehalten, das sich als Junge verkleidet hatte, um mit dem Geliebten zu fliehen, als sie damals durch halb Frankreich – ein ihnen weithin noch unbekanntes Land – über Marseille in Richtung Algier reisten, ERINNERST DU DICH?

 

Trotz des Sturzes war Jules darum bemüht, so zu tun, als wäre nichts geschehen. Er sagte: »Nur ein kleines Missgeschick, eine Unpässlichkeit – zu viel frische Luft sicher.« Edmond tat, als höre er das, was diesen Sätzen fehlte, nicht. DU BIST KRANK. DU BIST KRANK.

Obwohl das Fenster offen stand, hing der ungewohnte Geruch nach körperlicher Anstrengung in der Luft. Jules hatte geschwitzt. Edmond schloss das Fenster, es war schließlich Herbst und schon kühl.

Seine Geschäftigkeit täuschte darüber hinweg, dass er sich darum bemühte, die zwei ungleichen Gewichte zu ignorieren, die Jules gestemmt hatte und die nun weit voneinander entfernt auf dem Boden lagen. Dass das eine Gewicht leichter war als das andere, war mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Jules erwähnte den unsichtbaren Unterschied nicht. Welches Gewicht ihm zuerst aus der Hand gefallen war, wusste er nicht mehr, alles war wie in seiner Abwesenheit geschehen.

Edmond hielt seinen Bruder leise, aber nachdrücklich an, sich anzukleiden, und tupfte mit einem Taschentuch angetrockneten Speichel aus seinen Mundwinkeln. Jules trug keinen Rock, kein Hemd, er war im Unterhemd. Sie hatten noch nicht gefrühstückt. Sie frühstückten sonst immer gemeinsam. Es war Zeit. Jules keine Vorwürfe zu machen, fiel Edmond nicht schwerer, als den Speichel aus seinem Gesicht zu entfernen. Es war, als sorgte er sich um den besten Teil seiner selbst. Es gab keine Unstimmigkeiten zwischen ihnen, die gab es nie. Es war, als hätten sie ein Herz, eine Seele, einen Verstand, eine Hand, selbst der Augenblick sexuellen Verlangens übermannte nicht selten beide zur gleichen Zeit, als wären sie ein einziges Wesen.

»Ich will nicht, dass du dich erkältest. Du zitterst ja«, sagte Edmond. »Dir ist kalt, nicht wahr?«

»Mir ist nicht –, ich – nur«, stammelte Jules und verzog den Mund zu einem Lächeln; er wusste ja, dass sein Bruder recht hatte.

Die kurzen senkrechten Linien der Mundwinkel, sein angedeutetes Lächeln, waren eine letzte Erinnerung an die entschwundene Jugend. Der Rest seines Gesichts, dessen Unverwechselbarkeit sich aufzulösen begann, sprach eine andere Sprache.

Das einst blonde Haar war fahl und schütter geworden, die entspannte Haut aufgedunsen und blass. Daran würde keine Gymnastik der Welt mehr etwas ändern. Überhaupt würde sie nichts ändern.

Jules war ein sehr hübscher Junge gewesen, kein Wunder, dass alle ihn liebten und viele ihm nahe sein wollten, Frauen, auch Männer. Doch näher als Edmond war ihm niemand je gekommen, keine Frau und kein Mann, nicht einmal Kokolis, das Krallenäffchen, dessen Tod ihn tiefer getroffen hatte als der Verlust der Mutter. Edmond liebte seinen Bruder mehr als eine Geliebte, mehr als eine Ehefrau, mehr als sich selbst. Stets hatte Edmond Eigenschaften in ihm gesehen, die den anderen noch verborgen waren, das Glühen seines Talents für viele Künste; insbesondere die Malerei, der er zunächst den Vorzug gegeben hatte und in der er zweifellos ein ebensolcher Meister hätte werden können wie als Schriftsteller, hatte ihn stets angezogen und bezaubert.

 

Jules hing am Leben, aber das Leben hing nicht an Jules. Edmond versuchte seine Gedanken auf etwas zu lenken, was so weit entfernt war, dass es sich mit keiner Faser an Jules klammern konnte. Es sollte alles wieder gut werden. Warum sollte Jules nicht über ungeahnte Kräfte verfügen? Früh schon hatte etwas in ihm geschlummert, das nur geweckt werden musste; erst die Kunst, dann die Literatur. Die Literatur war sein Opfer, und er war das Opfer der Literatur, der Satz war die Hingabe, die Suche nach dem richtigen Wort eine Entdeckungsreise in Richtung eines unbekannten Kontinents. Jules war nicht nur jünger als er, sondern auch zarter, zugleich aber war er mit einem außerordentlichen, nicht niederzuringenden Willen ausgestattet, der sich so gut unter der sanften Oberfläche verbarg, dass Fremde nichts anderes als diese zu sehen vermochten; eine Hülle.

Edmond war sich darüber im Klaren, dass der Gedanke an das drohende Ende seines Bruders wiederkehren würde, bis das Leben von Jules abgefallen war wie ein totes Blatt von einem herbstlichen Baum. Verdorrtes Laub ergrünte nicht. Auch Jules würde fallen. Blätter verfaulten und lösten sich zu nichts auf oder zerbröselten wie trockener Tabak unter den Sohlen der Passanten, unter den Pferdehufen oder Wagenrädern, die darüber hinwegrollten. Er unterdrückte seine Tränen nicht. Jules würde sie nicht bemerken, geschweige denn kommentieren.

 

»Hast du nicht Hunger? Willst du nicht frühstücken?«

Jules wollte wissen, wie spät es sei. Edmond fingerte seine Taschenuhr aus der Westentasche und klappte sie auf.

»Es ist halb acht.«

»Ist deine Uhr nicht stehengeblieben, Edmond?«, fragte Jules und blickte auf Edmonds Uhr, deren Zifferblatt er unmöglich sehen konnte, aber sein Gespür schien sich noch verfeinert zu haben.

Edmonds Uhr war kurz zuvor stehengeblieben.

»Du hast recht. Sie steht.«

Sie horchten beide auf, als die Uhren im ganzen Haus zu schlagen begannen, erst die Standuhr im Wohnzimmer, dann die Uhr im ersten Stock, zuletzt die Pendule in Jules’ Zimmer, von oben und unten, aus allen Ecken und Winkeln ertönte das feine Gezirpe und kehlige Brummen, das von Pélagie am Laufen gehalten wurde.

Dann fielen die unsichtbaren Nachbarshunde mit ihrem Gekläff wie eine hungrige Meute über das Gewirke und Geläute her, bis sie alles übertönt hatten.

Edmond wendete sich zum Gehen. »Komm bald, ich warte auf dich.«

Er wollte nicht sehen, wie Jules sich beide Hände an die Ohren hielt, nicht flach, wie man es erwarten sollte, sondern mit geballten Fäusten und schmerzverzerrtem Gesicht.

3 Botin des kommenden Unheils

Sie aßen abends – es war bereits dunkel – die saftigen Schenkelchen mit spitzen, vom Fett glänzenden Fingern.

»Haben wir uns je gefragt, was wir hier essen?«, scherzte Edmond.

Jules lachte folgsam: »Glans penis.«

Edmond gehörte nicht zu denen, die deshalb erröteten. Pélagie war nicht im Raum. Tatsächlich war es ihre Freundin Maria, die Hebamme, gewesen, die eines Nachts bemerkte, Jules’ Eichel habe die Konsistenz von Froschschenkelfleisch. Zwischen ihren Lippen, in ihrem Mund.

Mit Lippen, Zungen, Gaumen und Zähnen erspürten sie die Knöchelchen und trennten sie akkurat vom samtig glatten Fleisch. Sie saugten daran, bevor sie die blank gegessenen Knochen an den Rand ihrer Teller legten. Darin waren sie Meister. Schon als Kinder hatte man ihnen, kaum waren ihnen die Milchzähne gewachsen, Froschschenkel à la meunière vorgesetzt, nach dem von Generation zu Generation weitergereichten Rezept einer Urahnin väterlicherseits; manche Dinge änderten sich nie und durften sich nicht ändern, auch wenn der Rest der Welt sich immer neu drapierte. Nichts musste sich deshalb an der vollkommenen Zubereitung von Froschschenkeln ändern. Die zarte Schärfe und zurückhaltende Säure und hintergründige Bitterkeit von Zitrone, Knoblauch, Schalotte und Petersilie gaben dem Gericht Farbe und Geschmack, ohne diese Beigaben war das Froschfleisch belanglos.

Neben jedem Gedeck standen silberne Schälchen (achtzehntes Jahrhundert) mit lauwarmem Wasser und Zitronenscheiben, in die Jules und Edmond, oft gleichzeitig, kurz ihre Fingerspitzen tauchten, um sie dann an den Servietten abzutrocknen, die sie zur Schonung ihrer Hemden umgebunden hatten. Für jeden ein gutes Dutzend Froschschenkel auf einem Teller mit Goldrand. Pélagie hatte Pierre, den Hausburschen, damit beauftragt, dreißig Stück zu besorgen. Als wäre alles normal.

Man sollte von diesen Portionen nicht satt, sondern hungrig werden. Sie kitzelten den Magen und regten den Appetit an, wie die Spießer zu sagen pflegten. Dazu gab es knusprig geröstetes Brot. Es war Spätherbst. Sie liebten den Herbst.