Doppelsalto mit 75 - Otmar Meyer - E-Book

Doppelsalto mit 75 E-Book

Otmar Meyer

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Beschreibung

Das Buch ist eine autobiografische Erzählung besonderer Art. Begebenheiten in der Kindheit und Jugend des Autors bergen kleine interessante Geschichten. Der Lehrerberuf in der ehemaligen DDR, der Fall der Mauer, das Wirken von "Stasi" und Treuhand, Aktienhandel sowie Hausbau im Alter von 55 Jahren werden aus seiner Sicht beleuchtet. Die ungewöhnlichste und nahezu unglaubliche Geschichte ist jedoch die, in welcher der Autor im Rentenalter als Hobbysportler in der Sportart Wasserspringen trotz Handicap zu trainieren beginnt, mit 72 Jahren seinen ersten Wettkampf bestreitet und letztendlich eine Medaille im Turmspringen bei den Weltmeisterschaften der Masters 2017 in Budapest erringt.

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Seitenzahl: 263

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhalt

Vorwort

Augenscheinliches

Gehen wir den richtigen Weg?

Der Einfluss der Medien

Fitness im Alter

Tendenzen

Außergewöhnliches

Wasserspringen mit Behinderung

Mutige Selbsttherapie

Ziel: Doppelsalto

Leistungssport mit Handicap

Anwendbares

Yoga zur Entspannung

Aquagymnastik und Schwimmen

Tanzen fordert auch den Geist

Entspannung beim Kanu-Wandern

Nordic Walken und Laufen

Mit dem Rad durch die Natur

Meine Kindheit

Landung im Weizenfeld

Wasser und Todesangst

Meine erste Freundin

Schausteller und Schulsportfest

Freizeitspiele im Dorf

Mein Vorbild im Turnen

Ich war stolz auf meinen Vater

„Los, eine Grätsche!“

Körperliche Arbeit

Meine Jugend

Meine Turnfreunde

Wie erlernte ich den Doppelsalto?

Paddeln mit einem Nichtschwimmer

Tanzen und Freundinnen

Schießen mit der „Kalaschnikow“

Was ist ein Empfangsfunker?

Ich und Gewichtheben?

Kubakrise und 2½-facher Salto

Wenn du mich zwickst, dann küss’ ich dich

Einschlafen auf dem Fahrrad

Das Sportstudium an der DHfK

Gewagter „Gruppensprung“

Gedicht an eine 17-Jährige

Briefe aus dem Skilager

Geburt unseres Sohnes

Beruf und Familie

Gab es keine bessere Wohnung?

Modernisierung in Eigenregie

Sportlehrer müssteman sein

Fachberater und Zweitfach Mathematik

Sportschau mit 400 Kindern

9Wochen Sommerferien

Die Kindheit unseres Sohnes

Wende, „Stasi“ und Treuhand

Anerkennung der Lebensleistung

Der Einfluss der Bildung

Versicherungen und Aktienhandel

Diagnose: Zöliakie

Das Meisterstück

Rentenalter

Rentner haben niemals Zeit

70. Geburtstag meiner Frau

Neue Leidenschaft: Wasserspringen

„Wo haben sie diese Tricks gelernt?“

Springer-Gala des TSC Berlin

Weltmeister Patrick Hausding

Popularität des Wasserspringens

Klippenspringerin Anna Bader

Wettkämpfe der Masters

Mein erster Wettkampf mit 72 Jahren

„Man kommt ja nicht mehr hoch“

„Du bist verrückt!“

Die WM 2017 in Budapest

Anhang

Tabellen

Bildnachweis

Vorwort

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Soll ich dieses Buch schreiben oder soll ich es lieber lassen? Diese Frage stellte ich mir zu Beginn meiner ersten Autorentätigkeit.

Die Aussage eines sich genervt fühlenden 16-Jährigen: „Mein Opa glaubt, mir ständig die Welt erklären zu müssen“ gab mir zu denken. Eigentlich wollte ich in erster Linie meine Erfahrungen mit dem Wasserspringen jungen Anfängern näher bringen.

Das Problem: Lernten noch vor wenigen Generationen die Jungen von den Älteren, so hat sich heute infolge der rasanten Entwicklung in allen Bereichen des Lebens, vor allem durch die moderne Informationstechnologie, der Lernprozess in der Familie teilweise umgekehrt. Die Eltern lernen häufig von den Kindern. Per Smartphone und Internet haben diese doch schnellen Zugang zu allen Fragen unserer Zeit. Um überhaupt „kommunikativ“ auf Augenhöhe zu bleiben, scheint mir erforderlich zu sein, dass sich Eltern und Großeltern mindestens mit dem Computer, besser noch mit „Facebook, WhatsApp & Co“ befassen. Doch der augenscheinlich schnelle Zugriff der jüngeren Generation zu Fakten geht oft nicht einher mit der richtigen Einordnung und dem Erkennen von Hintergründen und Zusammenhängen. So ergibt sich manchmal oberflächliches Halbwissen, das zu Überheblichkeit führen kann. Das logische Herleiten könnte aber vieles erklären.

Auch die eigene Fitness wird oft überschätzt und dann bleibt nicht aus, dass allgemein praktische und speziell sportliche Betätigungen zu kurz kommen.

Rüstige Rentner machen es der Jugend in vielen Sportarten vor, wie man ausdauernd übt, um fit zu bleiben. Sind einige Aktivitäten der „junggebliebenen Alten“ aber nicht manchmal umstritten? Wenn z. B. ein Hundertjähriger mit einem Stützgerät als GEHHILFE den Diskusring betritt, eine Neunzigjährige am Barren turnt oder wenn ein Siebzigjähriger vom 1-m-Brett einen Doppelsalto oder gar einen HANDSTAND auf einem 10-m-Turm ausführt?

Johann Wolfgang von Goethe sagte einmal: „Was nicht umstritten ist, ist auch nicht sonderlich interessant.“

Ich glaube, dass der Inhalt dieses Buches durchaus auch Jugendliche interessieren könnte. Ich bin mir allerdings auch ziemlich sicher, dass das Internet aktueller ist und Fragen, z. B. zum Wasserspringen, schneller beantwortet.

Begegnungen in der Sportpraxis belegen aber auch: Für sportliche Leistungen in der Altersklasse 70+ zeigt ein Teil der Jugend zumindest Respekt und Interesse.

Allerdings sehe ich auch das realistisch. Für den Zuschauer ist der Reiz des Sports in seiner Schönheit, in der Eleganz und Vollendung der Bewegungen, also in seiner Perfektion, vor allem in der Jugend und im mittleren Alter zu finden.

Wer glaubt, sich im hohen Alter unbedingt präsentieren zu müssen, überschätzt die tatsächliche Wirkung des eigenen verblassten Könnens auf seine Mitmenschen. Eher das Außergewöhnliche oder gar das Sensationelle sind hier noch von Interesse!

Ich schreibe deshalb wohl mehr für die ältere Generation, die ja auch noch Bücher liest. Es ergibt sich möglicherweise ein Vergleich zur eigenen Leistungsfähigkeit.

Jeder Mensch im fortgeschrittenen Alter sollte sich Ziele setzen, um so lange wie möglich, sowohl körperlich als auch geistig, ein aktives Mitglied der Gesellschaft zu bleiben.

Dazu könnte ich einige Erfahrungen vermitteln. Also beginne ich mit dem Schreiben! Ich will neben meinen (für mein Alter) außergewöhnlichen sportlichen Aktivitäten meinen Kopf beschäftigen und mich geistig fit halten.

Anmerkung: Einige Gedanken könnten in diesem Buch belehrend wirken. So ist das bei Lehrern eben manchmal.

In Goethes Sinne wünsche ich Ihnen beim Lesen gute Unterhaltung.

Aken, im Februar 2019 Ihr Otmar Meyer

1. Augenscheinliches

Gehen wir den richtigen Weg?

„Was vorhaben muss man“, betitelt Rolf Hochhuth seine Aphorismen. „Solange man neugierig ist, kann einem das Alter nichts anhaben“, machte sich bereits Burt Lancaster zur Maxime. Das sind nützliche Ratschläge oder auch Vorgaben und allgemeine Orientierungen im fortgeschrittenen Alter, denn viele Menschen, gerade in der heutigen schnelllebigen Zeit, haben mit dem Älterwerden Probleme.

Warum tun sich viele Menschen so schwer in ihrem Bestreben, gesund und leistungsfähig zu sein, um auch im Alter Fitness von Körper und Geist zu erhalten? Wusste doch der US-Amerikaner Henry Ford im 19. Jahrhundert bereits: „Wer aufhört zu lernen, ist alt, mag er zwanzig oder achtzig Jahre zählen.“

Der gesamte Lebensweg des Einzelnen ist offenbar nicht planbar. Die gesellschaftlichen Entwicklungen schon gar nicht. Dennoch ist der Mensch nicht Spielball der Umstände, in welche er hineingeboren wurde. Jedes Individuum kann einzelne, wenn auch kleine Bausteine der eigenen Entwicklung planen. Vieles im Leben ergibt sich zufällig. Für den Sport gilt das sicher auch. Die „Initialzündung“ für den Beginn einer regelmäßigen sportlichen Betätigung kann ein Vorbild, eine persönliche Begegnung, ein Medienereignis, eine örtliche Tradition oder irgendein anderes einschneidendes Erlebnis sein.

Die propagierte Anti-Age-Bewegung mit all ihren Fassetten, Wegen und Irrwegen bringt in erster Linie der „Gesundheitsindustrie“ etwas ein. Jugend- und Schlankheitswahn, auch Bodybuilding im Übermaß, können schnell in das Gegenteil umschlagen. Nicht selten wird krampfhaft versucht, besser zu sein als andere. Aber viel Kraft und Zeit in Selbstoptimierung zu stecken, führt meistens dazu, dass man sich möglicherweise schöner aber langfristig nicht wohler fühlt. Die Folgen des „Selbstoptimierungswahnsinns“ werden meistens erst im Alter sichtbar. Vieles gäbe es zu nennen, wo der Mensch das Natürliche negiert. Aber leider ist das eine Tendenz unserer Zeit.

Paradox erscheint aber, dass der Mensch einerseits seine Gesundheit durch die systematische Abkehr vom Natürlichen aufs Spiel setzt und andererseits mit modernster Medizin wieder das zusammenflicken lässt, was vorher zerstört wurde.

Auch verlangt es einerseits nach Bewegung, um gesund zu bleiben, und andererseits wird die Bequemlichkeit der Menschen durch die moderne Technik wie Autofahren, Online-Handel und jeden erdenklichen Service unterstützt. Das klingt sicher nach „Binsenweisheiten“, es sind aber Tatsachen! Nur wenige denken darüber nach.

Der irische Schriftsteller Oscar Wilde stellte schon im 19. Jahrhundert fest: „Der Mensch ist vielerlei, aber vernünftig ist er nicht.“ Heute ist vielen von uns auch nicht bewusst, dass der Mensch – eigentlich das vernünftigste Wesen dieses Planeten – am unvernünftigsten handelt, indem er seinen eigenen Lebensraum zerstört.

Bestsellerautor Roger Willemsen versuchte in seinem letzten Buchprojekt die Frage zu klären: „Wer sind wir?“ Er kam zu dem Schluss: „Wenn man es genau bedenkt, ist vom Anfang aller Tage an alles immer schlechter geworden. Luft und Wasser sowieso, dann die Manieren, die politischen Persönlichkeiten, der Zusammenhalt unter den Menschen, das Herrentennis und das Aroma der Tomaten.“

Rückblickend fasste er zusammen: „Wir waren jene, die wussten, aber nicht verstanden, die begriffen, aber nicht vergegenwärtigen konnten, voller Information, aber ohne Erkenntnis, randvoll im Wissen, aber mager an Erfahrung. So gingen wir, nicht aufgehalten von uns selbst.“

Der Einfluss der Medien

Es wäre naiv, diesen Lauf der Entwicklung der Menschheit plötzlich aufhalten zu wollen. Nachhaltigkeit im Denken und Handeln setzen sich erst allmählich oder möglicherweise gar nicht durch. Der Teufelskreis aus Geschäftemachern und Mitverdienern, Pharmaindustrie und teilweise verantwortungslosen Ärzten sowie der Verflechtung von Politik, Industriekonzernen und Banken ist im derzeitigen Gesellschaftssystem nicht zu durchbrechen.

Jetzt haben vor allem die Medien, die sich in die Geldmaschinerie einspannen lassen, einen nie gekannten Einfluss auf das Denken der berieselten „Massen“ und damit auf das Verhalten des Einzelnen. Sie greifen ständig Probleme und Sensationen auf und bieten nur selten Lösungen. Teilweise primitive „Bespaßung“ ist Ablenkung von der Realität.

Das Fernsehen vermittelt Ideale, die sehr häufig für Jugendliche erstrebenswert erscheinen. Für viele sind das aber meistens zu hoch gesteckte Ziele. Trotz positiver Entwicklung glaubt mancher, er sei ein Versager. Nicht nur klares Denken und Urteilen bleiben so auf der Strecke. Falsche Vorstellungen vom Lebensziel aber auch Ziellosigkeit und ein zu geringes Anspruchsniveau führen nicht selten zu psychischen Problemen, zu Depressionen mit einhergehenden körperlichen Beschwerden.

Medienberichten zufolge ergeben sich allein in Deutschland 11 Millionen Fehltage im Jahr in der Wirtschaft durch Depressionen der Mitarbeiter. Anfang 2018 sind als Fazit des Bewegungsmangels 37% der Frauen und 59% der Männer übergewichtig. Schätzungen geben an, dass in Europa etwa 1,2 Millionen Menschen deshalb jährlich sterben, weil sie sich zu wenig bewegen. Inaktivität und soziale Isolation führen besonders im Alter zur vorzeitigen Gebrechlichkeit.

Der zu hohe Anteil virtueller statt realer Kontakte in der jungen Generation wird diese Tendenz in der Zukunft noch verstärken. Unser Handykonsum zeigt jetzt schon negative Folgen. Mehr als zwei Stunden pro Tag blicken wir auf das kleine Display. Das ist nicht nur unproduktiv, es gefährdet auch die Gesundheit.

Fitness im Alter

„Gesundheit ist nicht alles, aber alles ist nichts ohne Gesundheit.“ Dieser bekannte Spruch ist äußerst aussagekräftig, wenn man weiß, wie der Begriff „Gesundheit“ zu verstehen ist. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) definiert Gesundheit als „Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheiten oder Gebrechen.“

Gesund zu altern wäre für jeden Menschen das Optimale. Doch für die Mehrheit bleibt das leider nur ein Traum. Mit dem Älterwerden steigt das Risiko für verschiedene Krankheiten. Am häufigsten treten im letzten Lebensabschnitt Demenz, Herzschwäche und Nierenschwäche auf. Der frühe Beginn chronischer Erkrankungen kann jedoch hinausgezögert werden. Ein reales Fernziel für jeden ist demzufolge, möglichst viele Jahre in guter Fitness zu verbringen. Der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche brachte es auf den Punkt: „Auf die ewige Lebendigkeit kommt es an, nicht auf das ewige Leben.“

Da man sich im Alter weniger bewegt, nimmt die Muskelmasse ab und das Körperfett zu. Selbst wenn man sein Körpergewicht hält, ergibt sich also eine Verschiebung in den Proportionen. Hinzu kommt: Je älter man wird, desto stressanfälliger ist man. Nahezu alle Körperfunktionen bilden sich allmählich zurück, umso mehr, je weniger sie beansprucht werden. Deshalb müssen sich ältere Menschen bewegen. Sie sollen sich sogar leicht anstrengen.

Körper und Geist können sich nicht mehr so schnell auf Veränderungen einstellen, deshalb muss ein möglichst gleicher Tagesrhythmus eingehalten werden. Sehr wesentlich in diesem Zusammenhang erscheint die Tatsache, dass man sich auf kommende, länger vorher bekannte Veränderungen einstellt, sich gedanklich damit befasst und so nicht plötzlich vor gravierenden Veränderungen steht, die man schwer verkraftet.

Einige Beispiele:

Ein junger Mann möchte mit seiner Partnerin zusammenziehen oder vielleicht heiraten und eine Familie gründen. Dann sollte er sich vorher darüber klar werden, was eine feste Beziehung bedeutet. Das Junggesellenleben kann wohl so wie vorher nicht fortgeführt werden. Mitverantwortung und Kompromissbereitschaft stehen direkt auf der Tagesordnung. Änderungen im Freundeskreis, Wohn- oder Arbeitsumfeld usw. gilt es zu bedenken. Dieser Mensch ist jung und flexibel. Im Allgemeinen ergibt sich also kein großes Problem.

Aber: Der Beginn des Ruhestandes nach dem Berufsleben ist zwar meistens längerfristig vorauszusehen, wer sich jedoch nicht bereits vorher in seiner Freizeit sinnvolle Betätigungen sucht, fällt möglicherweise in ein „Loch“ und weiß mit der nun vorhandenen Zeit nichts anzufangen. Ein strukturierter Alltag ist demzufolge besonders im Lebensabschnitt nach dem Berufsleben unabdingbar. Dazu trägt eine regelmäßige Betätigung in jedem Falle bei. Die sportliche Betätigung–möglichst in einem anregend wirkenden sozialen Umfeld–wäre am wirkungsvollsten.

Noch gravierender wirkt sich eine erforderliche Umstellung im fortgeschrittenen Alter aus, wenn man sich gedanklich nicht darauf vorbereitet hat. Plötzlich erkrankt jemand schwer. Man muss einfach damit rechnen, dass einem Ähnliches passieren kann, auch der besten Freundin oder dem Partner. Im Alter gibt es nun mal mehr Unwägbarkeiten als vorher. Einige glauben auch, das betrifft nur andere.

Wenn eine 90-Jährige sich bezüglich ihres Gesundheitszustandes äußert: „Das habe ich doch früher nicht gehabt“, muss man sich schon wundern.

Ein 85-Jähriger beklagt, dass er nicht mehr laufen kann. Er hatte ein aktives und schönes Leben und erreichte ein überdurchschnittliches Alter. Man muss sich eben mit solchen Veränderungen auch abfinden.

So machte Manfred Krug z. B. öffentlich, als er die 60 überschritten hatte, dass er nun seinen Sex einstelle. 2012 – im Alter von 75 Jahren – sagte er in einem Interview: „Wenn du morgens mit Rückenschmerzen aufwachst, da kannst du gar nichts für – da bist du alt!“

Zum 65. Geburtstag äußerte sich „Wetten dass..?“-Moderator Wolfgang Lippert: „Lebenszeit ist ein großartiges Geschenk. Wenn man – was ich nur ungern mache – hinter sich schaut, sieht man, dass viele Menschen, mit denen man gestartet ist, schon nicht mehr da sind, oder schwer krank. Mit dem Älterwerden zu hadern wäre also sehr undankbar!“

Ein Umdenken ist auch für ältere, sportlich aktive Menschen erforderlich. Hier bringt für die Gesundheit sehr häufig das Weglassen einer Trainingseinheit mehr, als ihre Durchführung. Nach schlechtem Schlaf, bei leichter Erkältung oder einfach bei Unwohlsein reichen Spaziergänge an der frischen Luft, um wieder fit für das Training zu werden.

Ganz wichtig: Für Ruheständler sind persönliche Ziele notwendig. Dabei ist nicht entscheidend, ob diese Ziele immer erreicht werden. Man darf auch mal höher hinaus. Scherzhaft könnte man argumentieren: „Wer alle seine Ziele im Leben erreicht, der hat diese nur zu kurz gesteckt!“ Viele Menschen wagen im Alter häufig zu wenig. Wer kleine Einschränkungen als willkommenen Vorwand wertet, um sich generell zu schonen, oder wer z. B. den tiefergelegten Einstieg beim Fahrrad bereits „vorausschauend“ nutzt, obwohl er noch beweglich genug ist, arbeitet der Erhaltung der Beweglichkeit entgegen.

Es geht auch anders: Ein rüstiger 92-Jähriger antwortet, nachdem er befragt wurde, wie er sich fit halte, dass er Gegenstände des täglichen Bedarfs in untere oder obere Regale legt, um sich mehrmals am Tag bücken oder strecken zu müssen. Er fordert sich also bewusst.

Andererseits überschätzt mancher im Alter seine Möglichkeiten und gefährdet dadurch seine Gesundheit. Hier kann gut Gewolltes ins Gegenteil umschlagen. Natürlich muss vieles im täglichen Leben dem Alter angepasst werden. Die Grenzen liegen aber meistens höher als vermutet. Man traut sich oft nur zu wenig zu. Es könnte nun der Einwand kommen: „Zu wenig hat noch nie geschadet, aber zu viel …!“

Meinungen und Standpunkte vom richtigen Maß der Belastung im Alter sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Was für den einen zu wenig ist, beurteilt ein anderer für sich bereits als zu viel. Der „Durchschnittsbürger“ geht in Deutschland mit 60 Jahren in Rente. Der gezielte geistige und körperliche Ausgleich wird dann, wie bereits festgestellt, doppelt notwendig. Der Wechsel vom „Arbeits-“ in den „Rentner-Modus“ ist häufig kein problemloser Übergang. Einerseits muss der Alltag neu strukturiert werden, da sich der zeitliche Rahmen durch den Wegfall der beruflichen Anforderungen generell ändert, andererseits sinkt in den meisten Fällen auch die geistige und körperliche Belastung.

Dennoch: Mancher 70-Jährige ist in der Lage, wesentlich mehr zu leisten als der Durchschnitt der 50-Jährigen. Den Bogen könnte man hier noch weiter spannen: Viele Mitbürger der Altersgruppe 60 plus halten nichts vom Ruhestand und vollbringen Großartiges in Wirtschaft, Politik, Kultur und im Sport für sich und für die Gesellschaft.

Aber Menschen, die Außergewöhnliches geleistet haben, sterben manchmal bereits im Zenit ihrer Schaffenskraft. Sie haben sich möglicherweise überfordert, Signale ihres Körpers negiert oder mit Drogen Leistungsgrenzen verschieben wollen. Zuviel Stress ist häufig der Auslöser für das Versagen des Körpers. Im Nachhinein, wenn nichts mehr repariert werden kann, kommt die Einsicht, dass es im Grunde genommen nichts auf der Welt gibt, wofür man die eigene Gesundheit oder das Leben aufs Spiel setzt.

Kann man nach dieser Feststellung folgende Extremsportlerin verstehen?

Sie geht bei ihrem Extremsport bewusst ein hohes Risiko ein, indem sie sich aus mehr als 20 Metern Höhe von einer Klippe am Meer oder von einem Gerüst im Hafenbecken in die Tiefe stürzt. Sie springt nicht nur aus schwindelerregender Höhe in das Wasser, sondern führt dabei auch noch spektakuläre Drehungen aus. Wobei der geringste Fehler fatale Folgen haben kann. „Wenn ich sterbe“, sagte sie in einem Interview, „kann ich mich nicht beklagen.“ Eine derartige Leidenschaft mit diesem Risiko bleibt natürlich die Ausnahme.

Aber auch ohne ein risikoreiches Leben werden unerklärlicher Weise einige Menschen nicht alt, obwohl sie sehr gesund leben, sich vorbildlich ernähren, ausreichend schlafen und auch sonst ausgeglichen und viel in Bewegung sind.

Andere, die beim Essen zulangten, kaum kreativ waren und vielleicht auch wenig leisteten und selten ein Wagnis eingegangen sind, erreichten ein gutes Alter.

Das sind Argumente für viele ältere Mitbürger, die nie Sport getrieben haben, gegen den Sport. Sie belächeln die Aktivitäten anderer und fühlen sich ihnen teilweise sogar überlegen. Aber haben solche „Lebenskünstler“ überhaupt gelebt? Ihr Leben ist vergleichbar mit dem fehlenden „Salz in der Suppe“. Sie haben vielleicht auch nur Glück gehabt, dass ihnen gute Gene vererbt wurden. Der Anteil der Gene für ein langes Leben wird selbst in wissenschaftlichen Untersuchungen sehr unterschiedlich angegeben. Unbestritten ist aber ihr großer Einfluss. Wie wäre sonst das hier zuvor Festgestellte zu erklären?

Fragen Sie Leistungssportler oder auch einfach irgendwelche Freizeitsportler, ob sie sich ein Leben ohne Sport vorstellen könnten! In den meisten Fällen würden Sie eine verneinende Antwort erhalten.

Emotionale Höhepunkte, Freundschaften, Geselligkeit, gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung der erbrachten Leistungen, Stärkung des Selbstbewusstseins, Wohlbefinden und vieles mehr möchten sie nicht missen. Ihr Leben war und ist weder langweilig, noch oberflächlich. Das gilt sowohl für die Jüngeren als auch für die junggebliebenen Alten.

Tendenzen

Das Ergebnis einer aktuellen Altersstudie, die ein Versicherungskonzern beim Allensbach-Institut für Demoskopie in Auftrag gegeben hat (veröffentlicht unter anderem in der Tageszeitung MZ vom 02.03.2017), zeigt eine sehr positive Tendenz: Nach einer Umfrage von mehr als 4000 Männern und Frauen zwischen 65 und 85 Jahren in Deutschland sind diese heute „ungleich aktiver, optimistischer und gesünder als betagte Menschen vor 20, 30 oder 40 Jahren. Ihre allgemeine Lebenszufriedenheit liegt sogar etwas höher als in der Gesamtbevölkerung“ Sie fühlen sich im Schnitt „um rund 7,5 Jahre jünger, als sie tatsächlich sind.“ Weiter ist zu lesen: „Noch auffälliger ist der Anstieg körperlicher Aktivitäten: 1968 bejahten nur fünf Prozent der über 65-Jährigen die Frage, ob sie zumindest gelegentlich Sport treiben. 1986 war der Anteil auf 16 Prozent gestiegen, 2005 waren es bereits 30 Prozent und 2015 sogar 44 Prozent. Ganz oben stehen Gartenarbeit, Wandern, Schwimmen und Gymnastik.“

Und noch ein Trend: „Personen mit höherem sozialökonomischen Status treiben mehr Sport, fahren häufiger in den Urlaub, sind häufiger ehrenamtlich engagiert, lesen mehr Bücher, sind gesünder, bleiben länger mit dem Auto mobil, sind risikofreudiger und technisch aufgeschlossener.“ Im Umkehrschluss könnte das auch bedeuten: Weil sie mehr Sport treiben, risikofreudiger sind und auch sonst aktiver in Erscheinung treten, sind sie gesünder. Es ist doch „alles in Butter“ könnte man nach dem Ergebnis dieser Umfrage bis hierher meinen. So einfach ist es, Menschen zu täuschen, wenn man das Negative weglässt.

Denn beunruhigend ist die Tatsache, dass immer mehr Menschen in die Altersarmut abrutschen. Die Studie lässt nichts weg, sie sagt auch aus: „47 Prozent der Älteren des untersten Einkommensviertels verbinden mit dem Alter Beschwerden und Mühen, nur 25 Prozent sehen neue Chancen. Schnelle Besserung ist nicht in Sicht“.

Der Autor möchte deshalb mit seiner eigenen Geschichte einen kleinen Beitrag zur Verbesserung dieser Situation beitragen. Augenscheinlich ist der Sport ein Mittel, freilich nur ein Mittel, aber sicher ein geeignetes, um fit bis ins hohe Alter zu bleiben.

2. Außergewöhnliches

Wasserspringen mit Behinderung

Zunächst zu einem extremen, vielleicht auch widersinnigen oder kuriosen Beispiel.

Würden Sie, geschätzte Leserin, geschätzter Leser, jemandem, der nach einer misslungenen Ohroperation Gleichgewichtsprobleme und Orientierungsstörungen hat, raten, die Sportart Wasserspringen zu betreiben?–Wohl nicht!

Denn es wäre außergewöhnlich, mit einer technisch anspruchsvollen Sportart zu beginnen, obwohl mehrere Handicaps der Ausübung dieser Sportart entscheidend entgegenstehen. Aber das ist noch nicht alles. Dieser „Jemand“ hat nicht nur Gleichgewichts- und Orientierungsprobleme. Er sieht relativ unsportlich aus, ist mit 65 kg bei einer Körpergröße von 1,74 m eher untergewichtig als zu schwer. Er hat einen leichten Rundrücken. Die Beine sind zudem recht dünn und scheinen für hohe Sprünge nicht besonders prädestiniert. Soviel zum Äußeren.

Doch die körperliche Einschränkungen und Unzulänglichkeiten, die bereits genannt wurden, sind noch nicht die ganze Wahrheit. Diese Person ist kein Jugendlicher oder jemand im leistungsfähigen mittleren Lebensabschnitt. Dieser „Jemand“ ist im Rentenalter und besitzt einen Schwerbehindertenausweis!

Folgende Funktionsbeeinträchtigungen wurden vom Amt für Versorgung und Soziales für die Festlegung des Grades der Behinderung u. a. festgestellt:

Anhaltende Verdauungsstörungen bei Zöliakie

Colitis und Pankreasinsuffizienz

Taubheit links und Störung des Gleichgewichtsorgans

Bewegungseinschränkung im linken Schultergelenk

Herzdurchblutungsstörungen mit Stentversorgung.

Fachärzte schätzten diese Person folgendermaßen ein: Der Facharzt für HNO riet dringend davon ab, den Kopf unter Wasser zu nehmen. Beim sportlichen Schwimmen oder gar beim Tauchen würde Wasser in das geschädigte offene Ohr eindringen. Dies könnte zu Infektionen führen.

Ein Internist meinte scherzend nach einer Untersuchung: „Da kann man nicht viel machen, das ist ja bei Ihnen wie Läuse und Flöhe zusammen!“

Eine Kardiologin stellte die Frage: „Sie sind zu 60% schwerbehindert und da wollen Sie Turmspringen machen?“ Im Belastungs-EKG nach üblichen Signifikanzkriterien war anschließend keine Ischämiereaktion nachweisbar. Ferner wurde eine sehr gute Belastbarkeit von 185 Watt bescheinigt. Die Leistung entspricht 142 % der Norm für das entsprechende Alter und Körpergewicht.

Der Sportarzt meinte schließlich, dass Wasserspringen ja keine Ausdauersportart sei, sondern eher kurzzeitige Belastungen hervorrufen würde. Der Teilnahme an einem Wettkampf im Wasserspringen dürfte eigentlich nichts entgegenstehen. Nach einer Leistung des Patienten von 125 Watt auf dem Fahrradergometer ohne Zeichen einer koronaren Insuffizienz bescheinigte er die Tauglichkeit für das Turmspringen.

Extrem oder kurios?– Oder ist das widersinnig?– Das sind ja schöne Aussichten!

Mutige Selbsttherapie

Näheres zur besseren Einordnung der bisherigen Fakten. Mit dem Eintritt in das Rentenalter geht dieser „Jemand“ regelmäßig einmal pro Woche schwimmen, sportliches Schwimmen (Brust-, Rücken- und Kraulschwimmen)!

Diese Sportart wurde bewusst gewählt, um vor allem die allgemeine Ausdauer und die Beweglichkeit zu verbessern. Die Forderung des HNO-Arztes, wegen des beschädigten linken Ohres den Kopf nicht unter Wasser zu nehmen, wurde zunächst ernst genommen. Selbst wenn man aber beim Schwimmen nicht die sportliche Variante wählt, sondern der Kopf ständig über der Wasseroberfläche ist und man darauf achtet, dass kein Wasser das Ohr berührt, ist es unvermeidbar, dass trotzdem Wasserspritzer ins Ohr gelangen. In vielen Selbstversuchen mit wahrscheinlich ungeeigneten Mitteln konnte aber der Gehöreingang nicht völlig verschlossen werden.

Ein Hörgerätehersteller fertigte dann professionell einen Abdruck des äußeren Gehörganges und einen „sicheren“ Ohrverschluss an. Es wurde betont, dass man damit schwimmen könne. Aber Tauchen (auch in geringster Tiefe) wäre damit nicht möglich. Nach einigen Wochen Nutzung erwies sich aber auch dieser Verschluss als nicht sonderlich hilfreich, da er sich immer häufiger lockerte und undicht wurde. Einmal ging er sogar verloren – ausgerechnet im Tiefwasserteil des Bades! Mitglieder der Wasserwacht, die anschließend trainierten, holten den Verschluss aus 4 m Tiefe wieder nach oben. Benutzt wurde er nicht wieder!

Beim Schwimmen war danach doch öfter Wasser in das Innere des Ohres gelangt. Es hatte aber keinen Schaden verursacht. Nach mehrfachem Schwimmen ohne Ohrverschluss stellte sich schließlich heraus, dass das ständige Aufsuchen des Hals-Nasen-Ohren-Arztes überflüssig geworden war. Es ergab sich ein positiver Nebeneffekt: Das Chlorwasser des Schwimmbeckens verursachte keine Infektion, sondern trug eher zur Desinfektion bei. Die offene Pauke – das Trommelfell des linken Ohres wurde ja durch eine misslungene OP zerstört – war zumindest für das sportliche Schwimmen kein Problem mehr.

Kontrolluntersuchungen beim HNO-Arzt in regelmäßigen, aber nun größeren Abständen, riefen bei ihm leichtes Erstaunen hervor. Mit dem Tauchen sollte man seiner Meinung nach allerdings vorsichtig sein. Der Druck auf das Innenohr erhöht sich stark, aber das ist ja auch der Fall bei einem intakten Trommelfell. Eine zusätzliche Verschlechterung der Orientierung unter Wasser sei nicht zu erwarten. Daraufhin begann dieser „Jemand“ neben dem Schwimmen im Alter von mehr als 60 Jahren auch noch mit der Sportart Wasserspringen – nicht im Verein – im öffentlichen Badebetrieb, um vor allem das Gleichgewichtsempfinden zu verbessern. So ging es zum 1-m-Brett. Ziel war es, durch das Abspringen von einem federnden Brett und durch Drehbewegungen, wie sie bei einem Salto erforderlich sind, das Gleichgewichtsverhalten des Körpers zu testen.

Die Drehbewegungen erwiesen sich jedoch als eine besondere Herausforderung. Einfache Drehungen misslangen. Von heute auf morgen war keine Verbesserung zu erwarten. Selbst nach mehreren Übungseinheiten zu jeweils 15 bis 30 Minuten war kaum an einen Erfolg zu glauben!

Um die Tragweite der Gleichgewichtsstörung zu begreifen, muss weiter Zurückliegendes beleuchtet werden: Bei der misslungenen Operation – ein Ärztehaftpflichtschaden vor etwa 30 Jahren – war der 8. Hirnnerv versehentlich durchtrennt worden. Das linke Ohr war damit für alle Zeit taub. Notwendig erschien die OP aus ärztlicher Sicht, weil häufige Entzündungen und ein kleines Loch im Trommelfell beseitigt werden sollten.

Noch etwa zwei Monate nach der Ohr-OP ergaben sich für den Schwerbehinderten Schwierigkeiten, mit dem Fahrrad geradeaus zu fahren. „Der ist wohl am frühen Morgen schon betrunken“, war einige Male zu hören. Diese Tatsache verdeutlicht wohl am besten den damaligen Zustand.

Das Innenohr war beschädigt. Das beeinträchtigte nicht nur das Hörvermögen. Da im Innenohr auch der Vestibularapparat für das Gleichgewichtsempfinden zuständig ist, ergaben sich, wie bereits beschrieben, Probleme bei einfachen Bewegungen. Gravierender wirkte sich aber noch die Reaktion der Augen auf schnelle Bewegungen des Körpers, insbesondere des Kopfes, aus. Die Augen bewegten sich träger, also langsamer. Schnelle Bewegungen stießen auf ein enormes Handicap: Bei Erschütterungen „verschwamm“ das Bild der Umwelt. Radfahren war in diesem Zustand schwerer als Autofahren.

Beim Wasserspringen sieht man mit solch einer Beeinträchtigung nach einer schnellen Drehung–wie diese z. B. für den Sprung 1½ Salto vorwärts notwendig ist – die Wasseroberfläche vor dem kopfwärts Eintauchen viel später oder gar nicht. Das Steuern des Eintauchens erscheint dadurch unmöglich.

Durch ein etwa zehnjähriges Training, oder weniger spektakulär ausgedrückt, ein mehr sporadisches zwei- bis dreimaliges Üben pro Monat in öffentlichen Bädern, konnten tatsächlich die Defizite im Gleichgewichtsverhalten nahezu kompensiert werden. Die Sicherheit im Alltag hat sich wesentlich verbessert. Das Sturzrisiko ist möglicherweise geringer als bei anderen Gleichaltrigen.

Das Handicap des mangelnden Sichtkontaktes z. B. zur Wasseroberfläche oder zum Sprungturm oder zu einem anderen Fixpunkt bei schnellen Saltos konnte aber auch durch häufiges Üben nicht völlig beseitigt werden. Beim Erlernen eines Sprunges ist aber gerade dieser Sichtkontakt eine große Hilfe für die Steuerung des Bewegungsablaufes.

Was ist unter „Steuerung“ zu verstehen?

Während die Flugbahn des Körperschwerpunktes – eine Parabelbahn – zwar durch den Absprung in Höhe und Weite gestaltet werden kann, ist diese aber nach dem Absprung vom Sportler nicht mehr beeinflussbar. Die Drehung während des Fluges kann aber noch gesteuert werden. So wird eine schnelle Drehung im gehockten Zustand durch Strecken des Körpers und Ausbreiten der Arme stark verringert (jeder kennt dieses Prinzip von der Gestaltung einer Pirouette beim Eiskunstläufer).

Beim Wasserspringen gibt es je nach Größe des beim Absprung erzeugten Drehmoments und der Fallhöhe einen bestimmten Zeitpunkt, der sich als optimal für die Körperstreckung zum gelungenen Eintauchen erweist. Der Springer sieht, wann er sich strecken muss. Die Wahrnehmung der eigenen Körperlage und der Sichtkontakt zum Wasser oder zu einem festen Punkt der Umgebung helfen beim Steuern des Sprunges.

Da bei der Person mit Gleichgewichts- und Orientierungsstörungen aber ein Sichtkontakt nicht helfen konnte, waren anfangs misslungene Sprünge an der Tagesordnung. Das Steuern eines Sprunges, um einigermaßen korrekt einzutauchen, erfolgte jedoch mehr und mehr über das Zeitgefühl und über die kinästhetische Wahrnehmung der Muskelspannung. Das heißt, man „merkt sich“ durch vielfache Übungssprünge den günstigsten Zeitpunkt für die erforderliche Körperstreckung. Man springt praktisch „blind“.

Unser Jemand hat damit in der Praxis gezeigt: Die Grobform der Bewegung ist nach ausreichender Festigung des Ablaufes durch vielfältige Wiederholungen auch ohne umfassende Orientierung erreichbar, womit folgendes möglich ist: Ein Beobachter wird kaum einen Unterschied in der Übungsausführung z. B. des Sprunges 1½ Salto vorwärts zwischen dem schwerbehinderten und dem nichtbehinderten Sportler feststellen.

Das trifft aber nur für relativ einfache Sprünge zu. Bei wesentlich schwierigeren Sprüngen im Leistungssport mit bis zu 4½ Drehungen im Kunstspringen vom Brett oder im Turmspringen aus 10 m Höhe oder gar mit fünf Drehungen im Extremsport High Diving oder Cliff Diving (Klippenspringen) aus einer Höhe von 27m ist eine umfassende Orientierung unerlässlich.

Da der Bewegungsablauf durch vielfache Wiederholungen – zunächst von Teilbewegungen und später der Gesamtbewegung – automatisiert wird, laufen die vielen Teilbewegungen in kürzester Zeit im Unterbewusstsein ab. Der Springer kann sich dann auf einen bestimmten Schwerpunkt der Bewegung konzentrieren.

Einfache Sprünge erfordern deshalb im Leistungssport nur noch einen geringen Aufwand an Orientierung und bewusster Steuerung. Solche Sprünge könnten – zumindest vom Turm – relativ sicher mit verbundenen Augen ausgeführt werden. Sprünge vom federnden Brett sind wesentlich komplizierter und erfordern schon eher den Sichtkontakt zur Umgebung.

Um einen Bewegungsablauf zu automatisieren, muss man aber nicht unbedingt Leistungssport betreiben. Das tägliche Leben besteht aus vielen automatisierten Abläufen. Es wäre nicht zu bewältigen, müsste man jede kleine Aktivität bewusst lenken.

Warum aber will jemand mit Gleichgewichts- und Orientierungsstörungen gerade die Sportart Wasserspringen betreiben?

Rational betrachtet liegt ihm natürlich die Verbesserung von Gleichgewicht und Orientierung am Herzen. Doch rationales Denken ist häufig keine ausreichende Motivation, um aktiv zu werden.

Es ist mehr die Herausforderung der Überwindung eines Risikos. Selbstbestätigung und Stärkung des Egos stehen sicher im Vordergrund. Das trägt zum allgemeinen Wohlbefinden bei. Mehr noch: Gerade das für kurze Zeit schwerelos „Durch-die-Luft-Fliegen“ und das mehr oder weniger gekonnte Steuern des Bewegungsablaufes schaffen sowohl für den Anfänger als auch für den Fortgeschrittenen ein erhabenes Gefühl, ein Glücksgefühl, es macht einfach Spaß. Das gilt erst recht für einen bereits „Betagten“ und noch mehr für jemanden mit einem Handicap. Nur wer so oder in einer anderen Form den freien Fall erlebt hat, kann solch ein Gefühl nachempfinden und vielleicht auch verstehen, weshalb Wasserspringen ein schönes Hobby sein kann.

Unser Jemand dieses Abschnitts mit einem Schwerbehinderten-Ausweis ist ja nur leicht „crazy“, ein Hobbysportler, der nicht nur vom 1-m- oder 3-m-Brett, sondern auch vom 10-m-Turm ungeachtet von Alter und Behinderung gewagte Sprünge absolviert.

Ziel: Doppelsalto

Zum Beginn des Jahres 2017, während dieses Buch seinen Anfang nimmt, plant diese Person sogar das Erlernen eines Doppelsaltos. Das Alter von 74 Jahren wird dabei nicht einmal das größte Hindernis sein. Als schwerwiegender könnte sich nun das Handicap, die mangelhafte Orientierung, herausstellen.

Wer körperlich noch überdurchschnittlich fit ist, gern Grenzen austestet und das Risiko liebt, stellt sich auch solch einer Aufgabe. Denn:

Es ist zunächst eine Herausforderung für jeden, einen Kopfsprung auszuführen.

Etwas gewagter erscheint bereits das Erlernen eines Saltos.

Den Sprung1 ½ Salto vorwärts im Rentenalter zu reaktivieren, verdient Beachtung.

Sich aber trotz Handicap an solch eine Aufgabe zu wagen, ist eine große Herausforderung.

Noch ungewöhnlich erscheint für einen Senior das Turmspringen.

Sich in diesem Alter noch ein höheres Ziel zu setzen, ist wohl unglaublich!

Mehrere Varianten eines Doppelsaltos stehen zur Auswahl:

Sprung 1:

Möglich erscheint der Doppelsalto vorwärts vom 1-m-Brett.